III) CON SPIRITO E DELIRIO - TONKUNST UND DROGENRAUSCH
IV) ALLEGRO CON MOTO SPORTIVO -
TONKUNST & LEIBESÜBUNGEN
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ZUM 200sten TODESTAG DES FREIHERRN VON KNIGGE
(DLF-"Wir erinnern" vom 6.Mai 1996)
(Manuskript "Knigge und die Musik" auf Wunsch per
E-Mail
ebenso "Knigge - Lebensklugheit, Revolution und Pfälzer Wein")
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(KNIGGE in NEUWIED s. hier)___
_
(von Dr.Lutz Neitzert)
Heinrich Heine nannte ihn einen "tiefen Kenner der Menschen und
der
Bestien!"
ADOLPH FREIHERR VON KNIGGE.
Weder war er der oberste Sittenwächter seiner Zeit, noch war
er ein pedantischer Ratgeber in Sachen Kleiderordnung, weder scherte er
sich darum, wie Messer und Gabel bei Tisch plaziert gehören, noch
darum, ob es nun der Etikette entspricht, wenn ein Herr einer Dame hinterhertritt,
weder war er es, der den anständigen Lippenabstand beim
stilvollendeten
Handkuß ausgemessen hat, noch sprach er überhaupt jemals von
so etwas wie dem guten Ton oder dem guten Benehmen.
Sein - posthum von Verlegern und Nachdruckern bis zur
Unkenntlichkeit
verfälschtes - Hauptwerk, die Schrift "Über den Umgang mit
Menschen",
verfolgte ganz andere Ziele. Dieses Buch sollte als Ratgeber den
kleinen
Mann in die Lage versetzen, wenn es not tat, auch einmal mit
Fürsten
und anderen Hochwohlgeborenen gekonnt, taktvoll und gefahrlos Schlitten
zu fahren.
1788, ein Jahr vor dem Ausbruch der französischen Revolution,
veröffentlichte Knigge jenen Text, der ihm zeitgenössischen
Ruhm
und zweifelhaften Nachruhm eintragen sollte. Die fürstliche Gesinnungspolizei
stieß darin auf Sätze wie die folgenden und machte fortan
dem
mißliebigen Autor das Leben schwer: "Wer nicht... schlechterdings
dazu verdammt ist, an Höfen... zu leben, der bleibe fern von
diesem
Schauplatz des glänzenden Elends... Mußt oder willst Du aber
in der großen Welt leben,... sei höflich und geschliffen im
Äußern... Nimm eine Art von Würde... und von Hoheit an
gegen den Hofschranzen, damit nie der Gedanke in ihm aufkeimen
könne,
Dich zu foppen oder zu mißbrauchen. Diese Sklavenseelen zittern
vor
dem Übergewichte des verständigen, konsequenten Mannes...
Sage
diesen Leuten zuweilen einmal, doch ohne Hitze und Grobheit, die
Wahrheit.
Schlage ihre flachen, schiefen Urteile kaltblütig mit Gründen
nieder, wo es nach den Umständen der Klugheit erlaubt. Stopfe
ihnen
das Maul, wenn sie den Redlichen lästern... Stimme ihnen nicht
bei,
wenn sie je vergessen wollen, daß sie, was sie sind und was sie
haben,
nur durch die Übereinkunft des Volkes sind und haben (und)
daß
man ihnen diese Vorrechte wieder nehmen kann, wenn sie Mißbrauch
davon machen!" (siehe auch unten)
Das gab Ärger!
Die Zeitungen schrieben: "Alle deutschen Demokratennester sind der
Widerhall Kniggischer Grundsätze, und Knigge ist der Widerhall der
ganzen deutschen Aufklärungspropaganda!"
Eine Benimmfibel war es nun wirklich nicht, was die
Obrigkeit
so in Rage und den Autor zeitweise in den Kerker brachte.
Am 16.Oktober 1752 in Bredenbek bei Hannover geboren, reihte dieser
Ratgeber in Fragen der Lebensführung in seiner eigenen Biographie
eine private Katastrophe an die andere und einen beruflichen
Mißerfolg
an den nächsten. Alles, was er anfaßte, begann mit einem
vielversprechenden
Höhenflug und endete regelmäßig in der Tinte.
Freimaurer (einer der Gründer der "Illuminaten")
ist er gewesen, Romanschriftsteller, Komponist, Alchimist, Hofbeamter
und
Verfasser politischer Flugblätter.
Seine Eltern hinterließen ihm eine gediegene aristokratische
Ausbildung und einen imposanten Schuldenberg. Dafür, daß
seine
Lebensumstände zumeist erbarmungswürdig und bitter gewesen
sind,
ist es erstaunlich, welch feine Ironie und augenzwinkernder Witz sich
in
seinen Texten findet. Inspiriert von Spöttern wie Lichtenberg, mit
dem er Tür an Tür wohnte während seiner Studienjahre in
Göttingen, und geschult an den Autoren der französischen und
englischen Aufklärung, an Voltaire oder Sterne, führte er
seine
spitze Feder in den Kampf gegen Absolutismus und Gottesgnadentum.
Rousseau's "Bekenntnisse" übersetzte er ins Deutsche, ebenso
Mozart-DaPonte's "Figaro" (nach dem Skandalstück von
Beaumarchais),
er leitete eine Theatertruppe, schrieb Klaviersonaten und ein Konzert
für
Solo-Fagott.
Er schrieb, schrieb und schrieb!
Wie bei allem, so tat er auch in seiner Schriftstellerei oftmals
des Guten zuviel. Seine Romanproduktion nahm bald schon
unübersehbare
Ausmaße an - nicht alles, was er veröffentlichte hatte
literarischen
Wert.
Das allerdings wußte er selbst: "(Ich halte) die
Schriftstellerei
in unsern Zeiten für nichts mehr als für schriftliche
Unterredung
mit der Lesewelt... und (man darf) es dann im freundschaftlichen
Gespräche
so genau nicht nehmen, wenn auch einmal ein unnützes Wort mit
unterliefe.
Man soll es also dem Schriftsteller nicht übel ausdeuten, wenn er,
verführt von ein wenig Geschwätzigkeit... etwas drucken
läßt,
das nicht gerade die Quintessenz von Weisheit, Witz, Scharfsinn und
Gelehrsamkeit
enthält!"
Für sein Hauptwerk jedoch, da gilt uneingeschränkt das,
was der Kulturphilosoph Egon Friedell vermerkte:
"Man...wird...wohl sagen dürfen, daß dieses
berühmteste
Buch der deutschen Aufklärung vollauf verdient, noch heute von
jedermann
zitiert zu werden und durchaus nicht verdient, von nahezu niemandem
mehr
gelesen zu werden!"
Am 6.Mai 1796 - heute vor 200 Jahren - starb Adolph Freiherr von
Knigge (der "freie Herr Knigge", wie er sich selbst zu titulieren
pflegte)
in Bremen.
In seinem letzten Buch hatte er noch einmal das Resümee seines
Lebens gezogen - sein Titel: "Über Undank und Eigennutz"!
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ÜBER
DIE UNHÖFLICHKEIT DER KOMPONISTEN AM VORABEND DER
BÜRGERLICHEN
REVOLUTION -
DAS MENUETT BEI HAYDN
UND MOZART (SR-2
am 28.11.92)
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(von Dr.Lutz Neitzert)
1) J.B.Lully: "Menuet pour les Faunes et Dryades"
"Das Menuett scheinet von den Grazien selbst erfunden zu sein und
schickt sich mehr als jeder andere Tanz für Gesellschaften von
Personen,
die sich durch feine Lebensart auszeichnen... Der Ausdruck muß
edel
sein und reizenden Anstand, aber mit Einfalt verbunden, empfinden
lassen...
Seltsam ist es, daß (wie ich glaube) niemand weiß, in
welchem
Lande dieser feine Tanz zuerst aufgekommen ist. Französischen
Ursprungs,
wie viele glauben, scheinet er nicht zu sein. Wenigstens ist er
für
die Lebhaftigkeit der französischen Nation zu gesetzt!"
Diese Definition gibt Johann Georg Sulzer in seiner "Allgemeinen
Theorie der schönen Künste" 1771. Und was seine Zweifel an
der
französischen Herkunft dieses Tanzes anbetrifft, so wäre
vielleicht
die folgende Erklärung eines anderen Zeitzeugen geeignet gewesen,
diese zu zerstreuen. Einer Anekdote Saint-Simon's zufolge pflegte
Ludwig
XIV allabendlich vor dem Zubettgehen noch Menuett zu tanzen, und im
Alter
- zunehmend geplagt von Gicht und überzähligen Pfunden - habe
er dann kurzerhand verfügt: das angemessene Tempo für ein
Menuett
nach Hofart sei fortan der gemessen Schritt!
Wie dem auch sei, unbestritten ist jedenfalls, daß dieser
ursprüngliche Bauerntanz aus Poitiers in Versailles zunehmend
langsamer,
schwungloser und manierierter wurde. Und unbestritten ist, daß es
der "Sonnenkönig" war, der das Menuett zu der
höfischen
Tanzform schlechthin erhob und zum Synonym werden ließ für
die
Gespreiztheit
und übertriebene Künstlichkeit der Hofgesellschaft und
Hofkultur.
Es wird berichtet, daß im Jahr 1653 Ludwig selbst erstmals
während eines Festes Menuett getanzt habe, und zwar in einer
Komposition
seines Hofcompositeurs Jean-Baptiste Lully. Mit Musiken wie dem
eingangs
gehörten "Menuett der Faune und Dryaden" aus der Ballettmusik "Les
amants magnifiques" wurde Lully's Versailler Stil im
ausgehenden
17.Jahrhundert Vorbild und Ideal für die europäischen
Hoftänze
des Absolutismus.
Der Kulturwissenschaftler Richard Alewyn schreibt dazu in seinem
Buch "Das große Welttheater":
"Im 16.Jahrhundert waren die Tanzmeister Europas die Italiener
gewesen,
seit Ludwig XIV wurden es die Franzosen... Der Gesellschaftstanz des
Barock
ist keine Belustigung. Es ist eine feierlich exekutierte Zeremonie, der
ein auf Bewunderung gestimmtes Publikum assistiert... Das sind keine
Tänze,
um weltvergessen und im Trubel verloren dahinzuwirbeln... Sprechen,
Lachen,
die Partnerin anders als an den Spitzen der Finger zu berühren,
ist
verpönt. Jeder Schritt, jede Bewegung ist abgemessen. Man zieht
den
Hut, man verneigt sich, man setzt vorsichtig die Füße,
schreitet
auf die Partnerin zu, entfernt sich, gleitet an ihr vorbei und tauscht
den Platz, man wiederholt die Zeremonie mit Variationen... Kein Wunder,
daß die vollendete Ausführung... dieses Kunstwerkes
jahrelange
Übung erfordert... Niemals ist das Tanzen so schwierig, sein
Studium
so wichtig gewesen. Eine jahrelange Ausbildung im Tanzen ebenso wie im
Reiten und Fechten gehörten zur Erziehung des Edelmannes...
Zwischen
Kunsttanz und Gesellschaftstanz bestand kein Unterschied. Der
Berufstänzer
tanzte keine anderen Figuren und Formen als der begabte Dilettant; auf
der Bühne sah man keine anderen Tänze als im Saal. Auch der
Gesellschaftstanz
ist Schautanz, mehr auf die Unterhaltung der Zuschauer berechnet als
auf
die der Tänzer...
Auch dieser Tanz ist wie jeder Tanz erotische Pantomime: Huldigung
und Dank, Werbung und Weigerung, Trotz und Gewährung, aber nicht
als
vitale Entladung, sondern zum geometrischen Ornament erstarrt!"
Tanzmusik als Ausdruck vollendeter Höflichkeit!
Oder, wie Christian Friedrich Daniel Schubart meint, als "...ein
zierliches, in Kunst gekleidetes Compliment!"
"Menuet" - "Menu pas" - "zierlicher, kleiner Schritt".
Die höfische Etikette war das verbindliche Reglement
der edlen Lebensart. Und in diesen bis ins letzte detaillierten
Anweisungen gab es eine Vielzahl absichtsvoll eingebauter
Schwierigkeiten;
quasi als Bewährungsproben für das savoir-vivre. Komplikationen
- in Wort und Tat - an deren stilvollendeter Bewältigung sich die
vornehme
Leichtigkeit (die nobile sprezzatura) des Hofmenschen
augenfällig
beweisen mußte. Auch dieser Zug höfischen Lebens
manifestierte
sich im Menuett. Rhythmische Stockungen und kleine Verstörungen
bringen den Tänzer hier ständig in prekäre Situationen,
"(bei denen) die Schwere und das Gewicht der Glieder dermaßen in
aequilibrio müssen gestellet und geführet werden, damit sie
in
denen Actionibus nicht hinderlich fallen!"
So formulierte es 1717 im schlichten Gelehrtendeutsch der Danziger
Ballettlehrer Gottfried Taubert in seinem Buch vom "Rechtschaffenen
Tanzmeister".
Eingefaßt in Zeremonien und Inszenierungen lebte der Adel
ein Leben nach vorgegebenen, vorgestanzten Umgangsformen und
Verhaltensmaßregeln.
Alles war dabei mit allem zu einer großen Choreographie verwoben.
2) "Ballszene" aus Mozart's "Don Giovanni"
Und diesem strengen Kodex gemäß setzte nun auch Mozart
im Jahr 1787 ein Menuett comme il faut im Finale des ersten
Aktes
aus dem "Don Giovanni". Fast schon zu konventionell und gar-zu-typisch,
und dies mit Bedacht.
Die berühmte "Ballszene" ist viel mehr als nur das stilisierte
Abbild einer höfischen Tanzveranstaltung, in ihr spiegeln sich auf
pointierte Weise die sozialen Spannungen im Innern der feudalen
Gesellschaft
am Vorabend der bürgerlichen Revolution:
Das Aristokratenpaar, Don Octavio und Donna Anna, beginnt ein
Menuett
zu tanzen, begleitet vom großen Orchester.
Nachfolgend dann ergreift Don Giovanni - selbstredend
leidenschaftlich
- Zerline, das Mädchen vom Lande, und legt mit ihr einen
beschwingten
Kontertanz
auf's Parkett, begleitet von einem kleineren Orchester.
Die Country dances aus England wurden im späten
18.Jahrhundert
zum bürgerlichen Modetanz.
Nikolaus Harnoncourt schreibt: "Sie waren einfach, wurden von
jedermann
gerne in den Gasthäusern getanzt und eroberten als Basis für
Gruppentänze, wie Quadrillen und andere, schnell den
Kontinent.
Sie bildeten sich zu einer Art lyrischem Gegenmenuett des
kleinen
Mannes... Rousseau sagt, sie würden jetzt auf den Bällen
statt
des Menuetts getanzt, weil sie lustiger und einfacher und weil sie
Gemeinschaftstänze
seien, bei denen alle mitmachen könnten. Mozart schreibt am
15.Jänner
1787 aus Prag von einem Ball: '...ich sah aber mit ganzem
Vergnügen
zu, wie alle diese Leute auf die Musik meines Figaro, in lauter
Contretänze
und Teutsche verwandelt, so innig vergnügt
herumsprangen...'!"
Und zu einem Teutschen bzw. einem Walzer herumspringen, das
tun in unserer Opernszene zu guter letzt Leporello und der
Bauernbursche
Masetto. Am Ende des Balles musizieren schließlich drei Kapellen
zugleich.
Diese so grundverschiedenen Tänze - Walzer und Menuett im
Dreier-,
Konter im Zweiertakt - verbindet Mozart hier in einer Partitur auf
geniale
Weise zu einem ästhetischen Ganzen und, wie gesagt, zu einer
sozialen
Studie en miniature.
Der höfische Habitus wurde immer mehr zu einer Karikatur seiner
selbst und das Hofleben, wie der Sozialwissenschaftler Norbert Elias
meinte,
zu einem "gespenstischen Perpetuum mobile, das niemand mehr
steuerte".
Und gerade eindrucksvolle künstlerische Darstellungen wie die eben
gehörte, machten dies den Zeitgenossen sinnfälliger als so
manches
politische Traktat. Die politische Macht der Fürsten war zu Zeiten
Haydn's und Mozart's noch ungebrochen, doch auf anderen
gesellschaftlichen
Feldern waren die Kräfteverhältnisse längst zugunsten
des
Dritten
Standes aus der Balance geraten. In der Ökonomie war es die
Wirtschaftsmacht
des reichen Bürgertums, welche die in unbezahlbarem - und deshalb
zumeist unbezahltem - Luxus schwelgenden Höfe in ruinöse
Finanznöte
trieb. In den Wissenschaften gaben lange schon bürgerliche Kreise
die Forschungsziele vor; aber eben auch in Kunst und Kultur wurde der
Hoheitsanspruch
der vorgeblich Gottbegnadeten immer
unmißverständlicher
in Frage gestellt. Im Klima dieser sozialen Umwälzungen begannen
die
Künstler, ideologisch unterstützt von den Philosophen der
Aufklärung,
ihrer Kunst neue Formen und Inhalte vorzugeben.
"Wir brauchen (auch in der Musik) Ausrufungen, Interjektionen,
Suspensionen,
Unterbrechungen, Bejahungen,Verneinungen, wir rufen, wir flehen, wir
schreien,
wir seufzen, wir weinen, wir lachen von Herzen... Wir müssen es
kräftiger
haben, weniger manieriert, wahrer!"
Dies läßt Denis Diderot den Titelhelden seines Romans
"Rameau's Neffe" fordern.
In einer kraftvoll selbstbewußten, empfindsamen und
originellen
Kunst sollte das distanziert prunkvolle, pathetische und
unpersönlich-festliche
höfische Tonkunsthandwerk überwunden werden. In
diesem
Sinne beschwor man vor allem die Natürlichkeit als
sozialästhetischen
Kampfbegriff gegen die Kulturideale des Absolutismus. Im Göttinger
Hain und in den englischen Gärten dichteten
Klopstock-Jünger
ihre Oden an die Natur, die Philosophen diskutierten über Naturrecht
und Naturreligion, und die Komponisten der Epoche suchten -
inspiriert
durch Wortführer wie Rousseau oder Herder - nach
Möglichkeiten,
Elemente urwüchsiger Volksmusiken in die Kunstmusik
einfließen
zu lassen. Reizvoll fand man vor allem die Ungezwungenheit und den
Schwung
der folkloristischen Tänze: der Dreher, der Weller,
Spinner,
Steirer oder Teutschen. Im Gegenzug gerieten die
Hoftänze
des Ancien Regime immer mehr außer Mode: die Sarabanden,
Gavotten, Bourrees oder Gigues - und dann mußte die
Aristokratie
auch noch entsetzt miterleben, wie sich die ebenso distinguierten wie
stimmungstötenden
Allemanden
in den Wiener Wirtshaussälen in lustvolle Ländler und Walzer
verwandelten..
Als erstes sinnfälliges Zeugnis dieser neuen Vorlieben fand
man immer öfter die Tanzsätze in Sonaten oder Sinfonien infiziert
mit Anklängen an Volksweisen und volkstümliche Rhythmen.
So etwa auch im Menuett aus Mozart's "g-moll Sinfonie KV 550" aus
dem Jahr 1788. Dieser Satz bezieht seine Spannung vor allem daraus,
daß
Mozart hier als Trio-Mittelteil im Kontrast zum einleitenden und
abschließenden
"Menuetto allegretto" (nach Hofart) ein Stück
einfügt,
das in seinem Charakter wohl nicht zufällig Anklänge an einen
Ländler
aufweist. Übrigens war es eine oft geübte Praxis, gerade in
den
Trio-Teilen Neues und Ungewohntes zu präsentieren, nachdem man im
sogenannten A-Teil quasi pflichtgemäß die Wünsche der Ewiggestrigen
bedient hatte.
3) "Menuett" aus Mozart's "g-moll Sinfonie"
"Das gezierte, feierliche und gespreizte Wesen der höfischen
Tänze entsprach der Zeit nicht mehr... Niemandem war es mehr darum
zu tun, zuzusehen, wie andere tanzten, jeder wollte selbst an die Reihe
kommen, und es war nur eine selbstverständliche Folge dieses
Wunsches,
daß die Tänze sich den Tänzern anpaßten. Wenn
viele
Leute auf einmal tanzen wollen, (ohne sich dabei einer verordneten
Choreographie
zu unterwerfen), müssen die Tanzschritte viel einfacher sein, als
wenn ein ausgesuchtes Paar sich in komplizierten Bewegungen ergehen
darf;
so kam es zu einer Vereinfachung der Tänze... Um schwierige
Tänze
zu lernen, hatte man keine Zeit mehr oder wollte sie sich nicht nehmen!"
Soweit der Musikwissenschaftler Max von Boehn.
Mozart selbst war, wie wir wissen, nicht nur ein exzellenter
Billardspieler,
sondern auch ein hervorragender Tänzer, der vor allem das Menuett
meisterhaft beherrschte, aber eben auch die neuen Modetänze
begeistert
begrüßte und den frischen Wind, den diese in die
Ballsäle
brachten. In all seinen Kompositionen spürt man das Bestreben,
diesen
unverbrauchten Schwung und diese spielerische Leichtigkeit wirksam
werden
zu lassen.
Das Menuett fand als einzige barocke Tanzform Eingang in die
Musik
der Klassik. Sahen doch gerade Mozart und Haydn darin ein ideales
Sujet,
das es erlaubte, augenzwinkernd nach Herzenslust zu parodieren, zu
deformieren
und den alten Zopf genüßlich gegen den Strich zu
bürsten.
Eben dies tut auch Joseph Haydn 1772 in seinem "Streichquartett
Opus 20 Nr.4 D-Dur" mit einem "Menuetto...alla zingarese", einem
Menuett
nach Zigeunerart (so wie man sich diese eben vorzustellen
pflegte)
- und das war in diesem Falle wirklich nicht die feine Art.
Recht
derb und musikantisch handfest geht es hier zur Sache. Sulzer's
"Grazien" jedenfalls haben dabei schwerlich die Hand im Spiel (oder
aber
sie hatten einen ganz schlechten Tag erwischt).
4) "Menuett" aus Haydn's "Quartett op.20/4"
"Man würde ungerecht handeln, wenn man
behaupten
wollte, alle Fürsten... hätten dieselben Fehler miteinander
gemein,
durch welche viele von ihnen ungesellig, kalt, unfähig zum echten
Freundschaftsbande und schwer zu behandeln im Umgange werden; allein
man
versündigt sich wahrlich nicht, wenn man sagt, daß dies bei
den mehrsten von ihnen der Fall ist. Sie werden... von Jugend auf durch
Schmeichelei verderbt, durch andere und sich selbst verzärtelt. Da
ihre Lage sie über Mangel und Bedürfnis mancher Art
hinaussetzt;
da sie selten in Verlegenheit und Not geraten, so lernen sie nicht, wie
nötig ein Mensch dem andern, wie schwer allein zu tragen manches
Ungemach
in der Welt, wie süß, teilnehmende, mitleidende Seelen zu
finden,
und wie wichtig es ist, andrer zu schonen... Sie sehen sich als Wesen
besserer
Art an, von der Natur begünstigt, zu herrschen und zu regieren,
die
niedern Klassen hingegen bestimmt, ihrem Egoismus, ihrer Eitelkeit zu
huldigen,
ihre Launen zu ertragen und ihrer Phantasie zu schmeicheln... (Doch) in
diesen Zeiten der Aufklärung (wird) bald kein Mensch mehr daran
glauben,
daß ein einziger, vielleicht der Schwächste der ganzen
Nation
ein angeerbtes Recht haben könnte, hunderttausend weisern und
bessern
Menschen das Fell über die Ohren zu ziehn... Auf die
Voraussetzung,
daß die mehrsten (der Fürsten) diesem Bilde gleichen,
muß
man sein Betragen im Umgange mit ihnen gründen... Der Umgang
muß
(aber) sehr verschieden sein, je nachdem man ihrer bedarf oder nicht,
von
ihnen abhängig oder frei ist!"
Auch die Komponisten taten gut daran, diese weisen Ratschläge
des Freiherrn von KNIGGE zu beherzigen. Man mußte stets eine
gewisse
Vorsicht walten lassen, um nicht durch allzu unbotmäßige
musikalische
Extravaganzen den fürstliche Brotherren zu vergraulen. So
lieferte
man denn gemäß Dienstvertrag tanzmusikalische Konfektionswaren
für die diversen höfischen Feste und Lustbarkeiten. Auf der
anderen
Seite aber suchten die Musiker ein Publikum für ihre Werke,
welches
neue Ideen und Kunst mit Anspruch zu schätzen wußte.
So entstand schließlich ein neues Forum für die Tonkunst
jenseits der Mauern des Hofes. Große Verlagshäuser
etablierten
sich und veröffentlichten Noten und musiktheoretische Schriften,
ein
öffentlicher Konzertbetrieb begann sich zu organisieren, und in
den
bürgerlichen Salons pflegte man ambitioniert die Hausmusik.
Immer mehr richtete sich im späten 18.Jahrhundert die neue Musik
an
den Kreis städtischer Musikkenner und -liebhaber.
Zum
einen waren die betuchten Bürger im Gegensatz zu den meist
hoffnungslos
verschuldeten Residenzen in der Lage, auch einem Musikus ein
angemessenes
Salär zu zahlen, vor allem aber honorierte man hier eine kreative
Leistung mit Ruhm und Popularität, eine
Wertschätzung,
welche die Adelskultur ihren Generalbaßknechten
ausdrücklich
verweigerte.
Die Musikgattung, in der sich der neue Geist und die neue
Musikauffassung
am ungehemmtesten entfalten konnte, war das erste genuin
bürgerliche
Musikgenre überhaupt, das Streichquartett. Vor allem in
Kompositionen
pour
deux violons, alto et violoncelle finden sich dann auch
bezeichnenderweise
die skrupellosesten Exempel für den un-höflichen
Umgang
mit dem Menuett.
So zum Beispiel im nun folgenden zweiten Satz aus dem 1782
entstandenen
Quartett KV 387 von Wolfgang Amadeus Mozart. Hier tut er konsequent all
das, was ein redlicher Menuett-Komponist tunlichst unterlassen sollte.
Er karikiert die angestrengte Ernsthaftigkeit und gespreizte Steifheit
des Barock, indem er gerade jene typischen Akzente und Formeln
vorenthält,
an denen die Tänzer in ihren gedrechselten Bewegungen und
Schrittfolgen
Halt und Orientierung suchen. Stattdessen läßt er alles in
quälendem,
chromatisch zerdehntem Legato zerfließen. Ein Menuett wie mit
Kaugummi unter den Füßen. Man stelle sich beim
Hören
wirklich einmal eine Ballszene vor, zu diesen Klängen.
5) "Menuett" aus Mozart's "Quartett KV 387"
Für eine solche Tanzmusik hätte sich sein
Salzburger
Bischof Colloredo wahrlich bedankt - und vielleicht hätte er
daraufhin
den Grafen Arco ersucht, den Compositeur, Freimaurer und Flegel Mozart,
wie ja bekanntermaßen schon einmal bei anderer Gelegenheit,
kräftig
in den Allerwertesten zu treten.
Über so etwas konnte man sich im höfischen
Ballsaal
nun wirklich nicht amüsieren. Als Höfling war man gewohnt,
Musik
als ein untergeordnetes Dekor der Feste und Gesellschaften zu
betrachten.
Auf den Umgang mit anspruchsvoller Tonkunst war man hier nicht
vorbereitet.
Eine Musik, aus der mit jedem Ton der Eigensinn eines
selbstbewußten
Künstlergenies
hervortönt, so etwas hatte es in der alten Hofmusik nicht gegeben.
Für Klänge, die, über ihre unterhaltende und
untermalende
Funktion bei Tanz und Fest hinaus, etwas be-deuten sollten,
dafür
fehlte jegliches Verständnis. Ein dem gemäßes Publikum
fand sich dagegen im bürgerlichen Kulturbetrieb, wo man im
Konzertsaal
oder Salon zusammenkam einzig zum Zweck, konzentriert und neugierig
Musik
zu hören - und nichts außerdem.
Das klassische Menuett ist nicht mehr Tanzmusik, sondern
Konzertmusik.
Barock-Kompositionen präsentieren dem Hörer eine
prunkvolle
Klangfassade,
wenn man so will, ein musikalisches Wandgemälde,
zweidimensional
und gewissermaßen ohne doppelten Boden. Demgegenüber
eröffneten sich in der Musik der Klassik und Romantik vordem
ungekannte
Tiefendimensionen,
die zum einen dem Komponisten völlig neue Themen und
Ausdrucksmöglichkeiten
boten, andererseits im Gegenzug vom Hörer eine gesteigerte
Aufmerksamkeit
verlangten. Diese Musik erschloß sich nur noch dem, der in
sie
hinein-hörte.
Vielleicht läßt sich dies illustrieren an einem
musikalischen
Sujet, welches damals immer mehr in den Mittelpunkt des
künstlerischen
Interesses rückte, dem musikalischen Witz!
Dazu schreibt der Musikwissenschaftler Charles Rosen: "Wenn man
in der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts zunehmend Geschmack am
musikalisch
Komischen fand, so war das... darauf zurückzuführen,
daß
die Stilentwicklung endlich wahrhaft autonome musikalische Komik
ermöglichte...
(Musikalischer) Humor wird ohne Unterstützung von außen
möglich.
Musik der Klassik kann wahrhaft witzig, nicht nur lustig oder gut
gelaunt
sein. Echte musikalische Späße lassen sich schreiben. Es
gibt
zwar in früherer Musik Witz, aber er fußt auf
nicht-musikalischen
Anspielungen!"
So gab es zwar schon immer lustige Effekte, wie etwa das
klangmalerische
Nachahmen von Froschgequake, Eselsschreien und dergleichen mehr, oder
es
gab in der Oper die musikalische Charakterisierung bestimmter komischer
Typen. Der Witz bei Haydn, Mozart und ihren Zeitgenossen jedoch
ist ungleich subtiler, geistreicher und eben auch subversiver.
Es
ist, denke ich, kaum übertrieben, wenn man sagt, daß gerade
Scherz,
Satire, Ironie in ihrer tieferen Bedeutung wichtige Ausdrucksmittel
gewesen sind im Kampf um eine aufgeklärte Kultur und Gesellschaft.
Nicht nur politische Pamphlete und Karikaturen, auch der musikalische
Humor
hat viel beigetragen - frei nach Kant - zum Ausgang des Komponisten
aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Im geistvollen
Spiel
mit Andeutungen, Persiflage und bewußten Normverstößen
zeigte sich ein gewachsenes Selbstbewußtsein der Musiker.
Betrachtet man den Charakter der humoristischen Einfälle
Haydn's
und Mozart's, so erinnert daran wohl nicht zufällig vieles an den
Duktus von Gesprächen in den bürgerlichen Salons der Epoche.
Über diese zeittypische Art geselliger Unterhaltung schrieb
Emanuele
Tesauro in seiner Schrift "Von der bürgerlichen Konversation":
"Der Scherz ist ein Ausruhen der Seele, aber kein müßiges
Ausruhen und kein gedankenloses... (Scherzworte) stammen nämlich
aus
der Wahrheit der Dinge... (und) aus der Fruchtbarkeit des Geistes, der,
je mehr er sie als sein eigen erkennt, desto erfreuter ist... So sind
also
die Scherzreden heilsam für die Entfaltung des Individuums, aber
noch
heilsamer für die Konversation mit anderen... Die Tugend der
Heiterkeit
hat also kein anderes Gesetz als die Tugend derer, die sie besitzen!"
In den Salons pflegte man, immer sich der Allgegenwart der
fürstlichen
Gesinnungspolizei
bewußt, die hohe Kunst der verschlüsselten Anspielung und
spitzfindigen
Doppeldeutigkeit.
Nicht
anders Haydn in seiner Musik!
Noch 1739 hieß es bei Johann Mattheson: "(Das Menuett hat)
keinen anderen Affekt als eine mäßige Lustigkeit!"
Nun, Haydn war, wie wir jetzt hören werden, dann doch eher
schon unmäßig im Hinblick auf den lustigen Affekt
bzw. Effekt in seinen Menuetten. Er war der unbestrittene Großmeister
des musikalischen Humors - wie auch das folgende "Menuetto
allegretto"
aus dem im weltverändernden Jahr 1789 entstandenen
"Lerchenquartett
op.64 Nr.5" eindrucksvoll zu Gehör bringen wird. Dieser Satz
sprüht
förmlich vor Witz. Es wimmelt darin geradezu von augenzwinkernden
Holprigkeiten, ein versuchtes Fugato im alten Stil
gerät
schon nach wenigen Takten hoffnungslos aus dem Ruder, und überall
untergräbt Haydn durch kleine aber empfindliche Störungen die
barocke Contenance.
6) "Menuett" aus Haydn's "Quartett op.64/5"
Eingang in die klassische Sonate und Sinfonie fand der Menuett-Satz nicht zuletzt wohl auch deshalb, weil die Komponisten damit zumindest pro forma den traditionellen Vorlieben des adligen Publikums Rechnung tragen konnten. Die Entwicklung zeigte dann, wie in dieser Sendung erörtert, daß dabei das höfische Kompositionsideal jedoch mehr und mehr deformiert wurde, ehe schließlich mit der endgültigen Emanzipation der bürgerlichen Kunst - eingeführt bereits vom späten Haydn - das Scherzo (konsequenterweise) an die Stelle des Menuett-Satzes getreten ist. Man suchte so auch noch die letzten Anklänge an die überlebte Hofmusik zu verbannen und schuf eine freiere, selbstverantwortlicher zu gestaltende Form. Das Spiel trat quasi an die Stelle des Tanzes. Das eben gehörte Stück markierte in Form und Inhalt diesen Übergang vom Menuett zum Scherzo.
Wie gesagt, erlaubten sich die Komponisten der damaligen Zeit
ihre
gröbsten und taktlosesten Unhöflichkeiten in
kammermusikalischen
Werken, die ausdrücklich für den exklusiven Zirkel
bürgerlicher
Kenner
geschrieben wurden, für den privaten Salon. Dagegen waren
die
ironischen Spitzen und Neutönereien in der großen
sinfonischen
- öffentlichen - Musik weit dezenter.
So auch in Haydn's " Sinfonie Nr.101" aus dem Jahr 1794.
Ähnlich
wie in Mozart's "g-moll Sinfonie" wird hier das Menuett in
alpenländisches
Kolorit eingefärbt und ihm so blutvolleres Leben
eingehaucht.
Die blutleere Decadence des Menuet a la Roi Soleil inspirierte ja wohl nicht zufällig Roman Polanski zu seinem "Tanz der Vampire"!?
(hier im Hintergrund einige Takte aus der Filmmusik)
Zudem gibt es auch hier wieder eine Reihe Haydn'scher Scherze: festgefahrene Sequenzen, witzige Dialoge der Instrumente und dergleichen mehr. Die Grenzen des Schicklichen aber werden hierbei nicht überschritten.
7) "Menuett" aus Haydn's "Sinfonie Nr.101"
Kurz gesagt - die Menuette Haydn's und Mozart's zogen die
Aufmerksamkeit
unbotmäßig
auf sich. Schon damit allein verstießen sie gegen das eherne
Gesetz
der Hofkunst: Die Höflinge sollten nicht die Musik als solche
ernst nehmen, sondern lediglich die von ihr untermalte fürstliche
Inszenierung. Es gab dort keine autonome Kunst, sondern
lediglich
ästhetisches Dekor. So wurde das Menuett als der Inbegriff
höfischer Lebensart in der Musik der Wiener Klassik zum
Nebenschauplatz
der gesellschaftlichen Umwälzungen am Vorabend der
bürgerlichen
Revolution. Und sinnfällig manifestierten sich in den
Menuett-Kompositionen
des ausgehenden 18.Jahrhunderts die Ideale einer neuen Zeit: das Tempo
beschleunigte sich, die Musik erhielt neuen Schwung und bis dahin
ungekannte
Spritzigkeit,
Tiefsinn, Eigensinn und Sinn für Humor.
Beenden wir die Sendung mit einem Stück Mozart's für zwei
Violinen, Bratsche, Kontrabaß und zwei Hörnern aus dem Jahr
1787, mit dem "Menuetto" aus "Ein musikalischer Spaß KV 522".
Wie gut unterrichtete zeitgenössische Kreise berichteten,
handelte
es sich hierbei um eine Persiflage auf jenes musikalisch schmerzhafte
Orchester des Grafen Czernin, dessen Darbietungen beizuwohnen Mozart in
Salzburg das zweifelhafte Vergnügen hatte.
Doch zuvor noch einige Zeilen aus der Korrespondenz eines anderen,
nicht weniger empfindsamen Zeitgenossen:
"Wir schlangen uns in Menuetts um einander herum; ich forderte
ein
Frauenzimmer nach dem andern auf,
und just die unleidlichsten konnten nicht dazu kommen, einem die
Hand zu reichen und ein Ende zu machen. Lotte und ihr Tänzer
fingen
einen Englischen an, und wie wohl mir's war, als sie auch in der Reihe
die Figur mit uns anfing, magst du fühlen. Tanzen muß
man sie sehen! Siehst du, sie ist so mit ganzem Herzen und mit ganzer
Seele
dabei, ihr ganzer Körper eine Harmonie, so sorglos, so unbefangen,
als wenn das eigentlich alles wäre, als wenn sie sonst nichts
dächte,
nichts empfände; und in dem Augenblicke gewiß schwindet
alles
andere vor ihr. Ich bat sie um den zweiten Contretanz; sie sagte
mir den dritten zu, und mit der liebenswürdigsten
Freimütigkeit
von der Welt versicherte sie mir, daß sie herzlich gern deutsch
tanze.
»Es ist hier so Mode,« fuhr sie fort, »daß
jedes
Paar, das zusammen gehört, beim Deutschen zusammenbleibt, und mein
Chapeau walzt schlecht und dankt mir's, wenn ich ihm die Arbeit
erlasse.
Ihr Frauenzimmer kann's auch nicht und mag nicht, und ich habe im
Englischen
gesehen, daß Sie gut walzen; wenn Sie nun mein sein wollen
fürs
Deutsche, so gehen Sie und bitten sich's von meinem Herrn aus, und ich
will zu Ihrer Dame gehen.« Ich gab ihr die Hand darauf, und
wir machten aus, daß ihr Tänzer inzwischen meine
Tänzerin
unterhalten sollte. Nun ging's an, und wir ergetzten uns eine Weile an
mannigfaltigen Schlingungen der Arme. Mit welchem Reize, mit welcher
Flüchtigkeit
bewegte sie sich! und da wir nun gar ans Walzen kamen und wie die
Sphären
um einander herumrollten, ging's freilich anfangs, weil's die wenigsten
können, ein bißchen bunt durcheinander.
...Ich war kein Mensch mehr. Das liebenswürdigste Geschöpf
in den Armen zu haben und mit ihr herumzufliegen wie Wetter, daß
alles rings umher verging... Der Tanz war noch nicht zu Ende, als
die Blitze, die wir schon lange am Horizonte leuchten gesehn und die
ich
immer für Wetterkühlen ausgegeben hatte, viel stärker zu
werden anfingen und der Donner die Musik überstimmte. Drei
Frauenzimmer
liefen aus der Reihe, denen ihre Herren folgten; die Unordnung wurde
allgemein,
und die Musik hörte auf...
Adieu, Wilhelm! Dein Werther am 16.Junius 1771"
8) "Menuett" aus Mozart's "Ein musikalischer Spaß KV 522"
(s. auch: Lutz
Neitzert "Die Geburt der Moderne, der Bürger und die Tonkunst")
SWR-"Musikfeuilleton"
vom 1.2.01 CON
SPIRITO
E DELIRIO
TONKUNST und DROGENRAUSCH
(von Dr.Lutz Neitzert)
MUSIK: die Anfangstakte aus NIKOLAI RIMSKIJ-KORSAKOW „HUMMELFLUG"
und zwar stark verlangsamt (bzw. changierend zwischen viel zu langsam
und viel zu schnell)
und dazu vielleicht noch ein wenig elektronisch verfremdet -
eventuell ausgehend von der Version für Fagott & Klavier des
„Trio Vienna"
(LP „Curioso Virtuoso" / Teldec 642534 Ap )
SPRECHER 1: Die umfassendste und detailreichste Kulturgeschichte des Haschisch verdanken wir Hans-Georg Behr, der in seinem Buch „Von Hanf ist die Rede" auch eines wahrhaft skurrilen Musikdramas gedenkt, das (nach allem, was wir von ihm erfahren) zu Recht weder bleibenden Eindruck in der Musikhistorie hinterlassen, noch ein zweites Mal den Weg auf irgendeine Bühne (geschweige denn je in ein Schallplattenstudio) gefunden hat:
ZITATSPRECHERIN: „Es konnte nicht ausbleiben, daß die
Sache
ein Stoff für die Oper wurde. Ein Ballett namens ‘Haschisch’ hatte
es schon gegeben. Es stammte von einem gewissen Klenowski, wurde 1885
in
Moskau uraufgeführt und gleich wieder vergessen... Eine Menge
pluderhosiger
Tänzerinnen hatte dabei eine Unmenge Halluzinationen zu tanzen...
1896 dann hatte an der Dresdner Hofoper das Musikdrama ‘Haschisch’
Premiere...
Text von Axel Delmar, Musik von einem gewissen Oscar von Chelius...
keine
einzige Musikgeschichte erwähnt auch nur einen der beiden Namen...
Die Handlung umfaßt nur einen Aufzug, aber der hat’s in sich.
Voilà!
Personen: Omar, Bey von Tunis, Bass; Hama, eine der Damen des Serails,
Sopran; Paolo, ein Maler, Tenor; Stimme des Muezzin, Bariton; Abdul,
Stummer
des Serails, stumm... Ort der Handlung: der Sommersitz Omars..." 1
MUSIK:
eventuell bei diesem und den folgenden Zitaten zur „Haschisch-Oper" im
Hintergrund exotistisch-kitschige „Wüstenklänge"
SPRECHER 1: Mit orientalischen Rauschmitteln wie Haschisch oder
Opium
das erste Mal bewußt in Kontakt gekommen ist die
abendländische
Kunstwelt Ende des 18.Jahrhunderts.Zwar hatte etwa der Hanf auch in
Europa
bereits eine lange Tradition - und das nicht nur als Textilrohstoff
oder
in der Naturmedizin - - allerdings galt er als Genußmittel
hierzulande
bis dahin lediglich als ein billiges Kraut für die
grobgeschnitzten
Pfeifen und Klimmstengel des einfachen Landvolks. Die Oberschicht und
ihre
Schöngeister inhalierten Tetrahydrocannabinol erst als es im
Schwange
der Morgenland-Mode zur Zeit des Rokoko seinen Hautgout verlor und en
vogue
wurde. Plötzlich komponierte man „Alla Turca", schlürfte
Mokka
und rauchte in kräftigen Zügen
„Orient-Tabak"...SPRECHER
2: ...was nichts anderes gewesen ist, als eine (wenn auch schwache)
Mischung
aus Tabak und Marihuana.SPRECHER 1: Und so qualmte unter den
Allongeperücken
so mancher Joint und auch die Arznei- und die
Nachttischschränkchen
füllten sich schnell mit allerlei neuartigen Wundermitteln
für
die Gesundheit und fürs anderweitige Wohlbefinden. Neben der
Opiumtinktur
„Laudanum", die schon seit Paracelsus in keiner gut sortierten Apotheke
fehlen durfte, standen nun noch weitere Schlafmohn- und
Cannabispräparate
in den Regalen der Drogisten - und unter dem Ladentisch gab es als
vielversprechendes
Potenzmittel die „Damacener Pillen".SPRECHER 2: Eben davon
berichtet
ein anderer Komponist exotischer „Geschichten aus dem Serail" in einem
Brief an seine Base Maria Anna Thekla, wohnhaft in Augsburg - und er
tut
das in gewohnter Offenheit:ZITATSPRECHER: „...so will ich sie
dann
betrachten von vorn und hind - will sie überall herum führen,
auch wenn’s nothwendig ist, klistieren, also kommen sie gewiß,
sonst
ist ein Schiss; ich werde alsdann in eigener hoher Person ihnen
complimentieren,
ihnen den Arsch petschieren, ihnen damacenieren...!" 2SPRECHER 2: Ein
Aphrodisiakum,
wie gesagt, das neben Hanfpulver auch den Wirkstoff der spanischen
Fliege,
das Kanthariden, enthielt. MUSIK: im Hintergrund MOZART„Alla Turca KV
331"
ZITATSPRECHERIN: „...Paolo soll für den Bey von Tunis ein Bild
malen, vermißt im vorgeschlagenen Motiv aber die Schönheit
eines
weiblichen Gesichts. Also bittet er seinen Auftraggeber um ein Modell.
Omar meint, Paolo wolle doch nur das Eine, aber der Maler schwört,
es gehe ihm einzig und allein nur um die hehre Kunst..." MUSIK: (s.o.)
SPRECHER 1: Haschisch, Opium und auch Kokain waren im 19.Jahrhundert dann wohlfeile Medikamente und gesellschaftlich noch weitgehend unverdächtige Stimmungsaufheller. Selbst die ach-so-prüde englische Königin Victoria ebenso wie Papst Leo XIII. genehmigten sich vorm Zubettgehen gern ein Gläschen von „Mariani’s Coca-Wine" (oder zwei), selbst Kleinkinder stillte man bedenkenlos mit Opiumtröpfchen und Haschisch war, so suggerierte es jedenfalls die Arzneimittelreklame, nahezu für jedes Zipperlein die passende Kur:
ZITAT: „Indische Cigaretten mit Cannabis-Indica von Grimault &
Cie.
Apotheker in Paris.
Durch Einatmen des Rauches verschwinden Asthma-Anfälle,
Krampfhusten,
Heiserkeit ... und Schlaflosigkeit... /
Das idealste Mittel gegen Hühneraugen, Hornhaut und Warzen ist
und bleibt Karrers Haschisch! Erhältlich in Apotheken und
Drogerien!"
3
MUSIK: aus HECTOR BERLIOZ „SINFONIE FANTASTIQUE" (4.Satz „Marche au
supplice")
(in der Aufnahme von Roger Norrington)
SPRECHER 1: Während jede Spekulation über einen direkten
Einfluß
von Rauschdrogen auf die Musik Mozart’s und seiner Zeitgenossen kaum
hinreichend
begründet werden kann...
SPRECHER 2: ...schon allein die Arbeitsbedingungen und das streng
reglementierte
Metier der höfischen Musiker dürften sicher kaum Raum und
Zeit
gelassen haben für ausgedehntere Drogenexzesse (geschweige denn
für
deren adäquate künstlerische Umsetzung)....
SPRECHER 1: ...während für die Klassiker also keine
derartigen
Verdachtsmomente vorliegen, häufen sich diese dann im Laufe des
19.Jahrhunderts
mehr und mehr. Und das gesellschaftliche Ambiente der Romantiker barg
ja
auch tatsächlich ganz andere Freiräume für seine Genies
und ihre Eskapaden. Dazu kam, daß sich der Künstler in der
bürgerlichen
Welt ja gerade dadurch legitimierte und legitimieren durfte und sollte,
daß er vorgeblich oder tatsächlich - quasi stellvertretend -
in existentielle Grenzbereiche vorstieß, um seine dort gemachten
Erfahrungen dann als Kunstwerk einem staunenden Publikum zur
Begutachtung
vorzulegen.
SPRECHER 2: Wie in allen Lebensbereichen so eröffneten sich im
Gefolge der industriellen Revolution dem Individuum auch im Umgang mit
Rauschmitteln bis dahin ungeahnte Freiheiten.
Andererseits lauerten auf den Künstler in seiner modernen Position
als Privatier nun als Kehrseite der Medaille in ihrer Tragweite noch
kaum
abzuschätzende Gefahren.
SPRECHER 1: Außerdem definierte die als neue soziale Gattung entstandene Bohème ihre Außenseiterrolle auch über die Wahl ihrer ureigenen, von denen normalbürgerlicher Langeweiler verschiedenen, Rauschmittel. Daran hat sich bis in heutige Subkulturen hinein im Prinzip nichts geändert.
SPRECHER 2: Doch hören wir lieber zunächst einmal einen berufenen Zeitzeugen:
ZITAT: „Nachdem jeder seine (Portion) verzehrt hatte, wurde noch
Kaffee
gereicht (auf arabische Weise) ...
'In den Salon! In den Salon!' rief einer der Gäste: 'Hört
ihr nicht den himmlischen Chor?'...
Es war die Arie der Agathe aus dem 'Freischütz'..." 4
SPRECHER 1: Nebenbei bemerkt: wenn Ernst Jünger zusammen mit
dem
Schweizer Chemiker Albert Hofmann in den 50er Jahren des letzten
Jahrhunderts
dessen Erfindung, das LSD, ausprobierte, dann spielte das Grammophon
dazu
Mozart’s „Harfenkonzert".
Während Aldous Huxley sich bei seinen in die Literaturgeschichte
eingegangenen Meskalin-Trips lieber von Gesualdo-Madrigalen durch „Die
Pforten der Wahrnehmung" geleiten ließ.
ZITAT: „...Bald schien die Melodie aus mir selbst zu kommen; meine
Finger
flatterten über ein imaginäres Klavier... Ein homerisches
Gelächter
hob an...
Ausrufe wie 'Mein Gott, bin ich glücklich! Welch ein Segen! Ich
stürze in die Tiefen der Lust!' kreuzten und vermischten sich und
wurden aufgesogen.... (So ging es fort und fort)...
(Bis sich) eines der Club-Mitglieder, das nicht an der wollüstigen
Vergiftung teilgenommen hatte, um diejenigen von uns, welche sich
beflügelt
glaubten, vom Sprung aus dem Fenster zu bewahren, erhob... ’Ich glaube,
jetzt muß ich die bösen Geister austreiben. Das Klavichord
Erards
soll dabei Davids Harfe ersetzen’. Und er setzte sich auf den Stuhl und
spielte beschwingte und fröhliche Melodien... Der Bann war
gebrochen...
Der Zeiger wies auf Elf. ‘Die Kutsche... wartet unten’, sagte der
Diener.
Der Traum war zu Ende...!"
SPRECHER 1: So schilderte Théophile Gautier reichlich enthusiasmiert in einem folgenschweren Zeitungsartikel aus dem Jahr 1846 einen geselligen Abend im Pariser Hotel Pimodan - wo sich regelmäßig ein "Club des Haschischins" zusammenfand, dem so illustre Personen der schreibenden Zunft angehörten wie Victor Hugo, Honoré de Balzac, Gustave Flaubert, Gérard de Nerval, Eugène Sue, Charles Baudelaire und Alexandre Dumas der Ältere. Dabei wurde das Haschisch nicht geraucht, sondern als „Dawamesc", als süßes Konfekt, gereicht. Wenngleich aus heutiger Sicht die meisten Schilderungen der Clubmitglieder grotesk übertrieben anmuten - das Interesse der Öffentlichkeit und insbesondere das der Künstlerkollegen ist durch die skandalträchtige Publicity nachhaltig geweckt worden.
SPRECHER 2: Während die genannten Literaten ihre Erlebnisse -
mal
belletristisch, mal journalistisch, mal autobiographisch, mal
missionarisch
- jedem, der es hören mochte, kundtaten...
SPRECHER 1: ...nicht nur in Frankreich, auch in England: etwa die
romantischen
Exzentriker um Byron und Shelley, aber auch Samuel Coleridge und
später
Arthur Conan-Doyle, der Schöpfer des „Sherlock Holmes" -
inspiriert
dort nicht zuletzt von den 1822 erschienenen schriftlichen
„Bekenntnissen
des Opiumessers" Thomas de Quincey...
SPRECHER 2: ...im Gegensatz zu den offensichtlich skrupelloseren
Schriftstellern
also hielten sich die Musiker mit öffentlichen Statements doch
sehr
zurück. So daß wir hier oftmals nur auf Mutmaßungen
und
mehr oder weniger stichhaltige Indizienbeweise angewiesen sind.
SPRECHER 1: Immer wieder genannt im Umkreis des legendenumwobenen
Hotel
Pimodan wird allerdings ein Name: Hector Berlioz!
SPRECHER 2: Und seine Musik widerspricht in ihrem Duktus und ihrer
Programmatik den nahegelegten Vermutungen nicht:
MUSIK: Fortsetzung BERLIOZ
ZITATSPRECHERIN: „...Paolo schwört er wolle des Todes sein, würde ihm bei der Gelegenheit auch nur ein einzelnes unzüchtiges Gedänkelchen kommen. Voller Vertrauen in seine Sittenstrenge überläßt Omar ihm daraufhin Hama..." MUSIK: (s.o.)
SPRECHER 1: Vor allem durch die Pariser Weltausstellungen mit ihren diversen Probierstübchen, in denen man alle möglichen Genußmittel und Spezereien ferner Länder kredenzte, wurde das Exotische im 19.Jahrhundert erneut zur bevorzugten Inspirationsquelle auch des musikalischen Schaffens.
SPRECHER 2: Ob Camille Saint-Saens nun tatsächlich auch selbst
einmal daran genippt hat? Wir wissen es nicht. Die erwähnten
literarischen
Manifeste aber, die dürfte er sicherlich gekannt haben - und so
näherte
er sich im Jahr 1870 seinem Sujet im 6.Satz der „Persischen Melodien
op.26"
(nach Gedichten von Armand Renaud) denn auch äußerst
einfühlsam
- nach bestem Wissen und Gewissen:
SPRECHER 1: „Songe d’Opium (der Opium-Traum) / Tournoiement
(Delirium)"!
MUSIK: CAMILLE SAINT-SAENS „SONGE D’OPIUM op.26 No.6 "
ZITAT: „...Ich drehe Pirouetten auf meinen Zehenspitzen, ich drehe
mich,
drehe mich, drehe mich wie ein verwelktes Blatt... ich entschwebe
hinauf
zum Sternenhimmel, vorbei am schweigenden Mond, an Jupiter vorbei und
am
Saturn, schwirrend auf meiner Bahn. Ich schieße durch das
Sternbild
des Steinbocks und tauche in den schaurigen Abgrund absoluter,
grenzenloser
Nacht, mich weiter und weiter drehend - bis in alle Ewigkeit..."!
SPRECHER 2: Und auch Claude Debussy vertonte kurze Zeit später
die lyrischen Werke diverser einschlägiger Poeten aus dem
Dunstkreis
der „Haschischins".
Darunter Verse von Charles Baudelaire und Paul Verlaine...
SPRECHER 1: ...beide gingen als tragische Archetypen von
Drogenabhängigkeit
und Siechtum in die Literaturgeschichte ein.
SPRECHER 2: Und auch durch die Gedichte des besagten
Théophile
Gautier ließ Debussy sich zur musikalischen Bearbeitung anregen.
SPRECHER 1: Jener ist es übrigens gewesen, der den epochemachenden
Begriff „L’Art pour l’Art" prägte, und damit ein ästhetisches
Credo formulierte, welches ja nicht zuletzt der Musik als der in diesem
Sinne „reinsten" der Künste ein neues Selbstbewußtsein
zusprach
!
ZITAT: „Die gebräuchlichste Art dieser Konfitüren, das Dawamesc, ist eine Mischung aus (Cannabis-)Extrakt, Zucker und verschiedenen aromatischen Kräutern, wie Vanille, Zimt, Pistazie und Muskat. Mitunter setzt man selbst ein wenig Kanthariden zu einem Behufe zu, der nichts gemein mit den üblichen Wirkungen des Haschisch hat..."! (Charles Baudelaire) 5
SPRECHER 1: 1872 entstanden Debussy’s „Ariettes oublieés" - und darin findet sich ein Lied über Verlaine’s „C’est l’Extase langoureuse":
MUSIK: CLAUDE DEBUSSY „C’EST L’EXTASE LANGOREUSE"
ZITAT: „Es ist die Ermattung in Ekstase, es ist die Erschöpfung
nach der Liebe, es ist das Rascheln des Waldes in der Umarmung einer
leichten
Brise..."!
ZITATSPRECHERIN: „...Paolo und Hama verlieben sich nichtsdestotrotz
(wie könnte es auf einer Opernbühne auch anders sein) in
Windeseile
- ‘Weil vom Küssen sterben wir müssen’ heißt die
entsprechende
Librettostelle - woraufhin beide in einem Pavillon verschwinden -
begleitet
von einem Glockenspiel..." MUSIK: (s.o.)
SPRECHER 1: Zur Zeit des Fin de siecle kam in der Pariser
Bohème
eine grüne Fee in Mode: „La Fee verte"!SPRECHER 2: Der
Begründer
der deutschen Drogenforschung, Louis Lewin, schrieb in seinem Buch
„Phantastica"
aus dem Jahr 1924:ZITAT: „Der Absinth wird in Likörstuben von
professionellen
Leuten - auch von Damen am Schenktisch, Circen, die, gleich der
homerischen
Circe, Menschen in Schweine verwandeln können - gemischt und
ausgegeben!"
6SPRECHER 1: Absinth ist ein alkoholischer Auszug der
ätherischen
Öle des Wermutkrautes (Artemisia absinthium). Der darin enthaltene
psychoaktive Wirkstoff, das Thujon, soll einen leicht
halluzinatorischen
Rauschzustand erzeugen und - so jedenfalls schwören seine
Liebhaber
- die Phantasie nachhaltig beflügeln. Ob allerdings bei einem
Getränk
mit immerhin um die 80 Volumenprozenten Äthanol
bewußtseinserweiternde
Effekte einen Wermutbruder tatsächlich in höhere Sphären
zu tragen vermögen? Zweifel seien daran zumindest
erlaubt.SPRECHER
2: Notabene: 1986 entdeckte, aus gegebenem Anlaß, ein
französischer
Journalist einen wahrhaft hintergründigen Zusammenhang. In der
Zeitschrift
„Le Monde" stand zu lesen:ZITAT: „’Und der dritte Engel blies seine
Posaune,
da fiel ein großer Stern vom Himmel... Und der Name des Sterns
ist
Wermut. Und der dritte Teil des Wassers wurde bitter, und viele
Menschen
starben...’! So steht es in Kapitel 8, Vers 10 und 11 der Offenbarung
des
Johannes, in der biblischen Schilderung der Apokalypse. Die
Wermutpflanze
gehört zu den Korbblütlern der Gattung Beifuß - und der
ukrainische Name für Beifuß lautet: Tschernobyl
"!SPRECHER
1: Doch zurück zur Pariser Bohème. Vor allem Erik Satie und
die Mitglieder der „Groupe des Six", Francis Poulenc, Darius Milhaud,
Arthur
Honegger, Georges Auric, Louis Durey und, als einzige Frau dieses
Avantgardezirkels,
Germaine Tailleferre, erkoren die „grüne Fee" zu ihrer
Muse.SPRECHER
2: Die Maler des Impressionismus schätzten den Absinth ebenfalls,
wie wir wissen - zumindest als effektvoll grünen Farbtupfer auf
ihren
Gemälden. SPRECHER 1: Auch Jean Cocteau gehörte als
Chefideologe
und Multitalent zum Umfeld dieses Komponistenkreises. Als Dichter,
Maler,
Regisseur und Stichwortgeber war er eine der wichtigsten Reizfiguren
der
Pariser Kunstwelt - und er war in jeder Hinsicht ein ausgeprägter
Suchtcharakter - ein Morphinist, Kokainist und Workoholic, der selbst
seine
Entzugsqualen noch literarisch verarbeitete. MUSIK: (eventuell
nur
im Hintergrund): POULENC / SATIE „DEUX PRELUDES POSTHUMES ET UNE
GNOSSIENNE
FP 104" (daraus 3.Satz)(Satie-Klavierstücke orchestriert von
Poulenc)
MUSIK: noch einmal kurz einige Sekunden „HUMMELFLUG" (s.o.)
SPRECHER 2: Nicht nur die politischen, auch die kulturellen Verbindungen zwischen Paris und St.Petersburg waren immer schon sehr vielfältig und eng geknüpft. Und auch was den Drogenkonsum in der Kunstwelt anbetraf, finden sich schnell augenscheinliche Parallelen. Hier wie dort äußerte sich vor allem die Crème der Literaten sehr freizügig zu unserem heiklen Thema.
SPRECHER 1: Von Leo Tolstoi...
ZITAT: „Was dem Norden sein Wodka, ist dem Süden sein Haschisch.
Es erzeugt im Kopf allerdings eine weniger niederschlagende Wirkung"! 7
SPRECHER 1: ...über Iwan Turgenjew...
ZITAT: „Ich weiß noch, daß ich nach Hause schritt, ohne
an etwas bestimmtes zu denken, jedoch mit seltsam schweren Herzen, als
mich auf einmal ein starker, wohlbekannter, aber in Deutschland
seltener
Geruch überraschte. Ich blieb stehen und erblickte am Wege ein
kleines
Hanfbeet. Sein Steppenduft erinnerte mich jäh an die Heimat und
weckte
in mir eine leidenschaftliche Sehnsucht nach ihr"! 8
SPRECHER 1: ...bis hin zu Fjodor Dostojewski, der sich während
seiner diversen Kuraufenthalte in deutschen Spielcasinos von seiner
Frau
so manches...
ZITAT: „...Päckchen turkmenisches Charas..." 9
SPRECHER 1: ...nachschicken ließ.
SPRECHER 2: Was nun die russischen Komponisten anbetrifft, so geben zumindest einige von ihnen entschieden deutlichere Hinweise als ihre französischen Kollegen.
SPRECHER 1: Dies trifft vor allem zu auf jene einflußreiche
und
diskussionsfreudige Clique, die sich selbst das „mächtige
Häuflein"
nannte und deren erklärter Widerpart Peter Tschaikowsky gewesen
ist.
SPRECHER 2: Milij Balakirew also, Alexander Borodin, Zesar Kjui,
Nikolai Rimskij-Korsakow und Modest Mussorgsky.
SPRECHER 1: Haschisch war erklärtermaßen das Mittel ihrer Wahl.
SPRECHER 2: Nur einer unter ihnen, Modest Mussorgsky nämlich, war und blieb bekennender Wodkatrinker. Gestorben ist er 42-jährig im Delirum Tremens!
SPRECHER 1: Rimskij-Korsakow dagegen ließ sich seine Obsession, wie wir wissen, sogar einiges kosten - immerhin leistete er sich eine wahre Pretiose: eine kunstvoll gearbeitete und verzierte Pfeife aus der Werkstatt des weltberühmten Petersburger Hofjuweliers Fabergé.
SPRECHER 2: Auf einer frühen Ausgabe der Partitur seiner
sinfonischen
Dichtung „Scheherazade", nach den Erzählungen aus „1001 Nacht",
soll
als Interpretationshilfe zum ersten Satz wortwörtlich vermerkt
gewesen
sein:
ZITAT: „Wie schweres Charas aus Ferghana!"
SPRECHER 2: Wie Haschisch also aus Usbekistan - hier spricht, wie’s
scheint, ein Connaisseur - ein Insider!
MUSIK: RIMSKIJ-KORSAKOW „SCHEHERAZADE" (aus dem 1.Satz: „Sindbad...")
SPRECHER 1: Mütterchen Rußland ist groß und
vereinigt
in sich westliche mit fernöstlichen Landschaften und Kulturen.
Borodin...
SPRECHER 2: ...der übrigens im Hauptberuf Professor der Chemie
an der Petersburger Akademie gewesen ist...
SPRECHER 1: ...komponierte eine viel gespielte „Steppenskizze aus
Mittelasien"
und Balakirew trug eine hoch virtuose „orientalische Suite" zur
Klavierliteratur
des 19.Jahrhunderts bei:
die „Islamey".
MUSIK: aus BALAKIREW „ISLAMEY"
SPRECHER 2: Auf den Spuren Igor Strawinsky’s...
SPRECHER 1: ...der ebenfalls, wie Behr meint...
ZITAT: „...Zeit seines Lebens nie etwas gegen einen guten Joint
hatte..."
10
SPRECHER 2: ...geht es nun wieder zurück nach Paris. Und über
einen gemeinsamen Bekannten, den schon erwähnten Jean Cocteau,
treffen
wir hier seinen russischen Namensvetter, den Komponisten und Dirigenten
Igor Markevitch.
SPRECHER 1: Er selbst bezeichnete ein Werk aus dem Jahr 1932 als
autobiographisches
Dokument: seinen (ursprünglich als Ballettmusik konzipierten)
„Flug
des Ikarus"!
MUSIK: MARKEVITCH „L’ENVOL D’ICARE" (5.Satz)
(in der Orchesterfassung)
SPRECHER 1: Die konzertante Uraufführung des Stückes in Paris war ein veritabler Skandal.
SPRECHER 2: Doch nicht nur deshalb hat Cocteau das Werk immer wieder mit Strawinsky’s „Le Sacre du Printemps" verglichen.
SPRECHER 1: Markevitch selbst meinte:
ZITAT: „Ich lernte, im Mythos des Ikarus eines der modernsten und
dramatischsten
Sinnbilder auszumachen, die mir bekannt sind: in verbranntem Zustand
sein
Ziel zu erreichen"! 11
SPRECHER 1: In seiner Autobiographie „Être et avoir
été"
schildert er die Höhenflüge und jähen Abstürze
während
seiner langjährigen und endlich aus eigener Kraft
überwundenen
Opiumabhängigkeit. Und über den konkreten Einfluß, den
die erlebten Rauschzustände auf sein charakteristisches
musikalisches
Idiom hatten, lesen wir darin das Folgende:
ZITAT: „Klänge (waren) dadurch gekennzeichnet, daß sie nie
ganz verschwanden. Wie Glocken oder Kristalle, die bis in alle Ewigkeit
nachzuhallen scheinen, zogen sich Akkorde in die Länge,
verflochten
sich miteinander und bildeten reine und abstrakte Melodielinien..."! 12
MUSIK: IGOR MARKEVITCH „L’ENVOL D’ICARE"
(6.Satz: „Où l’on apprend la chute d’Icare")
(in der Fassung für 2 Klaviere & Schlagzeug /
„Markevitch-Ensemble
Köln" / CD Polifonica Largo 5127)
SPRECHER 1: Die Drogenwirkungsforschung steht heute noch immer
erst am Anfang.
Das höchst komplizierte Wechselspiel von Nervenreizen, chemischen
Botenstoffen und Rezeptoren und die noch viel komplexeren
Verarbeitungsprozesse
von Sinneseindrücken im Gehirn sind längst noch nicht
hinreichend
verstanden.
Einige charakteristische Topoi scheinen allerdings weitgehend gesichert
- evident zum einen durch zahllose Selbstzeugnisse und auch durch
naturwissenschaftliche
Studien mittlerweile recht gut belegt.
SPRECHER 2: Psychoaktive Substanzen können demnach bestimmte Filter unseres Wahrnehmungssystems ausschalten und so eine Reizflut auslösen, welche das Gehirn zu ungewohnten Verarbeitungsstrategien provoziert, im Versuch, die kontinuierlich einströmenden Meldungen in irgendeiner halbwegs sinnvoll erscheinenden Form (vorzugsweise ästhetisch) zu strukturieren.
SPRECHER 1: Wie wir nicht nur von Markevitch hören, ändert sich unter dem Einfluß vieler Drogen zudem unser Zeitgefühl. Überbordende Formen müssen in diesem Zustand plötzlich nicht mehr unproportioniert erscheinen und das gleiche gilt für die ryhthmische Ebene.
SPRECHER 2: In einigen der eingespielten Musiken begegnete uns eine
repetitive, tendenziell ins Endlose weisende Rhythmik...
SPRECHER 1: ...wie wir sie aus kultischen Trance- und psychedelischen
Rockmusiken kennen.
SPRECHER 2: Und gerade damit scheint ein ideales Fundament gelegt für außerordentliches koloristisches Raffinement. Fast alle in dieser Sendung erwähnten Komponisten gelten in der Musikgeschichte denn auch als Virtuosen im Umgang mit Klangfarben und feinsten Nuancen.
SPRECHER 1: Am Rande erwähnt sei in diesem Zusammenhang, daß oft von synästhetischen Effekten die Rede ist in Schilderungen halluzinatorischer Zustände: vom „Farbenhören" also und vom „Tönesehen"!
SPRECHER 2: Wobei Komponisten wie Markevitch ihre Erkundungen von Obertonreihen oder das Experimentieren mit Viertelton-Intervallen selbst als einen sehr meditativen Prozeß beschreiben:
ZITAT: „Da jeder Klang eine ganze Welt mit unendlich vielen verschiedenen Harmonien ist, kann das Hören einer einzelnen Note mit dem Anblick eines Kometen verglichen werden, der entlang seiner Flugbahn den Himmel erleuchtet"! 13
MUSIK: noch einmal ein paar Sekunden MARKEVITCH
SPRECHER 2: Daß außerdem in „Tripmusiken" oft abgehoben
und geflogen wird - von Markevitch’s „Ikarus" bis zu Saint-Saens’
„Opium-Traum",
das dürfte eine Binsenweisheit sein und bedarf hier eigentlich
kaum
einer Erwähnung.
SPRECHER 1: Endlich Anlaß genug, sich einmal eingehender mit
dem
Einfluß von Psychedelika auf die Tonkunst zu beschäftigen,
sah
die Wissenschaft erst spät im 20.Jahrhundert. In den 60er Jahren,
als neben Haschisch, Opium und Kokain weitere, ungleich potentere,
bewußtseinsverändernde
Drogen in der Kunst- und nicht zuletzt der Musikszene auftauchten und
dort
schnell auch im Ästhetischen unüberseh- und
unüberhörbare
Spuren hinterließen.SPRECHER 2: Mit einem ganzen Arsenal
neuentwickelter
elektronischer Effektgeräte etwa versuchten Rockmusiker die
spektakulären
Sinneseindrücke von Rauschzustände zu imitieren und so in
musikalische
Formen zu übersetzen. SPRECHER 1: Doch nicht nur in der
populären
Musik waren die Auswirkungen von Drogen auf das musikalische Material
schließlich
unbestreitbar.SPRECHER 2: John Cage etwa, der als großer
Pilzkenner
mit hoch wirksamen mexikanischen Zauberpilzen (den Magic Mushrooms)
oder
auch mit LSD (einem Derivat des Mutterkornpilzes) experimentierte. Oder
man denke nur an Karlheinz Stockhausen und andere Pioniere der
elektronischen
Musik, die ihrerseits wiederum die Rockmusikavantgarde - vom
„Krautrock"
hierzulande bis zum „Acid-Rock" im Underground von San Francisco -
nachhaltig
beeinflußten. SPRECHER 1: Doch hiermit sind wir an einem Kapitel
angelangt, welches bereits andernorts und in all seinen Facetten
eingehend
besprochen worden ist. MUSIK: eventl. ein paar Takte JIMI HENDRIX im
Hintergrund
ZITATSPRECHERIN: „...die Liebe dauert nur zwölf Takte, und dann wird’s fürchterlich... Der Bey ordnet ein Gottesgericht an und bringt drei Pokale. In einem ist, nun ja, der Titel der Oper, von dem man erst wahnsinnig wird, um dann zu sterben. All dies geht natürlich rasend schnell, und Hama... stirbt bereits bei der letzten Zeile ihrer ‘Haschisch’-Arie in einem walzerseligen Delirium... ‘Das Ganze riecht zu sehr nach billiger Effekthascherei’ befand tags darauf die Leipziger Zeitung... und damit versank auch dieses Werk im Mülleimer der Kulturgeschichte"! MUSIK: (s.o.)
SPRECHER 1: Auch eine „Haschisch"-Operette soll es gegeben haben, aus der Feder eines gewissen Raffaele Delli Ponti, entstanden um 1910, ebenfalls spurlos verschwunden aus den Annalen der Musikgeschichte und auch dieses Œuvre dürfte, nüchtern betrachtet, vermutlich kaum einem höheren künstlerischen Anspruch genüge getan haben.
MUSIK: Schlusstakte des „HUMMELFLUG" (s.o.)
1) Hans-Georg Behr „Von Hanf ist die Rede"
(Zweitausendeins-Verlag
/ Frankfurt 1995) S.187
2) ebd. S.142
3) ebd. S.170f
4) ebd. S.148fff
5) ebd. S.159
6) Louis Lewin „Phantastica" (Parkland-Verlag / Köln 2000)
S.231
7) Behr S.201
8) ebd. S.200
9) ebd. S.200
10) ebd. S.203
11) Booklet zur CD „Igor Markevitch - L’envol d’Icare" / Largo
5127
12) ebd.
13) ebd.
xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx
SWR-„Musikfeuilleton“
(4.1.07)
„Allegro
con moto sportivo – TonkuNst und Leibesübungen“
(von Lutz Neitzert)
Musik-1: Kagel
„Match“ (bis ca. 0:15)
|
Musik-2: „Second Hymne Delphique a Appollon“
(ab
ca. 3:30) |
SPRECHER-1: Zunächst einmal gingen musikalische und
sportliche Rhythmen weniger künstlerische, eher praktische
Verbindungen ein. In den Gymnasien
(den „Nackt-Turnhallen“) des antiken Griechenland trainierten Gymnotribai
genannte Sportlehrer, spärlich bekleidete Athleten im Ringen,
Boxen, Speer- oder Diskuswerfen. Und unterstützt wurden diese
schweißtreibenden Übungen zur besseren Koordination der oft
komplizierten Bewegungsabläufe durch Flötenspiel, Trommeln
und Leiern. Zu den
erprobten Methoden der Leistungssteigerung von Olympioniken
gehörte also unverzichtbar auch ein passender Soundtrack
(neben allerlei mehr oder weniger erlaubten Mittelchen aus der Apotheke
und oft horrenden Preis- oder Bestechungsgeldern). SPRECHER-2: Die Sportstätten waren damals erfüllt
mit Musik und beliebte Treffpunkte auch für das interessierte
Publikum oder für Hobbysportler - wie etwa Sokrates, der, so sagt
man, ein kleines Kämpfchen durchaus zu schätzen wußte,
ehe er zu seinem nächsten philosophischen Höhenflug startete. |
SPR-1: Eine
ästhetisch anspruchsvollere Variante der Sportmusik entwickelte
man zur
gleichen Zeit in Sparta. Die Gymnopedien waren choreographierte
Kampftänze soldatischer Jünglinge...
SPR-2:
...die in manchen ihrer Formen vermutlich ein wenig an brasilianisches Capoeira
erinnert haben dürften.
SPR-1: Die überlieferten
Berichte zeitgenössischer Autoren beschreiben diese Klangwelten
(in Ermangelung
einer Notenschrift) leider nur äußerst unzureichend. So sind
wir bei der
Vorstellung und der Rekonstruktion auf mehr oder weniger gut
begründete
Vermutungen angewiesen.
SPR-2: Also
konnte zwei Jahrtausende später auch Erik
Satie beim seinem Versuch einer Nachempfindung der Fantasie
freien Lauf
lassen. Und in seinen „Gymnopédies“ agieren die fiktiven
Kämpfer dann in
reichlich pazifistisch anmutender Slowmotion:
Musik-3: SATIE
(in der Orchesterfassung von DEBUSSY) „Gymnopedie Nr.1“
|
Musik-4: (Paukenschläge, Peitschenknallen &
Rudergeräusche) |
SPR-1: Wie man weiß, gab es im Alten Rom
auch weniger freiwillige körperliche Anstrengungen. In der noch
ziemlich un-christlichen Seefahrt, unterdeck auf den Galeeren,
betrieb man eine ganz spezielle Form der |
SPR-2: Vor
allem aber die Inszenierung von sportlichen Großereignissen bekam
schon in der
Antike einen festlichen musikalischen Rahmen. Fanfaren und Hymnen, die
den
Wettkampf wie durch einen akustischen Vorhang vom Alltag trennen und
über
diesen hinausheben sollten. Ein Prinzip, an dem sich bis heute wenig
geändert
hat.
SPR-1: GEORG
FRIEDRICH HÄNDEL lieferte - ohne es zu ahnen - das Vorbild
für die wohl
bekannteste Hymne des Fernsehsports.
1992
nämlich vergab die UEFA einen Kompositionsauftrag an den
englischen Komponisten
Tony Britten. Eine Erkennungsmelodie sollte er schreiben für einen
neuen
Wettbewerb, die „Championsleague“. Und inspirieren ließ er sich
dabei von einem
Stück aus dem Jahr 1727. Händels „Zadok the Priest“:
Musik-5:
HÄNDEL „Zadok the Priest“
Musik-6:
„UEFA-Championsleague Hymne“
SPR-2: Im
Barock liebte man nicht nur die großen Gesten und den Pomp,
sondern ebenso sehr
das stilvolle Scharmützel – im höfischen
Unterhaltungsprogramm, auf der
Theaterbühne, auf der Jagd oder beim Militär.
So
gehörte (neben vornehmen Tischsitten, Perückenpudern und
Menuett-Tanzen) auch
das Fechten zum hochwohlgeborenen Erziehungsprogramm.
SPR-1: Und
eine „Musikalische Fechtschule“, die komponierte der Wiener
Hofkapellmeister
JOHANN HEINRICH SCHMELZER VON EHRENRUFF:
Musik-7: SCHMELZER Satz 5 aus „Musikalische
Fechtschule - Sonata à 4“ (ab ca. 1:30)
SPR-1: Das
höfische Publikum liebte solche Musica representativa,
solche malenden
und redenden Musiken. Und in Schmelzers Repertoire gab es noch so
Einiges mehr
davon: ein “Pferdeballett“ etwa oder auch eine anrüchige Festmusik
zum „Tag des
Furzes“.
Er
wuchs in einem Feldlager der österreichischen Armee auf, da sein
Vater während
des Dreißigjährigen Krieges Offizier gewesen ist, und so
wußte er aus eigener
Anschauung, daß das Säbelfechten der Gesundheit durchaus
abträglich sein kann.
Der letzte Satz seiner Sonata trägt demnach sicher nicht
zufällig den Titel:
„Der Bader“ – der Wundarzt also:
Musik-8:
(Beginn des 6. Satzes) „Der Bader“
SPR-2:
Fechtszenen eignen sich gut zur musikalischen Umsetzung – das
realisierte man
schon früh. Es gibt sie nicht nur in der Instrumentalmusik,
sondern auch in der
Oper: prominent in Mozarts „Don Giovanni“ oder in „Romeo et Juliette“
von
Berlioz.
SPR-1:
Überhaupt sind Zweikämpfe ein sehr dankbares Sujet
für einen
Tonkünstler.
Sie
ermöglichen ein exzessives Ausreizen innermusikalischer
Interaktionen zwischen
Instrumenten, Ensembleteilen oder gar, wie etwa in der Komposition
„Duel“ von
Iannis Xenakis, zwischen zwei kompletten Sinfonieorchestern, die er
einmal
nebst Dirigenten gegeneinander zum Showdown antreten ließ.
SPR-2: Der
amerikanische Musikprofessor, Komponist und Witzbold Peter Schickele wiederentdeckte
einen von ihm selbst erfundenen und von der Musikgeschichte bis dahin
aus gutem
Grund ignorierten, zutiefst unmusikalischen Sohn Johann Sebastian
Bachs, von
dessen Vornamen nur die drei Initialen überliefert sind: P.D.Q. -
aus Wein
am Rhein. Und in dessen Oeuvre findet sich (neben allerlei
Unsäglichem)
auch ein schönes Exempel für das eben Gesagte.
SPR-1: Die
„Echo-Sonata for two unfriendly Groups of Instruments“ (die “Echosonate
für
zwei verfeindete Instrumentengruppen”):
Musik-9:
P.D.Q. BACH (alias Peter Schickele): “Echo-Sonata for two unfriendly
Groups of
Instruments” (ab ca. 2:05 bis 3:10)
SPR-2: Seit
dem 19. Jahrhundert aber verstand die bürgerliche Musikkritik
zumeist wenig
Spaß, wenn es um Solcherlei ging. Das dürfte auch ein Grund
dafür sein, warum
es in der Musikgeschichte so erstaunlich wenige explizite Sportmusiken
gibt –
vergleicht man es etwa mit den inflationären Naturbildern,
ländlichen Idyllen
oder auch militärischen Themen.
SPR-1:
Hans-Dieter Krebs meint in einem Buch über die „Liaison von Sport
und Musik“:
ZITAT: „Die
offenbare Voreingenommenheit mancher Angehöriger der
Kritiker-Zunft gegenüber
dem als a-kulturell eingeschätzten Feld der leiblichen
Aktivitäten ohne
Musikinstrumente sorgt auf Seiten der Künstler offenbar für
Zurückhaltung!“ 2
SPR-1:
Sportmotive provozieren innere Bilder. Und genau dieser Effekt und
Aspekt rief
die Verfechter einer absoluten, einer autonomen Musik
auf den
Plan. Vorstellungen außermusikalischer Art lenkten den Hörer
viel zu sehr und
viel zu billig ab vom Innermusikalischen, vom Eigentlichen
der
Komposition, von ihrer (mehr oder weniger) kunstvollen Architektur.
Zu
akzeptieren seien solche plakativen Vorgaben allenfalls noch als
Verständnishilfe für Kinder oder bildungsresistente Banausen.
SPR-2: Auf
Seiten der Musiker allerdings zogen Einige daraus gerade die
gegenteilige
Schlußfolgerung.
Sportsujets
legitimieren nämlich quasi aus sich heraus selbst dissonanteste
Momente und
komplexeste Strukturen – als Abbild des darzustellenden Ereignisses.
SPR-1: Eine
Chance ihre immer komplizierter werdenden Klanggebilde der
Zuhörern durch Programme
verständlicher zu machen, erkannten einige prominente Neutöner
des 20.
Jahrhunderts. Zumal sie sahen, daß auch der Unmusikalischste im
Kinosessel, im
sinnstiftenden Rahmen einer Filmmusik, klaglos die schrägsten
Mißtöne ertrug,
daß sich Hollywood-Komponisten akustische Zumutungen erlauben
durften, die
ihnen im Konzertsaal wüste Beschimpfungen eingetragen hätten.
Was lag also
näher, als den Hörern innere Film-Bilder an die Hand
zu geben.
SPR-2: Das
dachte sich wohl auch Joseph
Matthias
Hauer, als er 1927 eine Suite als
“Musik-Film”
deklarierte – ein Satz (oder besser: ein Sätzchen) daraus
trägt den
Titel "Sport":
Musik-10: hauer (in der Orchesterfassung von J. Schöllhorn):
“Sport“ (aus
„Musik-Film op.51” / ab 3:30 bis 4:05)
SPR-2: Ein
anderes Werk nannte er „Harte Auseinandersetzung“ – und er selbst hatte
eine
ebensolche Zeit seines Lebens mit seinem Wiener Kollegen und
Konkurrenten
Arnold Schönberg, dem er den Rang des Erfinders der
„Zwölftonmusik“ streitig
machen wollte. Aber das ist eine andere Geschichte.
SPR-2:
Notabene: Der 12-Ton-Meister Alban Berg fieberte als
leidenschaftlicher
Fan an jedem Wochenende mit jener 11 von „Rapid Wien“, die in
den 20er
und 30er Jahren in der Fußballwelt wegen ihrer virtuosen
Schönspielerei verehrt
oder verachtet wurde. Aber auch das ist eine andere Geschichte.
SPR-1:
Ebenso berühmt wie für seine akustischen Bürgerschrecks
ist die
österreichische Hauptstadt in der Musikwelt jedoch für viel
viel schönere,
Kaffeehaus- und Prater-taugliche Melodien:
Musik-11: JOSEF
STRAUSS „Sport-Polka op.170“
SPR-1: Die
„Sport-Polka op.170“ von Josef
Strauss.
Die
Großmeister des „Wiener Walzers“, die Strausse und die Lanners,
hatten ein
besonderes Faible für Sport – insbesondere für unbeschwerte
sportliche
Freizeitaktivitäten bei Sonnenschein am Ufer der schönen
blauen Donau oder im
Schnee. Sie schrieben Walzer, Polkas, Quadrillen und Galopps über
das Reiten
und das Rodeln, das Eislaufen und das Segeln, eine „Sturmlauf-Polka“
für den Wiener
Turnverein gibt es oder auch – als ersten Anklang an modernere
Zeiten –
einen „Motoren Walzer“.
SPR-2: Im
gleichen Geist komponierte später dann ein anderer
alpenländischer Komponist,
der Schweizer Toni Leutwiler,
ein
Kabinettstückchen über das Wasserskilaufen:
Musik-12:
LEUTWILER: „Wasserski“ (aus der „Sommer Suite“)
SPR-1:
Beliebt als Ort und Medium der Freizeitgestaltung war zu allen Zeiten
das
Wasser...
SPR-2:
...auch unterhalb des Gefrierpunktes.
SPR-1: Aus
der Sicht eines Musikers sind Schlittschuhlaufen oder Skifahren ideale
Vorbilder für beschwingtes Schwelgen in Legati und Glissandi.
SPR-2: Nicht
zufällig verwendet man andererseits häufig klassische Musiken
beim Eiskunstlauf
oder im Eistanz...
SPR-1: ...am
spektakulärsten bei der Olympiade 1984, als des englische Paar
Jayne Torvill
und Christopher Dean vor begeisterten Zuschauern und Preisrichtern
Ravels
„Bolero“ auf die Eisfläche zauberte. (Neun Mal 6,0 - die
Höchstnote!)
SPR-2: Schon
Vivaldi läßt
im „Winter“ seiner
„Vier Jahreszeiten“ einen Schlittschuhläufer seine Pirouetten
drehen – ehe er
dessen Übermut bestraft und ihn zuletzt einbrechen läßt
ins Eis (und in f-Moll):
Musik-13:
VIVALDI „Vier Jahreszeiten - Winter“ (ab ca. 1:10)
SPR-1:
Gerade die motorischen Desaster oder aber entfesselte Aggressionen
bieten
geradezu ideale musikalische Gestaltungsfreiräume.
SPR-2: Auch
der Sankt Petersburger Komponist Alexander
Tscherepnin kannte die Empfindlichkeiten des Publikums
gegenüber
Angriffen auf geliebte Ohrwürmer.
Und so
versuchte auch er es mit erklärenden Programmen. Etwa in
seiner „Sonatine
Sportive für Saxophon und Klavier“ – daraus der 1. Satz: Das
„Boxen“.
Musik-14:
TSCHEREPNIN (den ersten Satz: „Boxen“ aus) „SONATINE SPORTIVE für
Saxophon und
Klavier“
SPR-2: Schon
unter seinen früheren Werken finden sich einige zu unserem Thema:
das
Ballett “Training op.37” oder auch ein spezielles „Boxtraining für
Kammerorchester“.
SPR-1: Unter
russischen (bzw. sowjetischen) Komponisten stand er mit seinem
Bewegungstalent
nicht allein. Aram Chatschaturjan (berühmt durch seinen
„Säbeltanz“) schrieb
ein Stück mit dem Titel „Rhythmische Gymnastik“ und Dmitri
Schostakowitsch integrierte in seine musikalische Schilderung der
„Erlebnisse
eines Tages“ sowohl eine „Morgengymnastik“ als auch einen „Wettlauf“.
SPR-2:
Ziemlich genau ein Jahrhundert früher gab es schon einmal eine
Musikergeneration, die Lust hatte am Experimentieren, aber nicht immer
ein
geneigtes Publikum dafür fand.
Der
Berliner Kritikerpapst Ludwig Rellstab schmähte die Werke des
Schweden Franz Berwald
als...
ZITAT:
„...schreckliche Zukunftsmusik !“ 3
SPR-1:
Dieser abschätzig gemeinte Begriff wurde in erster Linie gegen
Liszt, Wagner
und ihre Schüler verwendet und meinte, daß da einige
Größenwahnsinnige am Werk
seien, die das zeitgenössische Publikum verachteten und ihm nicht
geben
wollten, was ihm zusteht – verständliche Musiken zur guten
Unterhaltung.
SPR-2: Bei
Berwald richtete sich dieser Vorwurf vor allem gegen seine
ambitionierten
Kammermusiken und sicher weniger gegen ein Orchesterstück wie das
nun folgende.
SPR-1: Ein
„Wettlauf in C-Dur“!
SPR-2: Auf
die Plätze, fertig und los:
Musik-15: FRANZ
BERWALD “Der Wettlauf – Etude für Orchester” (die ersten Takte bis
ca. 0:40)
SPR-1:
Franz Berwald besaß
übrigens ganz besonders intime Kenntnisse der
menschlichen Körpermotorik. Als Musiker konnte er nicht
existieren, und so
gründete er zum Broterwerb in Berlin ein
gymnastisch-orthopädisches Institut,
in welchem er die Lehren eines damals in ganz Europa berühmten
Landsmannes propagierte
und anwendete - die „Schwedische Gymnastik“ nach Per Henrik Ling.
Am
Ende seines Lebens wurde ihm dann allerdings auch als Künstler
noch eine späte
Würdigung zuteil und man verlieh ihm in Stockholm den
„Polarstern-Orden“.
SPR-2: Und
nun erreichen sie die Zielgerade. Ein spannender Endspurt:
Musik-16:
(...die letzten Takte ab ca. 7:50)
SPR-1:
Kritikern, Kennern und Kollegen konnte man es als Komponist selten
einmal recht
machen. Sie runzelten gerne die Stirnen darüber, wenn da einer
allzu offensichtlich
und, wie sie meinten, zu trivial mit Tönen malte.
SPR-2:
„Mickeymousing“ sollte das entsprechende Schimpfwort ein Jahrhundert
später
heißen - entlehnt einem neuen Medium, dem Zeichentrickfilm. Eine
Geringschätzung, die eine Gruppe von Musikern eigentlich
völlig zu unrecht
diskreditiert. „Mickeymousing“ ist hartes und vor allem
äußerst präzises
Kunsthandwerk. Und auch in der Cartoonmusic waren
natürlich Wettrennen
und Verfolgungsjagden äußerst beliebt. In den amerikanischen
Filmstudios
übernahmen hochbegabte Tonsetzer wie etwa CARL STALLING die
schwierige Aufgabe,
den skurrilsten Ausgeburten menschlicher Fantasie akustisches Leben
einzuhauchen – so illustren Gestalten wie Tom & Jerry, Speedy
Gonzales oder - dem Roadrunner:
Musik-17: CARL STALLING: Sequenz aus “Porky’s Preview
&
There they go-go - Road Runner Music”
SPR-1: Was
aber wäre denn nun eine Sportmusik, die höchsten
Ansprüchen genügt?
SPR-2: In
ihren besten Momenten sind solche Kompositionen vielschichtige
Zusammenhänge
von Bewegungsdarstellungen einerseits und Darstellungen von durch
Bewegungen
hervorgerufenen Gefühlswallungen andererseits, zugleich
Milieuschilderungen und
subjektive Kommentare.
|
Musik-18a: MARTINU: „Half-Time“
(der Beginn) Musik-18b: (... ab ca. 5:30) |
SPR-1: Einer der gelungensten Versuche stammt von dem
tschechischen Komponisten BOHUSLAV MARTINU. In seinem Orchester-Rondo
„Half-Time (Halbzeit)“ schilderte er die akustischen und emotionalen
Ereignisse rund um ein Fußballspiel. Im Vordergrund die bewegte
und aufs Äußerste erregte Masse der begeistert mitgehenden
Zuschauer, im Hintergrund skizziert das turbulent wogende
Spielgeschehen. SPR-2: Auch das bedrohliche Brodeln auf den
Rängen, die Aggressivität der Fans fängt das Stück
ein. Und dabei hätte er statt des Fußballpublikums durchaus
auch jenes Publikum zum Vorbild nehmen können, welches die Prager
Uraufführung seines Werkes 1924 zu einem Skandal gemacht hatte. SPR-1: Sein Freund, der Schriftsteller Vitezslav
Nezval, kommentierte eine Ballettkomposition Martinus: ZITAT: „Wir werden die Möglichkeiten eines neuen
Balletts studieren, eines Balletts auf der Straße, in Manegen und
Tanzlokalen, überall dort, wo Bewegung natürlich
exponiert ist. Wir werden seine spontanen Ausdrucksweisen bei
Fußball- oder Boxwettkämpfen suchen!“ 4 |
SPR-1: Der
moderne Wettkampfsport ist eine britische Erfindung.
Und
über die Geburtsstunde des erfolgreichsten modernen Spiels, des
FUSSBALLS, sind
wir detailliert informiert. Nach allem, was wir wissen, muß es
hoch hergegangen
sein damals, am 26. Oktober 1863, in der Londoner „Freemason’s Tavern“
(der
„Freimaurerschenke“ also). Wichtigster Punkt auf der Tagesordnung war
die
moralisch wie spieltechnisch bedeutsame Frage: Darf man einen
andersfarbig
gekleideten, kurzbehosten Mitmenschen vorsätzlich treten oder ihn
sonstwie
durch Einsatz roher Gewalt niederstrecken? Nun, die Meinungen der
Gentlemen
darüber gingen, wie sich im Verlauf der Sitzung zeigen sollte,
weit
auseinander. „To hack or not to hack?“ So überschrieb der
Fußballhistoriker
Christoph Bausenwein, frei nach Shakespeare, das Debattenthema, welches
die
Vertreter von elf Clubs und Schulen hitzig ausdiskutierten, um am Ende
den
ersten nationalen Fußballverband zu gründen. Und dazu
bedurfte es zunächst einmal
eines verbindlichen Regelwerks. Als konkreter Vorschlag lag dabei jener
Entwurf
auf dem Kneipentisch, welchen die Universität Cambridge für
das Fußballspiel
ausgearbeitet hatte. Und darin verbot §14 ausdrücklich das
„Stossen, Halten mit
den Händen, das Beinstellen und das Gegen-das-Schienbein-Treten!“
Die Abordnung
der Universität Rugby wollte dagegen sowohl das Tragen des Balles
mit den
Händen gestatten als auch das Rempeln, Treten und Festhalten des
Ballführenden
und die Erlaubnis, ihm das Leder unter Anwendung körperlicher
Gewalt
abzuringen. Lediglich ein gleichzeitiges Halten und Treten hätte
dann auch in
ihren Augen die Grenze des Fairplay ein wenig
überschritten. Es waren,
wie gesagt, äußerst erregte Auseinandersetzungen. Die
entscheidende Abstimmung
brachte schließlich 13 zu 4 Stimmen gegen das „Hacking“ –
woraufhin die
Rugby-Fraktion – vermutlich mit der Faust in der Tasche und irgendwas
über Verweichlichung
und Muttersöhnchen grummelnd – den Saal verlassen hat. Die
verbliebenen
Abgeordneten gründeten daraufhin quasi am Tresen den ersten
Fußballverband, die
„Football Association“. So entstand ein aus medizinischer Sicht
empfehlenswerteres Spiel...
SPR-2:...und
aus musikalischer Sicht eines mit einem ganz neuen, anderen,
fließenderen
Rhythmus.
SPR-1: Doch
das gefiel in Musikerkreisen offenbar nicht jedermann. Arthur
Honegger meinte:
ZITAT:
„Rugby scheint mir spontaner,
direkter, natürlicher als Fußball,
der etwas Wissenschaftliches an sich hat. Zwar kenne ich den mit
Verstand
vorbereiteten Ablauf eines fußballerischen Angriffs, doch bin ich
vom wilden,
harten, ungeordneten, verzweifelten Rhythmus des Rugby mehr
fasziniert....!“ 5
SPR-1:
Und dies dokumentierte er in
einem Mouvement symphonique
über ein Rugby-Match:
Musik-19:
HONEGGER „Rugby” (der Beginn)
ZITAT:
„Es wäre falsch, mein
Stück als Programmusik zu bezeichnen.
Es möchte ganz einfach die Angriffe und Gegenangriffe während
des Spiels, die
Bewegung und die Buntheit eines Matches im Pariser `Stade de
Colombes´ in
meiner musikalischen Sprache ausdrücken!“ 6
SPR-1: Eine
gewisse Vorliebe fürs Archaische manifestierte sich auch
in einem
anderen Stück aus seiner Feder:
SPR-2: Dem
„Schteinstosse“ aus der Suite „Schwizer Fäschttag“!
SPR-1: Nicht
verschwiegen werden soll allerdings, daß er auch ein Rollschuhballett
geschrieben hat.
SPR-2: Seine
Entscheidung für das Rugby und gegen den Fußball ist auch
deshalb interessant,
weil er vermutlich Augenzeuge gewesen ist eines folgenreichen
sporthistorischen
Ereignisses.
Arthur
Honegger nämlich saß in der Kunstjury bei der Olympiade 1924
in Paris. Und dort
dürfte er hautnah miterlebt haben den ersten spektakulären
Auftritt
südamerikanischer Ballzauberer auf dem europäischen Rasen.
Für die hiesigen
Balltreter ein geradezu traumatisches Erlebnis.
ZITAT:
„Europa hatte noch nie einen Schwarzen, einen `Neger´,
Fußball spielen sehen.
Bei den Olympischen Spielen begeisterte der Uruguayer José
Leandro Andrade mit
seinen brillanten Spielzügen. Bei einem der Spiele lief er mit dem
Ball auf dem
Kopf über den halben Platz. Die Zuschauer jubelten ihm zu, die
Presse nannte
ihn `das schwarze Wunder´. Als das Turnier vorüber war (und
Uruguay
Olympiasieger), da beschloß Andrade, noch eine Weile in Paris zu
bleiben. Dort
lebte er fortan wie ein Bohemien und König der Nachtclubs...!“
7
SPR-2: Von
Hause aus war Andrade übrigens Sänger, Tänzer und
Klavierstimmer !
|
Musik-20: PIXINGUINHA:
„Um a Zero (1 zu 0)“ |
SPR-1: Und nun hören wir eine der ganz wenigen
instrumentalen Fußballmusiken. Etwa
zur gleichen Zeit, als Honegger dem Rugby huldigte - und damit einem
Spiel, in welchem alle Aktionen schon nach wenigen Sekunden im
Getümmel zu enden pflegen – da versuchte in Rio de Janeiro – im
Schatten des Stadions „Maracana“ - PIXINGUINHA, der Meister des
„Choro“, den bis dahin größten Triumph einer brasilianischen
Nationalmannschaft in Töne zu übersetzen, und dabei den
leichtfüßig schwerelosen Stil der „Seleção“
einzufangen. Im
Endspiel des Südamerika-Cup 1919 schlug man Uruguay mit
1-0. Und „Um a Zero (1 zu 0)“ heißt denn auch das Stück. SPR-2: Der umjubelte Torschütze, und bis heute
neben Pelé im Lande berühmteste Fußballer, hieß
Artur Friedenreich. Seine Mutter war eine schwarzafrikanische
Wäscherin, sein Vater ein Ingenieur aus Hamburg. Er
beansprucht übrigens das Urheberrecht für eine der
schönsten Künste, die es auf dem Fußballplatz zu
bewundern gibt: den Schuß mit Effet ! |
SPR-1: Nicht
nur die Rugby-Fraktion verfluchte die Kicker. Hierzulande waren ihre
natürlichen Feinde lange Zeit die Turner. Und die
wetterten nicht
zuletzt aus ästhetischen Gründen gegen die
„Fusslümmelei“, wie sie es
nannten.
1898
veröffentlichte ein Stuttgarter Turnlehrer namens Karl Planck
wutentbrannt eine
vielzitierte Streitschrift...
ZITAT: „Über
das Stauchballspiel und die englische Krankheit:
Zunächst
ist jene Bewegung - der Tritt gegen einen Fußball - ja schon, auf
die bloße
Form hin gesehen, häßlich. Das Einsinken des Standbeins ins
Knie, die Wölbung
des Schnitzbuckels, das tierische Vorstrecken des Kinns erniedrigt den
Menschen
zum Affen. Welcher Bildhauer würde sich von einer solchen
Erscheinung zu
künstlerischer Darstellung begeistern lassen? Unsereiner erlaubt
sich also
nicht nur diese Errungenschaft englischen Aftersports gemein,
sondern
auch lächerlich und widernatürlich zu finden. Ei, so sieh ihn
doch an, den
feuchtohrigen Laffen, wie er mit seinen bunten, frisch aus Albion
geholten Flicken und dem breitesten englischen Bulldoggengesicht dem
erstaunten
Rapsbauern sein `half time´ und `full-back´
entgegenfletscht! Wer das
mitansehen muß, dessen Geduld ist `out´; er macht einen
wütenden `try´, den
ganzen Fußball-`match´ mit einem `kick´ in die Luft
zu sprengen!“8
SPR-1: Und
die strammen Turnväter und –söhne, die hatten außerdem
bereits ihre ureigenen
Musiken, in welchen sich die strengen Choreographien ihrer
Brust-raus-Bauch-rein-und-hoch-das-Bein-Exerzitien
ausdrückten.
SPR-2: 1926
komponierte LeoS Janacek
für die
Turnbewegung „Sokol“ eine „Musik zum Keulenschwingen“:
|
Musik-21: JANACEK
„Musik zum Keulenschwingen“ |
SPR-1: Kraftvoll pendelnde Bewegungen, ein gesittetes
Publikum, keine Tumulte oder überschnappende Emotionen -
Leibeszucht im strengsten Sinne. SPR-2: Interessant ist der Adressat dieser
Komposition. Selbst Mitglied eines „Sokol“-Vereins, hatte Janacek auch
seiner vielgespielten „Sinfonietta“ ein turnerisches Motiv
zugrundegelegt. Jenes Werk entstand aus der Fanfare für ein
Turnfest. „Sokol“
(Der Falke) wurde 1862 in Prag gegründet und wurde zu einer
nationalistisch geprägten, über das sportliche hinaus auch
politisch aktiven Sammelorganisation des Panslawismus – ganz nach dem
Vorbild des ebenfalls patriotisch gesinnten deutschen Turnerbundes. |
SPR-2: Von
seinem Stammplatz im Pariser Bohème-Viertel Montmartre
aus machte sich
ERIK SATIE gerne auch einmal lustig über all die blasierten Snobs
und die
verbissenen Ehrgeizlinge im Umfeld der Sportplätze. Und eine
schöne Gelegenheit
dazu bot sich ihm, als er 1914 den Auftrag erhielt, eine Reihe von
Zeichnungen
des Malers Charles Martin zu vertonen. Strawinsky hat zuvor
entrüstet
abgelehnt, weil ihm das angebotene Honorar als geradezu
ehrenrührig mickrig
erschienen war, Satie aber dürfte ob der für seine
finanziellen Verhältnisse
geradezu astronomischen Summe einen Freudensprung gemacht und sich ein
Gläschen
vom besten Absinth bestellt haben. Und inspiriert von der „Grünen
Fee“ (dem
Geist des Wermuts) ging er sogleich ans Werk. Mit pechschwarzer Tinte
auf roten
Notenlinien schrieb er zwanzig sekundenkurze Klavierminiaturen. Der
Titel der
Sammlung: „Sports et Divertissements (Sport und Vergnügungen)“.
Mit relativ
geringem kompositorischen Aufwand, aber viel Witz, entstanden so kleine
Pretiosen, die sich unter den humorvolleren Klassikhörern bis
heute zu Recht
größter Beliebtheit erfreuen.
SPR-1: Nummer 10 - „Das Golfen“:
Musik-22: SATIE
„Golf“ (aus “Sports et Divertissements”)
SPR-1:
Sich in den spezifischen
Rhythmus des jeweiligen Spiels
einzuklinken, um ihn dann bewußt zu übertreiben, zu
deformieren, zu
persiflieren, und gleichzeitig auch noch gewissermaßen eine
Milieustudie zu
zeichnen. Das war seine große Kunst.
SPR-2: Auch
einigen begleitende Verse hat Satie zu den Bildermusiken verfasst. Etwa
über
„Tennis“:
Musik-23: SATIE
„Tennis“
(„Play?
Yes! Guter Aufschlag. Was hat er für schöne Beine! Er hat
eine schöne Nase.
Geschnittener Aufschlag. Game!“)
SPR-1:
Sein persönlicher Freund
und künstlerische Widerpart, Claude
Debussy, nahm den Tennisplatz als Spielfeld für sein Ballett
„Jeux“ – einer
erotischen Eifersuchtsszene mit weißen Röckchen, Bällen
und Schlägern. Und auch
ihn reizte natürlich – neben den optischen Schönheiten – der
typische
hypnotisch-meditative Rhythmus.
SPR-2: Beim
heutigen Power-Tennis - „Aufschlag-Ass-Fifteen-Love“ - kommt es
allerdings auf dem Centrecourt nach dem Ping
höchtens noch zu
ein-, zweimal Pong. Seit den Zeiten Boris `Bumm-Bumm´
Beckers ist das
musikalisch doch eher unergiebig.
SPR-1:
Daneben gab und gibt es aber
immer auch die unverhohlene Sehnsucht
der Schöngeister nach dem vermeintlich Rohen, Urwüchsigen und
Schmutzigen -
nach
der Working Class-Atmosphäre bestimmter Sportarten und
nach
existentiellen Grenzerfahrungen – zum Beispiel im Boxring:
Musik-24: aus
BRECHT & WEILL „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ (2.
Akt)
("Erstens
kommt das Fressen, zweitens kommt der Liebesakt, drittens das Boxen
nicht
vergessen, viertens das Saufen, laut Kontrakt...")
SPR-2:
Bert
Brecht und sein Komponist Kurt Weill schildern in
ihrer Oper den
„Aufstieg
und Fall der Stadt Mahagonny“, und darin ein Preisboxen
- mit
tödlichem Ausgang.
Dreieinigkeitsmoses
erschlägt vor johlendem
Publikum Alaskawolf Joe und
offenbart damit zugleich die menschenverachtende Brutalität eines
im
Kapitalismus entarteten Sports.
SPR-1: Jene halbseidene
Unterwelt, die Brecht und Weill besingen ließen, die
inspirierte auch
andere Komponisten dazu, sich einmal musikalisch dem Seilquadrat zu
nähern.
Der
Rumäne Filip Lazar komponierte 1918 eine symphonische
4-Minuten-Runde im
„Ring“, von Ernst Krenek gibt es aus den 20er Jahren eine Oper mit dem
Titel
„Das Schwergewicht oder die Ehre der Nation“ und Rugby-Freund Honegger
lieferte
in den 40ern die Filmmusik zu einer Dokumentation über die
„Geschichte des
Boxens in Frankreich“.
SPR-2:
Ganz sicher jugendfrei ist
dagegen das folgende Klavierstück
aus dem „Mikrokosmos“ von BELA BARTOK: „Der Ringkampf“.
Musik-25:
BARTOK „Der Ringkampf“ (aus „Mikrokosmos“)
SPR-2:
Gedacht als eine Etüde
für den Musikunterricht. Überhaupt finden
sich Sportszenen nicht selten in Kinder-Lehrstücken.
SPR-1: Doch
verlassen wir nun die Alte und werfen einen Blick in die Neue
Welt.
Die
Vereinigten Staaten wurden im 20. Jahrhundert zur führenden
Sportnation und
natürlich vertonten amerikanische Komponisten mit Vorliebe typisch
amerikanische Sportarten:
SPR-2: Ein
ausgemachter Sport-Enthusiast war Charles
Ives aus Danbury/Connecticut.
Das
erste Stück, das wir von ihm hören werden, „Baseball
Take-Off“, enthält eine
etwas verwirrende Anweisung, nach der es beendet werden sollte durch
einen...
ZITAT:
„...KO-Akkord – mit einem Baseballschläger !” 9
Musik-26: IVES: „Baseball Take-Off“ (aus “Studies for
Piano /
Nr. 23”)
SPR-2: Im
gleichen Opus gibt es noch ein weiteres Baseball-Werk: „Some South-Paw
Pitching
(Einige Linkshänderwürfe)“.
SPR-1: Sein
sportmusikalisches Hauptwerk aber war das „Yale-Princeton Football
Game“.
Ähnlich
wie Honegger liebte er an der amerikanischen Version des Rugby vor
allem die
Härte.
SPR-2:
Nebenbei bemerkt! Ein Spiel, welches fast ausschließlich mit den
Händen
gespielt wird, „Football“ zu nennen, das kann vermutlich nur den
Amerikanern
einfallen!?
SPR-1: Die
Partien zwischen den Universitäten Yale und Princeton
hatten eine
lange Tradition und fanden als Saisonhöhepunkte in der sogenannten
Ivy-League
statt.
Ives
(selbst sowohl ein aktiver Base- als auch Football-Spieler) studierte
damals in
Yale und beschreibt das Stück als eine...
ZITAT:
„...Karikatur in zwei Halbzeiten von jeweils zwei Minuten!“ 10
|
Musik-27: IVES „The Yale-Princeton
Football Game“ |
SPR-1: Es gibt einige schöne
autobiographische Zitate von ihm über das Wechselspiel
zwischen Sport und Kunst. ZITAT: „Als Knabe schämte ich mich bis zu einem
gewissen Grad der Musik. Wenn andere Jungs in den Schulferien Ball
spielten, hatte ich oft ein schlechtes Gefühl dabei, Klavier zu
spielen !“ 11 SPR-1: Sein Baseball-Team waren die Alerts und
in seinem Tagebuch findet sich in jungen Jahren eine vielsagende
Mischung aus Anmerkungen über seine sportlichen und seine
musikalischen Ambitionen: ZITAT:
„ 30. Mai – es hat
geregnet – wir schlugen die Fountain Boys 26 zu 12 ! Die
Musikstunde bei Mr. Hall ist ausgefallen! 22.
Juni – 3 zu 9 Niederlage gegen Flushing ! 6. Juli
- 6 zu 16 Niederlage gegen den YMCA !“ 12 ZITAT: „Beim Aufräumen meines Hauses fielen mir
einige Skizzen und Manuskripte zu Orchesterwerken in die Hände,
die viele Jahre zuvor, noch während meiner Studienzeit, entstanden
waren - darunter das Football-Spiel Yale-Princeton. Es
ist dies ein gutes Beispiel dafür, daß man, wenn man so
etwas musikalisch veranschaulichen will, ganz selbstverständlich
auf klangliche und rhythmische Kombinationen stößt, die sich
abseits aller Normen der regelhaften Musik bewegen. Will man so
etwa die Aufregung, die Geräusche und Lieder darstellen, die vom
Spielfeld und der Tribüne her tönen, so kann man das nicht
mit einer feinen Fuge in C-Dur tun. Ein Football-Spiel durch
Klänge darzustellen, würde bestimmt jedermann, auf die
gleiche Idee von Klangkombinationen bringen. Will man beispielsweise
eine Keilformation darstellen, was ist dann natürlicher, als
daß zuerst alle Spieler in Form der chromatischen Tonleiter
traubenförmig aneinanderhängen und sich dann allmählich
auf eine einzige Note am Ende konzentrieren? Die Spannung und Aufregung
der Zuschauer: auf-und absteigende Streicherfiguren und immer wieder
Tremolos auf den leeren Saiten. Schlachtrufe - Laufen mit dem Ball:
schnelle, sich verfolgende Trompetenfiguren etc. etc. Natürlich
und lustig anzuhören - aber schwer zu spielen !“ 13 SPR-1: Beim US-Publikum allerdings stieß seine
avantgardistische Skrupellosigkeit auf ein sehr geteiltes Echo. ZITAT: „Ich muss hinzufügen, daß viele
dieser Stücke als eine Art Etüde gedacht waren, d.h.
als Stücke, in denen mit Klängen, Rhythmen etc.
experimentiert wurde. Und zwar auf eine Art, die höflicherweise
als `Improvisation´ - von meinen Mitbewohnern jedoch als
`Ruhestörung´ bezeichnet wurde. Einiges davon wurde
aufgeführt - oder eher: ausprobiert - was normalerweise mit einer
Schlägerei oder in lautem Gezisch endete !“ 14 SPR-1: Nicht wenige Konzerte mündeten also quasi
in „sportliche“ Aktivitäten der Zuhörer. Und da Ives selbst
eine gewisse Kampfeslust besessen hat, genoß er es durchaus, sich
einem mißmutigen Publikum selbstbewußt entgegenzustellen.
Eingefangen hat er die erhitzten Debatten und künstlerisch
verarbeitet dann in einem seiner Hauptwerke, in einem vorsätzlich
auf Krawall gebürsteten Streichquartett, welchem er neben
der Nummer 2 noch den Untertitel „Arguments“ (Streitereien) gab und
Sätze mit den Spielanweisungen „Allegro con fisto - con
scratchy und als Finale ein con fistiswatto“! |
SPR-1: Zu
Amerika gehört natürlich unvermeidlich auch der Wilde
Westen ! Und zum Wilden
Westen gehören – Cowboys und Pferde!
SPR-2:
„Rodeo“ heißt ein Ballet von AARON COPLAND.
Ein
Tanzstück, witzigerweise bestellt ausgerechnet von einer
russischen Tanztruppe,
vom „Ballet Russe de Monte Carlo“!
SPR-1: Der
Inhalt in aller Kürze: ein toughes Cowgirl besiegt die Cowboys im
Rodeo,
bekommt aber natürlich einen Ehemann erst, als sie sich
demütig entschließt,
endlich ein Blümchenkleid anzuziehen und die Reitstiefel fortan an
den Nagel zu
hängen.
Musik-28:
COPLAND (Satz 1 „Buckaroo Holiday“) aus „Rodeo“
SPR-1:
Ein vollkommen anderes Ambiente
hat der Pferdesport in Europa.
Die
Rennbahn ist hier ein beliebter Tummelplatz der „High-Society“...
Musik-29: (kurz
dazwischenblenden) (Loriot bzw. Bendow & Krüger) (ab ca. 1:55)
„Wo laufen
sie denn...“
SPR-2: ...
und das provozierte natürlich viele Künstler zu ironischen
Studien über
befrackte Herren, gut behütete Damen und hochnäsige
Aristokraten.
SPR-1:
Selbstverständlich auch einen ERIK Satie:
Musik-30:
SATIE: „Pferderennen“
(„Der
Wiegeplatz. Kauf des Programms. Zwanzig und Zwanzig. An die Startlinie.
Los!
Die, die ausbrechen. Die Verlierer – spitze Nasen und hängende
Ohren!“)
SPR-1:
Hören wir nun zum Abschluß noch einen letzten kurzen Ballwechsel
aus dem
„Match für drei Spieler“ von Mauricio
Kagel, das unsere Sendung auch eröffnete.
SPR-2: Das Plop-Plop-Duell
hat Kagel gewissermaßen nächtens heimgesucht. Ein Traum
legte den Grundstein
für seine Komposition:
ZITAT: „Als
ich am Morgen des 1. August 1964 erwachte, wurde mir plötzlich
bewußt, daß ich
den Gesamtablauf eines musikalischen Stückes geträumt hatte,
und zwar in
unglaublich detaillierter Weise. An alle Einzelheiten konnte ich mich
noch
erinnern, vor allem natürlich an die Aufstellung der beiden
Cellisten - jeder
fast an der Rampe in einer der Bühnenecken - und dazwischen der
Schlagzeuger
als Vermittler und Schiedsrichter. Aufführungsanweisungen
und
Klangtypen, Anschlagsarten und Gestikulationen und vor allem der betont
`sportliche´ Charakter des Spiels hafteten in der Erinnerung mit
äußerster
Klarheit!“ 15
SPR-2: Die
Wiedergabe dieser Traum-Musik, freilich löste bei den Internationalen
Ferienkursen für Neue Musik in Darmstadt Lachen und
Empörung aus, denn in
dieser erlaucht intellektuellen Gesellschaft der 60er Jahre mußte
ein Traum
ebenso obszön sein wie eine - horribile dictu –
„sportliche“ Vorlage!
Musik-31: Kagel
(noch einmal die ersten Takte
aus) „Match“ (bis 0:55)
ZITATE
1. X
2.
Hans-Dieter Krebs: „Zwischen-Spiele – Über die Liaison von Sport
und Musik“
(Eigenverlag / Bergheim 1996) (S.15)
3.
(zit. nach www.berwald.gmxhome.de/diverse_beitraege.htm 20.11.06)
4.
(zit. nach Booklet zur CD s.u.)
5.
Krebs (S.26)
6.
(zit. Schneider „Lexikon Programmusik“ S.264)
7.
(Rainer Moritz „Und vorne fallen die Tore“ (München 2002) (S. 48)
8. (
Karl Planck „Fusslümmelei“ / Stuttgart 1898)
9.
Krebs (S.12)
10.
Ch. Ives: "Ausgewählte Texte: Essays before a Sonata; Nachwort zu
den 114
Liedern; Memos" (Zürich / 1985) (S.188f)
11.
ebd. (S.188f)
12. (
zit. nach www.markzobel.com/diss/chapter1.htm 25.11.06)
13.
Ives: "Ausgewählte Texte...“ (s.o.) (S. 163)
14.
ebd. (S.188f)
15.
Krebs (S.10f)
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SWR-„Dschungel“
vom 2.7.02 ABRAXAS
UND DER STEPPENWOLF:
„BORN TO BE WILD!“
HIPPIES LESEN HESSE
(von Lutz Neitzert)
MUSIK: „Born to be wild“ / STEPPENWOLF (nur das instrumentale Intro / beginnend mit dem startenden Motorrad)
HESSE-ZITAT: „Es war einmal einer namens Harry, genannt der
Steppenwolf.
Er ging auf zwei Beinen, trug Kleider und war ein Mensch, aber
eigentlich
war er doch eben ein Steppenwolf. Er hatte vieles von dem gelernt, was
Menschen mit gutem Verstande lernen können, und war ein ziemlich
kluger
Mann. Was er aber nicht gelernt hatte, war dies: mit sich und seinem
Leben
zufrieden zu sein. Dies konnte er nicht, er war ein unzufriedener
Mensch...!“
MUSIK: „Born to be wild“ / STEPPENWOLF (ab: „Like a true Nature’s Child...“)
HESSE-ZITAT: „Es gibt viele Menschen von ähnlicher Art, wie
Harry
einer war, viele Künstler namentlich gehören dieser Art an.
Und
diese Menschen, deren Leben ein sehr unruhiges ist, erleben zuweilen in
ihren Glücksaugenblicken so Starkes und unnennbar Schönes,
der
Schaum des Augenblicksglückes spritzt zuweilen so hoch und
blendend
über das Meer des Leidens hinaus, daß dies kurze
aufleuchtende
Glück ausstrahlend auch andere berührt und bezaubert!“
MUSIK: (noch einmal kurz das Motorrad vom Anfang / vor dem Einsatz
der
Musik ausblenden)
HESSE-ZITAT: „Komisch ist es, wie die verschiedenen Völker meine Bücher aufnehmen. In Deutschland sieht die literarische Jugend in mir nur noch einen komischen alten Romantiker, in Amerika dagegen schwärmt seit einigen Jahren die avantgardistische Jugend für ‘Steppenwolf‘ und ‘Demian‘!“
SPRECHER 1: Was jene neuen Leser dort drüben aber in und zwischen seinen Zeilen entdeckt hatten, darauf hat sich der alte Dichter wohl kaum einen rechten Reim machen können.
SPRECHER 2: Zwar hatte der Mainstream des anglo-amerikanischen Literaturbetriebs selbst nach seinem Nobelpreis 1946 von dem Poeten aus der schwäbischen Provinz nie Notiz genommen, doch gab es Außenseiter wie den Vagabunden und Pornographen Henry Miller, die sich für Hesse einsetzten und ihm zumindest in ihren Leserkreisen ein Publikum verschafften:
ZITAT: „Ich war es, der nach langen Bemühungen meinen New Yorker Verleger `New Directions´ endlich überreden konnte, eine erste Übersetzung des `Siddhartha´ herauszugeben. Man tat es ungern!“
SPRECHER 2: Und dann war da ein gewisser Colin Wilson, ein aus England stammender Tramp und Frühhippie, der in „The Outsider“, einem Kultbuch aller Freaks und Beatniks, allen Aussteigern Hesse‘s Erzählungen als Rucksacklektüre ans zivilisationsmüde Herz gelegt hatte.
SPRECHER 1: Vor allem für ihre „Morgenlandfahrten“:
MUSIK: „Suicide“ / HESSE BETWEEN MUSIC (nur das Intro)
SPRECHER 2: 1963, ein Jahr nach Hesse’s Tod, wurde das literarische
Establishment aus Kritikern, Verlegern und Deutschlehrern dann vollends
verblüfft. Auf die Pädagogenfrage...
SPRECHER 1: ...„Was will uns der Dichter sagen?“...
SPRECHER 2: ...gab in der „Psychedelic Review“, einem Zentralorgan
der Drogensubkultur, ein nicht ganz unbekannter Psychologieprofessor
von
der renommierten Harvard-Universität eine Antwort, die einem
deutschen
Gelehrten in dieser Zeit nun wirklich nicht in den Sinn gekommen
wäre.
SPRECHER 1: Sein Name war Timothy Leary und der kurze aber folgenschwere Aufsatz hieß:
ZITAT: „Hermann Hesse* - Poet of interior Journey!“
SPRECHER 1: „Hermann Hesse – Dichter der Reise nach innen!“
ZITAT: „Den meisten Lesern entgeht Hesses eigentliche Botschaft. Er ist der Meisterführer zum psychedelischen Erlebnis und seiner Anwendung. Vor deiner ersten LSD-Sitzung solltest du unbedingt Siddhartha und Steppenwolf lesen. Der letzte Teil des Steppenwolfs vor allem ist ein unschätzbares Lehrbuch!“
MUSIK: „My favorite Things“ / JOHN COLTRANE
HESSE-ZITAT: „`Freunde, ich habe euch zu einer Unterhaltung eingeladen,
die Harry sich schon lange wünscht, von der er schon lange
geträumt
hat!´ Aus einer Wandnische nahm Pablo drei Gläschen und eine
kleine drollige Flasche, nahm eine kleine exotische Schachtel aus
farbigen
Hölzern, schenkte aus der Flasche die drei Gläschen voll,
nahm
aus der Schachtel drei dünne, lange, gelbe Zigaretten, zog aus der
seidenen Jacke ein Feuerzeug und bot uns Feuer an. Jeder von uns
rauchte
nun, in seinem Sessel zurückgelehnt, langsam seine Zigarette,
deren
Rauch dick wie Weihrauch war, und trank in kleinen langsamen Schlucken
die herbsüße, wunderlich unbekannt und fremd schmeckende
Flüssigkeit,
die in der Tat unendlich belebend und beglückend wirkte, als werde
man mit Gas gefüllt und verliere seine Schwere. Das
Zeitgefühl
war mir verlorengegangen, ich weiß nicht, wieviel Stunden oder
Augenblicke
dies Rauschglück dauerte!“ 6
ZITAT: „Wer je psychedelische Drogen genommen hat, kann hierin und auch in der Vision des Govinda aus dem Siddhartha einen geradezu klassischen Trip-Report erkennen“ 7:
MUSIK: „Govinda“ / HESSE BETWEEN MUSIC (ab: „Er sah seines Freundes Siddhartha Gesicht nicht mehr, er sah stattdessen andre Gesichter, viele, eine lange Reihe, einen strömenden Fluß von Gesichtern, von Hunderten, von Tausenden, welche alle kamen und vergingen...!“ bis: „...und doch Siddhartha waren!“)
SPRECHER 2: Leary lieferte also eine schlüssige Interpretationshilfe, der jedes Blumenkind im Lotossitz, und sei es auch literarisch noch so unbelesen, zwischen seinen Räucherstäbchen und Cannabisplantagen selig lächelnd folgen konnte.
SPRECHER 1: Ein Journalist berichtete von einem Besuch in „Haight
Ashbury“,
dem batikverhangenen Flower-Power-Viertel von San Francisco:
ZITAT: „Plötzlich zog das Hippiemädchen ein völlig
zerlesenes
Taschenbuch aus seiner Schultertasche: `Wir lesen das hier!´ Es
war
das `Glasperlenspiel´. Und in der Küche, neben ein paar
zerpflückten
Paprikaschoten, fand ich den `Steppenwolf´!“
ZITAT: „Es scheint klar, daß Hesse ein psychedelisches Erlebnis beschreibt, einen durch Drogen herbeigeführten Verlust des Selbst, eine Reise in die innere Welt!“
SPRECHER 2: Ob Hesse nun selber einmal gekostet hat oder ob nicht? Darüber ist viel diskutiert und spekuliert worden. Bislang ohne schlagenden Beweis. Ausreichend Gelegenheit jedenfalls, die hätte er wohl gehabt.
SPRECHER 1: Die 20er Jahre...
SPRECHER 2: ...er schrieb gerade „Siddhartha“ und den
„Steppenwolf“...
SPRECHER 1: ...waren, wie man weiß, die Epoche der koksenden
Bohème. Und auch die Wissenschaft begann damals, sich intensiver
mit dem Thema Drogen zu befassen. Nicht weit von ihm entfernt, in
Heidelberg,
veröffentlichte ein Prof. Kurt Beringer seinen Bericht über
einen
spektakulären Selbstversuch mit dem Halluzinogen des mexikanischen
Peyote-Kaktus, „Der Meskalinrausch“, in dem sich Formulierungen finden,
die denen Hesse’s doch verblüffend ähneln:
ZITAT: „Ich sah das Sofa noch, auf dem ich lag. Alle meine Körperteile unterlagen keinen Schwergesetzen mehr. Es entstanden die phantastischsten Gebilde vor meinen Augen. Das wechselte und wogte, baute auf und verfiel, entstand in Variationen wieder, bald in endloser Perspektive im All sich verlierend. Ein zunehmendes, sich unermeßlich steigerndes Gefühl des Sichauflösens!“
SPRECHER 1: Einige Quellen wollen sogar wissen, daß Hesse diesen Beringer tatsächlich gekannt hat.
SPRECHER 2: Ebenfalls ganz in seiner Nähe, beim Baseler
Chemiekonzern
„Sandoz“, machte in den 40er Jahren...
SPRECHER 1: ...gerade entstand das „Glasperlenspiel“...
SPRECHER 2: ...der Pharmazeut Albert Hofmann eine Entdeckung und
versuchte
bald vor allem bei seinen dichtenden und denkenden Zeitgenossen
Begeisterung
für eine vielversprechende neue Substanz zu wecken. Ihr Name:
Lysergsäurediätylamid
oder kurz: LSD!
SPRECHER 1: Für Leary und seine Anhänger jedenfalls war es längst ausgemachte Sache,...
ZITAT: „... daß unter der Oberfläche seiner Allegorien die Geschichte einer psychedelischen Bruderschaft aus dem wirklichen Leben schwelt. So liegen die Indizien nahe, daß in der historischen Wirklichkeit ein Schriftsteller namens Hermann Hesse und seine Freunde gemeinsam durch die grenzenlosen Schauspiele des erweiterten Bewußtseins wanderten!“
SPRECHER 1: Leary gab selbst einmal in einem Theater-Happening im New Yorker East-Village vor Publikum den „Steppenwolf“, seinen konspirativen Landsitz nannte er „Kastalia“ – wie das Reich der geheimnisvollen „Glasperlenspieler“ - und sein Wort, das hatte Gewicht in der Popszene.
SPRECHER 2: Die Rockband „Sparrow“ des deutschstämmigen John
Kay....
SPRECHER 1: ...geboren als Joachim Krauledat in Tilsit...
SPRECHER 2: ...änderte ihren Namen um in „Steppenwolf“* und mit
ihrer Highway-Hymne „Born to be wild“ zum Kinofilm „Easy Rider“ fuhr
Hesse’s
Geist schließlich selbst in ölverschmierte Biker-Seelen.
SPRECHER 1: Zerfledderte...
SPRECHER 2: ...und also gelesene...
SPRECHER 1: ...Hesse-Paperbacks stapelten sich auf den
Marshall-Verstärkern
studentenbewegter Garagenbands und auch die bildenden Künstler des
Pop entdeckten ihn als Sujet. Andy Warhol schuf ein sehr seltsames
Porträt,
das ihn zeigt mit leuchtend orangefarbenen Haaren, wie er
genüßlich
eine bläuliche Rauchschwade schmaucht.
SPRECHER 2: Und was wohl liest jener weltberühmte Beagle, was
liest
„Snoopy“, rücklings oben auf dem First seiner Hundehütte
liegend,
umflattert von einem kleinen gelben Vögelchen mit dem schönen
Namen „Woodstock“: Hermann Hesse !
SPRECHER 1: Überall in der übrigen Welt kam mit den
Gammlern
und den Jutesäckchen schließlich auch Hesse in die Scene.
MUSIK: „Steppenwolf“ / HAWKWIND
SPRECHER 2: Bob Calvert, der Sänger der englischen Kifferband
und
Musikkommune „Hawkwind“, verwandelte sich in einer Bühenshow mit
viel
Brimborium allabendlich in einen stilechten „Harry Haller“ - mit
schwarzem Gehrock, Zylinderhut, Spazierstock und bleichem Teint,
flackernd
beleuchtet von Stroboskop-Blitzen und umgarnt von einer steppend
strippenden
Ausdruckstänzerin.
MUSIK: „Steppenwolf“ / HAWKWIND (ab: „I am a
Wolfman...!)
HESSE-ZITAT: „Das Magische Theater! Eine anarchistische Abendunterhaltung! Nicht für jedermann! Nur für Ver-rück-te! Eintritt kostet den Verstand!“
MUSIK: „Steppenwolf“ / HAWKWIND (ab: „Sign red to the Magic
Theatre...!“)
SPRECHER 1: Schon Leary deutete Hesse’s Bild vom „Magischen Theater“
kurzerhand als Synonym für bewußseinserweiternde
Drogen-Exzesse:
ZITAT: „Jede Tür im magischen Theater trägt eine
Aufschrift.
`Auf zum fröhlichen Jagen! Hochjagd auf Automobile!´
führt
zu einer Orgie mechanischer Zerstörung. `Anleitung zum Aufbau der
Persönlichkeit! Erfolg garantiert!´ bezeichnet eine Art
Schachspiel,
in der die Figuren Teile der Persönlichkeit sind.
`Wir zeigen demjenigen, der das Auseinanderfallen seines Ichs erlebt
hat, daß er die Stücke jederzeit in beliebiger Ordnung neu
zusammenstellen
kann´.
Und die letzte Tür: `Alle Mädchen sind Dein´!“
MUSIK: „Steppenwolf“ / HAWKWIND (die deutsch gesungene
Passage:
„Ich weiß nicht, was ich sagen soll....!“)
SPRECHER 2: Das „Life-Magazine“, stets auf der Höhe der Zeit,
schrieb
1968:
ZITAT: „Hesse spricht die Sprache der Jugend. Bei ihm fühlt sie
sich nicht mehr an Ketten gelegt. Indem sie der Vergangenheit einen
Tritt
versetzen und elterliche Autorität zu Grabe tragen, sprengen
Hesses
Helden, zwischen Intellekt und Gefühl hin- und hergeworfen, ihre
Begrenzungen
und werden mündig!“
SPRECHER 1: Nur in seinem Heimatland Deutschland dauerte es etwas länger, bis er neben Marx und Freud seinen Platz in den WG-Regalen und Vorlesungsverzeichnissen gefunden hatte.
SPRECHER 2: Für einen kalifornische Studenten war er immer auch
ein liebenswert merkwürdiger Exot aus dem sagenumwobenen
Schwarzwald/Germany
(near Heidelberg). Die Kneipe „Steppenwolf“ auf dem Campus von Berkeley
war denn auch – na was wohl? Natürlich eine zünftige
Bier-Stube!
SPRECHER 1: Für einen deutschen Kommilitonen jedoch war Hesse’s Herkunft zunächst einmal alles andere als „hip“. Assoziierte man etwa mit seiner Geburtsstadt Calw doch wohl eher Familienurlaubsalpträume. Und standen seine Bücher - in dickem Ledereinband – nicht auch verstaubt in Papas eiche-rustikaler Schrankwand?! Außerdem diese altbackene Sprache!
SPRECHER 2: Dagegen klangen die englischen Übersetzungen seiner Texte per se schon wesentlich moderner.
ZITAT: „Wenn ein deutscher Professor die Tollkühnheit besäße, eine Vorlesung über Hesse zu halten, so hätte er sofort mit einem Go-In oder anderen massiven Störungen zu rechnen!“
SPRECHER 1: Das änderte sich erst, als immer mehr der verehrten Idole aus den USA sich als glühende Hesse-Fans outeten.
MUSIK: „Samba Pa Ti“ / SANTANA
HESSE-ZITAT: "We stood before it and began to freeze inside from the exertion. We questioned the painting, berated it, made love to it, prayed to it: We called it mother, called it whore and slut, called it our beloved, called it Abraxas!"
SPRECHER 2: Dieser Satz aus dem „Demian“ zierte als mysteriöse Botschaft das Cover des legendären „Santana“-Albums „Abraxas“.
HESSE-ZITAT: „Ich stand davor und wurde vor innerer Anstrengung kalt bis in die Brust hinein. Ich fragte das Bild, ich klagte es an, ich liebkoste es, ich betete zu ihm; ich nannte es Mutter, ich nannte es Geliebte, nannte es Hure und Dirne, nannte es Abraxas!“
SPRECHER 2: „Abraxas“, ein altes gnostisches Zauberwort, war für Hesse, wie der „Steppenwolf“, eine Metapher dafür, daß die menschliche Existenz einige Abenteuer zu bieten hat jenseits der spießbürgerlichen Vollkasko-Gesellschaft. Auch im eigenen, im eigensinnigen Kopf – für den, der ihn nicht zu früh der Normalität beugt.
SPRECHER 1: Oder als die großen „Doors“ in Frankfurt
hessischen
Boden betraten und ihr Sänger eine Journalistin mit einer
spontanen
kleinen Rezitation überraschte:
ZITAT: „Gegenüber Florentine Pabst vom `Stern´ schwärmt
Jim Morrison von Rainer Maria Rilke und Nietzsche und dann sagt er ihr
ein Gedicht von Hermann Hesse auf. Als diese ihn daraufhin aber auf den
deutschen Dichter Friedrich Schiller anspricht, gibt er zu, von diesem
noch nie gehört zu haben!“
SPRECHER 2: Schließlich war auch hierzulande der Imagewandel vollzogen und die Buchhandlungen vermeldeten erste Rekordverkäufe des ehemaligen Ladenhüters.
SPRECHER 1: Langhaarige pilgerten in Scharen nach Calw oder ins nahegelegene Kloster Maulbronn, dorthin, wo Hesse als Schüler Internatstorturen durchlitten hatte.
MUSIK: „Piktors Verwandlungen“ / ANYONE’S DAUGHTER
SPRECHER 2: Eine angesagte süddeutsche Krautrockband, „Anyone’s Daughter“, vertonte sein Märchen „Piktors Verwandlungen“ und im hohen Norden, da nuschelte ein junger Barde mit Schlapphut auf der „Andrea Doria“:
MUSIK: „Er wollte nach London“ / UDO LINDENBERG (aus dem Album
„Alles
klar auf der Andrea Doria“)
(Daraus den Schluß: „Inzwischen ist er Neunzehn und er weiß
immer noch nicht so genau was er denn nun davon halten soll, von dieser
ganzen Schau. Viele Sachen sieht er anders und er glaubt auch nicht
mehr
so daran, daß es nur an der Umgebung liegt. Vielleicht kommt es
doch
mehr auf einen selber an. Und nun liest er ein Buch von HERMANN HESSE
und
nun macht er Meditation. Doch er findet Jerry Cotton auch sehr stark
und
er lernt jetzt auch noch Saxophon!“)
HESSE-ZITAT: „Senor Pablo! Seine Beschäftigung war das
Saxophonblasen
in der Jazzkapelle, und diesem Berufe schien er mit Liebe und
Leidenschaft
obzuliegen!“
MUSIK: „My favorite Things“ / JOHN COLTRANE
SPRECHER 1: Die Jazzgemeinde war damals gerade auf der Suche nach philosophischen Stichwortgebern und da man außerdem damit beschäftigt war, sich intensiv mit östlichen Musiken auseinanderzusetzen, führte auch hier letztlich kein Weg vorbei an „Siddhartha“:
ZITAT: „Für viele von uns war Hermann Hesse der Erste, der sie den ewigen Kreis der Energie gelehrt hatte...!“
SPRECHER 2:... raunte der Freejazz-Trompeter Don Cherry und Joachim
Ernst Berendt, der Jazzpapst des Südwestfunks, ließ sich
sofort
inspirieren und produzierte mit der Gruppe „Between“ den
Soundtrack
zum Chill-Out für so manche Abiturientenfete der 70er Jahre:
ZITAT: „Hesse between Music“!
MUSIK: „Om Namo Buddhaya“ / HESSE BETWEEN MUSIC
SPRECHER 1: Zuletzt schlossen dann auch die politischen Revoluzzer ihren Frieden mit dem Missionarssohn aus Baden-Württemberg. Fanden sie doch in seinen Schriften durchaus auch scharf formulierte politische Thesen, die ebenso auf ihren Demo-Transparenten und Flugblättern hätten stehen können:
MUSIK: „Zarathustra“ / HESSE BETWEEN MUSIC „Zarathustra“
HESSE-ZITAT: „Wer für geistige Werte arbeitet, wird immer
sowohl
die Hurrah-Patrioten, wie auch die Portemonnaie-Patrioten gegen sich
haben,
und sehr oft sind beide in einer Person vereinigt!“
„Alles Geld ist gestohlen, alle Habe ist ungerecht!“
„Ich bin immer für die Unterdrückten gegen die
Unterdrücker,
für den Angeklagten gegen die Richter, für die Hungernden
gegen
die Fresser gewesen!“
„Ich habe Verständnis für eine jugendlich-idealistische
Weltanschauung
der Verachtung des Geldes!“
„Bedroher unserer Welt und jedes Friedens sind jene, die den Krieg
wünschen, die ihn vorbereiten und uns durch vage Versprechungen
eines
kommenden Friedens durch die Angst vor Überfällen von
außen
zu Mitarbeitern an ihren Plänen zu machen versuchen!“
„Zum Amtlichen und Offiziellen verhalte ich mich nach wie vor
zähneknirschend!“
„Das, was in der Welt vorgeht, ist eine der letzten Etappen im
Zusammenbruch
der kapitalistischen Wirtschaft!“
„Daß die sozialen Zustände am Ende der kapitalistischen
Epoche nicht mehr lebensfähig sind und vom Aufstand der
Benachteiligten
weggefegt werden, ist unvermeidlich!“
MUSIK: „Just like Hermann Hesse“ / GRAHAM PARKER (zwischen den
Strophen unterbrechen für die letzten Sprecher-Texte und Zitate)
SPRECHER 2: Doch zusammen mit den Hippies verschwand auch Hermann
Hesse
schließlich in den Achtzigern wieder von der Bildfläche. Die
Yuppies im Golf-Cabrio und im Designer-Outfit hatten offenbar anderes
im
Sinn...
SPRECHER 1: ...die Börsenhaie fraßen den Steppenwolf...
SPRECHER 2: ...und ein etwas deprimierter Tim Leary berichtet von einer
desillusionierenden Begegnung mit dem akademischen Nachwuchs:
ZITAT: „Daisy was a 20-year-old Stanford marketing student with an
IQ
about as high as the dollar-yen exchange rate. I mentioned the name
Hermann
Hesse to her and she looked puzzled.
`Sounds like a German tennis professional´, she answered with
a grin. `Oh no! Oh no!´ I said: `Hammering Herm...“
SPRECHER 2: ... Bum-Bum Hermann...
ZITAT: „... won the Nobel Prize for Literature in 1946!´ `So
what!?´“
SPRECHER 1: Doch, wer weiß, vielleicht könnte sich das im beginnenden 21. Jahrhundert wieder ändern? Einige Vorzeichen stehen ganz gut für eine Wiederkunft von „Narziß & Goldmund“!
HESSE-ZITAT: „Mir schiene für sehr viele schwer seelenkranke Menschen der rasche Verlust ihres Vermögens und die Erschütterung ihres Glaubens an die Heiligkeit des Geldes durchaus kein Unglück, sondern die sicherste, ja die einzig mögliche Rettung zu bedeuten!“