FUSSBALL     (Zu den Themen dieser Seite biete ich auf Anfrage jederzeit gerne Vorträge bzw. Seminare an!)
 
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Am 12. Juni 2004 erschienen im 
Verlag Peter Kehrein (info@kehrein.de)
Lutz Neitzert: 
DIE FRÜHEN JAHRE DES FUSSBALLS 
Ein Spiel entsteht und Fusslümmel erobern Neuwied 

( ISBN 3-934125-06-9 )    9,80 €
von Dr. Lutz Neitzert:

Tor oder nicht Tor?

Hat dieser Ball die Linie (der Regel gemäß) überschritten?
Aha!
Und Sie sind da ganz sicher?

Nun, dann klicken Sie sich doch einmal weiter zur
KLEINEN REGELKUNDE
 
 

 

Drei  FULLERENE


Die erste Konstruktionszeichnung dieser ingeniösen (60-Eck-)Form aus sinnreich gruppierten 5 & 6-Ecken stammt von LEONARDO DA VINCI.
Entstanden ist sie im Rahmen seiner geometrischen Versuche, eine möglichst perfekte Annäherung des Runden an das Eckige zu erreichen. (Im Kontext allgemeinerer Studien zur Quadratur des Kreises):

In der Chemie entdeckte man 1981 ein neues Kohlenstoff-Molekülgitter (C60) mit erstaunlichen Eigenschaften und benannte es nach dem Architekten der (formgleichen) legendären Kuppel des amerikanischen Pavillons auf der Weltausstellung 1967 
RICHARD BUCKMINSTER-FULLER:

Und wenn also schon das Spielgerät ein derart formschönes und geniales Gebilde ist...
 
 

 

„Mit einer gewissen Verwegenheit kann behauptet werden, daß der Fussball deswegen so viele Menschen begeistert, weil er schlicht und einfach das beste aller Spiele ist: weil er einfach zugänglich und zu verstehen ist; weil er dennoch immer abwechslungsreich, komplex und anspruchsvoll in seinem Ablauf bleibt; weil der Ball in seiner Eigenbewegung den Spielverlauf mitbestimmt; weil durch die Unzulänglichkeit der Füsse Kunstfertigkeit und klägliches Mißlingen so nahe beieinanderliegen, weil das Spielfeld von jeder Mannschaft systematisch gegliedert wird und dennoch Raum für vielfältigste spontane Aktionen bietet; weil der Ball immer frei bleibt und daher ständig umstritten ist; schließlich, weil das Tor eine Rarität ist, deren Wert man gar nicht überschätzen kann!“
(CHRISTOPH BAUSENWEIN)

„Fussball leert den Kopf. Radikal und komplett...        (Es) gibt kein Grübeln und keine Gedanken, die über das Spiel hinausgehen. Neben der leichten, schwebenden Leere ist nur noch für ganz einfache Fragen Platz...     Wird die Flanke präzise genug sein? Wird der Kopfball im Tor landen? ... 
Das Denken wird schlicht, und man gerät in eine wunderbare Balance von Gelöstheit und völliger Anspannung... 
In einem Fussballspiel kann ich versinken. Das unterscheidet Fussball von allen anderen kulturellen Veranstaltungen. In Musik, in Bildern oder Büchern versinke ich nie, eher fliegen die Gedanken davon. 
Nur im Fussball gehe ich verloren!“
(CHRISTOPH BIERMANN)

 

FUSSBALL-HISTORIE

Aus der Vorgeschichte des modernen Fussballs gibt es zahlreiche Berichte von entfernt ähnlichen Spielen mit kugelförmigen Objekten aus China, dem vorkolumbianischen Amerika oder der europäischen Antike und dem Mittelalter - zumeist verbunden mit der Einforderung des eigentlichen Urheberrechts.
Christoph Bausenwein nennt in seinem Buch „Geheimnis Fussball“ in diesem Zusammenhang einige der oft zitierten Daten:
2967 v.Chr. – Der Legende nach soll der chinesische Kaiser Huang-Ti ein
                       Fussballspiel namens „T’su Küh“ erfunden haben.
um 1300 v.Chr. – existierte in Mittelamerika eine Ballspiel-Kultur bei den Olmeken.
4.Jahrh.v.Chr. – erwähnt der griechische Komödiendichter Antiphanes ein Fuss-Ballspiel.
um 160 n.Chr. – schreibt der Arzt Galen eine Abhandlung über „Das Spiel mit dem kleinen Ball“.
217 n. Chr. – soll eine Mannschaft aus römischen Legionären in einem
                     „Harpastum“-Match von einem britischen Team besiegt worden sein.

Daneben beharrten die Italiener stets auf ihrem „Calcio“, der seit dem 15. Jahrhundert in Dokumenten gut illustriert ist, als eigentlicher Urform:
„Der Calcio ist ein öffentliches Spiel zweier zu Fuß agierender... unbewaffneter Mannschaften von Jugendlichen, die... um der Ehre willen wetteifern, einen... Ball über (einen) gegenüberliegenden Endpunkt hinaus zu bringen!“
(s. Bausenwein S. 113f)
Fanden diese Events vor allem in Städten wie Florenz, in geometrisch abgezirkeltem Renaissance-Ambiente, statt, so handelte es sich beim französischen Pendant, dem (schon seit dem 12. Jahrhundert belegten) „Soule“, um ein Querfeldeinspektakel der Landjugend (vor allem in der Bretagne und in der Normandie).
Dies alles jedoch waren entweder eher rituelle Exerzitien als Sport-Spiele im modernen Sinn (insbesondere im außereuropäischen Raum) oder es handelte sich dabei um weitgehend unregulierte Massenprügeleien um einen ballähnlichen Gegenstand.
Ein Zeitzeuge aus dem Jahr 1698 bemerkte lakonisch:
"Der Ball ist aus Leder, groß wie ein Kopf und mit Luft gefüllt. Er wird getragen, oder mit dem Fuss durch die Straßen getrieben - von demjenigen, der ihn erreichen kann. Weiterer Kenntnisse bedarf es nicht!"
(zit. nach Theo Stemmler: „Kleine Geschichte des Fußballspiels“ / Frankfurt - 1998).

Erste schriftliche Hinweise auf Derartiges in England datieren aus dem 14. Jahrhundert und beinhalten allesamt königliche Erlasse zum Verbot der oft kriegerischen Schlachten. Bei diesen „Volksfussball“-Matches ging es, gelinde gesagt, etwas ungehobelt zur Sache. Meist traten dabei ganze Ortschaften oder Stadtteile gegeneinander an. Es gab noch keine strikte Einteilung in Akteure und Zuschauer und die Sache geriet mehr als ein Mal völlig außer Kontrolle. Typisch für ein solches Ereignis (und seither Synonym für lokale Konfrontationen auf sportlicher Ebene) war das „Derby“. Jener berühmt-berüchtigte „Shrove-Tuesday-(Fastnachtsdienstags)“-Kampf zwischen den Pfarrbezirken All Saints und St. Peter's in Derby. Beteiligt waren hier oft bis zu 1000 Spieler. Die Spieldauer betrug rund sechs Stunden. Es ging dabei über Stock und Stein - zum Spielfeld gehörte auch der angrenzende Fluss – mit dem Ziel den Ball (mit allen Mitteln) quasi als Beute für das eigene Kirchspiel zu erobern – koste es, was es wolle!
Das änderte sich erst mit der industriellen Revolution. Die Unterklasse wurde in ein alle Körperkräfte ausbeutendes Fabriksystem gepresst, so daß niemand mehr den Drang verspürte zu solch exzessiven Belustigungen. Um 1850 war der Volksfussball dann im öffentlichen Raum und im Dorfleben weitgehend verschwunden.
Das Verbot des „Derby“ und seine Beendigung durch massiven Polizeieinsatz am 16. Februar 1847 markierten das Ende dieser Ära.
Danach begann in England – hinter den Mauern einiger Schulen und Hochschulen – jener Transformations- und Zivilisierungsprozeß, der das Spiel zuletzt zum idealen Freizeitvergnügen der gerade im Entstehen begriffenen Industriegesellschaft werden ließ.
Doch es dauerte einige Zeit, ehe die richtige Mischung aus Kraft und Geschicklichkeit, Teamgeist und Individualismus, Selbstkontrolle und Strafjustiz gefunden war, die es funktionieren ließ.
Dazu kam als prägende Voraussetzung jene oft beschriebene spezifische Atmosphäre an englischen Public Schools und Universitäten.
Die Einübung britischer Tugenden stand hier immer gleichrangig neben der Vermittlung von wissenschaftlichem Handwerk. Absolventen sollten hernach ebenso befugt sein, Führungsaufgaben zu übernehmen, wie sie jederzeit bereit sein mußten, sich im gegebenen Fall selbstverständlich ein- und unterzuordnen.
Und in allen Situationen galt es vor allem anderen, Haltung zu zeigen und Haltung zu bewahren:  „To keep a stiff upper lip!“ – bei  Niederlagen im Sport hieß dies, nicht die Fassung zu verlieren, aber auch bei Siegen niemals in Triumphgeheul auszubrechen.
(Für einen Sportreporter unserer Tage sicher eine ganz schreckliche Vorstellung!)
Was die internen Hierarchien dort anbetraf, so sind diese nicht zuletzt literarisch-belletristisch immer wieder sinnfällig beschrieben worden.
Einerseits war die Autorität des Lehrkörpers im eigentlichen Schulbetrieb unantastbar. Andererseits aber wurde es den Schüler in ihrer Freizeit ganz bewußt gestattet, ihre eigenen Regeln auszuhandeln und auszuprobieren. Hier herrschten dann zumeist recht rüde die älteren über die jüngeren Semester. Und nicht zuletzt harte Mannschaftsspiele dienten dabei gewissermaßen als „Initiationsriten“ - wie etwa das berühmte „Wall-Game“ in Eton.
Als jedoch Mitte des 19. Jahrhunderts vielerorts diese Formen pseudo-sportlicher Auseinandersetzung immer exzessiver zu werden drohten, sahen die Schulleiter schließlich doch Handlungs- und rigoroseren Regelungsbedarf.
Der Direktor von Rugby war der erste, der 1846 „The Laws of Football as played at Rugby School” schriftlich fixierte, um sicherzustellen, daß die Matches den ihnen zugedachten pädagogischen Zielen dienlich blieben: die Schüler von noch unmoralischerem Zeitvertreib (Trinken, Wetten und schlimmeren Unsittlichkeiten) fernzuhalten und ihnen zugleich Werte wie Disziplin, Durchsetzungsvermögen, strategisches Denken, Nehmerqualitäten und Fair-Play zu vermitteln.
Andere Lehranstalten folgten dem Beispiel.
1849 veröffentlichte Eton sein Regelwerk, welches erstmals ein absolutes Verbot des Handspiels einführte und damit (abgesehen von einer noch eher informellen Satzung aus Cambridge, entstanden im Jahr zuvor) als erstes Fussball-Regelwerk im engeren Sinne gilt.
Als sich dann die ersten außerschulischen Fussballclubs gründeten (- 1857 als erster  der „FC Sheffield“ -) und also auch Erwachsene fortan mitspielen wollten, wurde es schließlich notwendig, schnell einen landesweit gültigen Codex zu erarbeiten.
Der Geburtstag des modernen Fussballs war der 26. Oktober 1863!
Damals trafen sich in einer Londoner Kneipe mit Namen „Freemason’s Tavern“ die Vertreter von 11 Schulen und Clubs, um den ersten nationalen Verband, die „Football Association“, zu gründen. Es war die erste von sechs Versammlungen (die letzte fand statt am 8. Dezember des gleichen Jahres).
 
Die "Freemason's Tavern"
Verschwörungstheoretiker aufgemerkt: 
 Wo wurde der Fussball ausgeheckt ?
 In der „Freemason’s Tavern“!
 Der Schenke der „Freimaurer“ also! 
 Und wie lautet die ominöse Geheimzahl der „Illuminaten“?
23 !!
Und wie viele Personen befinden sich auf einem Fussballfeld? 
11 + 11 = 22 und dazu 1 Schiedsrichter =  23 !!!

Der wort- und federführende erste Vorsitzende der FA war Charles William Alcock (ein Harrow-Absolvent).
Das (13 Paragraphen umfassende) Gesetzeswerk (Wortlaut s.u.), welches er damals verabschiedete, war zwar noch rudimentär (viele Änderungen und Ergänzungen folgten in den nächsten Jahrzehnten als Resultat der praktischen Umsetzung und von sich ständig verändernden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen) - die Grundlagen aber waren fixiert.
(Ein anderer wegweisender Regelpionier war J.C. Thring mit seinen 1862 in Cambridge niedergelegten "Rules of the Simplest Game".)
Das Handling Game (Rugby) organisierte sich danach eigenständig, während das Kicking (bzw. das Dribbling) Game sich schnell zum Fussball, so wie wir ihn kennen, entwickelte.
Die hitzigsten und ideologisch erbittertsten Debatten entzündeten sich dabei an einer ganz entscheidenden Frage:
„To hack or not to hack?“ (s. Bausenwein S.289fff)
Zur Diskussion stand damals konkret jenes Regelwerk, welches die Universität Cambridge für das neue Spiel vorgeschlagen hatte – und darin verbot §14 ausdrücklich das „Stossen, Halten mit den Händen, das Beinstellen und das Gegen-das-Schienbein-Treten“. Die Abordnung der Universität Rugby wollte dagegen sowohl das Tragen des Balles mit den Händen gestatten als auch das Rempeln, Treten und Festhalten des Ballführenden und die Erlaubnis, ihm das Leder unter Anwendung körperlicher Gewalt abzuringen. Lediglich ein gleichzeitiges Halten und Treten hätte dann auch in ihren Augen die Grenze des Fairplay überschritten.
Es waren heftige Auseinandersetzungen und die ausgetauschten Argumenten spiegelten auch einiges vom sozialen Umfeld der Gründerväter wider:
Die Erlaubnis des Hacking könnte, so meinten die Befürworter des „sanften Weges“, die Verbreitung des Spieles behindern – vor allem unter Geschäftsleuten, die doch großen Wert legten auf ein möglichst undemoliertes Aussehen.
(Der härter gesottene Arbeiter sollte den Rasen erst viel später betreten, erst als die Gewerkschaften ihm endlich ein freies Wochenende und einen längeren Feierabend erstritten hatten. Von einer 35-Stunden-Woche war damals noch keine Rede und als Freizeitvergnügen schweißtreibend gegen einen Fussball zu treten, statt sich auf der Couch oder im Pub von der Maloche zu erholen, das wäre einem Angehörigen der Working-Class sicher nicht in den Sinn gekommen. Doch dazu später mehr.)
Ein Vertreter der Gegenseite konterte:
„Ich glaube, die Einwände gegen das Treten kommen nur von euch alten Säcken, die ihr euch bloß Sorgen macht um eure morschen Knochen!“
Wesentlich für die Entscheidung aber war das vielleicht wichtigste Ziel der neuen Leibesübung: Fussball sollte zuallererst Schulsport werden. Zwar hieß das (gerade in England) auch, daß die männliche Jugend darin nebenbei eine „gesunde Härte“ einüben sollte. Aber auch damals schon dürfte es genug besorgte Eltern aus der Upper-Class gegeben haben, die mit Argusaugen über den Sportunterricht ihrer Sprößlinge wachten und die größeren Schaden von ihrem Nachwuchs abzuwenden wußten.
Die abschließende Abstimmung der Gründungsversammlung jedenfalls brachte 13 zu 4 Stimmen gegen das Hacking – woraufhin die „Rugby“-Fraktion – vermutlich über Verweichlichung und Muttersöhnchen fluchend - ihren eigenen Verband ins Leben rief.
Damit war der Weg frei für jenes Spiel, das bald schon als „Association Football“, kurz „Soccer“...
- der Begriff entstand aus einer studentensprachlichen Lautmalerei, als deren Schöpfer ein gewisser Charles Wreford-Brown gilt -
...in der ganzen Welt populär werden sollte.
In der ganzen Welt?
Nein!
Nicht in den USA, wo man nicht zufällig gegenüber dem Begriff „Soccer“ den Begriff „Football“ für ein anderes Spiel reserviert hat, welches (dem Rugby nachempfunden) kurioserweise fast ausschließlich mit den Händen gespielt wird.
Die Grundidee des Fussballs also wurde im Jahr 1863 festgelegt.
Und gerade das prinzipielle Verbot direkter Körperattacken schuf die Voraussetzung dafür, daß im Fussball einerseits so etwas wie Ball-Virtuosentum entstehen und gedeihen konnte, und es sorgte andererseits dafür, daß hier (im Gegensatz zu fast allen anderen Mannschaftssportarten) weitgehende Chancengleichheit besteht zwischen Hänfling und Hüne.
Allerdings folgten im Laufe der Zeit noch eine ganze Reihe von Änderungen im Detail der Gesetzgebung.
Und auch andere Nationen sollten sich bald einmischen.
So erließ man etwa in Deutschland 1896 die folgenreiche sogenannte “Jenaer Regel”, welche verfügt, daß auf einem Fussballplatz keine Bäume stehen dürfen!

Bausenwein faßt das 19. Jahrhundert wie folgt zusammen (S. 329):
„Erst nachdem die englischen Gentlemen die Grundlagen für ein modernes, zivilisiertes Spiel gelegt hatten, war der Fussball so gezähmt, daß er auch für das gemeine Volk (wieder) zugelassen werden konnte. Die alten, einst in allen Bevölkerungskreisen beliebten Raufspiele waren nach jahrhundertelangen Verboten zuletzt endgültig beseitigt worden. Übriggeblieben waren allein die Spiele der Elite, und deren Vertreter mußten erst einen langen Streit über die Regeln austragen, damit dann am Ende jenes heute so beliebte Spiel entstehen konnte, das für barbarische Arbeiter harmlos genug war und zugleich geeignet schien, sie der Gemeinde der Zivilisierten näher zu bringen. Nun durfte das arbeitende Volk, nach reformierten Regeln und angeleitet von Schiedsrichtern, wieder dem Ball hinterherjagen – mit dem Fuß und diszipliniert!“

Parallel dazu entstanden war das Ideal des modernen Sports überhaupt.
Wie überall in der europäischen Gesellschaft, brachte die beginnende bürgerliche Epoche auch in bezug auf die probaten Arten und Weisen der Körperertüchtigung neue Werte.
Vor allem das nun zum obersten Maßstab erhobene Leistungsprinzip stand im völligen Widerspruch zu allen höfischen Formen der Leibesübung. Im Ancient Regime war offen ausgetragene Konkurrenz nicht gestattet. Auch der Könner mußte sich in erster Linie einer ästhetischen und vorab hierarchisierten Gesamtinszenierung (als Glanzstück quasi) einfügen.
Und Schwitzen und Keuchen war unter gepuderten Perücken (schon aus olfaktorischen Gründen) verpönt.
Man übte Tanzen, Fechten, Reiten oder Ballspiele als schöne Künste und nicht unter Wettbewerbsbedingungen.
Nicht Training mit dem Ziel, einen fitten Körper zum Sieg zu befähigen, sondern das Einstudieren von vorgegebenen Choreographien standen im Vordergrund.
Im Tennis, als dem weissen Sport der Aristokraten, hielten sich Elemente dieser höfischen Bewegungskultur noch bis ins frühe 20. Jahrhundert: für den Spielerfolg vollkommen unnütze (aber elegant anzuschauende) Pirouetten wurden gedreht und fast jede Aktion endete in einem grazilen Ausfallschritt. Ausserdem durften auch bei höchster Anstrengung niemals die Gesichtszüge entgleisen.
Das sportspezifische Leistungsdenken konnte erst in einer auf prinzipieller Gleichheit beruhenden Gesellschaft verwirklicht werden. Im Feudalsystem wäre es undenkbar gewesen, daß ein Leibeigener einen Hochwohlgeborenen im direkten Bewerb besiegte.
Während der Adlige es nicht nötig hatte, seinen (angeborenen) Stand durch Leistung zu erwerben oder zu verteidigen, „mußte der Bürger leistungsfähig sein, denn der Erfolg (im Leben) hing nun davon ab, wieviel einer leistete. In gleicher Weise ging es fortan auch im bürgerlichen Sport darum, Wettbewerbe durch Messung und Vergleich (definitiv) zu entscheiden!“ (s. Bausenwein S. 434)
Da der Absolutismus in England schon früh durch ein starkes Bürgertum attackiert wurde, das bereits im 18. Jahrhundert eigenständige Lebenswelten etablieren konnte, war es folgerichtig, daß sich auf der Insel auch der Sport zuerst durchsetzen konnte.
Und in dieser sozialen Transformationsphase gab es einen Akteur, der sich an der schwierigen Aufgabe versuchte, einige Prinzipien der „Höflichkeit“ ins industrielle Zeitalter hinüberzuretten und dennoch dynamische Avantgarde (vor allem in ökonomischen Dingen) zu sein: Der „Gentleman“!
Gute Umgangsformen trotz harter Bandagen im Geschäftsleben. Hart aber fair!
Und dabei setzte man ganz entschieden auf Selbstdisziplin und Selbstdisziplinierung.
Die Entwicklung des Fussball läßt sich nun geradezu lesen als exemplarische Realisierung und letztliches Scheitern dieses ambitionierten Lebensentwurfs!

Symptomatisch ist es, daß man zwar von Beginn an Ge- und Verbote im Regelwerk festlegte (jeder mußte selbstverständlich die Grenzen kennen, um sich ihnen gemäß verhalten zu können), daß aber erst im Laufe der Zeit ein dezidierter Strafenkatalog ausgearbeitet wurde (- den „Freistoß“ etwa definierte man 1880 und den „Elfmeter“1891).
Jemand, der einen Regelverstoß nicht selbst eingesteht und ahndet, so die Vorstellung, der galt als per se „un-sportlich“.
Bausenwein erwähnt in diesem Zusammenhang folgende Episode (S.385):
„Als einige Schüler aus Harrow im Jahr 1857 den FC Sheffield gegründet hatten, hatten sie die Regel festgelegt, daß man zur deutlichen Demonstration des Verzichts auf das Handspiel mit weißen Handschuhen und einem Zweischillingstück in den Händen anzutreten habe; waren die Handschuhe nach dem Spiel schmutzig oder war das Geldstück gar verloren, so galt das als ein Zeichen für ein nicht regelgerechtes, unvornehmes Verhalten, das eines Gentleman unwürdig sei!“
Heftige und grundsätzliche Debatten löste deshalb 1874 die Einführung eines „Schiedsrichters“ aus. Und als dieser 1877 dann auch noch befugt wurde, einen „Platzverweis“ zu erteilen, da spaltete sich die Fussballwelt. Die echten Gentlemen blieben nach ihrer Etikette unter sich, während auf der anderen Seite vor allem die Working-Class den Fussballplatz mehr und mehr für sich entdeckte und ihre eigenen Prinzipien mitbrachte.
Beide Lager blieben für Jahrzehnte durch soziale Abgründe strikt getrennt.
Wobei die Gentlemen-Kicker allerdings zur Weiterentwicklung des Spiels nichts mehr beitragen konnten.

Die Arbeiter machten damals etwa 80% der beschäftigen Bevölkerung in England aus und je schlagkräftiger ihre gewerkschaftlichen Organisationsstrukturen wurden, umso mehr konnten sie sich freie Zeit erstreiten (und erstreiken). Schließlich hatte man das Wochenende für den Fussball (bei frommen Kirchgängern blieb zumindest der Samstag).
Schnell entstanden eigene Clubs: „Manchester United“ etwa ist damals aus einem Eisenbahnersportverein hervorgegangen und ebenfalls als Werksmannschaften entstanden „Arsenal London“ (in einem Rüstungsbetrieb) und „West Ham United“.
Wobei es zumeist nicht die Arbeiter selbst gewesen sind, die initiativ wurden, sondern die Betriebsleitungen, die damit wohl versuchten, eine neue (unterhaltsame) Form der „Identifikation mit der Firma“ zu schaffen und ihre Leute gleichzeitig unter Aufsicht zu halten.
(In diesem Milieu gab es allerdings noch einen anderen naheliegenden Weg:
den von der Thekenmannschaft zum Club – Bsp. „ Nottingham Forest”).
Obrigkeit und Unternehmerschaft also begrüßten und unterstützten die Entwicklung, wie alles, was geeignet schien neue soziale Bindungen zu etablierte (- die nach-agrarische Gesellschaft war in ihrer Gründungsphase fast aller traditioneller Bindemittel verlustig gegangen und verzweifelt auf der Suche nach neuen zwischenmenschlichen Strukturen).

Die Rolle der Kirche:
Auch in diesem Umfeld sah man in dem neuen (relativ ungefährlichen) Sport eine gute Möglichkeit, vor allem Jugendliche sinnvoll zu beschäftigen, und man setzte das Spiel bald schon bewußt in der eigenen Jugendarbeit ein. Viele Fussballclubs gehen tatsächlich direkt auf kirchliche Ursprünge zurück: der „FC Everton“ oder „Aston Villa“ - aber auch in Deutschland: „Borussia Dortmund“.

Wichtiger aber war die Nähe zum industriellen Produktionsprozeß, die es bald unausweichlich machte, daß dessen Geschäftsbedingungen und Währungen auch auf den Fussball übergriffen.
Plötzlich ging es auch beim Kicken ums Geld!
Der Sport „professionalisierte“ sich äußerst rasch.

Schon 1885 legalisierte die FA den Berufsfussballer-Status und 1888 erfolgte dann die Gründung der ersten Profiliga, der „Football League“.
(In Deutschland hielt man am Amateurstatut dagegen noch bis 1963, bis zur Gründung der Bundesliga, fest!)

(Übrigens organisierten sich schon Ende des 19. Jahrhunderts eine ganze Reihe englischer Clubs in Form von Kapitalgesellschaften. Philipp Heineken schreibt in seinem Buch "Das Fussballspiel" 1898:
"Unter sämtlichen Leagueklubs ist gegenwärtig kein Amateurklub mehr zu treffen. Erstere selbst bilden grosse Aktiengesellschaften, die eben in Fussball, wie andere vielleicht in Kaffee, Spiritus, Pneumaticreifen oder in Goldaktien machen... Wir erwähnen nur das Überhandnehmen des gewerblichen Spielertums; Hand in Hand damit geht die Herabdrückung der Spiele zu Zirkusvorstellungen als Lockmittel behufs Füllung der Klubkasse und dementsprechend guter Verzinsung der Klubaktien!")

Der Arbeiter-Fussball hatte sich andererseits schon von Beginn an immer auch gegen „linke“ Vorwürfe zu rechtfertigen. Bis zu den 68ern führt die Linie der Kritik. Christiane Eisenberg (S. 34) thematisiert die Argumente einiger Vertreter der Labour-Party, welche die Ansicht verfochten, „daß die kommerzialisierte Freizeitkultur im allgemeinen und der Fussball im besonderen gezielte Maßnahmen seien, um die Arbeiter von der Politik oder der Gewerkschaftsarbeit abzuhalten!“
(- sie erwähnt dabei einen Aufsatz von R. McKibbin mit dem Titel: „Why was there no Marxism in Great Britain?“)

Für den wohlbestallten Gentleman (der sich um Geld meist nicht zu sorgen brauchte),  war die Verbindung von Fussball & Geschäft eine verwerfliche Mesalliance und Anlaß das Amateurideal umso entschiedener hochzuhalten.
Doch um den Preis, daß auch sein Niveau eben „amateurhaft“ blieb.
Das Potential des Spiels wirklich auszuloten, das begannen nun erst die Profis.

Was das Spiel selbst anbetraf, so war die erste Etappe seiner Entwicklung geprägt durch ein immer konsequenteres Ausmerzen all jener Techniken und Taktiken, die man im Rugby bevorzugte. 1866 erlaubte man den „Paß nach vorn“. Bis dahin durfte der Ball nur einem Mitspieler übergeben werden, der sich hinter oder höchstens auf einer Linie mit dem Ballführenden befand. Damit waren Kollisionen mit den gegnerischen Abwehrspielern praktisch unausweichlich und der Spielfluß stockte andauernd – man rannte unablässig gegen eine Wand. Mit dem „Paß nach vorn“ eröffneten sich plötzlich weit kreativere Möglichkeiten des Angreifens, da man nun nicht mehr als breite Phalanx attackieren mußte, sondern als Einzelspieler in der Lage war, sich weit pfiffiger als zuvor in Szene zu setzten. Interessant ist es dann, zu beobachten, auf welche unterschiedlichen Arten die neuen Chancen in den darauffolgenden Jahren genutzt worden sind. Im Mutterland England forcierte man das, was später „Kick & Rush“ genannt wurde: man versuchte durch lange Pässe (oft über das halbe Feld) möglichst schnellen und körperlich durchsetzungsfähigen Stürmern den Raum zu schaffen für erfolgreiche Sprints. Eine erste alternative Spielauffassung etablierte sich innerhalb Großbritanniens – in Schottland.

Das „Schottische Kurzpaßspiel“ wurde sprichwörtlich und wegweisend. Hier versuchte man, lieber den nächsten aus der eigenen Mannschaft möglichst genau anzuspielen, als mit riskanten weiten Schlägen ständige Ballverluste zu riskieren. Diese beiden Muster bilden seither die Pole der taktischen Grundausrichtung. (Wenngleich im heutigen Fussball – spätestens seit den 90er Jahren der lange Paß beinahe ausgestorben ist.)

1867 wurde in Glasgow der „FC Queen's Park“ gegründet (der erst acht Jahre später das erste Gegentor kassieren sollte!)

1872 fand dann das erste offizielle Länderspiel statt: England–Schottland (0 – 0).

Das nächste Kapitel sollten dann die Südamerikaner schreiben – doch davon später.
 

(Eine wesentliche Regeländerung erzwang ein Spieler namens Billy McCracken. Der Verteidiger von „Newcastle United“ führte die bis 1925 gültige Abseitsregel ad absurdum. Drei Spieler mußten sich damals im Moment des Anspiels zwischen Angreifer und Torlinie befinden. Das, so erkannte McCracken, erlaubte eine beinahe risikolose Abseitsfalle, da stets neben dem Torhüter noch ein letzter Verteidiger zur Absicherung bereitstand. Er trieb diesen Schachzug bis zum Exzess, bis die Regel schließlich in die heutige Fassung geändert wurde.)

Jenseits der Insel machte man in Kontinentaleuropa Bekanntschaft mit dem neuen Sport zuerst vor allem als Zaungäste bei den wunderlichen Freizeitaktivitäten englischer Kaufleute. („The Mad Dogs and the Englishmen!“)
Und so ist es kein Zufall, daß die Schweiz schon sehr früh (als erstes mitteleuropäisches Land) zum Fussball konvertierte. (Gab es dort doch sowohl englische Händler als auch viele Touristen mit Bällen im Rucksack.)
Besonders  im französischsprachigen Gebiet um Genf und Lausanne wurde das Spiel schon in den späten 1860er Jahren von Engländern, die an Schweizer Privatschulen studierten, eingeführt. Der „FC St. Gallen“ wurde ebenso von englischen Studenten gegründet wie die „Grasshoppers Zürich“
                                                                       (der Name stammt übrigens von einem englischen Biologiestudenten).
Und die Schweiz spielte auch für den weiteren Export eine nicht unerhebliche Rolle. 
Vor allem in Frankreich initiierten die Eidgenossen diverse Gründungen: 
bei „Marseille Stade Helvétique“ deutet schon der Name die Verbindung an. Und selbst in Spanien war es ein Schweizer, Hans Gamper nämlich, der einen der größten Clubs überhaupt ins Leben rief – den „CF Barcelona“.
(Dessen Farben Rot&Blau sind nicht zufällig auch die des FCBasel!)
Interessante Einblicke gerade auch in das soziale Umfeld eröffnet eine Analyse typischer VEREINSNAMEN

Arme Clubs etwa, die kein eigenes Spielfeld besaßen und deshalb jedes Wochenende eine andere Wiese suchen mußten, wurden in England „Wanderers“ genannt 
(z.B. die „Bolton Wanderers“).

In aller Welt trugen die meisten Mannschaften in der Anfangszeit englische Vokabeln im Namen – selbst der „FC Bayern München“ firmiert ja noch heute als "C" - als Club also.
Und im Namen des Lokalrivalen „TSV 1860 München“ – Turn- und Sport-Verein – klingt noch die ehemals kategorische Trennung zwischen Sport und Turnen an (mehr dazu später).

Eine interessante Erklärung für Vereinsnamen wie „Borussia“,  „Alemannia“, „Arminia“ oder „Hassia“ besagt, daß diese nicht zufällig an studentische Verbindungen angelehnt sind, sondern daher rühren könnten, daß die Gründer jener Vereine eben ganz bewußt den  elitär-akademischen „Burschenschaften“ in ihrem Vereinsleben nacheifern wollten.
Rainer Moritz weist in seinem Buch "Vorne fallen die Tore" noch auf einen anderen Ursprung hin: 
"Alemannia und Borussia - Klubs mit diesen Vornamen sind häufig gegründet worden als Polizeisportvereine der preußischen `Besatzer´ in den Rheinprovinzen!" 

Typisch für den technischen Fortschrittsglauben im real existierenden Sozialismus waren dagegen im ehemaligen „Ostblock“ Namen wie „Dynamo“, „Lokomotive“, "Motor", "Rotation", "Stahl“ oder „Wismut“ oder aber eine Anleihe an den kommunistischen Götterhimmel wie z.B. „Spartak“ (nach dem antiken Sklavenbefreier Spartakus).
(Wobei "Dynamo" außerdem stets eine intime Verbindung zum jeweiligen Staatssicherheitsdienst anzudeuten pflegte!)

Und woher kommt der Name „Hertha BSC Berlin“? 
Nun, so hieß jener Ausflugsdampfer, auf dem die Idee zur Vereinsgründung geboren wurde!

(s.auch)
 


 

ITALIEN:
Eine noch bedeutendere Rolle für die Weiterentwicklung des Spiels sollte allerdings, wie man weiß, Italien zufallen.
Die ersten Begegnungen mit englischem Fussball schienen den dortigen Sport- und Calcio-Freunden durchaus Respekt abzunötigen:
„Am Nachmittag des 11. Februar (1897) wurde auf dem Exerzierplatz (in Savona bei Genua) ein Ballspiel zwischen dem Herausforderer, der Besatzung des englischen Dampfschiffes `River Mersey(!)´, und der des Dampfschiffes `Elvire´ ausgetragen... Es war eine wahre Schlacht der Behendigkeit und Geschicklichkeit, und die ungemein beherzt gespielten Partien wurden allesamt von der Mannschaft der `River Mersey´ gewonnen, was von deren zahlreich anwesenden Landsleuten, die bei dieser Gelegenheit Wetten über beträchtliche Summen abschlossen, mit viel Applaus begrüßt wurde. Wir wurden Zeugen jener neuen Sportart, die sich bei den Söhnen des blonden Albion entwickelt hat, von denen wir weitere Kämpfe und weitere Siege erwarten!“
(s. Eisenberg S. 44)
Die Italiener waren begeistert und hatten sehr schnell eine eigene Fussballszene aufgebaut, in welcher man recht bald und konsequenter als in den anderen Ländern auf  Professionalisierung setzte.
Vor allem Großunternehmer spielten als Vereinsbosse von Beginn an die entscheidende Rolle: Pirelli beim „AC Mailand“ etwa, oder Agnelli bei "Juventus Turin". Und die wollten nichts als zählbaren Erfolg.
Und dies bedingte offenbar zwangsläufig eine in erster Linie auf Sicherheitsdenken und Risikominimierung konzentrierte Spielweise (das Null-zu-Null wurde geradezu typisch für den italienischen Fussball).
Biermann & Fuchs bezeichnen den Endpunkt dieser Entwicklung, den berühmt-berüchtigten Defensiv-Riegel „Catenaccio“, mit dem „Inter Mailand“ in den 60er Jahren die Gegner (und das gegnerische Publikum) zur Weißglut trieb,  in ihrem Buch „Der Ball ist rund“ unter der Kapitelüberschrift „Die Mächte der Finsternis“ als
„Die Geburt des Bösen im Fussball!“

Im  Gegensatz dazu - SÜDAMERIKA:
Völlig unerwartet, beinahe wie ein Schock, traf die selbstgenügsame europäische Sportwelt das erste Auftreten eines Teams aus Südamerika. Niemand hatte sich bis dahin ernsthaft um die dortigen Aktiven gekümmert und dann tauchte die Nationalmannschaft von Uruguay bei den olympischen Spielen in Paris1924 auf und zelebrierte ein völlig neues Spiel. Eine neue – von unvoreingenommenen Beobachtern sofort begeistert goutierte - Ästhetik und (wie der überlegene Olympiasieg zeigte) ein zukunftsträchtiges Erfolgsmodell.
„Umjubelter Star des Olympiaturniers 1924 wurde der Uruguayer José  Leandro Andrade – wie sein Landsmann Eduardo Galeano zu beschreiben weiß: `Europa hatte noch nie einen Schwarzen, einen Neger, Fussball spielen sehen.. Im Mittelfeld fegte dieser Riese mit dem Gummikörper den Ball nach vorn, ohne je den Gegner zu berühren... Bei einem der Spiele lief er mit dem schlafenden Ball auf dem Kopf über den halben Platz. Die Zuschauer jubelten ihm zu, die französische Presse nannte ihn das schwarze Wunder. Als die Spiele vorüber waren, beschloß Andrade, noch eine Weile in Paris zu bleiben. Dort lebte er wie ein Bohemien und König der Nachtclubs... Die Klatschspalten der Zeitungen jener Jahre, zeigen ihn als Herrscher über die Nächte am Pigalle...!“ (s. Moritz S.48)

In Europa hatte man zum einen die individuellen technischen Fähigkeiten der Akteure noch kaum weiter geschult...
- im ersten Länderspiel gegen England zeigten sich die deutschen Spieler und Zuschauer 1899 noch restlos davon verblüfft, daß diese Briten doch tatsächlich in der Lage waren, einen Ball mit dem Fuß zu stoppen -
...und zum andern agierten die Südamerikaner offenbar mit einem vollkommen neu justierten Blick.
Spielte man in der Alten Welt den Ball, wie bereits ausgeführt, entweder über 30, 40 Meter nach vorn oder aber (noch immer ähnlich dem Rugby) direkt auf den Mitspieler, so suchten die Rastellis aus Uruguay immer eine Möglichkeit, den Ball so gezielt in den „freien Raum“ zu passen, daß ihn stets ein Mannschaftskollege eher erreichen konnte als der Gegner. (Eine feinmotorische und intellektuelle Meisterleistung!)
Außerdem waren die Südamerikaner den Europäern in Sachen Ballfertigkeit erschreckend weit voraus. Viele der Begegnungen waren regelrechte Demonstrationen und Demütigungen.
Uruguay war die erste lateinamerikanische Mannschaft, die in Europa für Furore sorgte, dann kamen vor allem die Argentinier.
Am Rio de la Plata galt Fussball zuerst als typischer Zeitvertreib der englischen Matrosen. Aber da auch angesehene britische Geschäftsleute das neue Spiel propagierten, wurde bald die Oberschicht darauf aufmerksam. Schon Ende der 1860er Jahre gründeten die Brüder Thomas und William Hogg den „FC Buenos Aires“, den ersten Club Südamerikas. Noch folgenreicher aber war das Wirken eines Schotten namens Alexander Watson Hutton, der eine Elite-Schule in der argentinischen Hauptstadt gegründet hatte. Und dort spielte Sport eine bedeutende Rolle im Lehrplan.
Analog verlief die Entstehungsgeschichte auch in Uruguay. Auch hier war Soccer zuerst das Spiel der Elite und Ausdruck britischer Präsenz.

Das Gleiche in Brasilien.
Der 1875 in Sao Paulo geborene Charles Miller, dessen Eltern aus England stammten, gilt als der Fussballpionier des Landes. Miller spielte in Großbritannien für Southampton, ehe er 1894 zurückkehrte und erfolgreich begann, zu missionieren.
In Brasilien galt es allerdings zunächst, einen ausgeprägten Rassismus zu überwinden, ehe der dortige Fussball das Niveau der Nachbarn erreichen konnte.
Elitäre Clubs (wie „Fluminense“ oder „Botafogo“ = "Brandstifter") versuchten lange, mit allen Mitteln vor allem die dunkelhäutigen Mulatten aus der Unterschicht vom Spielbetrieb fernzuhalten.
Erst eine forcierte Industrialisierung des Landes in der 20er Jahren änderte die Situation. Betriebsmannschaften entstanden und reüssierten. Und in jenen zählte letztlich allein die Leistung eines Spielers. So verschwanden weitgehend die zuvor aufgerichteten Schranken. Wegweisend und symptomatisch war in diesem Zusammenhang das Team „Bangu“ des Konzerns „Progresso“, wo erstmals die Apartheid demonstrativ abgeschafft wurde.

(Als erster großer Star des brasilianischen Fussballs gilt übrigens ausgerechnet der deutschstämmige - allerdings dunkelhäutige - Artur Friedenreich!)

In allen südamerikanischen Ländern wiederholte sich also in Prinzip jener offenbar vorgegebene Weg, den der Fussball überall genommen hat: vom (eher dilettantischen) Vergnügen einer Elite zum (elaborierten) Massensport der „kleinen Leute“.

Als wichtiges Ereignis im Fussball Lateinamerikas gilt der Gewinn der argentinischen Meisterschaft durch „Racing Buenos Aires“ im Jahr 1913.
Eduardo P. Archetti schreibt darüber (s. Eisenberg S.152):
„Dieser Erfolg wurde als `kreolischer´ Sieg empfunden und das siegreiche Team als die erste große `kreolische´ Mannschaft bezeichnet. `Kreolisch´ bezog sich dabei auf das besondere Merkmal dieser Mannschaft, daß sie nämlich nur aus Spielern mit spanischen und italienischen Namen bestand. Doch es fehlten nicht nur die britischen Namen, es gab unter den Spielern auch nicht einen einzigen Studenten oder Absolventen (einer britischen Schule). Diese doppelte Emanzipation von den Pionieren...“ galt fortan als das Ende der „britischen Periode“.
Auch er beschreibt dann noch einmal die eklatanten stilistischen Unterschiede:
„Ein neuer Stil (wurde) entwickelt, der sich vom britischen Vorbild deutlich unterschied. Der (englische Kick & Rush-)Stil zeichnete sich aus durch... lange Pässe, Schnelligkeit, physische Stärke und den Verzicht auf individuelles Dribbling... Merkmale (des `kreolischen´ Stils) waren (dagegen) kurze präzise Pässe... das Bestreben, den Ball am Boden zu halten (und) das individuelle Dribbling...“
Vor allem kleinere Spieler sahen und nutzten hier die Chance, in Bodennähe der Lufthoheit der Großen entgehen zu können und gleichzeitig eine spektakuläre Artistik zu zelebrieren, die „schon beinahe als zirkusreif empfunden wurde“. Sie ließ die Europäer staunen. Auch darüber, wie es möglich war, „mit (derart) geringer körperlicher Anstrengung und Kraft zu spielen und damit auch noch zu gewinnen!“
(s. Eisenberg S.153f)
 

ÖSTERREICH:
In Europa wurden aus Bewunderern schnell erste Nachahmer - vor allem in Österreich. Dort hatte man schon immer das „Schottische Kurzpaßspiel“ dem „Kick & Rush“ vorgezogen, und im legendären „Wiener Scheiberl-Spiel“ kreierte man die bis dahin virtuoseste Spielkultur in Europa.
Johann Skocek und Wolfgang Weisgram beschreiben in einem Aufsatz unter der Überschrift „Scheiberln, wedeln, glücklich sein“ den österreichischen Stil:
„Schnell aufeinanderfolgende kurze, den direkten Weg durch die Gassen der Gegner nehmende, sich quasi gegenseitig zitierende Vorlagen. Die Methode nannte sich... mala ulica, das ist slowakisch (was auf Wienerisch behmisch ist), ins Deutsche übersetzt heißt das kurze Gasse. (In) Wien... taufte man die Methode um. Ins Loch spielen sagte man dazu!“ (s. Moritz S.57)
Und es ist sicher kein Zufall, daß in Österreich – ganz ähnlich wie in Brasilien oder Argentinien (wo Spieler Künstlernamen tragen wie Pelé, Didi, Socrates oder Müller)  (und eben anders als in England oder Deutschland) der Fussball – so phantasievoll gespielt - bald zum Lieblingsthema der Intellektuellen und Künstler wurde.
Man gestand ihm per se die Form einer höchst kreativen Kunst zu und diskutierte ihn auch in entsprechender Weise. Die „Kaffeehaus-Literaten“ liebten den Fussball und verehrten den großen Star der Epoche: Matthias Sindelar (genannt „Der Papierne“) – der später selbst ein Kaffeehaus eröffnete.

Weiterentwickelt hat diesen Stil später die zweite Nation der „K&K Monarchie“: UNGARN!
 
 

Wie die Rugby-Fans in Großbritannien, so hatte der neue Sport auch andernorts schnell seine erbitterten Feinde gefunden.
In DEUTSCHLAND waren das (mit nationalistischem und „orthopädischem“ Furor) explizit die Turner:
1898 veröffentlichte der Stuttgarter Turnlehrer Karl Planck eine Streitschrift mit dem Titel:
FUSSLÜMMELEI – ÜBER STAUCHBALLSPIEL UND ENGLISCHE KRANKHEIT
...Zunächst ist jene Bewegung (- der Tritt gegen einen Fussball - ) ja schon, auf die bloße Form hin gesehen, häßlich. Das Einsinken des Standbeins ins Knie, die Wölbung des Schnitzbuckels, das tierische Vorstrecken des Kinns erniedrigt den Menschen zum Affen... Welcher Bildhauer würde sich von einer solchen Erscheinung zu künstlerischer Darstellung begeistern lassen?...“

1874 waren zwei norddeutsche Lehrer aufgebrochen auf zu einer pädagogischen Bildungsreise durch die fortschrittliche Schullandschaft Großbritanniens. Vor allem den dortigen Schulsport wollte man kennenlernen. Bleibenden Eindruck hinterließ ihnen ein Fussballspiel zwischen Oxford und Cambridge und animierte sie dazu, sich die Regeln geben zu lassen und sie zu übersetzen. Noch im gleichen Jahr gründete einer der beiden, Konrad Koch, am Braunschweiger „Martino-Katharineum Gymnasium“ die erste deutsche Schüler-Mannschaft und ein Jahr darauf publizierte er die erste deutschsprachige Ausgabe des Regelwerks.
Der Durchbruch des neuen Sports sollte zwar noch eine längere Zeit auf sich warten lassen, doch Interessenten und Nachahmer gab es schnell.
Die Gründung des (vermutlich) ersten deutschen Fussballvereins, des „Bremer Football Club“, datiert auf das Jahr 1880. Als älteste noch heute existierende deutsche Mannschaft gilt die Elf von „Germania Tempelhof 1888“.

Vor allem unter Mittel- und Oberschülern fand er seine ersten Anhänger.
(Aus diesem Kreis gingen dann auch einige noch heute prominente Vereine hervor: der „Hamburger SV“ etwa oder auch der „1.FC Nürnberg“).

Der zweite Expeditionsteilnehmer jener Englandreise, August Hermann, führte 1876 dann bei einer Turnlehrertagung (didaktisch aufbereitet) ein Fussballspiel vor.
Doch er befand sich, wie er bald feststellen mußte, auf vermintem Gebiet in Feindesland.
Das Spiel wurde von der großen Mehrzahl der „Turnväter“ als "Englische Krankheit" gebrandmarkt, es sei weder körperlich noch sittlich ertüchtigend und viel zu roh und zu wild, um im Schulunterricht geduldet zu werden.

Bausenwein schildert zudem die wesentlich unterschiedlichen Grundwerte der deutschen Leibesübung und des britischen Sport:
„In Deutschland (hatte sich) genau zu der Zeit, als sich in England der Sport durchzusetzen begann, das Turnen entwickelt. Im Jahre 1811 hatte der `Turnvater´ Friedrich Ludwig Jahn in der Berliner Hasenheide einen ersten Turnplatz errichten lassen und damit seinen großangelegten Versuch gestartet, eine Vielzahl von Leibesübungen zu einem System zu vereinigen, das die Kraft der Nation und des Volkes stärken sollte... Im Gegensatz zu den... Sportlern kam es (ihm) nicht auf ein Steigern und wechselseitiges Übertreffen...an. So sollte ein Läufer nicht schnellstmöglich am Ziel sein, sondern in möglichst akkurater Haltung laufen und am (Ende) noch bei guten Kräften sein...
Daß sich der aus England importierte Fussball in Deutschland erst relativ spät durchsetzen konnte, lag zu einem großen Teil daran, daß er sich hier erst gegen die konkurrierende Bewegungskultur des Turnens durchsetzen mußte...!“
(S.434f)
Schon die oft geradezu aufreizende (anglophile) Lässigkeit vieler Fussballer war für den aufrechten Turner ein Affront.

In der Zeitschrift „Volkssport“ stand noch 1922 ein Fussball-Schmähartikel:
„Während der Turner in stolzer Haltung mit gehobener Brust daherschreitet, kommt der `Nurfussballer´ mit gesenktem Kopf, die Brust tief eingedrückt, die Arme wie unmögliche Anhängsel mit sich führend, dahergeschlendert. Die Beine sind stets in Offensivstellung gehalten, und wehe der leeren Wichsdose oder anderen `schußfähigen´ Gegenständen, die dreist genug sind, sich ihm in den Weg zu legen!“
(s. Bausenwein S.338)

Die entscheidenden Stichworte lieferte, wie gesagt, jene Streitschrift über die „Fusslümmelei“:
„Unsereiner erlaubt sich also nicht nur diese Errungenschaft englischen Aftersports... gemein, sondern auch lächerlich... und widernatürlich zu finden. Am allerunnatürlichsten ist das ob seiner angeblich geringeren Gefährlichkeit vielgepriesene und bei uns fast allein geübte Fussballspiel ohne Aufheben des Balls, deutsch: `association´!“

Da die Turnerbewegung zudem eng verwoben war in die nationalistischen Strömungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts, hatte die Auseinandersetzung immer auch eine politische Dimension. Wobei die Fussballer sofort in die Defensive gingen, und versuchten, ihren Sport als sehr wohl vaterlandstreu und volksdienlich zu präsentieren.
Konrad Koch (der „Gründervater“) etwa suchte in alten Geschichtsbüchern verzweifelt nach irgendwelchen Hinweisen auf eine doch-nicht-englische Herkunft. Wenig überzeugend verwies er dabei zuletzt dann auf (äußerst interpretationsbedürftige) antike Vorbilder. Und in seiner Erwiderung auf Planck’s „Fusslümmelei“ (1900) versuchte er zwischen den Zeilen immer wieder die Tauglichkeit des Fussballs zur Wehrertüchtigung herauszustreichen:
„In Haufen stürmten (die Spieler) dem springenden Balle nach und schleuderten ihn zurück. Hier beugten sich Oberkörper und Schultern rückwärts, dort streckten sich Hälse und Köpfe vor, preßten sich die Glieder an den Leib, ballten sich Hände zur Faust... Der Ball flog, dicht über der Erde rollend. Die stürmenden Gestalten der Jünglinge, zum Knäuel verwirrt, dann sich trennend, wieder auseinanderflutend, rasten vorüber. Das ganz war ein Bild des Aufruhrs... Der künstlerische Gehalt, den die wilde Poesie unseres Spiels in sich birgt, kann kaum besser zum Ausdrucke gebracht werden. Der zahmen Alltagskunst mit ihrer Limonaden-Begeisterung fehlt freilich das Verständnis für so verwegene Formen. Und doch prägt sich auch in ihnen nur der edle Sinn aus, der den echten Fussballspieler im Kampf erfüllt!“
(s. Herzog S.160)

Von deutschtümelnden Turnern wurde immer wieder gefordert, zumindest die „Engländerei“ in der Fussballsprache abzuschaffen: „Spielführer“ oder „Spielkaiser“ sollte es zumindest heißen – und nicht: „Captain“!

Auch beklagten Einige, daß ur-deutsche Spiele dadurch verdrängt würden - noch 1925 monierte ein Buch über die „Feste und Spiele des deutschen Landvolkes“, daß das friesische „Bosseln“ dadurch vom Aussterben bedroht sei.

Das erste Länderspiel Deutschland-England fand am 24. November 1899 auf der "Rennbahn am Kurfürstendamm" statt und endete mit 2:13 Toren!

Für die Entwicklung des Fussballs in Deutschland war von wegweisender Bedeutung seine Einfügung in das in allen Bereichen und Interessensphären gerade entstehende „Vereinswesen“.
(Ein „Vereins-Wesen“ – wie sähe es wohl aus?)
Daß so viele hierzulande Mitglieder von Fussball-Vereinen wurden, lag auch an der wachsenden „Vereins-Begeisterung, der ein Gemeinschaftsbedürfnis zugrunde liegt, das ungleich älter ist als der älteste Fussballverein. In gewisser Weise kann man die im 19. Jahrhundert in Massen entstandenen Vereine als eine Art Ersatz der alten sozialen Ordnungen interpretieren, die im Verlauf der politischen und industriellen Revolutionen ihre Gültigkeit weitgehend verloren hatten. Die Vereine ersetzten nicht nur die dörflichen Gemeinschaften..., sie schufen nicht nur ein Äquivalent für die korporativen und genossenschaftlichen Gemeinschaftsformen..., sondern sie leisteten auch einen Ausgleich für die gemeinschaftsbildenden Funktionen, die die traditionellen Feste innehatten. `Überall dort, wo die Verbindlichkeit ständisch-korporativer Lebensgestaltung nachläßt oder verschwindet,... tritt an ihre Stelle die freiwillige, selbstgewählte und immer nur partikulare Vergesellschaftung im Verein´.  Die seit Ende des 18. Jahrhunderts vor allem von der Stadtbürgerschaft gegründeten Vereine waren (zudem) wichtige Vermittler der neuen, säkularen, bürgerlichen Wertvorstellungen!“
(s. Bausenwein S.223)

„Der erste Hinweis auf dieses Spiel in Deutschland stammt aus dem Jahr 1865 und illustriert vortrefflich dessen englische Herkunft und ursprüngliches Milieu. In jenem Jahr kickte Ferdinand Hueppe, später der erste Präsident des DFB, mit englischen Schülern in Neuwied!“
(Theo Stemmler "Kleine Geschichte des Fussballspiels" / S.119 "Insel-Verlag")
Gespielt wurde damals vermutlich auf dem Internatspausenhof der „Zinzendorfschule“ der Herrnhuter Brüdergemeine:

Auch einer der allerersten Presseberichte über ein Fussballspiel (aus dem Jahr 1886) soll aus Neuwied stammen.
Oft zitiert wird in diesem Zusmamnehang dann der folgende Satz:
„Die Engländer aus der Herrnhuter Knabenanstalt liefen in Faschingskostümen einem aufgeblasenen Ball nach, indem sie versuchten, diesen, mit dem Fuße tretend, zwischen zwei Stangen hindurchzutreiben!“
Die Nachforschungen im Rahmen meiner Arbeit an dem Buch "Die frühen Jahre des Fussballs" ("Peter Kehrein"-Verlag  / Neuwied 2004) haben allerdings ergeben, daß jener Artikel im Original offenbar verschollen und daß die zumeist angegebene Quelle, "Neuwieder Zeitung anno 1886", allem Anschein nach eine falsche ist.
Keinen Grund zu Zweifeln gibt es allerdings an den autobiographischen Erinnerungen Hueppe's an seine erste Begegnung mit dem neuen Sport während seiner Neuwieder Gymnasialzeit (1862-65). Und sein Organisationstalent war es auch, das ihm einige Jahre später ein geschichtsträchtiges Amt verschaffen sollte. Der renommierte Hygienik-Professor (und Mitarbeiter des berühmten Bakteriologen Robert Koch) wurde am 28. Januar 1900 zum ersten Präsidenten des neugegründeten DFB gewählt.
(Zur politischen Weltanschauung des Herrn Prof. Hueppe und zu seinem Verhältnis zum Nationalsozialismus
siehe Kapitel 5 aus: "Die frühen Jahre des Fussballs" / s.o.)
 
Eine andere schöne Schilderung einer frühen Kickerei in Deutschland findet sich bei R. Moritz (S. 32f):
„Am 5. August 1894, 6 Uhr morgens(!), findet auf der Borgfelder Eisbahn ein Fussballwettspiel zwischen dem Borgfelder Fussball-Club und dem Fussballclub Association aus Eilbeck mit Herrn Heysen vom Altonaer Cricket-Club als Schiedsrichter statt... Pünktlich um 6 Uhr waren die Spieler beider Vereine auf dem Platze, und Herr Heysen, begleitet von einem mit einer Trompete bewaffneten Trabanten, forderte die Spieler auf, sich aufzustellen. Nachdem dieses schwierige Geschäft zur Zufriedenheit aller... vollbracht war... winkte der Schiedsrichter seinem Trabanten, der dann nach einem anfänglich vergeblichen Versuch einige Töne aus seiner Trompete hervorstieß: Das Zeichen zum Beginn des Kampfes. Sofort nach dem Anstoß stürzten sich alle Spieler mit Ausnahme des Goalkeepers auf den Ball und traten ihn mit bewunderungswürdiger Sicherheit alle Augenblicke über die Grenzlinie, welche von den beiden Linienrichtern bewacht wurde. Da auf diese Weise die ganzen zwei Stunden (10 Minuten Pause) gespielt wurde, wäre es wohl zu keinem Resultat gekommen, wenn nicht ein Eilbecker durch Unvorsichtigkeiten den Borgfeldern einen 11-m-Stoß zugewendet hätte, wodurch diese ein Goal machten und das Spiel beendet wurde!“

Der „Deutsche Fussballbund“ hatte in der Anfangszeit einen potentiellen Konkurrenten im sozialistischen „Arbeiter Turn- und Sportbund“. Doch hatte diese Institution dem  Fussball gegenüber zum einen die bereits erwähnten „linken“ Vorbehalte und zum andern stand man dem Wettbewerbssport aus ideologischen Gründen grundsätzlich ablehnend gegenüber. Man glaubte, daß kompetitive Elemente und auf Konkurrenzdenken basierende Leistungsvergleiche dem Solidaritätsgedanken innerhalb der Arbeiterschaft abträglich seien. Eine eher akademische Diskussion, die aber dazu führte, daß auch die fussballspielenden Arbeiter sich zuletzt notgedrungen unter dem Dach des an konservativ-bürgerlichen Idealen orientierten DFB einfinden mußten.

Die ersten Metropolen des Fussballs in Deutschland waren die großen von einem gut situierten Mittelstand geprägten Handelsstädte und Dienstleistungszentren - Berlin, Hamburg, Hannover, Leipzig, Dresden, Düsseldorf, Köln oder Frankfurt. Und die Spieler waren in erster Linie Kaufleute, Lehrer, Ärzte, Juristen und höhere Angestellte.

Zum „Arbeitersport“ sollte der Fussball in Deutschland erst nach dem und durch den 1. Weltkrieg werden!
Die Militärs hatten das Spiel (trotz seiner englischen Wurzeln) ab 1905 ins Curriculum für die preussische Offiziersausbildung integriert und viele junge Offiziere folgten dann an der Front der Order, durch Sport die „Moral der Truppe“ zu heben, und ließen die Soldaten zwischen den Schlachten Fussball spielen.
(Der DFB tat alles, um seinen Sport dem Militär anzudienen. Man überschwemmte die Armeeführung geradezu mit Informationsbroschüren, Vorführungen und Werbematerialen.)
Legenden entstanden, wonach Truppen einem Ball hinterherjagend zur Attacke gestürmt seien oder von Waffenstillständen für die Dauer eines sportlich fairen Matches zwischen feindlichen Armeen.
 
Das sollte auch die Fussballrhetorik für lange Zeit prägen - martialische Begriffe wie „Schuß“, „Flanke“, „Deckung“, „Sturm“, „Flügel“, „Feld“, „Schlachtbummler“ kamen damals auf und wurden typisch. Im Buch "Stürmen für Deutschland" (Bitzer/Wilting) heißt es:
„Die Eindeutschung der Fussballsprache bewirkt vor allem eines – eine Annäherung an die martialische Sprache des Militärs. So liest sich etwa eine Beschreibung des Spiels aus jener Zeit eher wie eine Kriegsberichterstattung:
`Zwei Parteien von gewöhnlich elf Kämpfern befinden sich im Kriegszustande. Es handelt sich darum, einen großen Lederball vermittels der Füße auf feindliches Gebiet und womöglich in das Heiligtum des Feindes, den durch die beiden Pfähle gekennzeichneten Stand zu bringen... Zum Verständnis der ... Regeln bemerken wir noch, daß jede Partei unter einem Kapitän respective Führer steht, der seine Kräfte über das Feld verteilt. In erster Linie, nahe dem zu erwartenden Ball, wird er einen oder zwei geschickte, ausdauernde und offensiv tüchtige Spieler stellen, dann wird das Gros seiner Armee folgen, er selbst sich in der Rückgarde derselben halten, um im Falle der Not wirksam einer drohenden Gefahr entgegenzutreten...!“ (F.W. Racquet : “Moderne englische Spiele. Zum Zweck der Einführung in Deutschland“ aus dem Jahr 1882). Und bald zeitigte die Kampagne erste Erfolge -  ein preußischer Kriegsminister schrieb 1913: „(Ein besonderer Vorzug des Fussballs ist die) Erziehung zur selbstlosen Opferwilligkeit des Einzelnen und zur Zurückstellung persönlichen Ehrgeizes im Interesse des gemeinschaftlichen Erfolges und ebenso die Unterwerfung unter die Anordnungen des Parteiführers, des Schiedsrichters, der Vereinsleitung und... des Bundesvorstandes!“ (Einige Hochwohlgeborene outeten sich als Fans – wie z.B. der Bruder Kaiser Wilhelms II, Prinz Heinrich, oder kickten sogar höchstselbst – wie etwa Prinz Friedrich Karl beim „SC Charlottenburg“). (S.16)

 

Nach dem Krieg brachten also vor allem die Soldaten aus der Arbeiterschicht das Spiel in ihr Milieu. Der Fussball erlebte daraufhin einen wahren Boom - und in seinem neuen sozialen Umfeld entwickelte er sich fortan unter veränderten Bedingungen und Vorzeichen.

(„Schalke 04“ trug das erste Nachkriegsspiel gegen die Mannschaft des „Freikorps Hacketau“ aus, einen Kampfverband ehemaliger Frontsoldaten.)

Dazu kam, daß im Jahr 1923 nach langen Arbeitskämpfen endlich der 8-Stunden-Tag durchgesetzt wurde. Das Freizeitbudget also spürbar größer wurde.
Die Mitgliederzahl des DFB vervielfachte sich (von 189.294 im Jahr 1914 auf 1.245.326 im Jahr 1931).
Das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft  in Frankfurt am 14. Juni 1920 vor 35.000 Zuschauern markierte schließlich den endgültigen Durchbruch des hiesigen Fussballs zum Massensport.
(Auch Spitzenspiele hatten bis dahin selten einmal mehr als einige Hundert Besucher gesehen.)

Ein großer Teil der Arbeiterschaft (vor allem des Ruhrgebiets) rekrutierte sich damals aus ehemaligen osteuropäischen (vor allem polnischen) „Gastarbeitern“. Und nicht zuletzt sie waren es, die eine Spielkultur entwickeln halfen, welche den deutschen  Fussball endlich auf internationales Niveau brachte. Die Reihe prominenter Namen ist lang:  Kuzorra und Szepan (die Virtuosen des legendären „Schalker Kreisel“), Turek und Posipal, Kwiatkowski, Kalwitzki, Tibulski u.v.a.m.
Als Argument in aktuellen Zuwanderungsdebatten sollte man immer wieder darauf hinweisen, daß ausgerechnet jene als billige Arbeitskräfte um 1900 in die Zechen geholten „Polacken“, die man wegen ihrer vorgeblich undeutschen Mentalität für prinzipiell unintegrierbar in unsere Gesellschaft hielt und entsprechend anfeindete, einige Jahrzehnte später (nun plötzlich als Vorsitzende von Dackel- und Taubenzüchtervereinen oder eben als Fussballer) mit Namen wie Schimanski, Kowalski oder Koslowski ironischerweise geradezu als die typischen „Ruhrpottler“ galten!
(Morlock allerdings, das ist ein alter deutscher Name und bedeutete ursprünglich "Mohrenlocke", schwarzes Kraushaar also!)

FUSSBALL IM NATIONALSOZIALISMUS
Schon 1923 schreibt der spätere Nazi-Funktionär Josef Klein in einem oft zitierten Artikel unter der Überschrift
„Die drei scharfen T (des WSV / Westdeutschen Sportverbandes)“:
„Teutsch – Treu – Tüchtig!...
Weg mit all dem feigen Gerede von dem internationalen Verbrüderungszweck des Sports, der immer nur in einem würdelosen Anbiederungs- und Anschmusungszweck ausarten muß, solange wir Deutsche in den Augen der Welt (nach dem 1. Weltkrieg) inferioren Ranges sind...
(Außerdem) Kampf bis aufs Messer der materialistischen Versumpfung unserer Zeit!“
Der Artikel schließt unter dem Stichwort „Tüchtig“ dann mit der Forderung nach einem
„Bekenntnis zum Führermenschen“, der stark genug sein müsse, die Fesseln der Weimarer Republik zu sprengen.
Und dann fordert er noch völkisch-philosophisch eine
„bewußte und entschlossene Abkehr von dem Glauben eines Aufklärungszeitalters nach der französischen Revolution!“
D.h. auch hier findet sich die faschistische Beschwörung des vorgeblich Archaischen als deutsche Antwort auf die Dekadenz westlicher Zivilisation.
„Der DFB... tat alles, um (seinen) Sport in den Dienst der `Bewegung´ zu stellen...
(Doch) in diesem Bemühen hatten die stets autoritär fixierten Funktionäre... einen Gegner in den eigenen Reihen: den Fussball (selbst) – oder besser: die Gesetze des Spiels.
Denn es läßt sich nicht kalkulieren, wer gewinnt.
Die Auswahlmannschaften des DFB jedenfalls fielen ihren Führern in brauner Uniform immer ausgerechnet dann in den Rücken und verloren ihre Spiele, wenn es besonders drauf ankam...!“   (s. „Stürmen für Deutschland“ S.8 + 22)
(Am 7. August 1936 unterlag Deutschland während des olympischen Fussball-
 Turniers überraschend gegen Norwegen. Hitler hatte sich zum ersten Mal dazu
 überreden lassen, einem Fussballtriumph live beizuwohnen – es sollte sein letzter
 Besuch eines Länderspiels bleiben! Der Name des Torschützen übrigens, Isaaksen,
 der wurde in den meisten deutschen Publikationen verschwiegen oder verfälscht –
 mußte es denn ausgerechnet auch noch ein Jude sein!?)

Bisher ist noch kein totalitäres Regime je mit dem Fussball so recht glücklich geworden, der sich, anders als etwa die Individualsportarten aus der Leichtathletik, das Schwimmen oder das Turnen, eben nicht hinreichend vorausberechnen und auf sichere Erfolge hin trimmen läßt.
(Eine der Weisheiten von Sepp Herberger lautete in diesem Sinn: „Warum gehen denn die Leute immer wieder zum Fussball ? Weil sie nicht wissen, wie’s ausgeht!“)

Außerdem zeigte sich angesichts der Vorliebe der NSDAP für bombastische Großinszenierungen, daß das tumultuöse Geschehen auf dem Rasen überhaupt nicht geeignet ist, sich (nach Siegfried Kracauer) in ein „Ornament der Masse“ sublimieren und ästhetisieren zu lassen. Am ehesten noch die begeisterten Zuschauer-Ränge – aber die wiederum ließen bei aller Ergriffenheit eben doch allzu oft das Erhabene vermissen.

Dennoch unternahm man, wie gesagt, allen Widernissen zum Trotz alles, um die Gunst der neuen Sportpolitik zu erringen.
Allerdings ohne durchschlagenden Erfolg.
So scheiterten gesinnungstreue sportarchäologische Versuche, irgendwelche „germanischen“ Wurzeln des Spiels auszugraben, ebenso an der Faktenlage wie die Vorschläge zur Eindeutschung kaum Gehör fanden – etwa die des Fußballpioniers Konrad Koch:
„Man möchte dünken, daß auch Wotan, Siegfried, Hagen und Herrmann nicht übele Taufpaten für Fußballvereine abgeben könnten!“
(s. „Stürmen für Deutschland“ S.22)

Auf der anderen Seite konnten die Nazi-Propagandisten ein solches Massenphänomen natürlich nicht ignorieren. Und so nahmen sie sich des Fussballs auf ihre Weise an.
Sie begannen also nach ihrer Weltanschauung gemäße Heroen zu meißeln und Mythen zu stricken.
Vor allem am Mythos „Fussball & Ruhrpott“ wurde zur Zeit des Nationalsozialismus an vielen Fronten gearbeitet: Arbeit & Kameradschaft – Glückauf & Schalke 04 !
Doch wie überall im faschistischen Weltbild, so lagen auch hier die immanenten Widersprüche und Absurditäten nicht tief verborgen.
Der ehrliche Malocher, der untertage schuftet, um dann nach Feierabend vergnügt die Fussballstiefel zu schnüren!?
Fritz Szepan dementierte seine eigene Legende einmal kurz und bündig:
„Mit dem bißchen Kohle, das ich gefördert habe, mit dem hätte man kaum einen Teller Erbsensuppe aufwärmen können!“
Und ausgerechnet die stolzen „Amateure“ von Schalke wurden regelmäßig in irgendwelche Handgeld- und Bestechungsskandale verwickelt.
Schalke und die „Kohle“!

Auch die schon erwähnten reichlich undeutsch tönenden Spielernamen der Stars unter den Kumpel-Kickern schufen Erklärungsbedarf. Zwar wußte jeder, daß die meisten davon Nachfahren osteuropäischer „Gastarbeiter“ gewesen sind, doch „1934 erklärte die Zeitschrift Fußball die verdächtigen Spieler pauschal zu Deutschen, genauer gesagt: zu Masuren“ (s. „Stürmen für Deutschland“ S.62f)  - und Ostpreußen gehöre ja doch irgendwie zur deutschen Scholle.

Gegenüber einem als hinreichend systemkompatibel geltenden Vorzeigeclub wie „Schalke“ galt „Bayern München“ damals übrigens als „Juden-Verein“ (der langjährige jüdische Präsident des FC hieß Kurt Landauer und war kaufmännischer Abteilungsleiter bei den „Münchener Neuesten Nachrichten“ – und gegründet wurde der Club zudem dereinst auch noch im anrüchigen Milieu der Schwabinger Bohème).

Eine weiterreichende Folge der Nazizeit war die Tatsache, daß Deutschland von den großen Fußballnationen am längsten versucht hat, am Amateur-Ideal festzuhalten – auch als dies bereits völlig anachronistisch geworden war und zu grotesken Verrenkungen führen mußte.
Am 16.Oktober 1932 hatte der DFB zwar endlich beschlossen, dann doch eine Profiliga in Zukunft unter seinem Dach zu dulden – allzu absurd standen die Realitäten des Fußballgeschäfts dem verkündeten hehren Grundsatz mittlerweile entgegen – doch als wenige Monate später, am 30.Januar 1933, die Nationalsozialisten die Macht übernahmen, verschwand dieses Plazet schnell wieder in der Schublade (wo es dann bis zur Gründung der Bundesliga im Jahr 1963 auch verbleiben sollte).

Zu den inhumansten Episoden aus dem 3. Reich zählen die Berichte von Fussballspielen in KZs und Kriegsgefangenenlagern.
Eine dieser Geschichten ist mehrfach verfilmt worden – u.a. in einer Hollywoodproduktion mit Pelé, Bobby Moore, Oswaldo Ardiles, Kazimierz Deyna und – als Torwart – Sylvester Stallone.
Der Film  „Flucht oder Sieg“ schildert die Niederlage einer deutschen Soldatenelf gegen eine Auswahl sowjetischer Gefangener, worunter sich für die Nazis dummerweise acht ehemalige Topspieler von „Dynamo Kiew" befanden.

Das jähe Ende einer großen Fußballkultur bedeutete der „Anschluss“ im Jahr 1938 für Österreich.
Jüdische Sportvereine wie „Hakoah“ und „Maccabi“ wurden verboten und auch für einige der berühmtesten Spieler war das Spiel damit aus.
FRIEDRICH TORBERG: „AUF DEN TOD EINES FUSSBALLSPIELERS“
Er war ein Kind aus Favoriten
und hieß Mathias Sindelar.
Er stand auf grünem Platz inmitten,
weil er ein Mittelstürmer war.
(...)
Er spielte Fussball wie kein zweiter,
er stak voll Witz und Phantasie.
Er spielte lässig, leicht und heiter.
Er spielte stets. Er kämpfte nie.
(...)
Es jubelte die Hohe Warte,
der Prater und das Stadion,
wenn er den Gegner lächelnd narrte
und zog ihm flinken Lauf davon -

– bis eines Tages ein andrer Gegner
ihm jählings in die Quere trat,
ein fremd und furchtbar überlegner,
vor dem’s nicht Regel gab noch Rat.

Von einem einzigen, harten Tritte
fand sich der Spieler Sindelar
verstoßen aus des Planes Mitte
weil das die neue Ordnung war.

Ein Weilchen stand er noch daneben,
bevor er abging und nachhaus.
Im Fussballspiel, ganz wie im Leben,
war’s mit der Wiener Schule aus.

Er war gewohnt zu kombinieren,
und kombinierte manchen Tag.
Sein Überblick ließ ihn erspüren,
daß seine Chance im Gashahn lag.

Das Tor, durch das er dann geschritten,
lag stumm und dunkel ganz und gar.
Er war ein Kind aus Favoriten 
und hieß Mathias Sindelar.

Deutsche Nachkriegszeit
In seiner Autobiographie „Sommerloch“ schildert NORBERT BLÜM das als Gründungsmythos der BRD vielbesungene WM-Finale von 1954:
„...Kurz vor Koblenz überraschte uns ein Schrankenwärter, indem er Daumen und Zeigefinger der linken Hand und Daumen und Zeigefinger der rechten Hand in die Höhe streckte. Das Signal konnte nur bedeuten: Es steht 2:2 ? Ausgleich!
(Morlock und Rahn hatten die Ausgleichstore geschossen, wie ich später erfuhr). Jetzt begann der Zug zu vibrieren. Manche der Mitreisenden bedauerten, diese historische Stunde auf Bahngleisen zu verbringen, andere gerieten in Versuchung, die Notbremse zu ziehen.
In Neuwied fuhr der Zug langsam und quietschend auf dem Bahnsteig 1 ein.
Alle hingen am Fenster mit der Frage: `Wie steht's?´
Aber bevor die Frage gestellt werden konnte, schallte es aus dem Bahnhofslautsprecher nicht wie üblich: `(Neuwied, Neuwied) Hier ist Neuwied´, sondern triumphierend: `Deutschland ist Weltmeister!´
Jetzt war im Zug die Hölle los. Wildfremde Leute fielen sich um den Hals.
Die ältere Dame, die bisher scheinbar als Einzige unberührt von allen hitzigen Erwartungen in der Ecke des Abteils seelenruhig Strümpfe gestrickt hatte, ließ ihre Stricknadeln fallen, umarmte mich und küsste mich wild und ungezogen wie eine Frischverliebte rechts und links wahllos auf Stirn und Mund. Ja so was!
In Königswinter, am Zielort, war die Stadt in Aufruhr... Strohhüte flogen in die Luft. Die einen sangen: `Deutschland, Deutschland über alles´, andere:
`So ein Tag, so wunderschön wie heute´, und eine Jugendgruppe schmetterte lauthals `Wildgänse rauschen durch die Nacht´...!“

Aus (nicht nur) österreichischem Blickwinkel sahen die Ereignisse im Berner „Wankdorf-Stadion“, wie der erwähnte Sindelar-Verehrer Friedrich Torberg bezeugte, allerdings etwas anders aus:
„Bei der 1954 in der Schweiz abgehaltenen Fussballweltmeisterschaft (setzte sich) Deutschland durch seinen 3:2-Sieg über Ungarn an die Spitze der Weltrangliste... nachdem es in der Vorrunde den Österreichern mit 6:1 die vernichtendste Niederlage seit Königgrätz zugefügt hatte. Ich war – wie sehr viele andere – vom Sieg der deutschen Mannschaft nicht nur überrascht, sondern geradewegs schockiert, und daraus machte ich am Expertentisch kein Hehl. In meinen Augen war es ein Sieg des nüchternen Zweckfussballs über die technisch ungleich schönere Spielweise der Ungarn, ein Sieg der nur aufs Endziel gedrillten Roboter über die Vertreter der Fussballästhetik. In meinen Augen hatte ein Kombinationszug zwischen den ungarischen Ballkünstlern Puskas  und Hidegkuti, auch wenn er zu nichts führte, mehr mit dem Sinn des Spiels zu tun als ein erfolgreicher Torschuß des bulligen deutschen Außenstürmers Rahn. `Es ist das Ende der Poesie im Fussball!´ resümierte ich!“
(s. Moritz S.86f)

Wie in den meisten anderen gesellschaftlichen Bereichen, so gab es auch im DFB keine Stunde Null, sondern sehr bald eine Wiederkehr des alten Personals.
Und einige davon taten sich ersichtlich schwer mit der für sie noch sehr ungewohnten neuen Rolle als Demokraten.
„Bei den hohen Idealen, die wir vertreten, hört die Demokratie auf!“ meinte der erste Nachkriegspräsident des DFB, Peco Bauwens, und im „Münchner Löwenbräukeller“, bei der offiziellen Weltmeisterfeier 1954, begann er, etwas angeheitert, plötzlich (wie in den guten alten Zeiten) davon zu schwadronieren, daß „Wotan, der Donnergott der Germanen“ der Mannschaft in Bern beigestanden habe und nur das „Führerprinzip“ habe diesen glorreichen Sieg ermöglicht. Da wurde es selbst dem Bayerischen Rundfunk, der die Rede live übertrug, mulmig, und man brach die Sendung kurzerhand ab. ("Wegen einer technischen Panne muß die Übertragung aus dem Löwenbräukeller...")

Die "Sixties" und die 70er:
 
FRANZ JOSEF DEGENHARDT
Verteidigung eines alten Sozialdemokraten
gegen ein Flugblatt der APO vor dem Fabriktor:
„Ich sag Dir, so geht das nicht“, sagt der alte Sozialdemokrat und spricht:
„Natürlich kann ich auf eine Drehbank steigen und loslegen 
von wegen sicherer Arbeitsplatz und so... 
Aber angenommen sogar ich bin Fritz Beckenbauer, 
die hören doch gar nicht hin, die schreien doch Halt den Hals. 
Ich sag Dir, so geht das nicht... 
Bei Euch am Theater, na meinetwegen, aber stell Dir mal vor, Bundesliga-Endspiel,
Borussia gegen Eintracht, so 5 Minuten vor Schluß kommen ein paar von Euch auf den Platz.
Rote Fahnen und so und brüllen: `Schluß mit dem Quatsch, jetzt wird diskutiert!´ 
Was meinst Du, was da passiert?! 
Euer Flugblatt!?
Wischen die sich den Arsch mit ab!
Ich sag Dir, so geht das nicht, sagt der alte Sozialdemokrat...!“

(Auch damals gab es natürlich kein Bundesliga-„Endspiel“, auch keinen „Fritz Beckenbauer“ und Vereinsnamen wie „Borussia“ oder „Eintracht“ dufteten einem politisch bewegten Studenten vor allem nach dem „Muff von Tausend Jahren“!)
 

Die grundsätzlichen Probleme der Linken mit dem Fussball und den Fussballfans hatten wir schon an anderer Stelle angesprochen – und auch unter dem Personal des DFB der 50er und 60er Jahre fand sich kaum ein Sympathieträger, der die rädelsführende studentische Avantgarde vom Gegenteil hätte überzeugen können.
Und so gab es von „Flower Power“ & APO in der Welt des Fussballs leider nur einige wenig eindrucksvolle Reflexe.
Bestimmte Spielertypen wie der britische Vorzeige-Hippie George Best oder hierzulande (eher fehlbesetzt) Günter Netzer und Paul Breitner, wurden Medien-Ikonen (- deren langhaarige Nachahmer vor allem von der Landbevölkerung ganz gerne einmal verprügelt worden sind -) und auch bestimmte Vereinsimages (verknüpft mit einer tatsächlich etwas swingenderen Spielweise) wie bei „Ajax Amsterdam“ oder „Borussia Mönchengladbach“ wurden kreiert.
Der Fussball nutzte die Möglichkeiten zur Veränderung, die sich damals überall in der Gesellschaft plötzlich boten aber nur sehr unvollkommen und Anschluss an die dynamischen Subkulturen, den fand er nicht wirklich.
(Interessant, sich einmal auszumalen, was alles hätte geschehen können, wenn sich im gleichen Geist wie sich damals z.B. die Musik revolutionierte, auch das Fussballspiel verändert hätte!?)
 

DIE 80er JAHRE
Seine schwerste Krise erlebte der Fussball Anfang der 80er Jahre.
Das Interesse an ihm schien immer mehr zu schwinden. Die Zuschauerzahlen sanken dramatisch und auch hatte er (nicht nur in Deutschland – aber vor allem hier) eine immer schlechtere Presse.
Das Spiel selbst war, zu einem wenig mitreissenden, taktisch geprägten Schachmattsetzen des Gegners geworden (vor allem durch Einsatz von purer Kraft).
Außerdem dilettierten viele der neureichen Stars damals ziemlich unbeholfen in der neuen Rolle als Kickermillionär und vergraulten viele alte Anhänger, die immer mehr spürten, daß den Spielern ihr Verein längst nicht mehr so am Herzen lag, wie ihnen als Fans.
Zudem tauchten die ersten Hooligans auf und verwandelten Sportereignisse in regelrechte Schlachtfelder.
Außerdem wären nun gerade die 68er jene Zuschauergruppe gewesen, welche die Stadien und als Couch Potatoes die Fernsehsessel hätte füllen sollen - und unter denen gab es eben weit mehr Fussballmuffel als in früheren Generationen.
Das Ende der Agonie kam dann, als (gelinde gesagt) eher fussballferne Akteure die Bühne betraten – allen voran der Medien-Tycoon Rupert Murdoch – die beschlossen hatten, auch diesen Sport nun endlich mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln des Marketing und der Produktgestaltung zum lukrativen Bestandteil der Popwelt zu machen.
Und es funktionierte mit einer geradezu atemberaubenden Vehemenz.
Auch in Deutschland war den Machern mittlerweile klar geworden, daß der Fussball tatsächlich dramatisch an Bedeutung verlieren würde, wenn es nicht gelang, ihn nach US-Vorbild zu renovieren. Die Umbaumaßnahmen begannen hierzulande schließlich 1988 als RTL die Bundesligarechte erwarb und vollendet wurde die Neuinszenierung im Jahr darauf dann bei und durch Sat1.

ZUR WEITERENTWICKLUNG DES SPIELS
In den 50er Jahren schufen Nationalmannschaften wie Brasilien (Pelé, Garrincha, Vava, Didi) oder Ungarn und auf Vereinsebene das internationale Starensemble von „Real Madrid“ (Puskas, Di Stefano) gewissermaßen die klassische Moderne des Fussballs.
Man experimentierte zwar mit Variationen des tradierten Spielsystems, ohne jedoch die vorgegebene Rollenverteilung umzustürzen. Vielmehr versuchte man, die Positionen auf dem Spielfeld lediglich mit möglichst kreativen und effizienten Akteuren zu besetzen.
Angefangen hatte die Geschichte der Spielsysteme, wie wir gesehen haben, im „Volksfussball“, im chaotischen Tumult von oft mehreren Hundert Teilnehmern.
Im modernen Fussball nach 1863 aber destillierten sich sehr schnell geordnetere Verhältnisse heraus.
Die Grundbastionen waren bald definiert Torwart – Abwehr – Mittelfeld – Angriff.
Wobei das Mittelfeld sich als das kreative Zentrum des Spiels entwickeln konnte, da die fussballspezifische Abseitsregel (im Gegensatz etwa zum Handball) ein möglichst geschicktes Agieren im Mittelfeld zur Angriffsvorbereitung quasi erzwungen hatte.
Zuerst gab es allerdings – wie beim Rugby – dann doch nur ein mehr oder weniger strukturiertes Anrennen:
Das 1-1-8- wurde bei vorsichtigeren Teams auch schon einmal zu einem 1-2-7-System modifiziert, doch gab es in den ersten Jahrzehnten des Spiels noch kein einigermaßen ersichtliches Gleichgewicht zwischen Offensiv- und Defensiv-Abteilung.
Anstürmen macht eben unbestritten weit mehr Spaß!
Erst mit der Professionalisierung erhielten auch strategische Erwägungen und geometrische Vorüberlegungen ein immer größeres Gewicht.
Die schottische Avantgarde setzte Ende des 19. Jahrhunderts (immer noch im Hurra-Stil) auf ein 2-2-6 – in England baute man die sogenannte „Paßpyramide“ (2-3-5) – bis dann der erste moderne Trainer, Herbert Chapman, bei „Arsenal London“ in den späten 20er Jahren das für lange Zeit stilbildende WM-System entwickelte.
Damit setzte er den Standard, bis das englische Selbstbewusstsein am 25. November 1953 schwer erschüttert werden sollte.
Zum erstenmal verlor man zu Hause gegen eine Mannschaft vom Kontinent: 3 zu 6 gegen Ungarn!
Und die Ungarn spielten – ebenso wie die Brasilianer bei ihren spektakulären WM-Auftritten mit Pelé – ein symmetrisches 4-2-4-System, das vor allem im nominell dünn besetzten Mittelfeld schöpferische Freiräume für überraschende Spielverlagerungen offen hielt.
Allerdings setzte sich damit auch ein gewisser Defensivtrend durch, der weiter führte zum 4-3-3 und zum (in Deutschland lange präferierten) 3-5-2-System.
(Einem Fernsehzuschauer werden diese Dimensionen des Spiels allerdings immer verborgen bleiben, da die Kamera immer nur einen actiongesättigten Ausschnitt einfängt – und so gut wie nie die Gesamtkonstellationen zeigt!)
In Italien, wo schon früh sehr viel Geld im Spiel war, und Niederlagen dementsprechend teuer zu stehen kamen, setzte man entschlossen auf Strategien und Taktiken der Risikominimierung. Biermann & Fuchs bezeichnen, wie schon erwähnt, in ihrem Buch „der Ball ist rund“ den Defensiv-Riegel „Catenaccio“ 5-3-2 (den Helenio Herrera bei „Inter Mailand“ exzessiv und publikumsverachtend anwandte) als die „Geburt des Bösen im Fussball“.
Etwas wesentlich Neues entwickelte sich dann aber in den späten 60er Jahren in den Niederlanden. Bei „Ajax Amsterdam“ (Cruyff) und übertragen in die holländische Nationalmannschaft machte eine Spielweise Furore, die man wegen ihres verblüffend flexiblen Stils, den „totalen Fussball“ nannte.
Auffallend war dabei vor allem, daß nun auch die Abwehrspieler befugt und befähigt waren, sich immer wieder mit ins Angriffsspiel einzuschalten. Und darüber hinaus sollte prinzipiell jeder Spezialist (mit Ausnahme des Torhüters) auch andere Rollen übernehmen können, wenn es die Spielsituation anbot.
Das holländische Publikum wollte einen frei gestalteten, virtuosen Fussball sehen, der nicht nur Solisten in Szene setzte, sondern immer auch ein lustvoll agierendes Kollektiv.
Daß dieser Stil nebenbei auch noch äußerst erfolgreich war, schien den Zeitgeist dieser bewegten Epoche zu bestätigen.
(Bayern verlor gegen Amsterdam bei Europapokalbegegnungen ein ums andere Mal. Schließlich wuchsen auch in der Bundesliga Zentimeter um Zentimeter die Haare – und dann, leider nur für ein paar kurze Jahre, spielte auch einmal eine deutsche Nationalmannschaft – mit der EM 1972 als absolutem Höhepunkt – einen mitreißend schönen Fussball. Alle Welt rieb sich darob verdutzt die Augen! Und auch das vermutlich beste Spiel zweier Vereinsmannschaften hierzulande fiel in diese Blütezeit: das Pokalfinale 1973 zwischen Günter Netzer’s „Borussia Mönchengladbach“ und Wolfgang Overath’s „1 FC Köln“.)
Damit hatte man das Ende der starren Systeme eingeläutet, doch war damals die Realisierung dieser zukunftsweisenden Idee noch limitiert durch die begrenzten athletischen Möglichkeiten (auch der Profi-)Fussballer.
Vielleicht gottlob!?
(Was etwa ein Paul Breitner als stürmender Verteidiger an Potential erst anzudeuten vermochte, wurde erst zwanzig Jahre später durch ein kraftmaschinengestähltes Powerpack wie Roberto Carlos vollendet.)

Inspiriert davon entwickelte man immer neue Konzepte und Rollenbeschreibungen.
Hierzulande wurde vor allem die (in Italien schon länger angedachte) Idee eines „Libero“ (Nr. 5) mit Franz Beckenbauer in der Hauptbesetzung erstmals idealtypisch verwirklicht. Man gab einem (möglichst brillanten und mit hinreichend Spielintelligenz ausgestatteten) Innenverteidiger (der zuvor noch als sogenannter „Ausputzer“ rein liquidierende Aufgaben versehen hatte) neue kreative Gestaltungsräume in der Offensive - allerdings zunächst mit der kehrseitigen Folge, daß der andere der beiden zentralen Abwehrspieler fortan als „Vorstopper“ („Es ist kein Mensch, es ist kein Tier, es ist die Nummer 4 !“) einen umso gröberen Klotz abzugeben hatte (- also gewissermaßen eine asymmetrische Verteilung des Konstruktions- und Destruktionspotentials in den hinteren Reihen).

Um den angefangenen Weg zum „totalen Fussball“ weiter voranzukommen, mußte man, wie bald klar wurde, den Trainingsaufwand vor allem im konditionellen Bereich enorm steigern. Und auf dieser nächsten Etappe gingen die Deutschen dann am entschlossensten voran. Wobei die (ästhetische) Qualität des Spiels sich zunächst allerdings wieder zurück entwickelte, da es vor allem die Verteidiger (und defensiven Mittelfeldspieler) waren, welche von ihrer neuen Power am effektivsten Gebrauch machten.
Zusammen mit einer taktischen Grundausrichtung, die das Tore verhindern unverhohlen vor das Tore erzielen setzte, stagnierte das Spiel seit Ende der 70er Jahre.

Eine (auch aus soziologischem Blickwinkel höchst interessante) Sonderstellung nahm in den 80ern die Sowjetunion ein. Dort gelang es Valeri Lobanowski mit „Dynamo Kiew“ (später - bis auf den Torhüter - identisch mit der Nationalmannschaft) ein dem russischen Eishockey nachempfundenes Rasenschach zu zelebrieren - mit ungeheuer schnellen Spielzügen und ungeheuer schnellen Spielern (wie Igor Belanov), die sich beinahe blind verstanden und nach perfekt einstudierten Winkelzügen zu kombinieren vermochten. Dieses Modell überlebte (im Fussball ebenso wie im Eishockey) das Ende des real existierenden Sozialismus nicht. Mit dem Ende dieses Gesellschaftssystems fehlten plötzlich die dazu notwendigen Voraussetzungen. Seither ist es auch in Kiew oder Moskau nicht mehr möglich, eine Mannschaft über viele Jahre zusammenzuhalten, auf derart hohem Niveau auszubilden und wachsen zu lassen.

Daneben (und als Gegenbild dazu) erlebte die Sportwelt zeitgleich mit Diego Maradona aber auch den letzten überragenden Alleinherrscher auf dem Fussballplatz.

Im Grunde aber war es eben doch die Ära des deutschen Fussballs!
(Der englische Stürmer Gary Linecker brachte die tiefe Resignation der internationalen Sportwelt einmal lakonisch auf den Punkt, indem er sagte:
„Fussball, das ist ein einfaches Spiel, bei dem 22 Spieler mit einem Ball gegeneinander antreten, und zuletzt gewinnen immer die Deutschen!“)

Erst als schließlich ballfertigere und per se offensiver orientierte Spielkulturen wie Brasilien, Argentinien und seit Mitte der 80er Jahre dann vor allem die afrikanischen Staaten den leichtathletischen Rückstand aufgeholt hatten, erlebte auch das Virtuosentum auf dem Rasen eine Renaissance.
(Symptomatisch für diese Trendwende war es, als plötzlich die großen Clubs „schwarze Spieler“ nicht mehr nur als ballverliebte Zauberer und Publikumsattraktion in der Offensive eingekauften, sondern für viel Geld und wohl durchdacht als die besseren Abwehrspieler.)

Zum Status Quo:
Heute hat sich die Laufleistung der Spieler (verglichen mit den 70er Jahren) etwa verdoppelt, wodurch vor allem solche Taktiken umsetzbar geworden sind, die in erster Linie darauf abzielen, den Angreifer in ständiger Überzahl zu bedrängen.
Als Modetermini kursieren in Fussballkreisen seither Begriffe wie:
wie das Pressing (ein dem Forechecking beim Eishockey abgeschautes, kraftraubendes Attackieren schon weit vor dem eigenen Strafraum)
die Raumdeckung (im Gegensatz zur bis dahin üblichen – auch für schlichtere Geister durchschaubaren – Manndeckung wird nun versucht, variabel und dynamisch gewissermaßen Planquadrate zu besetzen, immer dort, wo der Ball ist, eine Überzahl herzustellen. Der Manndecker mußte stets nur das Weiße im Auge des Feindes sehen, während der Raumdecker dagegen immer konzertiert agieren muß mit seinen Verteidigerkollegen)
das Verschieben (das gleiche Prinzip auf größerem Raum – wobei versucht wird, durch das ballorientierte Verschieben der ganzen Mannschaft den bespielbaren Raum für das gegnerische Team möglichst einzuengen / s.u. Graphik: "Raumverteilung im zeitgenössischen Fussball")
oder, vielbeschworen und oft diskutiert,
die Viererkette (als letzte Verteidigungslinie, die sich viel schneller als eine tief gestaffelte Formation nach vorne verschieben läßt).
 
1-1-8-System
1-2-7
2-3-5 ("Paß-Pyramide")
WM-System 
(wg. der zwei darin versteckten Buchstaben)
4-2-4
4-3-3
"Catenaccio"
Durch die Taktik des "Verschiebens" verengt sich der bespielbare Raum im heutigen Fußball

FANS
 
FOOTBALL
Neil Innes & Eric Idle ("Monty Pythons")
I throw house bricks for The Arsenal 
I chuck lead pipe for West Ham 
I kick and maim for Chelsea 
I kill for Tottenham 
I drop bottles for United on the crowd from up above 
Yes football is the game that we all love 

I razor slash for Sheffield 
I cut 'em up for Q.P.R.
I stick nails in 'em for Norwich
For Leeds I slash and scar 
For Celtic I throw petrol bombs whenever our teams score

Yes football is the game that we adore

We all love football 
Kill rape slash 
AHH
We all love football 
Shoot stab boot 
AHH 
Football is the game that we adore 

I hack limbs off for Newcastle 
I rape for Luton Town 
For the Rangers I kill strangers 
And kick police horses down 
I set fire to referees who let opponents score 
Yes football is the game that we adore

We all love football Bomb hurt kill 
AHH 
We all love football Slash Kick maim 
AHH 
Football is the game that we adore
The End!

Zitate aus der „Innenschau“ eines eloquenten Fussballfanatikers -
NICK HORNBY „FEVER PITCH / BALLFIEBER“:
„`Woran denkst Du?´ fragt sie. In diesem Augenblick lüge ich. Ich habe überhaupt nicht an... die Labour Party gedacht. Was soll’s, Besessene haben keine Wahl, sie müssen in solchen Augenblicken lügen. Wenn wir jedesmal bei der Wahrheit blieben, wären wir nicht in der Lage, Beziehungen zu irgend jemandem aus der wirklichen Welt aufrechtzuerhalten. Wir würden zurückbleiben, um mit unseren Arsenal-Programmheften (und) unserer Sammlung von Originalaufnahmen des Stax Blue Labels... (- die Soul- / R&B-Plattenfirma „Stax“ verwendete für die altehrwürdigen Monoaufnahmen ihrer Stars „Booker T. & The MGs“, Rufus Thomas oder „Sam & Dave“ das „Blue“- und für die moderneren Stereo-Aufnahmen das „Yellow“-Label) zu verfaulen. Unsere... Tagträume würden länger und länger und länger, bis wir unseren Job los wären und aufhören würden zu baden... Die Wahrheit ist: Während alarmierend großer Abschnitte eines durchschnittlichen Tages bin ich ein Schwachsinniger... (S.12)
Im Mai 68 (natürlich ein Datum mit Beigeschmack, obwohl ich noch immer eher an Jeff Astle als an Paris denke), kurz nach meinem elften Geburtstag, fragte mich mein Vater, ob ich mit ihm zum FA-Cup-Finale... gehen wolle... Ich sagte ihm, daß Fussball mich nicht interessiere... wahrheitsgemäß, so weit mir bewußt war. Allerdings sah ich mir (dann) eigenartigerweise das ganze Spiel trotzdem im Fernsehen an. Ein paar Wochen später verfolgte ich mit meiner Mutter gebannt das Europapokalfinale der Landesmeister zwischen Manchester United und Benfica... Ich liebte Bobby Charlton und George Best (ich wußte nichts von Dennis Law, dem dritten der Heiligen Dreifaltigkeit...) mit einer Leidenschaft, die mich vollkommen unerwartet getroffen hatte...(S.19)
Ich erinnere mich an die überwältigende Männlichkeit der ganzen Geschichte – Zigarren- und Pfeifenrauch, verdorbene Sprache (Worte, die ich zwar schon gehört hatte, aber nicht von Erwachsenen und nicht in dieser Lautstärke)...(S.24)
Es war aber nicht der Umfang der Zuschauermenge oder die Tatsache, daß Erwachsene das Wort `WICHSER´ so laut sie wollten schreien konnten..., was mich am stärksten beeindruckte, sondern wie sehr die meisten Männer um mich herum es hassten, wirklich hassten, hier zu sein. Soweit ich das beurteilen konnte, schien keiner irgend etwas von dem, was während des gesamten Nachmittags geschah, auf die Art zu genießen, wie ich das Wort verstand... Der natürliche Grundzustand des Fussballfans ist bittere Enttäuschung, egal wie es steht... Sich zu amüsieren, indem man leidet, war für mich ein vollkommen neuer Gedanke... (S.25ff)
Warum war ich so ernsthaft? (Sonst war ich überall ein Kind)... Die simple Wahrheit ist, daß Besessenheit eben nicht lustig ist und daß Besessene nicht lachen... Ich wollte beim Fussball einfach keinen Spaß haben. Ich hatte überall sonst Spaß, und es hing mir zum Hals raus. Was ich mehr als alles andere brauchte, war ein Ort, an dem ziellose Unglückseligkeit gedeihen konnte. Ein Ort, an dem ich still sein, mir Sorgen machen und den Kopf hängen lassen konnte. Ich war melancholisch, und wenn ich meinem Team zuschaute, konnte ich die Melancholie auspacken und ihr etwas Auslauf verschaffen...(S.56f)

Die Hauptsache ist, daß du einen Glauben hast!...(S.29)

(Dahinter steckte auch das) Phänomen der Pseudozugehörigkeit, bei dem Vergangenheit und Hintergrund konstruiert und zurechtgebogen werden, um eine Art von akzeptabler, kultureller Identität zu erzeugen. Wer war es, der `I wanna be black´ gesungen hat? (Lou Reed war’s) Der Titel sagt alles...In den 70er Jahren begannen junge, intelligente und ansonsten selbstbewußte weiße Männer und Frauen in London ein jamaikanisches Provinzidiom anzunehmen, das ganz offen gesagt überhaupt nicht zu ihnen paßte.
 (Allen voran übrigens ausgerechnet die Skinheads!)
Wie wir alle wünschten, wir kämen aus den Ghettos von Kingston, den Wohnbauprojekten Chicagos oder den heruntergekommenen Straßen von Nordlondon... All die Punkrocker mit Privatschulausbildung, die ihre Hs nicht aussprechen und die Vokale verhunzen!... (Gymnasiasten) und Gymnasiastinnen betraten einen luftleeren Raum, keine der verfügbaren Kulturen schien zu uns zu gehören, und wir mußten uns schnell eine klauen... (S.63ff)
Du magst Fussball? Dann magst du auch Soul, Bier, Leutevermöbeln, Frauen-an-den-Busen-Grabschen... Du bist ein... Cricketfan? Dann gefallen dir die Dire Straits und Mozart und du liebst Wein, Frauen-in-den-Hintern-Zwicken... Theoretisch ist es möglich, zum Beispiel Fussball, Soul und Bier zu mögen, aber Busengrabschen und Pozwicken zu verabscheuen (aber auch umgekehrt, wie man leider zugeben muß)...(S.107f)
Der Fussball hat mich einiges gelehrt. Ein Großteil meiner Kenntnisse über Orte in Großbritannien und Europa stammt nicht aus der Schule, sondern von Auswärtsspielen... und der Hooliganismus hat mir sowohl eine Vorliebe für Soziologie als auch ein gewisses Maß an Erfahrung in Sachen Feldforschung gegeben... (S.94)

Ich habe Freunde, die stehen (meiner Passion) besonders ablehnend gegenüber, weil ich dazu tendiere, den metaphorischen Wert des Fussballs zu überschätzen, und ihn deshalb in Unterhaltungen einführe, in die er einfach nicht hineingehört. Ich akzeptiere mittlerweile, daß Fussball keine Relevanz... für den Golfkrieg, die Geburt von Kindern, die Ozonschicht... etc. etc. besitzt, und ich möchte die Gelegenheit ergreifen, mich bei all denen zu entschuldigen, die sich meine pathetisch überspannten Analogien anhören mußten... (S.14)!“

KUTTEN, HOOLIGANS & ULTRAS:
Der moderne Fussball-Fan entstand im England der 60er Jahre.
Bis dahin waren die Anhänger eines Vereins zumeist die erwachsenen männlichen Eingeborenen des jeweiligen Ortes (jene, die zu alt oder zu unsportlich waren, um selbst aktiv zu sein) - bzw. die Väter nahmen ihre Söhne zum „Schlachtenbummeln“ mit.
Erst als die „Halbstarken“-Revolte der späten 50er die Welt verändert und Teile davon in Besitz genommen hatte, schlossen sich auch auf dem Fussballplatz Jugendliche zu relativ autonomen Peer-Groups zusammen und kreierten eine eigenständige Subkultur mit exklusiven Codes und Ritualen.
Die Wissenschaft rekurrierte bei ihren Erklärungsversuchen damals (hier wie auch z.B. beim Phänomen „Rock’n’Roll“) geradezu reflexartig und naheliegenderweise auf ethnologische Modelle.
Im diesbezüglichen Standardwerk „The Soccer Tribe“ (1981) von Desmond Morris (übrigens Zoologe von Hause aus) stellen sich das Spiel und die Fanszene dar als eine Transformation alter „Stammeskulturen“ in unsere modernen Zeiten. Zur Kompensation emotionaler Defizite der Industriegesellschaft (mit ihrer entfremdeten Arbeitswelt) versuchen die Jugendlichen eben dort, in archaischer Form Aggression, aber auch Begeisterung ungehemmt auszuleben und auch Riten nach urgeschichtlichem Vorbild zu reanimieren.

KUTTEN
Als Inbegriff für die Mitglieder eines solchen „Fussball-Stammes“ galten bald die „Kutten“ mit ihren trophäen-, insignien- und nietenbestickten Jeansjacken (angelehnt nicht zufällig an die Motorradrocker-Kluft) und ihrem „Six-Pack“-Image.
(Notabene: PROST ist ein Anagramm zu SPORT!)

HOOLIGANS
Zwar waren Fussballanhänger immer schon als Krawallbrüder verschrien, aber der in den 80er Jahren schlagzeilenträchtig aufkommende „Hooliganism“ hatte eine wesentlich neue (bedrohliche) Qualität. Nicht mehr die Verehrung eines Vereins oder einer Mannschaft stand im Vordergrund, sondern die Wochenendrandale wurde zum  Selbstzweck – völlig unabhängig vom Spielverlauf einer Partie.
Organisierte und zuvor verabredet Schlachten bildeten das Zentrum dieser Szene.
(Der Begriff „Hooligan“ bezieht sich übrigens vermutlich auf eine berühmt-berüchtigte irischstämmige Familie von Raufbolden mit Namen „Houlihan“, die im 19. Jahrhundert im Londoner East-End ihr Unwesen getrieben hatte!)
(Und in Italien, da nennt man die Fans, wie man weiß, “Tifosi“ = vom Typhus Befallene!)

Einige Jahre zuvor schon hatte das Auftauchen von Skinheads das Klima in den Fankurven verschärft, wie auch NICK HORNBY beschreibt (S.52ff):
„Leider war die Schoolboys’ Enclosure (für Jugendliche reservierte Ränge) 1970, als Glatzen und Doctor-Martens-Springerstiefel (ein typischer Fehler in der deutschen Übersetzung: Doc Martens sind eben gerade keine Militärtreter, sondern zivile Arbeitsschuhe!) auf den Stehplatztribünen aufzutauchen begannen, kein gemütlicher Ort mehr. Der kleine, enge Abschnitt... war praktisch eine Brutstätte für zukünftige Hooligans... Damals empfand ich ein tiefes Gefühl der Enttäuschung..., daß manche Leute dem Fussball offenbar nicht aus den richtigen Gründen beiwohnten!“
 

ULTRAS
In den 90ern dann entstand in italienischen Stadien die „Ultra“-Bewegung mit ihrer eindrucksvollen Choreographie und Pyrotechnik.
(Der Begriff „Ultra“ wird daneben gelegentlich auch von Hooligans benutzt – im Sinne von „ultra-brutal“oder „ultra-hart“!)
Das Fanzine „11 Freunde“ (Nr.9 - 2001) faßt die Entwicklung der Fansubkulturen unter der Überschrift „Ultras vs Kutten“ zusammen:
„Noch in den Siebzigern waren die deutschen Stadien sehr übersichtlich aufgeteilt, in den Fanblock und die Anderen. Wer singen und klatschen wollte, stellte sich zu den anderen, die singen und klatschen wollten. Und jeder im Fanblock hätte die Idee wohl einigermaßen absurd gefunden, den Nebenmann zu fragen, was er denn bitte sei: Normalo, Kutte, Hooligan oderUltra. Anything goes, damals. Aber wer zum Fussball seine Jeansweste mit den sorgfältig aufgenähten Stickern anzog, konnte sicher sein, damit im Stadion nicht allein zu sein. Kutten, ob mit Troddeln an den Armen oder Nietenleiste an der unteren Naht, trug jeder, der etwas auf sich hielt... Doch Anfang der Achtziger Jahre tauchten plötzlich Fans auf, die anders waren... Jungs, die auf den englischen Dresscode schwörten und überhaupt wenig mit den traditionellen Fans gemeinsam hatten – die ersten Hooligans. Sie waren eine Provokation, eine Kampfansage, der komplette Gegenentwurf zur schmuddeligen Proll-Kultur der Kuttenfans. Statt der alten Jeans eine neue Chevignon-Jacke, statt der Rockerstiefel teure Turnschuhe. Es ging nicht mehr ums Anfeuern, ums Singen und Fahnenschwenken, sondern um den Fight, den Städtekampf mit den Fäusten. Der Kampf um die Macht in den Kurven war schnell entschieden. Der Entschlossenheit, Rivalitäten immer und jederzeit mit den Fäusten auszutragen, hatten die Kutten wenig entgegenzusetzen. Zumal entstanden im Sog der Katastrophe von Heysel in jeder größeren Fanszene oft hundert, zweihundert Mann starke Mobs, die nur noch an Kleinigkeiten als Fans eines Vereins zu erkennen waren. Und Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger Jahre verging kaum ein Spiel ohne Jagdszenen auf den Straßen... Die Schalker Gelsenszene gegen die Borussenfront aus Dortmund, die Adlerfront aus Frankfurt gegen die Sturmtruppen aus Mönchengladbach...
(In den späten Neunzigern dann) tat sich wieder ... etwas in den Fankurven...
Und erstmals kam es nicht aus England, wie bislang jeder Trend, sondern aus Italien...: der Ultra-Gedanke! ... Jeder hatte schon mal im Fernsehen diese Bilder aus Mailand, Turin oder Rom gesehen. Kurven voller Fahnen und Transparente, eingehüllt in Rauch und Feuer... Choreographien mit Papptafeln, Bändern und aufgeblasenen Mülltüten hielten (dann, vor vier Jahren, auch in unseren Stadien) Einzug... Neue Lieder wurden gesungen und Jungs mit Megaphon in der Hand koordinierten die Darbietungen... Vor allem die traditionellen Fanclubs beobachteten mit Argwohn, daß sich gleich nebenan eine junge und beneidenswert aktive Fanszene etablierte... Und das ohne all die alten Strukturen, ohne Treffen in verrauchten Hinterzimmern, auf denen der Kassenwart gewählt und der Vorstand entlastet wird... Natürlich, es gibt Ordnungsstrukturen und gewählte Capos, die die Busse organisieren und Entscheidungen über die Choreographien treffen...
Doch steht der Spaß im Vordergrund...
Wer (jedoch) vermutete, hier habe die Spaßgesellschaft eine Schneise in den Fanblock geschlagen, sah sich... getäuscht. In ihrer rigorosen Ablehnung der Kommerzialisierung übertreffen sie sogar noch die (Alten), man wird keinen ernsthaften Ultra finden, der die Merchandise-Produkte des Vereins spazieren führt. Und ihre Reifeprüfung legten sie in den ersten Monaten dieses Jahres (2001) ab.
Der Protest `Pro 15:30´ (d.h. die Bundesliga hat am Samstag zwischen halb Vier und Viertel nach Fünf stattzufinden!) gegen den (von Leo Kirch) zerfledderten Spieltag (um möglichst viele Live-Begegnungen in `Premiere´ anbieten zu können) wurde maßgeblich von ihnen getragen. Wochenlang beherrschte das Aufbegehren gegen die Macht des Fernsehens... die Schlagzeilen und nur selten hatten die Fans so das Gefühl, gemeinsam etwas erreichen zu können. (Am 8. April 2002 musste Leo Kirch Insolvenz anmelden!)...
Inzwischen ist deutlich geworden, daß der Siegeszug der Ultras die Stadien weiter parzelliert hat... In Köln etwa, wo die traditionellen Fans, die Fahnen schwenkenden Anhänger mit Schal und Mütze, in der Südkurve stehen, die Hooligans jedoch ihre Plätze gegenüber in der Nordkurve einnehmen. Die Ultras der `Wilden Horde´ wiederum sitzen im Oberrang... Und keiner käme auf die Idee, die Grenzen dieser Milieus aufzuweichen.
Dabei beharken sich... vor allem die Ultras und die traditionellen Fans...
Die Ultras halten die traditionellen Fans für unkritisch,... weil sie die Trikots und Feuerzeuge kaufen, die im Fanshop angeboten werden...
Aber auch der Vorwurf an die Ultras des elitären Auftretens ist nicht von der Hand zu weisen. Vielerorts gibt es einen unausgesprochenen, aber streng eingehaltenen Dresscode und spontanes Mitmachen wird eher argwöhnisch beobachtet.
So sind in vielen Stadien Monokulturen frisch rasierter Oberschüler entstanden...
und in ihrem Bemühen, dem Kommerz zu entsagen, verklären viele den Amateurfussball zur guten Gegenwelt... Das treibt mitunter merkwürdige Blüten, so feuern Berliner Ultras mittlerweile die 2. Amateurmannschaft von Hertha BSC an und beschuldigen die 1. Amateurelf des Kommerzes...
Der Ultra-Gedanke (jedenfalls) ist mittlerweile ein Mythos...
(Es ist) eine Jugendkultur wie Skins, Punks oder Skater... Ultra zu sein, ist eine Lebensauffassung!“

Im US-Sport, der von Anfang an konsequent rein kommerziellen Interessen zugerichtet worden ist, und der stets wohlkalkuliertes Entertainment für die ganze (zahlende) Familie sein sollte, hat es (trotz des oft martialischen Heroenkultes der NBA- oder NHL- Events) den ungezügelten Fan wie in Europa oder Südamerika nie gegeben. Dort hat man es immer verstanden, das Aufkommen einer eigenständigen kreativen Fankultur mit allen Mitteln zu unterbinden, vor allem indem man vorab schon jeden Augenblick eines Sportereignisses professionell durchinszeniert und so den Zuschauer in eine reine Konsumentenrolle ohne eigenen Gestaltungsspielraum zwingt!

Neben der anthropologisch-ethnologischen „Stammestheorie“ gab es schon früh auch einen religiös-theologische Erklärungsansatz. Und während Erstere das Kriegerische der „Schlachtenbummler“ betont, stellt die Religionsanalogie die „Verzückung“ der Fans ins Zentrum ihrer Phänomenbeschreibungen und Analysen.

HORNBY: „(Ich verspüre) die Versuchung..., in ein warmes Bad zu springen, das die gelöste Essenz von Kenneth Wolstenholme enthält...!“ (S.38)

Giovannino Guareschi in seinem Roman „Don Camillo und Peppone“:
Don Camillo stürmt nach einem verlorenen Spiel gegen die Mannschaft seines Erzfeindes Peppone, des kommunistischen Bürgermeisters, zornentbrannt in die Kirche.
„`Wie soll man nicht vor Wut platzen, wenn man sieht, daß eine solche Mannschaft verliert... glaube mir, es ist herzzerreißend und schreit um Rache zu Gott!´
`Don Camillo´, ermahnte Christus lächelnd.
`Nein, Du kannst mich nicht verstehen... Der Sport ist eine Sache für sich. Wer darin steckt, der steckt eben darin, und wer nicht darin steckt, der steckt halt nicht darin. Drücke ich mich klar aus?´
`...Ich verstehe Dich so gut, daß ich... Na gut, wann ist das Revanchespiel?´
Don Camillo sprang auf, und das Herz quoll ihm vor Freude über.
`Sechs zu Null !´  schrie er. `Sechs Bälle, die sie nicht einmal an den Torstangen vorbeifliegen sehen werden! So wie ich jetzt diesen Beichtstuhl dort treffe!´
Er warf seinen Hut in die Luft, und, ihn mit dem Fuß im Fluge erreichend, jagte er ihn durch das Fenster des Beichtstuhls.
`Tor!´ sagte Christus lächelnd!“

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FUSSBALL & RECHTSEXTREMISMUS

Torsten Lemmer – ehemals Manager der Düsseldorf-Andernacher Skin-Combo „Störkraft“ und rührigster Rechtsrockproduzent - schrieb 1994 in seinem Buch „Skinhead Rock – Eine notwendige Klarstellung über nonkonforme Musik“ (S. 29+116):
“Zu Beginn der nonkonformen rechten Rockmusikgeschichte, Anfang der 80er Jahre, hörten zumeist Skinheads und Leute aus dem gewalttätigen Fussballumfeld sowie versprengte alte Ragnaröck-Fans (Ragnaröck = Götterdämmerung, so hieß Ende der 70er die erste einschlägige Rechtsrockband in Deutschland – damals noch eine reichlich abseitige Kuriosität!) und parteigebundene Jugendliche rechte Rockmusik... Erst ab ca.1984/85 versuchten die Böhsen Onkelz u.a. zum Thema Europameisterschaft 1984 und Fussballrandale Fans der runden Lederkugel (im weitesten Sinne) an sich zu binden...“
Und dann gab er als erfolgreicher Geschäftsmann noch einen Tipp an seine Gesinnungsgenossen:
„Die Tonträgerproduzenten sollten durch überlegte und gut plazierte Werbeanzeigen auf sich aufmerksam machen. So könnte man sich vorstellen, daß z.B. auch eine gezielte Werbeanzeige in gewissen Sportfachblättern... ein neues Publikum ansprechen würde. Gezielt wäre dies möglich, wenn beispielsweise eine nonkonforme Musikgruppe einen Tonträger mit Texten zu einem Sportereignis wie der Fussballweltmeisterschaft herausbringt. Dieser Versuch wäre es wert, denn hier besteht nicht der direkte Verdacht, mit rechtem Gedankengut in Verbindung gebracht zu werden. Zum Teil fließen hier auch Erfahrungswerte ein, die auf Recherchen bei einschlägigen Sportblättern beruhen. In diesem Fall würde eine Veröffentlichung der Werbeanzeige stattfinden, ohne daß nachgeforscht wird, ob der Hintergrund nun rechts, links, oben oder unten ist. Man erreicht somit ganz unbedarfte Leute und kann sie an rechte Gedanken heranführen...“ (Im gleichen Jahr spielte er selbst - quasi als Exempel - mit Musikanten der Bands "Störkraft", "Rheinwacht" & "08/15" den Titel "WM-Blöker 1994" ein!)

Auch wenn die hier angedachte Strategie bislang keine nennenswerten Erfolge zeitigte, der Fussballfan war und ist als vielversprechende Zielgruppe stets im Fokus rechter Parteien und Aktivisten. Sein offenbares Faible für Massen-Ekstase einerseits und sein Biotop - gesättigt mit Aggressivität, Machismo, Ritual und Stammesbrüderschaft( Wir vs Die )- erscheinen vor allem Rechtsextremisten als Beweis für seine weltanschauliche Anfälligkeit.
 
FUSSBALL UND GEWALT 
(“Böhse Onkelz“) 
Samstag Mittag, Stadionzeit. 
Schnaps und Bier, wir machen uns bereit. 
Linie 13 total überfüllt, am Stadioneingang nach Waffen gefilzt. 
Wir stehen in unserm Block und singen unsre Lieder. 
Wir schwören auf unsere Farben und machen alles nieder. 
Fußball und Gewalt. 
Blutige Schlacht mit dem Feind. 
Fußball und Gewalt. 
Das Spiel ist aus, wir stehen am Bierstand. 
Das Stadion ist in unserer Hand. 
Wir warten auf unsere Gegner, Siege feiern können wir erst später!
Notabene: Die mögliche spätere Wandlung der "Onkelz", die muss und soll an dieser Stelle nicht diskutiert werden - Mitte der 80er jedenfalls waren sie unbestritten die Band der Rechten - punktum!
 

FRANKREICH 84
(„Böhse Onkelz“)
Im Sommer 84 fahren wir nach Frankreich, 
um unsere Nationalelf siegen zu sehen 
und für unser Land gerade zu stehen. 
Fußball-Europameister, es gibt nur einen, Deutschland heißt er. 
Deutschland, Deutschland ist die Macht! 
Ja, wir sehn uns in jedem Fall im Sommer 84 
beim Frankreichüberfall. 
Laßt uns unsre Fahne hissen, unserem Gegner vor die Füße pissen.
Zeigt ihm, zeigt ihm, wer wir sind. 
Fußball-Europameister, es gibt nur einen, Deutschland heißt er. 
Deutschland, Deutschland ist die Macht!

14 Jahre später war dann erneut Frankreich Ausrichter eines Großereignisses:

( http://www.nadir.org/nadir/periodika/aib/archiv/41-60/aib48/pdf/48_Fussballrandale.pdf )
Fussball-WM in Frankreich 1998
Nach dem Spiel Deutschland - Jugoslawien am 21. Juni 1998 in Lens verprügelten deutsche Hooligans den Polizisten David Nivel... Hier gab es offenbar eine Planung von Seiten bundesdeutscher Nazihooligans. So hatte der `Siegener Bärensturm´, dessen  führende Köpfe der NRW-Verfassungsschutz der `Sauerländer Aktionsfront´ zurechnet, per Internet zum `Frankreichüberfall´ eingeladen und Mitfahrgelegenheiten zum Spiel nach Lens angeboten (zum Service gehörte dabei, die Grenzkontrollen, mit denen polizeilich bekannte deutsche Hooligans abgefangen werden sollte, zu umgehen), da dort `Gerüchten zufolge serbische und englische Hooligans kroatischen und deutschen Froinden (zum Begriff „Oi“ s.u.) der 3ten Halbzeit Paroli bieten und sie zerschlagen wollen´. Schon ab nachmittags waren in Lens Sprüche wie `Wir Sind wieder einmarschiert´ und `Deutschland den Deutschen´ zu hören.
Als die Auseinandersetzungen mit der französischen Polizei begannen, skandierte eine Gruppe von ca. 70 - 80 Nazihools `Hier marschiert der nationale Widerstand´...“
 
 
MEXICO (WM'86) 
(„Böhse Onkelz“)
       Mit Sombreros auf und Doc Martens an, 
                               so geht die Reise los.
                               Nach Mexico, auch ohne Geld, 
                               wenn’s sein muß, mit 'nem Floß 
                               Und wenn wir drüben sind, drüben sind, 
                              dann wird’s erst richtig schön. 
                               Wir werden unsre Mannschaft wieder siegen sehn.

                               Mit Senoritas im Arm, Tequila lauwarm,
                               vom Durchfall geplagt und von Fliegen gejagt. 
                               Im Land der Kakteen, werden wir, du wirst sehn, 
                               wieder Weltmeister, Weltmeister sein.

                               Siegesgewiß fahren wir nach Mexico, um unsre Elf zu sehn. 
                               Im Siegesrausch, voller Alkohol, lassen wir die Fahnen wehn.
                               Durst und Schweiß heißt der Preis, um Triumphe zu erleben. 
                               Kann es etwas schön'res geben als Weltmeister zu sein?!

(Die Tantiemen gehen übrigens z.T. an einen nicht ganz unbekannten Herrn im Musikgeschäft!
E-Mail an das Management der „Böhsen Onkelz“ vom 15.4.00:
„Ich hätte da eine Frage!
Können Sie sich/mir einen Reim darauf machen, wie es zur Zusammenarbeit der Böhsen Onkelz ausgerechnet mit dem Schlagerproduzenten `Ein bisschen Frieden´-RALPH SIEGEL gekommen ist??
(etwa auf der CD "Live in Wien" steht er im Booklet bei drei Titeln angeführt.)
Gruss
Lutz Neitzert“

Antwort:
25 Apr 2000 10:50:11 +0100
    Von: "B.O. Management" <b.o.management@onkelz.de>
     An: <dneitzer@rz-online.de>
„...Die drei Stücke, die auf der Live in Vienna drauf sind und die bei Siegel verlegt sind, stammen alle noch von 1985. Wenn Du genau hinschaust, stellst Du fest, daß es sich um zwei Stücke (Stöckel und Strapse + Mexico) von der EP Mexico und um ein Stück (Signum des Verrats) von der böse Menschen - böse Lieder handelt, also von den zwei letzten LPs bei Rock-O-Rama. Ralph Siegel ist einer der größten und einflußreichsten Musikverleger Deutschlands. Sein Verlag umfaßt Tausende von
Musiktiteln. Damals war er wohl auch derjenige, in dessen Verlag die Rock-O-Rama Scheiben verlegt worden sind... Wie genau die Verhältnisse zwischen Rock-O-Rama-(-Chef Herbert) Egoldt und Siegel waren, da müßte ich noch mal den Stephan fragen. Aber eigentlich interessant, jetzt wo Du es ansprichst, merkwürdig, daß sich da der Ralph Siegel noch nie wegen Kontakte zu einem rechten Label verantworten mußte. Jedenfalls haben die Onkelz seit ´85 nichts mehr mit Egoldt oder dem Siegelverlag zu tun. Dennoch liegen die Rechte an diesen Songs bei Rock-O-Rama...
Hoffen Dir damit ein wenig weiter geholfen zu haben.
Jedenfalls gibt es keinerlei geschäftliche Verbindungen zwischen Siegel und den Onkelz...“
 


 
 

SKINHEADS & HOOLS
Die ersten Skinheads, die Ende der 60er Jahre in England auftauchten, waren noch alles andere als Rechtsextremisten. Ihre Musik und ihren Lifestyle kopierten sie ausgerechnet von farbigen „Rude Boy“-Gangs und ihre Feinde waren nicht Andersfarbige, sondern die Hippies. (Siehe auch Hörfunkmanuskript „Die Geschichte der Skinheads – Der Geist von 69 und die Hirnrisse auf dem Weg nach Rechts“ unter http://home.rz-online.de/~dneitzer/homepage3.htm )
Letzteres verband sie später dann auch recht intim mit den Punkern – zu denen es bis Ende der 70er Jahre (im Gegensatz zu heute) problemlose Beziehungen gab. Und beide Subkulturen hatten eben auch ein Faible für den Fussball, wobei die Skins bald schon zu Hooligans mutierten, während die Punks eher die depressive Seite des Fan-Seins (s. Nick Hornby oder „Die Toten Hosen“) ausloteten. Doch dann begab es sich, daß einer ihrer Rädelsführer, Ian Stuart Donaldson, der (Glatz-)Kopf der Kultband „Skrewdriver“, in den Dunstkreis des rassistischen „British Movement“ und der „National Front“ geriet und in seinem Gefolge auch ein größerer Teil der englischen Skins. Er gründete die in Deutschland mittlerweile verbotene Organisation "Blood & Honour" („Blut & Ehre“ - das perfide Motto der Hitlerjugend!), die in aller Welt (vor allem durch Konzerte) in seinem Sinne zu missionieren begann.
Nicht ohne Erfolg, wie wir wissen!
 

Gerade in Deutschland gab es dann sehr bald die naheliegenden Verquickungen mit der Fussballszene.

BANDS (u.v.a.):
BODY CHECKS (Hooliganumfeld von „MSV Duisburg“)
DAS DEUTSCHE DYNAMO DUO ( -  - „Dynamo Ost-Berlin“)
KATEGORIE C bzw. KC-DIE BAND ( -  - „Werder Bremen“)
(Unter "Kategorie C" führt die Polizei jene Hardcore-Hools, die man vor Großereignissen besonders observiert und möglichst an der Anreise zu hindern versucht!)
ROLLKOMMANDO -KAMPF FÜRS VATERLAND ( -  - „Bayer Leverkusen“)
SACCARA und HOOLIGAN BEAT ( - - „SV Meppen“)
THORS HAMMER ( - - „Karlsruher SC“)                            (...)

FANZINES (u.v.a.):
BRAMFELDER STURM ( - - „Hamburger SV“)
FÖRDERTURM ( - - „Rot Weiß Oberhausen“)
SÜDWESTWIND / SÜDSTURM / PFALZFRONT  ( - - „SV Waldhof Mannheim“)
UNITED SKINS – ZINE FÜR  SKINS & FUSSBALLTHUGS“ (Königs Wusterhausen / Brandenburg – mit engen Verbindung zur Berliner Hooliganszene / dort starb vor einigen Jahren unter ungeklärten Umständen ein Fanbeauftragter, der versucht hatte unter den berüchtigten „Hertha Fröschen“ gegen Neonazis vorzugehen)

Einen ganz harten Kern rechtsextremistischer Fans besitzt „Energie Cottbus“ – umso schöner, daß ausgerechnet diese Mannschaft zuletzt (als erste in der Geschichte der Bundesliga) ohne einen einzigen Spieler mit deutschem Paß auflief. Diese Art von „national befreiter Zone“ dürfte vermutlich nicht das sein, was sich tümelnde Kameraden so darunter vorzustellen pflegen!
 

( http://www.nadir.org/nadir/periodika/aib/archiv/41-60/aib48/pdf/48_Fussballrandale.pdf )
„Randale in Offenbach: `Offenbach ist schockiert und ratlos´, titelte die Frankfurter Rundschau zwei Tage nach Krawallen rund um die Regionalligapartie Offenbacher Kickers gegen Waldhof Mannheim. Bereits seit Wochen wurde dem Datum in der bundesweiten Hool- und Faschoszene entgegengefiebert. Auf den Rängen des Bieberer Bergs und in den umliegenden Straßenzügen lieferten sich Hooligans aus mehreren Bundesländern, aus Österreich und der Schweiz eine Straßenschlacht mit der Polizei... Sowohl auf Offenbacher wie auch auf Mannheimer
Seite mischten Neonazis tatkräftig mit. Allein in der für ihre neonazistischen Tendenzen bekannten Mannheimer Truppe waren ca. 100 klar erkennbar auszumachen...
Hierbei konnte die interessante Beobachtung gemacht werden, daß der Szeneladen CD-Room (gleichzeitig eine „Blood & Honour“-Zentrale) offensichtlich als offizieller Ausstatter der Rechten unter den Offenbacher Hools und Skins fungierte -
auffallend viele Schläger des Mobs trugen Klamotten der Naziskin-Kultgruppe Skrewdriver... Auf Mannheimer Seite schienen dagegen eher die modischen Kreationen aus dem Sortiment des Ludwigshafener Sturm-Versandes gefragt zu sein, der vom ebenfalls anwesenden Naziskinhead und Mannheim-Hooligan Christian Hehl betrieben wird. Auch dies läßt darauf schließen, wie eng die Anbindung von Neonazis an einen Teil der Fussball-Hooliganszene ist...!“

Neben erwähntem Christian Hehl (NPD) sind auch andere rechte Funktionäre in diesem Milieu äußerst aktiv. Wie etwa das ehemalige FAP-Mitglied Siegfried Borchardt (der „Borussen Siggi“) in Dortmund mit seiner „Borussen-Front“ oder der JN/NPD-Funktionär Sascha Wagner, der lange Zeit von Koblenz aus agierte und seit Jahren als Hooliganführer bei „Alemannia Aachen“ seine Auftritte inszeniert.

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Auch ist es sicher kein Zufall, daß führende Politiker an den Brandherden des ehemaligen Jugoslawiens enge Kontakte zur Fussballszene hatten. Etwa der berüchtigte Milizenführer Arkan, der zur obersten Führungsriege von „Roter Stern Belgrad“ gehörte und seine Anhänger vor allem unter den Hooligans des Vereins rekrutierte. Später wurde er dann (nach internen Querelen) Präsident eines anderen lokalen Proficlubs, des „FC Obilic Belgrad“.
Und der bosnische Serbenführer Radovan Karadzic betreute einst als Psychologe und Motivationskünstler die Kicker von Sarajevo.

Gerade Rechtspopulisten wissen sich in diesem Umfeld zu bewegen.
Silvio Berlusconi gründete und organisierte seine Partei nach bewährten Vorbildern aus dem Profifussball, die ihm als Präsident des „AC Mailand“ natürlich bestens vertraut sind. Schon der Name „Forza Italia“ bezieht sich wohlkalkuliert auf den typischen Schlachtruf italienischer Tifosi und statt dröger Ortsvereine überzog er das Land mit einer Art politischer „Fanclubs“.
Widerstand erwuchs ihm allerdings auch aus Fussballerkreisen. Gianni Rivera, der große Milan-Star der 60er und 70er Jahre, ging ebenfalls in die Politik und saß in der Regierung von Romano Prodi als Staatssekretär im Verteidigungsministerium. Bei den Wahlen ließ er sich im Wahlkreis „Milano 1“ als linker Gegenkandidat Berlusconi’s aufstellen - und unterlag.

Jüngstes Beispiel ist der 2002 ermordete Holländer Pim Fortuyn, bei dessen Beerdigung die Hooligans von „Feyenoord Rotterdam“ (wo er seine treuesten Anhänger hatte) ein Transparent entrollten, auf dem zu lesen stand: „You’ll never walk alone!“ Die Anhänger von Feyenoord gelten nicht nur als äußerst gewalttätig, sondern immer schon als eng verbunden mit rechtsextremen Organisationen in den Niederlanden.

(Vor allem gegen den Juden- & Hippie-Club „Ajax Amsterdam“ mischt man mit Vorliebe antisemitische Parolen ins Schmäh-Repertoire!)

Und ihr Soundtrack, der heißt seit Ende der 80er Jahre GABBER!

Musikalisch versuchen die „Gabber-(oder Gabba-)“-DJs dem in ihren Augen durch „Goa“-(sprich Hippie-)Einflüsse (wie Sitarklänge & Walgesänge etc. pp.) verweichlichten Techno („Tekkno“) die alte Härte zurückzugeben. Durch ohrenbetäubend brachiale Sounds und Lautstärken hart an der Grenze zur Körperverletzung. Im Outfit ähnelt man dabei den Skins: Kurzhaarschnitt, „Pitbull“-Bomberjacke und „Lonsdale“-Kapuzenshirt - aber statt Springerstiefel trägt man edle „Nike“-Turnschuhe und Trainingsanzüge von „Kappa“.

Einige der Pioniere firmierten bezeichnenderweise unter Namen wie DJ-Hooligan oder DJ-Skinhead und auch Titel von Neophyte, dem Rotterdam Terror Corps oder den Euromasters wie  „Rotterdam Hooligans“, „Hardcore Hooligans“ oder „Amsterdam, wo lech dat dann“ (=“Amsterdam, wo liegt das denn“) oder "Sieg Heil" (mit einem Adolf Hitler-O-Ton-Sample!) zeigen den Kontext dieser Musik.

In Deutschland tauchen Gabber-Hooligans seit einigen Jahren verstärkt auf, vor allem (wie zu erwarten gewesen ist) im Umfeld solcher Vereine, die bereits etablierte rechte Szenen haben.
(Ein bekannter Vertreter der Sparte nennt sich DJ-WHIPO =“White Power“).
 

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In einem österreichischen Internet-Text über „Fussballfans und ihre Grafitti“ von Thomas Northoff  heißt es
( http://ejournal.thing.at/essay/nortfuss.html 3.2.03) :
 „`Austria Judenverein!´, oder daß zum Vereinsnamen ein oder mehrere Hakenkreuze  hinzugefügt sind... Geradezu eine Akkumulation solcher Wandschriften findet sich durch die Rapid-Fans. Sie streichen gerne die Namen anderer Vereine durch und markierten auch öfters ihre Herrschaftsansprüche an stark von MigrantInnen-Jugendlichen frequentierten Stellen,  indem sie `Rapid´ hinschreiben und `Ausländer raus´, `Raus Kanaken´ hinzufügen...
Einer gewissen Beliebtheit erfreut sich unter den Inschriftensetzern die Parole `Adolf Hitler war Rapidler´, was allerdings historisch nicht der Wahrheit entsprechen soll. Bemerkenswert scheint mir auch, daß in Gebieten, wo die Dichte von FussballfanGraffiti groß ist, auch mehrheitlich Pop-Gruppen-Namen hingeschrieben oder gesprayt sind, die dem inhaltlich rechtsstehenden Pop-Genre zuordenbar sind, wie z.B. Störkraft und Böhse Onkelz...!“
 
 
 

CESAR LUIS MENOTTI (argentinischer Trainer & Fussball-Philosoph)
„Es gibt den rechten und den linken Fussball.
Der rechte Fussball will uns suggerieren: das Leben ist Kampf, verlangt Opfer, wir müssen uns stählen und mit allen Mitteln gewinnen...
Solcher Fussball verleugnet seine eigenen Ursprünge...
Er ist krank und macht krank!“
 
 

MEDIEN & KOMMERZ
 
 
Die erste Fussball-Live-Übertragung im deutschen Fernsehen
die gab es bereits am zweiten Sendetag des neuen Mediums. 
Auf einer Internetseite steht noch anno 2003 darüber zu lesen:
HAMBORN 07 LEBT
Der 26. Dezember 1952 war ein denkwürdiger Tag, für den Fussball, für das Fernsehvolk, für den FC St.Pauli und für den Duisburger 'Spielverein Hamborn 1907', denn an diesem 2. Weihnachtstag erreichte Hamborn durch einen 4:3-Sieg nach Verlängerung das Viertelfinale der Deutschen Pokalrunde, die in diesem Jahr erstmals nach dem Krieg wieder ausgespielt wurde. Im heimischen Stadion konnte kein Gewinner ermittelt werden, das Match endete 1:1. Es mußte also das Rückspiel auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg entscheiden. Grund genug für den NWDR, der einen Tag vorher das erste reguläre Fernsehprogramm, vom noch existierenden Bunker an der Feldstraße aus, gestartet hatte, dieses Spiel direkt zu übertragen. 4.664 TV-Geräte-Besitzer erlebten das allererste live gesendete Fussballspiel der deutschen Fernsehgeschichte. Die Kommentatoren waren Harry Storz und Paul Reymann. Es war ein dramatisches Spiel damals vor 4.000 Zuschauern. Nachdem die Gäste bereits nach 7 Minuten durch den überragenden Sadlowski mit 1:0 in Führung gingen, glich Boller bereits 3 Minuten später aus. Den letzten Treffer vor der Halbzeit erzielte wiederum Sadlowski. Gar auf 3:1 konnte der Hamborner Pluskwick in der 69. Minute erhöhen. Durch Elfmeter verkürzte Boller mit seinem zweiten Tor auf 2:3, vier Minuten später gelang Beck der Ausgleich. Sadlowski krönte schließlich seine Leistung in der 86. Minute mit seinem dritten Treffer durch einen Elfmeter, den er allerdings erst im Nachschuß verwandeln konnte!
Einer der wirklich großen Höhepunkte der deutschen Fussballgeschichte allerdings, 
der 7-1 Sieg von „Mönchengladbach“ über „Inter Mailand“ 1971 (das legendäre Spiel mit dem „Büchsenwurf“), der blieb der Fernsehgemeinde damals vorenthalten – der Sender hatte sich geweigert, die verlangten 60.000,- DM für die Live-Übertragungsrechte an die Borussia zu zahlen! 

Die Weltmeisterschaft 1954 brachte nicht nur den Titel und mit ihm das „Wir-sind-wieder-wer“, sondern auch den Durchbruch für die Flimmerkiste in Deutschlands Wohnzimmern.
Was allerdings die konkrete Darstellung des Fussballgeschehens auf dem Bildschirm anbetraf, so befand man sich noch im frühen, technisch arg limitierten Experimentierstadium. Nach heutigen Kriterien betrachtet, bestanden die alten Spielberichte etwa der Wochenschau aus reichlich zusammenhanglos aneinander montierten Schnipseln. Kaum einmal ließ sich ein Spielzug wirklich von Anfang bis Ende verfolgen. Das lag zum einen daran, daß man offenbar noch keine angemessene Bildsprache entwickelt hatte, vor allem aber daran, daß die eine Kamera, die man üblicherweise nur zur Verfügung hatte, meist gerade dort nicht stand, wo die entscheidenden Szenen sich abspielten und zudem ist man kameratechnisch noch nicht in der Lage gewesen, die Akteure und Aktionen tiefenscharf durch die Weiten des Raumes zu verfolgen.
Als das TV-Equipment in den späten 60ern dann endlich den Ansprüchen der Mannschaftssportberichterstattung genügte, dominierte in den Medien der dokumentarische Stil. Man wollte die Realität so unverfälscht wie möglich als reine Tatsachenreportage abbilden.
Auch die Sprache der Reporter hatte sich im Geist von 68 gewandelt. Die Anklänge an das Militärjargon (Bomben & Granaten) wurden immer seltener, stattdessen herrschten bis in die 80er Jahre hinein betonte Sachlichkeit und Zimmerlautstärke.
Erst in der RAN-Ära setzte man dann wieder auf eine überhitzte Rhetorik. Allerdings nahm man sich nun nicht mehr den Feldwebel zum Vorbild, sondern kopierte US-amerikanische Sportsendungen.
Eine Inflation des Superlativs war die Folge und Computerdatenbanken, welche noch zum banalsten Ereignis auf dem Rasen irgendeine (oft abstruse) statistische Absonderlichkeit liefern.
 

 
 
 

Notabene: Wie hieß der Trikotsponsor des finanzkrisengebeutelten  "1. FC Kaiserslautern"? 

"Deutsche Vermögensberatung"!

Quod erat demonstrandum ?!

Am 24. März 1973 trug zum ersten Mal eine Bundesligamannschaft eine Werbebotschaft auf ihren Sweatern. Zunächst gegen den (bald gebrochenen) Widerstand von Seiten des DFB schloß „Eintracht Braunschweig“ einen Werbevertrag mit der Spirituosenfirma „Jägermeister“ ab und ersetzte den traditionellen Löwen im Vereinsemblem durch den Likör-Hirsch. 

Braunschweig stieg übrigens am Ende jener Saison ab!

Länder- oder Europacupspiele waren ehedem seltene Höhepunkte im TV-Programm.
Im Jahr 2002 dagegen sendete das deutsche Fernsehen rund 4000 Stunden Fussball!

Seit dem Einstieg von Rupert Murdoch in den englischen Fernsehmarkt 1983 ist die Insel und dort vor allem „Manchester United“ (der Club mit dem Pop-Slang-tauglichen Kürzel „ManU“) zum bevorzugten Experimentierfeld für neue Konzepte geworden. Generalstabsmäßige PR, Börsengänge (Vorbilder fand man hierzu allerdings, wie erwähnt, auch in der Frühzeit des britischen Fussballs) und die Übertragung der Erfolgsmodelle aus NBA & NHL in die europäische Sportwelt setzten Maßstäbe.
In Deutschland war es soweit, als mit RTL am 13.Februar 1988 erstmals ein Privatsender die Bundesliga-Rechte erwarb, die man in der Saison darauf dann an SAT 1 – und damit in noch entschlossenere Hände - abtrat.

Das Meisterstück war, wenn man so will, „The Making of David Beckham“!
Durch seine Stilisierung zum Teenageridol schaffte man es tatsächlich, die vermutlich bis dahin fussballfernste Gruppe überhaupt zu erreichen: die pubertierende Weiblichkeit!
(Uwe Seeler als Pin-Up in der „Bravo-Sport“ – undenkbar!)

Um dem Fussball neue Bevölkerungsschichten zu erschließen, jenseits der eigentlichen Sportkenner & -liebhaber, mußte man nicht zuletzt sein „Aroma“ gewissermaßen deodorieren.
Hätte man früher eine Umfrage gemacht, welche Gerüche man gemeinhin mit diesem Sport assoziiert, so wäre als typisch eine Mischung aus Schweiß, Pils und dessen Endprodukt genannt worden. Heute dagegen duftet das Milieu (wenn man der Werbung glauben schenkt) ganz anders: nach teurem Aftershave, Haargel und edlen Auto-Ledersitzen.

Die Profis fanden sich jedenfalls erstaunlich schnell mit den neuen Spielregeln zurecht – vor kurzem versuchten sie in England (wenngleich ohne Erfolg) ein Urheberrecht für „Schöne Tore“ einzufordern!
(Tantiemen für das „Tor des Monats“ gewissermaßen!)
 
 
1974 erschien (im Rotbuch-Verlag) ein geradezu prophetisches Buch mit dem Titel "DIE FERNSEHLIGA", geschrieben von ALFRED BEHRENS, einem Journalisten und Werbetexter – im Vorwort heißt es dort:
"Was wird aus König Fussball in einer total kommerzialisierten und medialisierten Zukunft? Diese konsequent zu Ende gedachte Satire gibt Antworten: 
Die Konsumgüterndustrie steigt groß ein, die Spiele werden in Fernsehstudios produziert, Werbeagenturen entwerfen Marketing-Szenarios für die Vereine, der synthetische Uwe Seeler wird erfunden (und) die Zuschauer entscheiden (durch die Einschaltquoten) über den Tabellenstand...“
Und dann entwirft er eine Zukunftsvision, die in wesentlichen Teilen heute Realität geworden ist:
„Vom DDF, dem ersten kommerziellen TV-Kanal, gingen die entscheidenden Impulse aus für das `ganz neue Fussballgefühl´. Die DDF-Bosse, anders als ihre gebührengesicherten Kollegen von ARD und ZDF auf Werbeeinnahmen - und damit auf hohe Einschaltquoten - angewiesen, schickten ihre Programmacher von Anfang an mit einem einzigen Konzept aufs Spielfeld: `Macht uns den Sport stark!´... 
Es gelang, was vorher kaum ein Kenner der Branche für möglich gehalten hätte: Innerhalb weniger Monate polte man die Mehrheit der Fussballfreunde, die vorher auf ARD-Sportschau und ZDF-Sportstudio abonniert waren, auf DDF-Fussballspannung um... 
Die Profi-Klubs spürten instinktiv sofort, daß der Fussball hier seine letzte große Chance erhielt, wirklich Show-Business-Industrie Nummer Eins zu werden...

...PR-Kampagne: Die Verbraucher sollen erfahren, wie sexy die Akteure des HSV sind.... Wir schlagen vor, im Rahmen eines gezielten `George Best´-Programms Fotoberichte in die Sport- und Boulevardpresse zu lancieren, in denen die erotischen Abenteuer der `Sexy Young Men´ des HSV groß herausgestellt werden. 
Erstens kann dem Verein so unter dem weiblichen TV-Publikum eine ganz neue Zuschauerschicht erschlossen werden, was sich außerordentlich positiv auswirken dürfte auf die Einschaltquoten. Zweitens läßt sich bei den  männlichen Verbrauchern auf diese Weise geschickt eine absatzfördernde Illusion erwecken...

Der Hauptgrund für das Ende der Live-Liga war doch die Tatsache, daß immer mehr Fans die Erfahrung machten, daß es eigentlich doch eine Enttäuschung gewesen ist, wenn sie auf den Fussballplatz gingen... das immer weitere Auseinanderklappen der Schere zwischen den Erwartungen an das Spiel, die vom Star-Rummel, von der Sportberichterstattung in allen Medien künstlich hochgezüchtet werden, und der Realität des Spiels selbst...
(In der Fernsehliga dagegen) wird auf optimales Thrilling produziert...“
Behrens beschreibt dann den Einsatz von `Funktioneller Musik´, für den ein Spezialist der Firma Muzak für Sex-Music verantwortlich zeichnet, die Verwendung von dramatischen `Superzeitlupen´ und von Bodenkameras unter einem Plexiglas-Strafraum. Die Spiele selbst werden von Dramaturgen und Top-Regisseuren gedreht:
„Interview mit den Preisträgern für das `TV-Spiel des Jahres´ 
(1860 Löwenbräu München gegen British American Tobacco St. Pauli
Peter Handke, Werner Kant und Wim Wenders ... 
FRANKFURTER RUNDSCHAU: Wer hatte denn die Idee mit den Citizen Kane-Anspielungen?
WENDERS: Wir haben uns die für die innere Montage berühmt gewordene Einstellung aus dem Film von Orson Welles immer wieder (angeschaut - und uns wurde) schnell klar, wie wir das umsetzen mußten: Mit der Torkamera!
HANDKE: Natürlich beim Elfmeter. Groß der Tormann, halbnah der Elfmeterschütze und in der Totale an der Strafraumgrenze die Wand der gegnerischen Spieler...
FRANKFURTER RUNDSCHAU: Dieser Strafstoß, inzwischen `Tor des Monats´, gehört sicher zu den stärksten Szenen... nicht zuletzt durch die suggestive Reizwirkung der Musik auf der Tonspur... 
WENDERS: Bob Dylan! Ich hab den Torhüter dreimal flach in die linke Ecke geschickt und dann hab ich's gehört. Es gab nur diesen einen Song, nur diese Textstelle konnte es sein: 
He who ain't busy being born is busy dying! (aus: “It's Alright, Ma”)
KANT: Damit hatten wir das Ganze auf drei Ebenen... Auf der Tonspur Bob Dylan, im Close-up ganz groß in Superzeitlupe (den Torhüter), der hinter sich greifen muß, ein kleines bißchen stirbt und dabei unheimlich busy ist, und in der Überblendung Orson Welles, der zwar sich noch einmal erinnern kann...(an) Rosebud, den Ball, die Erinnerung aber nicht festhalten kann und sterben muß. 
4:4 - he who ain't busy being born is busy dying!"

 

LEDERBALL & RIEFENSTAHL
Wie in der Pop- und in der Werbewelt, so setzen auch die Sportdramaturgen und –designer zu Beginn des 3. Jahrtausends immer unverhohlener auf den Thrill des Kämpfers und greifen bei der Darstellung dabei ohne größere Skrupel tief in den Riefenstahl'schen Fundus.
In den stilbildenden düster-martialischen NIKE-Spots etwa, in denen der Fussball als etwa „Cagefight“-Spektakel inszeniert wird (idealbesetzt mit Eric Cantona in der Rolle des Zeremonienmeisters und als Musik dazu, von der Textaussage her passend gewählt, der Elvis-Song „A little less Conversation a little more Action please“),
aber auch schon in den ganz medienalltäglichen Bundesligaberichten.
(s.o. Menotti-Zitat)
Olympiade 1936
(Foto: Leni Riefenstahl)

Solche Bilder gehören mittlerweile längst schon wieder zu unserer Alltagsästhetik!


Eric Cantona (ManU & NIKE)

Das Spiel als solches gerät dabei fast schon zur Nebensache.
Die Regisseure stellen Triumph und Scheitern des Helden in den Mittelpunkt und die Profis haben natürlich schnell gelernt, deren Wunschvorstellungen zu erfüllen. Bis zur Karikatur theatralische Mimik und Körpersprache, nach dem Tor eine kleine Tanzeinlage (choreographiert wie bei einer Boy-Group) und dann in Vorbeilaufen an der nächsten Kamera schnell noch das Trikot gelüpft (und wenn auf dem T-Shirt darunter dann auch noch in der Großaufnahme deutlich sichtbar eine Werbebotschaft aufleuchtet, dann dürfte obendrein noch ein kleiner Zusatznutzen garantiert sein).

Und außerdem gibt es ja noch die beliebte Superzeitlupe, mit deren Hilfe sich auch noch die nichtssagendste Geste zum Hamlet-Monolog aufbauschen läßt.
 
 
 
 

FUSSBALL & MUSIK
 
FUSSBALLTREUE
(aus Walter Wehking's Sammlung von 1929 
"Fussball Sang und Klang")
IN DEM SCHÖNEN  POMMERNLANDE 
AN DEM GRÜNEN ODERSTRANDE 
DA LIEGT UNSRE HEIMATSTADT STETTIN. 

UNSRE HEIMAT, DIE WIR LIEBEN, 
WO WIR FUSSBALL SPIELEN UND ÜBEN 
WO WIR FROH BEWEGT HINAUS ZUM SPORTPLATZ ZIEHN.
WO WIR KÄMPFEND SPRINGEN,  LAUFEN, STUNDENLANG UNS NICHT VERSCHNAUFEN. WO DER JERSEY UNS DAS LIEBSTE KLEID. UNSERM SPORT SIND WIR ERGEBEN,
IHM GILT UNSER GANZES STREBEN,
WEIL ES KRAFT UND GESUNDHEIT UNS VERLEIHT.

JAWOLL, DIE ERSTE MANNSCHAFT VON STETTIN SIND WIR.
DAS FUSSBALLSPIEL IST'S, 
DAS UNS FEST VERBÜNDET.
DEM GEGNER ACHTUNG,
DER UNS DAS PANIER DES SIEGES 
NACH HEISSEM KAMPF AUCH MAL ENTWINDET.
WIR KÄMPFEN NICHT FÜR SILBERNE POKALE. DEM VOLKE GILT'S DAS SEI UNS HÖCHSTE ZIER.
WIR TRETEN EIN FÜR HÖHERE IDEALE.
DIE ERSTE MANNSCHAFT VON STETTIN SIND WIR.

NICHT FÜR GECKEN UND FÜR LAFFEN
IST DAS FUSSBALLSPIEL GESCHAFFEN, SONDERN FÜR DER JUGEND KAMPFESFROHE SCHAR.
JA DAS HERZ, GEMÜT UND LUNGE MÜSSEN STÄNDIG SEIN IM SCHWUNGE UND IM KOPFE SEI ES IMMER HELL UND KLAR.

BIETEN SELBST BEI KÄLT UND HITZE 
JEDEM GEGNER KÜHN DIE SPITZE.
JA DES WETTERGOTTES LAUNE LÄSST UNS KALT.
DIE VERTEIDIGER, STÜRMER, LÄUFER SPIELEN KÄMPFEN VOLLER EIFER BIS DAS KLEINE WÖRTCHEN TOR ERSCHALLT.

KOMMEN WIR LANGSAM IN DIE JAHRE, 
GRAU UND SPÄRLICH SIND DIE HAARE UND DEM KÖRPER FEHLT NUN SCHON DER SCHWUNG.
JA DANN RÄUMEN UNGEZWUNGEN 
UNSERN PLATZ WIR GERN DEN JUNGEN,
ABER SCHÜREN WEITER DIE BEGEISTERUNG. WENN WIR EINER NACH DEM ANDERN DANN INS REICH DER SELIGEN WANDERN,
TREFFEN OBEN UNS WIE EINST ZUVOR.
MIT DEM TORWART IN DER MITTE 
MACHEN PETRUS WIR VISITE.
ALLE ELFE SINGEN DANN IM CHOR.

JAWOLL, DIE ERSTE MANNSCHAFT VON STETTIN WAR'N WIR.

DAS FUSSBALLSPIEL WAR’S,
DAS UNS EINST VERBUNDEN.
WIR HIELTEN STETS AUF STRAFFE DISZIPLIN  UND HABEN FREUD AN UNSERM SPORT GEFUNDEN.
WIR KÄMPFTEN NIE UM SILBERNE POKALE,
SO OFT MAN UNS AUCH SAH ZU FELDE ZIEHN.
WIR KÄMPFTEN STETS FÜR HÖHRE IDEALE JAWOLL, DIE ERSTE MANNSCHAFT VON STETTIN WAR'N WIR.

„ABIDE WITH  ME”
“Abide with me - fast falls the Eventide.
The Darkness deepens Lord with me abide.
When other Helpers fail and Comforts flee.
Help of the Helpless.   O abide with me…”
Dieses alte Kirchenlied aus dem 19. Jahrhundert  - von Henry F. Lyte (Text) & William H. Monk (Musik) - erklang alljährlich traditionell als offizielle Einstimmung vor dem Anpfiff des englischen Cup-Finales im Tempel des britischen Fussballs, dem Londoner „Wembley“-Stadion.
Und als in den frühen 60er Jahren dann der moderne Fankult sich entwickelt hat, da versuchte man (offenbar aus einem starken Bedürfnis heraus) gerade diese elegisch-spirituelle Aura in allen Stehplatzkurven in volltönendem Männerchor entstehen zu lassen.

Reinhard Kopiez insistiert in diesem Zusammenhang in seinem Aufsatz
„Alles nur Gegröle? Kultische Elemente in Fussball-Fangesängen“
(bewußt ein wenig überpointiert) auf dem quasi religiösen Aspekt der Stadionhymnen:
„Nachdem ich mich in den letzten Jahren in Form von Feldstudien ausgiebig mit dem Phänomen... beschäftigt hatte, setzte sich bei mir – angeregt durch skandierte Fanrufe wie `Jürgen Kohler, Fussballgott´ - immer mehr die Überzeugung durch, daß es sich hierbei nicht nur um die akustische Erscheinungsweise einer reinen Spaßkultur oder – im Sinne von Gerhard Schulze – um eine bloße `Erlebniskultur´ handelt. Ich möchte stattdessen die These (wagen), daß dieses scheinbar oberflächliche Geschehen einen ernsten und vermutlich religiösen Kern hat... Schon auf den ersten Blick sind im Fussballstadion rituelle Verhaltensweisen wie etwa kollektives Sprechen und Rufen beobachtbar, die... eher an eine Kulthandlung als an eine Sportveranstaltung erinnern...
Nehmen wir an, ein UFO-Mannschaft fliegt aus dem All in Richtung Erde und nimmt plötzlich einen im Dunkeln hell erleuchteten Punkt – ein Fussballstadion – wahr. Es ist der Abend eines Weltmeisterschaftsendspiels. Je näher das UFO kommt, desto lauter kann es durch seine Richtmikrofone vernehmen, daß dort unten ein enormer Lärmpegel herrschen muß, und die Zoom-Objektive seiner Kameras zeigen Tausende von wild gestikulierenden Menschen ... in ekstatischen Zuständen. Die wenigen Spieler fallen dabei kaum ins Gewicht. Welchen anderen Schluß läßt eine solche Beobachtung für Außerirdische zu, als daß man hier Zeuge einer einzigartigen Kulthandlung geworden ist?...
(Michael Prosser schreibt im gleichen Buch auf S. 275, daß im Stadion mit allen Mitteln der Inszenierung und Selbstinszenierung dafür gesorgt werde, „daß die Veranstaltung gleichsam in sich selbst siedet!“)
...Bis vor kurzem erklang (in England vor FA-Cup-Finalspielen) aus mehreren Zehntausend Kehlen... die Erbauungshymne `Abide with me´...
Der Text dieser religiösen Hymne lehnt sich... an das Lukas-Evangelium (Kapitel 24 Vers 29) an, in dem es anläßlich der Begegnung des auferstandenen Jesus mit den Emmaus-Jüngern heißt: ` >Bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich schon geneigt.< Und er ging hinein, um bei ihnen zu bleiben.´
Durch dieses Lied wird der religiöse Hintergrund und das Besondere der Fangesänge deutlich: Heidnische Weltsichten (Fussballgötter) gehen widerspruchsfrei eine Verbindung mit christlichen Vorstellungen ein; denn über allen Fussballgöttern steht immer noch der christliche Gott!...
Es ist leicht zu beobachten, daß im Fussball religiöse Symbole eine wichtige Rolle spielen: zunächst gibt es die `Invocatio´(Anrufung), ausgeführt etwa in Form des `Schalspann-Rituals´, bei dem die Hände in besonders feierlichen Situationen über dem Kopf gen Himmel gerichtet werden. Dabei werden mitunter Texte wie `Leuchte auf mein Stern, Borussia´ gesungen, was eher an den Stern von Bethlehem als an ein Fussballspiel erinnert. Im Zentrum religiöser Symbolik steht natürlich die Monstranz, hier `Pokal´ genannt...
Eine herausragende Bedeutung kommt (auch) dem Opferkult zu: Besonders beliebt (und aus Sicherheitsgründen verboten) sind Rauch- und Brandopfer in Form bengalischer Feuer. Aber auch reale Opfer werden besungen, wenn es auf den Refrain von `Wir lagen vor Madagaskar´ nach einem erfolgreichen Foul am Gegner heißt: `1-2-3 schon wieder einer tot!´...
Darüber hinaus lassen sich an einem sehr bekannten Fangesang deutliche Elemente des Kirchenchorals nachweisen... (`Lot-har Matt-hä-us´)
Der zugrundeliegende religiöse Topos ist der der `Anrufung´. Die charakteristische harmonische Wendung, der sogenannte Plagalschluß (Subdominante-Tonika)... ist in der Kirchenmusik gut bekannt. Es handelt sich hierbei um die typische `Amen´-Floskel...!“
(aus „Fussball als Kulturphänomen“ S. 293fff)
(Notabene: Die geistliche Musik vermeidet seit je die Dominante-Tonika-Schlußwendung vor allem wegen deren zu selbstbewußt-„unfrommer“ Energie!)
(In Frankfurt nannte sich einmal ein Fanclub nach seinem Idol „Die Zeugen Yeboahs“)
Doch läßt sich die besondere Gestimmtheit, welche sich in vielen Fussballmusiken ausdrückt, auch im Blick auf die Psychologie des Individuums beschreiben.
Es läßt sich zumindest feststellen, daß – neben dem Abbau von (im Alltag angestauter) Aggression – stets auch ein Hauch von Melancholie ganz wesentlich ist  für ein Dasein als Fan. Fast alle Selbstbeschreibungen dieser Spezies schildern beinahe wollüstig neben der Ekstase im Triumph auch das Leiden an der Niederlage als eine beinahe ebenso tiefe, notwendige und existentielle Erfahrung (- siehe etwa Nick Hornby’s „Fever Pitch“).

Genau diese Stimmung fängt dann auch nicht zufällig die bekannteste und typischste aller Fussballhymnen ein:
 YOU’LL NEVER WALK ALONE(midi)

“When you walk through a Storm.
Hold your Head up high
And don't be afraid of the Dark.
At the end of the Storm
Is a golden Sky
And the sweet silver Song of a Lark.
Walk on through the Wind.
Walk on through the Rain.
Tho' your Dreams be tossed and blown.
Walk on, walk on
With Hope in your Heart
And you'll never walk alone.
You'll never walk alone!”
 
 

Dieses Stück allerdings hatte ursprünglich mit Fussball rein gar nichts zu tun.
Es stammt aus dem amerikanischen Musical „Carousel“ (aus dem Jahr 1945), geschrieben von Richard Rodgers (Musik) & Oscar Hammerstein II (Text) und es beschreibt nicht etwa die Depression nach einem 0-1 in letzter Minute, sondern untermalt den „Laß-den-Kopf-nicht-hängen-das-Leben-geht-weiter“-Appell an einen von Liebeskummer geplagten Rummelplatz-Romeo.
Frank Sinatra, Louis Armstrong, Ray Charles und Elvis Presley haben den Titel eingespielt, doch ins Blickfeld der Fussballfans geriet der Song erst 1963 in der Version der Liverpooler Beat-Band „Gerry & The Pacemakers”.
Ein Ursprungsmythos besagt, daß eines Tages im dortigen Stadion an der „Anfield Road“ die Musikanlage ausfiel, aus welcher üblicherweise vor den Spielen die aktuellen Hitparaden dudelten, und daß dann plötzlich der ganze Fanblock jenen gerade angesagten Hit anstimmte. Sofort habe man gespürt, daß diese Klänge perfekt hierher paßten und war vom eigenen Chor derart begeistert, daß sich schnell eine regelrechte Gesangskultur entwickelte.
Auf das neue Phänomen der „singenden Fans“ wurden auch die Medien sofort aufmerksam und so erhoben bald auch bei anderen Clubs die Anhänger ihre Stimmen.
(Vor allem für das “Schalspann-Ritual” braucht man solch langsamen Soundtrack.)
(Den berühmten Fanblock in Liverpool nennt man übrigens “Spion Kop” – nach einem Gemetzel während des Burenkrieges, bei welchem eine britischen Truppe so eng auf einem kleinen Hügel namens „Spion Kop“ zusammengepfercht worden war, daß sie von der feindlichen Armee fast wehrlos zusammengeschossen werden konnte!)
Die Entstehung des modernen Fans stand im Kontext der zeitgleich sich etablierenden ersten Jugendsubkulturen.
Seit den späten 50er Jahren besaßen Jugendliche zum ersten Mal in der Geschichte genug Geld, um sich einen Teil der Welt zu „kaufen“ und nach ihren Vorstellungen einzurichten.
In erster Linie war dies die Geburtsstunde der Pop-Musik – aber als ein Nebenschauplatz dieser allgemeinen sozialen Prozesse bot sich für einige eben auch das Stadion an – wo man sich nun plötzlich als Teenager (auch ganz ohne den Papa) unter Seinesgleichen zusammenrotten konnte.
Vor allem für Jugendliche aus dem Arbeitermilieu hatte die ganz spezielle Atmosphäre, die dort herrschte (bzw. sich, wie man schnell spürte, leicht selbst erzeugen oder zumindest verstärken ließ) eine besondere Anziehungskraft.
Der mitreißende Rausch einer entfesselten Masse (den man so bis dahin nur aus Kriegszeiten kannte), inmitten einer gewaltige Kraftquelle zu stehen, die sich speist allein aus dem Zusammenwirken und Zusammenstehen von den gleichgesinnten Mitgliedern eines Stammes.

Und hierbei spielte das Akustische natürlich eine ganz entscheidende Rolle.
(Als stille distinguierte Gegenwelt galt lange – bis Boris Becker kam – der Tennisplatz!)

Zwar gelang der endgültige Anschluss des Fussballs an die Pop-Kultur erst viel später ( in den Inszenierungen des Privatfernsehens ) - da viele der intellektuellen Wortführer aus den tonangebenden studentischen Kreisen allzu unverhohlen ihre Aversionen gegen das geistlose Plebejervergnügen kundtaten - doch ohne den Hintergrund der Jugendbewegungen der 60er Jahre sind auch das Fan-Phänomen und seine musikalischen Präferenzen nicht zu begreifen.
(Wobei in England allerdings schon wesentlich stärkere Beziehungen zur Popwelt existierten als etwa in Deutschland. Nicht zuletzt wegen der sehr stark politischen Ausrichtung der hiesigen Jugendrevolte!)

Naheliegenderweise jedenfalls bediente sich die erste Fan-Generation vor allem aus den englischen Charts und dort mit Vorliebe bei jenen Beatbands, die (so wie sie) das Working-Class-Etikett trugen.
Für Anhänger des „FC Liverpool“ bot sich z.B. ein anderer Hit von „Gerry & The Pacemakers“ geradezu an – führte sie doch die Anreise zu jedem Heimspiel erst einmal mit der Fähre über den Mersey-River:
FERRY ACROSS THE MERSEY
Auch dieses Lied ist von einer eher weihevollen Stimmung geprägt und enthält kaum aggressive Untertöne.
Doch auch das musikalische Vorbild für die Gattung des „Schmähgesangs“ fand man in der Liverpooler Mersey-Beat-Szene (– und zwar bei deren prominentesten Vertretern):
YELLOW SUBMARINE (“Beatles”)
In Deutschland heute bekannter mit einem etwas veränderten Text:
“ZIEHT DEN BAYERN DIE LEDERHOSEN AUS!“

Neben leicht singbaren Liedern unterschiedlicher Grundstimmung benötigte man aber vor allem möglichst eingängige „Klatsch-Rhythmen“ zur nonverbalen Anfeuerung.
Vor allem zwei solcher Patterns verbindet man heute fast automatisch mit dem Fussball.
Zum einen der (von Kopiez/Brink so genannte) “SOCCER- RHYTHMUS” (midi)
- der seinen Ursprung hat im Beat-Hit:
HOLD TIGHT  von "Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich".

Zum andern hat sich vor allem in Deutschland folgender Rhythmus eingebürgert:
“CAR WASH - RHYTHMUS” (midi)
Populär wurde dieser Rhythmus durch den (Disco-)Soundtrack zum Teenagerfilm “Car Wash” (1976) und hierzulande vor allem in der Fussballgemeinde, als der WDR das Filmmusik-Intro als Vorspann zu seiner Sportschau verwendete.
In der typisch deutschen Fassung (- ohne punktierte Noten -) zu hören ist der „Car Wash“-Rhythmus aber auch schon im WM-Lied der Nationalmannschaft von 1974:
FUSSBALL IST UNSER LEBEN
(Komponiert übrigens von einem gewissen Jack White, der nicht nur einer der einflußreichsten Schlagerproduzenten war/ist, sondern in jüngeren Jahren selbst als Profi gespielt hat - beim PSV Eindhoven. Andere Pop-Musiker mit engeren Verbindungen zum Fussball sind etwa Rod Stewart, der zuerst Profikicker werden wollte, Julio Iglesias, der als Torhüter immerhin einst bei „Real Madrid“ unter Vertrag stand, und Elton John, der sich, mangels Ballfertigkeit und Kondition, mit dem „FC Watford“ immerhin einen eigenen Verein, in dem "junge Männer in kurzen Hosen kicken", gekauft hat.)

Was das typische Klatsch-Tempo anbetrifft, so realisieren die Fans in idealer Weise den musikpsychologisch gut erforschten sogenannten „Tony Marshall-Effekt“.
(Auch hierzu hat übrigens der erwähnte Jack White Entscheidendes beigetragen - zeichnet er doch verantwortlich für Tony Marshall’s größten Hit: „Schöne Maid, hast Du heut für mich Zeit“!)
Reinhard Kopiez & Guido Brink schreiben dazu in ihrem Buch „Fussball-Fangesänge“:
„Der Rhythmus, wo jeder mit muß – die neuropsychologischen Grundlagen des Mitklatscheffekts... Aus der Rhythmusforschung ist das Phänomen bekannt, daß es bestimmte Tempi von Klopfimpulsen gibt, bei denen man einen besonders starken Drang zum Mitklopfen verspürt. (Man hat entdeckt) daß am häufigsten mit einer Pulsdistanz von 500-600 Millisekunden geklopft wird. Dieser Tempobereich stellt offenbar in unseren inneren `Schwingkreisen´ einen Bereich maximaler Anregung durch äußere, rhythmische Impulse dar. Es ist auch der Bereich, in dem sich die Schrittfolge unseres normalen Gehtempos bewegt...!“ (Zwischen 100 – 120 BpM!)
(Als ideales Marschtempo gilt in der Bundeswehr 114 BpM!)

Was die typischen Melodien anbetrifft, so ist ein wichtiges Kriterium (neben einem möglichst geringen Tonumfang – angepaßt an eine unausgebildete Jungmänner-Bruststimme), die Eignung einer Tonfolge zur potentiellen Endlosschleife.

(Warum es in einer eigentlich vergleichbaren Sportart wie dem Basketball keine derart ausgeprägte Sangeskunst gibt, das erklären Kopiez & Brink übrigens damit, daß hier einfach auf dem Spielfeld zu viel Action sei und deshalb zu wenig Zeit für eigenständige musikalische Entwicklungen und Fill-ins!)
 

Als die in deutschen Stadien häufig verwendete Liedvorlagen listen Kopiez & Brink u.a. die folgenden Melodien auf:
O WHEN THE SAINTS
VON DEN BLAUEN BERGEN
O MY DARLING CLEMENTINE
FRÈRE JACQUES
„IHR WOLLT DEUTSCHER MEISTER SEIN“ auf die Melodie von
GLORYLAND (bzw. „Ja mir sann min Radl da“!)
„STEHT AUF, WENN IHR...“ auf die Melodie von
GO WEST
Der Popjournalist Hollow Skai schreibt darüber in seinem Buch „In a Da-Da-Da-Vida – Geschichten zu Popsongs“ (Hannibal-Verlag 2000) im Kapitel „Sexy Knees“ (S. 240f):
„Beim UEFA-Cup-Spiel gegen Bröndby Kopenhagen im Herbst 1993 sangen die (Fans von Borussia Dortmund) eine ganze Halbzeit lang den Pet-Shop-Boys-Hit, der in den späten 70ern schon einmal an der Spitze der Hitparaden stand. Damals galt er noch, in der Version der Village People, als Schwulenhymne und die Aufforderung, westwärts zu ziehen, bezog sich auf San Francisco, das Utopia der Gay People... Im Gegensatz zum unbekümmerten, flotten Original... konnten die Fussballfans die wesentlich langsamere, traurigere Version der Pet-Shop-Boys mitsingen, ohne gleich aus dem Takt zu geraten...“ (- die immanenten Spannungen, Projektionen, Aversions- und Anziehungskräfte zwischen Macho-Männerkulten und homosexuellen Milieus sind natürlich auch in bezug auf die Fussballfan-Community schon oft thematisiert worden - )
Bei Skai heißt es dann am Ende des Kapitels:
„Was für MTV galt, bestimmte Mitte der Neunzigerjahre auch das Geschehen auf dem Fussballplatz: Nicht mehr die Herkunft zählte, sondern das Image.
Borussia Dortmund stand für rebellischen Teeniepop, Bayern München für Easy Listening und der FC St. Pauli für Punkrock...!“

Die vier verschiedenen Hauptkategorien der Fangesänge lassen sich etikettieren als:
- HYMNEN
- ANFEUERUNGSMUSIKEN
- SCHMÄHGESÄNGE
- TRIUMPHLIEDER

Was die Herkunft des dabei verwendeten musikalischen Materials anbetrifft, so lassen sich auch hier einige oft benutzte Genres angeben:
- die Klassiker entstammen, wie gezeigt, vor allem der englischen Beat-Epoche.
- Beispiele für Anleihen bei der Klassischen Musik:
  Edward Elgar's "Pomp & Circumstance" & Wolfgang Amadeus Mozart – oder auch der Triumphmarsch
  aus Verdi’s „Aida“.
- viele Gospels / Spirituals. (Religiöse Musik also!)
- aber auch Schlager, Stimmungslieder (aus Karneval, Bierzelt & Ballermann)
  und (in der Frühzeit noch häufiger) Volkslieder.
- und natürlich immer wieder aktuelle Umdichtungen von Tageshits.
 

Bei Kopiez & Brink findet sich (S. 177f) ein Interview der „Süddeutschen Zeitung“ mit einem der Trommler von „Schalke 04“:
SZ: Wer unter den Fans hat die Macht, einen neuen Schlachtruf zu etablieren?
P.P.(Peter Pollfuß): Eigentlich jeder. Das läuft ganz spontan in der Kurve ab.
Vor dem Spiel sagt einer von uns: `Ich habe da so eine Idee!´
Dann fangen zwei, drei Leute an zu singen, und mit jedem Mal schaukelt sich das weiter hoch. Zuerst machen zehn Leute mit, dann dreißig, und nach einer halben Stunde skandiert es die ganze Nordkurve... Die Haupttribünen, die brauchen natürlich Wochen, bis sie einen neuen Schlachtgesang übernehmen.
SZ: Und so ein neuer Schlachtruf entsteht wirklich mitten im Stadion?
Gibt es keine wöchentlichen Sitzungen der Fanclubs, in denen überlegt wird, welche Popsongs zu Schlachtrufen umfunktioniert werden? Es sind ja große Dichter, die aus `Vamos a la Playa´ `Bruno Labbadia´ machen, und große Dichter brauchen gewöhnlich viel Zeit.
P.P.: Nein, das ist überhaupt nicht organisiert...
Das war bei `Go West´ von den Pet-Shop-Boys... auch so...!
 

Und weiter heißt es im Buch „Fussball-Fangesänge“ (S. 209fff):
„Der zentrale Begriff, mit dem wir die Fangesänge in ihrer Ästhetik erklären können, heißt Bricolage (Bastelei)... Auf (diesen) Begriff bauen beispielsweise die Studien der sogenannten Birmingham School (für `Cultural Studies´) zu jugendlichen Subkulturen auf. Die Autoren dieser sozialpsychologischen Forschungsrichtung untersuchten in den 70er Jahren u.a. die `Kulturen´ der Mods und Rocker. Ihr Interesse galt besonders den Modestilen dieser beiden Gruppen...
Indem Dinge aus ihren ursprünglichen Kontexten herausgelöst und in neue versetzt werden, finden Bedeutungstransformationen statt, die nur noch entfernte Gemeinsamkeiten mit den Ausgangsbedeutungen besitzen.
Allerdings müssen... die (verwendeten) Objekte auf dem Markt bereits existieren... und sie müssen bereits vor der Transformation eine Bedeutung haben...
Es gibt demzufolge im Rahmen des Bricolageprinzips keine Schaffung aus dem Nichts...
Übertragen auf den Fangesang bedeutet `Bastelei´ im ästhetischen Sinn, daß der singende Fan im musikalischen Universum ständig auf der Suche nach Botschaften und Liedern ist, die im Stadion Verwendung finden könnten. Die Gesamtheit des Gesangsrepertoires setzt sich dann zusammen aus Erinnerungsbruchstücken und Überresten von Melodien, die sich – größtenteils massenmedial vermittelt – in der Tiefe seines Gedächtnisses befinden...!“

(Beispiel für eine kreative Bricolage: Auf die Melodie von „Guantanamera“ beleidigten die Fans im Kölner Stadion einmal die Werbefigur eines sponsernden Baumarktes mit dem Libretto: „Du bist ein häßlicher Hamster!“)

Eine der vielleicht wesentlichsten Entdeckungen der Feldforscher war die Feststellung, daß der echte Fan kategorisch und starrköpfig alle Versuche zurückweist, ihm vorfabriziertes Tonmaterial unterzuschieben.
Kein von der Plattenindustrie produziertes Fussball-Lied schaffte so jemals den Weg ins ureigene Konzertprogramm der Fankurven.
Weder Fussball-Schlager nach dem Vorbild von Theo Lingen's
DER THEODOR, DER THEODOR...
noch die musikalischen Ergüsse unserer Nationalkicker:
WM-1982 OLÉ ESPANA (die Deutsche Nationalmannschaft“ mit Michael Schanze & Ralph Siegel)
WM-1978 BUENOS DIAS ARGENTINA (die Deutsche Nationalmannschaft“ mit Udo Jürgens)
(Zur WM 1990 nahm Udo Jürgens übrigens noch einmal einige Lieder mit der Nationalmannschaft auf – darunter eines mit dem – Peter Handke korrigierenden – Titel „Die Angst des Schützen vorm Elfmeter“, worin es dann fussballerisch korrekt heißt:
„...Das Spiel ist aus - Verlängerung!... Und dann die Angst des Schützen vorm Elfmeter.
Nur der im Tor, hat wenig Angst davor!...“)

(Den offiziellen Song zur WM 1994 in den USA nahmen Beckenbauer’s Buben  zusammen mit den “Village People” – s.o. ! - aus San Francisco auf, die in ihrem größten Hit „YMCA“ kurz zuvor noch inbrünstig den „Christlichen Verein junger Männer“ besungen hatten, ehe sie dann "In the Navy" eintraten!)

Was südamerikanische Fanchöre anbetrifft, so haben diese musikalisch und auch poetisch eindeutig mehr zu bieten als ihre Gesinnungsgenossen "Auf Schalke", dem "Bökel-" oder dem"Betzenberg".
Nachstehend die Lyrics der Karneval-Musik des berüchtigten Fan-Clubs von „Corinthians Sao Paolo“,
der „Gavioes da Fiel” (der  “Treue Falken“):
MITOS E MAGIAS
“Erfülle die Leere mit dem Duft von Magie und Verführung.
Die Gedanken wandern in die Ewigkeit.
Es ist ein zauberhafter Traum vom Wunder der Schöpfung.
Und dann ein klarer Himmel übersät mit Sternen.
Erde, Sonne und Meer erscheinen.
Und der Mond erhellt deinen Blick.
Aus der endlosen Klarheit wird ein neues Wesen geboren, welches eingehen wird durch seine Liebe in die Unendlichkeit.
Geformt von göttlicher Hand aus Erde oder Metall.
Ein Kunstwerk des Schöpfers.
Auch wenn die Menschheit seine Macht mißachtet, er ahndet es mit seiner Gnade.
Eine neue Ära erblüht, in Heiterkeit, in Liebe und in Hoffnung.
Zu dieser triumphalen Odyssee nun steige auf Falke.
Ein Fest für die Menschen.
Auf in den Carneval!“

Und neben dem Samba hat auch die zweite große lateinamerikanische Musikkultur engste Beziehungen zum runden Leder: der REGGAE! (s.u.)
Zwar existieren relativ wenige explizite Fussball-Songs von Reggae-Bands (deren Sujets sind meist religiös, politisch oder fallen unter das „Betäubungsmittelgesetz“), aber ihr Rhythmus prägt seit den 70ern die Atmosphäre des Fussballs in der (auch nachdem die „2. Welt“ vergangen ist noch immer) so genannten „3. Welt“!
(Auszug aus einer SWR-Sendung) 
„Neben der Musik hat der echte Reggae-Jünger noch eine andere große Leidenschaft.
Für jede Lebenslage, zu jeder Weisheit und jedem Laster hat ein Rastafari stets einen passenden Bibelvers parat - nur was ein Spiel anbetrifft, das man geradezu kultisch zelebriert, scheint man bislang im Buch der Bücher noch keinen treffenden Spruch entdeckt zu haben.
Sein Denkmal in Kingston zeigt Bob Marley mit einer Gitarre im Arm und unter dem Fuß einen Fussball.

Überall wo jamaikanische Dreadlocks auftauchen, wird gekickt. Allerdings ähnelt ihre Version des Spiels eher einer virtuosen Art von Happening und ein deutscher Stehplatzkurven-Fan (auf Schalke) mag zu Recht den entschlossenen Willen zum Sieg dabei vermissen.
„’Hitler, Müller, Beckenbauer!’ lautete Bob Marley’s Antwort auf die erste Frage, die ich ihm stellte, als ich ihn auf heimischem Boden zum Interview traf...“ 
(berichtet der Musikjournalist Teja Schwaner) „... Was er von Deutschland wisse, hatte ich ihn gefragt. Rasta-Fussball, die angetörntesten Abgaben, die man je gesehen hat. Ein halbes Stündchen konnte ich mitmachen, dann mußte ich erschöpft aufgeben... Je länger es geht, desto seltener berührt der Ball den Boden. Und sie spielten, entgeistert und doch bewundernd betrachtet von Herren in Smoking und Damen in weißen Nerzen - im Schloßhotel wurde nämlich Hochzeit gefeiert, und in Grüppchen trat die Ludwigsburger Society auf die Terrasse, um das exotische Schauspiel zu betrachten. Sie wunderten sich, daß man beim Spiel rauchte - gut, daß sie nicht wußten, was dort geraucht wurde...“  - und anderntags ging es weiter:
 „Am Fernsehturm wird mit einer Altherrenmannschaft Fussball gespielt... Seeco, der Perkussion-Mann, der aussieht wie ein schwarzer Clochard, zahnlos und aus einer anderen Welt, umdribbelt den 67-jährigen Außenverteidiger der Altherrenkicker und schlenzt den Ball mit der Hacke an den Innenpfosten. Tor! Wieder haben sich die Rastas staunende Freunde gemacht!“
Übrigens war Skill Cole, ein ständiger Begleiter Marley’s, immerhin ehemaliger jamaikanischer Nationalspieler.
„Nicht-Rastas würden diese Exerzitien ‘Fussball’ nennen, aber damit sehen sie nur den alleräußersten Aspekt der Sache, und jeder gute Jamaikaner kann zu Fussball stundenlang psalmischen Tiefgang reden. Wir, pardon: Ich und Ich beweisen ja unser Unverständnis schon durch unser Staunen über die Tatsache, daß Menschen pausenlos so viel Hanf rauchen und dann noch Fussball spielen können, ohne aus der Puste zu geraten!“ (schreibt Georg Behr in seinem „Hanfbuch“).
Auf tragische Weise ist auch Bob Marley’s Tod mit dem Fussball verbunden. Im Mai1977 verletzte er sich in Paris beim Spiel gegen eine französische Journalistenauswahl am Zeh. Die Wunde heilte nicht mehr und bald stand die Diagnose fest: er hatte Krebs. Eine Amputation, die ihn vielleicht noch hätte retten können, verbot sein Rasta-Glaube. So begab er sich schließlich in die Klinik eines umstrittenen Wunderheilers in Rottach-Egern am Tegernsee, wo er auch seine letzte Geburtstagsfeier erleben sollte. Zusammen mit einigen Freunden schaute er sich eine Fernsehdokumentation über das Leben seines zweiten Hausgottes an: Edson Arantes do Nascimento - des großen Spielmachers des lateinamerikanischen Fussballs - besser bekannt unter seinem Künstlernamen: Pelé!
Heute ist Reggae in Jamaika - und übrigens auch überall in Afrika - die Musik der Fussballfans.
Und als es ihrer Mannschaft 1998 zum ersten Mal gelungen ist, sich für ein Weltmeisterschaftsturnier zu qualifizieren, da war es natürlich selbstverständlich, daß die Größen dieser Musik, darunter Bob's Sohn Ziggy Marley, den offiziellen Teamsong, die Hymne der Mannschaft, einspielten.

 

Zurück nach England und Europa – und zum PUNK!

AUSWÄRTSSPIEL   („Die Toten Hosen“)
Mach das Flutlicht an; sie kommen gleich raus,
und dann kann die Show losgehen.
Und sie sind nicht allein, denn wir sind dabei,
auch wenn es heut aufs Auge gibt.

Es ist egal, ob wir das Spiel verlieren,
denn darauf kommt es nicht an.
Und ob das irgend jemand hier sonst kapiert,
ist für uns nicht interessant.

Ihr könnt uns schlagen so oft und so hoch wie ihr wollt,
es wird trotzdem nie passieren,
dass auch nur einer von uns mit euch tauschen will,
denn ihr seid nicht wie wir.

Ole ole ole ola - uns ist egal, wer heute siegt!
Ole ole ole ola - weil es um was anderes geht!

Irgendwann kommt für jeden mal der Tag,
an dem man sich entscheiden muß,
auf welcher Seite man im Leben ist,
auch wenn es noch so sehr weh tut.

 

Und wenn ihr lesen könnt, dann seht euch an,
was auf unsern Fahnen steht:
„Bis zum bitteren Ende" wollen wir den Weg mitgehen.

Ole ole ole ola - egal, wer heute siegt!
Ole ole ole ola - es geht um mehr als nur ein Spiel!

Ole ole ole ola - egal, wer heute siegt!
Ole ole ole ola - es geht um mehr als um ein Spiel!

Selbst wenn wir Letzter sind und dauernd verlieren,
es wird trotzdem nie geschehen,
dass auch nur einer von uns mit euch tauschen will.

Ole ole ole ola - wir scheißen auf den Sieg!
Ole ole ole ola - weil es um was and'res geht
Ole ole ole ola - wir scheißen auf den Sieg!
Ole ole ole ola - es ist nur ein Auswärtsspiel!
 

Als Punk stand man vor einem Dilemma.
Zwar war die Frontlinie quasi naturgegeben. Im Weg standen überall die in die Jahre gekommenen Hippies. Sie gaben in der Szene den Ton an und sie galt es im Namen einer neuen Jugendbewegung endlich auf’s Altenteil zu schieben.
Andererseits aber teilte man im Grunde sowohl deren linkes Politikverständnis als auch die antiautoritäre Gesinnung.
Umso mehr versuchte man sich zumindest im Lifestyle von den vollbärtigen Altvorderen mit den Jesuslatschen abzugrenzen.
Proll-Attitüde statt Batik und Belesenheit!
Und selbst die nötigen Rauschmittel besorgte man sich nicht länger beim Dealer, sondern demonstrativ an der nächsten Pommesbude.
Ihr erster Hit hieß dementsprechend: „Eisgekühlter Bommerlunder“!
Vollrausch statt Bewußtseinserweiterung und Kater statt Castaneda!
Was die Hippies anbetraf, so gab es da noch ein Feld, das sich bestens zum Affront eignete:
Für einen 68er war das Stadion der tumbe Tummelplatz der Spießer, Machos und Vereinsmeier.
Die TOTEN HOSEN dagegen bekannten sich – wie viele Punks – demonstrativ als Fans - in ihrem Fall der „Düsseldorfer Fortuna“. (Nina Hagen und „Union Berlin“!)
Siege über Bayern wurden zu Gedenktagen und damals konnte nun wirklich noch niemand die weitere Entwicklung voraussehen. Weder daß die „Fortuna“ zuletzt in den Niederungen der Oberliga-Nordrhein landen würde, noch, daß ausgerechnet jene Dilettanten-Band einmal mehr auf ihrem Bankkonto haben sollte als der einstige Europapokal-Finalist.
Schon 1989 baten sie ihre Anhänger nach guter alter Punker-Sitte um eine „Mark für Fortuna“. Und es kam tatsächlich genug Geld zusammen, um die Verpflichtung des Starkickers Anthony Baffoe zu finanzieren. Genutzt hat es allerdings nichts mehr. Mittlerweile viertklassig präsentierten die Düsseldorfer Fortunen die TOTEN HOSEN vor kurzem offiziell als ihren neuen Hauptsponsor - neben der örtlichen Sparkasse und einer bekannten rechtsrheinischen Altbierbrauerei.
Auf den Trikots der Mannschaft prangt seither das Bandemblem: ein lächelnder Totenkopf!

Die Verbindung zwischen Fussball & Punk stammt, wie der Punk selbst, aus England. Mitte der 70er Jahre etablierte sich dort (gegen die Hippies – wie gesagt) eine neue Subkultur - übrigens in engem Kontakt zu den damals noch alles andere als rechtsextremen Skinheads.
Und so spielte auch die angesagteste Band der Fussballfans, die „Cockney Rejects“, damals für Rattenträger ebenso wie für Glatzen.
Ihr Kult-SongOi !-Oi !-Oi ! ahmte dabei einen verbreiteten Schlachtruf der Fans nach
(- abgeleitet von „Joy-Joy-Joy“ -) und sollte später zu einem umstrittenen Etikett innerhalb der Skinheadszene werden:
(- heute in Anspruch genommen sowohl von rechten als auch von echten Skins -)
 
       Hear that Cry throughout the Streets, you know just what it means
                         and even to the Ignorant, it is what it seems
                         Through every City's Backstreets the Kids from all around
                         they all come to join the Fight cause they know the Sound
                         they all try to ignore us, but we wont let 'em win
                         the Wankers try to put us down, but we'll come smashing in
                         cause we're what's right and they're full of Shit
                         so we're running down the Backstreets
                         oi oi oi
                         and we're running not afraid
                         oi oi oi
                         cause we all know that's the Sound of the Streets
                         so we're running down the Backstreets
                         oi oi oi
                         got our Martins on our Feets
                         oi oi oi
                         and you're allready down the Backstreets with me
                         The Kids they come from everywhere the new Stage's all around
                         cause they all know what it means when they hear the Sound
                         you know what to do when you hear the Call
                         put your Boots and Earings on, kick down that fucking Wall
                         you can listen to the Politicians they'll lead you astray
                         you're gonna see the Light and your gonna see the Way
                         and then you'll know there's nothing like us
                         and we're running down the Backstreets
                         oi oi oi
                         and we're never giving in
                         oi oi oi
                         cause we all know cause we're gonna fucking win
                         and we're running down the Backstreets
                         oi oi oi
                         and we're hear to stay
                         oi oi oi
                             ...
                         and we're running down the Backstreets
                         oi oi oi
                         and we're running not afraid
                         oi oi oi
                         cause we all know that that's the Sound of the Street
                         and we're running down the Backstreets
                         oi oi oi
                         got our Martins on our Feet
                         oi oi oi
                         and you're allready down the Backstreets with me
                         down the Backstreets with me!

 
 

Und Punk & Fan - das hieß natürlich immer auch vehemente Kritik an Kommerz & Kapitalismus in Fussball:
BAYERN („Die Toten Hosen“):
Es gibt nicht viel auf dieser Welt,
woran man sich halten kann.
Manche sagen die Liebe,
vielleicht ist da was dran.

Und es bleibt ja immer noch Gott,
wenn man sonst niemand hat.
Andere glauben an gar nichts,
das Leben hat sie hart gemacht.

Es kann soviel passieren,
es kann soviel geschehen.
Nur eins weiss ich hundertprozentig.
Nie im Leben würde ich zu Bayern gehen.

Ich meine, wenn ich 20 wär'
und supertalentiert.
Und Real Madrid hätte schon angeklopft
und die Jungs aus Manchester.

Und ich hätt' auch schon für Deutschland gespielt
und wär' mental topfit.
Und Uli Hoeneß würde bei mir
auf der Matte stehen.

Ich würde meine Tür nicht öffnen,
weil's für mich nicht in Frage kommt,
sich bei so Leuten wie den Bayern
seinen Charakter zu versauen.
 

Das wollt' ich nur mal klarstellen,
damit wir uns richtig verstehen.
Ich habe nichts gegen München,
ich würde nur nie zu den Bayern gehen.

Muss denn sowas wirklich sein?
Ist das Leben nicht viel zu schön?
Sich selber so wegzuschmeissen,
und zum FC Bayern zu gehen.

Es kann soviel passieren,
es kann soviel geschehen.
Ganz egal wie hart mein Schicksal wär',
ich würde nie zum FC Bayern München gehen.

Was für Eltern muss man haben,
um so verdorben zu sein,
einen Vertrag zu unterschreiben
bei diesem Scheissverein?

Wir würden nie zum FC Bayern München gehen!
Wir würden nie zum FC Bayern München gehen!
Wir würden nie zum FC Bayern München gehen! Niemals zu den Bayern gehen!
 

FUSSBALL IN LITERATUR & KUNST

CESAR LOUIS MENOTTI: „Fussball, das ist Kunst, und die ist wie der Fussball schon immer mit Schönheit verbunden. Gerade durch Ästhetik, Effektivität und Genauigkeit kann der Spieler das Spiel zu einem kulturellen Ereignis machen!“

Literaten und Künstler suchen seit je im Fussball entweder das Rohe oder aber, ganz im Gegenteil, das Kunstvolle – entweder das vermeintlich proletarische, körperbetonte, anti-intellektuelle, archaische Milieu als Gegenwelt zum Elfenbeinturm, oder aber sie besingen jene feinere Stilrichtung des Spiels, welcher sie den Rang einer eigenen Kunst zugestehen, und solche Fussballer, die als gleichrangige Ästheten gelten könnten.
 
Der uruguayische Fussballpoet Eduardo Galeano porträtierte den legendären brasilianischen Außenstürmer GARRINCHA: „Irgendeiner seiner vielen Brüder taufte ihn Garrincha, was der Name eines nutzlosen, hässlichen kleinen Vogels ist. Als er mit dem Fussballspielen begann, bekreuzigten sich die Ärzte... dieses armselige Häuflein Mensch, das der Hunger und die Kinderlähmung übriggelassen hatten, hinkender Esel mit einem Kinderhirn, eine Wirbelsäule wie ein S und Beinen, die beide zur gleichen Seite gebogen waren. Nie hatte es einen Rechtsaußen wie ihn gegeben. Bei der Weltmeisterschaft von 1958 war er der beste Spieler auf dieser Position. Bei der WM 62 der beste Spieler des ganzen Turniers... Er war der Mann, der am meisten Freude schenkte in der ganzen Geschichte des Fussballs. Wenn er spielte, wurde der Fussballplatz zur Zirkusmanege und der Ball zum gezähmten Tier, das Spiel zur Einladung zum Feiern... (der Ball war sein Spielzeug) er sprang über es hinweg, es hüpfte über ihn, es versteckte sich... Unterwegs stießen die Gegner zusammen, verhakten sich mit den Beinen, bekamen Schwindelanfälle oder fielen auf den Hosenboden... Er war in der Vorstadt aufgewachsen... er spielte bei einem Club, der Botafogo hieß, was soviel wie Brandstifter bedeutet, und genau das war er auch: Ein Brandstifter, der die Stadien entzündete, verrückt nach Branntwein und allem anderen, was brennt... Ein Sieger? Ein Verlierer, der Glück hatte! Und das Glück dauerte nie sehr lange. Nicht umsonst sagt man in Brasilien, wenn Scheiße etwas wert wäre, dann hätten die Armen keinen Arsch. Garrincha starb seinen Tod: arm, im Suff und einsam!“
Und Hans-Ulrich Gumbrecht ließ sich unter der Überschrift „Lob der Schönheit des Sports“ vom gleichen Spieler zu einer spezifischen Theorie der „Gewalt und Gewaltlosigkeit“ inspirieren:„Mein persönlicher Fussballheld wird für alle Zeiten Mané Garrincha sein... (Er) agierte auf dem Platz eher komisch oder sogar zynisch, aber sicherlich nicht tragisch. Und trotzdem hatte es auch etwas Gewalttätiges, wenn Garrincha die Abwehrlinie der gegnerischen Mannschaft dribbelnd durchbrach. Die Gewalt, die hier aufschien, war die potentielle Gewalt der Abwehrspieler... Garrincha verlieh der drohenden Gewalt eine Form, weil er über viele Möglichkeiten verfügte, sie herauszufordern und ins Leere laufen zu lassen, so daß sich die Zuschauer auf Kosten des Gegners amüsieren konnten. Das körperlose, gewaltfreie Spiel eines Garrincha verdankt sich aber der Gewalt, die es herausfordert; es beruht auf Gewaltvermeidung, aber es verleiht der Gewalt eine Form, indem es sie umgeht!“
(zit. nach R. Moritz S.104f) 

Wie schon erwähnt hatten auch die Wiener „Kaffeehausliteraten“ ihr erklärtes Idol. Auch ALFRED POLGAR verfasste 1939 einen Nachruf auf Matthias Sindelar:
„Er spielte Fußball, wie ein Meister Schach spielt: mit weiter gedanklicher Konzeption, Züge und Gegenzüge vorausberechnend, unter den Varianten stets die aussichtsreichste wählend, ein Fallensteller und Überrumpler ohnegleichen, unerschöpflich im Erfinden von Scheinangriffen, denen, nach der dem Gegner abgeluchsten Parade, erst der rechte und unwiderstehliche Angriff folgte. Er hatte sozusagen Geist in den Beinen, es fiel ihnen im Laufen eine Menge Überraschendes ein... und Sindelars Schuss ins Tor traf wie eine glänzende Pointe, von der aus erst der meisterliche Aufbau der Geschichte, deren Krönung sie bildete, recht zu verstehen und zu würdigen war!“
(zit. nach Biermann/Fuchs S.73)

Während ein zweiter Donauliterat, FRIEDRICH TORBERG, meinte (s. Bausenwein S. 53), daß der „Mannschaftssport die einzige geglückte Lösung zwischen Kollektiv und Individuum darstellt“
(ein Roman von ihm trägt den Titel „Die Mannschaft“), hat ein dritter, ELIAS CANETTI, in seiner Lebensgeschichte „Fackel im Ohr“ diagnostiziert, daß es vermutlich seine traumatischen Erinnerungen an eine Kindheit in Hörweite der tobenden Zuschauermassen des Stadions von „Rapid Wien“ gewesen sind, die ihn sein sozioliterarisches Hauptthema haben finden lassen: „Masse und Macht“! Wobei für ihn der Fussballanhänger stets als ein geistig und ökonomisch Zukurzgekommener erscheint, der sich in die Bestie „Masse“ flüchtet, um darin seine existentielle Ohnmacht zumindest zeitweise einmal überwinden zu können.

In Österreich ist die enge Verbindung zwischen Fussball & Schriftstellerei (ähnlich wie in Südamerika) nicht zuletzt dadurch zu erklären, daß dort eben ein inspirierender Spielstil gepflegt wird (bzw. wurde), der eher auf Geschicklichkeit und Witz setzt als auf Härte und Kraft.
 
Auch der Kärntener PETER HANDKE nahm sich immer wieder Metaphern und Sujets aus der Welt des Fussballs. 
Hier ist die berühmte Schlüsselstelle aus seinem Roman „DIE ANGST DES TORMANNS BEIM ELFMETER“ (1970) (dessen Titel wie schon gesagt offenbart, daß er sicher kein intimer Kenner der Materie gewesen ist):
„Ein Elfmeter wurde gegeben. Alle Zuschauer liefen hinter das Tor. `Der Tormann überlegt, in welche Ecke der andere schießen wird´, sagte Bloch. (- Der arbeitslose Monteur und passionierte Torhüter versucht sich seine gesellschaftliche Lage durch Analogien zum Fussballspiel zu erklären -) `Wenn er den Schützen kennt, weiß er, welche Ecke er sich in der Regel aussucht. Möglicherweise rechnet aber auch der Elfmeterschütze damit, daß der Tormann sich das überlegt. Also überlegt sich der Tormann weiter, daß der Ball heute einmal in die andere Ecke kommt. Wie aber, wenn der Schütze noch immer mit dem Tormann mitdenkt und nun doch in die übliche Ecke schießen will? Und so weiter und so weiter.´ Bloch sah, wie nach und nach alle Spieler aus dem Strafraum gingen. Der Elfmeterschütze legte sich den Ball zurecht. Dann ging auch er rückwärts aus dem Strafraum heraus. `Wenn der Schütze anläuft, deutet unwillkürlich der Tormann, kurz bevor der Ball abgeschossen wird, schon mit dem Körper die Richtung an, in die er sich werfen wird, und der Schütze kann ruhig in die andere Richtung schießen´, sagte Bloch... Der Schütze lief plötzlich an. Der Tormann, der einen grellgelben Pullover anhatte, blieb völlig unbeweglich stehen, und der Elfmeterschütze schoß ihm den Ball in die Hände!“

Mario Leis: „Literatur verschiebt in der Regel die Eindeutigkeit von sportlichen Tätigkeiten in einen ausgesprochen mehrdeutigen Interpretationshorizont!“

Und noch ein letzter aus der illustren Riege der K&K-Autoren.
Bei ÖDÖN VON HORVATH findet sich im Roman „Jugend ohne Gott“ (1937) folgende Passage
(zit. nach M.Herzog S. 143): „Wenn der Rechtsaußen den linken Half überspielt und zentert, wenn  der Mittelstürmer den Ball in den leeren Raum vorlegt und der Tormann sich wirft... dann existiert für den Zuschauer nichts auf der Welt, außer dem Fußball, ob die Sonne scheint, obs regnet oder schneit. Dann hat er alles vergessen!“
 
 
In Deutschland schlugen sich zunächst einmal viele Schriftsteller eher auf die Seite der Turner (s.o.) – 
z.B. JOACHIM RINGELNATZ
(s. „Gedichte Bd.1“ / Berlin 1984)):
FUSSBALL 
(NEBST ABART UND AUSARTUNG)
Der Fußballwahn ist eine Krank-
heit, aber selten, Gott sei Dank!
Ich kenne wen, der litt akut
an Fußballwahn und Fußballwut.
Sowie er einen Gegenstand 
in Kugelform und ähnlich fand,
so trat er zu und stieß mit Kraft
ihn in die bunte Nachbarschaft.
Ob es ein Schwalbennest, ein Tiegel,
ein Käse, Globus oder Igel,
ein Krug, ein Schmuckwerk am Altar,
ein Kegelball, ein Kissen war,
und wem der Gegenstand gehörte,
das war etwas, was ihn nicht störte.
Bald trieb er eine Schweineblase,
bald steife Hüte durch die Straße.
Dann wieder mit geübtem Schwung
stieß er den Fuß in Pferdedung.
Mit Schwamm und Seife trieb er Sport.
Die Lampenkuppel brach sofort.
Das Nachtgeschirr flog zielbewußt
der Tante Berta an die Brust.
Kein Abwehrmittel wollte nützen,
nicht Stacheldraht in Stiefelspitzen, noch Puffer, außen angebracht.
Er siegte immer, 0 zu 8,
und übte weiter frisch, fromm, frei
mit Totenkopf und Straußenei.
Erschreckt durch seine wilden Stöße,
gab man ihm nie Kartoffelklöße.
Selbst vor dem Podex und den Brüsten
der Frau ergriff ihn ein Gelüsten,
was er jedoch als Mann von Stand
aus Höflichkeit meist überwand.
Dagegen gab ein Schwartenmagen
dem Fleischer Anlaß zum Verklagen.
Was beim Gemüsemarkt geschah,
kommt einer Schlacht bei Leipzig nah.
Da schwirrten Äpfel, Apfelsinen
durchs Publikum wie wilde Bienen.
Da sah man Blutorangen, Zwetschen
an blassen Wangen sich zerquetschen.
Das Eigelb überzog die Leiber,
ein Fischkorb platzte zwischen Weiber.
Kartoffeln spritzten und Zitronen.
Man duckte sich vor den Melonen.
Dem Krautkopf folgten Kürbisschüsse.
Dann donnerten die Kokosnüsse.
Genug! Als alles dies getan,
griff unser Held zum Größenwahn.
Schon schäkernd mit der U-Boots-Mine,
besann er sich auf die Lawine.
Doch als pompöser Fußballstößer
Fand er die Erde noch viel größer.
Er rang mit mancherlei Problemen.
Zunächst: Wie soll man Anlauf nehmen?
Dann schiffte er von dem Balkon
sich ein in einen Luftballon.
Und blieb von da an in der Luft,
verschollen. Hat sich selbst verpufft. -
Ich warne euch, ihr Brüder Jahns,
vor dem Gebrauch des Fußballwahns!
 KARL VALENTIN: „Enden tat das Spiel mit dem Sieg der einen Partei. Die andere hatte den Sieg verloren. Es war vorauszusehen, daß es so kam!“

In jüngerer Zeit haben sich hierzulande vor allem zwei Autoren einen Namen als bekennende Fussball-Liebhaber gemacht:
WALTER JENS – der an diesem Spiel vor allem das „Prinzip der freiwilligen Selbsterschwerung“ (den Verzicht auf die doch um so vieles geschickteren Hände nämlich) als herausragende Kulturleistung des Homo Sapiens (bzw. Homo Ludens) preist -
und ROR WOLF:
Fußball-Sonett
Der Meister wirbelt hungrig übers Feld
Und füttert seine Spitzen sehr geschickt.
Er tanzt durch alle Sperren, quirlt und zwickt.
Vom Flutlicht ist der Rasen jetzt erhellt.

Der Rammer zugedeckt und kaltgestellt.
Der Brecher auf der Linie ganz geknickt.
Das Leder hängt im Netz, hineingenickt.
Im halben Lande stöhnt die Fußballwelt.

Der Trainer auf der Bank, man sieht ihn fluchen.
Sein Kopf sitzt locker und eventuell
Beißt man im Herbst schon in den Abstiegskuchen.

Der Rammer steht herum und ganz speziell
Den Brecher muß man mit der Lupe suchen.
Da muß sich vieles ändern und zwar schnell.“
(aus „Das nächste Spiel ist immer das schwerste“)
 
Gerade Paraphrasen und Parodien über die typische Fussball(er)- & Fussballreporter-Sprache erfreuen sich natürlich besonderer Beliebtheit. Bis hinein in Formen der sogenannten „konkreten Poesie“ wie etwa in Thomas Gsella’s Buch: „So werde ich Heribert Faßbender – Grund- und Aufbauwortschatz Fußballreportage“ 
oder auch in Ror Wolf’s berühmten O-Ton-Radiocollagen:
- „Rückblick auf große Tage – Die WM 1974“ und
- „Cordoba Juni 13 Uhr 45 – WM 1978“
Letzteres Hörspiel schildert den glorreichen Sieg Österreichs über Deutschland in Argentinien und verarbeitet dabei die legendäre Reportage von EDI FINGER:
„Heute spühn die Österreicher auf,
heute kriagn die Deitschen oanen drauf... 
(Diese einleitenden Sätze skandiert er im Sprechgesang auf die Melodie von Mozart’s „Kleiner Nachtmusik“)
Jetzt geht’s noch drei Minuten... 
Da  kommt Krankl, vorbei diesmal an seinem 
ewigen Bewacher, ist im Strafraum, Schuss – Tor! Tor! Tor! Tor! Tor! Tor! I wer' 
narrisch! Krankl schießt ein! Drei zu zwei für Österreich! ... Meine Damen und Herrn, 
wir fall'n uns um den Hals, der Kollege Rippel, der Diplomingenieur Posch, wir busseln uns ab, drei zu zwei für Österreich, durch ein großartiges Tor unseres Krankl, er hat alles überspüht, meine Damen und Herrn, und wartens noch a bissl, wartens noch a bissl, dann kemma uns vielleicht a Vierterl genehmigen. Also das – das mußt miterlebt haben! Jetzt bin ich aufgestandn, geh geh geh, I glaub jetzt hammas gschlagn! " 
ECKART HENSCHEID:
Hymne auf Bum Kun Cha
Hurtig treibst Du das Leder nach links,
kühner umkurvst Du den grätschenden Stopper,
zaubernden Fußes entläßt Du den Lib’ro in Scham!

Tatsächlich kickende Literaten, auch die gab es, wenngleich sowohl ALBERT CAMUS („Mythos vom Sisyphos“) als auch VLADIMIR NABOKOV („Lolita“) beide nur das Tor gehütet haben.

In der BILDENDEN KUNST spielt der Fussball als Sujet keine große Rolle. Seine Dynamik und Dramaturgie lassen sich eben doch nur sehr unvollkommen in der Statik einer Leinwand oder einer Skulptur bannen.
Entweder es waren (vor allem in England im 19.Jahrhudert) Milieustudien und Genrebilder, gezeichnete Bildreportagen tatsächlicher Matches oder anatomische Bewegungsstudien.

Einfacher hatten es da schon jene Vertreter der Zunft, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts begannen, Zeitungslyrik und Alltagsbilder in ihre Kunstobjekte und Happenings zu integrierten. Ihnen boten sich schnell neue Zugänge auch zum Thema „Fussball“.
In der von Dada und anderen überdrehten Skandalkünstlern geprägten Weimarer Zeit etwa gab es ein paar Zeitschriften, die versuchten, die Verfechter der Hochkultur dadurch zu reizen, daß man Kunst & Sport als kulturell gleichrangig erklärte.
Etwa in Alfred Flechtheim’s „Der Querschnitt – Magazin für Kunst, Literatur und Boxsport“ (1932)
(darin proklamiert er den Fussball bereits als die neue „Weltreligion des 20. Jahrhunderts“)
oder in des Dadaisten John Heartfield's
„Jedermann sein eigner Fussball“ (1919)

 
Ins gleiche künstlerische Umfeld gehört auch das avantgardistische Theaterstück “FUSSBALLSPIELER UND INDIANER” aus dem Jahr 1924, in dem MELCHIOR VISCHER der gierig-kapitalistischen Welt des Profifussballs (anno 1924!) die vermeintlich heile Naturverbundenheit der „guten Wilden“ gegenüberstellt. Aber weniger in moralinsaurer Weise, als vielmehr in Form einer reichlich verrückten Groteske. 
Das Stück beginnt auf der „Fußballbörse“...
„SCHIMSA (Fußballagent): Tummy! 25 Jahre alt, linker Verteidiger. Gediegene Klasse. 17 Cupspiele mitgemacht. 82 Pfund zum ersten! Zum zweiten! Zum dritten!...
CHESTER (Clubpräsident): Wir bezahlen Ihnen haussierend, wenn Sie uns den geeigneten Mittelstürmer finden!
SCHIMSA: Das lassen Sie ruhig meine Sorge sein. Schimsa hat eine Nase: er riecht den schlechten Gummi der Fußballseelen auf hundertmal Elferentfernung. Auch wenn einer Lackschuhe an hat, so merke ich doch seine Volleybegabung...
Paßt auf ihr Herren! Jetzt beginnt eine neue Epoche in der Fußballgeschichte. Ich rufe den Namen: Bill!...
(zu Bill) Du hast Kapital an Deinen Füßen, Geld, Geld!...
CHESTER (zu Bill): 8 Pfund die Woche. Und für jedes Goal, das Sie schießen, ein halbes Pfund! 
Nun? Schlagen Sie ein?
BILL: Ich schlage ein!
SCHIMSA: (applaudiert)...“
...und es endet im „Urwald“.

 
Die Kunstkritik schrieb über eine Videoinstallation während der „Documenta X“: 
„Der israelische Künstler Uri Tzaig beschäftigte sich mit der Funktionsweise von Spielen, vor allem von Teamspielen. Er zeigte Videos von einem Fussball- und einem Basketballspiel. 
Im Fussballvideo erkennt man nicht sogleich die Abweichung vom visuellen Stereotyp einer gewöhnlichen Fussballübertragung. 
Die Kamera bewegt sich nicht, rückt nicht durch Nahaufnahme an das Geschehen heran. Dieses hat außerdem, wie man irritiert feststellt, zwei Brennpunkte, weil zwei Bälle im Spiel sind. 
Im unteren Drittel des Bildfeldes blendet Tzaig in der Art kommentierender Untertitel einen fortlaufenden, poetisch-philosophischen Text ein.
Sowohl die zwei Bälle wie der in keinem Zusammenhang zum Spiel stehende Sprachvortrag spaltet die Aufmerksamkeit und lässt tiefverwurzelte Erwartungen an das populäre Spiel ins Leere laufen. Es gibt kein eindeutiges Spielziel und keinen Gewinner. 
Weshalb nur plagen sie sich so, die Sportler? Es handelt sich wohl um eine Metapher: Das Leben ist ein absurder Kampf, es fehlt, verdammt nochmal, ein Sinn!  Schöne Spielzüge aber, die gibt es nichtsdestotrotz dennoch. 
Und im ästhetischen Vergleich zeigt sich: 
Fussball ist dramatischer - Basketball virtuoser!“
Einen ganz ähnlichen Versuch der Wahrnehmungsverfremdung gab es auch einmal bei einem Spiel der „Bunten Liga“:
„Als es geradezu Bindfäden regnet und die Zuschauer und Auswechselspieler zusammengepfercht unter einem kleinen, transportablen Pavillon an der Außenlinie dem Spiel Senile Kicktgegen Partisan Eifelstraße folgen wollen, geht die Spielfreude keinesfalls baden. Im Gegenteil. Die Teams bitten die Zuschauer aufs Feld, kreieren eine neue Spielidee und schaffen zugleich ein zuschauerfreundliches Novum in der Fußballgeschichte. `Ja, wir haben uns überlegt, wir verlagern die Bank und Zuschauertribüne auf den Mittelkreis!´ Der Mittelkreis, bestückt mit etlichen Zuschauern, einem Pavillon und einer Bank, wird kurzerhand zum Aus erklärt. Gespielt wird über die Flügel, vornehmlich über links, wie sich das für Alternativfußballer gehört, wobei das Spiel immer wieder unterbrochen wird durch Einwürfe aus dem Mittelkreis, aus der Flugverbotszone. Die Umsetzung dieser Spielvariation wird dann bei der Siegerehrung gebührlich gefeiert und mit einem Sonderpreis bedacht!“

(alle Zitate zur "Bunten Liga" stammen aus einer Hörfunksendung des DLF vom 8.12.2002: "Kicken ohne DFB - Alternativfussball in Deutschland" von Eduard Hoffmann & Jürgen Nendza)

Zu literarischen Höhenflügen inspirierte das Spiel aber auch schon seine frühen Propagandisten. So beschrieb Philipp Heineken „Das Fussballspiel“ 1898:
„Keuchend geht der Atem, rascher kreist das Blut, feuriger glänzt das Auge und sprüht Tatendurst. Die Selbstbeherrschung aber zügelt den zu raschen Entschluss... Sobald ein Spieler sieht, dass er (allein) mit dem Balle nicht mehr weiter kann, was ihm die Erfahrung zeigen wird, so gibt er den Ball mit dem Fusse einem günstiger stehenden Freunde weiter, damit dieser ausführt, was er selbst nicht vollbringen kann. In dieser Aufopferung des eigenen Ichs zum Wohle der ganzen Partei liegt einer der grössten Reize des Fussballspieles... Es gibt in der Tat keinen schöneren Augenblick, als zu sehen, wie der Ball von einem Ende des Feldes in hohem Bogen zum andern fliegt, dann durch die Stürmer langsam über das Feld dicht am Boden herüberkommt, hier durch geschicktes Spielen einem daher rennenden Gegner entkommt, dann vielleicht vom Flügel zum Centrum, von diesem auf den anderen Flügel wandert... und endlich dicht an die feindliche Goallinie gebracht wird. Jetzt fliegt der Ball mit einem wuchtigen, sicher berechneten Stosse dem nicht weit vom Male stehenden Centrumstürmer zu. Mit großer Kaltblütigkeit... macht dieser dann seinen Shot. Man hört den Ball deutlich durch die Luft pfeifen...
Das ist die Poesie des Fussballfeldes, die das Herz jedes geweckten Jungen im Fluge bezwingt... Diese Poesie ist es, welche dem Fussball seinen Siegeszug durch die Welt verschaffte, und diese ist es auch, welche alle Nörgeleien der Gegner zu Schanden macht!“
 
 
 

"BUNTE LIGA"
 

Im Zuge der linksalternativ-ökologischen Bewegung entstand in den frühen 80er Jahren auch eine (vielerorts bis heute existierende) alternative Fussballszene. Organisiert jenseits des DFB in autonomen "Bunten Ligen" versuchte man, dem Spiel eine andere, lockerere Atmosphäre zu geben.
Nomen est omen!
Die Mannschaften firmieren unter solch vielsagenden Namen wie "Roter Stern Bremen", "Petermann Stadtgarten Köln", " Rote Beete Hamburg", "Balltänzer Bielefeld", "Kurzschluß Osram Heynckes", "Kick & Rush Orchestra", "Senile Kickt", "Aus der Tiefe des Raumes", "Freies Fußballkollektiv Piranhas", "Torpedo Kuschelweich", "Herbergers Enkel", "Hoeneß, nein Danke" oder "Wim kifft und Berti kokst" (und war da nicht noch wer?).
 
"Petermann Stadtgarten ist gewissermaßen als Ausdruck tierischer Freiheitsliebe zu verstehen. Petermann, ein durch Funk und Fernsehen beliebter Schimpanse, suchte eines Abends im Kölner Zoo das Weite, genauer: den Weg zu seiner Affenfreundin Susi. Ein tödliches Unterfangen letztlich. `Statt mit Betäubungspatronen auf ihn zu schießen, haben sie ihm direkt den Garaus gemacht und Petermann wollte nichts anderes als die Freiheit. Es ist überliefert, dass er an jenem Abend die linke Faust reckend hinterrücks erschossen wurde. Und insofern ist das für uns ein Vorbild geworden, der Märtyrer in Köln, der einzig gelebt habende Märtyrer mit wirklich politischen Absichten in Köln. Ja und da wollten wir ihm ein Denkmal setzen und haben uns Petermann genannt´!“
(alle Zitate aus einer Hörfunksendung des DLF vom 8.12.2002: "Kicken ohne DFB - Alternativfussball in Deutschland" von Eduard Hoffmann & Jürgen Nendza)
„In Kassel gab es keine alternative Liga Anfang der 80er. Daraufhin haben wir gedacht, gut, dann werden wir uns ganz normal in der Kreisliga B anmelden. Also haben wir einen Antrag gestellt beim Hessischen Fußballverband und der ist dann 1983 abgelehnt worden, mit der Begründung, das Wort `Dynamo´ könnte man nicht akzeptieren, weil es zu sehr den Gepflogenheiten des Ostblocks entspräche. Sie rochen merkwürdige Dinge, Unterwanderung oder was auch immer. Dann sind wir vor das Landgericht Kassel gezogen und haben dort Recht bekommen. Dann ist der Hessische Fußballverband vor das Oberlandesgericht Frankfurt gegangen, und den Prozeß haben wir verloren. Dann wollten wir noch vor das Bundesverfassungsgericht ziehen, das ist aber abgelehnt worden mit der Begründung, dass sie dafür nicht zuständig wären!“

Auch viele "Grüne" (darunter aus der Parteispitze allen voran Joschka Fischer & Rezzo Schlauch) kickten mit in einer eigenen Truppe, der "Grünen Tulpe"!

"Die Medien gezielt einzusetzen, gelingt der Bunten Liga Aachen 1992 mit einer spektakulären Mitgliederwerbung. Während der Weihnachtsfeier von Juventus Senile kommt man auf die Idee, Papst Johannes Paul II, der kurz zuvor Ehrenmitglied von Schalke 04 geworden war, die Ehrenmitgliedschaft anzutragen. Stilvoll verfassen die Buntligisten ihr Ansinnen auf Mittellateinisch. Sie beklagen beim Heiligen Vater das grobe Foulspiel, die hohen Transfersummen und den modernen Ablöse-Menschenhandel als `arg unchristliche Entwicklungen im Fußball´ und bitten Ihre Heiligkeit, die Ehrenmitgliedschaft in der Bunten Liga Aachen anzunehmen, als Zeichen dafür, daß auch `oft für unüberbrückbar gehaltene Grenzen der Ideologien´ überschritten werden können. `Irgendwann kam dann ein Brief zurück, ebenfalls in Latein, dass der Papst dem sehr wohlgesonnen entgegen sieht und auch die Ehrenmitgliedschaft annimmt. Daraufhin hat sich dann ein riesiger Pressetrubel entwickelt, weil sich Egidius Braun vom DFB massiv darüber beklagt hat. Er sah sich als unchristlich hingestellt und hat einen riesigen Wirbel gemacht´!"

"Und in Aachen kommt es seit einigen Jahren sogar zu Duellen von sicherheitspolitischer Relevanz. Seit 1997 spielt mit Villa Kunterbunt im Hochsicherheitstrakt der Aachener Justizvollzugsanstalt ein Team von Strafgefangenen mit, dass sich aus Dealern, Bankräubern und sogenannten Lebenslänglichen zusammensetzt. Logisch, dass diese Mannschaft jedesmal Heimrecht genießt. Schließlich kam es so, wie es kommen musste. Die Gruppenauslosung führte zum ultimativen Liga Knaller. Die Knackis hatten anzutreten gegen die Aachen Bulls, das Bunte-Liga-Team Aachener Polizisten!"
 
 

FRAUEN-FUSSBALL
1894 gründete eine gewisse Nettie Honeyball (nomen est omen!) in London die erste Frauenfussballmannschaft,
die „British Ladies“!

Am 23. März 1895 fand dann (vor 10.000 Zuschauern) das erste Match statt:
Der „British Ladies’ Football Club North“ vs „South“!

Fussballspielerinnen galten damals als (und waren zum großen Teil auch) „Suffragetten“ (Frauenrechtlerinnen also)!

Der „Kampf um die Hose“ eskalierte 1897, als Radfahrerinnen einen "Hosenkongress" in Oxford veranstalteten, um gegen die beim Sport gesellschaftlich vorgeschriebenen, aber doch eher hinderlichen langen Kleider zu protestieren.
Danach setzte sich bald auch bei den Fußballerinnen die weite Kniebundhose als das obligatorische Outfit durch.

1902 verbot die „Football Association“ ihren Mitglieds- im wahrsten Sinne des Wortes ;-) -Vereinen, gegen Frauen oder gemischtgeschlechtliche Teams anzutreten!

Während des ersten Weltkrieges aber (als die meisten jungen Männer sich im Fronteinsatz befanden) entstanden im Umfeld von Industriebetrieben (nicht zuletzt in der Rüstung) diverse Frauenmannschaften, die dann vor allem bei Wohltätigkeitsveranstaltungen auftreten durften (wobei man den Showcharakter dieser Veranstaltungen noch ganz bewußt unterstrichen hat etwa durch Fantasiekostüme oder durch Flutlicht).
Die bekannteste dieser Truppen, das waren die (1917 gegründeten) „Dick Kerr’s Ladies“ (einer gleichnamigen Munitionsfabrik), die 1920 auch das erste innerbritische Spiel bestritten (22-0 gewann man gegen eine schottische Auswahl) und ein Jahr später dann auch das erste offizielle Länderspiel (gegen „Femina Paris“).

Der Frauenfussball erlebte eine erste kurze Blütezeit, die dann aber im Dezember 1921 durch die FA und ein neuerliches Verbot ein Ende finden sollte:
„Complaints have been made as to football being played by women, the Council feel impelled to express their strong opinion that the game of football is quite unsuitable for females and ought not to be encouraged... The Council request the clubs belonging to the Association to refuse the use of their grounds for such matches!“

Dennoch wurde in den 20er Jahren natürlich weiterhin von Frauen Fussball gespielt. Vor allem die Emanzipationsbewegungen der „Golden Twenties“ förderten damals jede Art weiblicher Aufmüpfigkeit. Und gerade Sport treiben galt als eine äußerst wirksame Form der Spießbürgerprovokation.
Das erste deutsche Frauenfussballteam fand sich allerdings erst 1930 zusammen.

Diese Ära endete hierzulande dann 1933 – als die  Nationalsozialisten ein kategorisches (und strafbewehrtes) Fussballspielverbot für alle teutschen Mädel aussprachen.

Doch auch nach Kriegsende blieb der Frauenfussball für die Funktionäre des DFB ein Schreckgespenst.
Mediziner lieferten auf Wunsch phantasievolle wissenschaftliche Gründe, warum den Frauen das Fußballspielen zu untersagen oder doch zumindest auszureden sei.
Immer wieder zitiert wurde in diesem Zusammenhang eine Studie des holländischen Psychologen Fred J.J. Buytendijk, wonach das Treten als Ausdruck von Aggressivität dem fraulichen Wesen von Grunde auf fremd sei.
(„Das Treten ist spezifisch männlich“, dozierte er: „...ob darum allerdings das Getretenwerden weiblich ist, das lasse ich einmal dahingestellt. Wenigstens aber ist das Nicht-Treten weiblich!“)

Und ein gewisser Albert Zapp untermauerte den Befund dann noch aus gynäkologischer Sicht.
Aufgrund rein "gesundheitlicher Bedenken " also verhängte man am 30. Juni 1955 das nächste Verbot.
Dennoch gab es immer mehr informelle Frauenmannschaften in Deutschland (auch das war eine Folge der WM 1954).
1962 wurde in England die „Women's FA“ ins Leben gerufen (die von der Männer-FA allerdings erst 1973 offiziell anerkannt worden ist).

Dann veränderte die Studentenbewegung die Gesellschaft und mit ihrem emanzipatorischen Elan gab sie auch dem Frauenfussball einen erneuten Auftrieb.
Im Sommer 1970 organisierte der Getränkehersteller „Martini & Rossi“ in Italien die erste inoffizielle Frauen-WM.
(An welcher in Ermangelung einer Nationalmannschaft für Deutschland damals der „SC Bad Neuenahr“ teilnahm)

Am 30. Oktober 1970 ist es dann endlich soweit!
Der DFB erlaubt den Frauenfussball unter seinem Dach.
Allerdings erfolgte die Erlaubnis vorerst noch mit signifikanten Einschränkungen: Stollenschuhe waren verboten, ebenso Spiele im Winter und die Spielzeit kürzte man pro Halbzeit um fünf Minuten.
Erst seit 1993 dauert ein Bundesligaspiel für die Frauen, wie bei ihren männlichen Kollegen auch, neunzig Minuten.
Auf ein Brustschutzgebot wurde erst nach intensiver Debatte verzichtet.
Und überhaupt schienen die kleinen (und größeren) Unterschiede Regelungsbedarf anzuzeigen.
So diskutierte man (Mann) tatsächlich eine spezifische Modifikation der Abseitsregel:
wegen der unterschiedlichen Oberweiten nämlich, befürchtete man, daß es zu Problemen kommen könnte bei der Auslegung des Begriffs „Gleiche Höhe“!

Überregional spielen die Frauen in Deutschland seit 1974/75 um den DFB-Pokal – aber erst 1990/91 wurde eine Frauen-Bundesliga eingeführt.
Die erste Frauenfußball-Weltmeisterschaft fand 1991 in China statt.
Die Frauenfussball-Hochburg USA gewann damals überlegen.
(Dort ist Fussball ein Frauensport – ein Image, das seine Akzeptanz in der Männerwelt offenbar nicht gerade erleichtert!)
Naheliegenderweise feierte man olympische Premiere 1996 in Atlanta.
 
 

Kopiez/Brink (S.189): „Im Frauenfussball wird nicht gesungen!
Eine Behauptung, die die Autoren durch den Besuch eines Bundesligaspiels bestätigen können. Von den Zuschauern waren nicht mehr als sogenannte `Primärreaktionen´ (Pfeifen Lärminstrumente) zu hören!“
 

1973 moderierte mit Carmen Thomas übrigens unter großem öffentlichen Interesse und von männlichem Argwohn begleitet erstmals eine Frau das ZDF-„Sportstudio“. Und prompt entschlüpfte ihr: „Schalke 05“!
 

Als der Vorschlag aufkam, man könnte doch auch einmal ein Fussballstadion nach einer Frau benennen, meinte der damalige Ministerpräsident von NRW, Johannes Rau:
„Und wie soll das denn dann heißen? Vielleicht: `Dem-Ernst-Kuzorra-seine-Frau-ihr-Stadion´?“
 

CHRONIK
 
1847 Am 16. Februar beenden Polizeitruppen in Derby endgültig die Austragung des legendären „Derby“, jenes tumultuösen „Volksfussball“-Spektakels zwischen zwei Kirchspielen - über Stock & Stein und mit Hunderten von Teilnehmern. Mit diesem Datum endet gewissermaßen die unkultivierte Prähistorie des Fussballs.
1848 Studenten der Universität Cambridge geben sich die ersten (noch sehr provisorisch- informellen) Regeln. 
Eine Mannschaft besteht bei ihnen noch aus 15 bis 20 Spielern.
1849 In Eton veröffentlicht man das erste elaborierte und schriftlich fixierte Regelwerk.
1857 Mit „Sheffield FC“ wird der erste Fussballclub der Welt gegründet.
1862 Gründung des ersten Fussballclubs außerhalb von Großbritannien: „Oneida Boston“ in den USA.
1863 26.Oktober: Gründung der „Football Association“ (FA) in der Londoner „Freemason’s Tavern“. 
Der offizielle Geburtstag des modernen Fussballs! 
Am 8. Dezember wird dann in der letzten von sechs Gründungsversammlungen über das 13 Paragraphen umfassende Gesetzeswerk abgestimmt. 
Hier der Codex im Wortlaut (zit. nach Ph. Heineken "Das Fußballspiel" / Stuttgart 1898):
§1 - Die größte Länge des Spielplatzes betrage 200, die größte Breite 100 Yards; die Umgrenzungslinien werden durch Flaggen, die Goals durch 2 aufrechte, 8 Fuß auseinander stehende Pfosten ohne Querstange oder Verzierung gebildet.
§2 - Um die Wahl des Goals wird gelost und das Spiel von der das Los verlierenden Partei von der Mitte des Feldes aus durch einen Platzstoss eröffnet. Die andre Partei steht vor dem Abstosse 10 Yards vom Balle entfernt.
§3 - Ist ein Goal gewonnen, so eröffnet die verlierende Partei das Spiel wieder durch einen Platzstoss. Nach jedem gewonnenen Goal wechseln die beiden Parteien die Plätze.
§4 - Ein Goal ist gewonnen, wenn der Ball zwischen den Goalpfosten oder durch den Raum oberhalb derselben - in welcher Höhe, ist nicht von Bedeutung - ohne Anwendung von Schlagen, Tragen oder Werfen gegangen ist.
§5 - Ist der Ball in der Mark, so wirft ihn der erste Spieler, welcher ihn berührt, an der Stelle, wo der Ball das Feld verließ, im rechten Winkel zur Linie herein. Der Ball ist aber erst im Spiele, wenn er den Boden berührt hat.
§6 - Hat ein Spieler den Ball gestossen, so ist jeder Spieler derselben Partei, welcher sich näher an der gegnerischen Goallinie befindet, `aus dem Spiele´, und darf weder den Ball berühren noch irgendeinen Spieler am Spielen verhindern; wird der Ball dagegen von einem Punkte, der sich hinter der Goallinie befindet, gestossen, so ist kein Spieler abseits.
§7 - Geht der Ball hinter die Goallinie, und kann ein verteidigender Spieler die Hand zuerst auf den Ball legen, so erhält seine Partei auf einem, der Berührungsstelle entsprechenden Punkte auf der Goallinie einen Freekick. Berührt dagegen ein angreifender Spieler zuerst den Ball, so hat ein Spieler seiner Partei einen Freekick aufs Goal von einem nur 15 Yards im Spielplatze gelegenen Punkte; die angegriffene Partei hat innerhalb der Goallinie so lange zu bleiben, bis der Ball abgestossen ist.
§8 - Macht ein Spieler einen Faircatch, so ist er damit zu einem Freekick berechtigt, falls er sofort eine Marke mit dem Absatze gemacht hatte. Bei der Ausführung des Stosses kann er soweit zurück gehen, als er will, die Gegner dürfen vor dem Stosse nicht vor die Marke kommen.
§9 - Laufen mit dem Balle ist verboten.
§10 - Sowohl Fussstellen wie auf die Beine stossen, desgleichen jeder Gebrauch der Hände, um damit einen Gegner zu halten oder umzustossen, ist verboten.
§11 - Der Ball darf nicht mit den Händen geworfen oder mit denselben einem anderen Spieler zugepasst werden.
§12 - Der Ball darf von keinem Spieler während des Spieles mit den Händen vom Boden aufgenommen werden.
§13 - Tragen von hervorstehenden Nägeln, Eisenplatten oder Guttaperchastücken auf Schuhsohlen oder Absätzen ist verboten.

Danach trennt sich die Rugby- endgültig von der Soccer-Fraktion.
Der Begriff „Soccer“ leitet sich übrigens – als studentensprachliche Lautmalerei - ab von „Association“. 
(Als Wortschöpfer gilt ein gewisser Charles Wreford-Brown)

1864 Die Spielkleidung wird vorgeschrieben: 
Die Hose muß das Knie bedecken und
die Kappe mit Quasten versehen sein.
1865 Das Tor wird nach oben hin durch eine waagerecht gespannte Schnur in 2,44 m Höhe begrenzt.
(Die heute gültigen Maße: Tor 7,32 x 2,44m / Linienbreite = Pfostenbreite max. 12 cm) 
1866 Der sog. “Sheffield Code” definiert erstmals Eckball und Freistoss. 

Die Abseitsregel wird zum ersten Mal verändert: Ein Spieler steht im Abseits, wenn sich bei der Ballannahme weniger als drei Gegner zwischen ihm und der Torlinie aufhalten. 
Bis dahin hatte die Rugby-Regel Gültigkeit: Es darf prinzipiell nicht nach vorne gepaßt werden.

1870 Die FA begrenzt die Zahl der Spieler auf maximal 11.
1871 Im Oktober startet der "Association Football Challenge Cup". 
Als erster überregionaler Wettbewerb macht er das Spiel in ganz England schnell populär.

Einführung eines festen Torhüters. Dieser darf den Ball in der eigenen Hälfte mit der Hand spielen, hat ihn aber nach zwei Schritten wieder fallen zu lassen. 
Zuvor galt die „Fair-Catch“-Regel, wonach es jedem Spieler gestattet ist, den Ball mit der Hand zu stoppen.

1872 Das erste offizielle Länderspiel am 14.Dezember zwischen England – Schottland in Glasgow endet 0:0.

Festlegung einer einheitlichen Ballgröße.
(Heutiges FIFA-Maß: Der Umfang muß zwischen 68 – 70cm liegen, der Innendruck zwischen 0,6-1,1 Atmosphären - auf Meereshöhe - und das Gewicht bei Spielbeginn zwischen 410-450g. 
Bei „Spielbeginn“ wohlgemerkt. Zur Zeit des echten Lederballs nämlich, da konnte ein Regenschauer daraus ganz schnell ein tonnenschweres körperverletzendes Geschoss entstehen lassen.)

1874 Inthronisierung des Schiedsrichters. 

An einem Braunschweiger Gymnasium wird von Konrad Koch der erste deutsche Schulfussballverein gegründet.

Der englische Nationalspieler Sam Widdowson erhält ein Patent auf die von ihm (wohl aus gegebenem Anlaß) erfundenen Schienbeinschoner.

1875 Konrad Koch publiziert die ersten deutschsprachigen Fussball-Regeln. 

Eine Querlatte ersetzt die Schnur als obere Begrenzung des Tores. 

Halbzeitpause und Seitenwechsel werden obligatorisch.

Eine Universitätsmannschaft aus Oxford bereist und missioniert Deutschland.

1876 August Hermann führt bei einer Tagung deutscher Turnlehrer (pädagogisch aufbereitet)  ein Fussballspiel vor. 
(Mit zweifelhaftem Erfolg bei den Anhängern Jahns.)
1877 Einführung des Platzverweises.
1878 In Sheffield findet erstmals ein Spiel unter Flutlicht statt.

Der Schiedsrichter erhält seine Pfeife. Zuerst bei einem Spiel in Nottingham.
Die Pfeife trug den Markennamen „Acme Metropolitan“. 
Weiterentwicklungen: 1884 -Trillerpfeife „Acme Thunderer“. Mitte des 20. Jahrhunderts wird das Trillerkügelchen mit einer wasserabweisenden Schicht überzogen (da der Ton oft unter zu starkem Speichelfluß der Unparteiischen litt). Die „Tornado 2000“ schließlich funktioniert ohne Kugel auf zwei unterschiedlich hohen Frequenzen (vom Hersteller gepriesen als „The ultimate Whistle in Terms of Power“)!

1880 Gründung des (vermutlich) ersten deutschen Fussballvereins, des „Bremer Football Club“. 
1882 Ein Einwurf hat fortan mit beiden Händen zu erfolgen.
1883 Mit „Blackburn Olympic“ gewinnt zum ersten Mal eine „Arbeitermannschaft“ den FA-Cup.

Das 2-3-5-Spielsystem (die "Paßpyramide") setzt sich durch.

1885 Legalisierung des Profitums durch die FA.
1888 Am 15. April wird mit „Germania 88 Berlin“ der erste noch heute bestehende (reine) Fussballverein Deutschlands gegründet.
1889 In England nimmt die erste Profi-Liga ihren Spielbetrieb auf.

Der Schiedsrichter erhält zu seiner Unterstützung zwei Linienrichter.

1890 Einführung der Tornetze.
1891 Einführung des Elfmeters.
1894 Nettie Honeyball gründet in London das erste Frauenteam – die „British Ladies“. Am 23. März 1895 findet dann das erste offizielle Frauenfussballspiel statt:„British Ladies’ Football Club North vs South“.
1896 In den “Jenaer Regeln” wird festgelegt, daß auf einem Fussballplatz weder ein Baum stehen darf noch ein Strauch!
(Die heutigen FIFA-Regeln verlangen übrigens eine rechtwinklige Spielfläche von 90-120m Länge und 45-90m Breite.)
1897 Endgültige Festlegung der exakten Spielerzahl 11. 

Einführung der Begriffe “vorsätzlich” und “absichtlich” bei Fouls.

1898 Der Turnlehrer Karl Planck veröffentlicht sein Anti-Fussball-Pamphlet: "Fusslümmelei".
(Darauf eine Entgegnung von Philipp Heineken aus dem gleichen Jahr: "Seine Schrift wurde auf der ganzen Linie der Fussballspieler mit lautem Halloh empfangen und als guter Aprilscherz aufgefasst... Die Schrift ist vom Hasse des alten Turners gegen die fremdländischen Spiele diktiert... (Er) sucht durch wohlfeile Witzeleien und Ausländerfresserei sich als Retter des Vaterlandes gegen die moderne Sportsbewegung aufzuspielen... Beim teutschen Turnprofessor ist eben alles möglich... Wir möchten nur die Frage an Herrn Planck richten: Was ist idealer, die Wettkämpfe der Geschicklichkeit und Ausdauer... beim Fusslümmeln oder das Saufen, Prassen und die Mensuren der Mehrzahl unserer deutschen Studenten?")
1899 Erste  Länderspiele einer deutschen Nationalmannschaft. 
Gegen England verlor man 2-13, 2-10 und 0-7.
Die Zuschauer waren fasziniert vor allem davon, daß die Briten eine hohe (den Deutschen noch nicht zu Gebote stehende) Kunst beherrschten: Das Stoppen des Balles!

Der Schweizer Hans Gamper gründet den „CF Barcelona“.
Als Vereinsfarben wählt er die des "FC Basel": Rot & Blau!

1900 28. Januar - Gründung des DFB in Leipzig. 
Erster Präsident wird der Hygienik-Professor (und Mitarbeiter Robert Koch’s) Ferdinand Hueppe aus Neuwied.
1901 Über 100.000 Zuschauer sehen das englische Cup-Finale im „Crystal Palace“-Stadion.
1902 Aus dem Strafraumhalbkreis wird ein Rechteck. (Der „Sechzehnmeterraum“ bzw. korrekter: der „16,50m-Raum“!)

Verbot des Frauenfussballs in England. Die FA untersagt ihren Mitgliedsvereinen, gegen Frauenteams anzutreten.

1903 31. Mai - Der VFB Leipzig wird erster Deutscher Meister durch ein 7:2 gegen den „Deutschen FC Prag“(!) 
Vor ca. 1.500 Zuschauern auf einem Exerzierplatz in Hamburg-Altona und auch ansonsten unter, gelinde gesagt, seltsamen äußeren Umständen.

Am 15. September treten die ersten allgemeingültigen Fussballregeln für Deutschland in Kraft.

Der Torwart darf den Ball nur noch im eigenen Strafraum mit der Hand berühren.

1904 Gründung der FIFA.

Der Begriff  “Gefährliches Spiel” wird eingeführt.

1906 Der Torwart darf die Torlinie beim Elfmeter nicht mehr verlassen. Er darf sich aber weiterhin bewegen, um den Schützen zu irritieren. 

Stahlkappen in den Schuhen werden verboten.

Der Ball muss aus Leder sein.

Der Schiedsrichter wird angewiesen, ein Spielprotokoll anzufertigen.

1907 Abseits in der eigenen Spielhälfte wird aufgehoben.

Gründung der ersten Profi-Gewerkschaft – der „Football Union“.

1913 Der  Abstand zwischen Schütze und Gegenspieler beim Freistoss wird auf  9,15m festgelegt.

In Bayern hebt man das bis dahin geltende Fussball-Verbot an Schulen auf.
(Im gleichen Jahr wird der Jude Kurt Landauer Präsident des „FC Bayern“, was dem Verein – ähnlich wie „Ajax Amsterdam“ - den Ruf eines „Juden-Clubs“ eintragen sollte.)

1917 In einer englischen Munitionsfabrik gleichen Namens gründet sich das Frauenfussballteam „The Dick Kerr’s Ladies“ – welches 1920 das erste innerbritische Frauenfussballspiel gegen eine schottische Mannschaft bestritten (22-0) und im Jahr darauf das erste internationale Spiel (gegen „Femina Paris“).
1920 Abseits beim Einwurf wird aufgehoben.

Das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft am 14. Juni in Frankfurt markiert hierzulande den endgültigen Durchbruch des Fussballs zum Massensport. 35.000 Besucher sehen das Finale zwischen Nürnberg und Fürth (2-0) in Frankfurt.

Der jüdische Fussballfunktionär Walther Bensemann gibt eine neue Zeitschrift heraus, den „Kicker“. Er emigrierte schon im März 1933 in die Schweiz, wo er ein Jahr später völlig verarmt und desillusioniert starb - während seine Zeitung sich bald zu einem systemkonformen Nazi-Blatt wandelte.

1921 Die FA erneuert noch einmal ihren Frauenfussball-Bann.
1922 Am 26. März wird Sepp Herberger (noch als aktiver Fussballspieler) wegen Verstoßes gegen das Amateurstatut für ein Jahr gesperrt.

Das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft am 18. Juni eskaliert in einem wahren Gemetzel und wird nach 190(!) Minuten abgebrochen. Und auch das Wiederholungsspiel am 6. August endet ohne Sieger, da die Zahl der Platzverweise und Verletzten zu einem erneuten Abbruch führt.

1923 Das englische Cup-Finale findet erstmals im „Wembley-Stadion“ statt. Vor über 200.000 Zuschauern.

In Deutschland wird der Fussball von der „Lustbarkeitssteuer“ befreit.

1924 26. Mai - Die Fussballnationalmannschaft von Uruguay spielt beim olympischen Turnier zum ersten Mal in Europa ( 7–0 gegen Jugoslawien) und schockiert mit ihrem virtuosen  südamerikanischen Ballzauber die abendländische Sportwelt. 

In Österreich führt man das Profitum ein.

Ein Eckball darf direkt ins Tor verwandelt werden.
(Ein Einwurf übrigens auch – und davon machte der Bremer Uwe Reinders in der Saison 1982/83 in einem Spiel gegen Bayern München tatsächlich einmal Gebrauch.)

1925 13. Juni – Erneute Modifikation der Abseitsregel: Im Augenblick der Ballabgabe müssen sich zwischen dem Spieler und dem Tor nurmehr zwei gegnerische Spieler aufhalten. Pfiffige Taktiker (vor allem ein dafür berühmt-berüchtigter Verteidiger namens Billy McCracken von „Newcastle United“) hatten durch eine clevere „Abseitsfalle“ die alte Regel ad absurdum geführt und Publikum und Gegner zur Weissglut getrieben.

1. November - Erste Radioübertragung eines Fussballspiels in Deutschland.

1926 18. April - Erste Radioübertragung eines Fussball-Länderspiels in Deutschland. 
4-2- gegen Holland. Der DFB zahlte dem Sender 100,- Mark.
1929 Regeländerung beim Elfmeter: Der Torwart darf sich bis zum Schuss auf der Torlinie nicht mehr bewegen.
(Heute gültiger Paragraphentext: Der Torwart muss mit Blick zum Schützen auf seiner Torlinie zwischen den Pfosten bleiben, bis der Ball mit dem Fuß gestoßen ist.)
1930 In Uruguay findet die erste WM statt.

Herbert Chapman führt das WM-System ein.
Sein „WM“ ist jedoch kein Kürzel für „Weltmeisterschaft“, sondern leitet sich ab von der diesen Buchstaben ähnelnden Konstellation der Spieler auf dem Feld.

1932 Der DFB beschließt am 16. Oktober das längst von der Realität überholte Verbot des Profitums auch im deutschen Fussball abzuschaffen. 
Realisiert wurde der Beschluß  jedoch erst 1963 – da die Nationalsozialisten wenige Monate später aus ideologischen Gründen den Berufssports per se als „undeutsch“ kategorisch verboten.
1933 7. August - Der DFB verlangt vor jedem Spiel den „Hitlergruss“.
1936 7. August -  Deutschland verliert während des olympischen Fussball-Turniers überraschend gegen Norwegen. 
Es war das erste und einzige Fussball-Länderspiel, welches Hitler jemals offiziell besucht hat. Und das Siegtor schoß ausgerechnet ein Spieler mit dem schön jüdischen Namen Isaaksen.

3. November – Sepp Herberger wird Reichstrainer.

15. November - Übertragung eines Fussball-Länderspiels (Deutschland gegen Italien) im Fernsehversuchsprogramm der Nationalsozialisten.

1937 Die legendäre „Breslau Elf“ gewinnt am 16. Mai im – damals zum deutschen Reich gehörenden -  Breslau (Wroclaw) gegen Dänemark mit 8-0.
1939 Am 23. Januar stirbt Matthias Sindelar - als Jude von den Nazis diskriminiert - durch Selbstmord. 
Damit endet die große Epoche der „Wiener Schule“ im Fussball.

Einführung der Rückennummer.

1942 9. August - Die nationalsozialistischen Besatzer der Ukraine lassen eine deutsche Soldatenelf gegen eine Mannschaft aus sowjetischen Kriegsgefangenen antreten. (Darunter – Pech für die Nazis! – eine Reihe von Topspielern aus Kiew.) Eine mehrfach verfilmte Weltkriegsepisode – u.a. mit Pelé und Sylvester Stallone alsTorwart.
1945 Noch im April ermittelt die „Gauliga Hamburg“ ihren Meister: Den HSV (der am 29. April – d.h. 9 Tage vor der Kapitulation! - noch ein Spiel gegen „Altona 93“ austrägt.)

19. April - In dem amerikanischen Musical „Carousel“ (von Kern & Hammerstein II) wird erstmals ein Song gespielt, der später zu der Fussball-Hymne werden sollte: „You’ll never walk alone“! Das Stück allerdings handelt nicht etwa von Fussball, sondern vom Schicksal eines Rummelplatz-Romeos.

1947 Erste TV-Übertragung des englische Cup-Finales.
1948 Die ersten großen internationalen Spielertransfers. 
Die Schweden Gren, Nordahl und Liedholm wechseln zum AC Mailand.
1949 8. Juli - Peco Bauwens wird erster Nachkriegsvorsitzender des DFB.
1950 16. Juli - Rekordbesuch bei einem Fussballspiel. Im Stadion „Maracana“ von Rio de Janeiro sehen 203.849 Zuschauer das WM-Finale Brasilien – Uruguay.
1952 26. Dezember - Schon am 2.Tag des „(Bundes-) Deutschen Fernsehens“ gibt es das erste Live-Fussballspiel zu sehen: Hamborn 07 - St.Pauli (4-3)!
1953 Ungarn gewinnt in England mit 6:3.
Es war dies die erste Heimniederlage des Fussball-Mutterlandes gegen eine Mannschaft vom Kontinent. 
1954 Deutschland wird Weltmeister in Bern.
1955 Der DFB erneuert das Frauenfussball-Verbot.
Aus medizinisch-gynäkologischen und verhaltenspsychologischen Gründen, wie man versichert.
1958 Brasilien gewinnt die WM mit dem neuen 4-2-4-System und Pelé.

1. Oktober -  ARD und DFB schließen (wegen eines dramatischen Besucherrückgangs in den Stadien) einen Vertrag, der eine starke Einschränkung von Fussballübertragungen im Fernsehen vorsieht.

1962 Die „Women’s FA“ wird gegründet. (Erst 1973 wird sie von der FA anerkannt.)
1963 24. August - Einführung der Bundesliga. (Nur durch Professionalisierung glaubte man, den verlorenen Anschluß an die Weltspitze wiedergewinnen zu können.)
Und zugleich gab es die erste Radio-Konferenzschaltung der ARD an einem Fussballbundesliga-Samstagnachmittag.
1965 Die Queen adelt mit Sir Stanley Matthews den ersten Fussballer.

30. April - Die erste ARD-Samstags-„Sportschau“ mit Bundesligafussball.

1966 Die englische Liga führt ein neues Auswechsel-System ein. Unabhängig von Verletzungen dürfen zwei Spieler 
(also erstmals auch aus rein taktischen Gründen) während des gesamten Spiels ausgewechselt werden. 

Das viel und heiß diskutierte „Wembley-Tor“ fällt (oder fällt nicht) im WM-Finale. 

1967 7. Oktober -  Zum ersten Mal wird ein Fussball-Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft in Farbe übertragen. 
Allerdings nur eine Halbzeit lang - in der zweiten Hälfte bleibt der Bildschirm wegen Dunkelheit wieder in Schwarzweiß.
1970 Einführung der Gelben & Roten Karten. 

Deutschland übernimmt die neue Regel für Auswechselungen.

Einführung des Elfmeterschiessens nach Verlängerung. (Zuvor entschied man per Münzenwurf.)

Im Sommer organisiert der Getränkehersteller “Martini & Rossi” in Italien die erste inoffizielle Frauenfussball-WM. 
(Vertreter Deutschlands war – in Ermangelung eines Nationalteams – der „SC Bad Neuenahr“.)

30. Oktober - In Deutschland wird der Frauenfussball vom DFB zugelassen.

1971 Der Bundesligaskandal!  (18 Spiele der Saison 70/71 waren "gekauft"!)

20. Oktober - Das „Büchsenwurfspiel“!
"Mönchengladbach" gewinnt sensationell mit 7-1 gegen "Inter Mailand" - aber das Spiel wird nicht gewertet, da der italienische Stürmer Boninsegna von einer Getränkedose getroffen worden ist.)
(Eine Fernsehübertragung gab es damals übrigens wg. finanzieller Differenzen zwischen Sender und Verein nicht.)

1972 Deutschland wird Europameister und spielt dabei so lustvoll und virtuos auf, daß sich alle Welt verwundert die Augen reibt: „Kann so etwas Schönes im Fussball denn wirklich Made in Germany sein!“ 
Allerdings sollte diese Hochzeit leider nur ein allzu kurzes Intermezzo bleiben.

Bundesliga-Torrekord (Saison 71/72) von Gerd Müller: 40 Tore in 34 Spielen!

1973 28. Februar - Erstmals Trikot-Werbung in der Bundesliga: „Jägermeister Braunschweig“!
1974 Automatische Sperre nach mehreren Gelben Karten.
1981 Einführung der 3-Punkte-Regel (zuerst in England).
Einer der (bislang wenig erfolgreichen) Versuche, das immer eklatanter werdende Ungleichgewicht zwischen Verteidiger und Stürmer ein wenig zu korrigieren und wieder mehr Torraumszenen zu provozieren. Das gleiche hehre Ziel hatte auch das Verbot der „Grätsche von Hinten“ oder die Modifikationen der Abseitsregel: „Gleiche Höhe“ ist nicht mehr Abseits bzw. die stürmerfreundlichere Auslegung des „passiven Abseits“.
1982 Skandalspiel Deutschland – Österreich bei der WM in Spanien. 
(Der schändliche „Nichtangriffspakt“ beider Teams bedeutete damals das Ausscheiden von Algerien.)
1983 Der australische Medientycoon Rupert Murdoch steigt ins englische Privatfernsehgeschäft ein. Sein Sender B-Sky-B war es, der die neuen Präsentationsformen und die Ästhetik einer durchkommerzialisierten Fussballwelt etablierte.

Rote Karte für die “Notbremse”.

1984 Gelbe Karte für “überschwänglichen Jubel”.
1985 29.Mai - Tragödie im Brüsseler „Heysel-Stadion“. (Die Hooligans von Liverpool lösen vor dem Spiel gegen "Juventus Turin" eine Panik aus, bei der 39 Menschen zu Tode kommen.)

In Aachen findet die erste „Alternative Deutsche Fussballmeisterschaft“ der „Bunten Liga“ statt“.

1986 Bei der WM in Mexiko rollt erstmals beim Fussball die „La-Ola-Welle“.
1988 13.Februar (Nein, es war kein Freitag!) - Der Sender RTL erwirbt für die damals astronomische Summe von 40 Millionen DM die Rechte an der Fussball-Bundesliga und startet den "Anpfiff" mit Uli Potofski. 
1989 15. April - Tragödie im „Hillsborough-Stadion“ in Sheffield. (Durch organisatorische Fehler gerät die ins Stadion drängende Zuschauermasse außer Kontrolle  - 95 Menschen finden den Tod.)
1990 “Gleiche Höhe” ist nicht mehr Abseits.

Einführung der Frauen-Bundesliga.

1991 Einführung der Gelb-Roten Karte als abgestufter Platzverweis.

Erste offizielle Frauenfussball-WM in China.

1992 Der Rückpass zum Torhüter wird verboten.

SAT1 erhält die Bundesligarechte und geht sofort „RAN“.
Einführung der RAN-Datenbank.

1993 Verbot der “Grätsche von hinten”.
1994 Nur noch Sitzplätze in englischen Stadien (wg. Hooliganismus).

Silvio Berlusconi wird (zum ersten Mal) italienischer Ministerpräsident – seine erst im Jahr davor gegründete Partei „Forza Italia“ nennt er mit Bedacht nach dem Schlachtruf der Tifosi und organisiert die Parteibüros nach dem Vorbild von Fanclubs.

1995 Einwechslung von drei Ersatzspielern wird erlaubt. 

3-Punkte-Regel nun auch in Deutschland.

Jeder Spieler erhält – aus Gründen des Marketing (sprich: Trikotverkauf) – nach US-Vorbild eine eigene Rückennummer.

15. Dezember - Das „Bosman-Urteil“ verändert grundlegend die Geschäftsbedingungen im Profifussball. 
Von nun an kann jeder Spieler seinen Verein nach Ablauf seines Vertrages ablösefrei wechseln. 
Außerdem wird die „Ausländerquote“ gemäß EU-Arbeitsrecht gekippt.

1996 Das “Golden Goal” wird bei der EM eingeführt. (In der Verlängerung bringt das erste Tor nun die sofortige Entscheidung.)

In Atlanta wird Frauenfussball erstmals olympisch.

1998 24. Oktober - Der DFB gestattet (neben Vereinen) nun auch Kapitalgesellschaften die Teilnahme am Spielbetrieb.

Der Versuch Rupert Murdoch’s, die Aktienmehrheit bei „Manchester United“ zu übernehmen, scheitert am vehementen Widerstand der Fans (und am Veto des Kartellamts)

2000 9. Oktober - Trainer Christoph Daum unterzieht sich einer folgenschweren „Haarprobe“.

31. Oktober - Mit Borussia Dortmund geht der erste deutsche Verein an die Börse.

2001 SAT1 versucht, seine samstägliche Fussballsendung „RAN“ erst um 20:15 Uhr auszustrahlen (nicht zuletzt, um so dem Pay-TV „Premiere“ aufzuhelfen) – schon am fünften Spieltag sieht man sich jedoch gezwungen, nach dramatischen Quoteneinbrüchen, zur alten  Sendezeit zurückzukehren.
Auch die Fan-Initiative „Pro 15:30“ bleibt nicht erfolglos. Man kann verhindern, daß der Bundesliga-Spieltag TV-profitabel auf Freitag-Samstag-Sonntag gestreckt wird. Seither werden die meisten Spiele dann eben doch wieder Samstag 15:30 Uhr angepfiffen.
2002 8. April - Leo Kirch meldet Insolvenz an. 

Bei der Beerdigung des ermordeten holländischen Rechtspopulisten Pim Fortuyn tragen seine treuesten Anhänger, die rechtslastigen Fussball-Hooligans von „Feyenoord Rotterdam“, ein Transparent mit der Aufschrift: „You’ll never walk alone“!

2003 Im UEFA-Cup-Finale wird erstmals das "Silver Goal" eingeführt. (Nur in der ersten Hälfte der Verlängerung entscheidet jetzt ein Tor das Spiel durch „Sudden Death“.)

Beim „FIFA-Confederation-Cup“ sind Schieds- und Linienrichter während des Spiels erstmals via Knopf-im-Ohr telekommunikativ verbunden.


 

FUSSBALL(ER)-ZITATE
 
„Abseits ist, wenn dat lange Arschloch zu spät abspielt!“
(HENNES WEISWEILER - gemeint war Günter Netzer)

„Der springende Punkt ist der Ball!“
(DETTMAR CRAMER)

„Mein Name ist Finken und du wirst gleich hinken!“
(Verteidiger HERBERT FINKEN von „Tasmania Berlin“ begrüßte so vor dem Anpfiff seinen Gegenspieler)

„Gib mich die Kirsche!“
(LOTHAR EMMERICH)

„Daß mein Gegenspieler mich umgestoßen und am Torschuss gehindert hat, das habe ich ja noch wegstecken können, aber als er mich obendrein noch einen 'Pardon' geheißen hat, habe ich die Nerven verloren und nachgetreten!“  (DIETMAR HAMANN vor dem DFB-Sportgericht)

„Ich zieh ab mit dem linken Fuss, und dat gibt son richtigen Aufsetzer. Wat dann passiert is, dat wisst ihr ja!“
(HELMUT RAHN über sein 3:2-Siegtor im WM-Finale 1954)

„Wir dürfen jetzt bloß nicht den Sand in den Kopf stecken!
(LOTHAR MATTHÄUS)

„Das wird doch alles nur von den Medien hochsterilisiert!“
(BRUNO LABBADIA)

„Wir sind die Underducks!“
(REINER CALMUND)

„Vor lauter Philosophieren über Schopenhauer kommen wir gar nicht mehr zum Trainieren!“
(RICHARD GOLZ auf die Frage, was beim sogenannten Studentenklub SC Freiburg anders sei)

„Was soll der Scheiß, ich kann kein Englisch!“
(FRANCESCO TOTTI auf die Frage, was er als Römer vom Wahlspruch "Carpe diem" halte)

„Die hab ich noch nicht probiert, aber im allgemeinen mag ich Geflügel!“
(TORSTEN LEGAT vor seinem Wechsel zum VfB Stuttgart auf die Frage, wie er denn Spätzle fände)

„Wenn's denkst, ist eh zu spät!“
(GERD MÜLLER)

„Russische Juden sind mit die besten Stürmer der Welt!“
(So übersetzte eine finnische Zeitung eine Aussage des Waliser Nationaltrainers. Gesagt hatte er: „RUSH and HUGHES are some of the best Attackers in the World!“)

„Wir brauchen wieder Spieler, die Gras fressen. Und wenn es sein muss, rohes!“
(JÜRGEN FRIEDRICH)

„Es war ein Tor! Ich habe genau gesehen, wie der Ball im Netzt zappelte, meine Herren!“
(Bundespräsident HEINRICH LÜBKE über das "Wembley-Tor")
 

„Die Musik des Fussballs heutzutage ist nichts als Heavy-Metal!“
(ERIC CANTONA)

„An Gott kommt keiner vorbei - außer LIBUDA!“
(ein unbekannter Graffiti-Autor in den 70ern)

In Frankfurt nannte sich einmal ein Fanclub nach seinem Idol: „Die Zeugen Yeboahs!“

„Ich bin aufgewacht, habe aus dem Fenster geguckt, den Schnee gesehen – da war für mich klar: `Heute ist kein Training!´ Doch dann ist der Trainer gekommen und hat gesagt, dass wir da raus gehen!“
(ein fassungsloser BOUBACAR DIARRA in Freiburg)

ANTHONY BAFFOE (für dessen Engagement bei „Fortuna Düsseldorf“ die „Toten Hosen“ einst „Haste mal ne Mark für Fortuna“ sammelten) zu einem Schiedsrichter:
„Mann, wir Schwatten müssen doch zusammenhalten!“

(Der Weiße zum Schwarzen: „Du schwarz!“ 
Der Schwarze zum Weißen: „Ich weiß!“)
 

„Ich weiß auch nicht, wo bei uns der Wurm hängt?“
(FABRIZIO HAYER)

„Ja, Statistiken. Aber welche Statistik stimmt schon? Nach der Statistik ist jeder vierte Mensch ein Chinese, aber hier spielt gar kein Chinese mit!“
(WERNER HANSCH)

„Die haben viereckige Füße. Das sind Robocops!“
(DIEGO MARADONA über Norwegen und Schottland)

„Dressels Beitrag zum Mozart-Jahr: ein Foul aus dem Knöchelverzeichnis!“
(WERNER HANSCH)

„Zuerst hatten wir kein Glück und dann kam auch noch Pech dazu!“
(JÜRGEN WEGMANN)
(Nun, wenn man diesen Satz einmal logisch analysiert, dann ist er eigentlich überhaupt nicht so unsinnig, wie man es dem armen Jürgen Wegmann immer so hämisch unterstellen möchte. Gibt es doch einen Normalzustand – weder von Glück noch von Pech geprägt. Und davon ausgehend kann man eben auch in einem Fussballspiel sehr wohl zuerst einmal lediglich „kein Glück“ haben – sich also quasi in eben diesem Normalmodus befinden. Und später dann mag  – als negative Steigerung des „Nicht-Glücks“ - durchaus „auch noch Pech“ dazu kommen!)

„Fussball ist Ding, Dang, Dong. Es gibt nicht nur Ding!“
(GIOVANNI TRAPATTONI)

„Es ist ein Sehnenabriss am Schambeinknochen. Hört sich lustig an, ist aber trotzdem beim Fussball passiert!“
(THOMAS STRUNZ)

Wasserlaubenstrunz... (war) schwach wie eine Flasche leer... Ich habe fertig!“
(GIOVANNI TRAPATTONI)

 

Der Schiedsrichter zeigt WILLI LIPPENS die Gelbe Karte mit den Worten: "Ich verwarne Ihnen!" 
Dieser entgegnet: "Ich danke Sie!"
Und bekommt dafür prompt auch noch die Rote Karte!

„Wichtig ist jetzt erst mal, daß er wieder eine klare Linie in sein Leben bringt!“ 
(Kommentar von LOTHAR MATTHÄUS zur Christoph Daum’schen „Kokain“-Pressekonferenz)

„Gesundheit!“
(MEHMET SCHOLL auf die Frage, was er denn zu dem neuen rumänischen Mittelfeldstar HAGI sage)

WILLI LIPPENS wird beim Angeln gefragt, warum er denn noch nichts gefangen habe:
„In Wanne Eickel ist gestern ein Hecht gestorben und die Karpfen sind jetzt alle zur Beerdigung!“

„Ich habe viel von meinem Geld für Alkohol, Weiber und schnelle Autos ausgegeben.
Und den Rest, den habe ich einfach verprasst!“
(GEORGE BEST)

„Im Training habe ich mal die Alkoholiker meiner Mannschaft gegen die Antialkoholiker spielen lassen. Die Alkoholiker gewannen 7:1. Da war's mir wurscht. Da hab I g'sagt: `Sauft's weiter!´“
(MAX MERKEL)

Eine ähnliche Sicht der Dinge hatte offenbar auch schon der alte Heineken im Jahr 1898:
"Das Training des Fussballspielers sei nur mit einigen Worten gestreift. Selbstverständlich kann hier nicht die strenge Selbstkasteiung, die der Ruderer, Radfahrer und Athlet anwenden muß, um Höchstleistungen zu erzielen, empfohlen werden, denn es wäre einfach widersinnig, eine ganze Saison in Form zu bleiben, und zudem gesundheitsschädlich... Käse oder viel Bier vor einem Wettspiele zu sich zu nehmen, hat meistens eine Erschlaffung zur Folge... Ein Beefsteak und ein Glas Wein genügen vollständig!"

„Ich könnte den anonymen Alkoholikern beitreten. Das Problem dabei ist nur, ich kann nicht anonym bleiben!“
(GEORGE BEST)

„Ich habe nie eine Torchance überhastet vergeben. Lieber habe ich sie vertändelt!“
(Der Holländer WILLI LIPPENS)

„Wenn wir Deutschen tanzen, und nebenan tanzen Brasilianer, dann sieht das bei uns eben aus wie bei Kühlschränken!“
(BERTI VOGTS)

„Muss ich das jetzt als Frage verstehen oder die Antwort so beantworten, wie Sie sie in Ihre Frage reingelegt haben? Sie haben Ihre Frage so gestellt, dass ich das Gefühl haben muss, als wenn ich das, was Sie gerade gesagt haben, vorher schon gesagt hätte. Das habe ich aber nicht gesagt. Dem was ich gesagt habe, möchte ich nichts hinzufügen!“
(ERICH RIBBECK)

„Wenn ich übers Wasser laufe, dann sagen meine Kritiker, nicht mal schwimmen kann er!“
(BERTI VOGTS)

„Sag dem Kraut, er soll seinen Arsch nach vorne bewegen. Wir zahlen keine Millionen für so einen Burschen, damit er nur in der Abwehr rumhängt!“
(Ein „Cosmos New York“-Vorstandsmitglied über den „Libero“ Franz Beckenbauer)
 

„Damals hat die halbe Nation hinter dem Fernseher gestanden!“
(FRANZ BECKENBAUER über das WM-Finale 1990)

„Ich mache nie Voraussagen und werde das auch niemals tun!“
(PAUL GASCOIGNE)

„Fussball, das ist ein einfaches Spiel, bei dem 22 Spieler mit einem Ball gegeneinander antreten - und zuletzt gewinnen immer die Deutschen!“
(GARY LINEKER)

„Es war die Hand Gottes!“
(DIEGO MARADONA auf die Frage, ob er das Tor gegen England bei der WM 86 mit der Hand erzielt habe)

"Das Ventil des Balles muß immer oben liegen und die Markierung des Herstellers rechts - und da haue ich drauf, fertig!"
(MARIO BASLER auf die Frage, wie es ihm gelänge, sogar Eckstöße direkt zu verwandeln.)

"Manni (Kaltz)Bananenflanke, ich Kopf, Tor!"
(HORST HRUBESCH über seine typischen Treffer)
(Apropos Bananenflanke und Roberto Carlos-Freistoss! Verantwortlich für den Kurvenflug eines Balles ist der sogenannte "Magnus"-Effekt. Entdeckt hat ihn 1852 ein gewisser Heinrich Gustav Magnus und in Physiklehrbüchern ist er wie folgt definiert: Dreht sich ein Ball im Flug, so wird er von der geraden Flugbahn abgelenkt. In seiner Drehung reißt er einzelne Luftmoleküle in Drehrichtung mit. Dadurch erhöht sich etwa bei einer Linksdrehung der Luftdruck auf der rechten Seite. Denn auf der rechten Seite werden nun die Moleküle vor, auf der linken hinter den Ball geschleudert. Daher fliegt ein links herum rotierender Ball stets in einer Linkskurve!)

„Ein Drittel? Nee, ich will mindestens ein Viertel!“
(HORST SZYMANIAK bei Gehaltsverhandlungen)

„Fussball ist schneller geworden. Um richtig zu pfeifen, braucht man heute statt Schiedsrichter eher Radarschirme!“
(MIROSLAV BLASEVIC - Nationaltrainer Kroatiens)

Ein Kommentar zu den politischen Ereignissen von 1989. 
Im Stadion „Am Millerntor“ in St. Pauli rief die Fankurve im Sommer 89 bei einem Freistoß für die Heimmannschaft: „Die Mauermußweg!“ 

„Und wenn wir hier nicht gewinnen, dann treten wir ihnen wenigstens den Rasen kaputt!“
(ROLF RÜSSMANN)

„Da kam dann im Finale 1974 das Elfmeterschießen. Wir hatten alle die Hosen voll, aber bei mir lief es eigentlich ganz flüssig!“
(PAUL BREITNER auf die Frage, warum er damals zum Strafstoß antrat)
 

„Jemand sollte Jan Furtok mal die polnische Übersetzung der Memoiren Casanovas schenken. Da steht nämlich drin, wie man seine Chancen nutzt!“
(JOACHIM BÖTTCHER)

„Ich bin Optimist. Sogar meine Blutgruppe ist positiv!“
(TONI POLSTER)

„Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag...!“
(DRAGOSLAV STEPANOVIC auf die Frage eines Reporters, was die kommende Woche bringe)

„Winschte, Maschine stirzt ab!“
(TSCHIK CAJKOVSKI nach einem 1:8 des 1.FC Köln - vor dem Rückflug)

„Lebbe geht weida!“
(DRAGOSLAV STEPANOVIC)

„Spaß? Ob ich Spaß habe im Leben? Wie meinen Sie das? Soll ich etwa einen Fussball in die Luft treten?“ (BOB DYLAN)
 


 
 

Aus einer von zwei auf deutsch - von Alfred Biolek 1972 - produzierten Folgen von „Monty Python’s Flying Circus“:
DEUTSCHLAND - GRIECHENLAND
„Guten Abend, ich begrüße Sie ganz herzlich zum Finale. Wir sehen die deutsche Mannschaft beim Aufwärmen, angeführt von ihrem Kapitän Nobby Hegel ist sie sicherlich der Favorit.
Sie spielt 4-2-4: Leibniz im Tor, in der Abwehr Kant, Hegel, Schopenhauer und Schelling, im Sturm Schlegel, Wittgenstein, Nietzsche und Heidegger, das Mittelfeld gehört Beckenbauer und Jaspers. 
Auf der Bank als Auswechselspieler: Marx.
Die Griechen, wie zu erwarten, in einer viel stärker defensiv ausgerichteten Aufstellung:
Plato im Tor, Sokrates als Stürmer und Aristoteles als Ausputzer.
Und da kommt jetzt der Unparteiische, Konfuzius mit den Linienrichtern, dem Heiligen Augustinus und Thomas von Aquin.
Das Spiel hat begonnen. Kant zieht nach außen vor, links ist Schlegel. Die Deutschen bewegen sich sehr gut in den ersten Minuten... 
Das war der Pfiff, Halbzeit, Deutschland – Griechenland 0:0! 
Nun, es hat vielleicht keine Treffer gegeben, aber wir können uns sicherlich nicht über mangelnde Spannung beklagen...
Nietzsche wurde verwarnt, weil er mit dem Schiedsrichter zu diskutieren begonnen hatte. Er hatte Konfuzius vorgehalten, er habe keinen freien Willen... 
Am Spielfeldrand hören wir jetzt Martin Luther, den deutschen Trainer, etwas rufen, er winkt. Währenddessen zieht sich Karl Marx den Trainingsanzug aus und läuft an der Auslinie auf und ab - macht sich warm. Luther nimmt Wittgenstein vom Platz und schickt Marx aufs Feld. Er soll offensichtlich Druck machen. 
Wir haben hier nur noch zwei Minuten zu spielen. 
Es sieht sehr nach einem Unentschieden aus, aber da, sehen Sie, jetzt Archimedes, was tut er? 
Man hört laut den Ruf `Heureka!´ Er rennt auf den Ball zu, beginnt mit ihm auf die deutsche Hälfte zuzudribbeln. Plötzlich wachen die Griechen auf. Heraklit ist am Ball, Plotin läuft nach außen, er ist völlig ungedeckt, Epikur wartet innen, Flanke von Heraklit - und da steht Sokrates und macht das Tor! 
Wir sehen die Griechen beim Triumphlauf mit dem Pokal (entlang der Bandenwerbung: `Esso sagt ja zum epistemologischen Dualismus´ und `Ockham's Rasierwasser´!) 
Die Deutschen disputieren noch immer mit dem Schiedsrichter. 
Hegel argumentiert ontologisch, daß die Realität lediglich ein Apriori-Anhängsel metaphysischer Ethik sei, Kant protestiert kraft des kategorischen Imperativs aufs schärfste, daß das Tor allein in unserer Vorstellung existiere, und Marx behauptet: `Es war Abseits´!

 
 

LITERATUR:
Christoph Bausenwein: „Geheimnis Fussball“   (Göttingen 1995 / Die Werkstatt Verlag)
Christoph Biermann / Ulrich Fuchs:  „Der Ball ist rund  - damit das Spiel die Richtung ändern kann“
                                                         (Köln 2002 / Kiepenheuer & Witsch)
Dirk Bitzer / Bernd Wilting: “Stürmen für Deutschland” (Campus-Verlag 2003)
Brüggemeier / Borsdorf / Steiner: „Der Ball ist rund – Die Fussballausstellung“  (Essen 2000 / Klartext-Verlag)
Christian Eichler: „Lexikon der Fussballmythen“  (Frankfurt 2000 / Eichborn-Verlag)
Christiane Eisenberg: „Fussball, Soccer, Calcio“ (München 1997 / dtv)
Markwart Herzog: “Fussball als Kulturphänomen (Kunst – Kult – Kommerz)” (Stuttgart 2002 / Kohlhammer Verlag)
Nick Hornby: „Ballfieber (Fever Pitch)“  (Hamburg 1996 / Rogner & Bernhard)
Thomas Kistner / Ludger Schulze: “Die Spielmacher - Strippenzieher und Profiteure im deutschen Fussball“
                                        (Stuttgart-München 2002 / Zweitausendeins-Verlag)
Reinhard Kopiez / Guido Brink: „Fussball-Fangesänge“ (Würzburg 1999 / Königshausen & Neumann)
Rainer Moritz: "Vorne fallen die Tore" (München 2002 / Kunstmann-Verlag)
 

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KLEINE REGELKUNDE:
Eigentlich sollten beim Fussballspiel zumindest die simpelsten Regeln doch unstrittig sein!?
Dennoch beschleicht den Autor dieser Zeilen immer wieder der begründete Verdacht,
daß man sich selbst in "Expertenkreisen" des öfteren ganz offensichtlich vom Augenschein täuschen läßt.
Wann - schlicht & einfach - ist der Ball denn nun DRIN IM TOR ???
Laut §9 des FIFA-Regelwerkes ist er es dann,
"wenn er auf dem Boden und in der Luft vollständig die Linie überschritten hat!"
So weit, so gut!
Und nun schauen Sie sich doch bitte einmal die nachstehenden drei Schnappschüsse an.
Ich bin fest davon überzeugt, daß angesichts des ersten Fotos nahezu jeder Mittelstürmer oder Stammtischbruder, selbst jeder amtierende Pfeifen- oder Fahnenträger
und gewiß alle "Rubis" oder "Waldis" dieser Erde sagen werden:
"Ja! Also!! Wenn DER nicht DRIN ist !!!"
TOR ?
Bild 1

Bei der zweiten Abbildung würde dann doch so mancher sich wohl noch rechtzeitig
an den oben zitierten ehernen Gesetzestext erinnern  und (vollkommen zu Recht)
für NICHT DRIN votieren!
D'accord!

Bild 2

Und hier (senkrecht von oben) fotografiert ist vermutlich jedem klar,
daß dieser Ball die Linie ganz offensichtlich noch nicht überschritten hat!
KEIN TOR - also!!!
Bestätigt hat dies übrigens die oberste Instanz in Regelfragen
(E-Mail vom Freitag, 16. Juni 2003):
Sehr geehrter Herr Dr.Neitzert,
der auf den Bildern dargestellte Ball hat die Linie nicht vollständig überquert.
Somit wurde noch kein Tor erzielt.
Unter "vollständig" ist zu verstehen, dass der Ball mit dem gesamten Durchmesser,
also auch mit jenem Teil seiner nicht am Boden aufliegenden Krümmung die Linie überschritten haben muss.
Mit freundlichen Grüßen
Eugen Strigel
DFB-Schiedsrichter-Lehrwart
 

Bild 3

Nun, glauben Sie es mir (oder prüfen Sie es bei Gelegenheit selbst einmal nach):
der Ball lag bei allen drei Fotos stets exakt an der gleichen Stelle !!

D.h. auch in Bild Nr.1 ist er noch NICHT im Tor !!!

In memoriam "WEMBLEY 1966"!

Zur Rekonstruktion der Beweisführung:
1. Stellen Sie einfach einmal ein kleines Brett, ein Lineal (o.ä.) senkrecht auf die äußere Begrenzung der Seitenaus- oder Torlinie.
2. Schieben Sie den Ball jetzt von außerhalb des Spielfeldes, bis er diese Markierung berührt -
und dann eben noch ein paar Millimeterchen weiter. Nun ist der Ball laut Regel im Spiel bzw. nicht im Tor! Obwohl er den Boden erst gut eine Handbreit neben der Linie berührt!!!
 

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X
REGGAE - DER KAISER VON ÄTHIOPIEN, DER FUSSBALL UND DIE SKINHEADS
 
 
 

Das Skript zu meiner "Fussball & Soziologie"-Veranstaltung an der Universität Koblenz
                                                                               im Sommersemester 2003 finden Sie HIER
 
 

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