| Fussballgeschichte
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Fussball
&
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| Am 12. Juni 2004
erschienen
im Verlag Peter Kehrein (info@kehrein.de) Lutz Neitzert: DIE FRÜHEN JAHRE DES FUSSBALLS Ein Spiel entsteht und Fusslümmel erobern Neuwied ![]() ( ISBN 3-934125-06-9 ) 9,80 € |
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von
Dr. Lutz Neitzert: ![]() |
Tor oder nicht Tor? ![]() Hat dieser Ball die Linie (der Regel gemäß) überschritten? Aha! Und Sie sind da ganz sicher? Nun, dann klicken Sie sich doch einmal weiter zur
|
| Drei FULLERENE
Und wenn also schon das Spielgerät ein derart
formschönes
und geniales Gebilde ist...
|
„Mit einer gewissen Verwegenheit kann
behauptet
werden, daß der Fussball deswegen so viele Menschen begeistert,
weil
er schlicht und einfach das beste aller Spiele ist: weil er einfach
zugänglich
und zu verstehen ist; weil er dennoch immer abwechslungsreich, komplex
und anspruchsvoll in seinem Ablauf bleibt; weil der Ball in seiner
Eigenbewegung
den Spielverlauf mitbestimmt; weil durch die Unzulänglichkeit der
Füsse Kunstfertigkeit und klägliches Mißlingen so nahe
beieinanderliegen, weil das Spielfeld von jeder Mannschaft systematisch
gegliedert wird und dennoch Raum für vielfältigste spontane
Aktionen
bietet; weil der Ball immer frei bleibt und daher ständig
umstritten
ist; schließlich, weil das Tor eine Rarität ist, deren Wert
man gar nicht überschätzen kann!“ (CHRISTOPH BAUSENWEIN) „Fussball leert den Kopf. Radikal und
komplett...
(Es) gibt kein Grübeln und keine Gedanken, die über das Spiel
hinausgehen. Neben der leichten, schwebenden Leere ist nur noch
für
ganz einfache Fragen Platz... Wird die Flanke
präzise
genug sein? Wird der Kopfball im Tor landen? ...
|
Aus der Vorgeschichte des modernen Fussballs gibt es zahlreiche
Berichte
von entfernt ähnlichen Spielen mit kugelförmigen Objekten aus
China, dem vorkolumbianischen Amerika oder der europäischen Antike
und dem Mittelalter - zumeist verbunden mit der Einforderung des
eigentlichen
Urheberrechts.
Christoph Bausenwein nennt in seinem Buch „Geheimnis Fussball“ in
diesem
Zusammenhang einige der oft zitierten Daten:
2967 v.Chr. – Der Legende nach soll der chinesische Kaiser Huang-Ti
ein
Fussballspiel namens „T’su Küh“ erfunden haben.
um 1300 v.Chr. – existierte in Mittelamerika eine Ballspiel-Kultur
bei den Olmeken.
4.Jahrh.v.Chr. – erwähnt der griechische Komödiendichter
Antiphanes ein Fuss-Ballspiel.
um 160 n.Chr. – schreibt der Arzt Galen eine Abhandlung über „Das
Spiel mit dem kleinen Ball“.
217 n. Chr. – soll eine Mannschaft aus römischen Legionären
in einem
„Harpastum“-Match von einem britischen Team besiegt worden sein.
Daneben beharrten die Italiener stets auf ihrem „Calcio“, der seit
dem
15. Jahrhundert in Dokumenten gut illustriert ist, als eigentlicher
Urform:
„Der Calcio ist ein öffentliches Spiel zweier zu Fuß
agierender...
unbewaffneter Mannschaften von Jugendlichen, die... um der Ehre willen
wetteifern, einen... Ball über (einen) gegenüberliegenden
Endpunkt
hinaus zu bringen!“
(s. Bausenwein S. 113f)
Fanden diese Events vor allem in Städten wie Florenz, in
geometrisch
abgezirkeltem Renaissance-Ambiente, statt, so handelte es sich beim
französischen
Pendant, dem (schon seit dem 12. Jahrhundert belegten) „Soule“, um ein
Querfeldeinspektakel der Landjugend (vor allem in der Bretagne und in
der
Normandie).
Dies alles jedoch waren entweder eher rituelle Exerzitien als
Sport-Spiele
im modernen Sinn (insbesondere im außereuropäischen Raum)
oder
es handelte sich dabei um weitgehend unregulierte Massenprügeleien
um einen ballähnlichen Gegenstand.
Ein Zeitzeuge aus dem Jahr 1698 bemerkte lakonisch:
"Der Ball ist aus Leder, groß wie ein Kopf und mit Luft
gefüllt.
Er wird getragen, oder mit dem Fuss durch die Straßen getrieben -
von demjenigen, der ihn erreichen kann. Weiterer Kenntnisse bedarf es
nicht!"
(zit. nach Theo Stemmler: „Kleine Geschichte des Fußballspiels“
/ Frankfurt - 1998).
Erste schriftliche Hinweise auf Derartiges in England datieren aus
dem
14. Jahrhundert und beinhalten allesamt königliche Erlasse zum
Verbot
der oft kriegerischen Schlachten. Bei diesen „Volksfussball“-Matches
ging
es, gelinde gesagt, etwas ungehobelt zur Sache. Meist traten dabei
ganze
Ortschaften oder Stadtteile gegeneinander an. Es gab noch keine strikte
Einteilung in Akteure und Zuschauer und die Sache geriet mehr als ein
Mal
völlig außer Kontrolle. Typisch für ein solches
Ereignis
(und seither Synonym für lokale Konfrontationen auf sportlicher
Ebene)
war das „Derby“. Jener berühmt-berüchtigte
„Shrove-Tuesday-(Fastnachtsdienstags)“-Kampf
zwischen den Pfarrbezirken All Saints und St. Peter's in Derby.
Beteiligt
waren hier oft bis zu 1000 Spieler. Die Spieldauer betrug rund sechs
Stunden.
Es ging dabei über Stock und Stein - zum Spielfeld gehörte
auch
der angrenzende Fluss – mit dem Ziel den Ball (mit allen Mitteln) quasi
als Beute für das eigene Kirchspiel zu erobern – koste es, was es
wolle!
Das änderte sich erst mit der industriellen Revolution. Die
Unterklasse
wurde in ein alle Körperkräfte ausbeutendes Fabriksystem
gepresst,
so daß niemand mehr den Drang verspürte zu solch exzessiven
Belustigungen. Um 1850 war der Volksfussball dann im öffentlichen
Raum und im Dorfleben weitgehend verschwunden.
Das Verbot des „Derby“ und seine Beendigung durch massiven
Polizeieinsatz
am 16. Februar 1847 markierten das Ende dieser Ära.
Danach begann in England – hinter den Mauern einiger Schulen und
Hochschulen
– jener Transformations- und Zivilisierungsprozeß, der das Spiel
zuletzt zum idealen Freizeitvergnügen der gerade im Entstehen
begriffenen
Industriegesellschaft werden ließ.
Doch es dauerte einige Zeit, ehe die richtige Mischung aus Kraft und
Geschicklichkeit, Teamgeist und Individualismus, Selbstkontrolle und
Strafjustiz
gefunden war, die es funktionieren ließ.
Dazu kam als prägende Voraussetzung jene oft beschriebene
spezifische
Atmosphäre an englischen Public Schools und Universitäten.
Die Einübung britischer Tugenden stand hier immer gleichrangig
neben der Vermittlung von wissenschaftlichem Handwerk. Absolventen
sollten
hernach ebenso befugt sein, Führungsaufgaben zu übernehmen,
wie
sie jederzeit bereit sein mußten, sich im gegebenen Fall
selbstverständlich
ein- und unterzuordnen.
Und in allen Situationen galt es vor allem anderen, Haltung zu zeigen
und Haltung zu bewahren: „To keep a stiff upper lip!“ – bei
Niederlagen im Sport hieß dies, nicht die Fassung zu verlieren,
aber
auch bei Siegen niemals in Triumphgeheul auszubrechen.
(Für einen Sportreporter unserer Tage sicher
eine ganz schreckliche Vorstellung!)
Was die internen Hierarchien dort anbetraf, so sind diese nicht zuletzt
literarisch-belletristisch immer wieder sinnfällig beschrieben
worden.
Einerseits war die Autorität des Lehrkörpers im eigentlichen
Schulbetrieb unantastbar. Andererseits aber wurde es den Schüler
in
ihrer Freizeit ganz bewußt gestattet, ihre eigenen Regeln
auszuhandeln
und auszuprobieren. Hier herrschten dann zumeist recht rüde die
älteren
über die jüngeren Semester. Und nicht zuletzt harte
Mannschaftsspiele
dienten dabei gewissermaßen als „Initiationsriten“ - wie etwa das
berühmte „Wall-Game“ in Eton.
Als jedoch Mitte des 19. Jahrhunderts vielerorts diese Formen
pseudo-sportlicher
Auseinandersetzung immer exzessiver zu werden drohten, sahen die
Schulleiter
schließlich doch Handlungs- und rigoroseren Regelungsbedarf.
Der Direktor von Rugby war der erste, der 1846 „The Laws of Football
as played at Rugby School” schriftlich fixierte, um sicherzustellen,
daß
die Matches den ihnen zugedachten pädagogischen Zielen dienlich
blieben:
die Schüler von noch unmoralischerem Zeitvertreib (Trinken, Wetten
und schlimmeren Unsittlichkeiten) fernzuhalten und ihnen zugleich Werte
wie Disziplin, Durchsetzungsvermögen, strategisches Denken,
Nehmerqualitäten
und Fair-Play zu vermitteln.
Andere Lehranstalten folgten dem Beispiel.
1849 veröffentlichte Eton sein Regelwerk, welches erstmals ein
absolutes Verbot des Handspiels einführte und damit (abgesehen von
einer noch eher informellen Satzung aus Cambridge, entstanden im Jahr
zuvor)
als erstes Fussball-Regelwerk im engeren Sinne gilt.
Als sich dann die ersten außerschulischen Fussballclubs
gründeten
(- 1857 als erster der „FC Sheffield“ -) und also auch Erwachsene
fortan mitspielen wollten, wurde es schließlich notwendig,
schnell
einen landesweit gültigen Codex zu erarbeiten.
Der Geburtstag des modernen Fussballs war der 26. Oktober 1863!
Damals trafen sich in einer Londoner Kneipe mit Namen „Freemason’s
Tavern“ die Vertreter von 11 Schulen und Clubs, um den ersten
nationalen
Verband, die „Football Association“, zu gründen. Es war die erste
von sechs Versammlungen (die letzte fand statt am 8. Dezember des
gleichen
Jahres).
Die "Freemason's Tavern" ![]() |
Verschwörungstheoretiker aufgemerkt:
Wo wurde der Fussball ausgeheckt ? In der „Freemason’s Tavern“! Der Schenke der „Freimaurer“ also! Und wie lautet die ominöse Geheimzahl der „Illuminaten“? 23 !! Und wie viele Personen befinden sich auf einem Fussballfeld? 11 + 11 = 22 und dazu 1 Schiedsrichter = 23 !!! |
Der wort- und federführende erste Vorsitzende der FA war
Charles
William Alcock (ein Harrow-Absolvent).
Das (13 Paragraphen umfassende) Gesetzeswerk (Wortlaut
s.u.), welches er damals verabschiedete, war zwar noch
rudimentär
(viele Änderungen und Ergänzungen folgten in den
nächsten
Jahrzehnten als Resultat der praktischen Umsetzung und von sich
ständig
verändernden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen) - die
Grundlagen
aber waren fixiert.
(Ein anderer wegweisender Regelpionier war J.C.
Thring mit seinen 1862 in Cambridge niedergelegten "Rules of the
Simplest
Game".)
Das Handling Game (Rugby) organisierte sich danach
eigenständig,
während das Kicking (bzw. das Dribbling) Game sich
schnell zum Fussball, so wie wir ihn kennen, entwickelte.
Die hitzigsten und ideologisch erbittertsten Debatten entzündeten
sich dabei an einer ganz entscheidenden Frage:
„To hack or not to hack?“ (s. Bausenwein S.289fff)
Zur Diskussion stand damals konkret jenes Regelwerk, welches die
Universität
Cambridge für das neue Spiel vorgeschlagen hatte – und darin
verbot
§14 ausdrücklich das „Stossen, Halten mit den Händen,
das
Beinstellen und das Gegen-das-Schienbein-Treten“. Die Abordnung der
Universität
Rugby wollte dagegen sowohl das Tragen des Balles mit den Händen
gestatten
als auch das Rempeln, Treten und Festhalten des Ballführenden und
die Erlaubnis, ihm das Leder unter Anwendung körperlicher Gewalt
abzuringen.
Lediglich ein gleichzeitiges Halten und Treten hätte dann auch in
ihren Augen die Grenze des Fairplay überschritten.
Es waren heftige Auseinandersetzungen und die ausgetauschten Argumenten
spiegelten auch einiges vom sozialen Umfeld der Gründerväter
wider:
Die Erlaubnis des Hacking könnte, so meinten die
Befürworter
des „sanften Weges“, die Verbreitung des Spieles behindern – vor allem
unter Geschäftsleuten, die doch großen Wert legten auf ein
möglichst
undemoliertes Aussehen.
(Der härter gesottene Arbeiter sollte den
Rasen erst viel später betreten, erst als die Gewerkschaften ihm
endlich
ein freies Wochenende und einen längeren Feierabend erstritten
hatten.
Von einer 35-Stunden-Woche war damals noch keine Rede und als
Freizeitvergnügen
schweißtreibend gegen einen Fussball zu treten, statt sich auf
der
Couch oder im Pub von der Maloche zu erholen, das wäre einem
Angehörigen
der Working-Class sicher nicht in den Sinn gekommen. Doch dazu
später
mehr.)
Ein Vertreter der Gegenseite konterte:
„Ich glaube, die Einwände gegen das Treten kommen nur von euch
alten Säcken, die ihr euch bloß Sorgen macht um eure
morschen
Knochen!“
Wesentlich für die Entscheidung aber war das vielleicht wichtigste
Ziel der neuen Leibesübung: Fussball sollte zuallererst Schulsport
werden. Zwar hieß das (gerade in England) auch, daß die
männliche
Jugend darin nebenbei eine „gesunde Härte“ einüben sollte.
Aber
auch damals schon dürfte es genug besorgte Eltern aus der
Upper-Class
gegeben haben, die mit Argusaugen über den Sportunterricht ihrer
Sprößlinge
wachten und die größeren Schaden von ihrem Nachwuchs
abzuwenden
wußten.
Die abschließende Abstimmung der Gründungsversammlung
jedenfalls
brachte 13 zu 4 Stimmen gegen das Hacking – woraufhin die
„Rugby“-Fraktion
– vermutlich über Verweichlichung und Muttersöhnchen
fluchend - ihren eigenen Verband ins Leben rief.
Damit war der Weg frei für jenes Spiel, das bald schon als
„Association
Football“, kurz „Soccer“...
- der Begriff entstand aus einer
studentensprachlichen
Lautmalerei, als deren Schöpfer ein gewisser Charles Wreford-Brown
gilt -
...in der ganzen Welt populär werden sollte.
In der ganzen Welt?
Nein!
Nicht in den USA, wo man nicht zufällig
gegenüber dem Begriff „Soccer“ den Begriff „Football“ für ein
anderes Spiel reserviert hat, welches (dem Rugby nachempfunden)
kurioserweise
fast ausschließlich mit den Händen gespielt wird.
Die Grundidee des Fussballs also wurde im Jahr 1863 festgelegt.
Und gerade das prinzipielle Verbot direkter Körperattacken schuf
die Voraussetzung dafür, daß im Fussball einerseits so etwas
wie Ball-Virtuosentum entstehen und gedeihen konnte, und es sorgte
andererseits
dafür, daß hier (im Gegensatz zu fast allen anderen
Mannschaftssportarten)
weitgehende Chancengleichheit besteht zwischen Hänfling
und
Hüne.
Allerdings folgten im Laufe der Zeit noch eine ganze Reihe von
Änderungen
im Detail der Gesetzgebung.
Und auch andere Nationen sollten sich bald
einmischen.
So erließ man etwa in Deutschland 1896
die folgenreiche sogenannte “Jenaer Regel”, welche verfügt,
daß
auf einem Fussballplatz keine Bäume stehen dürfen!
Bausenwein faßt das 19. Jahrhundert wie folgt zusammen (S.
329):
„Erst nachdem die englischen Gentlemen die Grundlagen für ein
modernes, zivilisiertes Spiel gelegt hatten, war der Fussball so
gezähmt,
daß er auch für das gemeine Volk (wieder) zugelassen werden
konnte. Die alten, einst in allen Bevölkerungskreisen beliebten
Raufspiele
waren nach jahrhundertelangen Verboten zuletzt endgültig beseitigt
worden. Übriggeblieben waren allein die Spiele der Elite, und
deren
Vertreter mußten erst einen langen Streit über die Regeln
austragen,
damit dann am Ende jenes heute so beliebte Spiel entstehen konnte, das
für barbarische Arbeiter harmlos genug war und zugleich geeignet
schien,
sie der Gemeinde der Zivilisierten näher zu bringen. Nun durfte
das
arbeitende Volk, nach reformierten Regeln und angeleitet von
Schiedsrichtern,
wieder dem Ball hinterherjagen – mit dem Fuß und diszipliniert!“
Parallel dazu entstanden war das Ideal des modernen Sports überhaupt.
Wie überall in der europäischen Gesellschaft, brachte die
beginnende bürgerliche Epoche auch in bezug auf die probaten Arten
und Weisen der Körperertüchtigung neue Werte.
Vor allem das nun zum obersten Maßstab erhobene Leistungsprinzip
stand im völligen Widerspruch zu allen höfischen Formen der
Leibesübung.
Im Ancient Regime war offen ausgetragene Konkurrenz nicht gestattet.
Auch
der Könner mußte sich in erster Linie einer
ästhetischen
und vorab hierarchisierten Gesamtinszenierung (als Glanzstück
quasi)
einfügen.
Und Schwitzen und Keuchen war unter gepuderten Perücken (schon
aus olfaktorischen Gründen) verpönt.
Man übte Tanzen, Fechten, Reiten oder Ballspiele als schöne
Künste und nicht unter Wettbewerbsbedingungen.
Nicht Training mit dem Ziel, einen fitten Körper zum Sieg zu
befähigen,
sondern das Einstudieren von vorgegebenen Choreographien standen im
Vordergrund.
Im Tennis, als dem weissen Sport der Aristokraten, hielten sich
Elemente
dieser höfischen Bewegungskultur noch bis ins frühe 20.
Jahrhundert:
für den Spielerfolg vollkommen unnütze (aber elegant
anzuschauende)
Pirouetten wurden gedreht und fast jede Aktion endete in einem grazilen
Ausfallschritt. Ausserdem durften auch bei höchster Anstrengung
niemals
die Gesichtszüge entgleisen.
Das sportspezifische Leistungsdenken konnte erst in einer auf
prinzipieller
Gleichheit beruhenden Gesellschaft verwirklicht werden. Im Feudalsystem
wäre es undenkbar gewesen, daß ein Leibeigener einen
Hochwohlgeborenen
im direkten Bewerb besiegte.
Während der Adlige es nicht nötig hatte, seinen (angeborenen)
Stand durch Leistung zu erwerben oder zu verteidigen, „mußte der
Bürger leistungsfähig sein, denn der Erfolg (im Leben) hing
nun
davon ab, wieviel einer leistete. In gleicher Weise ging es fortan auch
im bürgerlichen Sport darum, Wettbewerbe durch Messung und
Vergleich
(definitiv) zu entscheiden!“ (s. Bausenwein S. 434)
Da der Absolutismus in England schon früh durch ein starkes
Bürgertum
attackiert wurde, das bereits im 18. Jahrhundert eigenständige
Lebenswelten
etablieren konnte, war es folgerichtig, daß sich auf der Insel
auch
der Sport zuerst durchsetzen konnte.
Und in dieser sozialen Transformationsphase gab es einen Akteur, der
sich an der schwierigen Aufgabe versuchte, einige Prinzipien der
„Höflichkeit“
ins industrielle Zeitalter hinüberzuretten und dennoch dynamische
Avantgarde (vor allem in ökonomischen Dingen) zu sein: Der
„Gentleman“!
Gute Umgangsformen trotz harter Bandagen im Geschäftsleben. Hart
aber fair!
Und dabei setzte man ganz entschieden auf Selbstdisziplin und
Selbstdisziplinierung.
Die Entwicklung des Fussball läßt sich nun geradezu lesen
als exemplarische Realisierung und letztliches Scheitern dieses
ambitionierten
Lebensentwurfs!
Symptomatisch ist es, daß man zwar von Beginn an Ge- und
Verbote
im Regelwerk festlegte (jeder mußte selbstverständlich die
Grenzen
kennen, um sich ihnen gemäß verhalten zu können),
daß
aber erst im Laufe der Zeit ein dezidierter Strafenkatalog
ausgearbeitet
wurde (- den „Freistoß“ etwa definierte man 1880 und den
„Elfmeter“1891).
Jemand, der einen Regelverstoß nicht selbst eingesteht und
ahndet,
so die Vorstellung, der galt als per se „un-sportlich“.
Bausenwein erwähnt in diesem Zusammenhang folgende Episode
(S.385):
„Als einige Schüler aus Harrow im Jahr 1857 den FC Sheffield
gegründet
hatten, hatten sie die Regel festgelegt, daß man zur deutlichen
Demonstration
des Verzichts auf das Handspiel mit weißen Handschuhen und einem
Zweischillingstück in den Händen anzutreten habe; waren die
Handschuhe
nach dem Spiel schmutzig oder war das Geldstück gar verloren, so
galt
das als ein Zeichen für ein nicht regelgerechtes, unvornehmes
Verhalten,
das eines Gentleman unwürdig sei!“
Heftige und grundsätzliche Debatten löste deshalb 1874 die
Einführung eines „Schiedsrichters“ aus. Und als dieser 1877 dann
auch
noch befugt wurde, einen „Platzverweis“ zu erteilen, da spaltete sich
die
Fussballwelt. Die echten Gentlemen blieben nach ihrer Etikette unter
sich,
während auf der anderen Seite vor allem die Working-Class den
Fussballplatz
mehr und mehr für sich entdeckte und ihre eigenen Prinzipien
mitbrachte.
Beide Lager blieben für Jahrzehnte durch soziale Abgründe
strikt getrennt.
Wobei die Gentlemen-Kicker allerdings zur Weiterentwicklung des Spiels
nichts mehr beitragen konnten.
Die Arbeiter machten damals etwa 80% der beschäftigen
Bevölkerung
in England aus und je schlagkräftiger ihre gewerkschaftlichen
Organisationsstrukturen
wurden, umso mehr konnten sie sich freie Zeit erstreiten (und
erstreiken).
Schließlich hatte man das Wochenende für den Fussball (bei
frommen
Kirchgängern blieb zumindest der Samstag).
Schnell entstanden eigene Clubs: „Manchester United“ etwa ist damals
aus einem Eisenbahnersportverein hervorgegangen und ebenfalls als
Werksmannschaften
entstanden „Arsenal London“ (in einem Rüstungsbetrieb) und „West
Ham
United“.
Wobei es zumeist nicht die Arbeiter selbst gewesen sind, die initiativ
wurden, sondern die Betriebsleitungen, die damit wohl versuchten, eine
neue (unterhaltsame) Form der „Identifikation mit der Firma“ zu
schaffen
und ihre Leute gleichzeitig unter Aufsicht zu halten.
(In diesem Milieu gab es allerdings noch einen
anderen naheliegenden Weg:
den von der Thekenmannschaft zum Club – Bsp.
„ Nottingham Forest”).
Obrigkeit und Unternehmerschaft also begrüßten und
unterstützten
die Entwicklung, wie alles, was geeignet schien neue soziale Bindungen
zu etablierte (- die nach-agrarische Gesellschaft war in ihrer
Gründungsphase
fast aller traditioneller Bindemittel verlustig gegangen und
verzweifelt
auf der Suche nach neuen zwischenmenschlichen Strukturen).
Die Rolle der Kirche:
Auch in diesem Umfeld sah man in dem neuen (relativ
ungefährlichen)
Sport eine gute Möglichkeit, vor allem Jugendliche sinnvoll zu
beschäftigen,
und man setzte das Spiel bald schon bewußt in der eigenen
Jugendarbeit
ein. Viele Fussballclubs gehen tatsächlich direkt auf kirchliche
Ursprünge
zurück: der „FC Everton“ oder „Aston Villa“ - aber auch in
Deutschland:
„Borussia Dortmund“.
Wichtiger aber war die Nähe zum industriellen
Produktionsprozeß,
die es bald unausweichlich machte, daß dessen
Geschäftsbedingungen
und Währungen auch auf den Fussball übergriffen.
Plötzlich ging es auch beim Kicken ums Geld!
Der Sport „professionalisierte“ sich äußerst rasch.
Schon 1885 legalisierte die FA den Berufsfussballer-Status und 1888
erfolgte dann die Gründung der ersten Profiliga, der „Football
League“.
(In Deutschland hielt man am Amateurstatut dagegen noch bis 1963, bis
zur Gründung der Bundesliga, fest!)
(Übrigens organisierten sich schon Ende
des
19. Jahrhunderts eine ganze Reihe englischer Clubs in Form von Kapitalgesellschaften.
Philipp Heineken schreibt in seinem Buch "Das Fussballspiel" 1898:
"Unter sämtlichen Leagueklubs ist
gegenwärtig
kein Amateurklub mehr zu treffen. Erstere selbst bilden grosse
Aktiengesellschaften,
die eben in Fussball, wie andere vielleicht in Kaffee, Spiritus,
Pneumaticreifen
oder in Goldaktien machen... Wir erwähnen nur das
Überhandnehmen
des gewerblichen Spielertums; Hand in Hand damit geht die
Herabdrückung
der Spiele zu Zirkusvorstellungen als Lockmittel behufs Füllung
der
Klubkasse und dementsprechend guter Verzinsung der Klubaktien!")
Der Arbeiter-Fussball hatte sich andererseits schon von Beginn an
immer
auch gegen „linke“ Vorwürfe zu rechtfertigen. Bis zu den 68ern
führt
die Linie der Kritik. Christiane Eisenberg (S. 34) thematisiert die
Argumente
einiger Vertreter der Labour-Party, welche die Ansicht verfochten,
„daß
die kommerzialisierte Freizeitkultur im allgemeinen und der Fussball im
besonderen gezielte Maßnahmen seien, um die Arbeiter von der
Politik
oder der Gewerkschaftsarbeit abzuhalten!“
(- sie erwähnt dabei einen Aufsatz von R.
McKibbin mit dem Titel: „Why was there no Marxism in Great Britain?“)
Für den wohlbestallten Gentleman (der sich um Geld meist nicht
zu sorgen brauchte), war die Verbindung von Fussball &
Geschäft
eine verwerfliche Mesalliance und Anlaß das Amateurideal umso
entschiedener
hochzuhalten.
Doch um den Preis, daß auch sein Niveau eben „amateurhaft“ blieb.
Das Potential des Spiels wirklich auszuloten, das begannen nun erst
die Profis.
Was das Spiel selbst anbetraf, so war die erste Etappe seiner Entwicklung geprägt durch ein immer konsequenteres Ausmerzen all jener Techniken und Taktiken, die man im Rugby bevorzugte. 1866 erlaubte man den „Paß nach vorn“. Bis dahin durfte der Ball nur einem Mitspieler übergeben werden, der sich hinter oder höchstens auf einer Linie mit dem Ballführenden befand. Damit waren Kollisionen mit den gegnerischen Abwehrspielern praktisch unausweichlich und der Spielfluß stockte andauernd – man rannte unablässig gegen eine Wand. Mit dem „Paß nach vorn“ eröffneten sich plötzlich weit kreativere Möglichkeiten des Angreifens, da man nun nicht mehr als breite Phalanx attackieren mußte, sondern als Einzelspieler in der Lage war, sich weit pfiffiger als zuvor in Szene zu setzten. Interessant ist es dann, zu beobachten, auf welche unterschiedlichen Arten die neuen Chancen in den darauffolgenden Jahren genutzt worden sind. Im Mutterland England forcierte man das, was später „Kick & Rush“ genannt wurde: man versuchte durch lange Pässe (oft über das halbe Feld) möglichst schnellen und körperlich durchsetzungsfähigen Stürmern den Raum zu schaffen für erfolgreiche Sprints. Eine erste alternative Spielauffassung etablierte sich innerhalb Großbritanniens – in Schottland.
Das „Schottische Kurzpaßspiel“ wurde sprichwörtlich und wegweisend. Hier versuchte man, lieber den nächsten aus der eigenen Mannschaft möglichst genau anzuspielen, als mit riskanten weiten Schlägen ständige Ballverluste zu riskieren. Diese beiden Muster bilden seither die Pole der taktischen Grundausrichtung. (Wenngleich im heutigen Fussball – spätestens seit den 90er Jahren der lange Paß beinahe ausgestorben ist.)
1867 wurde in Glasgow der „FC Queen's Park“ gegründet (der erst acht Jahre später das erste Gegentor kassieren sollte!)
1872 fand dann das erste offizielle Länderspiel statt: England–Schottland (0 – 0).
Das nächste Kapitel sollten dann die Südamerikaner
schreiben
– doch davon später.
(Eine wesentliche Regeländerung erzwang ein Spieler namens Billy McCracken. Der Verteidiger von „Newcastle United“ führte die bis 1925 gültige Abseitsregel ad absurdum. Drei Spieler mußten sich damals im Moment des Anspiels zwischen Angreifer und Torlinie befinden. Das, so erkannte McCracken, erlaubte eine beinahe risikolose Abseitsfalle, da stets neben dem Torhüter noch ein letzter Verteidiger zur Absicherung bereitstand. Er trieb diesen Schachzug bis zum Exzess, bis die Regel schließlich in die heutige Fassung geändert wurde.)
Jenseits der Insel machte man in Kontinentaleuropa Bekanntschaft mit
dem neuen Sport zuerst vor allem als Zaungäste bei den
wunderlichen
Freizeitaktivitäten englischer Kaufleute. („The
Mad Dogs and the Englishmen!“)
Und so ist es kein Zufall, daß die Schweiz schon sehr
früh (als erstes mitteleuropäisches Land) zum Fussball
konvertierte.
(Gab es dort doch sowohl englische Händler als auch viele
Touristen
mit Bällen im Rucksack.)
Besonders im französischsprachigen Gebiet um Genf und
Lausanne
wurde das Spiel schon in den späten 1860er Jahren von
Engländern,
die an Schweizer Privatschulen studierten, eingeführt. Der „FC St.
Gallen“ wurde ebenso von englischen Studenten gegründet wie die
„Grasshoppers
Zürich“
(der Name stammt übrigens von einem englischen Biologiestudenten).
| Und die Schweiz spielte auch für den weiteren Export
eine nicht
unerhebliche Rolle. Vor allem in Frankreich initiierten die Eidgenossen diverse Gründungen: bei „Marseille Stade Helvétique“ deutet schon der Name die Verbindung an. Und selbst in Spanien war es ein Schweizer, Hans Gamper nämlich, der einen der größten Clubs überhaupt ins Leben rief – den „CF Barcelona“. (Dessen Farben Rot&Blau sind nicht zufällig auch die des FCBasel!) |
Interessante Einblicke gerade auch in
das soziale
Umfeld eröffnet eine Analyse typischer VEREINSNAMEN:
Arme Clubs etwa, die kein eigenes
Spielfeld besaßen
und deshalb jedes Wochenende eine andere Wiese suchen mußten,
wurden
in England „Wanderers“ genannt In aller Welt trugen die meisten
Mannschaften
in der Anfangszeit englische Vokabeln im Namen – selbst der „FC Bayern
München“ firmiert ja noch heute als "C" - als Club also.
Eine interessante Erklärung
für Vereinsnamen
wie „Borussia“, „Alemannia“, „Arminia“ oder „Hassia“ besagt,
daß
diese nicht zufällig an studentische Verbindungen angelehnt sind,
sondern daher rühren könnten, daß die Gründer
jener
Vereine eben ganz bewußt den elitär-akademischen
„Burschenschaften“
in ihrem Vereinsleben nacheifern wollten. Typisch für den technischen
Fortschrittsglauben
im real existierenden Sozialismus waren dagegen im ehemaligen
„Ostblock“
Namen wie „Dynamo“, „Lokomotive“, "Motor", "Rotation", "Stahl“ oder
„Wismut“
oder aber eine Anleihe an den kommunistischen Götterhimmel wie
z.B.
„Spartak“ (nach dem antiken Sklavenbefreier Spartakus). Und woher kommt der Name „Hertha BSC
Berlin“? |
ITALIEN:
Eine noch bedeutendere Rolle für die Weiterentwicklung des Spiels
sollte allerdings, wie man weiß, Italien zufallen.
Die ersten Begegnungen mit englischem Fussball schienen den dortigen
Sport- und Calcio-Freunden durchaus Respekt abzunötigen:
„Am Nachmittag des 11. Februar (1897) wurde auf dem Exerzierplatz (in
Savona bei Genua) ein Ballspiel zwischen dem Herausforderer, der
Besatzung
des englischen Dampfschiffes `River Mersey(!)´,
und der des Dampfschiffes `Elvire´ ausgetragen... Es war eine
wahre
Schlacht der Behendigkeit und Geschicklichkeit, und die ungemein
beherzt
gespielten Partien wurden allesamt von der Mannschaft der `River
Mersey´
gewonnen, was von deren zahlreich anwesenden Landsleuten, die bei
dieser
Gelegenheit Wetten über beträchtliche Summen abschlossen, mit
viel Applaus begrüßt wurde. Wir wurden Zeugen jener neuen
Sportart,
die sich bei den Söhnen des blonden Albion entwickelt hat, von
denen
wir weitere Kämpfe und weitere Siege erwarten!“
(s. Eisenberg S. 44)
Die Italiener waren begeistert und hatten sehr schnell eine eigene
Fussballszene aufgebaut, in welcher man recht bald und konsequenter als
in den anderen Ländern auf Professionalisierung setzte.
Vor allem Großunternehmer spielten als Vereinsbosse von Beginn
an die entscheidende Rolle: Pirelli beim „AC Mailand“ etwa, oder
Agnelli
bei "Juventus Turin". Und die wollten nichts als zählbaren Erfolg.
Und dies bedingte offenbar zwangsläufig eine in erster Linie auf
Sicherheitsdenken und Risikominimierung konzentrierte Spielweise (das
Null-zu-Null
wurde geradezu typisch für den italienischen Fussball).
Biermann & Fuchs bezeichnen den Endpunkt
dieser Entwicklung, den berühmt-berüchtigten Defensiv-Riegel
„Catenaccio“, mit dem „Inter Mailand“ in den 60er Jahren die Gegner
(und
das gegnerische Publikum) zur Weißglut trieb, in ihrem Buch
„Der Ball ist rund“ unter der Kapitelüberschrift „Die Mächte
der Finsternis“ als
„Die Geburt des Bösen im Fussball!“
Im Gegensatz dazu - SÜDAMERIKA:
Völlig unerwartet, beinahe wie ein Schock, traf die
selbstgenügsame
europäische Sportwelt das erste Auftreten eines Teams aus
Südamerika.
Niemand hatte sich bis dahin ernsthaft um die dortigen Aktiven
gekümmert
und dann tauchte die Nationalmannschaft von Uruguay bei den olympischen
Spielen in Paris1924 auf und zelebrierte ein völlig neues Spiel.
Eine
neue – von unvoreingenommenen Beobachtern sofort begeistert goutierte -
Ästhetik und (wie der überlegene Olympiasieg zeigte) ein
zukunftsträchtiges
Erfolgsmodell.
„Umjubelter Star des Olympiaturniers 1924 wurde der Uruguayer
José
Leandro Andrade – wie sein Landsmann Eduardo Galeano zu beschreiben
weiß:
`Europa hatte noch nie einen Schwarzen, einen Neger, Fussball spielen
sehen..
Im Mittelfeld fegte dieser Riese mit dem Gummikörper den Ball nach
vorn, ohne je den Gegner zu berühren... Bei einem der Spiele lief
er mit dem schlafenden Ball auf dem Kopf über den halben Platz.
Die
Zuschauer jubelten ihm zu, die französische Presse nannte ihn das
schwarze Wunder. Als die Spiele vorüber waren, beschloß
Andrade,
noch eine Weile in Paris zu bleiben. Dort lebte er wie ein Bohemien und
König der Nachtclubs... Die Klatschspalten der Zeitungen jener
Jahre,
zeigen ihn als Herrscher über die Nächte am Pigalle...!“ (s.
Moritz S.48)
In Europa hatte man zum einen die individuellen technischen
Fähigkeiten
der Akteure noch kaum weiter geschult...
- im ersten Länderspiel gegen England
zeigten
sich die deutschen Spieler und Zuschauer 1899 noch restlos davon
verblüfft,
daß diese Briten doch tatsächlich in der Lage waren, einen
Ball
mit dem Fuß zu stoppen -
...und zum andern agierten die Südamerikaner offenbar mit einem
vollkommen neu justierten Blick.
Spielte man in der Alten Welt den Ball, wie bereits ausgeführt,
entweder über 30, 40 Meter nach vorn oder aber (noch immer
ähnlich
dem Rugby) direkt auf den Mitspieler, so suchten die Rastellis aus
Uruguay
immer eine Möglichkeit, den Ball so gezielt in den „freien Raum“
zu
passen, daß ihn stets ein Mannschaftskollege eher erreichen
konnte
als der Gegner. (Eine feinmotorische und
intellektuelle
Meisterleistung!)
Außerdem waren die Südamerikaner den Europäern in
Sachen
Ballfertigkeit erschreckend weit voraus. Viele der Begegnungen waren
regelrechte
Demonstrationen und Demütigungen.
Uruguay war die erste lateinamerikanische Mannschaft, die in Europa
für Furore sorgte, dann kamen vor allem die Argentinier.
Am Rio de la Plata galt Fussball zuerst als typischer Zeitvertreib
der englischen Matrosen. Aber da auch angesehene britische
Geschäftsleute
das neue Spiel propagierten, wurde bald die Oberschicht darauf
aufmerksam.
Schon Ende der 1860er Jahre gründeten die Brüder Thomas und
William
Hogg den „FC Buenos Aires“, den ersten Club Südamerikas. Noch
folgenreicher
aber war das Wirken eines Schotten namens Alexander Watson Hutton, der
eine Elite-Schule in der argentinischen Hauptstadt gegründet
hatte.
Und dort spielte Sport eine bedeutende Rolle im Lehrplan.
Analog verlief die Entstehungsgeschichte auch in Uruguay. Auch hier
war Soccer zuerst das Spiel der Elite und Ausdruck britischer
Präsenz.
Das Gleiche in Brasilien.
Der 1875 in Sao Paulo geborene Charles Miller, dessen Eltern aus
England
stammten, gilt als der Fussballpionier des Landes. Miller spielte in
Großbritannien
für Southampton, ehe er 1894 zurückkehrte und erfolgreich
begann,
zu missionieren.
In Brasilien galt es allerdings zunächst, einen ausgeprägten
Rassismus zu überwinden, ehe der dortige Fussball das Niveau der
Nachbarn
erreichen konnte.
Elitäre Clubs (wie „Fluminense“ oder „Botafogo“ = "Brandstifter")
versuchten lange, mit allen Mitteln vor allem die dunkelhäutigen
Mulatten
aus der Unterschicht vom Spielbetrieb fernzuhalten.
Erst eine forcierte Industrialisierung des Landes in der 20er Jahren
änderte die Situation. Betriebsmannschaften entstanden und
reüssierten.
Und in jenen zählte letztlich allein die Leistung eines Spielers.
So verschwanden weitgehend die zuvor aufgerichteten Schranken.
Wegweisend
und symptomatisch war in diesem Zusammenhang das Team „Bangu“ des
Konzerns
„Progresso“, wo erstmals die Apartheid demonstrativ abgeschafft wurde.
(Als erster großer Star des brasilianischen Fussballs gilt übrigens ausgerechnet der deutschstämmige - allerdings dunkelhäutige - Artur Friedenreich!)
In allen südamerikanischen Ländern wiederholte sich also in Prinzip jener offenbar vorgegebene Weg, den der Fussball überall genommen hat: vom (eher dilettantischen) Vergnügen einer Elite zum (elaborierten) Massensport der „kleinen Leute“.
Als wichtiges Ereignis im Fussball Lateinamerikas gilt der Gewinn
der
argentinischen Meisterschaft durch „Racing Buenos Aires“ im Jahr 1913.
Eduardo P. Archetti schreibt darüber (s. Eisenberg S.152):
„Dieser Erfolg wurde als `kreolischer´ Sieg empfunden und das
siegreiche Team als die erste große `kreolische´ Mannschaft
bezeichnet. `Kreolisch´ bezog sich dabei auf das besondere
Merkmal
dieser Mannschaft, daß sie nämlich nur aus Spielern mit
spanischen
und italienischen Namen bestand. Doch es fehlten nicht nur die
britischen
Namen, es gab unter den Spielern auch nicht einen einzigen Studenten
oder
Absolventen (einer britischen Schule). Diese doppelte Emanzipation von
den Pionieren...“ galt fortan als das Ende der „britischen Periode“.
Auch er beschreibt dann noch einmal die eklatanten stilistischen
Unterschiede:
„Ein neuer Stil (wurde) entwickelt, der sich vom britischen Vorbild
deutlich unterschied. Der (englische Kick & Rush-)Stil zeichnete
sich
aus durch... lange Pässe, Schnelligkeit, physische Stärke und
den Verzicht auf individuelles Dribbling... Merkmale (des
`kreolischen´
Stils) waren (dagegen) kurze präzise Pässe... das Bestreben,
den Ball am Boden zu halten (und) das individuelle Dribbling...“
Vor allem kleinere Spieler sahen und nutzten hier die Chance, in
Bodennähe
der Lufthoheit der Großen entgehen zu können und
gleichzeitig
eine spektakuläre Artistik zu zelebrieren, die „schon beinahe als
zirkusreif empfunden wurde“. Sie ließ die Europäer staunen.
Auch darüber, wie es möglich war, „mit (derart) geringer
körperlicher
Anstrengung und Kraft zu spielen und damit auch noch zu gewinnen!“
(s. Eisenberg S.153f)
ÖSTERREICH:
In Europa wurden aus Bewunderern schnell erste Nachahmer - vor allem
in Österreich. Dort hatte man schon immer das „Schottische
Kurzpaßspiel“
dem „Kick & Rush“ vorgezogen, und im legendären „Wiener
Scheiberl-Spiel“
kreierte man die bis dahin virtuoseste Spielkultur in Europa.
Johann Skocek und Wolfgang Weisgram beschreiben in einem Aufsatz unter
der Überschrift „Scheiberln, wedeln, glücklich sein“ den
österreichischen
Stil:
„Schnell aufeinanderfolgende kurze, den direkten Weg durch die Gassen
der Gegner nehmende, sich quasi gegenseitig zitierende
Vorlagen.
Die Methode nannte sich... mala ulica, das ist slowakisch (was
auf
Wienerisch behmisch ist), ins Deutsche übersetzt heißt das kurze
Gasse. (In) Wien... taufte man die Methode um. Ins Loch spielen
sagte man dazu!“ (s. Moritz S.57)
Und es ist sicher kein Zufall, daß in Österreich – ganz
ähnlich wie in Brasilien oder Argentinien (wo Spieler
Künstlernamen
tragen wie Pelé, Didi, Socrates oder Müller) (und
eben
anders als in England oder Deutschland) der Fussball – so
phantasievoll
gespielt - bald zum Lieblingsthema der Intellektuellen und
Künstler
wurde.
Man gestand ihm per se die Form einer höchst kreativen Kunst zu
und diskutierte ihn auch in entsprechender Weise. Die
„Kaffeehaus-Literaten“
liebten den Fussball und verehrten den großen Star der Epoche:
Matthias
Sindelar (genannt „Der Papierne“) – der
später
selbst ein Kaffeehaus eröffnete.
Weiterentwickelt hat diesen Stil später die zweite Nation der
„K&K
Monarchie“: UNGARN!
Wie die Rugby-Fans in Großbritannien, so hatte der neue Sport
auch andernorts schnell seine erbitterten Feinde gefunden.
In DEUTSCHLAND waren das (mit nationalistischem und
„orthopädischem“
Furor) explizit die Turner:
1898 veröffentlichte der Stuttgarter Turnlehrer Karl Planck eine
Streitschrift mit dem Titel:
„FUSSLÜMMELEI – ÜBER
STAUCHBALLSPIEL
UND ENGLISCHE KRANKHEIT
...Zunächst ist jene Bewegung (- der Tritt gegen einen Fussball
- ) ja schon, auf die bloße Form hin gesehen, häßlich.
Das Einsinken des Standbeins ins Knie, die Wölbung des
Schnitzbuckels,
das tierische Vorstrecken des Kinns erniedrigt den Menschen zum
Affen...
Welcher Bildhauer würde sich von einer solchen Erscheinung zu
künstlerischer
Darstellung begeistern lassen?...“

1874 waren zwei norddeutsche Lehrer aufgebrochen auf zu einer
pädagogischen
Bildungsreise durch die fortschrittliche Schullandschaft
Großbritanniens.
Vor allem den dortigen Schulsport wollte man kennenlernen. Bleibenden
Eindruck
hinterließ ihnen ein Fussballspiel zwischen Oxford und Cambridge
und animierte sie dazu, sich die Regeln geben zu lassen und sie zu
übersetzen.
Noch im gleichen Jahr gründete einer der beiden, Konrad Koch, am
Braunschweiger
„Martino-Katharineum Gymnasium“ die erste deutsche
Schüler-Mannschaft
und ein Jahr darauf publizierte er die erste deutschsprachige Ausgabe
des
Regelwerks.
Der Durchbruch des neuen Sports sollte zwar noch eine längere
Zeit auf sich warten lassen, doch Interessenten und Nachahmer gab es
schnell.
Die Gründung des (vermutlich) ersten deutschen Fussballvereins,
des „Bremer Football Club“, datiert auf das Jahr 1880. Als älteste
noch heute existierende deutsche Mannschaft gilt die Elf von „Germania
Tempelhof 1888“.
Vor allem unter Mittel- und Oberschülern fand er seine ersten
Anhänger.
(Aus diesem Kreis gingen dann auch einige noch
heute prominente Vereine hervor: der „Hamburger SV“ etwa oder auch der
„1.FC Nürnberg“).
Der zweite Expeditionsteilnehmer jener Englandreise, August Hermann,
führte 1876 dann bei einer Turnlehrertagung (didaktisch
aufbereitet)
ein Fussballspiel vor.
Doch er befand sich, wie er bald feststellen mußte, auf vermintem
Gebiet in Feindesland.
Das Spiel wurde von der großen Mehrzahl der „Turnväter“
als "Englische Krankheit" gebrandmarkt, es sei weder körperlich
noch
sittlich ertüchtigend und viel zu roh und zu wild, um im
Schulunterricht
geduldet zu werden.
Bausenwein schildert zudem die wesentlich unterschiedlichen
Grundwerte
der deutschen Leibesübung und des britischen Sport:
„In Deutschland (hatte sich) genau zu der Zeit, als sich in England
der Sport durchzusetzen begann, das Turnen entwickelt. Im Jahre 1811
hatte
der `Turnvater´ Friedrich Ludwig Jahn in der Berliner Hasenheide
einen ersten Turnplatz errichten lassen und damit seinen
großangelegten
Versuch gestartet, eine Vielzahl von Leibesübungen zu einem System
zu vereinigen, das die Kraft der Nation und des Volkes stärken
sollte...
Im Gegensatz zu den... Sportlern kam es (ihm) nicht auf ein Steigern
und
wechselseitiges Übertreffen...an. So sollte ein Läufer nicht
schnellstmöglich am Ziel sein, sondern in möglichst akkurater
Haltung laufen und am (Ende) noch bei guten Kräften sein...
Daß sich der aus England importierte Fussball in Deutschland
erst relativ spät durchsetzen konnte, lag zu einem großen
Teil
daran, daß er sich hier erst gegen die konkurrierende
Bewegungskultur
des Turnens durchsetzen mußte...!“
(S.434f)
Schon die oft geradezu aufreizende (anglophile) Lässigkeit vieler
Fussballer war für den aufrechten Turner ein Affront.
In der Zeitschrift „Volkssport“ stand noch 1922 ein
Fussball-Schmähartikel:
„Während der Turner in stolzer Haltung mit gehobener Brust
daherschreitet,
kommt der `Nurfussballer´ mit gesenktem Kopf, die Brust tief
eingedrückt,
die Arme wie unmögliche Anhängsel mit sich führend,
dahergeschlendert.
Die Beine sind stets in Offensivstellung gehalten, und wehe der leeren
Wichsdose oder anderen `schußfähigen´
Gegenständen,
die dreist genug sind, sich ihm in den Weg zu legen!“
(s. Bausenwein S.338)
Die entscheidenden Stichworte lieferte, wie gesagt, jene
Streitschrift
über die „Fusslümmelei“:
„Unsereiner erlaubt sich also nicht nur diese Errungenschaft englischen
Aftersports... gemein, sondern auch lächerlich... und
widernatürlich
zu finden. Am allerunnatürlichsten ist das ob seiner angeblich
geringeren
Gefährlichkeit vielgepriesene und bei uns fast allein geübte
Fussballspiel ohne Aufheben des Balls, deutsch: `association´!“
Da die Turnerbewegung zudem eng verwoben war in die
nationalistischen
Strömungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts, hatte die
Auseinandersetzung
immer auch eine politische Dimension. Wobei die Fussballer sofort in
die
Defensive gingen, und versuchten, ihren Sport als sehr wohl vaterlandstreu
und volksdienlich zu präsentieren.
Konrad Koch (der „Gründervater“) etwa suchte in alten
Geschichtsbüchern
verzweifelt nach irgendwelchen Hinweisen auf eine doch-nicht-englische
Herkunft. Wenig überzeugend verwies er dabei zuletzt dann auf
(äußerst
interpretationsbedürftige) antike Vorbilder. Und in seiner
Erwiderung
auf Planck’s „Fusslümmelei“ (1900) versuchte er zwischen den
Zeilen
immer wieder die Tauglichkeit des Fussballs zur Wehrertüchtigung
herauszustreichen:
„In Haufen stürmten (die Spieler) dem springenden Balle nach und
schleuderten ihn zurück. Hier beugten sich Oberkörper und
Schultern
rückwärts, dort streckten sich Hälse und Köpfe vor,
preßten sich die Glieder an den Leib, ballten sich Hände zur
Faust... Der Ball flog, dicht über der Erde rollend. Die
stürmenden
Gestalten der Jünglinge, zum Knäuel verwirrt, dann sich
trennend,
wieder auseinanderflutend, rasten vorüber. Das ganz war ein Bild
des
Aufruhrs... Der künstlerische Gehalt, den die wilde Poesie unseres
Spiels in sich birgt, kann kaum besser zum Ausdrucke gebracht werden.
Der
zahmen Alltagskunst mit ihrer Limonaden-Begeisterung fehlt freilich das
Verständnis für so verwegene Formen. Und doch prägt sich
auch in ihnen nur der edle Sinn aus, der den echten Fussballspieler im
Kampf erfüllt!“
(s. Herzog S.160)
Von deutschtümelnden Turnern wurde immer wieder gefordert, zumindest die „Engländerei“ in der Fussballsprache abzuschaffen: „Spielführer“ oder „Spielkaiser“ sollte es zumindest heißen – und nicht: „Captain“!
Auch beklagten Einige, daß ur-deutsche Spiele dadurch verdrängt würden - noch 1925 monierte ein Buch über die „Feste und Spiele des deutschen Landvolkes“, daß das friesische „Bosseln“ dadurch vom Aussterben bedroht sei.
Das erste Länderspiel Deutschland-England fand am 24. November 1899 auf der "Rennbahn am Kurfürstendamm" statt und endete mit 2:13 Toren!
Für die Entwicklung des Fussballs in Deutschland war von
wegweisender
Bedeutung seine Einfügung in das in allen Bereichen und
Interessensphären
gerade entstehende „Vereinswesen“.
(Ein „Vereins-Wesen“ – wie sähe es wohl
aus?)
Daß so viele hierzulande Mitglieder von Fussball-Vereinen wurden,
lag auch an der wachsenden „Vereins-Begeisterung, der ein
Gemeinschaftsbedürfnis
zugrunde liegt, das ungleich älter ist als der älteste
Fussballverein.
In gewisser Weise kann man die im 19. Jahrhundert in Massen
entstandenen
Vereine als eine Art Ersatz der alten sozialen Ordnungen
interpretieren,
die im Verlauf der politischen und industriellen Revolutionen ihre
Gültigkeit
weitgehend verloren hatten. Die Vereine ersetzten nicht nur die
dörflichen
Gemeinschaften..., sie schufen nicht nur ein Äquivalent für
die
korporativen und genossenschaftlichen Gemeinschaftsformen..., sondern
sie
leisteten auch einen Ausgleich für die gemeinschaftsbildenden
Funktionen,
die die traditionellen Feste innehatten. `Überall dort, wo die
Verbindlichkeit
ständisch-korporativer Lebensgestaltung nachläßt oder
verschwindet,...
tritt an ihre Stelle die freiwillige, selbstgewählte und immer nur
partikulare Vergesellschaftung im Verein´. Die seit Ende
des
18. Jahrhunderts vor allem von der Stadtbürgerschaft
gegründeten
Vereine waren (zudem) wichtige Vermittler der neuen, säkularen,
bürgerlichen
Wertvorstellungen!“
(s. Bausenwein S.223)
„Der erste Hinweis auf dieses Spiel in
Deutschland
stammt aus dem Jahr 1865 und illustriert vortrefflich dessen englische
Herkunft und ursprüngliches Milieu. In jenem Jahr kickte Ferdinand
Hueppe, später der erste Präsident des DFB, mit englischen
Schülern
in Neuwied!“
(Theo Stemmler "Kleine Geschichte
des Fussballspiels" / S.119 "Insel-Verlag")
Gespielt wurde damals vermutlich auf dem
Internatspausenhof
der „Zinzendorfschule“ der Herrnhuter Brüdergemeine:

Auch einer der allerersten Presseberichte
über
ein Fussballspiel (aus dem Jahr 1886) soll aus Neuwied stammen.
Oft zitiert wird in diesem Zusmamnehang dann
der folgende Satz:
„Die Engländer aus der Herrnhuter
Knabenanstalt
liefen in Faschingskostümen einem aufgeblasenen Ball nach, indem
sie
versuchten, diesen, mit dem Fuße tretend, zwischen zwei Stangen
hindurchzutreiben!“
Die Nachforschungen im Rahmen meiner Arbeit an
dem Buch "Die frühen Jahre des Fussballs" ("Peter
Kehrein"-Verlag / Neuwied 2004)
haben allerdings ergeben, daß jener Artikel im Original offenbar
verschollen und daß die zumeist angegebene Quelle, "Neuwieder
Zeitung
anno 1886", allem Anschein nach eine falsche ist.
Keinen Grund zu Zweifeln gibt es allerdings an
den autobiographischen Erinnerungen Hueppe's an seine erste Begegnung
mit
dem neuen Sport während seiner Neuwieder Gymnasialzeit (1862-65).
Und sein Organisationstalent war es auch, das ihm einige Jahre
später
ein geschichtsträchtiges Amt verschaffen sollte. Der renommierte
Hygienik-Professor
(und Mitarbeiter des berühmten Bakteriologen Robert Koch) wurde am
28. Januar 1900 zum ersten Präsidenten des neugegründeten DFB
gewählt.
(Zur politischen Weltanschauung des Herrn Prof.
Hueppe und zu seinem Verhältnis zum Nationalsozialismus
siehe Kapitel 5 aus: "Die frühen Jahre des
Fussballs" / s.o.)
| Eine andere schöne Schilderung einer frühen
Kickerei in Deutschland
findet sich bei R. Moritz (S. 32f): „Am 5. August 1894, 6 Uhr morgens(!), findet auf der Borgfelder Eisbahn ein Fussballwettspiel zwischen dem Borgfelder Fussball-Club und dem Fussballclub Association aus Eilbeck mit Herrn Heysen vom Altonaer Cricket-Club als Schiedsrichter statt... Pünktlich um 6 Uhr waren die Spieler beider Vereine auf dem Platze, und Herr Heysen, begleitet von einem mit einer Trompete bewaffneten Trabanten, forderte die Spieler auf, sich aufzustellen. Nachdem dieses schwierige Geschäft zur Zufriedenheit aller... vollbracht war... winkte der Schiedsrichter seinem Trabanten, der dann nach einem anfänglich vergeblichen Versuch einige Töne aus seiner Trompete hervorstieß: Das Zeichen zum Beginn des Kampfes. Sofort nach dem Anstoß stürzten sich alle Spieler mit Ausnahme des Goalkeepers auf den Ball und traten ihn mit bewunderungswürdiger Sicherheit alle Augenblicke über die Grenzlinie, welche von den beiden Linienrichtern bewacht wurde. Da auf diese Weise die ganzen zwei Stunden (10 Minuten Pause) gespielt wurde, wäre es wohl zu keinem Resultat gekommen, wenn nicht ein Eilbecker durch Unvorsichtigkeiten den Borgfeldern einen 11-m-Stoß zugewendet hätte, wodurch diese ein Goal machten und das Spiel beendet wurde!“ |
Der „Deutsche Fussballbund“ hatte in der Anfangszeit einen potentiellen Konkurrenten im sozialistischen „Arbeiter Turn- und Sportbund“. Doch hatte diese Institution dem Fussball gegenüber zum einen die bereits erwähnten „linken“ Vorbehalte und zum andern stand man dem Wettbewerbssport aus ideologischen Gründen grundsätzlich ablehnend gegenüber. Man glaubte, daß kompetitive Elemente und auf Konkurrenzdenken basierende Leistungsvergleiche dem Solidaritätsgedanken innerhalb der Arbeiterschaft abträglich seien. Eine eher akademische Diskussion, die aber dazu führte, daß auch die fussballspielenden Arbeiter sich zuletzt notgedrungen unter dem Dach des an konservativ-bürgerlichen Idealen orientierten DFB einfinden mußten.
Die ersten Metropolen des Fussballs in Deutschland waren die großen von einem gut situierten Mittelstand geprägten Handelsstädte und Dienstleistungszentren - Berlin, Hamburg, Hannover, Leipzig, Dresden, Düsseldorf, Köln oder Frankfurt. Und die Spieler waren in erster Linie Kaufleute, Lehrer, Ärzte, Juristen und höhere Angestellte.
Zum „Arbeitersport“ sollte der Fussball in Deutschland erst nach dem
und durch den 1. Weltkrieg werden!
Die Militärs hatten das Spiel (trotz seiner englischen Wurzeln)
ab 1905 ins Curriculum für die preussische Offiziersausbildung
integriert
und viele junge Offiziere folgten dann an der Front der Order, durch
Sport
die „Moral der Truppe“ zu heben, und ließen die Soldaten zwischen
den Schlachten Fussball spielen.
(Der DFB tat alles, um seinen Sport dem
Militär
anzudienen. Man überschwemmte die Armeeführung geradezu mit
Informationsbroschüren,
Vorführungen und Werbematerialen.)
Legenden entstanden, wonach Truppen einem Ball hinterherjagend zur
Attacke gestürmt seien oder von Waffenstillständen für
die
Dauer eines sportlich fairen Matches zwischen feindlichen Armeen.
| Das sollte auch die Fussballrhetorik für lange Zeit prägen - martialische Begriffe wie „Schuß“, „Flanke“, „Deckung“, „Sturm“, „Flügel“, „Feld“, „Schlachtbummler“ kamen damals auf und wurden typisch. | Im Buch "Stürmen für Deutschland" (Bitzer/Wilting)
heißt
es: „Die Eindeutschung der Fussballsprache bewirkt vor allem eines – eine Annäherung an die martialische Sprache des Militärs. So liest sich etwa eine Beschreibung des Spiels aus jener Zeit eher wie eine Kriegsberichterstattung: `Zwei Parteien von gewöhnlich elf Kämpfern befinden sich im Kriegszustande. Es handelt sich darum, einen großen Lederball vermittels der Füße auf feindliches Gebiet und womöglich in das Heiligtum des Feindes, den durch die beiden Pfähle gekennzeichneten Stand zu bringen... Zum Verständnis der ... Regeln bemerken wir noch, daß jede Partei unter einem Kapitän respective Führer steht, der seine Kräfte über das Feld verteilt. In erster Linie, nahe dem zu erwartenden Ball, wird er einen oder zwei geschickte, ausdauernde und offensiv tüchtige Spieler stellen, dann wird das Gros seiner Armee folgen, er selbst sich in der Rückgarde derselben halten, um im Falle der Not wirksam einer drohenden Gefahr entgegenzutreten...!“ (F.W. Racquet : “Moderne englische Spiele. Zum Zweck der Einführung in Deutschland“ aus dem Jahr 1882). Und bald zeitigte die Kampagne erste Erfolge - ein preußischer Kriegsminister schrieb 1913: „(Ein besonderer Vorzug des Fussballs ist die) Erziehung zur selbstlosen Opferwilligkeit des Einzelnen und zur Zurückstellung persönlichen Ehrgeizes im Interesse des gemeinschaftlichen Erfolges und ebenso die Unterwerfung unter die Anordnungen des Parteiführers, des Schiedsrichters, der Vereinsleitung und... des Bundesvorstandes!“ (Einige Hochwohlgeborene outeten sich als Fans – wie z.B. der Bruder Kaiser Wilhelms II, Prinz Heinrich, oder kickten sogar höchstselbst – wie etwa Prinz Friedrich Karl beim „SC Charlottenburg“). (S.16) |
Nach dem Krieg brachten also vor allem die Soldaten aus der Arbeiterschicht das Spiel in ihr Milieu. Der Fussball erlebte daraufhin einen wahren Boom - und in seinem neuen sozialen Umfeld entwickelte er sich fortan unter veränderten Bedingungen und Vorzeichen.
(„Schalke 04“ trug das erste Nachkriegsspiel gegen die Mannschaft des „Freikorps Hacketau“ aus, einen Kampfverband ehemaliger Frontsoldaten.)
Dazu kam, daß im Jahr 1923 nach langen Arbeitskämpfen
endlich
der 8-Stunden-Tag durchgesetzt wurde. Das Freizeitbudget also
spürbar
größer wurde.
Die Mitgliederzahl des DFB vervielfachte sich (von 189.294 im Jahr
1914 auf 1.245.326 im Jahr 1931).
Das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft in Frankfurt am 14.
Juni 1920 vor 35.000 Zuschauern markierte schließlich den
endgültigen
Durchbruch des hiesigen Fussballs zum Massensport.
(Auch Spitzenspiele hatten bis dahin selten einmal mehr als einige
Hundert Besucher gesehen.)
Ein großer Teil der Arbeiterschaft (vor allem des Ruhrgebiets)
rekrutierte sich damals aus ehemaligen osteuropäischen (vor allem
polnischen) „Gastarbeitern“. Und nicht zuletzt sie waren es, die eine
Spielkultur
entwickeln halfen, welche den deutschen Fussball endlich auf
internationales
Niveau brachte. Die Reihe prominenter Namen ist lang: Kuzorra und
Szepan (die Virtuosen des legendären „Schalker Kreisel“), Turek
und
Posipal, Kwiatkowski, Kalwitzki, Tibulski u.v.a.m.
Als Argument in aktuellen Zuwanderungsdebatten
sollte man immer wieder darauf hinweisen, daß ausgerechnet jene
als
billige Arbeitskräfte um 1900 in die Zechen geholten „Polacken“,
die
man wegen ihrer vorgeblich undeutschen Mentalität für
prinzipiell unintegrierbar in unsere Gesellschaft hielt und
entsprechend
anfeindete, einige Jahrzehnte später (nun plötzlich als
Vorsitzende
von Dackel- und Taubenzüchtervereinen oder eben als Fussballer)
mit
Namen wie Schimanski, Kowalski oder Koslowski ironischerweise geradezu
als die typischen „Ruhrpottler“ galten!
(Morlock allerdings, das ist ein alter deutscher
Name und bedeutete ursprünglich "Mohrenlocke", schwarzes Kraushaar
also!)
FUSSBALL IM NATIONALSOZIALISMUS
Schon 1923 schreibt der spätere Nazi-Funktionär Josef Klein
in einem oft zitierten Artikel unter der Überschrift
„Die drei scharfen T (des WSV / Westdeutschen Sportverbandes)“:
„Teutsch – Treu – Tüchtig!...
Weg mit all dem feigen Gerede von dem internationalen
Verbrüderungszweck
des Sports, der immer nur in einem würdelosen Anbiederungs- und
Anschmusungszweck
ausarten muß, solange wir Deutsche in den Augen der Welt (nach
dem 1. Weltkrieg) inferioren Ranges sind...
(Außerdem) Kampf bis aufs Messer der materialistischen
Versumpfung
unserer Zeit!“
Der Artikel schließt unter dem Stichwort „Tüchtig“ dann
mit der Forderung nach einem
„Bekenntnis zum Führermenschen“, der stark genug sein müsse,
die Fesseln der Weimarer Republik zu sprengen.
Und dann fordert er noch völkisch-philosophisch eine
„bewußte und entschlossene Abkehr von dem Glauben eines
Aufklärungszeitalters
nach der französischen Revolution!“
D.h. auch hier findet sich die faschistische
Beschwörung des vorgeblich Archaischen als deutsche
Antwort
auf die Dekadenz westlicher Zivilisation.
„Der DFB... tat alles, um (seinen) Sport in den Dienst der
`Bewegung´
zu stellen...
(Doch) in diesem Bemühen hatten die stets autoritär fixierten
Funktionäre... einen Gegner in den eigenen Reihen: den Fussball
(selbst)
– oder besser: die Gesetze des Spiels.
Denn es läßt sich nicht kalkulieren, wer gewinnt.
Die Auswahlmannschaften des DFB jedenfalls fielen ihren Führern
in brauner Uniform immer ausgerechnet dann in den Rücken und
verloren
ihre Spiele, wenn es besonders drauf ankam...!“ (s.
„Stürmen
für Deutschland“ S.8 + 22)
(Am 7. August 1936 unterlag Deutschland
während
des olympischen Fussball-
Turniers überraschend gegen Norwegen.
Hitler hatte sich zum ersten Mal dazu
überreden lassen, einem
Fussballtriumph
live beizuwohnen – es sollte sein letzter
Besuch eines Länderspiels bleiben!
Der Name des Torschützen übrigens, Isaaksen,
der wurde in den meisten deutschen
Publikationen
verschwiegen oder verfälscht –
mußte es denn ausgerechnet auch noch
ein Jude sein!?)
Bisher ist noch kein totalitäres Regime je mit dem Fussball so
recht glücklich geworden, der sich, anders als etwa die
Individualsportarten
aus der Leichtathletik, das Schwimmen oder das Turnen, eben nicht
hinreichend
vorausberechnen und auf sichere Erfolge hin trimmen läßt.
(Eine der Weisheiten von Sepp Herberger lautete
in diesem Sinn: „Warum gehen denn die Leute immer wieder zum Fussball ?
Weil sie nicht wissen, wie’s ausgeht!“)
Außerdem zeigte sich angesichts der Vorliebe der NSDAP für bombastische Großinszenierungen, daß das tumultuöse Geschehen auf dem Rasen überhaupt nicht geeignet ist, sich (nach Siegfried Kracauer) in ein „Ornament der Masse“ sublimieren und ästhetisieren zu lassen. Am ehesten noch die begeisterten Zuschauer-Ränge – aber die wiederum ließen bei aller Ergriffenheit eben doch allzu oft das Erhabene vermissen.
Dennoch unternahm man, wie gesagt, allen Widernissen zum Trotz
alles,
um die Gunst der neuen Sportpolitik zu erringen.
Allerdings ohne durchschlagenden Erfolg.
So scheiterten gesinnungstreue sportarchäologische Versuche,
irgendwelche
„germanischen“ Wurzeln des Spiels auszugraben, ebenso an der Faktenlage
wie die Vorschläge zur Eindeutschung kaum Gehör fanden – etwa
die des Fußballpioniers Konrad Koch:
„Man möchte dünken, daß auch Wotan, Siegfried, Hagen
und Herrmann nicht übele Taufpaten für
Fußballvereine
abgeben könnten!“
(s. „Stürmen für Deutschland“ S.22)
Auf der anderen Seite konnten die Nazi-Propagandisten ein solches
Massenphänomen
natürlich nicht ignorieren. Und so nahmen sie sich des Fussballs
auf
ihre Weise an.
Sie begannen also nach ihrer Weltanschauung gemäße Heroen
zu meißeln und Mythen zu stricken.
Vor allem am Mythos „Fussball & Ruhrpott“ wurde zur Zeit des
Nationalsozialismus
an vielen Fronten gearbeitet: Arbeit & Kameradschaft –
Glückauf
& Schalke 04 !
Doch wie überall im faschistischen Weltbild, so lagen auch hier
die immanenten Widersprüche und Absurditäten nicht tief
verborgen.
Der ehrliche Malocher, der untertage schuftet, um dann nach Feierabend
vergnügt die Fussballstiefel zu schnüren!?
Fritz Szepan dementierte seine eigene Legende einmal kurz und
bündig:
„Mit dem bißchen Kohle, das ich gefördert habe, mit dem
hätte man kaum einen Teller Erbsensuppe aufwärmen
können!“
Und ausgerechnet die stolzen „Amateure“ von Schalke wurden
regelmäßig
in irgendwelche Handgeld- und Bestechungsskandale verwickelt.
Schalke und die „Kohle“!
Auch die schon erwähnten reichlich undeutsch tönenden Spielernamen der Stars unter den Kumpel-Kickern schufen Erklärungsbedarf. Zwar wußte jeder, daß die meisten davon Nachfahren osteuropäischer „Gastarbeiter“ gewesen sind, doch „1934 erklärte die Zeitschrift Fußball die verdächtigen Spieler pauschal zu Deutschen, genauer gesagt: zu Masuren“ (s. „Stürmen für Deutschland“ S.62f) - und Ostpreußen gehöre ja doch irgendwie zur deutschen Scholle.
Gegenüber einem als hinreichend systemkompatibel geltenden Vorzeigeclub wie „Schalke“ galt „Bayern München“ damals übrigens als „Juden-Verein“ (der langjährige jüdische Präsident des FC hieß Kurt Landauer und war kaufmännischer Abteilungsleiter bei den „Münchener Neuesten Nachrichten“ – und gegründet wurde der Club zudem dereinst auch noch im anrüchigen Milieu der Schwabinger Bohème).
Eine weiterreichende Folge der Nazizeit war die Tatsache, daß
Deutschland von den großen Fußballnationen am längsten
versucht hat, am Amateur-Ideal festzuhalten – auch als dies bereits
völlig
anachronistisch geworden war und zu grotesken Verrenkungen führen
mußte.
Am 16.Oktober 1932 hatte der DFB zwar endlich beschlossen, dann doch
eine Profiliga in Zukunft unter seinem Dach zu dulden – allzu absurd
standen
die Realitäten des Fußballgeschäfts dem
verkündeten
hehren Grundsatz mittlerweile entgegen – doch als wenige Monate
später,
am 30.Januar 1933, die Nationalsozialisten die Macht übernahmen,
verschwand
dieses Plazet schnell wieder in der Schublade (wo es dann bis zur
Gründung
der Bundesliga im Jahr 1963 auch verbleiben sollte).
Zu den inhumansten Episoden aus dem 3. Reich zählen die
Berichte
von Fussballspielen in KZs und Kriegsgefangenenlagern.
Eine dieser Geschichten ist mehrfach verfilmt worden – u.a. in einer
Hollywoodproduktion mit Pelé, Bobby Moore, Oswaldo Ardiles,
Kazimierz
Deyna und – als Torwart – Sylvester Stallone.
Der Film „Flucht oder Sieg“ schildert die Niederlage einer
deutschen
Soldatenelf gegen eine Auswahl sowjetischer Gefangener, worunter sich
für
die Nazis dummerweise acht ehemalige Topspieler von „Dynamo Kiew"
befanden.
Das jähe Ende einer großen Fußballkultur bedeutete
der „Anschluss“ im Jahr 1938 für Österreich.
Jüdische Sportvereine wie „Hakoah“ und „Maccabi“ wurden
verboten und auch für einige der berühmtesten Spieler war das
Spiel damit aus.
FRIEDRICH TORBERG: „AUF DEN TOD EINES FUSSBALLSPIELERS“
| Er war ein Kind aus Favoriten und hieß Mathias Sindelar. Er stand auf grünem Platz inmitten, weil er ein Mittelstürmer war. (...) Er spielte Fussball wie kein zweiter, er stak voll Witz und Phantasie. Er spielte lässig, leicht und heiter. Er spielte stets. Er kämpfte nie. (...) Es jubelte die Hohe Warte, der Prater und das Stadion, wenn er den Gegner lächelnd narrte und zog ihm flinken Lauf davon - – bis eines Tages ein andrer Gegner |
Von einem einzigen, harten Tritte fand sich der Spieler Sindelar verstoßen aus des Planes Mitte weil das die neue Ordnung war. Ein Weilchen stand er noch daneben, Er war gewohnt zu kombinieren, Das Tor, durch das er dann geschritten, |
Aus (nicht nur) österreichischem Blickwinkel sahen die
Ereignisse
im Berner „Wankdorf-Stadion“, wie der erwähnte Sindelar-Verehrer
Friedrich
Torberg bezeugte, allerdings etwas anders aus:
„Bei der 1954 in der Schweiz abgehaltenen Fussballweltmeisterschaft
(setzte sich) Deutschland durch seinen 3:2-Sieg über Ungarn an die
Spitze der Weltrangliste... nachdem es in der Vorrunde den
Österreichern
mit 6:1 die vernichtendste Niederlage seit Königgrätz
zugefügt
hatte. Ich war – wie sehr viele andere – vom Sieg der deutschen
Mannschaft
nicht nur überrascht, sondern geradewegs schockiert, und daraus
machte
ich am Expertentisch kein Hehl. In meinen Augen war es ein Sieg des
nüchternen
Zweckfussballs über die technisch ungleich schönere
Spielweise
der Ungarn, ein Sieg der nur aufs Endziel gedrillten Roboter über
die Vertreter der Fussballästhetik. In meinen Augen hatte ein
Kombinationszug
zwischen den ungarischen Ballkünstlern Puskas und Hidegkuti,
auch wenn er zu nichts führte, mehr mit dem Sinn des Spiels zu tun
als ein erfolgreicher Torschuß des bulligen deutschen
Außenstürmers
Rahn. `Es ist das Ende der Poesie im Fussball!´ resümierte
ich!“
(s. Moritz S.86f)
Wie in den meisten anderen gesellschaftlichen Bereichen, so gab es
auch
im DFB keine Stunde Null, sondern sehr bald eine Wiederkehr des
alten Personals.
Und einige davon taten sich ersichtlich schwer mit der für sie
noch sehr ungewohnten neuen Rolle als Demokraten.
„Bei den hohen Idealen, die wir vertreten, hört die Demokratie
auf!“ meinte der erste Nachkriegspräsident des DFB, Peco Bauwens,
und im „Münchner Löwenbräukeller“, bei der offiziellen
Weltmeisterfeier
1954, begann er, etwas angeheitert, plötzlich (wie in den guten
alten Zeiten) davon zu schwadronieren, daß „Wotan, der
Donnergott
der Germanen“ der Mannschaft in Bern beigestanden habe und nur das
„Führerprinzip“
habe diesen glorreichen Sieg ermöglicht. Da wurde es selbst dem
Bayerischen
Rundfunk, der die Rede live übertrug, mulmig, und man brach die
Sendung
kurzerhand ab. ("Wegen einer technischen Panne
muß
die Übertragung aus dem Löwenbräukeller...")
Die "Sixties" und die 70er:
| FRANZ JOSEF DEGENHARDT Verteidigung eines alten Sozialdemokraten gegen ein Flugblatt der APO vor dem Fabriktor: „Ich sag Dir, so geht das nicht“, sagt der alte Sozialdemokrat und spricht: „Natürlich kann ich auf eine Drehbank steigen und loslegen von wegen sicherer Arbeitsplatz und so... Aber angenommen sogar ich bin Fritz Beckenbauer, die hören doch gar nicht hin, die schreien doch Halt den Hals. Ich sag Dir, so geht das nicht... Bei Euch am Theater, na meinetwegen, aber stell Dir mal vor, Bundesliga-Endspiel, Borussia gegen Eintracht, so 5 Minuten vor Schluß kommen ein paar von Euch auf den Platz. Rote Fahnen und so und brüllen: `Schluß mit dem Quatsch, jetzt wird diskutiert!´ Was meinst Du, was da passiert?! Euer Flugblatt!? Wischen die sich den Arsch mit ab! Ich sag Dir, so geht das nicht, sagt der alte Sozialdemokrat...!“ (Auch damals gab es natürlich kein
Bundesliga-„Endspiel“,
auch keinen „Fritz Beckenbauer“ und Vereinsnamen wie „Borussia“ oder
„Eintracht“
dufteten einem politisch bewegten Studenten vor allem nach dem „Muff
von
Tausend Jahren“!) |
Die grundsätzlichen Probleme der Linken mit dem Fussball und
den
Fussballfans hatten wir schon an anderer Stelle angesprochen – und auch
unter dem Personal des DFB der 50er und 60er Jahre fand sich kaum ein
Sympathieträger,
der die rädelsführende studentische Avantgarde vom Gegenteil
hätte überzeugen können.
Und so gab es von „Flower Power“ & APO in der Welt des Fussballs
leider nur einige wenig eindrucksvolle Reflexe.
Bestimmte Spielertypen wie der britische Vorzeige-Hippie George Best
oder hierzulande (eher fehlbesetzt) Günter Netzer und Paul
Breitner,
wurden Medien-Ikonen (- deren langhaarige
Nachahmer
vor allem von der Landbevölkerung ganz gerne einmal
verprügelt
worden sind -) und auch bestimmte
Vereinsimages
(verknüpft mit einer tatsächlich etwas swingenderen
Spielweise)
wie bei „Ajax Amsterdam“ oder „Borussia Mönchengladbach“ wurden
kreiert.
Der Fussball nutzte die Möglichkeiten zur
Veränderung, die sich damals überall in der Gesellschaft
plötzlich
boten aber nur sehr unvollkommen und Anschluss an die dynamischen
Subkulturen,
den fand er nicht wirklich.
(Interessant, sich einmal auszumalen, was alles
hätte geschehen können, wenn sich im gleichen Geist wie sich
damals z.B. die Musik revolutionierte, auch das Fussballspiel
verändert
hätte!?)
DIE 80er JAHRE
Seine schwerste Krise erlebte der Fussball Anfang der 80er Jahre.
Das Interesse an ihm schien immer mehr zu schwinden. Die
Zuschauerzahlen
sanken dramatisch und auch hatte er (nicht nur in Deutschland – aber
vor
allem hier) eine immer schlechtere Presse.
Das Spiel selbst war, zu einem wenig mitreissenden, taktisch
geprägten
Schachmattsetzen des Gegners geworden (vor allem durch Einsatz von
purer
Kraft).
Außerdem dilettierten viele der neureichen Stars damals ziemlich
unbeholfen in der neuen Rolle als Kickermillionär und
vergraulten
viele alte Anhänger, die immer mehr spürten, daß den
Spielern
ihr Verein längst nicht mehr so am Herzen lag, wie ihnen als Fans.
Zudem tauchten die ersten Hooligans auf und verwandelten
Sportereignisse
in regelrechte Schlachtfelder.
Außerdem wären nun gerade die 68er jene Zuschauergruppe
gewesen, welche die Stadien und als Couch Potatoes die
Fernsehsessel
hätte füllen sollen - und unter denen gab es eben weit mehr
Fussballmuffel
als in früheren Generationen.
Das Ende der Agonie kam dann, als (gelinde gesagt) eher fussballferne
Akteure die Bühne betraten – allen voran der Medien-Tycoon Rupert
Murdoch – die beschlossen hatten, auch diesen Sport nun endlich mit
allen
ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln des Marketing und der
Produktgestaltung
zum lukrativen Bestandteil der Popwelt zu machen.
Und es funktionierte mit einer geradezu atemberaubenden Vehemenz.
Auch in Deutschland war den Machern mittlerweile klar geworden,
daß
der Fussball tatsächlich dramatisch an Bedeutung verlieren
würde,
wenn es nicht gelang, ihn nach US-Vorbild zu renovieren. Die
Umbaumaßnahmen
begannen hierzulande schließlich 1988 als RTL die
Bundesligarechte
erwarb und vollendet wurde die Neuinszenierung im Jahr darauf dann bei
und durch Sat1.
ZUR WEITERENTWICKLUNG DES SPIELS
In den 50er Jahren schufen Nationalmannschaften wie Brasilien
(Pelé,
Garrincha, Vava, Didi) oder Ungarn und auf Vereinsebene das
internationale
Starensemble von „Real Madrid“ (Puskas, Di Stefano) gewissermaßen
die klassische Moderne des Fussballs.
Man experimentierte zwar mit Variationen des tradierten Spielsystems,
ohne jedoch die vorgegebene Rollenverteilung umzustürzen. Vielmehr
versuchte man, die Positionen auf dem Spielfeld lediglich mit
möglichst
kreativen und effizienten Akteuren zu besetzen.
Angefangen hatte die Geschichte der Spielsysteme, wie wir gesehen
haben,
im „Volksfussball“, im chaotischen Tumult von oft mehreren Hundert
Teilnehmern.
Im modernen Fussball nach 1863 aber destillierten sich sehr schnell
geordnetere Verhältnisse heraus.
Die Grundbastionen waren bald definiert Torwart – Abwehr – Mittelfeld
– Angriff.
Wobei das Mittelfeld sich als das kreative Zentrum des Spiels
entwickeln
konnte, da die fussballspezifische Abseitsregel (im Gegensatz etwa zum
Handball) ein möglichst geschicktes Agieren im Mittelfeld zur
Angriffsvorbereitung
quasi erzwungen hatte.
Zuerst gab es allerdings – wie beim Rugby – dann doch nur ein mehr
oder weniger strukturiertes Anrennen:
Das 1-1-8- wurde bei vorsichtigeren Teams auch schon einmal zu einem
1-2-7-System modifiziert, doch gab es in den ersten Jahrzehnten des
Spiels
noch kein einigermaßen ersichtliches Gleichgewicht zwischen
Offensiv-
und Defensiv-Abteilung.
Anstürmen macht eben unbestritten weit mehr
Spaß!
Erst mit der Professionalisierung erhielten auch strategische
Erwägungen
und geometrische Vorüberlegungen ein immer größeres
Gewicht.
Die schottische Avantgarde setzte Ende des 19. Jahrhunderts (immer
noch im Hurra-Stil) auf ein 2-2-6 – in England baute man die
sogenannte
„Paßpyramide“ (2-3-5) – bis dann der erste moderne Trainer,
Herbert
Chapman, bei „Arsenal London“ in den späten 20er Jahren das
für
lange Zeit stilbildende WM-System entwickelte.
Damit setzte er den Standard, bis das englische Selbstbewusstsein am
25. November 1953 schwer erschüttert werden sollte.
Zum erstenmal verlor man zu Hause gegen eine Mannschaft vom Kontinent:
3 zu 6 gegen Ungarn!
Und die Ungarn spielten – ebenso wie die Brasilianer bei ihren
spektakulären
WM-Auftritten mit Pelé – ein symmetrisches 4-2-4-System, das vor
allem im nominell dünn besetzten Mittelfeld schöpferische
Freiräume
für überraschende Spielverlagerungen offen hielt.
Allerdings setzte sich damit auch ein gewisser Defensivtrend durch,
der weiter führte zum 4-3-3 und zum (in Deutschland lange
präferierten)
3-5-2-System.
(Einem Fernsehzuschauer werden diese Dimensionen
des Spiels allerdings immer verborgen bleiben, da die Kamera immer nur
einen actiongesättigten Ausschnitt einfängt – und so
gut
wie nie die Gesamtkonstellationen zeigt!)
In Italien, wo schon früh sehr viel Geld im Spiel war, und
Niederlagen
dementsprechend teuer zu stehen kamen, setzte man entschlossen auf
Strategien
und Taktiken der Risikominimierung. Biermann & Fuchs bezeichnen,
wie
schon erwähnt, in ihrem Buch „der Ball ist rund“ den
Defensiv-Riegel
„Catenaccio“ 5-3-2 (den Helenio Herrera bei „Inter Mailand“ exzessiv
und
publikumsverachtend anwandte) als die „Geburt des Bösen im
Fussball“.
Etwas wesentlich Neues entwickelte sich dann aber in den späten
60er Jahren in den Niederlanden. Bei „Ajax Amsterdam“ (Cruyff) und
übertragen
in die holländische Nationalmannschaft machte eine Spielweise
Furore,
die man wegen ihres verblüffend flexiblen Stils, den „totalen
Fussball“
nannte.
Auffallend war dabei vor allem, daß nun auch die Abwehrspieler
befugt und befähigt waren, sich immer wieder mit ins Angriffsspiel
einzuschalten. Und darüber hinaus sollte prinzipiell jeder
Spezialist
(mit Ausnahme des Torhüters) auch andere Rollen übernehmen
können,
wenn es die Spielsituation anbot.
Das holländische Publikum wollte einen frei gestalteten, virtuosen
Fussball sehen, der nicht nur Solisten in Szene setzte, sondern immer
auch
ein lustvoll agierendes Kollektiv.
Daß dieser Stil nebenbei auch noch äußerst erfolgreich
war, schien den Zeitgeist dieser bewegten Epoche zu bestätigen.
(Bayern verlor gegen Amsterdam bei
Europapokalbegegnungen
ein ums andere Mal. Schließlich wuchsen auch in der Bundesliga
Zentimeter
um Zentimeter die Haare – und dann, leider nur für ein paar kurze
Jahre, spielte auch einmal eine deutsche Nationalmannschaft – mit der
EM
1972 als absolutem Höhepunkt – einen mitreißend schönen
Fussball. Alle Welt rieb sich darob verdutzt die Augen! Und auch das
vermutlich
beste Spiel zweier Vereinsmannschaften hierzulande fiel in diese
Blütezeit:
das Pokalfinale 1973 zwischen Günter Netzer’s „Borussia
Mönchengladbach“
und Wolfgang Overath’s „1 FC Köln“.)
Damit hatte man das Ende der starren Systeme eingeläutet, doch
war damals die Realisierung dieser zukunftsweisenden Idee noch
limitiert
durch die begrenzten athletischen Möglichkeiten (auch der
Profi-)Fussballer.
Vielleicht gottlob!?
(Was etwa ein Paul Breitner als stürmender
Verteidiger an Potential erst anzudeuten vermochte, wurde erst zwanzig
Jahre später durch ein kraftmaschinengestähltes Powerpack
wie Roberto Carlos vollendet.)
Inspiriert davon entwickelte man immer neue Konzepte und
Rollenbeschreibungen.
Hierzulande wurde vor allem die (in Italien schon länger
angedachte)
Idee eines „Libero“ (Nr. 5) mit Franz Beckenbauer in der Hauptbesetzung
erstmals idealtypisch verwirklicht. Man gab einem (möglichst
brillanten
und mit hinreichend Spielintelligenz ausgestatteten) Innenverteidiger
(der
zuvor noch als sogenannter „Ausputzer“ rein liquidierende Aufgaben
versehen
hatte) neue kreative Gestaltungsräume in der Offensive -
allerdings
zunächst mit der kehrseitigen Folge, daß der andere der
beiden
zentralen Abwehrspieler fortan als „Vorstopper“ („Es
ist kein Mensch, es ist kein Tier, es ist die Nummer 4 !“) einen
umso gröberen Klotz abzugeben hatte (- also gewissermaßen
eine
asymmetrische Verteilung des Konstruktions- und Destruktionspotentials
in den hinteren Reihen).
Um den angefangenen Weg zum „totalen Fussball“ weiter voranzukommen,
mußte man, wie bald klar wurde, den Trainingsaufwand vor allem im
konditionellen Bereich enorm steigern. Und auf dieser nächsten
Etappe
gingen die Deutschen dann am entschlossensten voran. Wobei die
(ästhetische)
Qualität des Spiels sich zunächst allerdings wieder
zurück
entwickelte, da es vor allem die Verteidiger (und defensiven
Mittelfeldspieler)
waren, welche von ihrer neuen Power am effektivsten Gebrauch machten.
Zusammen mit einer taktischen Grundausrichtung, die das Tore verhindern
unverhohlen vor das Tore erzielen setzte, stagnierte das Spiel seit
Ende
der 70er Jahre.
Eine (auch aus soziologischem Blickwinkel höchst interessante) Sonderstellung nahm in den 80ern die Sowjetunion ein. Dort gelang es Valeri Lobanowski mit „Dynamo Kiew“ (später - bis auf den Torhüter - identisch mit der Nationalmannschaft) ein dem russischen Eishockey nachempfundenes Rasenschach zu zelebrieren - mit ungeheuer schnellen Spielzügen und ungeheuer schnellen Spielern (wie Igor Belanov), die sich beinahe blind verstanden und nach perfekt einstudierten Winkelzügen zu kombinieren vermochten. Dieses Modell überlebte (im Fussball ebenso wie im Eishockey) das Ende des real existierenden Sozialismus nicht. Mit dem Ende dieses Gesellschaftssystems fehlten plötzlich die dazu notwendigen Voraussetzungen. Seither ist es auch in Kiew oder Moskau nicht mehr möglich, eine Mannschaft über viele Jahre zusammenzuhalten, auf derart hohem Niveau auszubilden und wachsen zu lassen.
Daneben (und als Gegenbild dazu) erlebte die Sportwelt zeitgleich mit Diego Maradona aber auch den letzten überragenden Alleinherrscher auf dem Fussballplatz.
Im Grunde aber war es eben doch die Ära des deutschen
Fussballs!
(Der englische Stürmer Gary Linecker brachte
die tiefe Resignation der internationalen Sportwelt einmal lakonisch
auf
den Punkt, indem er sagte:
„Fussball, das ist ein einfaches Spiel, bei dem
22 Spieler mit einem Ball gegeneinander antreten, und zuletzt gewinnen
immer die Deutschen!“)
Erst als schließlich ballfertigere und per se offensiver
orientierte
Spielkulturen wie Brasilien, Argentinien und seit Mitte der 80er Jahre
dann vor allem die afrikanischen Staaten den leichtathletischen
Rückstand
aufgeholt hatten, erlebte auch das Virtuosentum auf dem Rasen eine
Renaissance.
(Symptomatisch für diese Trendwende war
es, als plötzlich die großen Clubs „schwarze Spieler“ nicht
mehr nur als ballverliebte Zauberer und Publikumsattraktion in der
Offensive
eingekauften, sondern für viel Geld und wohl durchdacht als die
besseren
Abwehrspieler.)
Zum Status Quo:
Heute hat sich die Laufleistung der Spieler (verglichen mit den 70er
Jahren) etwa verdoppelt, wodurch vor allem solche Taktiken umsetzbar
geworden
sind, die in erster Linie darauf abzielen, den Angreifer in
ständiger
Überzahl zu bedrängen.
Als Modetermini kursieren in Fussballkreisen seither Begriffe wie:
wie das Pressing (ein dem Forechecking
beim Eishockey abgeschautes, kraftraubendes Attackieren schon weit vor
dem eigenen Strafraum)
die Raumdeckung (im Gegensatz zur bis
dahin üblichen – auch für schlichtere Geister durchschaubaren
– Manndeckung wird nun versucht, variabel und dynamisch
gewissermaßen
Planquadrate zu besetzen, immer dort, wo der Ball ist, eine
Überzahl
herzustellen. Der Manndecker mußte stets nur das Weiße
im Auge des Feindes sehen, während der Raumdecker
dagegen
immer konzertiert agieren muß mit seinen Verteidigerkollegen)
das Verschieben (das gleiche Prinzip auf
größerem Raum – wobei versucht wird, durch das
ballorientierte
Verschieben der ganzen Mannschaft den bespielbaren Raum für das
gegnerische
Team möglichst einzuengen / s.u. Graphik: "Raumverteilung im
zeitgenössischen
Fussball")
oder, vielbeschworen und oft diskutiert,
die Viererkette (als letzte
Verteidigungslinie,
die sich viel schneller als eine tief gestaffelte Formation nach vorne
verschieben läßt).
1-1-8-System ![]() |
1-2-7 ![]() |
2-3-5 ("Paß-Pyramide") ![]() |
WM-System (wg. der zwei darin versteckten Buchstaben) ![]() |
4-2-4 ![]() |
4-3-3 ![]() |
"Catenaccio" ![]() |
Durch die Taktik des "Verschiebens" verengt sich der
bespielbare
Raum im heutigen Fußball ![]() |
| FOOTBALL Neil Innes & Eric Idle ("Monty Pythons") I throw house bricks for The Arsenal I chuck lead pipe for West Ham I kick and maim for Chelsea I kill for Tottenham I drop bottles for United on the crowd from up above Yes football is the game that we all love I razor slash for Sheffield
Yes football is the game that we adore |
We all love football Kill rape slash AHH We all love football Shoot stab boot AHH Football is the game that we adore I hack limbs off for Newcastle
We all love football Bomb hurt kill
|
Zitate aus der „Innenschau“ eines eloquenten Fussballfanatikers -
NICK HORNBY „FEVER PITCH / BALLFIEBER“:
„`Woran denkst Du?´ fragt sie. In diesem Augenblick lüge
ich. Ich habe überhaupt nicht an... die Labour Party gedacht. Was
soll’s, Besessene haben keine Wahl, sie müssen in solchen
Augenblicken
lügen. Wenn wir jedesmal bei der Wahrheit blieben, wären wir
nicht in der Lage, Beziehungen zu irgend jemandem aus der wirklichen
Welt
aufrechtzuerhalten. Wir würden zurückbleiben, um mit unseren
Arsenal-Programmheften (und) unserer Sammlung von Originalaufnahmen des
Stax Blue Labels... (- die Soul- /
R&B-Plattenfirma
„Stax“ verwendete für die altehrwürdigen Monoaufnahmen ihrer
Stars „Booker T. & The MGs“, Rufus Thomas oder „Sam & Dave“ das
„Blue“- und für die moderneren Stereo-Aufnahmen das
„Yellow“-Label)
zu
verfaulen. Unsere... Tagträume würden länger und
länger
und länger, bis wir unseren Job los wären und aufhören
würden
zu baden... Die Wahrheit ist: Während alarmierend großer
Abschnitte
eines durchschnittlichen Tages bin ich ein Schwachsinniger... (S.12)
Im Mai 68 (natürlich ein Datum mit Beigeschmack, obwohl ich noch
immer eher an Jeff Astle als an Paris denke), kurz nach meinem elften
Geburtstag,
fragte mich mein Vater, ob ich mit ihm zum FA-Cup-Finale... gehen
wolle...
Ich sagte ihm, daß Fussball mich nicht interessiere...
wahrheitsgemäß,
so weit mir bewußt war. Allerdings sah ich mir (dann)
eigenartigerweise
das ganze Spiel trotzdem im Fernsehen an. Ein paar Wochen später
verfolgte
ich mit meiner Mutter gebannt das Europapokalfinale der Landesmeister
zwischen
Manchester United und Benfica... Ich liebte Bobby Charlton und George
Best
(ich wußte nichts von Dennis Law, dem dritten der Heiligen
Dreifaltigkeit...)
mit einer Leidenschaft, die mich vollkommen unerwartet getroffen
hatte...(S.19)
Ich erinnere mich an die überwältigende Männlichkeit
der ganzen Geschichte – Zigarren- und Pfeifenrauch, verdorbene Sprache
(Worte, die ich zwar schon gehört hatte, aber nicht von
Erwachsenen
und nicht in dieser Lautstärke)...(S.24)
Es war aber nicht der Umfang der Zuschauermenge oder die Tatsache,
daß Erwachsene das Wort `WICHSER´ so laut sie wollten
schreien
konnten..., was mich am stärksten beeindruckte, sondern wie sehr
die
meisten Männer um mich herum es hassten, wirklich hassten, hier zu
sein. Soweit ich das beurteilen konnte, schien keiner irgend etwas von
dem, was während des gesamten Nachmittags geschah, auf die Art zu
genießen, wie ich das Wort verstand... Der natürliche
Grundzustand
des Fussballfans ist bittere Enttäuschung, egal wie es steht...
Sich
zu amüsieren, indem man leidet, war für mich ein vollkommen
neuer
Gedanke... (S.25ff)
Warum war ich so ernsthaft? (Sonst war ich überall ein Kind)...
Die simple Wahrheit ist, daß Besessenheit eben nicht lustig ist
und
daß Besessene nicht lachen... Ich wollte beim Fussball einfach
keinen
Spaß haben. Ich hatte überall sonst Spaß, und es hing
mir zum Hals raus. Was ich mehr als alles andere brauchte, war ein Ort,
an dem ziellose Unglückseligkeit gedeihen konnte. Ein Ort, an dem
ich still sein, mir Sorgen machen und den Kopf hängen lassen
konnte.
Ich war melancholisch, und wenn ich meinem Team zuschaute, konnte ich
die
Melancholie auspacken und ihr etwas Auslauf verschaffen...(S.56f)
Die Hauptsache ist, daß du einen Glauben hast!...(S.29)
(Dahinter steckte auch das) Phänomen der
Pseudozugehörigkeit,
bei dem Vergangenheit und Hintergrund konstruiert und zurechtgebogen
werden,
um eine Art von akzeptabler, kultureller Identität zu erzeugen.
Wer
war es, der `I wanna be black´ gesungen hat? (Lou
Reed war’s) Der Titel sagt alles...In den 70er Jahren begannen
junge,
intelligente und ansonsten selbstbewußte weiße Männer
und Frauen in London ein jamaikanisches Provinzidiom anzunehmen, das
ganz
offen gesagt überhaupt nicht zu ihnen paßte.
(Allen voran übrigens ausgerechnet
die Skinheads!)
Wie wir alle wünschten, wir kämen aus den Ghettos von
Kingston,
den Wohnbauprojekten Chicagos oder den heruntergekommenen Straßen
von Nordlondon... All die Punkrocker mit Privatschulausbildung, die
ihre
Hs nicht aussprechen und die Vokale verhunzen!... (Gymnasiasten) und
Gymnasiastinnen
betraten einen luftleeren Raum, keine der verfügbaren Kulturen
schien
zu uns zu gehören, und wir mußten uns schnell eine klauen...
(S.63ff)
Du magst Fussball? Dann magst du auch Soul, Bier, Leutevermöbeln,
Frauen-an-den-Busen-Grabschen... Du bist ein... Cricketfan? Dann
gefallen
dir die Dire Straits und Mozart und du liebst Wein,
Frauen-in-den-Hintern-Zwicken...
Theoretisch ist es möglich, zum Beispiel Fussball, Soul und Bier
zu
mögen, aber Busengrabschen und Pozwicken zu verabscheuen (aber
auch
umgekehrt, wie man leider zugeben muß)...(S.107f)
Der Fussball hat mich einiges gelehrt. Ein Großteil meiner
Kenntnisse
über Orte in Großbritannien und Europa stammt nicht aus der
Schule, sondern von Auswärtsspielen... und der Hooliganismus hat
mir
sowohl eine Vorliebe für Soziologie als auch ein gewisses
Maß
an Erfahrung in Sachen Feldforschung gegeben... (S.94)
Ich habe Freunde, die stehen (meiner Passion) besonders ablehnend gegenüber, weil ich dazu tendiere, den metaphorischen Wert des Fussballs zu überschätzen, und ihn deshalb in Unterhaltungen einführe, in die er einfach nicht hineingehört. Ich akzeptiere mittlerweile, daß Fussball keine Relevanz... für den Golfkrieg, die Geburt von Kindern, die Ozonschicht... etc. etc. besitzt, und ich möchte die Gelegenheit ergreifen, mich bei all denen zu entschuldigen, die sich meine pathetisch überspannten Analogien anhören mußten... (S.14)!“
KUTTEN, HOOLIGANS & ULTRAS:
Der moderne Fussball-Fan entstand im England der 60er Jahre.
Bis dahin waren die Anhänger eines Vereins zumeist die erwachsenen
männlichen Eingeborenen des jeweiligen Ortes (jene, die zu alt
oder
zu unsportlich waren, um selbst aktiv zu sein) - bzw. die Väter
nahmen
ihre Söhne zum „Schlachtenbummeln“ mit.
Erst als die „Halbstarken“-Revolte der späten 50er die Welt
verändert
und Teile davon in Besitz genommen hatte, schlossen sich auch auf dem
Fussballplatz
Jugendliche zu relativ autonomen Peer-Groups zusammen und kreierten
eine
eigenständige Subkultur mit exklusiven Codes und Ritualen.
Die Wissenschaft rekurrierte bei ihren Erklärungsversuchen damals
(hier wie auch z.B. beim Phänomen „Rock’n’Roll“) geradezu
reflexartig
und naheliegenderweise auf ethnologische Modelle.
Im diesbezüglichen Standardwerk „The Soccer Tribe“ (1981) von
Desmond Morris (übrigens Zoologe von Hause
aus)
stellen sich das Spiel und die Fanszene dar als eine Transformation
alter
„Stammeskulturen“ in unsere modernen Zeiten. Zur Kompensation
emotionaler
Defizite der Industriegesellschaft (mit ihrer entfremdeten Arbeitswelt)
versuchen die Jugendlichen eben dort, in archaischer Form Aggression,
aber
auch Begeisterung ungehemmt auszuleben und auch Riten nach
urgeschichtlichem
Vorbild zu reanimieren.
KUTTEN
Als Inbegriff für die Mitglieder eines solchen „Fussball-Stammes“
galten bald die „Kutten“ mit ihren trophäen-, insignien- und
nietenbestickten
Jeansjacken (angelehnt nicht zufällig an die Motorradrocker-Kluft)
und ihrem „Six-Pack“-Image.
(Notabene: PROST ist ein Anagramm zu SPORT!)
HOOLIGANS
Zwar waren Fussballanhänger immer schon als Krawallbrüder
verschrien, aber der in den 80er Jahren schlagzeilenträchtig
aufkommende
„Hooliganism“ hatte eine wesentlich neue (bedrohliche) Qualität.
Nicht
mehr die Verehrung eines Vereins oder einer Mannschaft stand im
Vordergrund,
sondern die Wochenendrandale wurde zum Selbstzweck – völlig
unabhängig vom Spielverlauf einer Partie.
Organisierte und zuvor verabredet Schlachten bildeten das Zentrum
dieser
Szene.
(Der Begriff „Hooligan“ bezieht sich
übrigens
vermutlich auf eine berühmt-berüchtigte irischstämmige
Familie
von Raufbolden mit Namen „Houlihan“, die im 19. Jahrhundert im Londoner
East-End ihr Unwesen getrieben hatte!)
(Und in Italien, da nennt man die Fans, wie man
weiß, “Tifosi“ = vom Typhus Befallene!)
Einige Jahre zuvor schon hatte das Auftauchen von Skinheads das
Klima
in den Fankurven verschärft, wie auch NICK HORNBY beschreibt
(S.52ff):
„Leider war die Schoolboys’ Enclosure (für
Jugendliche reservierte Ränge) 1970, als Glatzen und
Doctor-Martens-Springerstiefel
(ein
typischer Fehler in der deutschen Übersetzung:
Doc Martens
sind eben gerade keine Militärtreter, sondern zivile
Arbeitsschuhe!)
auf
den Stehplatztribünen aufzutauchen begannen, kein gemütlicher
Ort mehr. Der kleine, enge Abschnitt... war praktisch eine
Brutstätte
für zukünftige Hooligans... Damals empfand ich ein tiefes
Gefühl
der Enttäuschung..., daß manche Leute dem Fussball offenbar
nicht aus den richtigen Gründen beiwohnten!“
ULTRAS
In den 90ern dann entstand in italienischen Stadien die
„Ultra“-Bewegung
mit ihrer eindrucksvollen Choreographie und Pyrotechnik.
(Der Begriff „Ultra“ wird daneben gelegentlich
auch von Hooligans benutzt – im Sinne von „ultra-brutal“oder
„ultra-hart“!)
Das Fanzine „11 Freunde“ (Nr.9 - 2001) faßt die Entwicklung der
Fansubkulturen unter der Überschrift „Ultras vs Kutten“ zusammen:
„Noch in den Siebzigern waren die deutschen Stadien sehr
übersichtlich
aufgeteilt, in den Fanblock und die Anderen. Wer singen und klatschen
wollte,
stellte sich zu den anderen, die singen und klatschen wollten. Und
jeder
im Fanblock hätte die Idee wohl einigermaßen absurd
gefunden,
den Nebenmann zu fragen, was er denn bitte sei: Normalo, Kutte,
Hooligan
oderUltra.
Anything
goes, damals. Aber wer zum Fussball seine Jeansweste mit den
sorgfältig
aufgenähten Stickern anzog, konnte sicher sein, damit im Stadion
nicht
allein zu sein. Kutten, ob mit Troddeln an den Armen oder Nietenleiste
an der unteren Naht, trug jeder, der etwas auf sich hielt... Doch
Anfang
der Achtziger Jahre tauchten plötzlich Fans auf, die anders
waren...
Jungs, die auf den englischen Dresscode schwörten und
überhaupt
wenig mit den traditionellen Fans gemeinsam hatten – die ersten
Hooligans.
Sie waren eine Provokation, eine Kampfansage, der komplette
Gegenentwurf
zur schmuddeligen Proll-Kultur der Kuttenfans. Statt der alten Jeans
eine
neue Chevignon-Jacke, statt der Rockerstiefel teure Turnschuhe. Es ging
nicht mehr ums Anfeuern, ums Singen und Fahnenschwenken, sondern um den
Fight, den Städtekampf mit den Fäusten. Der Kampf um die
Macht
in den Kurven war schnell entschieden. Der Entschlossenheit,
Rivalitäten
immer und jederzeit mit den Fäusten auszutragen, hatten die Kutten
wenig entgegenzusetzen. Zumal entstanden im Sog der Katastrophe von
Heysel
in jeder größeren Fanszene oft hundert, zweihundert Mann
starke
Mobs, die nur noch an Kleinigkeiten als Fans eines Vereins zu erkennen
waren. Und Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger Jahre verging kaum
ein Spiel ohne Jagdszenen auf den Straßen... Die Schalker
Gelsenszene
gegen die Borussenfront aus Dortmund, die Adlerfront aus Frankfurt
gegen
die Sturmtruppen aus Mönchengladbach...
(In den späten Neunzigern dann) tat sich wieder ... etwas in den
Fankurven...
Und erstmals kam es nicht aus England, wie bislang jeder Trend, sondern
aus Italien...: der Ultra-Gedanke! ... Jeder hatte schon mal im
Fernsehen
diese Bilder aus Mailand, Turin oder Rom gesehen. Kurven voller Fahnen
und Transparente, eingehüllt in Rauch und Feuer... Choreographien
mit Papptafeln, Bändern und aufgeblasenen Mülltüten
hielten
(dann, vor vier Jahren, auch in unseren Stadien) Einzug... Neue Lieder
wurden gesungen und Jungs mit Megaphon in der Hand koordinierten die
Darbietungen...
Vor allem die traditionellen Fanclubs beobachteten mit Argwohn,
daß
sich gleich nebenan eine junge und beneidenswert aktive Fanszene
etablierte...
Und das ohne all die alten Strukturen, ohne Treffen in verrauchten
Hinterzimmern,
auf denen der Kassenwart gewählt und der Vorstand entlastet
wird...
Natürlich, es gibt Ordnungsstrukturen und gewählte Capos, die
die Busse organisieren und Entscheidungen über die Choreographien
treffen...
Doch steht der Spaß im Vordergrund...
Wer (jedoch) vermutete, hier habe die Spaßgesellschaft eine
Schneise
in den Fanblock geschlagen, sah sich... getäuscht. In ihrer
rigorosen
Ablehnung der Kommerzialisierung übertreffen sie sogar noch die
(Alten),
man wird keinen ernsthaften Ultra finden, der die Merchandise-Produkte
des Vereins spazieren führt. Und ihre Reifeprüfung legten sie
in den ersten Monaten dieses Jahres (2001) ab.
Der Protest `Pro 15:30´ (d.h. die Bundesliga hat am Samstag
zwischen
halb Vier und Viertel nach Fünf stattzufinden!) gegen den (von Leo
Kirch) zerfledderten Spieltag (um möglichst viele Live-Begegnungen
in `Premiere´ anbieten zu können) wurde maßgeblich von
ihnen getragen. Wochenlang beherrschte das Aufbegehren gegen die Macht
des Fernsehens... die Schlagzeilen und nur selten hatten die Fans so
das
Gefühl, gemeinsam etwas erreichen zu können. (Am 8. April
2002
musste Leo Kirch Insolvenz anmelden!)...
Inzwischen ist deutlich geworden, daß der Siegeszug der Ultras
die Stadien weiter parzelliert hat... In Köln etwa, wo die
traditionellen
Fans, die Fahnen schwenkenden Anhänger mit Schal und Mütze,
in
der Südkurve stehen, die Hooligans jedoch ihre Plätze
gegenüber
in der Nordkurve einnehmen. Die Ultras der `Wilden Horde´
wiederum
sitzen im Oberrang... Und keiner käme auf die Idee, die Grenzen
dieser
Milieus aufzuweichen.
Dabei beharken sich... vor allem die Ultras und die traditionellen
Fans...
Die Ultras halten die traditionellen Fans für unkritisch,... weil
sie die Trikots und Feuerzeuge kaufen, die im Fanshop angeboten
werden...
Aber auch der Vorwurf an die Ultras des elitären Auftretens ist
nicht von der Hand zu weisen. Vielerorts gibt es einen
unausgesprochenen,
aber streng eingehaltenen Dresscode und spontanes Mitmachen wird eher
argwöhnisch
beobachtet.
So sind in vielen Stadien Monokulturen frisch rasierter
Oberschüler
entstanden...
und in ihrem Bemühen, dem Kommerz zu entsagen, verklären
viele den Amateurfussball zur guten Gegenwelt... Das treibt mitunter
merkwürdige
Blüten, so feuern Berliner Ultras mittlerweile die 2.
Amateurmannschaft
von Hertha BSC an und beschuldigen die 1. Amateurelf des Kommerzes...
Der Ultra-Gedanke (jedenfalls) ist mittlerweile ein Mythos...
(Es ist) eine Jugendkultur wie Skins, Punks oder Skater... Ultra zu
sein, ist eine Lebensauffassung!“
Im US-Sport, der von Anfang an konsequent rein kommerziellen Interessen zugerichtet worden ist, und der stets wohlkalkuliertes Entertainment für die ganze (zahlende) Familie sein sollte, hat es (trotz des oft martialischen Heroenkultes der NBA- oder NHL- Events) den ungezügelten Fan wie in Europa oder Südamerika nie gegeben. Dort hat man es immer verstanden, das Aufkommen einer eigenständigen kreativen Fankultur mit allen Mitteln zu unterbinden, vor allem indem man vorab schon jeden Augenblick eines Sportereignisses professionell durchinszeniert und so den Zuschauer in eine reine Konsumentenrolle ohne eigenen Gestaltungsspielraum zwingt!
Neben der anthropologisch-ethnologischen „Stammestheorie“ gab es schon früh auch einen religiös-theologische Erklärungsansatz. Und während Erstere das Kriegerische der „Schlachtenbummler“ betont, stellt die Religionsanalogie die „Verzückung“ der Fans ins Zentrum ihrer Phänomenbeschreibungen und Analysen.
HORNBY: „(Ich verspüre) die Versuchung..., in ein warmes Bad zu springen, das die gelöste Essenz von Kenneth Wolstenholme enthält...!“ (S.38)
Giovannino Guareschi in seinem Roman „Don
Camillo
und Peppone“:
Don Camillo stürmt nach einem verlorenen
Spiel gegen die Mannschaft seines Erzfeindes Peppone, des
kommunistischen
Bürgermeisters, zornentbrannt in die Kirche.
„`Wie soll man nicht vor Wut platzen, wenn man
sieht, daß eine solche Mannschaft verliert... glaube mir, es ist
herzzerreißend und schreit um Rache zu Gott!´
`Don Camillo´, ermahnte Christus
lächelnd.
`Nein, Du kannst mich nicht verstehen... Der
Sport ist eine Sache für sich. Wer darin steckt, der steckt eben
darin,
und wer nicht darin steckt, der steckt halt nicht darin. Drücke
ich
mich klar aus?´
`...Ich verstehe Dich so gut, daß ich...
Na gut, wann ist das Revanchespiel?´
Don Camillo sprang auf, und das Herz quoll ihm
vor Freude über.
`Sechs zu Null !´ schrie er. `Sechs
Bälle, die sie nicht einmal an den Torstangen vorbeifliegen sehen
werden! So wie ich jetzt diesen Beichtstuhl dort treffe!´
Er warf seinen Hut in die Luft, und, ihn mit
dem Fuß im Fluge erreichend, jagte er ihn durch das Fenster des
Beichtstuhls.
`Tor!´ sagte Christus lächelnd!“
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FUSSBALL &
RECHTSEXTREMISMUS
Torsten Lemmer – ehemals Manager der Düsseldorf-Andernacher
Skin-Combo
„Störkraft“ und rührigster Rechtsrockproduzent - schrieb 1994
in seinem Buch „Skinhead Rock – Eine notwendige Klarstellung über
nonkonforme Musik“ (S. 29+116):
“Zu Beginn der nonkonformen rechten Rockmusikgeschichte, Anfang der
80er Jahre, hörten zumeist Skinheads und Leute aus dem
gewalttätigen
Fussballumfeld sowie versprengte alte Ragnaröck-Fans (Ragnaröck
= Götterdämmerung, so hieß Ende der 70er die
erste
einschlägige Rechtsrockband in Deutschland – damals noch eine
reichlich
abseitige Kuriosität!) und parteigebundene Jugendliche
rechte
Rockmusik... Erst ab ca.1984/85 versuchten die Böhsen Onkelz
u.a. zum Thema Europameisterschaft 1984 und Fussballrandale Fans der
runden
Lederkugel (im weitesten Sinne) an sich zu binden...“
Und dann gab er als erfolgreicher Geschäftsmann noch einen Tipp
an seine Gesinnungsgenossen:
„Die Tonträgerproduzenten sollten durch überlegte und gut
plazierte Werbeanzeigen auf sich aufmerksam machen. So könnte man
sich vorstellen, daß z.B. auch eine gezielte Werbeanzeige in
gewissen
Sportfachblättern... ein neues Publikum ansprechen würde.
Gezielt
wäre dies möglich, wenn beispielsweise eine nonkonforme
Musikgruppe
einen Tonträger mit Texten zu einem Sportereignis wie der
Fussballweltmeisterschaft
herausbringt. Dieser Versuch wäre es wert, denn hier besteht nicht
der direkte Verdacht, mit rechtem Gedankengut in Verbindung gebracht zu
werden. Zum Teil fließen hier auch Erfahrungswerte ein, die auf
Recherchen
bei einschlägigen Sportblättern beruhen. In diesem Fall
würde
eine Veröffentlichung der Werbeanzeige stattfinden, ohne daß
nachgeforscht wird, ob der Hintergrund nun rechts, links, oben oder
unten
ist. Man erreicht somit ganz unbedarfte Leute und kann sie an rechte
Gedanken
heranführen...“ (Im gleichen Jahr spielte
er
selbst - quasi als Exempel - mit Musikanten der Bands "Störkraft",
"Rheinwacht" & "08/15" den Titel "WM-Blöker 1994" ein!)
Auch wenn die hier angedachte Strategie bislang keine nennenswerten
Erfolge zeitigte, der Fussballfan war und ist als vielversprechende
Zielgruppe
stets im Fokus rechter Parteien und Aktivisten. Sein offenbares Faible
für Massen-Ekstase einerseits und sein Biotop - gesättigt mit
Aggressivität, Machismo, Ritual und Stammesbrüderschaft(
Wir vs Die )- erscheinen vor allem Rechtsextremisten als Beweis
für seine weltanschauliche Anfälligkeit.
| FUSSBALL UND GEWALT
(“Böhse Onkelz“) Samstag Mittag, Stadionzeit. Schnaps und Bier, wir machen uns bereit. Linie 13 total überfüllt, am Stadioneingang nach Waffen gefilzt. Wir stehen in unserm Block und singen unsre Lieder. Wir schwören auf unsere Farben und machen alles nieder. Fußball und Gewalt. Blutige Schlacht mit dem Feind. Fußball und Gewalt. Das Spiel ist aus, wir stehen am Bierstand. Das Stadion ist in unserer Hand. Wir warten auf unsere Gegner, Siege feiern können wir erst später! |
| FRANKREICH 84 („Böhse Onkelz“) Im Sommer 84 fahren wir nach Frankreich, um unsere Nationalelf siegen zu sehen und für unser Land gerade zu stehen. Fußball-Europameister, es gibt nur einen, Deutschland heißt er. Deutschland, Deutschland ist die Macht! Ja, wir sehn uns in jedem Fall im Sommer 84 beim Frankreichüberfall. Laßt uns unsre Fahne hissen, unserem Gegner vor die Füße pissen. Zeigt ihm, zeigt ihm, wer wir sind. Fußball-Europameister, es gibt nur einen, Deutschland heißt er. Deutschland, Deutschland ist die Macht! |
14 Jahre später war dann erneut Frankreich Ausrichter eines Großereignisses:
(
http://www.nadir.org/nadir/periodika/aib/archiv/41-60/aib48/pdf/48_Fussballrandale.pdf
)
„Fussball-WM in Frankreich 1998
Nach dem Spiel Deutschland - Jugoslawien am 21. Juni 1998 in Lens
verprügelten
deutsche Hooligans den Polizisten David Nivel... Hier gab es offenbar
eine
Planung von Seiten bundesdeutscher Nazihooligans. So hatte der
`Siegener
Bärensturm´, dessen führende Köpfe der
NRW-Verfassungsschutz
der `Sauerländer Aktionsfront´ zurechnet, per Internet zum
`Frankreichüberfall´
eingeladen und Mitfahrgelegenheiten zum Spiel nach Lens angeboten (zum
Service gehörte dabei, die Grenzkontrollen, mit denen polizeilich
bekannte deutsche Hooligans abgefangen werden sollte, zu umgehen),
da dort `Gerüchten zufolge serbische und englische Hooligans
kroatischen
und deutschen Froinden (zum Begriff „Oi“ s.u.)
der
3ten Halbzeit Paroli bieten und sie zerschlagen wollen´. Schon ab
nachmittags waren in Lens Sprüche wie `Wir Sind wieder
einmarschiert´
und `Deutschland den Deutschen´ zu hören.
Als die Auseinandersetzungen mit der französischen Polizei
begannen,
skandierte eine Gruppe von ca. 70 - 80 Nazihools `Hier marschiert der
nationale
Widerstand´...“
SKINHEADS & HOOLS
Die ersten Skinheads, die Ende der 60er Jahre in England auftauchten,
waren noch alles andere als Rechtsextremisten. Ihre Musik und ihren
Lifestyle
kopierten sie ausgerechnet von farbigen „Rude Boy“-Gangs und ihre
Feinde
waren nicht Andersfarbige, sondern die Hippies. (Siehe
auch Hörfunkmanuskript „Die Geschichte der Skinheads – Der Geist
von
69 und die Hirnrisse auf dem Weg nach Rechts“ unter http://home.rz-online.de/~dneitzer/homepage3.htm
)
Letzteres verband sie später dann auch recht intim mit den Punkern
– zu denen es bis Ende der 70er Jahre (im Gegensatz zu heute)
problemlose
Beziehungen gab. Und beide Subkulturen hatten eben auch ein Faible
für
den Fussball, wobei die Skins bald schon zu Hooligans mutierten,
während
die Punks eher die depressive Seite des Fan-Seins
(s. Nick Hornby oder „Die Toten Hosen“) ausloteten. Doch dann
begab
es sich, daß einer ihrer Rädelsführer, Ian Stuart
Donaldson,
der (Glatz-)Kopf der Kultband „Skrewdriver“, in den Dunstkreis des
rassistischen
„British Movement“ und der „National Front“ geriet und in seinem
Gefolge
auch ein größerer Teil der englischen Skins. Er
gründete
die in Deutschland mittlerweile verbotene Organisation "Blood &
Honour"
(„Blut & Ehre“ - das perfide Motto der
Hitlerjugend!),
die in aller Welt (vor allem durch Konzerte) in seinem Sinne zu missionieren
begann.
Nicht ohne Erfolg, wie wir wissen!
Gerade in Deutschland gab es dann sehr bald die naheliegenden Verquickungen mit der Fussballszene.
BANDS (u.v.a.):
BODY CHECKS (Hooliganumfeld von „MSV Duisburg“)
DAS DEUTSCHE DYNAMO DUO ( - - „Dynamo Ost-Berlin“)
KATEGORIE C bzw. KC-DIE BAND ( - - „Werder Bremen“)
(Unter "Kategorie C" führt die Polizei jene
Hardcore-Hools, die man vor Großereignissen besonders observiert
und möglichst an der Anreise zu hindern versucht!)
ROLLKOMMANDO -KAMPF FÜRS VATERLAND ( - - „Bayer Leverkusen“)
SACCARA und HOOLIGAN BEAT ( - - „SV Meppen“)
THORS HAMMER ( - - „Karlsruher
SC“)
(...)
FANZINES (u.v.a.):
BRAMFELDER STURM ( - - „Hamburger SV“)
FÖRDERTURM ( - - „Rot Weiß Oberhausen“)
SÜDWESTWIND / SÜDSTURM / PFALZFRONT ( - - „SV Waldhof
Mannheim“)
UNITED SKINS – ZINE FÜR SKINS & FUSSBALLTHUGS“
(Königs
Wusterhausen / Brandenburg – mit engen Verbindung zur Berliner
Hooliganszene
/ dort starb vor einigen Jahren unter ungeklärten Umständen
ein
Fanbeauftragter, der versucht hatte unter den berüchtigten „Hertha
Fröschen“ gegen Neonazis vorzugehen)
Einen ganz harten Kern rechtsextremistischer
Fans
besitzt „Energie Cottbus“ – umso schöner, daß ausgerechnet
diese
Mannschaft zuletzt (als erste in der Geschichte der Bundesliga) ohne
einen
einzigen Spieler mit deutschem Paß auflief. Diese Art von
„national
befreiter Zone“ dürfte vermutlich nicht das sein, was sich
tümelnde
Kameraden so darunter vorzustellen pflegen!
(
http://www.nadir.org/nadir/periodika/aib/archiv/41-60/aib48/pdf/48_Fussballrandale.pdf
)
„Randale in Offenbach: `Offenbach ist schockiert und ratlos´,
titelte die Frankfurter Rundschau zwei Tage nach Krawallen rund um die
Regionalligapartie Offenbacher Kickers gegen Waldhof Mannheim. Bereits
seit Wochen wurde dem Datum in der bundesweiten Hool- und Faschoszene
entgegengefiebert.
Auf den Rängen des Bieberer Bergs und in den umliegenden
Straßenzügen
lieferten sich Hooligans aus mehreren Bundesländern, aus
Österreich
und der Schweiz eine Straßenschlacht mit der Polizei... Sowohl
auf
Offenbacher wie auch auf Mannheimer
Seite mischten Neonazis tatkräftig mit. Allein in der für
ihre neonazistischen Tendenzen bekannten Mannheimer Truppe waren ca.
100
klar erkennbar auszumachen...
Hierbei konnte die interessante Beobachtung gemacht werden, daß
der Szeneladen CD-Room (gleichzeitig eine „Blood &
Honour“-Zentrale)
offensichtlich als offizieller Ausstatter der Rechten unter den
Offenbacher
Hools und Skins fungierte -
auffallend viele Schläger des Mobs trugen Klamotten der
Naziskin-Kultgruppe
Skrewdriver... Auf Mannheimer Seite schienen dagegen eher die modischen
Kreationen aus dem Sortiment des Ludwigshafener Sturm-Versandes gefragt
zu sein, der vom ebenfalls anwesenden Naziskinhead und
Mannheim-Hooligan
Christian Hehl betrieben wird. Auch dies läßt darauf
schließen,
wie eng die Anbindung von Neonazis an einen Teil der
Fussball-Hooliganszene
ist...!“
Neben erwähntem Christian Hehl (NPD) sind auch andere rechte Funktionäre in diesem Milieu äußerst aktiv. Wie etwa das ehemalige FAP-Mitglied Siegfried Borchardt (der „Borussen Siggi“) in Dortmund mit seiner „Borussen-Front“ oder der JN/NPD-Funktionär Sascha Wagner, der lange Zeit von Koblenz aus agierte und seit Jahren als Hooliganführer bei „Alemannia Aachen“ seine Auftritte inszeniert.
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Auch ist es sicher kein Zufall, daß führende Politiker an
den Brandherden des ehemaligen Jugoslawiens enge Kontakte zur
Fussballszene
hatten. Etwa der berüchtigte Milizenführer Arkan, der
zur obersten Führungsriege von „Roter Stern Belgrad“ gehörte
und seine Anhänger vor allem unter den Hooligans des Vereins
rekrutierte.
Später wurde er dann (nach internen Querelen) Präsident eines
anderen lokalen Proficlubs, des „FC Obilic Belgrad“.
Und der bosnische Serbenführer Radovan Karadzic betreute
einst als Psychologe und Motivationskünstler die Kicker
von
Sarajevo.
Gerade Rechtspopulisten wissen sich in diesem Umfeld zu bewegen.
Silvio Berlusconi gründete und organisierte seine Partei
nach bewährten Vorbildern aus dem Profifussball, die ihm als
Präsident
des „AC Mailand“ natürlich bestens vertraut sind. Schon der Name
„Forza
Italia“ bezieht sich wohlkalkuliert auf den typischen Schlachtruf
italienischer
Tifosi und statt dröger Ortsvereine überzog er das Land mit
einer
Art politischer „Fanclubs“.
Widerstand erwuchs ihm allerdings auch aus Fussballerkreisen. Gianni
Rivera, der große Milan-Star der 60er und 70er Jahre, ging
ebenfalls
in die Politik und saß in der Regierung von Romano Prodi als
Staatssekretär
im Verteidigungsministerium. Bei den Wahlen ließ er sich im
Wahlkreis
„Milano 1“ als linker Gegenkandidat Berlusconi’s aufstellen - und
unterlag.
Jüngstes Beispiel ist der 2002 ermordete Holländer Pim Fortuyn, bei dessen Beerdigung die Hooligans von „Feyenoord Rotterdam“ (wo er seine treuesten Anhänger hatte) ein Transparent entrollten, auf dem zu lesen stand: „You’ll never walk alone!“ Die Anhänger von Feyenoord gelten nicht nur als äußerst gewalttätig, sondern immer schon als eng verbunden mit rechtsextremen Organisationen in den Niederlanden.
(Vor allem gegen den Juden- & Hippie-Club „Ajax Amsterdam“ mischt man mit Vorliebe antisemitische Parolen ins Schmäh-Repertoire!)
Und ihr Soundtrack, der heißt seit Ende der 80er Jahre GABBER!
Musikalisch versuchen die „Gabber-(oder Gabba-)“-DJs dem in ihren Augen durch „Goa“-(sprich Hippie-)Einflüsse (wie Sitarklänge & Walgesänge etc. pp.) verweichlichten Techno („Tekkno“) die alte Härte zurückzugeben. Durch ohrenbetäubend brachiale Sounds und Lautstärken hart an der Grenze zur Körperverletzung. Im Outfit ähnelt man dabei den Skins: Kurzhaarschnitt, „Pitbull“-Bomberjacke und „Lonsdale“-Kapuzenshirt - aber statt Springerstiefel trägt man edle „Nike“-Turnschuhe und Trainingsanzüge von „Kappa“.
Einige der Pioniere firmierten bezeichnenderweise unter Namen wie DJ-Hooligan oder DJ-Skinhead und auch Titel von Neophyte, dem Rotterdam Terror Corps oder den Euromasters wie „Rotterdam Hooligans“, „Hardcore Hooligans“ oder „Amsterdam, wo lech dat dann“ (=“Amsterdam, wo liegt das denn“) oder "Sieg Heil" (mit einem Adolf Hitler-O-Ton-Sample!) zeigen den Kontext dieser Musik.
In Deutschland tauchen Gabber-Hooligans seit einigen Jahren
verstärkt
auf, vor allem (wie zu erwarten gewesen ist) im Umfeld solcher Vereine,
die bereits etablierte rechte Szenen haben.
(Ein bekannter Vertreter der Sparte nennt sich
DJ-WHIPO =“White Power“).
---
In einem österreichischen Internet-Text über „Fussballfans
und ihre Grafitti“ von Thomas Northoff heißt es
( http://ejournal.thing.at/essay/nortfuss.html 3.2.03) :
„`Austria Judenverein!´, oder daß zum Vereinsnamen
ein oder mehrere Hakenkreuze hinzugefügt sind... Geradezu
eine
Akkumulation solcher Wandschriften findet sich durch die Rapid-Fans.
Sie
streichen gerne die Namen anderer Vereine durch und markierten auch
öfters
ihre Herrschaftsansprüche an stark von MigrantInnen-Jugendlichen
frequentierten
Stellen, indem sie `Rapid´ hinschreiben und `Ausländer
raus´, `Raus Kanaken´ hinzufügen...
Einer gewissen Beliebtheit erfreut sich unter den Inschriftensetzern
die Parole `Adolf Hitler war Rapidler´, was allerdings historisch
nicht der Wahrheit entsprechen soll. Bemerkenswert scheint mir auch,
daß
in Gebieten, wo die Dichte von FussballfanGraffiti groß ist, auch
mehrheitlich Pop-Gruppen-Namen hingeschrieben oder gesprayt sind, die
dem
inhaltlich rechtsstehenden Pop-Genre zuordenbar sind, wie z.B.
Störkraft
und Böhse Onkelz...!“
CESAR LUIS MENOTTI (argentinischer
Trainer & Fussball-Philosoph)
„Es gibt den rechten und den linken Fussball.
Der rechte Fussball will uns suggerieren: das
Leben ist Kampf, verlangt Opfer, wir müssen uns stählen und
mit
allen Mitteln gewinnen...
Solcher Fussball verleugnet seine eigenen
Ursprünge...
Er ist krank und macht krank!“
| Die erste Fussball-Live-Übertragung im deutschen
Fernsehen, die gab es bereits am zweiten Sendetag des neuen Mediums. Auf einer Internetseite steht noch anno 2003 darüber zu lesen: HAMBORN 07 LEBT Der 26. Dezember 1952 war ein denkwürdiger Tag, für den Fussball, für das Fernsehvolk, für den FC St.Pauli und für den Duisburger 'Spielverein Hamborn 1907', denn an diesem 2. Weihnachtstag erreichte Hamborn durch einen 4:3-Sieg nach Verlängerung das Viertelfinale der Deutschen Pokalrunde, die in diesem Jahr erstmals nach dem Krieg wieder ausgespielt wurde. Im heimischen Stadion konnte kein Gewinner ermittelt werden, das Match endete 1:1. Es mußte also das Rückspiel auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg entscheiden. Grund genug für den NWDR, der einen Tag vorher das erste reguläre Fernsehprogramm, vom noch existierenden Bunker an der Feldstraße aus, gestartet hatte, dieses Spiel direkt zu übertragen. 4.664 TV-Geräte-Besitzer erlebten das allererste live gesendete Fussballspiel der deutschen Fernsehgeschichte. Die Kommentatoren waren Harry Storz und Paul Reymann. Es war ein dramatisches Spiel damals vor 4.000 Zuschauern. Nachdem die Gäste bereits nach 7 Minuten durch den überragenden Sadlowski mit 1:0 in Führung gingen, glich Boller bereits 3 Minuten später aus. Den letzten Treffer vor der Halbzeit erzielte wiederum Sadlowski. Gar auf 3:1 konnte der Hamborner Pluskwick in der 69. Minute erhöhen. Durch Elfmeter verkürzte Boller mit seinem zweiten Tor auf 2:3, vier Minuten später gelang Beck der Ausgleich. Sadlowski krönte schließlich seine Leistung in der 86. Minute mit seinem dritten Treffer durch einen Elfmeter, den er allerdings erst im Nachschuß verwandeln konnte! |
Einer der wirklich großen
Höhepunkte
der deutschen Fussballgeschichte allerdings, der 7-1 Sieg von „Mönchengladbach“ über „Inter Mailand“ 1971 (das legendäre Spiel mit dem „Büchsenwurf“), der blieb der Fernsehgemeinde damals vorenthalten – der Sender hatte sich geweigert, die verlangten 60.000,- DM für die Live-Übertragungsrechte an die Borussia zu zahlen! |
Die Weltmeisterschaft 1954 brachte nicht nur den Titel und mit ihm
das
„Wir-sind-wieder-wer“, sondern auch den Durchbruch für die
Flimmerkiste
in Deutschlands Wohnzimmern.
Was allerdings die konkrete Darstellung des Fussballgeschehens auf
dem Bildschirm anbetraf, so befand man sich noch im frühen,
technisch
arg limitierten Experimentierstadium. Nach heutigen Kriterien
betrachtet,
bestanden die alten Spielberichte etwa der Wochenschau aus reichlich
zusammenhanglos
aneinander montierten Schnipseln. Kaum einmal ließ sich ein
Spielzug
wirklich von Anfang bis Ende verfolgen. Das lag zum einen daran,
daß
man offenbar noch keine angemessene Bildsprache entwickelt hatte, vor
allem
aber daran, daß die eine Kamera, die man üblicherweise nur
zur
Verfügung hatte, meist gerade dort nicht stand, wo die
entscheidenden
Szenen sich abspielten und zudem ist man kameratechnisch noch nicht in
der Lage gewesen, die Akteure und Aktionen tiefenscharf durch die
Weiten
des Raumes zu verfolgen.
Als das TV-Equipment in den späten 60ern dann endlich den
Ansprüchen
der Mannschaftssportberichterstattung genügte, dominierte in den
Medien
der dokumentarische Stil. Man wollte die Realität so
unverfälscht
wie möglich als reine Tatsachenreportage abbilden.
Auch die Sprache der Reporter hatte sich im Geist von 68 gewandelt.
Die Anklänge an das Militärjargon (Bomben & Granaten)
wurden
immer seltener, stattdessen herrschten bis in die 80er Jahre hinein
betonte
Sachlichkeit und Zimmerlautstärke.
Erst in der RAN-Ära setzte man dann wieder auf eine
überhitzte
Rhetorik. Allerdings nahm man sich nun nicht mehr den Feldwebel zum
Vorbild,
sondern kopierte US-amerikanische Sportsendungen.
Eine Inflation des Superlativs war die Folge und Computerdatenbanken,
welche noch zum banalsten Ereignis auf dem Rasen irgendeine (oft
abstruse)
statistische Absonderlichkeit liefern.
Notabene: Wie hieß der Trikotsponsor des finanzkrisengebeutelten "1. FC Kaiserslautern"? "Deutsche Vermögensberatung"! Quod erat demonstrandum ?! |
Am 24. März 1973 trug zum ersten Mal eine
Bundesligamannschaft
eine Werbebotschaft auf ihren Sweatern. Zunächst gegen den (bald
gebrochenen)
Widerstand von Seiten des DFB schloß „Eintracht Braunschweig“
einen
Werbevertrag mit der Spirituosenfirma „Jägermeister“ ab und
ersetzte
den traditionellen Löwen im Vereinsemblem durch den
Likör-Hirsch.
Braunschweig stieg übrigens am Ende jener Saison ab! |
Länder- oder Europacupspiele waren ehedem seltene
Höhepunkte
im TV-Programm.
Im Jahr 2002 dagegen sendete das deutsche Fernsehen rund 4000 Stunden
Fussball!
Seit dem Einstieg von Rupert Murdoch in den englischen Fernsehmarkt
1983 ist die Insel und dort vor allem
„Manchester
United“ (der Club mit dem Pop-Slang-tauglichen Kürzel
„ManU“)
zum
bevorzugten Experimentierfeld für neue Konzepte geworden.
Generalstabsmäßige
PR, Börsengänge (Vorbilder
fand
man hierzu allerdings, wie erwähnt, auch in der Frühzeit des
britischen Fussballs) und die Übertragung der Erfolgsmodelle
aus
NBA & NHL in die europäische Sportwelt setzten
Maßstäbe.
In Deutschland war es soweit, als mit RTL am 13.Februar 1988 erstmals
ein Privatsender die Bundesliga-Rechte erwarb, die man in der Saison
darauf
dann an SAT 1 – und damit in noch entschlossenere Hände - abtrat.
Das Meisterstück war, wenn man so will, „The
Making of David Beckham“!
Durch seine Stilisierung zum Teenageridol
schaffte
man es tatsächlich, die vermutlich bis dahin fussballfernste
Gruppe
überhaupt zu erreichen: die pubertierende Weiblichkeit!
(Uwe Seeler als Pin-Up in der „Bravo-Sport“ –
undenkbar!)
Um dem Fussball neue
Bevölkerungsschichten
zu erschließen, jenseits der eigentlichen Sportkenner &
-liebhaber,
mußte man nicht zuletzt sein „Aroma“ gewissermaßen deodorieren.
Hätte man früher eine Umfrage gemacht,
welche Gerüche man gemeinhin mit diesem Sport assoziiert, so
wäre
als typisch eine Mischung aus Schweiß, Pils und dessen Endprodukt
genannt worden. Heute dagegen duftet das Milieu (wenn man der Werbung
glauben
schenkt) ganz anders: nach teurem Aftershave, Haargel und edlen
Auto-Ledersitzen.
Die Profis fanden sich jedenfalls erstaunlich schnell mit den neuen
Spielregeln zurecht – vor kurzem versuchten sie
in
England (wenngleich ohne Erfolg) ein Urheberrecht für
„Schöne
Tore“ einzufordern!
(Tantiemen für das „Tor des Monats“
gewissermaßen!)
| 1974 erschien (im Rotbuch-Verlag) ein geradezu prophetisches
Buch mit
dem Titel "DIE FERNSEHLIGA",
geschrieben
von ALFRED BEHRENS, einem Journalisten und Werbetexter – im Vorwort
heißt
es dort: "Was wird aus König Fussball in einer total kommerzialisierten und medialisierten Zukunft? Diese konsequent zu Ende gedachte Satire gibt Antworten: Die Konsumgüterndustrie steigt groß ein, die Spiele werden in Fernsehstudios produziert, Werbeagenturen entwerfen Marketing-Szenarios für die Vereine, der synthetische Uwe Seeler wird erfunden (und) die Zuschauer entscheiden (durch die Einschaltquoten) über den Tabellenstand...“ Und dann entwirft er eine Zukunftsvision, die in wesentlichen Teilen heute Realität geworden ist: „Vom DDF, dem ersten kommerziellen TV-Kanal, gingen die entscheidenden Impulse aus für das `ganz neue Fussballgefühl´. Die DDF-Bosse, anders als ihre gebührengesicherten Kollegen von ARD und ZDF auf Werbeeinnahmen - und damit auf hohe Einschaltquoten - angewiesen, schickten ihre Programmacher von Anfang an mit einem einzigen Konzept aufs Spielfeld: `Macht uns den Sport stark!´... Es gelang, was vorher kaum ein Kenner der Branche für möglich gehalten hätte: Innerhalb weniger Monate polte man die Mehrheit der Fussballfreunde, die vorher auf ARD-Sportschau und ZDF-Sportstudio abonniert waren, auf DDF-Fussballspannung um... Die Profi-Klubs spürten instinktiv sofort, daß der Fussball hier seine letzte große Chance erhielt, wirklich Show-Business-Industrie Nummer Eins zu werden... ...PR-Kampagne: Die Verbraucher
sollen erfahren,
wie sexy die Akteure des HSV sind.... Wir schlagen vor, im Rahmen eines
gezielten `George Best´-Programms Fotoberichte in die Sport- und
Boulevardpresse zu lancieren, in denen die erotischen Abenteuer der
`Sexy
Young Men´ des HSV groß herausgestellt werden.
Der Hauptgrund für das Ende der
Live-Liga
war doch die Tatsache, daß immer mehr Fans die Erfahrung machten,
daß es eigentlich doch eine Enttäuschung gewesen ist, wenn
sie
auf den Fussballplatz gingen... das immer weitere Auseinanderklappen
der
Schere zwischen den Erwartungen an das Spiel, die vom Star-Rummel, von
der Sportberichterstattung in allen Medien künstlich
hochgezüchtet
werden, und der Realität des Spiels selbst...
|
Olympiade
1936 (Foto: Leni Riefenstahl) Solche Bilder gehören mittlerweile längst schon wieder zu unserer Alltagsästhetik! |
![]() Eric Cantona (ManU & NIKE) |
Das Spiel als solches gerät dabei fast schon zur Nebensache.
Die Regisseure stellen Triumph und Scheitern des Helden in den
Mittelpunkt
und die Profis haben natürlich schnell gelernt, deren
Wunschvorstellungen
zu erfüllen. Bis zur Karikatur theatralische Mimik und
Körpersprache,
nach dem Tor eine kleine Tanzeinlage (choreographiert wie bei einer Boy-Group)
und dann in Vorbeilaufen an der nächsten Kamera schnell noch das
Trikot
gelüpft (und wenn auf dem T-Shirt darunter
dann
auch noch in der Großaufnahme deutlich sichtbar eine
Werbebotschaft
aufleuchtet, dann dürfte obendrein noch ein kleiner Zusatznutzen
garantiert
sein).
Und außerdem gibt es ja noch die beliebte Superzeitlupe, mit
deren
Hilfe sich auch noch die nichtssagendste Geste zum Hamlet-Monolog
aufbauschen läßt.
| FUSSBALLTREUE (aus Walter Wehking's Sammlung von 1929 "Fussball Sang und Klang") IN DEM SCHÖNEN POMMERNLANDE AN DEM GRÜNEN ODERSTRANDE DA LIEGT UNSRE HEIMATSTADT STETTIN. UNSRE HEIMAT, DIE WIR LIEBEN,
JAWOLL, DIE ERSTE MANNSCHAFT VON STETTIN
SIND
WIR. NICHT FÜR GECKEN UND FÜR LAFFEN
|
BIETEN SELBST BEI KÄLT UND
HITZE JEDEM GEGNER KÜHN DIE SPITZE. JA DES WETTERGOTTES LAUNE LÄSST UNS KALT. DIE VERTEIDIGER, STÜRMER, LÄUFER SPIELEN KÄMPFEN VOLLER EIFER BIS DAS KLEINE WÖRTCHEN TOR ERSCHALLT. KOMMEN WIR LANGSAM IN DIE JAHRE,
JAWOLL, DIE ERSTE MANNSCHAFT VON STETTIN WAR'N WIR. DAS FUSSBALLSPIEL WAR’S, |
„ABIDE WITH ME”
“Abide with me - fast falls the Eventide.
The Darkness deepens Lord with me abide.
When other Helpers fail and Comforts flee.
Help of the Helpless. O abide
with me…”
Dieses alte Kirchenlied aus dem 19. Jahrhundert - von Henry F.
Lyte (Text) & William H. Monk (Musik) - erklang alljährlich
traditionell
als offizielle Einstimmung vor dem Anpfiff des englischen Cup-Finales
im
Tempel des britischen Fussballs, dem Londoner „Wembley“-Stadion.
Und als in den frühen 60er Jahren dann der moderne Fankult sich
entwickelt hat, da versuchte man (offenbar aus einem starken
Bedürfnis
heraus) gerade diese elegisch-spirituelle Aura in allen Stehplatzkurven
in volltönendem Männerchor entstehen zu lassen.
Reinhard Kopiez insistiert in diesem Zusammenhang in seinem Aufsatz
„Alles nur Gegröle? Kultische Elemente in
Fussball-Fangesängen“
(bewußt ein wenig überpointiert) auf
dem quasi religiösen Aspekt der Stadionhymnen:
„Nachdem ich mich in den letzten Jahren in Form von Feldstudien
ausgiebig
mit dem Phänomen... beschäftigt hatte, setzte sich bei mir –
angeregt durch skandierte Fanrufe wie `Jürgen Kohler,
Fussballgott´
- immer mehr die Überzeugung durch, daß es sich hierbei
nicht
nur um die akustische Erscheinungsweise einer reinen Spaßkultur
oder
– im Sinne von Gerhard Schulze – um eine bloße
`Erlebniskultur´
handelt. Ich möchte stattdessen die These (wagen), daß
dieses
scheinbar oberflächliche Geschehen einen ernsten und vermutlich
religiösen
Kern hat... Schon auf den ersten Blick sind im Fussballstadion rituelle
Verhaltensweisen wie etwa kollektives Sprechen und Rufen beobachtbar,
die...
eher an eine Kulthandlung als an eine Sportveranstaltung erinnern...
Nehmen wir an, ein UFO-Mannschaft fliegt aus dem All in Richtung Erde
und nimmt plötzlich einen im Dunkeln hell erleuchteten Punkt – ein
Fussballstadion – wahr. Es ist der Abend eines
Weltmeisterschaftsendspiels.
Je näher das UFO kommt, desto lauter kann es durch seine
Richtmikrofone
vernehmen, daß dort unten ein enormer Lärmpegel herrschen
muß,
und die Zoom-Objektive seiner Kameras zeigen Tausende von wild
gestikulierenden
Menschen ... in ekstatischen Zuständen. Die wenigen Spieler fallen
dabei kaum ins Gewicht. Welchen anderen Schluß läßt
eine
solche Beobachtung für Außerirdische zu, als daß man
hier
Zeuge einer einzigartigen Kulthandlung geworden ist?...
(Michael Prosser schreibt im gleichen Buch auf
S. 275, daß im Stadion mit allen Mitteln der Inszenierung und
Selbstinszenierung
dafür gesorgt werde, „daß die Veranstaltung gleichsam in
sich
selbst siedet!“)
...Bis vor kurzem erklang (in England vor FA-Cup-Finalspielen) aus
mehreren Zehntausend Kehlen... die Erbauungshymne `Abide with
me´...
Der Text dieser religiösen Hymne lehnt sich... an das
Lukas-Evangelium
(Kapitel 24 Vers 29) an, in dem es anläßlich der Begegnung
des
auferstandenen Jesus mit den Emmaus-Jüngern heißt: `
>Bleibe
bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich schon
geneigt.<
Und er ging hinein, um bei ihnen zu bleiben.´
Durch dieses Lied wird der religiöse Hintergrund und das Besondere
der Fangesänge deutlich: Heidnische Weltsichten
(Fussballgötter)
gehen widerspruchsfrei eine Verbindung mit christlichen Vorstellungen
ein;
denn über allen Fussballgöttern steht immer noch der
christliche
Gott!...
Es ist leicht zu beobachten, daß im Fussball religiöse
Symbole
eine wichtige Rolle spielen: zunächst gibt es die
`Invocatio´(Anrufung),
ausgeführt etwa in Form des `Schalspann-Rituals´, bei dem
die
Hände in besonders feierlichen Situationen über dem Kopf gen
Himmel gerichtet werden. Dabei werden mitunter Texte wie `Leuchte auf
mein
Stern, Borussia´ gesungen, was eher an den Stern von Bethlehem
als
an ein Fussballspiel erinnert. Im Zentrum religiöser Symbolik
steht
natürlich die Monstranz, hier `Pokal´ genannt...
Eine herausragende Bedeutung kommt (auch) dem Opferkult zu: Besonders
beliebt (und aus Sicherheitsgründen verboten) sind Rauch- und
Brandopfer
in Form bengalischer Feuer. Aber auch reale Opfer werden besungen, wenn
es auf den Refrain von `Wir lagen vor Madagaskar´ nach einem
erfolgreichen
Foul am Gegner heißt: `1-2-3 schon wieder einer tot!´...
Darüber hinaus lassen sich an einem sehr bekannten Fangesang
deutliche
Elemente des Kirchenchorals nachweisen... (`Lot-har
Matt-hä-us´)
Der zugrundeliegende religiöse Topos ist der der `Anrufung´.
Die charakteristische harmonische Wendung, der sogenannte
Plagalschluß
(Subdominante-Tonika)... ist in der Kirchenmusik gut bekannt. Es
handelt
sich hierbei um die typische `Amen´-Floskel...!“
(aus „Fussball als Kulturphänomen“ S. 293fff)
(Notabene: Die geistliche Musik vermeidet seit
je die Dominante-Tonika-Schlußwendung vor allem wegen deren zu
selbstbewußt-„unfrommer“
Energie!)
(In Frankfurt nannte sich einmal ein Fanclub
nach seinem Idol „Die Zeugen Yeboahs“)
Doch läßt sich die besondere Gestimmtheit, welche sich in
vielen Fussballmusiken ausdrückt, auch im Blick auf die
Psychologie
des Individuums beschreiben.
Es läßt sich zumindest feststellen, daß – neben dem
Abbau von (im Alltag angestauter) Aggression – stets auch ein Hauch von
Melancholie ganz wesentlich ist für ein Dasein als Fan. Fast
alle Selbstbeschreibungen dieser Spezies schildern beinahe
wollüstig
neben der Ekstase im Triumph auch das Leiden an der Niederlage als eine
beinahe ebenso tiefe, notwendige und existentielle Erfahrung (- siehe
etwa
Nick Hornby’s „Fever Pitch“).
Genau diese Stimmung fängt dann auch nicht zufällig die
bekannteste
und typischste aller Fussballhymnen ein:
YOU’LL NEVER WALK ALONE(midi)
“When you walk through a Storm.
Hold your Head up high
And don't be afraid of the Dark.
At the end of the Storm
Is a golden Sky
And the sweet silver Song of a Lark.
Walk on through the Wind.
Walk on through the Rain.
Tho' your Dreams be tossed and blown.
Walk on, walk on
With Hope in your Heart
And you'll never walk alone.
You'll never walk alone!”
Dieses Stück allerdings hatte ursprünglich mit Fussball
rein
gar nichts zu tun.
Es stammt aus dem amerikanischen Musical „Carousel“ (aus dem Jahr
1945),
geschrieben von Richard Rodgers (Musik) & Oscar Hammerstein II
(Text)
und es beschreibt nicht etwa die Depression nach einem 0-1 in letzter
Minute,
sondern untermalt den
„Laß-den-Kopf-nicht-hängen-das-Leben-geht-weiter“-Appell
an einen von Liebeskummer geplagten Rummelplatz-Romeo.
Frank Sinatra, Louis Armstrong, Ray Charles und Elvis Presley haben
den Titel eingespielt, doch ins Blickfeld der Fussballfans geriet der
Song
erst 1963 in der Version der Liverpooler Beat-Band „Gerry & The
Pacemakers”.
Ein Ursprungsmythos besagt, daß eines Tages im dortigen Stadion
an der „Anfield Road“ die Musikanlage ausfiel, aus welcher
üblicherweise
vor den Spielen die aktuellen Hitparaden dudelten, und daß dann
plötzlich
der ganze Fanblock jenen gerade angesagten Hit anstimmte. Sofort habe
man
gespürt, daß diese Klänge perfekt hierher paßten
und war vom eigenen Chor derart begeistert, daß sich schnell eine
regelrechte Gesangskultur entwickelte.
Auf das neue Phänomen der „singenden Fans“ wurden auch die Medien
sofort aufmerksam und so erhoben bald auch bei anderen Clubs die
Anhänger
ihre Stimmen.
(Vor allem für das “Schalspann-Ritual”
braucht
man solch langsamen Soundtrack.)
(Den berühmten Fanblock in Liverpool nennt
man übrigens “Spion Kop” – nach einem Gemetzel während des
Burenkrieges,
bei welchem eine britischen Truppe so eng auf einem kleinen Hügel
namens „Spion Kop“ zusammengepfercht worden war, daß sie von der
feindlichen Armee fast wehrlos zusammengeschossen werden konnte!)
Die Entstehung des modernen Fans stand im Kontext der zeitgleich sich
etablierenden ersten Jugendsubkulturen.
Seit den späten 50er Jahren besaßen Jugendliche zum ersten
Mal in der Geschichte genug Geld, um sich einen Teil der Welt zu
„kaufen“
und nach ihren Vorstellungen einzurichten.
In erster Linie war dies die Geburtsstunde der Pop-Musik – aber als
ein Nebenschauplatz dieser allgemeinen sozialen Prozesse bot sich
für
einige eben auch das Stadion an – wo man sich nun plötzlich als
Teenager
(auch ganz ohne den Papa) unter Seinesgleichen zusammenrotten konnte.
Vor allem für Jugendliche aus dem Arbeitermilieu hatte die ganz
spezielle Atmosphäre, die dort herrschte (bzw. sich, wie man
schnell
spürte, leicht selbst erzeugen oder zumindest verstärken
ließ)
eine besondere Anziehungskraft.
Der mitreißende Rausch einer entfesselten Masse (den man
so bis dahin nur aus Kriegszeiten kannte), inmitten einer gewaltige
Kraftquelle
zu stehen, die sich speist allein aus dem Zusammenwirken und
Zusammenstehen
von den gleichgesinnten Mitgliedern eines Stammes.
Und hierbei spielte das Akustische natürlich eine ganz
entscheidende
Rolle.
(Als stille distinguierte Gegenwelt galt lange –
bis Boris Becker kam – der Tennisplatz!)
Zwar gelang der endgültige Anschluss des Fussballs an die
Pop-Kultur
erst viel später ( in den Inszenierungen des Privatfernsehens ) -
da viele der intellektuellen Wortführer aus den tonangebenden
studentischen
Kreisen allzu unverhohlen ihre Aversionen gegen das geistlose Plebejervergnügen
kundtaten - doch ohne den Hintergrund der Jugendbewegungen der 60er
Jahre
sind auch das Fan-Phänomen und seine musikalischen
Präferenzen
nicht zu begreifen.
(Wobei in England allerdings schon wesentlich
stärkere Beziehungen zur Popwelt existierten als etwa in
Deutschland.
Nicht zuletzt wegen der sehr stark politischen Ausrichtung der hiesigen
Jugendrevolte!)
Naheliegenderweise jedenfalls bediente sich die erste Fan-Generation
vor allem aus den englischen Charts und dort mit Vorliebe bei jenen
Beatbands,
die (so wie sie) das Working-Class-Etikett trugen.
Für Anhänger des „FC Liverpool“ bot sich z.B. ein anderer
Hit von „Gerry & The Pacemakers“ geradezu an – führte sie doch
die Anreise zu jedem Heimspiel erst einmal mit der Fähre über
den Mersey-River:
FERRY ACROSS THE MERSEY
Auch dieses Lied ist von einer eher weihevollen Stimmung geprägt
und enthält kaum aggressive Untertöne.
Doch auch das musikalische Vorbild für die Gattung des
„Schmähgesangs“
fand man in der Liverpooler Mersey-Beat-Szene (– und zwar bei deren
prominentesten
Vertretern):
YELLOW SUBMARINE (“Beatles”)
In Deutschland heute bekannter mit einem etwas veränderten Text:
“ZIEHT DEN BAYERN DIE LEDERHOSEN AUS!“
Neben leicht singbaren Liedern unterschiedlicher Grundstimmung
benötigte
man aber vor allem möglichst eingängige „Klatsch-Rhythmen“
zur
nonverbalen Anfeuerung.
Vor allem zwei solcher Patterns verbindet man heute fast automatisch
mit dem Fussball.
Zum einen der (von Kopiez/Brink so genannte) “SOCCER-
RHYTHMUS”
(midi)
- der seinen Ursprung hat im Beat-Hit:
HOLD TIGHT von "Dave Dee,
Dozy, Beaky, Mick & Tich".
Zum andern hat sich vor allem in Deutschland folgender Rhythmus
eingebürgert:
“CAR WASH - RHYTHMUS” (midi)
Populär wurde dieser Rhythmus durch den (Disco-)Soundtrack zum
Teenagerfilm “Car Wash” (1976) und hierzulande vor allem in der
Fussballgemeinde,
als der WDR das Filmmusik-Intro als Vorspann zu seiner Sportschau
verwendete.
In der typisch deutschen Fassung (- ohne
punktierte
Noten -) zu hören ist der „Car Wash“-Rhythmus aber auch
schon
im WM-Lied der Nationalmannschaft von 1974:
FUSSBALL IST UNSER LEBEN
(Komponiert übrigens von einem gewissen
Jack White, der nicht nur einer der einflußreichsten
Schlagerproduzenten
war/ist, sondern in jüngeren Jahren selbst als Profi gespielt hat
- beim PSV Eindhoven. Andere Pop-Musiker mit engeren Verbindungen zum
Fussball
sind etwa Rod Stewart, der zuerst Profikicker werden wollte, Julio
Iglesias,
der als Torhüter immerhin einst bei „Real Madrid“ unter Vertrag
stand,
und Elton John, der sich, mangels Ballfertigkeit und Kondition, mit dem
„FC Watford“ immerhin einen eigenen Verein, in dem "junge Männer
in
kurzen Hosen kicken", gekauft hat.)
Was das typische Klatsch-Tempo anbetrifft, so realisieren die Fans
in
idealer Weise den musikpsychologisch gut erforschten sogenannten „Tony
Marshall-Effekt“.
(Auch hierzu hat übrigens der erwähnte
Jack White Entscheidendes beigetragen - zeichnet er doch verantwortlich
für Tony Marshall’s größten Hit: „Schöne Maid,
hast
Du heut für mich Zeit“!)
Reinhard Kopiez & Guido Brink schreiben dazu in ihrem Buch
„Fussball-Fangesänge“:
„Der Rhythmus, wo jeder mit muß – die neuropsychologischen
Grundlagen
des Mitklatscheffekts... Aus der Rhythmusforschung ist das
Phänomen
bekannt, daß es bestimmte Tempi von Klopfimpulsen gibt, bei denen
man einen besonders starken Drang zum Mitklopfen verspürt. (Man
hat
entdeckt) daß am häufigsten mit einer Pulsdistanz von
500-600
Millisekunden geklopft wird. Dieser Tempobereich stellt offenbar in
unseren
inneren `Schwingkreisen´ einen Bereich maximaler Anregung durch
äußere,
rhythmische Impulse dar. Es ist auch der Bereich, in dem sich die
Schrittfolge
unseres normalen Gehtempos bewegt...!“ (Zwischen 100 – 120 BpM!)
(Als ideales Marschtempo gilt in der Bundeswehr
114 BpM!)
Was die typischen Melodien anbetrifft, so ist ein wichtiges Kriterium (neben einem möglichst geringen Tonumfang – angepaßt an eine unausgebildete Jungmänner-Bruststimme), die Eignung einer Tonfolge zur potentiellen Endlosschleife.
(Warum es in einer eigentlich vergleichbaren
Sportart
wie dem Basketball keine derart ausgeprägte Sangeskunst gibt, das
erklären Kopiez & Brink übrigens damit, daß hier
einfach
auf dem Spielfeld zu viel Action sei und deshalb zu wenig Zeit für
eigenständige musikalische Entwicklungen und Fill-ins!)
Als die in deutschen Stadien häufig verwendete Liedvorlagen
listen
Kopiez & Brink u.a. die folgenden Melodien auf:
O WHEN THE SAINTS
VON DEN BLAUEN BERGEN
O MY DARLING CLEMENTINE
FRÈRE JACQUES
„IHR WOLLT DEUTSCHER MEISTER SEIN“ auf die Melodie von
GLORYLAND (bzw. „Ja mir sann min
Radl da“!)
„STEHT AUF, WENN IHR...“ auf die Melodie von
GO WEST
Der Popjournalist Hollow Skai schreibt darüber in seinem Buch
„In a Da-Da-Da-Vida – Geschichten zu Popsongs“ (Hannibal-Verlag 2000)
im
Kapitel „Sexy Knees“ (S. 240f):
„Beim UEFA-Cup-Spiel gegen Bröndby Kopenhagen im Herbst 1993
sangen
die (Fans von Borussia Dortmund) eine ganze Halbzeit lang den
Pet-Shop-Boys-Hit,
der in den späten 70ern schon einmal an der Spitze der Hitparaden
stand. Damals galt er noch, in der Version der Village People, als
Schwulenhymne
und die Aufforderung, westwärts zu ziehen, bezog sich auf San
Francisco,
das Utopia der Gay People... Im Gegensatz zum unbekümmerten,
flotten
Original... konnten die Fussballfans die wesentlich langsamere,
traurigere
Version der Pet-Shop-Boys mitsingen, ohne gleich aus dem Takt zu
geraten...“
(-
die immanenten Spannungen, Projektionen, Aversions- und
Anziehungskräfte
zwischen Macho-Männerkulten und homosexuellen Milieus sind
natürlich
auch in bezug auf die Fussballfan-Community schon oft thematisiert
worden
- )
Bei Skai heißt es dann am Ende des Kapitels:
„Was für MTV galt, bestimmte Mitte der Neunzigerjahre auch das
Geschehen auf dem Fussballplatz: Nicht mehr die Herkunft zählte,
sondern
das Image.
Borussia Dortmund stand für rebellischen Teeniepop, Bayern
München
für Easy Listening und der FC St. Pauli für Punkrock...!“
Die vier verschiedenen Hauptkategorien der Fangesänge lassen
sich
etikettieren als:
- HYMNEN
- ANFEUERUNGSMUSIKEN
- SCHMÄHGESÄNGE
- TRIUMPHLIEDER
Was die Herkunft des dabei verwendeten musikalischen Materials
anbetrifft,
so lassen sich auch hier einige oft benutzte Genres angeben:
- die Klassiker entstammen, wie gezeigt, vor allem der englischen
Beat-Epoche.
- Beispiele für Anleihen bei der Klassischen Musik:
Edward Elgar's "Pomp & Circumstance" & Wolfgang Amadeus
Mozart – oder auch der Triumphmarsch
aus Verdi’s „Aida“.
- viele Gospels / Spirituals. (Religiöse
Musik also!)
- aber auch Schlager, Stimmungslieder (aus Karneval, Bierzelt &
Ballermann)
und (in der Frühzeit noch häufiger) Volkslieder.
- und natürlich immer wieder aktuelle Umdichtungen von Tageshits.
Bei Kopiez & Brink findet sich (S. 177f) ein Interview der
„Süddeutschen
Zeitung“ mit einem der Trommler von „Schalke 04“:
SZ: Wer unter den Fans hat die Macht, einen neuen Schlachtruf zu
etablieren?
P.P.(Peter Pollfuß): Eigentlich jeder. Das läuft ganz
spontan
in der Kurve ab.
Vor dem Spiel sagt einer von uns: `Ich habe da so eine Idee!´
Dann fangen zwei, drei Leute an zu singen, und mit jedem Mal schaukelt
sich das weiter hoch. Zuerst machen zehn Leute mit, dann dreißig,
und nach einer halben Stunde skandiert es die ganze Nordkurve... Die
Haupttribünen,
die brauchen natürlich Wochen, bis sie einen neuen Schlachtgesang
übernehmen.
SZ: Und so ein neuer Schlachtruf entsteht wirklich mitten im Stadion?
Gibt es keine wöchentlichen Sitzungen der Fanclubs, in denen
überlegt
wird, welche Popsongs zu Schlachtrufen umfunktioniert werden? Es sind
ja
große Dichter, die aus `Vamos a la Playa´ `Bruno
Labbadia´
machen, und große Dichter brauchen gewöhnlich viel Zeit.
P.P.: Nein, das ist überhaupt nicht organisiert...
Das war bei `Go West´ von den Pet-Shop-Boys... auch so...!
Und weiter heißt es im Buch „Fussball-Fangesänge“ (S.
209fff):
„Der zentrale Begriff, mit dem wir die Fangesänge in ihrer
Ästhetik
erklären können, heißt Bricolage (Bastelei)...
Auf
(diesen) Begriff bauen beispielsweise die Studien der sogenannten
Birmingham
School (für `Cultural Studies´) zu jugendlichen Subkulturen
auf. Die Autoren dieser sozialpsychologischen Forschungsrichtung
untersuchten
in den 70er Jahren u.a. die `Kulturen´ der Mods und Rocker. Ihr
Interesse
galt besonders den Modestilen dieser beiden Gruppen...
Indem Dinge aus ihren ursprünglichen Kontexten herausgelöst
und in neue versetzt werden, finden Bedeutungstransformationen statt,
die
nur noch entfernte Gemeinsamkeiten mit den Ausgangsbedeutungen
besitzen.
Allerdings müssen... die (verwendeten) Objekte auf dem Markt
bereits
existieren... und sie müssen bereits vor der Transformation eine
Bedeutung
haben...
Es gibt demzufolge im Rahmen des Bricolageprinzips keine Schaffung
aus dem Nichts...
Übertragen auf den Fangesang bedeutet `Bastelei´ im
ästhetischen
Sinn, daß der singende Fan im musikalischen Universum
ständig
auf der Suche nach Botschaften und Liedern ist, die im Stadion
Verwendung
finden könnten. Die Gesamtheit des Gesangsrepertoires setzt sich
dann
zusammen aus Erinnerungsbruchstücken und Überresten von
Melodien,
die sich – größtenteils massenmedial vermittelt – in der
Tiefe
seines Gedächtnisses befinden...!“
(Beispiel für eine kreative Bricolage: Auf die Melodie von „Guantanamera“ beleidigten die Fans im Kölner Stadion einmal die Werbefigur eines sponsernden Baumarktes mit dem Libretto: „Du bist ein häßlicher Hamster!“)
Eine der vielleicht wesentlichsten Entdeckungen der Feldforscher war
die Feststellung, daß der echte Fan kategorisch und
starrköpfig
alle Versuche zurückweist, ihm vorfabriziertes Tonmaterial
unterzuschieben.
Kein von der Plattenindustrie produziertes Fussball-Lied schaffte so
jemals den Weg ins ureigene Konzertprogramm der Fankurven.
Weder Fussball-Schlager nach dem Vorbild von Theo Lingen's
DER THEODOR, DER THEODOR...
noch die musikalischen Ergüsse unserer Nationalkicker:
WM-1982 OLÉ ESPANA (die Deutsche
Nationalmannschaft“ mit Michael Schanze & Ralph Siegel)
WM-1978 BUENOS DIAS ARGENTINA (die
Deutsche
Nationalmannschaft“ mit Udo Jürgens)
(Zur WM 1990 nahm Udo Jürgens übrigens
noch einmal einige Lieder mit der Nationalmannschaft auf – darunter
eines
mit dem – Peter Handke korrigierenden – Titel
„Die Angst des Schützen vorm Elfmeter“, worin es dann
fussballerisch
korrekt heißt:
„...Das Spiel ist aus - Verlängerung!...
Und dann die Angst des Schützen vorm Elfmeter.
Nur der im Tor, hat wenig Angst davor!...“)
(Den offiziellen Song zur WM 1994 in den USA nahmen Beckenbauer’s Buben zusammen mit den “Village People” – s.o. ! - aus San Francisco auf, die in ihrem größten Hit „YMCA“ kurz zuvor noch inbrünstig den „Christlichen Verein junger Männer“ besungen hatten, ehe sie dann "In the Navy" eintraten!)
Was südamerikanische Fanchöre anbetrifft, so haben diese
musikalisch
und auch poetisch eindeutig mehr zu bieten als ihre Gesinnungsgenossen
"Auf Schalke", dem "Bökel-" oder dem"Betzenberg".
Nachstehend die Lyrics der Karneval-Musik des berüchtigten
Fan-Clubs von „Corinthians Sao Paolo“,
der „Gavioes da Fiel” (der “Treue Falken“):
MITOS E MAGIAS
“Erfülle die Leere mit dem Duft von Magie
und Verführung.
Die Gedanken wandern in die Ewigkeit.
Es ist ein zauberhafter Traum vom Wunder der
Schöpfung.
Und dann ein klarer Himmel übersät
mit Sternen.
Erde, Sonne und Meer erscheinen.
Und der Mond erhellt deinen Blick.
Aus der endlosen Klarheit wird ein neues Wesen
geboren, welches eingehen wird durch seine Liebe in die Unendlichkeit.
Geformt von göttlicher Hand aus Erde oder
Metall.
Ein Kunstwerk des Schöpfers.
Auch wenn die Menschheit seine Macht
mißachtet,
er ahndet es mit seiner Gnade.
Eine neue Ära erblüht, in Heiterkeit,
in Liebe und in Hoffnung.
Zu dieser triumphalen Odyssee nun steige auf
Falke.
Ein Fest für die Menschen.
Auf in den Carneval!“
Und neben dem Samba hat auch die zweite große
lateinamerikanische
Musikkultur engste Beziehungen zum runden Leder: der REGGAE! (s.u.)
Zwar existieren relativ wenige explizite Fussball-Songs von
Reggae-Bands
(deren Sujets sind meist religiös, politisch oder fallen unter das
„Betäubungsmittelgesetz“), aber ihr Rhythmus prägt seit den
70ern
die Atmosphäre des Fussballs in der (auch
nachdem
die „2. Welt“ vergangen ist noch immer) so genannten „3. Welt“!
| (Auszug aus einer SWR-Sendung) „Neben der Musik hat der echte Reggae-Jünger noch eine andere große Leidenschaft. Für jede Lebenslage, zu jeder Weisheit und jedem Laster hat ein Rastafari stets einen passenden Bibelvers parat - nur was ein Spiel anbetrifft, das man geradezu kultisch zelebriert, scheint man bislang im Buch der Bücher noch keinen treffenden Spruch entdeckt zu haben. Sein Denkmal in Kingston zeigt Bob Marley mit einer Gitarre im Arm und unter dem Fuß einen Fussball. ![]() Überall wo jamaikanische Dreadlocks auftauchen, wird gekickt. Allerdings ähnelt ihre Version des Spiels eher einer virtuosen Art von Happening und ein deutscher Stehplatzkurven-Fan (auf Schalke) mag zu Recht den entschlossenen Willen zum Sieg dabei vermissen. „’Hitler, Müller, Beckenbauer!’ lautete Bob Marley’s Antwort auf die erste Frage, die ich ihm stellte, als ich ihn auf heimischem Boden zum Interview traf...“ (berichtet der Musikjournalist Teja Schwaner) „... Was er von Deutschland wisse, hatte ich ihn gefragt. Rasta-Fussball, die angetörntesten Abgaben, die man je gesehen hat. Ein halbes Stündchen konnte ich mitmachen, dann mußte ich erschöpft aufgeben... Je länger es geht, desto seltener berührt der Ball den Boden. Und sie spielten, entgeistert und doch bewundernd betrachtet von Herren in Smoking und Damen in weißen Nerzen - im Schloßhotel wurde nämlich Hochzeit gefeiert, und in Grüppchen trat die Ludwigsburger Society auf die Terrasse, um das exotische Schauspiel zu betrachten. Sie wunderten sich, daß man beim Spiel rauchte - gut, daß sie nicht wußten, was dort geraucht wurde...“ - und anderntags ging es weiter: „Am Fernsehturm wird mit einer Altherrenmannschaft Fussball gespielt... Seeco, der Perkussion-Mann, der aussieht wie ein schwarzer Clochard, zahnlos und aus einer anderen Welt, umdribbelt den 67-jährigen Außenverteidiger der Altherrenkicker und schlenzt den Ball mit der Hacke an den Innenpfosten. Tor! Wieder haben sich die Rastas staunende Freunde gemacht!“ Übrigens war Skill Cole, ein ständiger Begleiter Marley’s, immerhin ehemaliger jamaikanischer Nationalspieler. „Nicht-Rastas würden diese Exerzitien ‘Fussball’ nennen, aber damit sehen sie nur den alleräußersten Aspekt der Sache, und jeder gute Jamaikaner kann zu Fussball stundenlang psalmischen Tiefgang reden. Wir, pardon: Ich und Ich beweisen ja unser Unverständnis schon durch unser Staunen über die Tatsache, daß Menschen pausenlos so viel Hanf rauchen und dann noch Fussball spielen können, ohne aus der Puste zu geraten!“ (schreibt Georg Behr in seinem „Hanfbuch“). Auf tragische Weise ist auch Bob Marley’s Tod mit dem Fussball verbunden. Im Mai1977 verletzte er sich in Paris beim Spiel gegen eine französische Journalistenauswahl am Zeh. Die Wunde heilte nicht mehr und bald stand die Diagnose fest: er hatte Krebs. Eine Amputation, die ihn vielleicht noch hätte retten können, verbot sein Rasta-Glaube. So begab er sich schließlich in die Klinik eines umstrittenen Wunderheilers in Rottach-Egern am Tegernsee, wo er auch seine letzte Geburtstagsfeier erleben sollte. Zusammen mit einigen Freunden schaute er sich eine Fernsehdokumentation über das Leben seines zweiten Hausgottes an: Edson Arantes do Nascimento - des großen Spielmachers des lateinamerikanischen Fussballs - besser bekannt unter seinem Künstlernamen: Pelé! Heute ist Reggae in Jamaika - und übrigens auch überall in Afrika - die Musik der Fussballfans. Und als es ihrer Mannschaft 1998 zum ersten Mal gelungen ist, sich für ein Weltmeisterschaftsturnier zu qualifizieren, da war es natürlich selbstverständlich, daß die Größen dieser Musik, darunter Bob's Sohn Ziggy Marley, den offiziellen Teamsong, die Hymne der Mannschaft, einspielten. |
Zurück nach England und Europa – und zum PUNK!
AUSWÄRTSSPIEL („Die Toten Hosen“)
| Mach das Flutlicht an; sie kommen
gleich raus, und dann kann die Show losgehen. Und sie sind nicht allein, denn wir sind dabei, auch wenn es heut aufs Auge gibt. Es ist egal, ob wir das Spiel
verlieren, Ihr könnt uns schlagen so oft
und so hoch
wie ihr wollt, Ole ole ole ola - uns ist egal, wer
heute siegt! Irgendwann kommt für jeden mal
der Tag,
|
Und wenn ihr lesen könnt, dann
seht euch
an, was auf unsern Fahnen steht: „Bis zum bitteren Ende" wollen wir den Weg mitgehen. Ole ole ole ola - egal, wer heute
siegt! Ole ole ole ola - egal, wer heute
siegt! Selbst wenn wir Letzter sind und
dauernd verlieren, Ole ole ole ola - wir scheißen
auf den
Sieg! |
Als Punk stand man vor einem Dilemma.
Zwar war die Frontlinie quasi naturgegeben. Im Weg standen überall
die in die Jahre gekommenen Hippies. Sie gaben in der Szene den Ton an
und sie galt es im Namen einer neuen Jugendbewegung endlich auf’s
Altenteil
zu schieben.
Andererseits aber teilte man im Grunde sowohl deren linkes
Politikverständnis
als auch die antiautoritäre Gesinnung.
Umso mehr versuchte man sich zumindest im Lifestyle von den
vollbärtigen
Altvorderen mit den Jesuslatschen abzugrenzen.
Proll-Attitüde statt Batik und Belesenheit!
Und selbst die nötigen Rauschmittel besorgte man sich nicht
länger
beim Dealer, sondern demonstrativ an der nächsten Pommesbude.
Ihr erster Hit hieß dementsprechend: „Eisgekühlter
Bommerlunder“!
Vollrausch statt Bewußtseinserweiterung und Kater statt
Castaneda!
Was die Hippies anbetraf, so gab es da noch ein Feld, das sich bestens
zum Affront eignete:
Für einen 68er war das Stadion der tumbe Tummelplatz der
Spießer,
Machos und Vereinsmeier.
Die TOTEN HOSEN dagegen bekannten sich – wie viele Punks – demonstrativ
als Fans - in ihrem Fall der „Düsseldorfer Fortuna“.
(Nina Hagen und „Union Berlin“!)
Siege über Bayern wurden zu Gedenktagen und damals konnte nun
wirklich noch niemand die weitere Entwicklung voraussehen. Weder
daß
die „Fortuna“ zuletzt in den Niederungen der Oberliga-Nordrhein landen
würde, noch, daß ausgerechnet jene Dilettanten-Band einmal
mehr
auf ihrem Bankkonto haben sollte als der einstige Europapokal-Finalist.
Schon 1989 baten sie ihre Anhänger nach guter alter Punker-Sitte
um eine „Mark für Fortuna“. Und es kam tatsächlich genug Geld
zusammen, um die Verpflichtung des Starkickers Anthony Baffoe zu
finanzieren.
Genutzt hat es allerdings nichts mehr. Mittlerweile viertklassig
präsentierten
die Düsseldorfer Fortunen die TOTEN HOSEN vor kurzem offiziell als
ihren neuen Hauptsponsor - neben der örtlichen Sparkasse und einer
bekannten rechtsrheinischen Altbierbrauerei.
Auf den Trikots der Mannschaft prangt seither das Bandemblem: ein
lächelnder
Totenkopf!
Die Verbindung zwischen Fussball & Punk stammt, wie der Punk
selbst,
aus England. Mitte der 70er Jahre etablierte sich dort (gegen die
Hippies
– wie gesagt) eine neue Subkultur - übrigens in engem Kontakt zu
den
damals noch alles andere als rechtsextremen Skinheads.
Und so spielte auch die angesagteste Band der Fussballfans, die
„Cockney
Rejects“, damals für Rattenträger ebenso wie für
Glatzen.
Ihr Kult-SongOi !-Oi !-Oi
! ahmte dabei einen verbreiteten Schlachtruf der Fans nach
(- abgeleitet von „Joy-Joy-Joy“ -) und sollte später zu einem
umstrittenen Etikett innerhalb der Skinheadszene werden:
(- heute in Anspruch genommen sowohl von rechten
als auch von echten Skins -)
|
Hear
that Cry throughout the Streets, you know just what it means
and even to the Ignorant, it is what it seems Through every City's Backstreets the Kids from all around they all come to join the Fight cause they know the Sound they all try to ignore us, but we wont let 'em win the Wankers try to put us down, but we'll come smashing in cause we're what's right and they're full of Shit so we're running down the Backstreets oi oi oi and we're running not afraid oi oi oi cause we all know that's the Sound of the Streets so we're running down the Backstreets oi oi oi got our Martins on our Feets oi oi oi and you're allready down the Backstreets with me The Kids they come from everywhere the new Stage's all around cause they all know what it means when they hear the Sound you know what to do when you hear the Call put your Boots and Earings on, kick down that fucking Wall you can listen to the Politicians they'll lead you astray you're gonna see the Light and your gonna see the Way and then you'll know there's nothing like us and we're running down the Backstreets oi oi oi and we're never giving in oi oi oi cause we all know cause we're gonna fucking win and we're running down the Backstreets oi oi oi and we're hear to stay oi oi oi ... and we're running down the Backstreets oi oi oi and we're running not afraid oi oi oi cause we all know that that's the Sound of the Street and we're running down the Backstreets oi oi oi got our Martins on our Feet oi oi oi and you're allready down the Backstreets with me down the Backstreets with me! |
Und Punk & Fan - das hieß natürlich immer auch
vehemente
Kritik an Kommerz & Kapitalismus in Fussball:
BAYERN („Die Toten Hosen“):
| Es gibt nicht viel auf dieser Welt,
woran man sich halten kann. Manche sagen die Liebe, vielleicht ist da was dran. Und es bleibt ja immer noch Gott,
Es kann soviel passieren, Ich meine, wenn ich 20 wär'
Und ich hätt' auch schon
für Deutschland
gespielt Ich würde meine Tür nicht
öffnen, |
Das wollt' ich nur mal klarstellen,
damit wir uns richtig verstehen. Ich habe nichts gegen München, ich würde nur nie zu den Bayern gehen. Muss denn sowas wirklich sein?
Es kann soviel passieren, Was für Eltern muss man haben,
Wir würden nie zum FC Bayern
München
gehen! |
CESAR LOUIS MENOTTI: „Fussball, das ist Kunst, und die ist wie der Fussball schon immer mit Schönheit verbunden. Gerade durch Ästhetik, Effektivität und Genauigkeit kann der Spieler das Spiel zu einem kulturellen Ereignis machen!“
Literaten und Künstler suchen seit je im Fussball entweder das
Rohe
oder aber, ganz im Gegenteil, das Kunstvolle – entweder das
vermeintlich
proletarische, körperbetonte, anti-intellektuelle, archaische
Milieu
als Gegenwelt zum Elfenbeinturm, oder aber sie besingen jene
feinere
Stilrichtung des Spiels, welcher sie den Rang einer eigenen Kunst
zugestehen,
und solche Fussballer, die als gleichrangige Ästheten gelten
könnten.
| Der uruguayische Fussballpoet Eduardo Galeano porträtierte den legendären brasilianischen Außenstürmer GARRINCHA: „Irgendeiner seiner vielen Brüder taufte ihn Garrincha, was der Name eines nutzlosen, hässlichen kleinen Vogels ist. Als er mit dem Fussballspielen begann, bekreuzigten sich die Ärzte... dieses armselige Häuflein Mensch, das der Hunger und die Kinderlähmung übriggelassen hatten, hinkender Esel mit einem Kinderhirn, eine Wirbelsäule wie ein S und Beinen, die beide zur gleichen Seite gebogen waren. Nie hatte es einen Rechtsaußen wie ihn gegeben. Bei der Weltmeisterschaft von 1958 war er der beste Spieler auf dieser Position. Bei der WM 62 der beste Spieler des ganzen Turniers... Er war der Mann, der am meisten Freude schenkte in der ganzen Geschichte des Fussballs. Wenn er spielte, wurde der Fussballplatz zur Zirkusmanege und der Ball zum gezähmten Tier, das Spiel zur Einladung zum Feiern... (der Ball war sein Spielzeug) er sprang über es hinweg, es hüpfte über ihn, es versteckte sich... Unterwegs stießen die Gegner zusammen, verhakten sich mit den Beinen, bekamen Schwindelanfälle oder fielen auf den Hosenboden... Er war in der Vorstadt aufgewachsen... er spielte bei einem Club, der Botafogo hieß, was soviel wie Brandstifter bedeutet, und genau das war er auch: Ein Brandstifter, der die Stadien entzündete, verrückt nach Branntwein und allem anderen, was brennt... Ein Sieger? Ein Verlierer, der Glück hatte! Und das Glück dauerte nie sehr lange. Nicht umsonst sagt man in Brasilien, wenn Scheiße etwas wert wäre, dann hätten die Armen keinen Arsch. Garrincha starb seinen Tod: arm, im Suff und einsam!“ | Und Hans-Ulrich Gumbrecht ließ sich unter der Überschrift „Lob der Schönheit des Sports“ vom gleichen Spieler zu einer spezifischen Theorie der „Gewalt und Gewaltlosigkeit“ inspirieren:„Mein persönlicher Fussballheld wird für alle Zeiten Mané Garrincha sein... (Er) agierte auf dem Platz eher komisch oder sogar zynisch, aber sicherlich nicht tragisch. Und trotzdem hatte es auch etwas Gewalttätiges, wenn Garrincha die Abwehrlinie der gegnerischen Mannschaft dribbelnd durchbrach. Die Gewalt, die hier aufschien, war die potentielle Gewalt der Abwehrspieler... Garrincha verlieh der drohenden Gewalt eine Form, weil er über viele Möglichkeiten verfügte, sie herauszufordern und ins Leere laufen zu lassen, so daß sich die Zuschauer auf Kosten des Gegners amüsieren konnten. Das körperlose, gewaltfreie Spiel eines Garrincha verdankt sich aber der Gewalt, die es herausfordert; es beruht auf Gewaltvermeidung, aber es verleiht der Gewalt eine Form, indem es sie umgeht!“ (zit. nach R. Moritz S.104f) |
Wie schon erwähnt hatten auch die Wiener „Kaffeehausliteraten“
ihr erklärtes Idol. Auch ALFRED POLGAR verfasste 1939 einen
Nachruf
auf Matthias Sindelar:
„Er spielte Fußball, wie ein Meister Schach
spielt: mit weiter gedanklicher Konzeption, Züge und
Gegenzüge
vorausberechnend, unter den Varianten stets die aussichtsreichste
wählend,
ein Fallensteller und Überrumpler ohnegleichen,
unerschöpflich
im Erfinden von Scheinangriffen, denen, nach der dem Gegner
abgeluchsten
Parade, erst der rechte und unwiderstehliche Angriff folgte. Er hatte
sozusagen
Geist in den Beinen, es fiel ihnen im Laufen eine Menge
Überraschendes
ein... und Sindelars Schuss ins Tor traf wie eine glänzende
Pointe,
von der aus erst der meisterliche Aufbau der Geschichte, deren
Krönung
sie bildete, recht zu verstehen und zu würdigen war!“
(zit. nach Biermann/Fuchs S.73)
Während ein zweiter Donauliterat, FRIEDRICH TORBERG, meinte (s.
Bausenwein S. 53), daß der „Mannschaftssport
die einzige geglückte Lösung zwischen Kollektiv und
Individuum
darstellt“
(ein Roman von ihm trägt den Titel „Die Mannschaft“), hat ein
dritter, ELIAS CANETTI, in seiner Lebensgeschichte „Fackel im Ohr“
diagnostiziert,
daß es vermutlich seine traumatischen Erinnerungen an eine
Kindheit
in Hörweite der tobenden Zuschauermassen des Stadions von „Rapid
Wien“
gewesen sind, die ihn sein sozioliterarisches Hauptthema haben finden
lassen:
„Masse
und Macht“! Wobei für ihn der Fussballanhänger stets
als
ein geistig und ökonomisch Zukurzgekommener erscheint, der sich in
die Bestie „Masse“ flüchtet, um darin seine existentielle Ohnmacht
zumindest zeitweise einmal überwinden zu können.
In Österreich ist die enge Verbindung zwischen Fussball &
Schriftstellerei
(ähnlich wie in Südamerika) nicht zuletzt dadurch zu
erklären,
daß dort eben ein inspirierender Spielstil gepflegt wird (bzw.
wurde), der eher auf Geschicklichkeit und Witz setzt als auf
Härte
und Kraft.
| Auch der Kärntener PETER HANDKE nahm sich immer wieder
Metaphern
und Sujets aus der Welt des Fussballs. Hier ist die berühmte Schlüsselstelle aus seinem Roman „DIE ANGST DES TORMANNS BEIM ELFMETER“ (1970) (dessen Titel wie schon gesagt offenbart, daß er sicher kein intimer Kenner der Materie gewesen ist): „Ein Elfmeter wurde gegeben. Alle Zuschauer liefen hinter das Tor. `Der Tormann überlegt, in welche Ecke der andere schießen wird´, sagte Bloch. (- Der arbeitslose Monteur und passionierte Torhüter versucht sich seine gesellschaftliche Lage durch Analogien zum Fussballspiel zu erklären -) `Wenn er den Schützen kennt, weiß er, welche Ecke er sich in der Regel aussucht. Möglicherweise rechnet aber auch der Elfmeterschütze damit, daß der Tormann sich das überlegt. Also überlegt sich der Tormann weiter, daß der Ball heute einmal in die andere Ecke kommt. Wie aber, wenn der Schütze noch immer mit dem Tormann mitdenkt und nun doch in die übliche Ecke schießen will? Und so weiter und so weiter.´ Bloch sah, wie nach und nach alle Spieler aus dem Strafraum gingen. Der Elfmeterschütze legte sich den Ball zurecht. Dann ging auch er rückwärts aus dem Strafraum heraus. `Wenn der Schütze anläuft, deutet unwillkürlich der Tormann, kurz bevor der Ball abgeschossen wird, schon mit dem Körper die Richtung an, in die er sich werfen wird, und der Schütze kann ruhig in die andere Richtung schießen´, sagte Bloch... Der Schütze lief plötzlich an. Der Tormann, der einen grellgelben Pullover anhatte, blieb völlig unbeweglich stehen, und der Elfmeterschütze schoß ihm den Ball in die Hände!“ |
Mario Leis: „Literatur verschiebt in der Regel die Eindeutigkeit von sportlichen Tätigkeiten in einen ausgesprochen mehrdeutigen Interpretationshorizont!“
Und noch ein letzter aus der illustren Riege der K&K-Autoren.
Bei ÖDÖN VON HORVATH findet sich im Roman „Jugend ohne Gott“
(1937) folgende Passage
(zit. nach M.Herzog S. 143): „Wenn der
Rechtsaußen
den linken Half überspielt und zentert, wenn der
Mittelstürmer
den Ball in den leeren Raum vorlegt und der Tormann sich wirft... dann
existiert für den Zuschauer nichts auf der Welt, außer dem
Fußball,
ob die Sonne scheint, obs regnet oder schneit. Dann hat er alles
vergessen!“
| In Deutschland schlugen sich zunächst einmal viele
Schriftsteller
eher auf die Seite der Turner (s.o.) – z.B. JOACHIM RINGELNATZ (s. „Gedichte Bd.1“ / Berlin 1984)): FUSSBALL (NEBST ABART UND AUSARTUNG) Der Fußballwahn ist eine Krank- heit, aber selten, Gott sei Dank! Ich kenne wen, der litt akut an Fußballwahn und Fußballwut. Sowie er einen Gegenstand in Kugelform und ähnlich fand, so trat er zu und stieß mit Kraft ihn in die bunte Nachbarschaft. Ob es ein Schwalbennest, ein Tiegel, ein Käse, Globus oder Igel, ein Krug, ein Schmuckwerk am Altar, ein Kegelball, ein Kissen war, und wem der Gegenstand gehörte, das war etwas, was ihn nicht störte. Bald trieb er eine Schweineblase, bald steife Hüte durch die Straße. Dann wieder mit geübtem Schwung stieß er den Fuß in Pferdedung. Mit Schwamm und Seife trieb er Sport. Die Lampenkuppel brach sofort. Das Nachtgeschirr flog zielbewußt der Tante Berta an die Brust. Kein Abwehrmittel wollte nützen, nicht Stacheldraht in Stiefelspitzen, noch Puffer, außen angebracht. |
Er siegte immer, 0 zu 8, und übte weiter frisch, fromm, frei mit Totenkopf und Straußenei. Erschreckt durch seine wilden Stöße, gab man ihm nie Kartoffelklöße. Selbst vor dem Podex und den Brüsten der Frau ergriff ihn ein Gelüsten, was er jedoch als Mann von Stand aus Höflichkeit meist überwand. Dagegen gab ein Schwartenmagen dem Fleischer Anlaß zum Verklagen. Was beim Gemüsemarkt geschah, kommt einer Schlacht bei Leipzig nah. Da schwirrten Äpfel, Apfelsinen durchs Publikum wie wilde Bienen. Da sah man Blutorangen, Zwetschen an blassen Wangen sich zerquetschen. Das Eigelb überzog die Leiber, ein Fischkorb platzte zwischen Weiber. Kartoffeln spritzten und Zitronen. Man duckte sich vor den Melonen. Dem Krautkopf folgten Kürbisschüsse. Dann donnerten die Kokosnüsse. Genug! Als alles dies getan, griff unser Held zum Größenwahn. Schon schäkernd mit der U-Boots-Mine, besann er sich auf die Lawine. Doch als pompöser Fußballstößer Fand er die Erde noch viel größer. Er rang mit mancherlei Problemen. Zunächst: Wie soll man Anlauf nehmen? Dann schiffte er von dem Balkon sich ein in einen Luftballon. Und blieb von da an in der Luft, verschollen. Hat sich selbst verpufft. - Ich warne euch, ihr Brüder Jahns, vor dem Gebrauch des Fußballwahns! |
In jüngerer Zeit haben sich hierzulande vor allem zwei Autoren
einen Namen als bekennende Fussball-Liebhaber gemacht:
WALTER JENS – der an diesem Spiel vor allem das „Prinzip
der freiwilligen Selbsterschwerung“ (den Verzicht auf die doch
um
so vieles geschickteren Hände nämlich) als herausragende
Kulturleistung
des Homo Sapiens (bzw. Homo Ludens) preist -
und ROR WOLF:
Fußball-Sonett
Der Meister wirbelt hungrig übers Feld
Und füttert seine Spitzen sehr geschickt.
Er tanzt durch alle Sperren, quirlt und zwickt.
Vom Flutlicht ist der Rasen jetzt erhellt.
Der Rammer zugedeckt und kaltgestellt.
Der Brecher auf der Linie ganz geknickt.
Das Leder hängt im Netz, hineingenickt.
Im halben Lande stöhnt die Fußballwelt.
Der Trainer auf der Bank, man sieht ihn
fluchen.
Sein Kopf sitzt locker und eventuell
Beißt man im Herbst schon in den
Abstiegskuchen.
Der Rammer steht herum und ganz speziell
Den Brecher muß man mit der Lupe suchen.
Da muß sich vieles ändern und zwar
schnell.“
(aus „Das nächste Spiel ist immer das schwerste“)
| Gerade Paraphrasen und Parodien über die typische
Fussball(er)-
& Fussballreporter-Sprache erfreuen sich natürlich besonderer
Beliebtheit. Bis hinein in Formen der sogenannten „konkreten Poesie“
wie
etwa in Thomas Gsella’s Buch: „So werde ich
Heribert
Faßbender – Grund- und Aufbauwortschatz
Fußballreportage“ oder auch in Ror Wolf’s berühmten O-Ton-Radiocollagen: - „Rückblick auf große Tage – Die WM 1974“ und - „Cordoba Juni 13 Uhr 45 – WM 1978“ |
Letzteres Hörspiel schildert den glorreichen Sieg
Österreichs
über Deutschland in Argentinien und verarbeitet dabei die
legendäre
Reportage von EDI FINGER: „Heute spühn die Österreicher auf, heute kriagn die Deitschen oanen drauf... (Diese einleitenden Sätze skandiert er im Sprechgesang auf die Melodie von Mozart’s „Kleiner Nachtmusik“) Jetzt geht’s noch drei Minuten... Da kommt Krankl, vorbei diesmal an seinem ewigen Bewacher, ist im Strafraum, Schuss – Tor! Tor! Tor! Tor! Tor! Tor! I wer' narrisch! Krankl schießt ein! Drei zu zwei für Österreich! ... Meine Damen und Herrn, wir fall'n uns um den Hals, der Kollege Rippel, der Diplomingenieur Posch, wir busseln uns ab, drei zu zwei für Österreich, durch ein großartiges Tor unseres Krankl, er hat alles überspüht, meine Damen und Herrn, und wartens noch a bissl, wartens noch a bissl, dann kemma uns vielleicht a Vierterl genehmigen. Also das – das mußt miterlebt haben! Jetzt bin ich aufgestandn, geh geh geh, I glaub jetzt hammas gschlagn! " |
Tatsächlich kickende Literaten, auch die gab es, wenngleich sowohl ALBERT CAMUS („Mythos vom Sisyphos“) als auch VLADIMIR NABOKOV („Lolita“) beide nur das Tor gehütet haben.
In der BILDENDEN KUNST spielt der Fussball als Sujet keine
große
Rolle. Seine Dynamik und Dramaturgie lassen sich eben doch nur sehr
unvollkommen
in der Statik einer Leinwand oder einer Skulptur bannen.
Entweder es waren (vor allem in England im 19.Jahrhudert) Milieustudien
und Genrebilder, gezeichnete Bildreportagen tatsächlicher Matches
oder anatomische Bewegungsstudien.
Einfacher hatten es da schon jene Vertreter der Zunft, die zu Beginn
des 20. Jahrhunderts begannen, Zeitungslyrik und Alltagsbilder in ihre
Kunstobjekte und Happenings zu integrierten. Ihnen boten sich schnell
neue
Zugänge auch zum Thema „Fussball“.
In der von Dada und anderen überdrehten
Skandalkünstlern
geprägten Weimarer Zeit etwa gab es ein paar Zeitschriften, die
versuchten,
die Verfechter der Hochkultur dadurch zu reizen, daß man Kunst
&
Sport als kulturell gleichrangig erklärte.
Etwa in Alfred Flechtheim’s „Der Querschnitt
– Magazin für Kunst, Literatur und Boxsport“ (1932)
(darin proklamiert er den Fussball bereits als die neue „Weltreligion
des 20. Jahrhunderts“)
oder in des Dadaisten John Heartfield's
„Jedermann sein eigner Fussball“ (1919)

| Ins gleiche künstlerische Umfeld gehört auch das
avantgardistische
Theaterstück “FUSSBALLSPIELER UND INDIANER” aus dem Jahr
1924,
in dem MELCHIOR VISCHER der gierig-kapitalistischen Welt des
Profifussballs
(anno 1924!) die vermeintlich heile Naturverbundenheit der „guten
Wilden“
gegenüberstellt. Aber weniger in moralinsaurer Weise, als vielmehr
in Form einer reichlich verrückten Groteske. Das Stück beginnt auf der „Fußballbörse“... „SCHIMSA (Fußballagent): Tummy! 25 Jahre alt, linker Verteidiger. Gediegene Klasse. 17 Cupspiele mitgemacht. 82 Pfund zum ersten! Zum zweiten! Zum dritten!... CHESTER (Clubpräsident): Wir bezahlen Ihnen haussierend, wenn Sie uns den geeigneten Mittelstürmer finden! SCHIMSA: Das lassen Sie ruhig meine Sorge sein. Schimsa hat eine Nase: er riecht den schlechten Gummi der Fußballseelen auf hundertmal Elferentfernung. Auch wenn einer Lackschuhe an hat, so merke ich doch seine Volleybegabung... Paßt auf ihr Herren! Jetzt beginnt eine neue Epoche in der Fußballgeschichte. Ich rufe den Namen: Bill!... (zu Bill) Du hast Kapital an Deinen Füßen, Geld, Geld!... CHESTER (zu Bill): 8 Pfund die Woche. Und für jedes Goal, das Sie schießen, ein halbes Pfund! Nun? Schlagen Sie ein? BILL: Ich schlage ein! SCHIMSA: (applaudiert)...“ ...und es endet im „Urwald“. |
| Die Kunstkritik schrieb über eine Videoinstallation
während
der „Documenta X“: „Der israelische Künstler Uri Tzaig beschäftigte sich mit der Funktionsweise von Spielen, vor allem von Teamspielen. Er zeigte Videos von einem Fussball- und einem Basketballspiel. Im Fussballvideo erkennt man nicht sogleich die Abweichung vom visuellen Stereotyp einer gewöhnlichen Fussballübertragung. Die Kamera bewegt sich nicht, rückt nicht durch Nahaufnahme an das Geschehen heran. Dieses hat außerdem, wie man irritiert feststellt, zwei Brennpunkte, weil zwei Bälle im Spiel sind. Im unteren Drittel des Bildfeldes blendet Tzaig in der Art kommentierender Untertitel einen fortlaufenden, poetisch-philosophischen Text ein. Sowohl die zwei Bälle wie der in keinem Zusammenhang zum Spiel stehende Sprachvortrag spaltet die Aufmerksamkeit und lässt tiefverwurzelte Erwartungen an das populäre Spiel ins Leere laufen. Es gibt kein eindeutiges Spielziel und keinen Gewinner. Weshalb nur plagen sie sich so, die Sportler? Es handelt sich wohl um eine Metapher: Das Leben ist ein absurder Kampf, es fehlt, verdammt nochmal, ein Sinn! Schöne Spielzüge aber, die gibt es nichtsdestotrotz dennoch. Und im ästhetischen Vergleich zeigt sich: Fussball ist dramatischer - Basketball virtuoser!“ |
Einen ganz ähnlichen Versuch der
Wahrnehmungsverfremdung
gab es auch einmal bei einem Spiel der „Bunten Liga“: „Als es geradezu Bindfäden regnet und die Zuschauer und Auswechselspieler zusammengepfercht unter einem kleinen, transportablen Pavillon an der Außenlinie dem Spiel Senile Kicktgegen Partisan Eifelstraße folgen wollen, geht die Spielfreude keinesfalls baden. Im Gegenteil. Die Teams bitten die Zuschauer aufs Feld, kreieren eine neue Spielidee und schaffen zugleich ein zuschauerfreundliches Novum in der Fußballgeschichte. `Ja, wir haben uns überlegt, wir verlagern die Bank und Zuschauertribüne auf den Mittelkreis!´ Der Mittelkreis, bestückt mit etlichen Zuschauern, einem Pavillon und einer Bank, wird kurzerhand zum Aus erklärt. Gespielt wird über die Flügel, vornehmlich über links, wie sich das für Alternativfußballer gehört, wobei das Spiel immer wieder unterbrochen wird durch Einwürfe aus dem Mittelkreis, aus der Flugverbotszone. Die Umsetzung dieser Spielvariation wird dann bei der Siegerehrung gebührlich gefeiert und mit einem Sonderpreis bedacht!“ (alle Zitate zur "Bunten Liga" stammen aus einer Hörfunksendung des DLF vom 8.12.2002: "Kicken ohne DFB - Alternativfussball in Deutschland" von Eduard Hoffmann & Jürgen Nendza) |
Zu literarischen Höhenflügen
inspirierte
das Spiel aber auch schon seine frühen Propagandisten. So
beschrieb
Philipp Heineken „Das Fussballspiel“ 1898:
„Keuchend geht der Atem, rascher kreist das Blut,
feuriger glänzt das Auge und sprüht Tatendurst. Die
Selbstbeherrschung
aber zügelt den zu raschen Entschluss... Sobald ein Spieler sieht,
dass er (allein) mit dem Balle nicht mehr weiter kann, was ihm die
Erfahrung
zeigen wird, so gibt er den Ball mit dem Fusse einem günstiger
stehenden
Freunde weiter, damit dieser ausführt, was er selbst nicht
vollbringen
kann. In dieser Aufopferung des eigenen Ichs zum Wohle der ganzen
Partei
liegt einer der grössten Reize des Fussballspieles... Es gibt in
der
Tat keinen schöneren Augenblick, als zu sehen, wie der Ball von
einem
Ende des Feldes in hohem Bogen zum andern fliegt, dann durch die
Stürmer
langsam über das Feld dicht am Boden herüberkommt, hier durch
geschicktes Spielen einem daher rennenden Gegner entkommt, dann
vielleicht
vom Flügel zum Centrum, von diesem auf den anderen Flügel
wandert...
und endlich dicht an die feindliche Goallinie gebracht wird. Jetzt
fliegt
der Ball mit einem wuchtigen, sicher berechneten Stosse dem nicht weit
vom Male stehenden Centrumstürmer zu. Mit großer
Kaltblütigkeit...
macht dieser dann seinen Shot. Man hört den Ball deutlich durch
die
Luft pfeifen...
Das ist die Poesie des Fussballfeldes, die das
Herz jedes geweckten Jungen im Fluge bezwingt... Diese Poesie ist es,
welche
dem Fussball seinen Siegeszug durch die Welt verschaffte, und diese ist
es auch, welche alle Nörgeleien der Gegner zu Schanden macht!“
Im Zuge der linksalternativ-ökologischen Bewegung entstand in
den
frühen 80er Jahren auch eine (vielerorts bis heute existierende)
alternative
Fussballszene. Organisiert jenseits des DFB in autonomen "Bunten Ligen"
versuchte man, dem Spiel eine andere, lockerere Atmosphäre zu
geben.
Nomen est omen!
Die Mannschaften firmieren unter solch vielsagenden Namen wie "Roter
Stern Bremen", "Petermann Stadtgarten Köln", " Rote Beete
Hamburg",
"Balltänzer Bielefeld", "Kurzschluß Osram Heynckes", "Kick
&
Rush Orchestra", "Senile Kickt", "Aus der Tiefe des Raumes", "Freies
Fußballkollektiv
Piranhas", "Torpedo Kuschelweich", "Herbergers Enkel", "Hoeneß,
nein
Danke" oder "Wim kifft und Berti kokst" (und
war da nicht noch wer?).
| "Petermann Stadtgarten ist
gewissermaßen
als Ausdruck tierischer Freiheitsliebe zu verstehen. Petermann,
ein durch Funk und Fernsehen beliebter Schimpanse, suchte eines Abends
im Kölner Zoo das Weite, genauer: den Weg zu seiner Affenfreundin
Susi. Ein tödliches Unterfangen letztlich. `Statt mit
Betäubungspatronen
auf ihn zu schießen, haben sie ihm direkt den Garaus gemacht und
Petermann wollte nichts anderes als die Freiheit. Es ist
überliefert,
dass er an jenem Abend die linke Faust reckend hinterrücks
erschossen
wurde. Und insofern ist das für uns ein Vorbild geworden, der
Märtyrer
in Köln, der einzig gelebt habende Märtyrer mit wirklich
politischen
Absichten in Köln. Ja und da wollten wir ihm ein Denkmal setzen
und
haben uns Petermann genannt´!“ (alle Zitate aus einer Hörfunksendung des DLF vom 8.12.2002: "Kicken ohne DFB - Alternativfussball in Deutschland" von Eduard Hoffmann & Jürgen Nendza) |
„In Kassel gab es keine alternative Liga Anfang der 80er. Daraufhin haben wir gedacht, gut, dann werden wir uns ganz normal in der Kreisliga B anmelden. Also haben wir einen Antrag gestellt beim Hessischen Fußballverband und der ist dann 1983 abgelehnt worden, mit der Begründung, das Wort `Dynamo´ könnte man nicht akzeptieren, weil es zu sehr den Gepflogenheiten des Ostblocks entspräche. Sie rochen merkwürdige Dinge, Unterwanderung oder was auch immer. Dann sind wir vor das Landgericht Kassel gezogen und haben dort Recht bekommen. Dann ist der Hessische Fußballverband vor das Oberlandesgericht Frankfurt gegangen, und den Prozeß haben wir verloren. Dann wollten wir noch vor das Bundesverfassungsgericht ziehen, das ist aber abgelehnt worden mit der Begründung, dass sie dafür nicht zuständig wären!“ |
Auch viele "Grüne" (darunter aus der Parteispitze allen voran Joschka Fischer & Rezzo Schlauch) kickten mit in einer eigenen Truppe, der "Grünen Tulpe"!
"Die Medien gezielt einzusetzen, gelingt der Bunten Liga Aachen 1992 mit einer spektakulären Mitgliederwerbung. Während der Weihnachtsfeier von Juventus Senile kommt man auf die Idee, Papst Johannes Paul II, der kurz zuvor Ehrenmitglied von Schalke 04 geworden war, die Ehrenmitgliedschaft anzutragen. Stilvoll verfassen die Buntligisten ihr Ansinnen auf Mittellateinisch. Sie beklagen beim Heiligen Vater das grobe Foulspiel, die hohen Transfersummen und den modernen Ablöse-Menschenhandel als `arg unchristliche Entwicklungen im Fußball´ und bitten Ihre Heiligkeit, die Ehrenmitgliedschaft in der Bunten Liga Aachen anzunehmen, als Zeichen dafür, daß auch `oft für unüberbrückbar gehaltene Grenzen der Ideologien´ überschritten werden können. `Irgendwann kam dann ein Brief zurück, ebenfalls in Latein, dass der Papst dem sehr wohlgesonnen entgegen sieht und auch die Ehrenmitgliedschaft annimmt. Daraufhin hat sich dann ein riesiger Pressetrubel entwickelt, weil sich Egidius Braun vom DFB massiv darüber beklagt hat. Er sah sich als unchristlich hingestellt und hat einen riesigen Wirbel gemacht´!"
"Und in Aachen kommt es seit einigen Jahren
sogar
zu Duellen von sicherheitspolitischer Relevanz. Seit 1997 spielt mit Villa
Kunterbunt im Hochsicherheitstrakt der Aachener
Justizvollzugsanstalt
ein Team von Strafgefangenen mit, dass sich aus Dealern,
Bankräubern
und sogenannten Lebenslänglichen zusammensetzt. Logisch, dass
diese
Mannschaft jedesmal Heimrecht genießt. Schließlich kam es
so,
wie es kommen musste. Die Gruppenauslosung führte zum ultimativen
Liga Knaller. Die Knackis hatten anzutreten gegen die Aachen Bulls,
das Bunte-Liga-Team Aachener Polizisten!"
FRAUEN-FUSSBALL
1894 gründete eine gewisse Nettie Honeyball (nomen
est omen!) in London die erste Frauenfussballmannschaft,
die „British Ladies“!

Am 23. März 1895 fand dann (vor 10.000 Zuschauern) das erste Match
statt:
Der „British Ladies’ Football Club North“ vs „South“!
Fussballspielerinnen galten damals als (und waren zum großen Teil auch) „Suffragetten“ (Frauenrechtlerinnen also)!
Der „Kampf um die Hose“ eskalierte 1897, als
Radfahrerinnen
einen "Hosenkongress" in Oxford veranstalteten, um gegen die beim Sport
gesellschaftlich vorgeschriebenen, aber doch eher hinderlichen langen
Kleider
zu protestieren.
Danach setzte sich bald auch bei den
Fußballerinnen
die weite Kniebundhose als das obligatorische Outfit durch.
1902 verbot die „Football Association“ ihren Mitglieds- im wahrsten Sinne des Wortes ;-) -Vereinen, gegen Frauen oder gemischtgeschlechtliche Teams anzutreten!
Während des ersten Weltkrieges aber (als die meisten jungen
Männer
sich im Fronteinsatz befanden) entstanden im Umfeld von
Industriebetrieben
(nicht zuletzt in der Rüstung) diverse Frauenmannschaften, die
dann
vor allem bei Wohltätigkeitsveranstaltungen auftreten durften
(wobei
man den Showcharakter dieser Veranstaltungen noch ganz bewußt
unterstrichen
hat etwa durch Fantasiekostüme oder durch Flutlicht).
Die bekannteste dieser Truppen, das waren die (1917 gegründeten)
„Dick Kerr’s Ladies“ (einer gleichnamigen Munitionsfabrik), die 1920
auch
das erste innerbritische Spiel bestritten (22-0 gewann man gegen eine
schottische
Auswahl) und ein Jahr später dann auch das erste offizielle
Länderspiel
(gegen „Femina Paris“).
Der Frauenfussball erlebte eine erste kurze Blütezeit, die dann
aber im Dezember 1921 durch die FA und ein neuerliches Verbot ein Ende
finden sollte:
„Complaints have been made as to football being played by women, the
Council feel impelled to express their strong opinion that the game of
football is quite unsuitable for females and ought not to be
encouraged...
The Council request the clubs belonging to the Association to refuse
the
use of their grounds for such matches!“
Dennoch wurde in den 20er Jahren natürlich weiterhin von Frauen
Fussball gespielt. Vor allem die Emanzipationsbewegungen der „Golden
Twenties“
förderten damals jede Art weiblicher Aufmüpfigkeit. Und
gerade
Sport treiben galt als eine äußerst wirksame Form der
Spießbürgerprovokation.
Das erste deutsche Frauenfussballteam fand sich allerdings erst 1930
zusammen.
Diese Ära endete hierzulande dann 1933 – als die Nationalsozialisten ein kategorisches (und strafbewehrtes) Fussballspielverbot für alle teutschen Mädel aussprachen.
Doch auch nach Kriegsende blieb der Frauenfussball für die
Funktionäre
des DFB ein Schreckgespenst.
Mediziner lieferten auf Wunsch phantasievolle wissenschaftliche
Gründe,
warum den Frauen das Fußballspielen zu untersagen oder doch
zumindest
auszureden sei.
Immer wieder zitiert wurde in diesem Zusammenhang eine Studie des
holländischen
Psychologen Fred J.J. Buytendijk, wonach das Treten als Ausdruck von
Aggressivität
dem fraulichen Wesen von Grunde auf fremd sei.
(„Das Treten ist spezifisch männlich“,
dozierte
er: „...ob darum allerdings das Getretenwerden weiblich ist, das lasse
ich einmal dahingestellt. Wenigstens aber ist das Nicht-Treten
weiblich!“)
Und ein gewisser Albert Zapp untermauerte den Befund dann noch aus
gynäkologischer
Sicht.
Aufgrund rein "gesundheitlicher Bedenken " also verhängte man
am 30. Juni 1955 das nächste Verbot.
Dennoch gab es immer mehr informelle Frauenmannschaften in Deutschland
(auch das war eine Folge der WM 1954).
1962 wurde in England die „Women's FA“ ins Leben gerufen (die von der
Männer-FA allerdings erst 1973 offiziell anerkannt worden ist).
Dann veränderte die Studentenbewegung die Gesellschaft und mit
ihrem emanzipatorischen Elan gab sie auch dem Frauenfussball einen
erneuten
Auftrieb.
Im Sommer 1970 organisierte der Getränkehersteller „Martini &
Rossi“ in Italien die erste inoffizielle Frauen-WM.
(An welcher in Ermangelung einer
Nationalmannschaft
für Deutschland damals der „SC Bad Neuenahr“ teilnahm)
Am 30. Oktober 1970 ist es dann endlich soweit!
Der DFB erlaubt den Frauenfussball unter seinem Dach.
Allerdings erfolgte die Erlaubnis vorerst noch mit signifikanten
Einschränkungen:
Stollenschuhe waren verboten, ebenso Spiele im Winter und die Spielzeit
kürzte man pro Halbzeit um fünf Minuten.
Erst seit 1993 dauert ein Bundesligaspiel für die Frauen, wie
bei ihren männlichen Kollegen auch, neunzig Minuten.
Auf ein Brustschutzgebot wurde erst nach intensiver Debatte verzichtet.
Und überhaupt schienen die kleinen (und größeren)
Unterschiede Regelungsbedarf anzuzeigen.
So diskutierte man (Mann) tatsächlich
eine spezifische Modifikation der Abseitsregel:
wegen der unterschiedlichen Oberweiten nämlich, befürchtete
man, daß es zu Problemen kommen könnte bei der Auslegung des
Begriffs „Gleiche Höhe“!
Überregional spielen die Frauen in Deutschland seit 1974/75 um
den DFB-Pokal – aber erst 1990/91 wurde eine Frauen-Bundesliga
eingeführt.
Die erste Frauenfußball-Weltmeisterschaft fand 1991 in China
statt.
Die Frauenfussball-Hochburg USA gewann damals überlegen.
(Dort ist Fussball ein Frauensport – ein Image,
das seine Akzeptanz in der Männerwelt offenbar nicht gerade
erleichtert!)
Naheliegenderweise feierte man olympische Premiere 1996 in Atlanta.
Kopiez/Brink (S.189): „Im Frauenfussball wird
nicht gesungen!
Eine Behauptung, die die Autoren durch den Besuch
eines Bundesligaspiels bestätigen können. Von den Zuschauern
waren nicht mehr als sogenannte `Primärreaktionen´ (Pfeifen
Lärminstrumente) zu hören!“
1973 moderierte mit Carmen Thomas
übrigens
unter großem öffentlichen Interesse und von männlichem
Argwohn begleitet erstmals eine Frau das ZDF-„Sportstudio“. Und prompt
entschlüpfte ihr: „Schalke 05“!
Als der Vorschlag aufkam, man könnte
doch
auch einmal ein Fussballstadion nach einer Frau benennen, meinte der
damalige
Ministerpräsident von NRW, Johannes Rau:
„Und wie soll das denn dann heißen?
Vielleicht: `Dem-Ernst-Kuzorra-seine-Frau-ihr-Stadion´?“
| 1847 | Am 16. Februar beenden Polizeitruppen in Derby endgültig die Austragung des legendären „Derby“, jenes tumultuösen „Volksfussball“-Spektakels zwischen zwei Kirchspielen - über Stock & Stein und mit Hunderten von Teilnehmern. Mit diesem Datum endet gewissermaßen die unkultivierte Prähistorie des Fussballs. |
| 1848 | Studenten der Universität Cambridge geben sich die
ersten (noch
sehr provisorisch- informellen) Regeln. Eine Mannschaft besteht bei ihnen noch aus 15 bis 20 Spielern. |
| 1849 | In Eton veröffentlicht man das erste elaborierte und schriftlich fixierte Regelwerk. |
| 1857 | Mit „Sheffield FC“ wird der erste Fussballclub der Welt gegründet. |
| 1862 | Gründung des ersten Fussballclubs außerhalb von Großbritannien: „Oneida Boston“ in den USA. |
| 1863 | 26.Oktober: Gründung der „Football Association“ (FA) in
der Londoner
„Freemason’s Tavern“. Der offizielle Geburtstag des modernen Fussballs! Am 8. Dezember wird dann in der letzten von sechs Gründungsversammlungen über das 13 Paragraphen umfassende Gesetzeswerk abgestimmt. Hier der Codex im Wortlaut (zit. nach Ph. Heineken "Das Fußballspiel" / Stuttgart 1898): §1 - Die größte Länge des Spielplatzes betrage 200, die größte Breite 100 Yards; die Umgrenzungslinien werden durch Flaggen, die Goals durch 2 aufrechte, 8 Fuß auseinander stehende Pfosten ohne Querstange oder Verzierung gebildet. §2 - Um die Wahl des Goals wird gelost und das Spiel von der das Los verlierenden Partei von der Mitte des Feldes aus durch einen Platzstoss eröffnet. Die andre Partei steht vor dem Abstosse 10 Yards vom Balle entfernt. §3 - Ist ein Goal gewonnen, so eröffnet die verlierende Partei das Spiel wieder durch einen Platzstoss. Nach jedem gewonnenen Goal wechseln die beiden Parteien die Plätze. §4 - Ein Goal ist gewonnen, wenn der Ball zwischen den Goalpfosten oder durch den Raum oberhalb derselben - in welcher Höhe, ist nicht von Bedeutung - ohne Anwendung von Schlagen, Tragen oder Werfen gegangen ist. §5 - Ist der Ball in der Mark, so wirft ihn der erste Spieler, welcher ihn berührt, an der Stelle, wo der Ball das Feld verließ, im rechten Winkel zur Linie herein. Der Ball ist aber erst im Spiele, wenn er den Boden berührt hat. §6 - Hat ein Spieler den Ball gestossen, so ist jeder Spieler derselben Partei, welcher sich näher an der gegnerischen Goallinie befindet, `aus dem Spiele´, und darf weder den Ball berühren noch irgendeinen Spieler am Spielen verhindern; wird der Ball dagegen von einem Punkte, der sich hinter der Goallinie befindet, gestossen, so ist kein Spieler abseits. §7 - Geht der Ball hinter die Goallinie, und kann ein verteidigender Spieler die Hand zuerst auf den Ball legen, so erhält seine Partei auf einem, der Berührungsstelle entsprechenden Punkte auf der Goallinie einen Freekick. Berührt dagegen ein angreifender Spieler zuerst den Ball, so hat ein Spieler seiner Partei einen Freekick aufs Goal von einem nur 15 Yards im Spielplatze gelegenen Punkte; die angegriffene Partei hat innerhalb der Goallinie so lange zu bleiben, bis der Ball abgestossen ist. §8 - Macht ein Spieler einen Faircatch, so ist er damit zu einem Freekick berechtigt, falls er sofort eine Marke mit dem Absatze gemacht hatte. Bei der Ausführung des Stosses kann er soweit zurück gehen, als er will, die Gegner dürfen vor dem Stosse nicht vor die Marke kommen. §9 - Laufen mit dem Balle ist verboten. §10 - Sowohl Fussstellen wie auf die Beine stossen, desgleichen jeder Gebrauch der Hände, um damit einen Gegner zu halten oder umzustossen, ist verboten. §11 - Der Ball darf nicht mit den Händen geworfen oder mit denselben einem anderen Spieler zugepasst werden. §12 - Der Ball darf von keinem Spieler während des Spieles mit den Händen vom Boden aufgenommen werden. §13 - Tragen von hervorstehenden Nägeln, Eisenplatten oder Guttaperchastücken auf Schuhsohlen oder Absätzen ist verboten. Danach trennt sich die Rugby- endgültig von der
Soccer-Fraktion. |
| 1864 | Die Spielkleidung wird vorgeschrieben: Die Hose muß das Knie bedecken und die Kappe mit Quasten versehen sein. |
| 1865 | Das Tor wird nach oben hin durch eine waagerecht gespannte
Schnur in
2,44 m Höhe begrenzt. (Die heute gültigen Maße: Tor 7,32 x 2,44m / Linienbreite = Pfostenbreite max. 12 cm) |
| 1866 | Der sog. “Sheffield Code” definiert erstmals Eckball und
Freistoss.
Die Abseitsregel wird zum ersten Mal verändert: Ein
Spieler steht
im Abseits, wenn sich bei der Ballannahme weniger als drei Gegner
zwischen
ihm und der Torlinie aufhalten. |
| 1870 | Die FA begrenzt die Zahl der Spieler auf maximal 11. |
| 1871 | Im Oktober startet der "Association Football Challenge
Cup". Als erster überregionaler Wettbewerb macht er das Spiel in ganz England schnell populär. Einführung eines festen Torhüters. Dieser darf den
Ball in
der eigenen Hälfte mit der Hand spielen, hat ihn aber nach zwei
Schritten
wieder fallen zu lassen. |
| 1872 | Das erste offizielle Länderspiel am 14.Dezember zwischen
England
– Schottland in Glasgow endet 0:0.
Festlegung einer einheitlichen Ballgröße. |
| 1874 | Inthronisierung des Schiedsrichters.
An einem Braunschweiger Gymnasium wird von Konrad Koch der erste deutsche Schulfussballverein gegründet. Der englische Nationalspieler Sam Widdowson erhält ein Patent auf die von ihm (wohl aus gegebenem Anlaß) erfundenen Schienbeinschoner. |
| 1875 | Konrad Koch publiziert die ersten deutschsprachigen
Fussball-Regeln.
Eine Querlatte ersetzt die Schnur als obere Begrenzung des Tores. Halbzeitpause und Seitenwechsel werden obligatorisch. Eine Universitätsmannschaft aus Oxford bereist und missioniert Deutschland. |
| 1876 | August Hermann führt bei einer Tagung deutscher
Turnlehrer (pädagogisch
aufbereitet) ein Fussballspiel vor. (Mit zweifelhaftem Erfolg bei den Anhängern Jahns.) |
| 1877 | Einführung des Platzverweises. |
| 1878 | In Sheffield findet erstmals ein Spiel unter Flutlicht statt.
Der Schiedsrichter erhält seine Pfeife. Zuerst bei einem
Spiel
in Nottingham. |
| 1880 | Gründung des (vermutlich) ersten deutschen Fussballvereins, des „Bremer Football Club“. |
| 1882 | Ein Einwurf hat fortan mit beiden Händen zu erfolgen. |
| 1883 | Mit „Blackburn Olympic“ gewinnt zum ersten Mal eine
„Arbeitermannschaft“
den FA-Cup.
Das 2-3-5-Spielsystem (die "Paßpyramide") setzt sich durch. |
| 1885 | Legalisierung des Profitums durch die FA. |
| 1888 | Am 15. April wird mit „Germania 88 Berlin“ der erste noch heute bestehende (reine) Fussballverein Deutschlands gegründet. |
| 1889 | In England nimmt die erste Profi-Liga ihren Spielbetrieb auf.
Der Schiedsrichter erhält zu seiner Unterstützung zwei Linienrichter. |
| 1890 | Einführung der Tornetze. |
| 1891 | Einführung des Elfmeters. |
| 1894 | Nettie Honeyball gründet in London das erste Frauenteam – die „British Ladies“. Am 23. März 1895 findet dann das erste offizielle Frauenfussballspiel statt:„British Ladies’ Football Club North vs South“. |
| 1896 | In den “Jenaer Regeln” wird festgelegt, daß auf einem
Fussballplatz
weder ein Baum stehen darf noch ein Strauch! (Die heutigen FIFA-Regeln verlangen übrigens eine rechtwinklige Spielfläche von 90-120m Länge und 45-90m Breite.) |
| 1897 | Endgültige Festlegung der exakten Spielerzahl 11.
Einführung der Begriffe “vorsätzlich” und “absichtlich” bei Fouls. |
| 1898 | Der Turnlehrer Karl Planck veröffentlicht sein
Anti-Fussball-Pamphlet: "Fusslümmelei".
(Darauf eine Entgegnung von Philipp Heineken aus dem gleichen Jahr: "Seine Schrift wurde auf der ganzen Linie der Fussballspieler mit lautem Halloh empfangen und als guter Aprilscherz aufgefasst... Die Schrift ist vom Hasse des alten Turners gegen die fremdländischen Spiele diktiert... (Er) sucht durch wohlfeile Witzeleien und Ausländerfresserei sich als Retter des Vaterlandes gegen die moderne Sportsbewegung aufzuspielen... Beim teutschen Turnprofessor ist eben alles möglich... Wir möchten nur die Frage an Herrn Planck richten: Was ist idealer, die Wettkämpfe der Geschicklichkeit und Ausdauer... beim Fusslümmeln oder das Saufen, Prassen und die Mensuren der Mehrzahl unserer deutschen Studenten?") |
| 1899 | Erste Länderspiele einer deutschen
Nationalmannschaft. Gegen England verlor man 2-13, 2-10 und 0-7. Die Zuschauer waren fasziniert vor allem davon, daß die Briten eine hohe (den Deutschen noch nicht zu Gebote stehende) Kunst beherrschten: Das Stoppen des Balles! Der Schweizer Hans Gamper gründet den „CF Barcelona“. |
| 1900 | 28. Januar - Gründung des DFB in Leipzig. Erster Präsident wird der Hygienik-Professor (und Mitarbeiter Robert Koch’s) Ferdinand Hueppe aus Neuwied. |
| 1901 | Über 100.000 Zuschauer sehen das englische Cup-Finale im „Crystal Palace“-Stadion. |
| 1902 | Aus dem Strafraumhalbkreis wird ein Rechteck. (Der
„Sechzehnmeterraum“
bzw. korrekter: der „16,50m-Raum“!)
Verbot des Frauenfussballs in England. Die FA untersagt ihren Mitgliedsvereinen, gegen Frauenteams anzutreten. |
| 1903 | 31. Mai - Der VFB Leipzig wird erster Deutscher Meister durch
ein 7:2
gegen den „Deutschen FC Prag“(!) Vor ca. 1.500 Zuschauern auf einem Exerzierplatz in Hamburg-Altona und auch ansonsten unter, gelinde gesagt, seltsamen äußeren Umständen. Am 15. September treten die ersten allgemeingültigen Fussballregeln für Deutschland in Kraft. Der Torwart darf den Ball nur noch im eigenen Strafraum mit der Hand berühren. |
| 1904 | Gründung der FIFA.
Der Begriff “Gefährliches Spiel” wird eingeführt. |
| 1906 | Der Torwart darf die Torlinie beim Elfmeter nicht mehr
verlassen. Er
darf sich aber weiterhin bewegen, um den Schützen zu
irritieren.
Stahlkappen in den Schuhen werden verboten. Der Ball muss aus Leder sein. Der Schiedsrichter wird angewiesen, ein Spielprotokoll anzufertigen. |
| 1907 | Abseits in der eigenen Spielhälfte wird aufgehoben.
Gründung der ersten Profi-Gewerkschaft – der „Football Union“. |
| 1913 | Der Abstand zwischen Schütze und Gegenspieler beim
Freistoss
wird auf 9,15m festgelegt.
In Bayern hebt man das bis dahin geltende Fussball-Verbot an
Schulen
auf. |
| 1917 | In einer englischen Munitionsfabrik gleichen Namens gründet sich das Frauenfussballteam „The Dick Kerr’s Ladies“ – welches 1920 das erste innerbritische Frauenfussballspiel gegen eine schottische Mannschaft bestritten (22-0) und im Jahr darauf das erste internationale Spiel (gegen „Femina Paris“). |
| 1920 | Abseits beim Einwurf wird aufgehoben.
Das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft am 14. Juni in Frankfurt markiert hierzulande den endgültigen Durchbruch des Fussballs zum Massensport. 35.000 Besucher sehen das Finale zwischen Nürnberg und Fürth (2-0) in Frankfurt. Der jüdische Fussballfunktionär Walther Bensemann gibt eine neue Zeitschrift heraus, den „Kicker“. Er emigrierte schon im März 1933 in die Schweiz, wo er ein Jahr später völlig verarmt und desillusioniert starb - während seine Zeitung sich bald zu einem systemkonformen Nazi-Blatt wandelte. |
| 1921 | Die FA erneuert noch einmal ihren Frauenfussball-Bann. |
| 1922 | Am 26. März wird Sepp Herberger (noch als aktiver
Fussballspieler)
wegen Verstoßes gegen das Amateurstatut für ein Jahr
gesperrt.
Das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft am 18. Juni eskaliert in einem wahren Gemetzel und wird nach 190(!) Minuten abgebrochen. Und auch das Wiederholungsspiel am 6. August endet ohne Sieger, da die Zahl der Platzverweise und Verletzten zu einem erneuten Abbruch führt. |
| 1923 | Das englische Cup-Finale findet erstmals im „Wembley-Stadion“
statt.
Vor über 200.000 Zuschauern.
In Deutschland wird der Fussball von der „Lustbarkeitssteuer“ befreit. |
| 1924 | 26. Mai - Die Fussballnationalmannschaft von Uruguay spielt
beim olympischen
Turnier zum ersten Mal in Europa ( 7–0 gegen Jugoslawien) und
schockiert
mit ihrem virtuosen südamerikanischen Ballzauber die
abendländische
Sportwelt.
In Österreich führt man das Profitum ein. Ein Eckball darf direkt ins Tor verwandelt werden. |
| 1925 | 13. Juni – Erneute Modifikation der Abseitsregel: Im
Augenblick der
Ballabgabe müssen sich zwischen dem Spieler und dem Tor nurmehr
zwei
gegnerische Spieler aufhalten. Pfiffige Taktiker (vor allem ein
dafür
berühmt-berüchtigter Verteidiger namens Billy McCracken von
„Newcastle
United“) hatten durch eine clevere „Abseitsfalle“ die alte Regel ad
absurdum
geführt und Publikum und Gegner zur Weissglut getrieben.
1. November - Erste Radioübertragung eines Fussballspiels in Deutschland. |
| 1926 | 18. April - Erste Radioübertragung eines
Fussball-Länderspiels
in Deutschland. 4-2- gegen Holland. Der DFB zahlte dem Sender 100,- Mark. |
| 1929 | Regeländerung beim Elfmeter: Der Torwart darf sich bis
zum Schuss
auf der Torlinie nicht mehr bewegen. (Heute gültiger Paragraphentext: Der Torwart muss mit Blick zum Schützen auf seiner Torlinie zwischen den Pfosten bleiben, bis der Ball mit dem Fuß gestoßen ist.) |
| 1930 | In Uruguay findet die erste WM statt.
Herbert Chapman führt das WM-System ein. |
| 1932 | Der DFB beschließt am 16. Oktober das längst von
der Realität
überholte Verbot des Profitums auch im deutschen Fussball
abzuschaffen. Realisiert wurde der Beschluß jedoch erst 1963 – da die Nationalsozialisten wenige Monate später aus ideologischen Gründen den Berufssports per se als „undeutsch“ kategorisch verboten. |
| 1933 | 7. August - Der DFB verlangt vor jedem Spiel den „Hitlergruss“. |
| 1936 | 7. August - Deutschland verliert während des
olympischen
Fussball-Turniers überraschend gegen Norwegen. Es war das erste und einzige Fussball-Länderspiel, welches Hitler jemals offiziell besucht hat. Und das Siegtor schoß ausgerechnet ein Spieler mit dem schön jüdischen Namen Isaaksen. 3. November – Sepp Herberger wird Reichstrainer. 15. November - Übertragung eines Fussball-Länderspiels (Deutschland gegen Italien) im Fernsehversuchsprogramm der Nationalsozialisten. |
| 1937 | Die legendäre „Breslau Elf“ gewinnt am 16. Mai im – damals zum deutschen Reich gehörenden - Breslau (Wroclaw) gegen Dänemark mit 8-0. |
| 1939 | Am 23. Januar stirbt Matthias Sindelar - als Jude von den
Nazis diskriminiert
- durch Selbstmord. Damit endet die große Epoche der „Wiener Schule“ im Fussball. Einführung der Rückennummer. |
| 1942 | 9. August - Die nationalsozialistischen Besatzer der Ukraine lassen eine deutsche Soldatenelf gegen eine Mannschaft aus sowjetischen Kriegsgefangenen antreten. (Darunter – Pech für die Nazis! – eine Reihe von Topspielern aus Kiew.) Eine mehrfach verfilmte Weltkriegsepisode – u.a. mit Pelé und Sylvester Stallone alsTorwart. |
| 1945 | Noch im April ermittelt die „Gauliga Hamburg“ ihren Meister:
Den HSV
(der am 29. April – d.h. 9 Tage vor der Kapitulation! - noch ein Spiel
gegen „Altona 93“ austrägt.)
19. April - In dem amerikanischen Musical „Carousel“ (von Kern & Hammerstein II) wird erstmals ein Song gespielt, der später zu der Fussball-Hymne werden sollte: „You’ll never walk alone“! Das Stück allerdings handelt nicht etwa von Fussball, sondern vom Schicksal eines Rummelplatz-Romeos. |
| 1947 | Erste TV-Übertragung des englische Cup-Finales. |
| 1948 | Die ersten großen internationalen
Spielertransfers. Die Schweden Gren, Nordahl und Liedholm wechseln zum AC Mailand. |
| 1949 | 8. Juli - Peco Bauwens wird erster Nachkriegsvorsitzender des DFB. |
| 1950 | 16. Juli - Rekordbesuch bei einem Fussballspiel. Im Stadion „Maracana“ von Rio de Janeiro sehen 203.849 Zuschauer das WM-Finale Brasilien – Uruguay. |
| 1952 | 26. Dezember - Schon am 2.Tag des „(Bundes-) Deutschen Fernsehens“ gibt es das erste Live-Fussballspiel zu sehen: Hamborn 07 - St.Pauli (4-3)! |
| 1953 | Ungarn gewinnt in England mit 6:3. Es war dies die erste Heimniederlage des Fussball-Mutterlandes gegen eine Mannschaft vom Kontinent. |
| 1954 | Deutschland wird Weltmeister in Bern. |
| 1955 | Der DFB erneuert das Frauenfussball-Verbot. Aus medizinisch-gynäkologischen und verhaltenspsychologischen Gründen, wie man versichert. |
| 1958 | Brasilien gewinnt die WM mit dem neuen 4-2-4-System und
Pelé.
1. Oktober - ARD und DFB schließen (wegen eines dramatischen Besucherrückgangs in den Stadien) einen Vertrag, der eine starke Einschränkung von Fussballübertragungen im Fernsehen vorsieht. |
| 1962 | Die „Women’s FA“ wird gegründet. (Erst 1973 wird sie von der FA anerkannt.) |
| 1963 | 24. August - Einführung der Bundesliga. (Nur durch
Professionalisierung
glaubte man, den verlorenen Anschluß an die Weltspitze
wiedergewinnen
zu können.) Und zugleich gab es die erste Radio-Konferenzschaltung der ARD an einem Fussballbundesliga-Samstagnachmittag. |
| 1965 | Die Queen adelt mit Sir Stanley Matthews den ersten
Fussballer.
30. April - Die erste ARD-Samstags-„Sportschau“ mit Bundesligafussball. |
| 1966 | Die englische Liga führt ein neues Auswechsel-System
ein. Unabhängig
von Verletzungen dürfen zwei Spieler (also erstmals auch aus rein taktischen Gründen) während des gesamten Spiels ausgewechselt werden. Das viel und heiß diskutierte „Wembley-Tor“ fällt (oder fällt nicht) im WM-Finale. |
| 1967 | 7. Oktober - Zum ersten Mal wird ein
Fussball-Länderspiel
der deutschen Nationalmannschaft in Farbe übertragen. Allerdings nur eine Halbzeit lang - in der zweiten Hälfte bleibt der Bildschirm wegen Dunkelheit wieder in Schwarzweiß. |
| 1970 | Einführung der Gelben & Roten Karten.
Deutschland übernimmt die neue Regel für Auswechselungen. Einführung des Elfmeterschiessens nach Verlängerung. (Zuvor entschied man per Münzenwurf.) Im Sommer organisiert der Getränkehersteller “Martini
& Rossi”
in Italien die erste inoffizielle Frauenfussball-WM. 30. Oktober - In Deutschland wird der Frauenfussball vom DFB zugelassen. |
| 1971 | Der Bundesligaskandal! (18 Spiele der Saison 70/71
waren "gekauft"!)
20. Oktober - Das „Büchsenwurfspiel“! |
| 1972 | Deutschland wird Europameister und spielt dabei so lustvoll
und virtuos
auf, daß sich alle Welt verwundert die Augen reibt: „Kann so
etwas
Schönes im Fussball denn wirklich Made in Germany
sein!“ Allerdings sollte diese Hochzeit leider nur ein allzu kurzes Intermezzo bleiben. Bundesliga-Torrekord (Saison 71/72) von Gerd Müller: 40 Tore in 34 Spielen! |
| 1973 | 28. Februar - Erstmals Trikot-Werbung in der Bundesliga: „Jägermeister Braunschweig“! |
| 1974 | Automatische Sperre nach mehreren Gelben Karten. |
| 1981 | Einführung der 3-Punkte-Regel (zuerst in England). Einer der (bislang wenig erfolgreichen) Versuche, das immer eklatanter werdende Ungleichgewicht zwischen Verteidiger und Stürmer ein wenig zu korrigieren und wieder mehr Torraumszenen zu provozieren. Das gleiche hehre Ziel hatte auch das Verbot der „Grätsche von Hinten“ oder die Modifikationen der Abseitsregel: „Gleiche Höhe“ ist nicht mehr Abseits bzw. die stürmerfreundlichere Auslegung des „passiven Abseits“. |
| 1982 | Skandalspiel Deutschland – Österreich bei der WM in
Spanien. (Der schändliche „Nichtangriffspakt“ beider Teams bedeutete damals das Ausscheiden von Algerien.) |
| 1983 | Der australische Medientycoon Rupert Murdoch steigt ins
englische Privatfernsehgeschäft
ein. Sein Sender B-Sky-B war es, der die neuen Präsentationsformen
und die Ästhetik einer durchkommerzialisierten Fussballwelt
etablierte.
Rote Karte für die “Notbremse”. |
| 1984 | Gelbe Karte für “überschwänglichen Jubel”. |
| 1985 | 29.Mai - Tragödie im Brüsseler „Heysel-Stadion“.
(Die Hooligans
von Liverpool lösen vor dem Spiel gegen "Juventus Turin" eine
Panik
aus, bei der 39 Menschen zu Tode kommen.)
In Aachen findet die erste „Alternative Deutsche Fussballmeisterschaft“ der „Bunten Liga“ statt“. |
| 1986 | Bei der WM in Mexiko rollt erstmals beim Fussball die „La-Ola-Welle“. |
| 1988 | 13.Februar (Nein, es war kein Freitag!) - Der Sender RTL erwirbt für die damals astronomische Summe von 40 Millionen DM die Rechte an der Fussball-Bundesliga und startet den "Anpfiff" mit Uli Potofski. |
| 1989 | 15. April - Tragödie im „Hillsborough-Stadion“ in Sheffield. (Durch organisatorische Fehler gerät die ins Stadion drängende Zuschauermasse außer Kontrolle - 95 Menschen finden den Tod.) |
| 1990 | “Gleiche Höhe” ist nicht mehr Abseits.
Einführung der Frauen-Bundesliga. |
| 1991 | Einführung der Gelb-Roten Karte als abgestufter
Platzverweis.
Erste offizielle Frauenfussball-WM in China. |
| 1992 | Der Rückpass zum Torhüter wird verboten.
SAT1 erhält die Bundesligarechte und geht sofort „RAN“. |
| 1993 | Verbot der “Grätsche von hinten”. |
| 1994 | Nur noch Sitzplätze in englischen Stadien (wg.
Hooliganismus).
Silvio Berlusconi wird (zum ersten Mal) italienischer Ministerpräsident – seine erst im Jahr davor gegründete Partei „Forza Italia“ nennt er mit Bedacht nach dem Schlachtruf der Tifosi und organisiert die Parteibüros nach dem Vorbild von Fanclubs. |
| 1995 | Einwechslung von drei Ersatzspielern wird erlaubt.
3-Punkte-Regel nun auch in Deutschland. Jeder Spieler erhält – aus Gründen des Marketing (sprich: Trikotverkauf) – nach US-Vorbild eine eigene Rückennummer. 15. Dezember - Das „Bosman-Urteil“ verändert grundlegend
die Geschäftsbedingungen
im Profifussball. |
| 1996 | Das “Golden Goal” wird bei der EM eingeführt. (In der
Verlängerung
bringt das erste Tor nun die sofortige Entscheidung.)
In Atlanta wird Frauenfussball erstmals olympisch. |
| 1998 | 24. Oktober - Der DFB gestattet (neben Vereinen) nun auch
Kapitalgesellschaften
die Teilnahme am Spielbetrieb.
Der Versuch Rupert Murdoch’s, die Aktienmehrheit bei „Manchester United“ zu übernehmen, scheitert am vehementen Widerstand der Fans (und am Veto des Kartellamts) |
| 2000 | 9. Oktober - Trainer Christoph Daum unterzieht sich einer
folgenschweren
„Haarprobe“.
31. Oktober - Mit Borussia Dortmund geht der erste deutsche Verein an die Börse. |
| 2001 | SAT1 versucht, seine samstägliche Fussballsendung „RAN“
erst um
20:15 Uhr auszustrahlen (nicht zuletzt, um so dem Pay-TV „Premiere“
aufzuhelfen)
– schon am fünften Spieltag sieht man sich jedoch gezwungen, nach
dramatischen Quoteneinbrüchen, zur alten Sendezeit
zurückzukehren. Auch die Fan-Initiative „Pro 15:30“ bleibt nicht erfolglos. Man kann verhindern, daß der Bundesliga-Spieltag TV-profitabel auf Freitag-Samstag-Sonntag gestreckt wird. Seither werden die meisten Spiele dann eben doch wieder Samstag 15:30 Uhr angepfiffen. |
| 2002 | 8. April - Leo Kirch meldet Insolvenz an.
Bei der Beerdigung des ermordeten holländischen Rechtspopulisten Pim Fortuyn tragen seine treuesten Anhänger, die rechtslastigen Fussball-Hooligans von „Feyenoord Rotterdam“, ein Transparent mit der Aufschrift: „You’ll never walk alone“! |
| 2003 | Im UEFA-Cup-Finale wird erstmals das "Silver Goal"
eingeführt.
(Nur in der ersten Hälfte der Verlängerung entscheidet jetzt
ein Tor das Spiel durch „Sudden Death“.)
Beim „FIFA-Confederation-Cup“ sind Schieds- und Linienrichter während des Spiels erstmals via Knopf-im-Ohr telekommunikativ verbunden. |
| „Abseits ist, wenn dat lange Arschloch
zu spät
abspielt!“ (HENNES WEISWEILER - gemeint war Günter Netzer) „Der springende Punkt ist der Ball!“
„Mein Name ist Finken und du wirst
gleich hinken!“ „Gib mich die Kirsche!“ „Daß mein Gegenspieler mich umgestoßen und am Torschuss gehindert hat, das habe ich ja noch wegstecken können, aber als er mich obendrein noch einen 'Pardon' geheißen hat, habe ich die Nerven verloren und nachgetreten!“ (DIETMAR HAMANN vor dem DFB-Sportgericht) „Ich zieh ab mit dem linken Fuss, und
dat gibt
son richtigen Aufsetzer. Wat dann passiert is, dat wisst ihr ja!“
„Wir dürfen jetzt bloß nicht
den Sand
in den Kopf stecken! „Das wird doch alles nur von den Medien
hochsterilisiert!“ „Wir sind die Underducks!“
„Vor lauter Philosophieren über
Schopenhauer
kommen wir gar nicht mehr zum Trainieren!“ „Was soll der Scheiß, ich kann
kein Englisch!“ „Die hab ich noch nicht probiert, aber
im allgemeinen
mag ich Geflügel!“ „Wenn's denkst, ist eh zu spät!“
„Russische Juden sind mit die besten
Stürmer
der Welt!“ „Wir brauchen wieder Spieler, die Gras
fressen.
Und wenn es sein muss, rohes!“ „Es war ein Tor! Ich habe genau gesehen,
wie der
Ball im Netzt zappelte, meine Herren!“ „Die Musik des Fussballs heutzutage ist
nichts
als Heavy-Metal!“ „An Gott kommt keiner vorbei -
außer LIBUDA!“ In Frankfurt nannte sich einmal ein Fanclub nach seinem Idol: „Die Zeugen Yeboahs!“ „Ich bin aufgewacht, habe aus dem
Fenster geguckt,
den Schnee gesehen – da war für mich klar: `Heute ist kein
Training!´
Doch dann ist der Trainer gekommen und hat gesagt, dass wir da raus
gehen!“ ANTHONY BAFFOE (für dessen
Engagement bei
„Fortuna Düsseldorf“ die „Toten Hosen“ einst „Haste mal ne Mark
für
Fortuna“ sammelten) zu einem Schiedsrichter: (Der Weiße
zum Schwarzen:
„Du schwarz!“
„Ich weiß auch nicht, wo bei uns
der Wurm
hängt?“ „Ja, Statistiken. Aber welche Statistik
stimmt
schon? Nach der Statistik ist jeder vierte Mensch ein Chinese, aber
hier
spielt gar kein Chinese mit!“ „Die haben viereckige Füße.
Das sind
Robocops!“ „Dressels Beitrag zum Mozart-Jahr: ein
Foul aus
dem Knöchelverzeichnis!“ „Zuerst hatten wir kein Glück und
dann kam
auch noch Pech dazu!“ „Fussball ist Ding, Dang, Dong. Es gibt
nicht
nur Ding!“ „Es ist ein Sehnenabriss am
Schambeinknochen.
Hört sich lustig an, ist aber trotzdem beim Fussball passiert!“
„Wasserlaubenstrunz... (war)
schwach wie
eine Flasche leer... Ich habe fertig!“
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Der Schiedsrichter zeigt WILLI LIPPENS die Gelbe Karte mit
den Worten: "Ich
verwarne Ihnen!" Dieser entgegnet: "Ich danke Sie!" Und bekommt dafür prompt auch noch die Rote Karte! „Wichtig ist jetzt erst mal, daß
er wieder
eine klare Linie
in sein Leben bringt!“ „Gesundheit!“ WILLI LIPPENS wird beim Angeln gefragt, warum er denn noch
nichts gefangen
habe: „Ich habe viel von meinem Geld für
Alkohol,
Weiber und schnelle Autos ausgegeben. „Im Training habe ich mal die
Alkoholiker meiner
Mannschaft gegen die Antialkoholiker spielen lassen. Die Alkoholiker
gewannen
7:1. Da war's mir wurscht. Da hab I g'sagt: `Sauft's weiter!´“
Eine ähnliche Sicht der Dinge hatte offenbar auch schon
der alte
Heineken im Jahr 1898: „Ich könnte den anonymen
Alkoholikern beitreten.
Das Problem dabei ist nur, ich kann nicht anonym bleiben!“ „Ich habe nie eine Torchance
überhastet vergeben.
Lieber habe ich sie vertändelt!“ „Wenn wir Deutschen tanzen, und nebenan
tanzen
Brasilianer, dann sieht das bei uns eben aus wie bei
Kühlschränken!“ „Muss ich das jetzt als Frage verstehen
oder die
Antwort so beantworten, wie Sie sie in Ihre Frage reingelegt haben? Sie
haben Ihre Frage so gestellt, dass ich das Gefühl haben muss, als
wenn ich das, was Sie gerade gesagt haben, vorher schon gesagt
hätte.
Das habe ich aber nicht gesagt. Dem was ich gesagt habe, möchte
ich
nichts hinzufügen!“ „Wenn ich übers Wasser laufe, dann
sagen
meine Kritiker, nicht mal schwimmen kann er!“ „Sag dem Kraut, er soll seinen
Arsch nach
vorne bewegen. Wir zahlen keine Millionen für so einen Burschen,
damit
er nur in der Abwehr rumhängt!“ „Damals hat die halbe Nation hinter dem
Fernseher
gestanden!“ „Ich mache nie Voraussagen und werde das
auch
niemals tun!“ „Fussball, das ist ein einfaches Spiel,
bei dem
22 Spieler mit einem Ball gegeneinander antreten - und zuletzt gewinnen
immer die Deutschen!“ „Es war die Hand Gottes!“ "Das Ventil des Balles muß immer
oben liegen
und die Markierung des Herstellers rechts - und da haue ich drauf,
fertig!" "Manni (Kaltz)Bananenflanke,
ich Kopf, Tor!" „Ein Drittel? Nee, ich will mindestens
ein Viertel!“ „Fussball ist schneller geworden. Um
richtig zu
pfeifen, braucht man heute statt Schiedsrichter eher Radarschirme!“
Ein Kommentar zu den politischen Ereignissen von 1989. „Und wenn wir hier nicht gewinnen, dann
treten
wir ihnen wenigstens den Rasen kaputt!“ „Da kam dann im Finale 1974 das
Elfmeterschießen.
Wir hatten alle die Hosen voll, aber bei mir lief es eigentlich ganz
flüssig!“ „Jemand sollte Jan Furtok mal die
polnische Übersetzung
der Memoiren Casanovas schenken. Da steht nämlich drin, wie man
seine
Chancen nutzt!“ „Ich bin Optimist. Sogar meine
Blutgruppe ist
positiv!“ „Montag, Dienstag, Mittwoch,
Donnerstag...!“ „Winschte, Maschine stirzt ab!“ „Lebbe geht weida!“ „Spaß? Ob ich Spaß habe im
Leben?
Wie meinen Sie das? Soll ich etwa einen Fussball in die Luft treten?“ (BOB
DYLAN) |
Aus einer von zwei auf deutsch - von Alfred Biolek 1972 - produzierten Folgen von „Monty Python’s Flying Circus“: DEUTSCHLAND - GRIECHENLAND „Guten Abend, ich begrüße Sie ganz herzlich zum Finale. Wir sehen die deutsche Mannschaft beim Aufwärmen, angeführt von ihrem Kapitän Nobby Hegel ist sie sicherlich der Favorit. Sie spielt 4-2-4: Leibniz im Tor, in der Abwehr Kant, Hegel, Schopenhauer und Schelling, im Sturm Schlegel, Wittgenstein, Nietzsche und Heidegger, das Mittelfeld gehört Beckenbauer und Jaspers. Auf der Bank als Auswechselspieler: Marx. Die Griechen, wie zu erwarten, in einer viel stärker defensiv ausgerichteten Aufstellung: Plato im Tor, Sokrates als Stürmer und Aristoteles als Ausputzer. Und da kommt jetzt der Unparteiische, Konfuzius mit den Linienrichtern, dem Heiligen Augustinus und Thomas von Aquin. Das Spiel hat begonnen. Kant zieht nach außen vor, links ist Schlegel. Die Deutschen bewegen sich sehr gut in den ersten Minuten... Das war der Pfiff, Halbzeit, Deutschland – Griechenland 0:0! Nun, es hat vielleicht keine Treffer gegeben, aber wir können uns sicherlich nicht über mangelnde Spannung beklagen... Nietzsche wurde verwarnt, weil er mit dem Schiedsrichter zu diskutieren begonnen hatte. Er hatte Konfuzius vorgehalten, er habe keinen freien Willen... Am Spielfeldrand hören wir jetzt Martin Luther, den deutschen Trainer, etwas rufen, er winkt. Währenddessen zieht sich Karl Marx den Trainingsanzug aus und läuft an der Auslinie auf und ab - macht sich warm. Luther nimmt Wittgenstein vom Platz und schickt Marx aufs Feld. Er soll offensichtlich Druck machen. Wir haben hier nur noch zwei Minuten zu spielen. Es sieht sehr nach einem Unentschieden aus, aber da, sehen Sie, jetzt Archimedes, was tut er? Man hört laut den Ruf `Heureka!´ Er rennt auf den Ball zu, beginnt mit ihm auf die deutsche Hälfte zuzudribbeln. Plötzlich wachen die Griechen auf. Heraklit ist am Ball, Plotin läuft nach außen, er ist völlig ungedeckt, Epikur wartet innen, Flanke von Heraklit - und da steht Sokrates und macht das Tor! Wir sehen die Griechen beim Triumphlauf mit dem Pokal (entlang der Bandenwerbung: `Esso sagt ja zum epistemologischen Dualismus´ und `Ockham's Rasierwasser´!) Die Deutschen disputieren noch immer mit dem Schiedsrichter. Hegel argumentiert ontologisch, daß die Realität lediglich ein Apriori-Anhängsel metaphysischer Ethik sei, Kant protestiert kraft des kategorischen Imperativs aufs schärfste, daß das Tor allein in unserer Vorstellung existiere, und Marx behauptet: `Es war Abseits´! “ |
LITERATUR:
Christoph Bausenwein: „Geheimnis Fussball“ (Göttingen
1995 / Die Werkstatt Verlag)
Christoph Biermann / Ulrich Fuchs: „Der Ball ist rund -
damit das Spiel die Richtung ändern kann“
(Köln 2002 / Kiepenheuer & Witsch)
Dirk Bitzer / Bernd Wilting: “Stürmen für Deutschland”
(Campus-Verlag
2003)
Brüggemeier / Borsdorf / Steiner: „Der Ball ist rund – Die
Fussballausstellung“
(Essen 2000 / Klartext-Verlag)
Christian Eichler: „Lexikon der Fussballmythen“ (Frankfurt 2000
/ Eichborn-Verlag)
Christiane Eisenberg: „Fussball, Soccer, Calcio“ (München 1997
/ dtv)
Markwart Herzog: “Fussball als Kulturphänomen (Kunst – Kult –
Kommerz)” (Stuttgart 2002 / Kohlhammer Verlag)
Nick Hornby: „Ballfieber (Fever Pitch)“ (Hamburg 1996 / Rogner
& Bernhard)
Thomas Kistner / Ludger Schulze: “Die Spielmacher - Strippenzieher
und Profiteure im deutschen Fussball“
(Stuttgart-München 2002 / Zweitausendeins-Verlag)
Reinhard Kopiez / Guido Brink: „Fussball-Fangesänge“
(Würzburg
1999 / Königshausen & Neumann)
Rainer Moritz: "Vorne fallen die Tore" (München 2002 /
Kunstmann-Verlag)
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KLEINE REGELKUNDE:
Eigentlich sollten beim Fussballspiel zumindest die simpelsten Regeln
doch unstrittig sein!?
Dennoch beschleicht den Autor dieser Zeilen immer wieder der
begründete
Verdacht,
daß man sich selbst in "Expertenkreisen" des öfteren ganz
offensichtlich vom Augenschein täuschen läßt.
Wann - schlicht & einfach - ist der Ball denn nun DRIN IM TOR
???
Laut §9 des FIFA-Regelwerkes ist er es dann,
"wenn er auf dem Boden und in der Luft vollständig die
Linie überschritten hat!"
So weit, so gut!
Und nun schauen Sie sich doch bitte einmal die nachstehenden drei
Schnappschüsse
an.
Ich bin fest davon überzeugt, daß angesichts des ersten
Fotos nahezu jeder Mittelstürmer oder Stammtischbruder, selbst
jeder
amtierende Pfeifen- oder Fahnenträger
und gewiß alle "Rubis" oder "Waldis" dieser Erde sagen werden:
"Ja! Also!! Wenn DER nicht DRIN ist !!!"
TOR ?
Bild 1
Bei der zweiten Abbildung würde dann doch so mancher sich wohl
noch rechtzeitig
an den oben zitierten ehernen Gesetzestext erinnern und
(vollkommen
zu Recht)
für NICHT DRIN votieren!
D'accord!
Bild 2
Und hier (senkrecht von oben) fotografiert ist vermutlich jedem
klar,
daß dieser Ball die Linie ganz offensichtlich noch nicht
überschritten
hat!
KEIN TOR - also!!!
Bestätigt hat dies übrigens die oberste Instanz in
Regelfragen
(E-Mail vom Freitag, 16. Juni 2003):
Sehr geehrter Herr Dr.Neitzert,
der auf den Bildern dargestellte Ball hat die Linie nicht
vollständig
überquert.
Somit wurde noch kein Tor erzielt.
Unter "vollständig" ist zu verstehen, dass der Ball mit dem
gesamten
Durchmesser,
also auch mit jenem Teil seiner nicht am Boden aufliegenden
Krümmung
die Linie überschritten haben muss.
Mit freundlichen Grüßen
Eugen Strigel
DFB-Schiedsrichter-Lehrwart
Bild 3
Nun, glauben Sie es mir (oder prüfen Sie es bei Gelegenheit
selbst
einmal nach):
der Ball lag bei allen drei Fotos stets exakt an der gleichen Stelle
!!
D.h. auch in Bild Nr.1 ist er noch NICHT im Tor !!!
In memoriam "WEMBLEY 1966"!
Zur Rekonstruktion der Beweisführung:
1. Stellen Sie einfach einmal ein kleines
Brett, ein Lineal (o.ä.) senkrecht auf die äußere
Begrenzung
der Seitenaus- oder Torlinie.
2. Schieben Sie den Ball jetzt von
außerhalb
des Spielfeldes, bis er diese Markierung berührt -
und dann eben noch ein paar Millimeterchen
weiter. Nun ist der Ball laut Regel im Spiel bzw. nicht im Tor! Obwohl
er den Boden erst gut eine Handbreit neben der Linie berührt!!!
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X
REGGAE - DER KAISER VON
ÄTHIOPIEN,
DER FUSSBALL UND DIE SKINHEADS
Das Skript zu
meiner "Fussball
& Soziologie"-Veranstaltung an der Universität Koblenz
im Sommersemester 2003 finden Sie HIER