PRINZ MAXIMILIAN ZU WIED
| "Diese freundliche Stadt, erbaut auf einen von Bergen
umstellten Raum,
ist uns wegen der Altertümer merkwürdig, welche man daselbst
gefunden hat und findet!" (1774 Johann Wolfgang G. / Frankfurt am Main)
„Im Jahr 1968 machten die
deutschen Studenten
bekanntlich eine Revolution. Ich habe damals in einer Bimsfabrik in
NEUWIED
gearbeitet und konnte deshalb leider nicht daran teilnehmen...
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"Man hat dort die besten
französischen Möbel
geschreinert und der Portwein der Herrnhuter...war eine gute Sache!
Dies Herrnhuter Viertel war rational und totenstill, geometrisch wie eine alte Jungfer. Die weißen Fenster blieben geschlossen, niemand schaute heraus, pedantisches Empire verbarg große Gärten, worunter mitunter eine weiße Haube lugte. Die Kirche war kahl wie ein Operationssaal – Gott als weißes Quadrat!..." (CARL EINSTEIN) "Von Koblenz fuhren wir nach Neuwied, und besahen dort das Brüderhaus der Herrnhuter, nebst den mancherlei Werkstätten dieser fleißigen und geschickten Gesellschaft. Ihre Kirche ist ein einfaches, helles Gebäude, das mir recht gut gefiel...“ (GEORG FORSTER) "...Der Pöbel wohnte im `Kleinen Frankreich´ - ebenso die Stadtverrückten. Dort hing Wäsche und die Mädchen gingen auf die Rabeninsel am Rhein. Man erzählte Schauerliches!..." (CARL EINSTEIN) ![]() Carl Einstein "... Am `Kleinen Frankreich´ vorbei, woraus hie und da ein Stein oder Fluch in die Schloßstraße flogen, ging man ins Fürstliche, beschaute idiotische Schloßpfauen und saß an der Rheinspitze, die den Fluß zerschnitt!" (CARL EINSTEIN) |


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JOHANN PETER HEBEL:
“DIE BEKEHRUNG (aus dem „Schatzkästlein des rheinischen
Hausfreundes“)
Zwei Brüder im Westfälinger Land lebten miteinander in
Frieden
und Liebe, bis einmal der jüngere lutherisch blieb, und der
ältere
katholisch wurde. Als der jüngere lutherisch blieb und der
ältere
katholisch wurde, taten sie sich alles Herzeleid an. Zuletzt schickte
der
Vater den katholischen als Ladendiener in die Fremde. Erst nach einigen
Jahren schrieb er zum erstenmal an seinen Bruder. `Bruder´,
schrieb
er, `es geht mir doch im Kopf herum, daß wir nicht einen Glauben
haben, und nicht in den nämlichen Himmel kommen sollen, vielleicht
in gar keinen. Kannst du mich wieder lutherisch machen, wohl und gut,
kann
ich dich katholisch machen, desto besser. `Also beschied er ihn in den
Roten Adler nach NEUWIED, wo er wegen einem Geschäft durchreiste.
`Dort wollen wir's ausmachen!´ In den ersten Tagen kamen sie
nicht
weit miteinander. Schalt der Lutherische: `Der Papst ist der
Antichrist´,
schalt der Katholische: `Luther ist der Widerchrist.´ Berief sich
der Katholische auf den heiligen Augustin, sagte der Lutherische: `Ich
hab nichts gegen ihn, er mag ein gelehrter Herr gewesen sein, aber beim
ersten Pfingstfest zu Jerusalem war er nicht dabei.´ Aber am
Samstag
aß schon der Lutherische mit seinem Bruder Fastenspeise.
`Bruder´,
sagte er, `der Stockfisch schmeckt nicht giftig zu den
durchgeschlagenen
Erbsen´; und abends ging schon der Katholische mit seinem Bruder
in die lutherische Vesper. `Bruder´, sagte er, `euer Schulmeister
singt keinen schlechten Tremulant.´ Den andern Tag wollten sie
miteinander
zuerst in die Frühmesse, darnach in die lutherische Predigt, und
was
sie alsdann bis von heut über acht Tage der liebe Gott vermahnt,
das
wollten sie tun. Als sie aber aus der Vesper und aus dem grünen
Baum
nach Hause kamen, ermahnte sie Gott, aber sie verstanden es nicht. Denn
der Ladendiener fand einen zornigen Brief von seinem Herrn:
`Augenblicklich
setzt Eure Reise fort. Hab ich Euch auf eine Tridenter
Kirchenversammlung
nach Neuwied geschickt, oder sollt Ihr nicht vielmehr die Musterkarte
reiten?´
Und der andere fand einen Brief von seinem Vater: `Lieber Sohn komm
heim
sobald du kannst, du mußt spielen.´ Also gingen sie noch
den
nämlichen Abend unverrichteter Sachen auseinander, und dachten
jeder
für sich nach was er von dem andern gehört hatte. Nach sechs
Wochen schreibt der jüngere dem Ladendiener einen Brief: `Bruder,
Deine Gründe haben mich unterdessen vollkommen überzeugt. Ich
bin jetzt auch katholisch. Den Eltern ist es insofern recht. Aber dem
Vater
darf ich nimmer unter die Augen kommen.´ Da ergriff der Bruder
voll
Schmerz und Unwillen die Feder: `Du Kind des Zorns und der Ungnade,
willst
du denn mit Gewalt in die Verdammnis rennen, daß du die
seligmachende
Religion verleugnest? Gestrigen Tags bin ich wieder lutherisch
worden.´
Also hat der katholische Bruder den lutherischen bekehrt, und der
lutherische
hat den katholischen bekehrt, und war nachher wieder wie vorher,
höchstens
ein wenig schlimmer!“
Dumm gelaufen!
Ein Jahrhundert später fand auch ein anderer Literat, Luigi Pirandello, in seiner todtraurigen Novelle „Natale sul Reno“ ("Weihnachten am Rhein") in Neuwied den idealen Schauplatz – für einen Selbstmord!
„Weihnachten wurde seit zwei Jahren im Hause L*** nicht mehr
gefeiert,
als Zeichen der Trauer über den gewaltsamen Tod des zweiten Mannes
der Frau Alvina... Herr Fritz L*** hatte sich nach einem unordentlichen
Leben durch einen Revolverschuß in die Schläfe umgebracht,
in
Neuwied, am rechten Ufer des Rheins... Es geht der Ruf, daß man
sich
(dort), besser als an jedem anderen Ort der Rheingegend, des
Sonnenaufgangs
erfreuen kann. `Ich habe alles erlebt´, hieß es im
Abschiedsbrief
an seine Gemahlin, `außer einer einzigen Sache; in den vierzig
Jahren
meines Lebens habe ich nie die Sonne aufgehen sehen. Ich werde (also)
morgen
diesem Schauspiel vom Ufer aus beiwohnen... Ich werde die Sonne
aufgehen
sehen, und beim Kuß des ersten Sonnenstrahls werde ich mein Leben
beschließen!´“
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DIE
REISEN UND FORSCHUNGEN DES PRINZEN MAXIMILIAN
ZU WIED-NEUWIED
„WINNETOU UND DIE CAATINGA-MAUS“
(„SWR2 vor Mitternacht“)
(von Dr.Lutz Neitzert)
MUSIK: (einleitend das musikalische TITELTHEMA aus dem Film „WINNETOU“)
SPRECHER I: An „Felis Silvestris“ (der
gemeinen
Wildkatze) ließ der ansonsten so
um Sachlichkeit Bemühte kein gutes Haar.
ZITAT-SPRECHER 1: „In den Wiedischen Forsten...“
SPRECHER II: ...im Süden des Westerwaldes...
Z 1: „...(werden) alljährlich etwa 20 Stück dieser für die Jagden höchst schädlichen Raubtiere erlegt... In 18 Jahren (waren es) 235 Stück!“
SPR I: Bei aller wissenschaftlichen Distanz, die er zu seinen Studienobjekten einzuhalten gedachte, wenn es um die verhaßte Konkurrenz im Forst ging, dann verlor der hochwohlgeborene Waidmann doch ab und an einmal seine Contenance.
SPR II: Zumal er in diesem ganz speziellen Fall auch bald einen Schuldigen für seinen Ärger ausgemacht zu haben glaubte: die Bürgerlichen!
Z 1: „Durch die Revolution von 1848, wo die
Jagden zum Teil in ungeschickte Hände
gefallen waren,
die das Raubzeug nicht zu vertilgen verstanden, (konnte sich
auch die
Wildkatze
zuletzt sehr vermehren)!“ (1)
(MUSIK): (an dieser Stelle eventl. kurz das Fauchen einer Katze)
SPR I: Abgesehen allerdings von solchen
durchaus
verständlichen Animositäten,
blieben die naturkundlichen Werke wie auch die Reiseberichte des
Prinzen Maximilian zu Wied - im Vergleich mit den Traktaten vieler
seiner
Zeitgenossen - erstaunlich unvoreingenommen, immer sachdienlich
und
detailgenau.
SPR II: Geboren wurde er am 23.September
1782
in Neuwied am Rhein, als achtes
von elf Kindern des Grafen Karl Friedrich zu Wied und seiner Frau
Louise.
SPR I: Und typisch für einen in
Wissenschaft
oder Kunst dilettierenden Adligen jener
Zeit war schon seine Stellung in der höfischen Hierarchie.
Sein
abgelegener
Ast im Stammbaum berechtigte zu keinerlei Hoffnung im Blick auf
politische
Macht und Funktion. Andererseits schickte es sich für einen
Aristokraten
nicht, ein Gewerbe zu treiben. Blieben also nur die schönen
Künste,
die
freien Wissenschaften oder das Savoir Vivre.
SPR II: Zu Ersterem und zu Letzterem hatte der Prinz nur wenig Talent.
ZITAT-SPRECHER 2: „Tatsächlich
muß
er in sehr hohem Maße etwas besessen
haben, was man als produktive Einseitigkeit oder
Eingleisigkeit bezeichnen könnte...Ein etwas
trockener
Intellekt
und außerordentliche Willenskraft waren jedenfalls die
wichtigsten
Merkmale seines Wesens; Phantasie dürfte daneben nur eine
untergeordnete
Rolle gespielt haben!“ (2)
SPR I: So charakterisierte ihn einmal sein Verwandter Karl Viktor zu Wied
SPR II: Weitgehend frei von Humor und
Esprit
also, doch umso mehr bewundert für
die leidenschaftliche Hingabe, mit der er seine Studien betrieb,
verschrieb
er
sich entschlossen und von der Außenwelt weitgehend verschlossen
der
Forschung. Ein Einzelgänger, dessen Leben mit seiner Arbeit
vollkommen
ineins fiel. Unverheiratet und befreundet nur mit Mitarbeitern und
Kollegen.
SPR I: Carmen Sylva, Königin von
Rumänien
und auch eine derer zu Wied,
erinnerte sich an den Kauz im Familienkreis:
Z 2: „Er sprach nie von seinen
Arbeiten
und saß doch zwölf Stunden des Tages am
Schreibtisch, von
sechs bis sechs. Unaufgefordert erzählte er niemals von seinen
Reisen, auch nicht
von den Ehren und Auszeichnungen, die ihm zuteil
geworden...
Mit seinem sechsten
Jahre hatte mein Onkel angefangen zu sammeln und hatte
viele Seltenheiten
zusammengetragen!“ (3)
SPR I: Dabei haderte er des öfteren mit dem Schicksal eines Provinzgelehrten.
Z 1:„Es ist so schwer alle Tiere zu
bestimmen,
wenn man nicht in einer großen Stadt
lebt und keine
imposante
Bibliothek zu Gebote hat, auch fehlt die so nötige
Berührung mit
anderen Naturforschern, die ich allein mühsam durch eine
unendliche Zahl von
Briefen erringen und stündlich sämtlich selbst besorgen
muß, oft bin
ich davon wie zermalmt...“ (4)
SPR II: Und selbst in seiner Studierstube
hatte
er zudem noch zu leiden unter den
bereits erwähnten Folgen der bürgerlichen Revolution.
In einem Brief vom 8.Juli 1848 klagte er sein Leid:
Z 1:„Meine naturhistorischen
Beschäftigungen
stehen leider gänzlich still..Da unsere
schönen Jagden
zum Teil an die Gemeinden fallen sollen..., so werden wir uns
teilweise Jagd
pachten,
auch da ich an die Jagdbewegung gewöhnt bin... und...
daher kann ich kaum
halb so viel Bücher anschaffen als zuvor. Dies betrübt mich
sehr...!“ (5)
SPR I: Dessen ungeachtet aber betrieb er
sein
Metier mit einem Eifer, der seine
Mitmenschen stets aufs Neue in Erstaunen versetzte. So auch den
Herausgeber der wissenschaftlichen Zeitung „Isis“, der als Vorwort zu
einem
Expeditionsbericht des Prinzen vermerkte:
Z 2: „Was seine Durchlaucht der Prinz Max
von
Neuwied hier nicht hat mitteilen
wollen, finden wir
uns verpflichtet nachzutragen - Ohne Rast wurden von einem
Dutzend Menschen
Pflanzen und Insecten gesammelt, Säugetiere und Lurche
geschossen, jene
eingelegt, getrocknet, die anderen aufgesteckt, diese
ausgenommen,
ausgebalgt
oder in Branntwein gesetzt, so daß der Prinz, der
alles zu leiten,
die Gegenstände zu bestimmen, den Ort ihres Vorkommens,
Lebensart, Geschrei,
vergängliche Farbe, Geschlecht, Namen u.s.w.
aufzuzeichnen hatte,
fast nicht zu Athem kam!“ (6)
SPR I: Die natur- und völkerkundliche
Sammlung des Prinzen wurde bald schon
in der Gelehrtenwelt berühmt und lockte in der Folge viele
Koryphäen
zu ihm
an den Rhein.
SPR II: Selbst der Reiseführer für die gebildeten Stände, der „Baedeker, verzeichnete sie als eine Sehenswürdigkeit und zudem als das erste öffentliche Museum am Mittelrhein.
SPR I: Alfred Brehm kam zu Besuch und
korrespondierte
fortan mit ihm als einem
vertrauenswürdigen Gewährsmann für sein berühmtes
„Tierleben“.
Adelbert von Chamisso, der Dichter des „Schlemihl,“ bot sich ihm als
Expeditionsmitglied an - ein Ansinnen, welches allerdings nicht
realisiert
werden konnte.
Und viele Zoologen und Botaniker ehrten seinen guten Namen, indem sie
neuentdeckte Tier- und Pflanzenarten nach
ihm benannten - zu seinen
Lebzeiten und posthum - über 50 an der Zahl:
SPR II: Orchideen der Gattung Neuwiedia,
die
Fledermaus Vespertilio Maximiliani,
die höchst giftige Lanzenotter Bothrops
Neuwiedi,
Leopardus Wiedii der
Baumozelot
("Margay"),der Maximilian-Papagei und der Dickschnabel Reisknacker
Oryzoborus Maximiliani - selbst ein Saurier trägt seinen
Namen:
Mosasaurus
Maximiliani - und nicht zu vergessen die Caatinga-Maus
/ Wiedomys
Pyrrorhinus.
SPR I: Als Dreißigjähriger
schrieb
er sich dann - um sein biologisches und
ethnologisches Rüstzeug zu vervollständigen und wohl auch, um
sein
Selbstbewußtsein im akademischen Milieu zu stärken -
für
einige Semester
an der Universität in Göttingen ein.
SPR II: Vor allem ein Professor
namens
Blumenbach, ein charismatischer Lehrer
und Ideengeber, war berühmt und berüchtigt dafür, seine
Studenten dazu
anzustiften, sich auf Expeditionen in ferne und nicht immer ganz
ungefährliche Weltgegenden zu begeben. Zwei seiner
Schüler
wurden in
Afrika ermordet, zwei weitere starben an Tropenkrankheiten und auch
Prinz
Max ging es während seiner Nordamerikareise einmal gar nicht gut:
Z 1: „Anfang April war ich noch
hoffnungslos
und so krank, daß Leute, die mich
besuchten, mir nur
höchstens
eine Lebensfrist von drei bis vier Tagen setzten.
Der Koch des Forts, ein
Neger aus St.Louis, äußerte die Meinung, meine
Krankheit müßte
Skorbut sein. Man müsse... die grünen Kräuter der
Prärie
suchen, besonders das
kleine
weißblühende Allium reticulatum...“
SPR I: ...ein wilder Knoblauch...
Z 1: „...Indianische Kinder versorgten mich
in reichlicher Menge mit der genannten
Pflanze und ihren Zwiebeln,
man schnitt oder hackte sie klein wie Spinat, und ich
aß sie in Menge, worauf
schon am vierten Tag die Geschwulst meines Beines wich
und die Besserung mit jedem Tag
zunahm!“ (7)
MUSIK: (ein paar brasilianische Samba-Klänge / instrumental)
SPR II: Das Ziel seiner ersten großen
Unternehmung wurde ihm schließlich von
einem befreundeten und in aller Welt berühmten Kollegen nahegelegt.
Alexander von Humboldt animierte ihn dazu, einen der letzten
weißen
Flecken auf der wissenschaftlichen Landkarte zu erforschen. Ihm selbst
war
es einige Jahre zuvor noch aus politischen Gründen verwehrt
worden,
seine
Südamerikareise in Brasilien zu vollenden. Doch nun hatten sich,
nach
der
Erlangung weitgehender Unabhängigkeit von der Kolonialmacht
Portugal,
die
Tore des Landes geöffnet und also brach Maximilian Anfang Mai 1815
auf,
um zwei Jahre lang die Uferregionen zwischen Rio de Janeiro und Salvador
zu durchreisen.
SPR I: Neben faszinierenden Naturansichten
und Begegnungen mit den Indios des
Regenwaldes, wurde er hier auch erstmals konfrontiert mit der brutalen
Realität der Sklaverei. Gerade er, der in seiner Heimatstadt
Neuwied
in
einem aufgeklärt toleranten Klima aufwachsen durfte, war bei allen
seinen
Reisen immer wieder abgestoßen vom niederträchtigen Umgang
der
Europäer mit der Urbevölkerung.
SPR II: Geradezu typisch allerdings
für
einen aristokratischen Philanthropen war
dann auch seine erste Reaktionen:
SPR I: Er kaufte einen jungen Mann namens
Quäck
vom Stamm der Botokuden aus
der Leibeigenschaft eines Portugiesen frei, engagierte ihn als
ortskundigen
Reisebegleiter und ließ ihn schließlich nach Deutschland an
den Wiedischen
Hof kommen. Wo er in seinen Diensten zuletzt alkoholkrank und unter
erbarmungswürdigen Umständen zugrunde ging.
MUSIK: Die Anfangstakte aus DVORAKs „9.Sinfonie / Aus der neuen Welt“
SPR II: Viele Jahre dauerte die Auswertung
seiner gesammelten Materialien und
Notizen, ehe er wieder an die Planung einer neuen großen
Unternehmung
ging. Eine Expedition in das Innere Nordamerika.
SPR I: Doch zuvor galt es noch ein kleines
Problem zu lösen. In Brasilien hatte er
selbst Pinsel und Zeichenstift geschwungen, wobei er sich alle
Mühe
gab,
doch mit dem Ergebnis nicht ganz zufrieden sein konnte. Nach
unverhohlener
Kritik aus dem Familienkreis an seinen beschränkten
Kunstfertigkeiten
in
diesem Metier und nachdem er erregt feststellen mußte, daß
in den Buch-
und Zeitschriftenausgaben seiner Berichte seine Gemälde oft
unautorisiert
verschönert und verschlimmbessert wurden, beschloß er,
professionellen
Beistand zu engagieren.
SPR II: Zumal er stets die Illustrationen anderer Forscher streng getadelt hatte.
Z 1: „Die (bildlichen Darstellungen der
südamerikanischen)
Indianer haben meistens
nicht den Charakter der
Wahrheit, sind größtenteils aus der Imagination unrichtig
zusammengestellt und haben
daher durchaus keinen wissenschaftlichen Wert.
Hier ist (etwa) für
alle (Stämme)... eine pausbackige Physiognomie angenommen,
die in der Natur nicht
existiert... und der Flamingo ist in den Urwald verpflanzt, wo
ihn die Natur nimmer
hinsetzte
u.s.w.!“ (8)
SPR I: In den Köpfen vieler
Europäer
spukten damals noch immer die Märchen von
Einäugigen und Kopffüßlern, die frühere
Fernreisende
und Abenteurer in die
Welt gesetzt hatten. Umso wichtiger erschien es Männern wie
Maximilian,
in
Wort und Bild objektive Dokumentationen fremder Naturen und Kulturen zu
publizieren.
SPR II: An dieser Stelle sollte angemerkt
werden,
daß er gegen alles gar zu
Phantastische immer äußerst skeptisch geblieben ist - und
Schauergeschichten glaubte er schon gleich gar nicht.
SPR I: Ebenso immun war er andererseits
auch
gegen die (seit Rousseau und bis
heute auf vielfältige Weise kultivierte) Versuchung, der naiven
Hoffnung
anzuhängen, anderswo gäbe es ihn noch, den unverdorbenen, von
Grund
auf natürlichen Menschen, den „Guten Wilden“ jenseits von Fabrik
und
Kontor.
SPR II: Stets suchte er auch gegenüber
dem ungewöhnlich Erscheinenden, dem
Obskuren oder Erschreckenden eine möglichst nüchterne
Perspektive
einzunehmen.
SPR I: So fand zwar auch er die
Angewohnheit
der Stammesgenossen seines
Freundes Quäck ein wenig befremdlich, sich Holzpflöcke durch
Lippen und
Ohren zu treiben...
Z 1: „...(wodurch) ihr Gesicht... ein
höchst
sonderbares widerliches Ansehen
erhält...“(9)
SPR I: Doch bevor er in Gefahr geriet,
über
diese Äußerlichkeit auf den
vermeintlichen Charakter oder Geisteszustand dieser Menschen zu
schließen, setzte rechtzeitig sein wissenschaftlicher
Reflex
ein und er
beschrieb stattdessen detailliert die Art von Holz, die sie zu ihrem
Schmuck
verwendeten.
SPR II: Und stets suchte er das Gespräch, um zu verstehen.
SPR I: Er besaß eine erfreuliche Fähigkeit...
SPR II: ...eine Fähigkeit, die leider
Gottes noch heute den meisten Menschen
abgeht....
SPR I: ...Äußerlichkeiten lediglich als ebensolche zu betrachten!
SPR II: Auch haßte er jeden
unbegründeten
Dünkel der Europäer im Umgang mit
und im Urteil über die Bewohner anderer Erdteile. Und so gefiel er
sich
gelegentlich darin, in kleinen gutgezielten Seitenhieben Einiges ins
rechte
Licht zu rücken:
Z 1 „Viele...(Indianer) halten ihren
Körper
reinlich und baden sich...beinahe täglich...
(Sie) behaupten (dagegen),
daß die Weißen einen üblen Geruch haben, weil sie
den Körper selten
mit Wasser reinigten... In Hinsicht des Ungeziefers (allerdings)
sind (viele Indianer)
höchst
tolerant, wovon der starke Haarwuchs und sogar die
Bisonroben sichtbare
Beweise
liefern... In Di-Pä-Uch’s Hütte in Mih-Tutta-
Hangkusch gab die Frau,
welche (eine) kleine Jagd auf dem Kopf ihres Knaben
ausübte, die
ausgezeichnetsten
Stücke dieses Wildbrets ihrem Mann auf der
flachen Hand, und dieser
verzehrte sie mit Wohlgefallen. Die Gäste von den
Köpfen der
Weißen
essen Indianer (dagegen) nicht gerne!“ (10)
SPR I: Bei der erwähnten Suche nach
einem
Illustrator stieß er bald auf einen
geeigneten Kandidaten, einen für seine Zwecke ideal begabten
Maler,
der
gerade eben und vielbeachtet eine Reihe schöner Rhein-Ansichten
veröffentlicht hatte.
Z 1: „In Koblenz ist ein junger Schweizer,
(Karl) Bodmer, der gern mitginge, er ist
geschickt im
Landschaftszeichnen.
Kennen Sie ihn? Sein Bruder sticht in
Kupfer!“ (11)
SPR I: Die Antwort eines Zürcher
Bekannten
auf diese Anfrage schien positiv
ausgefallen zu sein, jedenfalls vermeldete die Rhein-und Mosel-Zeitung
1832:
Z 2: „Coblenz den 6.Mai. Der Prinz
Maximilian
von Wied, dem die Naturwissenschaft
schon so manches
Schöne
zu verdanken hat, unternimmt eine neue
wissenschaftliche Reise
nach Nord-Amerika in Begleitung des genialen
Landschaftszeichners Karl
Bodmer aus Zürich. Der Prinz verläßt morgen Neuwied
und wird beiläufig
zwei Jahre in Amerika weilen!“ (12)
SPR II: Übrigens reiste er als Baron
von
Braunsberg (benannt nach einer der
Stammburgen derer zu Wied in Oberbieber).
MUSIK: „Old Man River“ (instrumentale Version)
Z 1: „In der Kenntnis des ausgedehnten
Kontinents
von Nordamerika hat man in der
neueren Zeit riesenhafte
Fortschritte gemacht. Ein großer Teil dieses Landes, der
noch vor einer kleinen
Reihe von Jahren mit kaum unterbrochenen Urwäldern...
bedeckt war, ist jetzt
durch eine Völkerwanderung aus der alten Welt in einen
reichen, blühenden
Staat von großer Bedeutung umgeschaffen... und ein jedes
Jahr fügt den
Ortsverzeichnissen
eine Menge von neuen Namen hinzu, wodurch
die Landkarten nur für
eine kurze Zeit brauchbar bleiben...“ (13)
SPR I: Ortsnamen etwa wie jene
deutschstämmig-pietistischen
Siedlungen, die er zu
Beginn seiner Reise besuchte: Germantown oder New Harmony, Nazareth
oder Bethlehem:
Z 1:„Selbst Wein hat man zu pflanzen begonnen;allein die hier kultivierte sogenannte Alexandertraube gibt bis jetzt noch ein ziemlich saures Getränk!“ (14)
SPR II: Seinem Reisebericht stellte er
einige
aufschlußreiche Überlegungen und
Einsichten voran:
Z 1: „Es gibt für die Betrachtung
jenes
merkwürdigen Landes zwei verschiedene
Gesichtspunkte. Ein Teil der
Reisenden wird mehr durch die rohe, ursprüngliche
Naturbeschaffenheit von
Nordamerika
und seiner Urbevölkerung angezogen,
deren Spuren in den meisten
Gegenden...
schon kaum mehr aufzufinden sind; ein
anderer Teil hingegen, und dies
ist wohl der zahlreichere, ist mehr geneigt, die
eingewanderte Bevölkerung,
die von derselben eingeführte Zivilisation mit ihren
riesenhaften Fortschritten zu
betrachten... Um mit nachsichtigem Blick dem
Verfasser zu folgen, wird der
Leser sein Auge bald über die Grenzen der
Vereinigten Staaten hinaus auf
jene weiten Ebenen, jene traurigen, öden Prärien
richten müssen, deren
westliche
Grenze die schneebedeckte Kette der Rocky
Mountains oder des Oregon bildet
und wo mancherlei Stämme der Urbewohner
sich noch einer ruhigen
Wohnstätte
erfreuen, während ihre Brüder in den östlichen
Teilen des Kontinents, von der
stets zunehmenden Einwanderung verdrängt,
aufgerieben, entartet oder
über
den Mississippi hinüber geschoben wurden und
größtenteils
untergegangen
sind!“ (15)
MUSIK: „Yankee Doodle“
Z 1:„Schon vor Mitternacht erblickte man
das
Licht des Leuchtturms von Boston... Der nächstfolgende Tag,
an welchem ich die neue Welt zum zweiten Mal betrat, war
der ‘Day of Independence’,
an dem Amerika seine Unabhängigkeit proklamiert
hatte... Die meisten
Läden
waren... des großen...Festes wegen geschlossen... Als
die Dunkelheit kam, brannte
man... ein weniger als mittelmäßiges Feuerwerk ab...
Der ‘Yankee Doodle’, dieses
beliebte Volkslied der Amerikaner, wurde in
mancherlei Richtungen
gehört,
und es gereicht dieser bunten Volksversammlung
zum Lobe, daß man
weder Unanständigkeiten noch Lärm beobachtete... Das
weibliche Geschlecht ist
zierlich, hat schöne Züge, dabei aber häufig eine
Blässe,
die eben nicht auf...eine
gesunde, zweckmäßige Lebensart schließen
läßt...
Die
Beleuchtung der hier
versammelten
Volksmenge von Weißen und Negern
gewährte einen
interessanten
Anblick, in dessen Genuß wir umherdrängten, bis
uns die Kühle... der
Nacht nach dem Gasthof zurücktrieb... Man ist hier übrigens
vor der Unterhaltung mit
rohen Menschen ziemlich sicher, da die Amerikaner bei
Tisch meist stumm sind...“
(16)
SPR I: Ein Umstand, der Prinz Max wohl auch
aus einem anderen Grund zupaß
gekommen sein dürfte - schreibt doch der bereits zitierte Karl
Viktor
zu Wied:
Z 2: „Amerikanische Zeugen berichten,
daß
er zu dieser Zeit bereits seine
Vorderzähne
eingebüßt
hatte, was sein mit starkem preußischen Akzent
gesprochenes Englisch nicht
verständlicher machte!“ (17)
MUSIK: (nocheinmal einige Takte des „Yankee Doodle“)
SPR I: Doch hören wir ihn nun weiter
im
Bericht seines ersten Eindrucks vom Land
der unbegrenzten Möglichkeiten:
Z 1: „... Weiße Bediente gibt es
beinahe
gar nicht... dagegen müssen die Schwarzen
alle diese Geschäfte
übernehmen, die, obgleich freie Leute, dennoch von dem
den Menschenwert so hoch
achtenden Amerikaner immer noch verachtet werden
und, wie die Parias in
Indien, eine ausgestoßene Klasse bilden!“ (18)
MUSIK: (nocheinmal kurz anspielen „Old man River“)
SPR II: Und gewissenhaft wie stets,
versuchte
er sich auf die bevorstehende
Expedition vorzubereiten.
Z 1: „Da mich das Studium amerikanischer
Völker
besonders ansprach, so hatte ich (in Philadelphia) alle Buchläden
und Kupferstich-Handlungen durchsucht, um gute
Abbildungen jenes
interessanten
Menschenstammes zu finden; allein wie
erstaunte ich, auch nicht
eine einzige brauchbare, d.h. charakteristische
Abbildung derselben erhalten
zu können... Es ist unglaublich, wie der Urstamm
des amerikanischen Menschen bei
den fremden Usurpatoren verhaßt und
vernachlässigt (ist)!“ (19)
SPR I: Schließlich brach man auf, um
selbst ein Bild zu gewinnen vom
nordamerikanischen Indianerleben.
Z 1:„Auf unserem Schiff fand noch etwas
Unordnung
statt, an der Galerie figurierte...
der abgestreifte Raccoon...“
SPR II: ...ein Waschbär also...
Z 1: „...neben Rind- und Schweinefleisch,
ertrunkenen
Hühnern... Kaninchen und
Murmeltieren, die letzteren als
Leckerbissen für die Neger und Kanadier, welche
nicht leicht eine Tierart zu
verschmähen pflegen... Wir durchspähten die Gegend
mit dem Fernrohre, und es
glückte
uns auch den ersten Indianer, in seine
Wolldecke gehüllt, auf einer
Sandbank zu sehen; allein, bald wurde unsere
Aufmerksamkeit wieder durch die
Hindernisse im Flusse in Anspruch
genommen!“(20)
SPR I: Doch nicht nur die Indianer hatten seine Aufmerksamkeit, auch in Nordamerika sammelte, präparierte und klassifizierte er Tiere und Pflanzen.
SPR II: Und er registrierte als einer der
Ersten
eine beginnende Katastrophe - die
Ausrottung des Bisons.
Z 1: „Schwer ist eine richtige
Schätzung
der Konsumtion dieser jährlich mehr
verminderten... Tierart.
Die Fur-Company hat in einem der letzten Jahre allein
42000 Kuhfelle den Fluß hinabgesendet...
Und dabei schießen die Angestellten der Kompagnie auf ihren
Exkursionen
rücksichtslos zu ihrem Vergnügen diese edlen Tiere nieder,
ohne
oft den mindesten Gebrauch davon zu machen, zuweilen bloß, um ein
paar Zungen davon zu benutzen!“ (21)
SPR II: Seinem Ethos als Waidmann war dies
ebenso zuwider, wie ihn die
durch nichts zu begründende Überheblichkeit der Europäer
und Weißen
gegenüber den Indianern abstieß.
Z 1: „Man hat vielfältig behauptet,
die
Geistesfähigkeiten der Indianer seien geringer
als die der Weißen;
allein dies ist jetzt schon hinlänglich widerlegt. Wenn der
Mensch nicht in allen
seinen
Varietäten von seinem Schöpfer gleich vollkommene
Fähigkeiten erhielt,
so bin ich doch wenigstens überzeugt, daß die Indianer in
dieser Hinsicht den
Weißen
nicht nachstehen... Selbst über höhere Gegenstände
disputierten einige mit
wahrer Passion; sie fragten nach unseren Ideen über die
verschiedenen
Weltkörper
und die Entstehung des Weltalls, wobei sie ihre
eigenen albernen
Traditionen
selbst für unzulänglich erklärten. Manche hingegen
hielten auch unsere
Ansichten
über diese Gegenstände für weit alberner als die
ihrigen, sie lachten laut,
wenn man behauptete, die Erde sei rund....!“ (22)
SPR I: Während der Prinz also im Tippi
(dem typischen Zelt der Plainsindianer)
sitzend, die Friedenspfeife schmauchend, mit Medizinmännern und
vor
allem
mit seinem Freund Mato-Topé vom Stamm der Mandan parlierte, stand
Bodmer draußen vor seiner Staffelei, wo man ihm, oft in
tagelanger
Geduld
und im prächtigsten Sonntagsstaat, Modell stand für jene
Gemälde
und
Zeichnungen, die unser Indianerbild bis heute so nachhaltig prägen
sollten.
MUSIK: (noch einige Takte aus DVORAKs „9.Sinfonie“)
SPR II: Kaum zurückgekehrt aus den
USA,
bereitete er die Herausgabe seiner
Notizen und der Bodmer’schen Illustrationen in Buchform vor.
SPR I: Eines der ersten
Subskriptionsexemplare
erwarb die Königliche Bibliothek in
Dresden. Und während er davon schwadronierte, höchstselbst
durch
die
Prärie gestreift zu sein, Seite an Seite mit Indianern und
Westmännern,
saß
in Wahrheit dort, wohltemperiert im Lesesaal, ein gewisser Karl May und
vertiefte sich in des Prinzen Bericht und betrachtete fasziniert
Bodmer’s
Gemälde. Es gibt gute Gründe anzunehmen, daß unser
„Winnetou“
sein
Vorbild hatte in ebenjenem „Mato-Topé“ - sowohl in
Aussehen
und Habitus
wie auch in seinem so überaus edlen Charakter.
MUSIK: nocheinmal das WINNETOU-Thema
Z 2:„Ein Indianer (trat ein).Er trug einen
weißgegerbten Jagdrock. Die Leggins waren
aus dem gleichen Stoff
gefertigt und an den Nähten mit feinen, roten Zierstichen
geschmückt. Kein
Fleck,
keine noch so geringe Unsauberkeit war an Rock und
Hose zu bemerken. Seine
kleinen Füße steckten in perlenbesetzten Mokassins,
die mit
Stachelschweinborsten
geschmückt waren. Um den Hals trug er den
Medizinbeutel, die
kunstvoll
geschnitzte Friedenspfeife und eine dreifache Kette
von Krallen des grauen
Bären, die er dem gefürchtetsten Raubtier der
Felsengebirge abgenommen
hatte. Um seine Hüften schlang sich als Gürtel eine
kostbare Saltillodecke...
In der Rechten hielt er ein doppelläufiges Gewehr,
dessen Holzteile dicht
mit silbernen Nägeln beschlagen war... (Man sagte) sich
sogleich, daß dieser
noch junge Mann ein Häuptling, ein berühmter Krieger sein
müsse. Der Schnitt
seines ernsten, männlich-schönen Gesichtes konnte römisch
genannt werden. Die
Backenknochen
standen kaum merklich vor; die Lippen des
bartlosen Gesichtes waren
voll und doch fein geschwungen, und die Hautfarbe
zeigte ein mattes Hellbraun
mit einem leisen Bronzehauch... ‘Ich bitte um ein Glas
Bier, deutsches Bier!’
sagte (er) in geläufigem Englisch... Er erhielt das Bier, hob
das Glas gegen das
Fensterlicht,
prüfte es mit einem behaglichen Kennerblick
und trank. ‘Well!... Euer
Bier ist gut. Der große Manitou der weißen Männer hat
sie viele Künste
gelehrt,
und das Bierbrauen ist nicht die geringste darunter!’... Es
war Winnetou, der
Häuptling
der Apatschen, mein Blutsbruder!“ (23)
SPR I: Überall in Karl May’s Romanen
begegnen
dem aufmerksamen Leser
Maximilian’s allzu bekannte Figuren, Beschreibungen und Begriffe.
SPR II: Hatte der Prinz doch auch als
erster
damit begonnen, ein Deutsch-
Indianisches Wörterbuch zusammenzustellen - und den dort
aufgelisteten
Vokabeln sind denn auch viele der Namen aus „Winnetou“, „Old Surehand“
oder „Dem Schatz im Silbersee“ nachempfunden:
Z 2: Intschu-Tschuna, Klekih-Petra oder Ntscho-Tschi.
SPR I: Und auch für die Figur des
bösen
Weißen fand May in Maximilian’s
Reisebericht das charakterliche Vorbild.
Z 1: „Die schlechten Beispiele, welche (die
Indianer) oft von den in ihrem Land
lebenden und nach
Geldgewinn
umherstreifenden Weißen beobachten, sind eben
nicht geeignet, ihnen viel
Achtung für unsere Rasse einzuflößen!“ (24)
SPR II: Beide, Prinz Max wie auch Karl May,
waren sich darüber bewußt, daß sie
eine unrettbar zum Untergang verurteilte Welt beschrieben und einer
verlorenen Hochkultur ein Denkmal setzten.
Z 2: „(Wer) vor dem Grabmal des Apatschen
steht,
der sagt: ‘Hier liegt Winnetou
begraben, ein roter, aber
ein großer Mann!’... (und einst) wird ein rechtlich
denkendes und
fühlendes
Geschlecht vor den Savannen und Bergen des
Westens stehen und sagen:
‘Hier ruht die rote Rasse. Sie wurde nicht groß, weil
sie nicht groß werden
durfte!’“ (25)
SPR I: Mit diesen Worten der Anklage endet Karl May’s „Winnetou“-Saga.
Z 1: „In der gegenwärtigen Zeit haben
sichere und unparteiische Nachrichten von den Indianern des oberen
Missouri
erhöhten Wert, wenn die Mitteilungen begründet
sind, die wir...
erhielten, daß nämlich zu den vielen von den Weißen
diesen
Stämmen
erzeigten
Wohltaten noch die einer schrecklichen Blatternepidemie
hinzugekommen (ist)
und ein großer Teil von ihnen dadurch ausgerottet worden
wäre, namentlich
sollen nach den Zeitungsnachrichten die Mandans, Mönnitaris,
Assiniboins und
Blackfeet
bis auf eine kleine Zahl ausgestorben sein!“ (26)
SPR I: Diese Schreckensmeldung, die
Maximilian
seinem Buch voranstellte,
entsprach leider der Wahrheit.
SPR II: Und in einem unlängst
erschienen
Roman über ihn, „Der Herr des
Regenbogens“, kolportiert der Autor Peter Baumann als tragische
Pointe,
daß er selbst es gewesen sein könnte, der dem Stamm seines
Freundes
„Mato-Topé“ die tödliche Krankheit brachte.
MUSIK: (aus „WINNETOU“ eventl. die
Schlußmusik)
(weiter im Hintergrund)
SPR I: Prinz Maximilian, der
Urururonkel
des heutigen Fürsten zu Wied starb am
3.Februar 1867, fast 85jährig, an der Folgen einer
Lungenentzündung.
SPR II: Seine Bücher über Nord-
und
Südamerika wurden viel gelesen, übersetzt in
mehrere Sprachen und noch heute bedient sich so mancher aus diesem
Fundus an eindringlichen Schilderungen und Bildern.
SPR I: Vor einigen Jahren erschien ein
Roman
des Bestsellerautors Noah Gordon -
„Der Schamane“. Und auf dessen Titelillustration steht - unten rechts,
mit
schwarzem Hut und grünem Mantel, die rechte Hand
grüßend
auf’s Herz
gelegt - niemand anderer als unser Prinz Maximilian zu Wied-Neuwied.
QUELLEN DER ZITATE:
1. „Fauna und Flora in
Rheinland-Pfalz
/ Beiheft 17-1995“ (Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie
in Rheinland-Pfalz e.V. / Landau) S.49
2. „Prärie- und Plains-Indianer“
(Verlag Hermann Schmidt / Mainz - 1993) S.38
3. B.Willscheid: „Maximilian zu
Wied“ (Broschüre des Kreismuseums Neuwied/1998)
4. „Fauna...“(s.o.) S.102
5. „Fauna...“(s.o.) S.40
6. „Fauna...“(s.o.) S.129
7. „Fauna...“(s.o.) S.187
8. Maximilian Prinz zu Wied: „Reise
in das innere Nordamerika“ (Verlag Lothar Borowsky / München-1995)
Bd.I/S.11
9. Artikel in der Rhein-Zeitung
(Koblenz)
vom 7.1.93
10. ...“Reise in das innere
Nordamerika“(s.o.)
Bd.II/S.82
11. „Prärie...“(s.o.) S.43
12. „Prärie...“(s.o.) S.43f
13. ...“Reise in das innere
Nordamerika“(s.o.)
Bd.I/S.9
14. ...“Reise in das innere
Nordamerika“(s.o.)
Bd.I/S.42
15. ...“Reise in das innere
Nordamerika“(s.o.)
Bd.I/S.10f
16. ...“Reise in das innere
Nordamerika“(s.o.)
Bd.I/S.17ff
17. „Prärie...“(s.o.) S.44
18. ...“Reise in das innere
Nordamerika“(s.o.)
Bd.I/S.17ff + 26
19. „Fauna...“(s.o.) S.134
20. ...“Reise in das innere
Nordamerika“(s.o.)
Bd.I/S.156 und „Fauna...“(s.o.) S.136)
21. „Prärie...“(s.o.) S.80
22. ...“Reise in das innere
Nordamerika“(s.o.)
Bd.II/S.79f
23. Karl May: „Winnetou II“
(Tosa-Verlag/Wien)
S.40f
24. ...“Reise in das innere
Nordamerika“(s.o.)
Bd.II/S.80
25. Karl May: „Winnetou III“
(s.o.)
S.398
26. ...“Reise in das innere
Nordamerika“(s.o.)
Bd.I/S.12
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„In NEUWIED fuhr der Zug langsam und
quietschend
auf dem Bahnsteig 1 ein.
Alle hingen am Fenster mit der Frage: `Wie
steht's?´
Aber bevor die Frage gestellt werden konnte,
schallte es aus dem Bahnhofslautsprecher nicht wie üblich:
`Neuwied, Neuwied - hier ist Neuwied´,
sondern triumphierend:
`Deutschland ist Weltmeister!´...“ (
siehe
hier )
![]() Ferdinand Hueppe (1. Präsident des DFB) |
Erschienen am 12. Juni 2004
im Verlag Peter Kehrein (info@kehrein.de) Lutz Neitzert: DIE FRÜHEN JAHRE DES FUSSBALLS Ein Spiel entsteht und Fusslümmel erobern Neuwied (ISBN 3-934125-06-9) 9,80 € |
KNIGGE in NEUWIED
(s. auch "Zum 200. Todestag des
Freiherrn von Knigge")
Am 24. Juni des Jahres 1782 betrat ein recht seltsamer Herr den
verrufensten
Ort der Stadt Neuwied. Gerade 30 Jahre alt und an der Schwelle zur
Berühmtheit,
doch bereits unübersehbar gezeichnet von Krankheit und Auszehrung.
Den Kopf angefüllt mit den menschheitsbeglückenden Idealen
der
Aufklärung, mit politischen Umsturzplänen und einem ganzen
Sortiment
wunderlicher Spinnereien. Eine Person voller Widersprüche und doch
mit festen Vorsätzen und Lebenszielen, ein Mann mit fixen Ideen
und
doch auch mit einer wachen Vernunft. Sein Name: ADOLPH FRANZ LUDWIG
FRIEDRICH
FREIHERR VON KNIGGE. Dieser sonderbare Zeitgenosse also stattete an
jenem
Sommertag der Fürstenresidenz am Rhein einen Besuch ab. Und dabei
führte ihn sein Weg zum Schloß Friedrichstein, zum
"Teufelsschloß"
bei Fahr. Am Fuß der Hohen Ley 1646 aus Anlaß der
Stadtgründung
von Graf Friedrich zu Wied erbaut, doch nur kurze Zeit von der
Fürstenfamilie
bewohnt (unzufrieden mit den Baulichkeiten zog man bald in das neue
Stadtschloß),
rankten sich binnen kurzer Zeit ungezählte Legenden um das immer
mehr
verfallende Gemäuer. (Heute erinnert so gut wie nichts mehr an den
geschichtsträchtigen Ort. Seit 1868 führen darüber
hinweg
die Geleise der Deutschen Bundesbahn.) Jedenfalls ist anzunehmen,
daß
Knigge sich damals auch dort umgetan hat. Seit 1780 gehörte ein
Teil
des Schlosses der Neuwieder Freimaurerloge "Karoline zu den drei
Pfauen"
(neben ihrem Ordenshaus in der Kirchstraße). Und Knigge kam nicht
als Tourist, sondern er fuhr als Emissär zu Verhandlungen mit eben
jenen Logenbrüdern (darunter Graf zu Stolberg-Roßla und der
Schriftsteller Ludwig Ysenburg von Buri). Sein (erfolgreich erledigter)
Auftrag war die Überführung der Neuwieder Freimaurerei in den
neugegründeten Orden der "Illuminaten",
dessen aktivster Propagandist und Proselytenmacher er in jenen Jahren
gewesen
ist. Geboren vor 240 Jahren, am 16. Oktober 1752, auf einem Gut in
Bredenbeck
unweit Hannover, hatte der junge Knigge von seinem Vater nichts weiter
geerbt als einen imposanten Schuldenberg, dazugehörig eine Horde
geldgieriger
Gläubiger, und eine höfische Erziehung, die ihm auf seinem
späteren
Lebenswege eher hinderlich und peinlich als nützlich sein sollte.
(In jenem Jahr 1782 wurde in Weimar ein gewisser Johann Wolfgang Goethe
in den Adelsstand eines von Goethe erhoben, während Knigge wohl
auch
in Neuwied keine Gelegenheit ausließ, sich gerade von seinem
angeborenen
"von" ausdrücklich zu distanzieren. So pflegte er etwa seine
Briefe
nicht mit "Freiherr von Knigge" zu unterzeichnen, sondern er schrieb:
"Der
freie Herr Knigge"! Alles, was er in seinem Leben unternommen hat,
begann
mit einem vielversprechenden Höhenflug und endete
regelmäßig
in der Tinte. Als 19jähriger startete er in der Residenz des
Landgrafen
von Kassel zu einer höfischen Laufbahn comme il faut. Erste
Erfolge
stellten sich schon bald ein, nichts schien sein weiteres Fortkommen zu
hindern und schließlich erreichte er als Leiter der
fürstlichen
Meerschaumpfeifenmanufaktur und Planungsbeauftragter für den
Zichorieanbau
einen ersten Karrieregipfel. Doch dann zogen unvermittelt dunklere
Wolken
auf über Junker Knigge und er geriet in das unheilvolle Gespinst
höfischer
Intrigen. Vor allem hatte er den verhängnisvollen Fehler begangen,
die Fürstin, welche offenbar Gefallen gefunden hatte an dem jungen
lebhaften Hannoveraner, zurückzuweisen. "Ich trat als ein sehr
junger
Mensch, beinahe noch als ein Kind, schon in die große Welt und
auf
den Schauplatz des Hofes. Mein Temperament war lebhaft, unruhig,
bewegsam,
mein Blut warm; die Keime zu mancher heftigen Leidenschaft lagen in mir
verborgen; ich war in der ersten Erziehung ein wenig verzärtelt...
und man hatte mich nicht zu jener Geschmeidigkeit vorbereitet, derer
ich
bedurfte, um, unter mir ganz fremden Leuten, in despotischen Staaten
große
Fortschritte zu machen... Ein einziger unbesonnener Schritt..., durch
welchen
sich der Ehrgeiz und die Eitelkeit eines Weibes gekränkt
hielten...,
war Schuld daran, daß ich nachher allerorten, wo mein Schicksal
mich
nötigte, Schutz und Glück zu suchen, Widerstand... fand.
Wirklich
sollte man es kaum glauben, welche Mittel solche Furien ausfindig zu
machen
wissen, einen ehrlichen Mann, von dem sie sich beleidigt glauben, zu
martern,
zu verfolgen; wie unauslöschlich ihr Haß ist; zu welch
niedrigen
Mitteln sie ihre Zuflucht nehmen!" Er verlor die Gunst seines
Brotherren
und verließ das "sibirisch kalte" Kassel schließlich
gedemütigt
und mit ungewissen Aussichten. Vollständig desillusioniert nach
einem
ähnlich glücklos verlaufenden Gastspiel in Diensten des
hessischen
Erbprinzen in Hanau, beschloß er, in Zukunft sich auf die Seite
jener
zu schlagen, die am Vorabend der bürgerlichen Revolution gegen die
menschenverachtende Fürstenherrschaft aufbegehrten. Im Namen der
Freiheit-Gleichheit-Brüderlichkeit.
Infiziert mit solchen Ideen schon während seines Jurastudiums in
Göttingen
(dort als Zimmernachbar G. Chr. Lichtenberg's), suchte er ein
angemessenes
Wirkungsfeld für seine neue Weltanschauung. Er glaubte es
schließlich
gefunden zu haben im geheimen Bund der Freimaurer. Hier erhoffte er
sich
einen Zusammenschluß redlicher, fortschrittlich gesonnener
Bürger,
die im Geiste der Aufklärung und verborgen vor dem Zugriff der
fürstlichen
Gewalt für eine Veränderung der Gesellschaft arbeiten,
missionieren
und streiten wollten. Nebenbei widmete er sich, halb im Ernst, halb im
Spaß, der Suche nach dem vielbeschworenen "Stein der Weisen" und
in allerlei abstrusen alchimistischen Experimenten der Kunst des
Goldmachens.
(Letzteres hatte schon sein Vater betrieben, mit wenig Erfolg, wie die
hinterlassenen Schulden schlagend beweisen.) Wie viele seiner
Zeitgenossen,
so sah auch Knigge keinen Widerspruch zwischen Mystik und Vernunft.
Vielmehr
suchte er die kühl rationale Einsicht in den Lauf der Welt durch
allerlei
nervenkitzelndes Zeremonium zu beflügeln. Mit der traditionellen
Freimaurerei
wurde er bald schon unzufrieden und so schloß er sich 1780 dem
(vorgeblich
uralten, in Wirklichkeit jedoch erst 1776 von Adam Weishaupt in
Ingolstadt
gegründeten) Orden der "Illuminaten" an. Diese geheime Verbindung
zählte bald schon eine illustre Reihe berühmter Mitglieder:
Herder,
Pestalozzi, Herzog Karl-August von Weimar gehörten dazu, ebenso
der
unvermeidliche Goethe und vermutlich auch Schiller. Unter dem
Ordensnamen
"Philo" wurde Knigge bald zum rührigsten Aktivisten des Bundes.
Und
in dieser Eigenschaft weilte er, wie gesagt, im Sommer 1782 auch in
Neuwied.
Doch die Ordensgeschäfte, die er mit wahrem Feuereifer betrieb,
wuchsen
ihm immer mehr über den Kopf und brachten ihn an den Rand
körperlicher
und geistiger Erschöpfung. Zudem mußte er erkennen,
daß
selbst eine Bruderschaft mit solch hehren und untadeligen Zielen nicht
gefeit ist gegen Mißgunst, Eitelkeiten und Dummheit. Aufgerieben
in internen Machtkämpfen, vor allem mit dem Ordensgründer
Weishaupt,
zog er sich ein Jahr später von allen Ämtern zurück.
1788
schreibt er: "Es möchte doch wohl nun endlich einmal Zeit sein,
diese
teils zwecklosen, törichten, teils dem gesellschaftlichen Leben
gefährlichen
Bündnisse aufzugeben... Unnütz sind solche Verbindungen von
seiten
ihrer Wirksamkeit, weil sie sich mit elenden Kleinigkeiten und
abgeschmackten
Zeremonien beschäftigen,... nach schlecht durchdachten Plänen
handeln, unvorsichtig in der Wahl ihrer Mitglieder sind und folglich
bald
ausarten!" Er beschließt, seinen Lebensunterhalt fortan als
Schriftsteller
zu bestreiten und man kann ihn tatsächlich als einen der
allerersten
Berufsschriftsteller deutscher Zunge bezeichnen. Wie alles, was er je
im
Leben begonnen hat, so startete er auch in die Buchproduktion mit
wahrer
Arbeitswut. Buch auf Buch erschien und nicht wenige davon wurden zu
wirklichen
Bestsellern:
"Roman meines Lebens", "Die Geschichte Peter Clausens", "Joseph von
Wurmbrandts politisches Glaubensbekenntnis mit Hinsicht auf die
Französische
Revolution", "Des seligen Etatsrats Samuel von Schaafskop hinterlassene
Papiere", "Die Reise nach Braunschweig" (u.v.v.m.). Er bediente alle
literarischen
Modegattungen von der Autobiographie über den Reisebericht, den
Schelmenroman,
die politische Satire bis zur
philosophisch-wissenschaftlich-moralischen
Erbauungsschrift. Nebenbei dilettierte er als Theaterleiter und als
Komponist
(eines Konzertes für Solo-Fagott). Er schreibt viel, zuviel, wie
die
Literaturkritiker naserümpfend monierten und wie er auch selbst
eingestand.
Dabei bediente er die Lesewünsche eines Massenpublikums nach
spannenden,
humorvollen Erzählungen, blieb jedoch seinen aufklärerischen
Idealen immer treu. Knigge's Trivialromane sind verfaßt in
stilsicherer,
eleganter Prosa und durchtränkt von moralischen Grundsätzen
und
Lebensweisheiten - ein früher Ahne des Johannes Mario Simmel.
Immer
gut für einen Skandal waren seine (oft unter Pseudonym
veröffentlichten)
politischen Flugschriften und Pamphlete. Etwa die "Sechs Predigten
gegen
Despotismus, Dummheit, Aberglauben, Ungerechtigkeit und
Müßiggang",
in denen er an die Adresse der Fürsten gerichtet schreibt:
"Zittert,
daß nicht der Versucher über euch komme, daß nicht der
Reiz der Herrschsucht, der Glanz der Hoheit... eure Augen verblenden
und
ihr, uneingedenk eurer hohen Bestimmung, die Henker unschuldiger
Menschen
werden möget. Zittert und vergeßt nicht, daß das
Seufzen
der Unterdrückten bis vor den höchsten Thron der
Gerechtigkeit
dringt!" Er lebte also, mehr schlecht als recht, von den
Einkünften
aus seinen Büchern, und so machten ihm insbesondere die vielen
Raubdrucke
seiner Schriften sehr zu schaffen. Aus diesem Grunde drohte er mit der
Herausgabe eines Buches unter dem Titel "Diebschronik oder Sammlung von
Lebensbeschreibungen und Bildnissen der berühmtesten deutschen
Nachdrucker".
1788 erschien dann jenes Werk, welches bis heute seinen Ruhm
begründet
hat: "Über den Umgang mit Menschen". Egon Friedell spricht davon
als
dem "berühmtesten Buch der deutschen Aufklärung, welches
durchaus
verdient, noch heute von jedermann zitiert zu werden, und durchaus
nicht
verdient, von nahezu niemandem mehr gelesen zu werden". Wer sich einmal
die Mühe und das Vergnügen macht, diesen oft bemühten,
aber
offensichtlich nie studierten Text wirklich zu lesen, der wird
überrascht
sein, darin kein Wort von all dem zu finden, was man gemeinhin mit dem
Namen KNIGGE in Verbindung bringt. Kein Wort über den
stilvollendeten
Handkuß oder den angemessenen Werkzeuggebrauch beim Verzehr toter
Fische und dergleichen. Stattdessen ist es ein Ratgeber für ein
der
Vernunft gemäßes, ruhiges, nützliches und
erfülltes
Leben unter sympathischen wie auch unsympathischen und
übelwollenden
Mitmenschen. Knigge war sich dessen bewußt, daß seine
eigene
Biographie ihn nicht gerade als einen Meister in dieser Kunst auswies,
und so heißt es denn im Vorwort: "Aber habe ich denn wohl auch
Beruf,
ein Buch über die Kunst des Umgangs mit Menschen zu schreiben,
ich,
der ich in meinem Leben vielleicht sehr wenig von diesem Geiste gezeigt
habe? Ziemt es mir, Menschenkenntnis auszukramen, da ich oft ein Opfer
der unvorsichtigsten... Hingebung gewesen bin?... Lasset doch sehn,
meine
Freunde! was sich darauf antworten läßt? Habe ich widrige
Erfahrungen
gemacht, die mich von meiner eigenen Ungeschicklichkeit überzeugt
haben - desto besser! Wer kann so gut vor der Gefahr warnen, als der,
welcher
darin gesteckt hat?... Übrigens werden vielleicht wenig Menschen
in
einem so kurzen Zeitraume in so manche sonderbare Verhältnisse mit
andern Menschen aller Art geraten als ich seit ungefähr zwanzig
Jahren;
und da hat man denn schon Gelegenheit,... Bemerkungen zu machen und vor
Gefahren zu warnen, die man selbst nicht hat vermeiden können!" Er
behandelt in 26 Kapiteln das angemessene Verhalten gegenüber den
verschiedensten
Typen von Menschen: über den Umgang mit Alten, Kindern, Eltern,
Ehepartnern,
Verliebten und Betrunkenen, Gaunern und Heuchlern, Künstlern und
Schwärmern,
Geistlichen, Lehrern, Ärzten, Juristen u.v.a.m. Das wichtigste
Thema
aber ist ihm der Umgang mit den hohen Herrn Fürsten und dort
versucht
er zu lehren, wie man auch als "kleiner Mann", wenn 's Not tut, einmal
gekonnt, gefahrlos und stilvoll mit den Großen dieser Welt
Schlitten
fahren kann: "Man würde ungerecht handeln, wenn man behaupten
wollte,
alle Fürsten... hätten dieselben Fehler..., durch welche
viele
von ihnen ungesellig, kalt, unfähig zum echten Freundschaftsbande
und schwer zu behandeln im Umgange werden; allein man versündigt
sich
wahrlich nicht, wenn man sagt, daß dies bei den mehrsten von
ihnen
der Fall ist... Sage diesen Leuten zuweilen einmal, doch ohne Hitze und
Grobheit, die Wahrheit. Schlage ihre flachen, schiefen Urteile
kaltblütig
mit Gründen nieder, wo es nach den Umständen die Klugheit
erlaubt.
Stopfe ihnen das Maul, wenn sie den Redlichen lästern. Setze ihren
Schleichwegen Mut, Tätigkeit und wahre Kraft entgegen!" Das Buch
wurde
in ganz Europa ein riesiger Erfolg, und auch die Obrigkeit nahm Notiz
von
dieser politisch in höchstem Maße
unbotmäßigen Schrift. Als Knigge dann nach 1789 auch noch
als vehementer Verfechter der Französischen Revolution auftrat,
wurde
er immer mehr zum Opfer staatlicher Schikane und Verfolgung. Viele
Verleger
(nach seinem Tod vor allem auch seine eigene Tochter) begannen
daraufhin,
um den Verkaufserfolg nicht zu gefährden und der Zensur keinen
Anlaß
zu einem Verbot zu geben, den ursprünglichen Text zu
entschärfen
und ganze Passagen einfach umzuschreiben. Bis am Ende tatsächlich
jene Benimmfibel stand, die Knigge's Absichten praktisch in ihr
Gegenteil
verkehrte und der er seinen zweifelhaften Nachruhm verdankt.
Wüßte
er, wozu heute sein guter Name zum Inbegriff geworden ist, nämlich
ausgerechnet zum Synonym für steife, leblose Etikette, er
würde
sich im Grabe umdrehen und die Welt nicht mehr verstehen. Am 6. Mai
1796
stirbt Knigge, kaum 43jährig, verbraucht und aufgerieben von einem
spannungsreichen und aufopferungsvollen Leben, in Bremen, wo er die
letzten
Jahre (als ein Radikaler im öffentlichen Dienst der
Schulbehörde)
verbracht hatte. Beigesetzt wurde der Leichnam des "Freien Herrn" im
Dom
der Freien und Hansestadt. Kurz vor seinem Tod erschien sein letztes
Buch,
ein zutiefst pessimistisches Resümee mit dem programmatischen
Titel:
"Über Undank und Eigennutz"!
Notabene:
Auch der Abschied Knigge’s vom Kreis der „Illuminaten“ birgt einen
interessanten Bezug hierher nach Neuwied. Der Hamburger
G.E.Lessing-Verleger
Johann Joachim Christoph Bode, der zusammen mit ihm für den Orden
missioniert hatte, schilderte ihre fortschreitende Entfremdung und
schließliche
Feindschaft. In einer Knigge-Biographie (geschrieben von Wolfgang
Fenner
– in Band 10 der „Ausgewählten Werke“ / Hannover 1996 – S.222f)
lesen
wir: „Bode notierte am 9. Juni 1784...: `Philo’s (LN: also Knigge’s)
Tochter
trägt das Ordensband vom heiligen Grabe... über dem Corset
sogar...!´
und runzelte höchst bedenklich die Stirn über dessen
Leichtsinn.
Am nächsten Tag begannen die beiden dann über die genauen
Austrittsmodalitäten
zu verhandeln. Am Mittag des 12ten waren sie fertig. Knigge
unterschrieb
ein Revers, in dem er `unverbrüchliches Stillschweigen zu
beobachten´
gelobte sowie die Rückgabe sämtlicher Ordenspapiere... Von
Ordensseite
wurde ihm im Gegenzug ein Zeugnis ausgestellt, mit dem ihm ein
ehrenvoller
Abgang verschafft werden sollte: `Nachdem der hochwürdige Bruder
Philo,
Herr Baron von Knigge, bei dem Orden der Illuminaten, theils wegen
häuslicher,
theils anderer triftiger Gründe wegen, um die Entlassung von
seinen
bis dahin geführten Ordens-Ämtern nachgesucht´, macht
der
Orden dies hiermit bekannt... Bode reiste danach durch die Pfalz und
nach
NEUWIED, wo der neue Nationalobere Johann Martin Graf zu
Stolberg-Roßla
(der Schwager des regierenden Grafen zu Wied – Ordensname
`Campanella´)
das Zeugnis am 1. Juli unterschrieb...“!