NEUWIED am Rhein
                       PRINZ MAXIMILIAN ZU WIED

                                                                                                                                KNIGGE in NEUWIED
 
"Diese freundliche Stadt, erbaut auf einen von Bergen umstellten Raum, ist uns wegen der Altertümer merkwürdig, welche man daselbst gefunden hat und findet!"
(1774 Johann Wolfgang G. / Frankfurt am Main)


Kupferarsenitacetat     Cu(CH3COO)2 · 3 Cu(AsO2)2
Als Malerfarbe (Paul Gaugin hat es in seinen Bildern oft verwendet), als Insektizid ist "Neuwieder Grün" in Deutschland seit 1882 verboten und es besteht der Verdacht, daß Napoleon, dessen Haus auf St. Helena damit gestrichen war, sich dadurch eine tödliche Dosis Arsen eingehandelt haben könnte !
 

„Im Jahr 1968 machten die deutschen Studenten bekanntlich eine Revolution. Ich habe damals in einer Bimsfabrik in NEUWIED gearbeitet und konnte deshalb leider nicht daran teilnehmen... 
Ich habe aber (immerhin) den Vorschlag gemacht, daß man der Hochkultur möglichst viel Geld wegnehmen und daß man damit das Bier subventionieren soll. 
Aber die Sozialdemokraten waren wie immer dagegen!“
(PETER TURRINI)

"Man hat dort die besten französischen Möbel geschreinert und der Portwein der Herrnhuter...war eine gute Sache!
Dies Herrnhuter Viertel war rational und totenstill, geometrisch wie eine alte Jungfer. Die weißen Fenster blieben geschlossen, niemand schaute heraus, pedantisches Empire verbarg große Gärten, worunter mitunter eine weiße Haube lugte. Die Kirche war kahl wie ein Operationssaal – Gott als weißes Quadrat!..."    (CARL EINSTEIN)
"Von Koblenz fuhren wir nach Neuwied, und besahen dort das Brüderhaus der Herrnhuter, nebst den mancherlei Werkstätten dieser fleißigen und geschickten Gesellschaft. Ihre Kirche ist ein einfaches, helles Gebäude, das mir recht gut gefiel...“ (GEORG FORSTER)
"...Der Pöbel wohnte im `Kleinen Frankreich´ - ebenso die Stadtverrückten. Dort hing Wäsche und die Mädchen gingen auf die Rabeninsel am Rhein. Man erzählte Schauerliches!..."   (CARL EINSTEIN)

Carl Einstein
 "... Am `Kleinen Frankreich´ vorbei, woraus hie und da ein Stein oder Fluch in die Schloßstraße flogen, ging man ins Fürstliche, beschaute idiotische Schloßpfauen und saß an der Rheinspitze, die den Fluß zerschnitt!"
           (CARL EINSTEIN)

Wiedomys Pyrrorhinus           Leopardus Wiedi                          Bothrops Neuwiedi
                                                                  (siehe unten)
 
 

Friedrich Wolf
 

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JOHANN PETER HEBEL:
“DIE BEKEHRUNG (aus dem „Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes“)
Zwei Brüder im Westfälinger Land lebten miteinander in Frieden und Liebe, bis einmal der jüngere lutherisch blieb, und der ältere katholisch wurde. Als der jüngere lutherisch blieb und der ältere katholisch wurde, taten sie sich alles Herzeleid an. Zuletzt schickte der Vater den katholischen als Ladendiener in die Fremde. Erst nach einigen Jahren schrieb er zum erstenmal an seinen Bruder. `Bruder´, schrieb er, `es geht mir doch im Kopf herum, daß wir nicht einen Glauben haben, und nicht in den nämlichen Himmel kommen sollen, vielleicht in gar keinen. Kannst du mich wieder lutherisch machen, wohl und gut, kann ich dich katholisch machen, desto besser. `Also beschied er ihn in den Roten Adler nach NEUWIED, wo er wegen einem Geschäft durchreiste. `Dort wollen wir's ausmachen!´ In den ersten Tagen kamen sie nicht weit miteinander. Schalt der Lutherische: `Der Papst ist der Antichrist´, schalt der Katholische: `Luther ist der Widerchrist.´ Berief sich der Katholische auf den heiligen Augustin, sagte der Lutherische: `Ich hab nichts gegen ihn, er mag ein gelehrter Herr gewesen sein, aber beim ersten Pfingstfest zu Jerusalem war er nicht dabei.´ Aber am Samstag aß schon der Lutherische mit seinem Bruder Fastenspeise. `Bruder´, sagte er, `der Stockfisch schmeckt nicht giftig zu den durchgeschlagenen Erbsen´; und abends ging schon der Katholische mit seinem Bruder in die lutherische Vesper. `Bruder´, sagte er, `euer Schulmeister singt keinen schlechten Tremulant.´ Den andern Tag wollten sie miteinander zuerst in die Frühmesse, darnach in die lutherische Predigt, und was sie alsdann bis von heut über acht Tage der liebe Gott vermahnt, das wollten sie tun. Als sie aber aus der Vesper und aus dem grünen Baum nach Hause kamen, ermahnte sie Gott, aber sie verstanden es nicht. Denn der Ladendiener fand einen zornigen Brief von seinem Herrn: `Augenblicklich setzt Eure Reise fort. Hab ich Euch auf eine Tridenter Kirchenversammlung nach Neuwied geschickt, oder sollt Ihr nicht vielmehr die Musterkarte reiten?´ Und der andere fand einen Brief von seinem Vater: `Lieber Sohn komm heim sobald du kannst, du mußt spielen.´ Also gingen sie noch den nämlichen Abend unverrichteter Sachen auseinander, und dachten jeder für sich nach was er von dem andern gehört hatte. Nach sechs Wochen schreibt der jüngere dem Ladendiener einen Brief: `Bruder, Deine Gründe haben mich unterdessen vollkommen überzeugt. Ich bin jetzt auch katholisch. Den Eltern ist es insofern recht. Aber dem Vater darf ich nimmer unter die Augen kommen.´ Da ergriff der Bruder voll Schmerz und Unwillen die Feder: `Du Kind des Zorns und der Ungnade, willst du denn mit Gewalt in die Verdammnis rennen, daß du die seligmachende Religion verleugnest? Gestrigen Tags bin ich wieder lutherisch worden.´ Also hat der katholische Bruder den lutherischen bekehrt, und der lutherische hat den katholischen bekehrt, und war nachher wieder wie vorher, höchstens ein wenig schlimmer!“

Dumm gelaufen!

Ein Jahrhundert später fand auch ein anderer Literat, Luigi Pirandello, in seiner todtraurigen Novelle „Natale sul Reno“ ("Weihnachten am Rhein") in Neuwied den idealen Schauplatz – für einen Selbstmord!

„Weihnachten wurde seit zwei Jahren im Hause L*** nicht mehr gefeiert,
als Zeichen der Trauer über den gewaltsamen Tod des zweiten Mannes der Frau Alvina... Herr Fritz L*** hatte sich nach einem unordentlichen Leben durch einen Revolverschuß in die Schläfe umgebracht, in Neuwied, am rechten Ufer des Rheins... Es geht der Ruf, daß man sich (dort), besser als an jedem anderen Ort der Rheingegend, des Sonnenaufgangs erfreuen kann.  `Ich habe alles erlebt´, hieß es im Abschiedsbrief an seine Gemahlin, `außer einer einzigen Sache; in den vierzig Jahren meines Lebens habe ich nie die Sonne aufgehen sehen. Ich werde (also) morgen diesem Schauspiel vom Ufer aus beiwohnen... Ich werde die Sonne aufgehen sehen, und beim Kuß des ersten Sonnenstrahls werde ich mein Leben beschließen!´“
 

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       DIE REISEN UND FORSCHUNGEN DES PRINZEN MAXIMILIAN ZU WIED-NEUWIED
                            „WINNETOU UND DIE CAATINGA-MAUS“

                                                („SWR2 vor Mitternacht“)
                                                    (von Dr.Lutz Neitzert)

MUSIK: (einleitend das musikalische TITELTHEMA aus dem Film „WINNETOU“)

SPRECHER I: An „Felis Silvestris“ (der gemeinen Wildkatze) ließ der ansonsten so
                       um Sachlichkeit Bemühte kein gutes Haar.

ZITAT-SPRECHER 1: „In den Wiedischen Forsten...“

SPRECHER II: ...im Süden des Westerwaldes...

Z 1: „...(werden) alljährlich etwa 20 Stück dieser für die Jagden höchst schädlichen Raubtiere erlegt... In 18 Jahren (waren es) 235 Stück!“

SPR I: Bei aller wissenschaftlichen Distanz, die er zu seinen Studienobjekten einzuhalten gedachte, wenn es um die verhaßte Konkurrenz im Forst ging, dann verlor der hochwohlgeborene Waidmann doch ab und an einmal seine Contenance.

SPR II: Zumal er in diesem ganz speziellen Fall auch bald einen Schuldigen für seinen Ärger ausgemacht zu haben glaubte: die Bürgerlichen!

Z 1: „Durch die Revolution von 1848, wo die Jagden zum Teil in ungeschickte Hände
      gefallen waren, die das Raubzeug nicht zu vertilgen verstanden, (konnte sich
      auch die Wildkatze zuletzt sehr vermehren)!“ (1)

(MUSIK): (an dieser Stelle eventl. kurz das Fauchen einer Katze)

SPR I: Abgesehen allerdings von solchen durchaus verständlichen Animositäten,
           blieben die naturkundlichen Werke wie auch die Reiseberichte des
           Prinzen Maximilian zu Wied - im Vergleich mit den Traktaten vieler seiner
           Zeitgenossen - erstaunlich unvoreingenommen, immer  sachdienlich und
          detailgenau.

SPR II: Geboren wurde er am 23.September 1782 in Neuwied am Rhein, als achtes
            von elf Kindern des Grafen Karl Friedrich zu Wied und seiner Frau Louise.

SPR I: Und typisch für einen in Wissenschaft oder Kunst dilettierenden Adligen jener
            Zeit  war schon seine Stellung in der höfischen Hierarchie. Sein abgelegener
           Ast im Stammbaum berechtigte zu keinerlei Hoffnung im Blick auf politische
           Macht und Funktion. Andererseits schickte es sich für einen Aristokraten
           nicht, ein Gewerbe zu treiben. Blieben also nur die schönen Künste, die
           freien Wissenschaften oder das Savoir Vivre.

SPR II: Zu Ersterem und zu Letzterem hatte der Prinz nur wenig Talent.

ZITAT-SPRECHER 2: „Tatsächlich muß er in sehr hohem Maße etwas besessen
                                    haben, was man als produktive Einseitigkeit  oder
                                    Eingleisigkeit bezeichnen könnte...Ein etwas
      trockener Intellekt und außerordentliche Willenskraft  waren jedenfalls die
      wichtigsten Merkmale seines Wesens; Phantasie dürfte daneben nur eine
      untergeordnete Rolle gespielt haben!“ (2)

SPR I: So charakterisierte ihn einmal sein Verwandter Karl Viktor zu Wied

SPR II: Weitgehend frei von Humor und Esprit also, doch umso mehr bewundert für
           die leidenschaftliche Hingabe, mit der er seine Studien betrieb, verschrieb er
            sich entschlossen und von der Außenwelt weitgehend verschlossen der
            Forschung. Ein  Einzelgänger, dessen Leben mit seiner Arbeit vollkommen
            ineins fiel. Unverheiratet und befreundet nur mit Mitarbeitern und Kollegen.

SPR I: Carmen Sylva, Königin von Rumänien und auch eine derer zu Wied,
            erinnerte sich an den Kauz im Familienkreis:

Z 2:  „Er sprach nie von seinen Arbeiten und saß doch zwölf Stunden des Tages am
     Schreibtisch, von sechs bis sechs. Unaufgefordert erzählte er niemals von seinen
     Reisen, auch nicht von den Ehren und Auszeichnungen, die ihm zuteil
     geworden...
     Mit seinem sechsten Jahre hatte mein Onkel angefangen zu sammeln und hatte
     viele Seltenheiten zusammengetragen!“ (3)
 

SPR I: Dabei haderte er des öfteren mit dem Schicksal eines Provinzgelehrten.

Z 1:„Es ist so schwer alle Tiere zu bestimmen, wenn man nicht in einer großen Stadt
     lebt und keine imposante Bibliothek zu Gebote hat, auch fehlt die so nötige
     Berührung mit anderen Naturforschern, die ich allein mühsam durch eine
     unendliche Zahl von Briefen erringen und stündlich sämtlich selbst besorgen
     muß, oft bin ich davon wie zermalmt...“ (4)

SPR II: Und selbst in seiner Studierstube hatte er zudem noch zu leiden unter den
           bereits erwähnten Folgen der bürgerlichen Revolution.
           In einem Brief vom 8.Juli 1848 klagte er sein Leid:

Z 1:„Meine naturhistorischen Beschäftigungen stehen leider gänzlich still..Da unsere
     schönen Jagden zum Teil an die Gemeinden fallen sollen..., so werden wir uns
     teilweise Jagd pachten, auch da ich an die Jagdbewegung gewöhnt bin... und...
     daher kann ich kaum halb so viel Bücher anschaffen als zuvor. Dies betrübt mich
     sehr...!“ (5)

SPR I: Dessen ungeachtet aber betrieb er sein Metier mit einem Eifer, der seine
           Mitmenschen stets aufs Neue in Erstaunen versetzte. So auch den
           Herausgeber der wissenschaftlichen Zeitung „Isis“, der als Vorwort zu einem
           Expeditionsbericht des Prinzen vermerkte:

Z 2: „Was seine Durchlaucht der Prinz Max von Neuwied hier nicht hat mitteilen
     wollen, finden wir uns verpflichtet nachzutragen - Ohne Rast wurden von einem
     Dutzend Menschen Pflanzen und Insecten gesammelt, Säugetiere und Lurche
     geschossen, jene eingelegt, getrocknet, die anderen aufgesteckt, diese
     ausgenommen, ausgebalgt oder in Branntwein gesetzt, so daß der Prinz, der
     alles zu leiten, die Gegenstände zu bestimmen, den Ort ihres Vorkommens,
     Lebensart, Geschrei, vergängliche Farbe, Geschlecht, Namen u.s.w.
     aufzuzeichnen hatte, fast nicht zu Athem kam!“ (6)
 

SPR I: Die natur- und völkerkundliche Sammlung des Prinzen wurde bald schon
           in der Gelehrtenwelt berühmt und lockte in der Folge viele Koryphäen zu ihm
           an den Rhein.

SPR II: Selbst der Reiseführer für die gebildeten Stände, der „Baedeker, verzeichnete sie als eine Sehenswürdigkeit und zudem als das erste öffentliche Museum am Mittelrhein.

SPR I: Alfred Brehm kam zu Besuch und korrespondierte fortan mit ihm als einem
           vertrauenswürdigen Gewährsmann für sein berühmtes „Tierleben“.
           Adelbert von Chamisso, der Dichter des „Schlemihl,“ bot sich ihm als
           Expeditionsmitglied an - ein Ansinnen, welches allerdings nicht realisiert
           werden konnte.
           Und viele Zoologen und Botaniker ehrten seinen guten Namen, indem sie
           neuentdeckte Tier- und Pflanzenarten nach ihm benannten - zu seinen
           Lebzeiten und posthum - über 50 an der Zahl:

SPR II: Orchideen der Gattung Neuwiedia, die Fledermaus Vespertilio Maximiliani,
           die höchst giftige Lanzenotter Bothrops Neuwiedi, Leopardus Wiedii der
       Baumozelot ("Margay"),der Maximilian-Papagei und der Dickschnabel Reisknacker
          Oryzoborus Maximiliani - selbst ein Saurier  trägt seinen Namen: Mosasaurus
          Maximiliani - und  nicht zu vergessen die Caatinga-Maus / Wiedomys
          Pyrrorhinus.

SPR I: Als Dreißigjähriger schrieb er sich dann - um sein biologisches und
           ethnologisches Rüstzeug zu vervollständigen und wohl auch, um sein
          Selbstbewußtsein im akademischen Milieu zu stärken - für einige Semester
           an der Universität in Göttingen ein.

SPR II:  Vor allem ein Professor namens Blumenbach, ein charismatischer Lehrer
             und Ideengeber, war berühmt und berüchtigt dafür, seine Studenten dazu
             anzustiften, sich auf Expeditionen in ferne und nicht immer ganz
             ungefährliche Weltgegenden zu begeben.  Zwei seiner Schüler wurden in
             Afrika ermordet, zwei weitere starben an Tropenkrankheiten und auch Prinz
             Max ging es während seiner Nordamerikareise einmal gar nicht gut:

Z 1: „Anfang April war ich noch hoffnungslos und so krank, daß Leute, die mich
    besuchten, mir nur höchstens eine Lebensfrist von drei bis vier Tagen setzten.
    Der Koch des Forts, ein Neger aus St.Louis, äußerte die Meinung, meine
    Krankheit müßte Skorbut sein. Man müsse... die grünen Kräuter der Prärie
    suchen, besonders das kleine weißblühende  Allium reticulatum...“

SPR I: ...ein wilder Knoblauch...

Z 1: „...Indianische Kinder versorgten mich in reichlicher Menge mit der genannten
    Pflanze und ihren Zwiebeln, man schnitt oder hackte sie klein wie Spinat, und ich
   aß sie in Menge, worauf schon am vierten Tag die Geschwulst meines Beines wich
   und die Besserung mit jedem Tag zunahm!“ (7)

MUSIK: (ein paar brasilianische Samba-Klänge / instrumental)

SPR II: Das Ziel seiner ersten großen Unternehmung wurde ihm schließlich von
            einem befreundeten und in aller Welt berühmten Kollegen nahegelegt.
           Alexander von Humboldt animierte ihn dazu, einen der letzten weißen
           Flecken auf der wissenschaftlichen Landkarte zu erforschen. Ihm selbst war
           es einige Jahre zuvor noch aus politischen Gründen verwehrt worden, seine
           Südamerikareise in Brasilien zu vollenden. Doch nun hatten sich, nach der
           Erlangung weitgehender Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Portugal, die
           Tore des Landes geöffnet und also brach Maximilian Anfang Mai 1815 auf,
           um zwei Jahre lang die Uferregionen zwischen Rio de Janeiro und Salvador
           zu durchreisen.
 

SPR I: Neben faszinierenden Naturansichten und Begegnungen mit den Indios des
           Regenwaldes, wurde er hier auch erstmals konfrontiert mit der brutalen
           Realität der Sklaverei. Gerade er, der in seiner Heimatstadt Neuwied in
           einem aufgeklärt toleranten Klima aufwachsen durfte, war bei allen seinen
           Reisen immer wieder abgestoßen vom niederträchtigen Umgang der
           Europäer mit der Urbevölkerung.

SPR II: Geradezu typisch allerdings für einen aristokratischen Philanthropen war
            dann auch seine erste Reaktionen:

SPR I: Er kaufte einen jungen Mann namens Quäck vom Stamm der Botokuden aus
           der Leibeigenschaft eines Portugiesen frei, engagierte ihn als ortskundigen
           Reisebegleiter und ließ ihn schließlich nach Deutschland an den Wiedischen
           Hof kommen. Wo er in seinen Diensten zuletzt alkoholkrank und unter
           erbarmungswürdigen Umständen zugrunde ging.

MUSIK:  Die Anfangstakte aus DVORAKs „9.Sinfonie / Aus der neuen Welt“

SPR II: Viele Jahre dauerte die Auswertung seiner gesammelten Materialien und
            Notizen, ehe er wieder an die Planung einer neuen großen Unternehmung
            ging. Eine Expedition in das Innere Nordamerika.

SPR I: Doch zuvor galt es noch ein kleines Problem zu lösen. In Brasilien hatte er
            selbst Pinsel und Zeichenstift geschwungen, wobei er sich alle Mühe gab,
           doch mit dem Ergebnis nicht ganz zufrieden sein konnte. Nach unverhohlener
           Kritik aus dem Familienkreis an seinen beschränkten Kunstfertigkeiten in
           diesem Metier und nachdem er erregt feststellen mußte, daß in den Buch-
           und Zeitschriftenausgaben seiner Berichte seine Gemälde oft unautorisiert
           verschönert und verschlimmbessert wurden, beschloß er, professionellen
           Beistand zu engagieren.

SPR II: Zumal er stets die Illustrationen anderer Forscher streng getadelt hatte.

Z 1: „Die (bildlichen Darstellungen der südamerikanischen) Indianer haben meistens
    nicht den Charakter der Wahrheit, sind größtenteils aus der Imagination unrichtig
    zusammengestellt und haben daher durchaus keinen wissenschaftlichen Wert.
    Hier ist (etwa) für alle (Stämme)... eine pausbackige Physiognomie angenommen,
    die in der Natur nicht existiert... und der Flamingo ist in den Urwald verpflanzt, wo
    ihn die Natur nimmer hinsetzte u.s.w.!“ (8)

SPR I: In den Köpfen vieler Europäer spukten damals noch immer die Märchen von
           Einäugigen und Kopffüßlern, die frühere Fernreisende und Abenteurer in die
           Welt gesetzt hatten. Umso wichtiger erschien es Männern wie Maximilian, in
           Wort und Bild objektive Dokumentationen fremder Naturen und Kulturen zu
           publizieren.

SPR II: An dieser Stelle sollte angemerkt werden, daß er gegen alles gar zu
           Phantastische immer äußerst skeptisch geblieben ist - und
           Schauergeschichten glaubte er schon gleich gar nicht.

SPR I: Ebenso immun war er andererseits auch gegen die (seit Rousseau und bis
           heute auf vielfältige Weise kultivierte) Versuchung, der naiven Hoffnung
           anzuhängen, anderswo gäbe es ihn noch, den unverdorbenen, von Grund
           auf natürlichen Menschen, den „Guten Wilden“ jenseits von Fabrik und
           Kontor.

SPR II: Stets suchte er auch gegenüber dem ungewöhnlich Erscheinenden, dem
            Obskuren oder Erschreckenden eine möglichst nüchterne Perspektive
            einzunehmen.

SPR I: So fand zwar auch er die Angewohnheit der Stammesgenossen seines
           Freundes Quäck ein wenig befremdlich, sich Holzpflöcke durch Lippen und
           Ohren zu treiben...

Z 1: „...(wodurch) ihr Gesicht... ein höchst sonderbares widerliches Ansehen
     erhält...“(9)

SPR I: Doch bevor er in Gefahr geriet, über diese Äußerlichkeit auf den
           vermeintlichen Charakter oder Geisteszustand dieser Menschen zu
           schließen, setzte rechtzeitig  sein wissenschaftlicher Reflex ein und er
           beschrieb stattdessen detailliert die Art von Holz, die sie zu ihrem Schmuck
           verwendeten.

SPR II: Und stets suchte er das Gespräch, um zu verstehen.

SPR I: Er besaß eine erfreuliche Fähigkeit...

SPR II: ...eine Fähigkeit, die leider Gottes noch heute den meisten Menschen
            abgeht....

SPR I: ...Äußerlichkeiten lediglich als ebensolche zu betrachten!

SPR II: Auch haßte er jeden unbegründeten Dünkel der Europäer im Umgang mit
           und im Urteil über die Bewohner anderer Erdteile. Und so gefiel er sich
           gelegentlich darin, in kleinen gutgezielten Seitenhieben Einiges ins rechte
           Licht zu rücken:

Z 1 „Viele...(Indianer) halten ihren Körper reinlich und baden sich...beinahe täglich...
    (Sie) behaupten (dagegen), daß die Weißen einen üblen Geruch haben, weil sie
    den Körper selten mit Wasser reinigten... In Hinsicht des Ungeziefers (allerdings)
    sind (viele Indianer) höchst tolerant, wovon der starke Haarwuchs und sogar die
    Bisonroben sichtbare Beweise liefern... In Di-Pä-Uch’s Hütte in Mih-Tutta-
    Hangkusch gab die Frau, welche (eine) kleine Jagd auf dem Kopf ihres Knaben
    ausübte, die ausgezeichnetsten Stücke dieses Wildbrets ihrem Mann auf der
    flachen Hand, und dieser verzehrte sie mit Wohlgefallen. Die Gäste von den
    Köpfen der Weißen essen Indianer (dagegen) nicht gerne!“ (10)

SPR I: Bei der erwähnten Suche nach einem Illustrator stieß er bald auf einen
          geeigneten Kandidaten, einen für seine Zwecke ideal begabten Maler, der
          gerade eben und vielbeachtet eine Reihe schöner Rhein-Ansichten
          veröffentlicht hatte.

Z 1: „In Koblenz ist ein junger Schweizer, (Karl) Bodmer, der gern mitginge, er ist
     geschickt im Landschaftszeichnen. Kennen Sie ihn? Sein Bruder sticht in
     Kupfer!“ (11)

SPR I: Die Antwort eines Zürcher Bekannten auf diese Anfrage schien positiv
           ausgefallen zu sein, jedenfalls vermeldete die Rhein-und Mosel-Zeitung
           1832:

Z 2: „Coblenz den 6.Mai. Der Prinz Maximilian von Wied, dem die Naturwissenschaft
    schon so manches Schöne zu verdanken hat, unternimmt eine neue
    wissenschaftliche Reise nach Nord-Amerika in Begleitung des genialen
    Landschaftszeichners Karl Bodmer aus Zürich. Der Prinz verläßt morgen Neuwied
    und wird beiläufig zwei Jahre in Amerika weilen!“ (12)

SPR II: Übrigens reiste er als Baron von Braunsberg (benannt nach einer der
           Stammburgen derer zu Wied in Oberbieber).

MUSIK:  „Old Man River“ (instrumentale Version)

Z 1: „In der Kenntnis des ausgedehnten Kontinents von Nordamerika hat man in der
    neueren Zeit riesenhafte Fortschritte gemacht. Ein großer Teil dieses Landes, der
    noch vor einer kleinen Reihe von Jahren mit kaum unterbrochenen Urwäldern...
    bedeckt war, ist jetzt durch eine Völkerwanderung aus der alten Welt in einen
    reichen, blühenden Staat von großer Bedeutung umgeschaffen... und ein jedes
    Jahr fügt den Ortsverzeichnissen eine Menge von neuen Namen hinzu, wodurch
    die Landkarten nur für eine kurze Zeit brauchbar bleiben...“ (13)

SPR I: Ortsnamen etwa wie jene deutschstämmig-pietistischen Siedlungen, die er zu
           Beginn seiner Reise besuchte: Germantown oder New Harmony, Nazareth
           oder Bethlehem:

Z 1:„Selbst Wein hat man zu pflanzen begonnen;allein die hier kultivierte sogenannte Alexandertraube gibt bis jetzt noch ein ziemlich saures Getränk!“ (14)

SPR II: Seinem Reisebericht stellte er einige aufschlußreiche Überlegungen und
           Einsichten voran:

Z 1: „Es gibt für die Betrachtung jenes merkwürdigen Landes zwei verschiedene
   Gesichtspunkte. Ein Teil der Reisenden wird mehr durch die rohe, ursprüngliche
   Naturbeschaffenheit von Nordamerika und seiner Urbevölkerung angezogen,
   deren Spuren in den meisten Gegenden... schon kaum mehr aufzufinden sind; ein
   anderer Teil hingegen, und dies ist wohl der zahlreichere, ist mehr geneigt, die
   eingewanderte Bevölkerung, die von derselben eingeführte Zivilisation mit ihren
   riesenhaften Fortschritten zu betrachten... Um  mit nachsichtigem Blick dem
   Verfasser zu folgen, wird der Leser sein Auge bald über die Grenzen der
   Vereinigten Staaten hinaus auf jene weiten Ebenen, jene traurigen, öden Prärien
   richten müssen, deren westliche Grenze die schneebedeckte Kette der Rocky
   Mountains oder des Oregon bildet und wo mancherlei Stämme der Urbewohner
   sich noch einer ruhigen Wohnstätte erfreuen, während ihre Brüder in den östlichen
   Teilen des Kontinents, von der stets zunehmenden Einwanderung verdrängt,
   aufgerieben, entartet oder über den Mississippi hinüber geschoben wurden und
   größtenteils untergegangen sind!“ (15)
 

MUSIK: „Yankee Doodle“

Z 1:„Schon vor Mitternacht erblickte man das Licht des Leuchtturms von Boston... Der  nächstfolgende Tag, an welchem ich die neue Welt zum zweiten Mal betrat, war
    der ‘Day of Independence’, an dem Amerika seine Unabhängigkeit proklamiert
    hatte... Die meisten Läden waren... des großen...Festes wegen geschlossen... Als
    die Dunkelheit kam, brannte man... ein weniger als mittelmäßiges Feuerwerk ab...
    Der ‘Yankee Doodle’, dieses beliebte Volkslied der Amerikaner, wurde in
    mancherlei Richtungen gehört, und es gereicht dieser bunten Volksversammlung
    zum Lobe, daß man weder Unanständigkeiten noch Lärm beobachtete... Das
    weibliche Geschlecht ist zierlich, hat schöne Züge, dabei aber häufig eine Blässe,
    die eben nicht auf...eine gesunde, zweckmäßige Lebensart schließen läßt... Die
    Beleuchtung der hier versammelten Volksmenge von Weißen und Negern
    gewährte einen interessanten Anblick, in dessen Genuß wir umherdrängten, bis
    uns die Kühle... der Nacht nach dem Gasthof zurücktrieb... Man ist hier übrigens
    vor der Unterhaltung mit rohen Menschen ziemlich sicher, da die Amerikaner bei
    Tisch meist stumm sind...“ (16)

SPR I: Ein Umstand, der Prinz Max wohl auch aus einem anderen Grund zupaß
            gekommen sein dürfte - schreibt doch der bereits zitierte Karl Viktor zu Wied:

Z 2: „Amerikanische Zeugen berichten, daß er zu dieser Zeit bereits seine
    Vorderzähne eingebüßt hatte, was sein mit starkem preußischen Akzent
    gesprochenes Englisch nicht verständlicher machte!“ (17)

MUSIK: (nocheinmal einige Takte des „Yankee Doodle“)

SPR I: Doch hören wir ihn nun weiter im Bericht seines ersten Eindrucks vom Land
          der unbegrenzten Möglichkeiten:

Z 1: „... Weiße Bediente gibt es beinahe gar nicht... dagegen müssen die Schwarzen
    alle diese Geschäfte übernehmen, die, obgleich freie Leute, dennoch von dem
    den Menschenwert so hoch achtenden Amerikaner immer noch verachtet werden
    und, wie die Parias in Indien, eine ausgestoßene Klasse bilden!“ (18)

MUSIK: (nocheinmal kurz anspielen „Old man River“)

SPR II: Und gewissenhaft wie stets, versuchte er sich auf die bevorstehende
            Expedition vorzubereiten.

Z 1: „Da mich das Studium amerikanischer Völker besonders ansprach, so hatte ich (in Philadelphia) alle Buchläden und Kupferstich-Handlungen durchsucht, um gute
    Abbildungen jenes interessanten Menschenstammes zu finden; allein wie
    erstaunte ich, auch nicht eine einzige brauchbare, d.h. charakteristische
   Abbildung derselben erhalten zu können... Es ist unglaublich, wie der Urstamm
   des amerikanischen Menschen bei den fremden Usurpatoren verhaßt und
   vernachlässigt (ist)!“ (19)

SPR I: Schließlich brach man auf, um selbst ein Bild zu gewinnen vom
           nordamerikanischen Indianerleben.

Z 1:„Auf unserem Schiff fand noch etwas Unordnung statt, an der Galerie figurierte...
   der abgestreifte Raccoon...“

SPR II: ...ein Waschbär also...

Z 1: „...neben Rind- und Schweinefleisch, ertrunkenen Hühnern... Kaninchen und
   Murmeltieren, die letzteren als Leckerbissen für die Neger und Kanadier, welche
   nicht leicht eine Tierart zu verschmähen pflegen... Wir durchspähten die Gegend
   mit dem Fernrohre, und es glückte uns auch den ersten Indianer, in seine
   Wolldecke gehüllt, auf einer Sandbank zu sehen; allein, bald wurde unsere
   Aufmerksamkeit wieder durch die Hindernisse im Flusse in Anspruch
   genommen!“(20)

SPR I: Doch nicht nur die Indianer hatten seine Aufmerksamkeit, auch in Nordamerika sammelte, präparierte und klassifizierte er Tiere und Pflanzen.

SPR II: Und er registrierte als einer der Ersten eine beginnende Katastrophe - die
            Ausrottung des Bisons.

Z 1: „Schwer ist eine richtige Schätzung der Konsumtion dieser jährlich mehr
    verminderten... Tierart. Die Fur-Company hat in einem der letzten Jahre allein
42000 Kuhfelle den Fluß hinabgesendet... Und dabei schießen die Angestellten der Kompagnie auf ihren Exkursionen rücksichtslos zu ihrem Vergnügen diese edlen Tiere nieder, ohne oft den mindesten Gebrauch davon zu machen, zuweilen bloß, um ein paar Zungen davon zu benutzen!“ (21)

SPR II: Seinem Ethos als Waidmann war dies ebenso zuwider, wie ihn die
            durch nichts zu begründende Überheblichkeit der Europäer und Weißen
            gegenüber den Indianern abstieß.

Z 1: „Man hat vielfältig behauptet, die Geistesfähigkeiten der Indianer seien geringer
    als die der Weißen; allein dies ist jetzt schon hinlänglich widerlegt. Wenn der
    Mensch nicht in allen seinen Varietäten von seinem Schöpfer gleich vollkommene
    Fähigkeiten erhielt, so bin ich doch wenigstens überzeugt, daß die Indianer in
    dieser Hinsicht den Weißen nicht nachstehen... Selbst über höhere Gegenstände
    disputierten einige mit wahrer Passion; sie fragten nach unseren Ideen über die
    verschiedenen Weltkörper und die Entstehung des Weltalls, wobei sie ihre
    eigenen albernen Traditionen selbst für unzulänglich erklärten. Manche hingegen
    hielten auch unsere Ansichten über diese Gegenstände für weit alberner als die
    ihrigen, sie lachten laut, wenn man behauptete, die Erde sei rund....!“ (22)

SPR I: Während der Prinz also im Tippi (dem typischen Zelt der Plainsindianer)
           sitzend, die Friedenspfeife schmauchend, mit Medizinmännern und vor allem
           mit seinem Freund Mato-Topé vom Stamm der Mandan parlierte, stand
           Bodmer draußen vor seiner Staffelei, wo man  ihm, oft in tagelanger Geduld
           und im prächtigsten Sonntagsstaat, Modell stand für jene Gemälde und
          Zeichnungen, die unser Indianerbild bis heute so nachhaltig prägen sollten.

MUSIK: (noch einige Takte aus DVORAKs „9.Sinfonie“)

SPR II: Kaum zurückgekehrt aus den USA, bereitete er die Herausgabe seiner
            Notizen und der Bodmer’schen Illustrationen in Buchform vor.

SPR I: Eines der ersten Subskriptionsexemplare erwarb die Königliche Bibliothek in
           Dresden. Und während er davon schwadronierte, höchstselbst durch die
           Prärie gestreift zu sein, Seite an Seite mit Indianern und Westmännern, saß
           in Wahrheit dort, wohltemperiert im Lesesaal, ein gewisser Karl May und
           vertiefte sich in  des Prinzen Bericht und betrachtete fasziniert Bodmer’s
          Gemälde. Es gibt gute Gründe anzunehmen, daß unser „Winnetou“ sein
          Vorbild hatte in ebenjenem  „Mato-Topé“ - sowohl in Aussehen und Habitus
          wie auch in seinem so überaus edlen Charakter.

MUSIK: nocheinmal das WINNETOU-Thema

Z 2:„Ein Indianer (trat ein).Er trug einen weißgegerbten Jagdrock. Die Leggins waren
    aus dem gleichen Stoff gefertigt und an den Nähten mit feinen, roten Zierstichen
    geschmückt. Kein Fleck, keine noch so geringe Unsauberkeit war an Rock und
    Hose zu bemerken. Seine kleinen Füße steckten in perlenbesetzten Mokassins,
    die mit Stachelschweinborsten geschmückt waren. Um den Hals trug er den
    Medizinbeutel, die kunstvoll geschnitzte Friedenspfeife und eine dreifache Kette
    von Krallen des grauen Bären, die er dem gefürchtetsten Raubtier der
    Felsengebirge abgenommen hatte. Um seine Hüften schlang sich als Gürtel eine
    kostbare Saltillodecke... In der Rechten hielt er ein doppelläufiges Gewehr,
    dessen Holzteile dicht mit silbernen Nägeln beschlagen war... (Man sagte) sich
    sogleich, daß dieser noch junge Mann ein Häuptling, ein berühmter Krieger sein
    müsse. Der Schnitt seines ernsten, männlich-schönen Gesichtes konnte römisch
    genannt werden. Die Backenknochen standen kaum merklich vor; die Lippen des
    bartlosen Gesichtes waren voll und doch fein geschwungen, und die Hautfarbe
    zeigte ein mattes Hellbraun mit einem leisen Bronzehauch... ‘Ich bitte um ein Glas
    Bier, deutsches Bier!’ sagte (er) in geläufigem Englisch... Er erhielt das Bier, hob
    das Glas gegen das Fensterlicht, prüfte es mit einem behaglichen Kennerblick
    und trank. ‘Well!... Euer Bier ist gut. Der große Manitou der weißen Männer hat
    sie viele Künste gelehrt, und das Bierbrauen ist nicht die geringste darunter!’... Es
    war Winnetou, der Häuptling der Apatschen, mein Blutsbruder!“ (23)

SPR I: Überall in Karl May’s Romanen begegnen dem aufmerksamen Leser
           Maximilian’s allzu bekannte Figuren, Beschreibungen und Begriffe.

SPR II: Hatte der Prinz doch auch als erster damit begonnen, ein Deutsch-
            Indianisches Wörterbuch zusammenzustellen - und den dort aufgelisteten
            Vokabeln sind denn auch viele der Namen aus „Winnetou“, „Old Surehand“
            oder „Dem Schatz im Silbersee“ nachempfunden:

Z 2: Intschu-Tschuna, Klekih-Petra oder Ntscho-Tschi.

SPR I: Und auch für die Figur des bösen Weißen fand May in Maximilian’s
           Reisebericht das charakterliche Vorbild.

Z 1: „Die schlechten Beispiele, welche (die Indianer) oft von den in ihrem Land
    lebenden und nach Geldgewinn umherstreifenden Weißen beobachten, sind eben
    nicht geeignet, ihnen viel Achtung für unsere Rasse einzuflößen!“ (24)

SPR II: Beide, Prinz Max wie auch Karl May, waren sich darüber bewußt, daß sie
           eine unrettbar zum Untergang verurteilte Welt beschrieben und einer
           verlorenen Hochkultur ein Denkmal setzten.

Z 2: „(Wer) vor dem Grabmal des Apatschen steht, der sagt: ‘Hier liegt Winnetou
    begraben, ein roter, aber ein großer Mann!’... (und einst) wird ein rechtlich
    denkendes und fühlendes Geschlecht vor den Savannen und Bergen des
    Westens stehen und sagen: ‘Hier ruht die rote Rasse. Sie wurde nicht groß, weil
    sie nicht groß werden durfte!’“ (25)

SPR I: Mit diesen Worten der Anklage endet Karl May’s „Winnetou“-Saga.

Z 1: „In der gegenwärtigen Zeit haben sichere und unparteiische Nachrichten von den Indianern des oberen Missouri erhöhten Wert, wenn die Mitteilungen begründet
     sind, die wir... erhielten, daß nämlich zu den vielen von den Weißen diesen
     Stämmen erzeigten Wohltaten noch die einer schrecklichen Blatternepidemie
     hinzugekommen (ist) und ein großer Teil von ihnen dadurch ausgerottet worden
     wäre, namentlich sollen nach den Zeitungsnachrichten die Mandans, Mönnitaris,
     Assiniboins und Blackfeet bis auf eine kleine Zahl ausgestorben sein!“ (26)

SPR I: Diese Schreckensmeldung, die Maximilian seinem Buch voranstellte,
           entsprach leider der Wahrheit.
 

SPR II: Und in einem unlängst erschienen Roman über ihn, „Der Herr des
            Regenbogens“,  kolportiert der Autor Peter Baumann als tragische Pointe,
            daß er selbst es gewesen sein könnte, der dem Stamm seines Freundes
           „Mato-Topé“ die tödliche Krankheit brachte.
 

MUSIK: (aus „WINNETOU“ eventl. die Schlußmusik) (weiter im Hintergrund)
 

SPR I:  Prinz Maximilian, der Urururonkel des heutigen Fürsten zu Wied starb am
             3.Februar 1867, fast 85jährig, an der Folgen einer Lungenentzündung.

SPR II: Seine Bücher über Nord- und Südamerika wurden viel gelesen, übersetzt in
            mehrere Sprachen und noch heute bedient sich so mancher aus diesem
            Fundus an eindringlichen Schilderungen und Bildern.

SPR I: Vor einigen Jahren erschien ein Roman des Bestsellerautors Noah Gordon -
          „Der Schamane“. Und auf dessen Titelillustration steht - unten rechts, mit
           schwarzem Hut und grünem Mantel, die rechte Hand grüßend auf’s Herz
           gelegt - niemand anderer als unser Prinz Maximilian zu Wied-Neuwied.
 
 
 
 
 

QUELLEN DER ZITATE:

1.  „Fauna und Flora in Rheinland-Pfalz / Beiheft 17-1995“ (Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie in Rheinland-Pfalz e.V. / Landau) S.49
2.  „Prärie- und Plains-Indianer“ (Verlag Hermann Schmidt / Mainz - 1993) S.38
3.   B.Willscheid: „Maximilian zu Wied“ (Broschüre des Kreismuseums Neuwied/1998)
4.  „Fauna...“(s.o.) S.102
5.  „Fauna...“(s.o.) S.40
6.  „Fauna...“(s.o.) S.129
7.  „Fauna...“(s.o.) S.187
8.  Maximilian Prinz zu Wied: „Reise in das innere Nordamerika“ (Verlag Lothar Borowsky / München-1995) Bd.I/S.11
9.  Artikel in der Rhein-Zeitung (Koblenz) vom 7.1.93
10.  ...“Reise in das innere Nordamerika“(s.o.) Bd.II/S.82
11.  „Prärie...“(s.o.) S.43
12.  „Prärie...“(s.o.) S.43f
13.  ...“Reise in das innere Nordamerika“(s.o.) Bd.I/S.9
14.  ...“Reise in das innere Nordamerika“(s.o.) Bd.I/S.42
15.  ...“Reise in das innere Nordamerika“(s.o.) Bd.I/S.10f
16.  ...“Reise in das innere Nordamerika“(s.o.) Bd.I/S.17ff
17.  „Prärie...“(s.o.) S.44
18.  ...“Reise in das innere Nordamerika“(s.o.) Bd.I/S.17ff + 26
19.  „Fauna...“(s.o.) S.134
20.  ...“Reise in das innere Nordamerika“(s.o.) Bd.I/S.156 und „Fauna...“(s.o.) S.136)
21.  „Prärie...“(s.o.) S.80
22.  ...“Reise in das innere Nordamerika“(s.o.) Bd.II/S.79f
23.   Karl May: „Winnetou II“ (Tosa-Verlag/Wien) S.40f
24.  ...“Reise in das innere Nordamerika“(s.o.) Bd.II/S.80
25.   Karl May: „Winnetou III“ (s.o.) S.398
26.  ...“Reise in das innere Nordamerika“(s.o.) Bd.I/S.12

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„In NEUWIED fuhr der Zug langsam und quietschend auf dem Bahnsteig 1 ein.
Alle hingen am Fenster mit der Frage: `Wie steht's?´
Aber bevor die Frage gestellt werden konnte, schallte es aus dem Bahnhofslautsprecher nicht wie üblich:
`Neuwied, Neuwied - hier ist Neuwied´, sondern triumphierend:
`Deutschland ist Weltmeister!´...“ ( siehe hier )
 

                       Ferdinand Hueppe 
                    (1. Präsident des DFB) 
Erschienen am 12. Juni 2004
im Verlag Peter Kehrein   (info@kehrein.de) 
 Lutz Neitzert: 
 DIE FRÜHEN JAHRE DES FUSSBALLS 
 Ein Spiel entsteht und 
 Fusslümmel erobern Neuwied
(ISBN 3-934125-06-9)   9,80 €

KNIGGE in NEUWIED    (s. auch  "Zum 200. Todestag des Freiherrn von Knigge")
Am 24. Juni des Jahres 1782 betrat ein recht seltsamer Herr den verrufensten Ort der Stadt Neuwied. Gerade 30 Jahre alt und an der Schwelle zur Berühmtheit, doch bereits unübersehbar gezeichnet von Krankheit und Auszehrung. Den Kopf angefüllt mit den menschheitsbeglückenden Idealen der Aufklärung, mit politischen Umsturzplänen und einem ganzen Sortiment wunderlicher Spinnereien. Eine Person voller Widersprüche und doch mit festen Vorsätzen und Lebenszielen, ein Mann mit fixen Ideen und doch auch mit einer wachen Vernunft. Sein Name: ADOLPH FRANZ LUDWIG FRIEDRICH FREIHERR VON KNIGGE. Dieser sonderbare Zeitgenosse also stattete an jenem Sommertag der Fürstenresidenz am Rhein einen Besuch ab. Und dabei führte ihn sein Weg zum Schloß Friedrichstein, zum "Teufelsschloß" bei Fahr. Am Fuß der Hohen Ley 1646 aus Anlaß der Stadtgründung von Graf Friedrich zu Wied erbaut, doch nur kurze Zeit von der Fürstenfamilie bewohnt (unzufrieden mit den Baulichkeiten zog man bald in das neue Stadtschloß), rankten sich binnen kurzer Zeit ungezählte Legenden um das immer mehr verfallende Gemäuer. (Heute erinnert so gut wie nichts mehr an den geschichtsträchtigen Ort. Seit 1868 führen darüber hinweg die Geleise der Deutschen Bundesbahn.) Jedenfalls ist anzunehmen, daß Knigge sich damals auch dort umgetan hat. Seit 1780 gehörte ein Teil des Schlosses der Neuwieder Freimaurerloge "Karoline zu den drei Pfauen" (neben ihrem Ordenshaus in der Kirchstraße). Und Knigge kam nicht als Tourist, sondern er fuhr als Emissär zu Verhandlungen mit eben jenen Logenbrüdern (darunter Graf zu Stolberg-Roßla und der Schriftsteller Ludwig Ysenburg von Buri). Sein (erfolgreich erledigter) Auftrag war die Überführung der Neuwieder Freimaurerei in den neugegründeten Orden der "Illuminaten", dessen aktivster Propagandist und Proselytenmacher er in jenen Jahren gewesen ist. Geboren vor 240 Jahren, am 16. Oktober 1752, auf einem Gut in Bredenbeck unweit Hannover, hatte der junge Knigge von seinem Vater nichts weiter geerbt als einen imposanten Schuldenberg, dazugehörig eine Horde geldgieriger Gläubiger, und eine höfische Erziehung, die ihm auf seinem späteren Lebenswege eher hinderlich und peinlich als nützlich sein sollte. (In jenem Jahr 1782 wurde in Weimar ein gewisser Johann Wolfgang Goethe in den Adelsstand eines von Goethe erhoben, während Knigge wohl auch in Neuwied keine Gelegenheit ausließ, sich gerade von seinem angeborenen "von" ausdrücklich zu distanzieren. So pflegte er etwa seine Briefe nicht mit "Freiherr von Knigge" zu unterzeichnen, sondern er schrieb: "Der freie Herr Knigge"! Alles, was er in seinem Leben unternommen hat, begann mit einem vielversprechenden Höhenflug und endete regelmäßig in der Tinte. Als 19jähriger startete er in der Residenz des Landgrafen von Kassel zu einer höfischen Laufbahn comme il faut. Erste Erfolge stellten sich schon bald ein, nichts schien sein weiteres Fortkommen zu hindern und schließlich erreichte er als Leiter der fürstlichen Meerschaumpfeifenmanufaktur und Planungsbeauftragter für den Zichorieanbau einen ersten Karrieregipfel. Doch dann zogen unvermittelt dunklere Wolken auf über Junker Knigge und er geriet in das unheilvolle Gespinst höfischer Intrigen. Vor allem hatte er den verhängnisvollen Fehler begangen, die Fürstin, welche offenbar Gefallen gefunden hatte an dem jungen lebhaften Hannoveraner, zurückzuweisen. "Ich trat als ein sehr junger Mensch, beinahe noch als ein Kind, schon in die große Welt und auf den Schauplatz des Hofes. Mein Temperament war lebhaft, unruhig, bewegsam, mein Blut warm; die Keime zu mancher heftigen Leidenschaft lagen in mir verborgen; ich war in der ersten Erziehung ein wenig verzärtelt... und man hatte mich nicht zu jener Geschmeidigkeit vorbereitet, derer ich bedurfte, um, unter mir ganz fremden Leuten, in despotischen Staaten große Fortschritte zu machen... Ein einziger unbesonnener Schritt..., durch welchen sich der Ehrgeiz und die Eitelkeit eines Weibes gekränkt hielten..., war Schuld daran, daß ich nachher allerorten, wo mein Schicksal mich nötigte, Schutz und Glück zu suchen, Widerstand... fand. Wirklich sollte man es kaum glauben, welche Mittel solche Furien ausfindig zu machen wissen, einen ehrlichen Mann, von dem sie sich beleidigt glauben, zu martern, zu verfolgen; wie unauslöschlich ihr Haß ist; zu welch niedrigen Mitteln sie ihre Zuflucht nehmen!" Er verlor die Gunst seines Brotherren und verließ das "sibirisch kalte" Kassel schließlich gedemütigt und mit ungewissen Aussichten. Vollständig desillusioniert nach einem ähnlich glücklos verlaufenden Gastspiel in Diensten des hessischen Erbprinzen in Hanau, beschloß er, in Zukunft sich auf die Seite jener zu schlagen, die am Vorabend der bürgerlichen Revolution gegen die menschenverachtende Fürstenherrschaft aufbegehrten. Im Namen der Freiheit-Gleichheit-Brüderlichkeit. Infiziert mit solchen Ideen schon während seines Jurastudiums in Göttingen (dort als Zimmernachbar G. Chr. Lichtenberg's), suchte er ein angemessenes Wirkungsfeld für seine neue Weltanschauung. Er glaubte es schließlich gefunden zu haben im geheimen Bund der Freimaurer. Hier erhoffte er sich einen Zusammenschluß redlicher, fortschrittlich gesonnener Bürger, die im Geiste der Aufklärung und verborgen vor dem Zugriff der fürstlichen Gewalt für eine Veränderung der Gesellschaft arbeiten, missionieren und streiten wollten. Nebenbei widmete er sich, halb im Ernst, halb im Spaß, der Suche nach dem vielbeschworenen "Stein der Weisen" und in allerlei abstrusen alchimistischen Experimenten der Kunst des Goldmachens. (Letzteres hatte schon sein Vater betrieben, mit wenig Erfolg, wie die hinterlassenen Schulden schlagend beweisen.) Wie viele seiner Zeitgenossen, so sah auch Knigge keinen Widerspruch zwischen Mystik und Vernunft. Vielmehr suchte er die kühl rationale Einsicht in den Lauf der Welt durch allerlei nervenkitzelndes Zeremonium zu beflügeln. Mit der traditionellen Freimaurerei wurde er bald schon unzufrieden und so schloß er sich 1780 dem (vorgeblich uralten, in Wirklichkeit jedoch erst 1776 von Adam Weishaupt in Ingolstadt gegründeten) Orden der "Illuminaten" an. Diese geheime Verbindung zählte bald schon eine illustre Reihe berühmter Mitglieder: Herder, Pestalozzi, Herzog Karl-August von Weimar gehörten dazu, ebenso der unvermeidliche Goethe und vermutlich auch Schiller. Unter dem Ordensnamen "Philo" wurde Knigge bald zum rührigsten Aktivisten des Bundes. Und in dieser Eigenschaft weilte er, wie gesagt, im Sommer 1782 auch in Neuwied. Doch die Ordensgeschäfte, die er mit wahrem Feuereifer betrieb, wuchsen ihm immer mehr über den Kopf und brachten ihn an den Rand körperlicher und geistiger Erschöpfung. Zudem mußte er erkennen, daß selbst eine Bruderschaft mit solch hehren und untadeligen Zielen nicht gefeit ist gegen Mißgunst, Eitelkeiten und Dummheit. Aufgerieben in internen Machtkämpfen, vor allem mit dem Ordensgründer Weishaupt, zog er sich ein Jahr später von allen Ämtern zurück. 1788 schreibt er: "Es möchte doch wohl nun endlich einmal Zeit sein, diese teils zwecklosen, törichten, teils dem gesellschaftlichen Leben gefährlichen Bündnisse aufzugeben... Unnütz sind solche Verbindungen von seiten ihrer Wirksamkeit, weil sie sich mit elenden Kleinigkeiten und abgeschmackten Zeremonien beschäftigen,... nach schlecht durchdachten Plänen handeln, unvorsichtig in der Wahl ihrer Mitglieder sind und folglich bald ausarten!" Er beschließt, seinen Lebensunterhalt fortan als Schriftsteller zu bestreiten und man kann ihn tatsächlich als einen der allerersten Berufsschriftsteller deutscher Zunge bezeichnen. Wie alles, was er je im Leben begonnen hat, so startete er auch in die Buchproduktion mit wahrer Arbeitswut. Buch auf Buch erschien und nicht wenige davon wurden zu wirklichen Bestsellern:
"Roman meines Lebens", "Die Geschichte Peter Clausens", "Joseph von Wurmbrandts politisches Glaubensbekenntnis mit Hinsicht auf die Französische Revolution", "Des seligen Etatsrats Samuel von Schaafskop hinterlassene Papiere", "Die Reise nach Braunschweig" (u.v.v.m.). Er bediente alle literarischen Modegattungen von der Autobiographie über den Reisebericht, den Schelmenroman, die politische Satire bis zur philosophisch-wissenschaftlich-moralischen Erbauungsschrift. Nebenbei dilettierte er als Theaterleiter und als Komponist (eines Konzertes für Solo-Fagott). Er schreibt viel, zuviel, wie die Literaturkritiker naserümpfend monierten und wie er auch selbst eingestand. Dabei bediente er die Lesewünsche eines Massenpublikums nach spannenden, humorvollen Erzählungen, blieb jedoch seinen aufklärerischen Idealen immer treu. Knigge's Trivialromane sind verfaßt in stilsicherer, eleganter Prosa und durchtränkt von moralischen Grundsätzen und Lebensweisheiten - ein früher Ahne des Johannes Mario Simmel. Immer gut für einen Skandal waren seine (oft unter Pseudonym veröffentlichten) politischen Flugschriften und Pamphlete. Etwa die "Sechs Predigten gegen Despotismus, Dummheit, Aberglauben, Ungerechtigkeit und Müßiggang", in denen er an die Adresse der Fürsten gerichtet schreibt: "Zittert, daß nicht der Versucher über euch komme, daß nicht der Reiz der Herrschsucht, der Glanz der Hoheit... eure Augen verblenden und ihr, uneingedenk eurer hohen Bestimmung, die Henker unschuldiger Menschen werden möget. Zittert und vergeßt nicht, daß das Seufzen der Unterdrückten bis vor den höchsten Thron der Gerechtigkeit dringt!" Er lebte also, mehr schlecht als recht, von den Einkünften aus seinen Büchern, und so machten ihm insbesondere die vielen Raubdrucke seiner Schriften sehr zu schaffen. Aus diesem Grunde drohte er mit der Herausgabe eines Buches unter dem Titel "Diebschronik oder Sammlung von Lebensbeschreibungen und Bildnissen der berühmtesten deutschen Nachdrucker". 1788 erschien dann jenes Werk, welches bis heute seinen Ruhm begründet hat: "Über den Umgang mit Menschen". Egon Friedell spricht davon als dem "berühmtesten Buch der deutschen Aufklärung, welches durchaus verdient, noch heute von jedermann zitiert zu werden, und durchaus nicht verdient, von nahezu niemandem mehr gelesen zu werden". Wer sich einmal die Mühe und das Vergnügen macht, diesen oft bemühten, aber offensichtlich nie studierten Text wirklich zu lesen, der wird überrascht sein, darin kein Wort von all dem zu finden, was man gemeinhin mit dem Namen KNIGGE in Verbindung bringt. Kein Wort über den stilvollendeten Handkuß oder den angemessenen Werkzeuggebrauch beim Verzehr toter Fische und dergleichen. Stattdessen ist es ein Ratgeber für ein der Vernunft gemäßes, ruhiges, nützliches und erfülltes Leben unter sympathischen wie auch unsympathischen und übelwollenden Mitmenschen. Knigge war sich dessen bewußt, daß seine eigene Biographie ihn nicht gerade als einen Meister in dieser Kunst auswies, und so heißt es denn im Vorwort: "Aber habe ich denn wohl auch Beruf, ein Buch über die Kunst des Umgangs mit Menschen zu schreiben, ich, der ich in meinem Leben vielleicht sehr wenig von diesem Geiste gezeigt habe? Ziemt es mir, Menschenkenntnis auszukramen, da ich oft ein Opfer der unvorsichtigsten... Hingebung gewesen bin?... Lasset doch sehn, meine Freunde! was sich darauf antworten läßt? Habe ich widrige Erfahrungen gemacht, die mich von meiner eigenen Ungeschicklichkeit überzeugt haben - desto besser! Wer kann so gut vor der Gefahr warnen, als der, welcher darin gesteckt hat?... Übrigens werden vielleicht wenig Menschen in einem so kurzen Zeitraume in so manche sonderbare Verhältnisse mit andern Menschen aller Art geraten als ich seit ungefähr zwanzig Jahren; und da hat man denn schon Gelegenheit,... Bemerkungen zu machen und vor Gefahren zu warnen, die man selbst nicht hat vermeiden können!" Er behandelt in 26 Kapiteln das angemessene Verhalten gegenüber den verschiedensten Typen von Menschen: über den Umgang mit Alten, Kindern, Eltern, Ehepartnern, Verliebten und Betrunkenen, Gaunern und Heuchlern, Künstlern und Schwärmern, Geistlichen, Lehrern, Ärzten, Juristen u.v.a.m. Das wichtigste Thema aber ist ihm der Umgang mit den hohen Herrn Fürsten und dort versucht er zu lehren, wie man auch als "kleiner Mann", wenn 's Not tut, einmal gekonnt, gefahrlos und stilvoll mit den Großen dieser Welt Schlitten fahren kann: "Man würde ungerecht handeln, wenn man behaupten wollte, alle Fürsten... hätten dieselben Fehler..., durch welche viele von ihnen ungesellig, kalt, unfähig zum echten Freundschaftsbande und schwer zu behandeln im Umgange werden; allein man versündigt sich wahrlich nicht, wenn man sagt, daß dies bei den mehrsten von ihnen der Fall ist... Sage diesen Leuten zuweilen einmal, doch ohne Hitze und Grobheit, die Wahrheit. Schlage ihre flachen, schiefen Urteile kaltblütig mit Gründen nieder, wo es nach den Umständen die Klugheit erlaubt. Stopfe ihnen das Maul, wenn sie den Redlichen lästern. Setze ihren Schleichwegen Mut, Tätigkeit und wahre Kraft entgegen!" Das Buch wurde in ganz Europa ein riesiger Erfolg, und auch die Obrigkeit nahm Notiz von dieser politisch in höchstem Maße
unbotmäßigen Schrift. Als Knigge dann nach 1789 auch noch als vehementer Verfechter der Französischen Revolution auftrat, wurde er immer mehr zum Opfer staatlicher Schikane und Verfolgung. Viele Verleger (nach seinem Tod vor allem auch seine eigene Tochter) begannen daraufhin, um den Verkaufserfolg nicht zu gefährden und der Zensur keinen Anlaß zu einem Verbot zu geben, den ursprünglichen Text zu entschärfen und ganze Passagen einfach umzuschreiben. Bis am Ende tatsächlich jene Benimmfibel stand, die Knigge's Absichten praktisch in ihr Gegenteil verkehrte und der er seinen zweifelhaften Nachruhm verdankt. Wüßte er, wozu heute sein guter Name zum Inbegriff geworden ist, nämlich ausgerechnet zum Synonym für steife, leblose Etikette, er würde sich im Grabe umdrehen und die Welt nicht mehr verstehen. Am 6. Mai 1796 stirbt Knigge, kaum 43jährig, verbraucht und aufgerieben von einem spannungsreichen und aufopferungsvollen Leben, in Bremen, wo er die letzten Jahre (als ein Radikaler im öffentlichen Dienst der Schulbehörde) verbracht hatte. Beigesetzt wurde der Leichnam des "Freien Herrn" im Dom der Freien und Hansestadt. Kurz vor seinem Tod erschien sein letztes Buch, ein zutiefst pessimistisches Resümee mit dem programmatischen Titel: "Über Undank und Eigennutz"!
Notabene:
Auch der Abschied Knigge’s vom Kreis der „Illuminaten“ birgt einen interessanten Bezug hierher nach Neuwied. Der Hamburger G.E.Lessing-Verleger Johann Joachim Christoph Bode, der zusammen mit ihm für den Orden missioniert hatte, schilderte ihre fortschreitende Entfremdung und schließliche Feindschaft. In einer Knigge-Biographie (geschrieben von Wolfgang Fenner – in Band 10 der „Ausgewählten Werke“ / Hannover 1996 – S.222f) lesen wir: „Bode notierte am 9. Juni 1784...: `Philo’s (LN: also Knigge’s) Tochter trägt das Ordensband vom heiligen Grabe... über dem Corset sogar...!´ und runzelte höchst bedenklich die Stirn über dessen Leichtsinn. Am nächsten Tag begannen die beiden dann über die genauen Austrittsmodalitäten zu verhandeln. Am Mittag des 12ten waren sie fertig. Knigge unterschrieb ein Revers, in dem er `unverbrüchliches Stillschweigen zu beobachten´ gelobte sowie die Rückgabe sämtlicher Ordenspapiere... Von Ordensseite wurde ihm im Gegenzug ein Zeugnis ausgestellt, mit dem ihm ein ehrenvoller Abgang verschafft werden sollte: `Nachdem der hochwürdige Bruder Philo, Herr Baron von Knigge, bei dem Orden der Illuminaten, theils wegen häuslicher, theils anderer triftiger Gründe wegen, um die Entlassung von seinen bis dahin geführten Ordens-Ämtern nachgesucht´, macht der Orden dies hiermit bekannt... Bode reiste danach durch die Pfalz und nach NEUWIED, wo der neue Nationalobere Johann Martin Graf zu Stolberg-Roßla (der Schwager des regierenden Grafen zu Wied – Ordensname `Campanella´) das Zeugnis am 1. Juli unterschrieb...“!
 
 
 

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