FRIEDRICH WOLF: DOKTOR ISEGRIMM - DER WOLF, EIN VEGETARIER
DIE MODERNE GESELLSCHAFT, IHRE MUSIK UND IHR SINN FÜR HUMOR
SCHERZO SERIOSO- Über den Witz in der ernsten Musik
WALTZING MATILDA - Underdogs und tote Schafe
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CARL EINSTEIN
"SCHULZE IST WIEDER HERR DER SCHÖPFUNG
UND DER WELT"
(von Lutz Neitzert)
"Der Einstein. Das ist eine kometarische Angelegenheit, insofern der Einstein ein Schwanz- oder Irrstern des metaphysischen Himmels ist, aus dem er zuweilen, auf nicht erklärbare Weise, da seine Bahn nicht berechenbar, in die Erdatmosphäre abirrt, hier zum Glühen kommt und zum Sprühen und Spucken. Sein also irdisches Auftauchen ist katastrophal für bürgerliche Hirne, deren breiige Substanz bei Einsteins größter Erdnähe zum Kochen kommt. Worauf der Einstein wieder seine metaphysische Laufbahn fortsetzt, von der nicht einmal sein schärfster Beobachter Rowohlt weiß, wie sie verläuft"!
So steht es in Franz Blei's "Großem Bestiarium" von 1920 und meint den Schriftsteller, Kunstkritiker, Kulturwissenschaftler, "Edelanarchisten" und "Juden ohne Gott" CARL EINSTEIN.
Ein angenehmer Zeitgenosse war er gewiß nicht, jener "kleine rundliche Mann mit großer Hornbrille und leiser penetranter Stimme", dessen literarische Texte und Rezensionen, gelinde gesagt, Unbehagen verbreiteten. Der von ihm diagnostizierten "Neurasthenie und Schnodderigkeit" der Kaffeehausintelligenzia begegnete er "arrogant wie Einstein"(Hugo Ball). Er war ihnen suspekt, den "Genies von Berlin", und sie ihm zuwider. So pflegte er denn, nachmittags gegen vier Uhr im Cafe Größenwahn, "in der Ecke, links vom Eingang, schräg gegenüber dem kleinen Tisch, an dem Max Liebermann, Max Slevogt, Emil Orlik, Leo König und manchmal auch Heinrich Zille" residierten, Platz zu nehmen und sich Feinde zu machen.
Geboren wurde Carl Einstein (vormals Karl) als
Sohn eines jüdischen Kantoren- und Lehrerehepaares am 26.April
1885
in Neuwied/Rhein. Die ersten Jahre seines Lebens verbrachte er hier, in
dieser Barockresidenz der Fürsten zu Wied, im Angesicht
"idiotischer
Schloßpfauen", zwischen Herrnhuter-Viertel ("rational und
totenstill,
geometrisch wie eine alte Jungfer...Die Kirche...kahl wie ein
Operationssaal,
Gott als weißes Quadrat") und "Klein-Frankreich", dem Bezirk des
"Pöbels und der Stadtverrückten".
"Diese langweilige Stadt...versandet...den Rhein
(und) scheint langsam zu sterben".
1888 zog die Familie dann
flußaufwärts,
nach Karlsruhe. ("Ich werde dieses ekelhafte Nest nie vergessen").
Vater
Einstein kam als Direktor an eine Schule für den
Religionslehrernachwuchs
und Carl vom Regen in die Traufe. Wieder Barock, wieder
Fürstenresidenz
und auch in dieser "mittleren Stadt, worin mittlere Menschen wohnten,
die
einige andere zum Wahnsinn und in Verzweiflung trieben, zogen die
Straßen
linealklar gerichtet durch eine müd ausgeweitete Flachlandschaft".
Karlsruhe, ein verheißungsvoller Name,
doch sein "Altrheinalptraum" begann.
Der Vater starb unter mysteriösen
Umständen
in einer Nervenklinik, vermutlich durch Selbstmord, und auf der Schule
machte ihm die "übliche Ignoranz der Lehrer einen
häßlichen
und dauernden Eindruck. Unwahrscheinlich deformierte Bürger
dösten
und quälten zwischen Stammtischen und Grammatik. Humanistische
Monstres".
Er flog aus dem Abitur, erlitt eine Banklehre
und floh (nachdem er versehentlich einen Tausendmarkscheck in den
Papierkorb
geworfen hatte) 1904 nach Berlin.
Dort studierte Einstein Philosophie bei Riehl
und Simmel, Kunstgeschichte bei Wölfflin und Altphilologie bei
(Nietzsche's
Antipoden) Wilamowitz. Die folgenden Jahre sahen ihn als Mitarbeiter
der
diversen, oft kurzlebigen Kulturzeitschriften der Avantgarde, die da
hießen:
"Die Gegenwart", "Der Merker", "Der Demokrat", Pfemfert's "Aktion" oder
auch (nomen est omen) "Die Pleite".
"Damals schrieb ich 'Bebuquin': Blei druckte
das in den 'Opalen' und damit war man zwanzig und in der Literatur"!
Es war ein vielbeachtetes Debut, dieser
sprachlich
und konzeptionell mehr als skrupellose (heute bei Reclam verlegte)
Roman
"Bebuquin oder die Dilettanten des Wunders".
("Als ich den publizierte, hieß es, ich
schriebe das besoffen").
Vor allem unter den ausgewiesenen
Bürgerschrecks
der Szene und nicht zuletzt den beiden Verlegern Blei und Pfemfert fand
das kaum hundert Seiten starke Stück experimenteller Prosa
begeisterte
Anhänger.
Kurt Hiller schrieb in einer Rezension:
"Studieren
und genießen Sie, wenn Ihre Zeit Ihnen lieb ist, 'Bebuquin',
diesen
unendlich gedankenreichen, obzwar zu privatterminologischen Roman, den
Carl Einstein jetzt der Weltgeschichte übergeben hat", für
Hugo
Ball (DADA-Zürich) gaben die "Dilettanten des Wunders die Richtung
an", und Gottfried Benn (mit dem ihn bis zu dessen brauner Wende eine
enge
Freundschaft verband) erkannte: "Einstein, der hatte was los, der war
weit
an der Spitze"!
"Ich weiss schon sehr lang, dass die Sache, die man 'Kubismus' nennt, weit über das Malen hinausgeht...Also Geschichten wie, Verlieren der Sprache, oder Auflösung der Person, oder Veruneinigung des Zeitgefühls...Solche Dinge hatte ich im 'Bebuquin' unsicher und zaghaft begonnen".
Seit er in Paris 1907 die ersten Werke der
Kubisten
gesehen hatte, glaubte Einstein, endlich eine Stellung gefunden zu
haben,
die er gegenüber den bürgerlichen Literaten (mit ihren
"kleinen
Kinosuggestionen") und den "Courths-Mahlers der deutschen Kunstkritik"
beziehen konnte. So, wie er, der passionierte und bekennende
Goethe-Hasser,
gegen die "Bestätigung des Lesers in seinen verrottetsten und
albernsten
Gewöhnungen" und die "akkurate Beschreiberei des allen
Geläufigen"(F.Blei)
polemisierte, so zog er nun in der Malerei gegen die "Slevogt- und
Orlik-Exkremente"
zu Felde, die weiter nichts seien als beruhigende und darum
unwahrhaftige
"Tautologien der Welt", Fetische der Kulturindustrie.
In diesen Jahren entstand seine Studie zur
"Negerplastik",
mit der er sich auch als Kunsttheoretiker einen Namen machte. Seiner
eigenen
pessimistischen Einschätzung zum Trotz (-"die hätte ohne die
Bilderchen keine Sau gelesen und kapiert haben sie nur paar Leute in
Frankreich"-)
traf er mit dieser Schrift einen Nerv der Zeit.
Wie viele Vertreter der künstlerischen und
politischen Avantgarde zu Beginn des Jahrhunderts, so trieb auch
Einstein
seine Gesellschafts- und Kulturkritik zur wohlfeilen Gegenposition:
Primitivismus
als Ästhetik des Widerstandes gegen das Raffinement der
spätbürgerlichen
Kultur. Es war viel die Rede von der Restitution des mythischen und
kollektiven
Urgrundes der Kunst in den Kreisen der Ästheten und der
"Edelanarchisten",
doch ihre Phantasie, die reichte nicht hin, sich vorzustellen, was
geschehen
sollte, als andere (im braunen Hemd) aus dieser Begriffs- und Ideenwelt
eines intellektuell sophistischen Anti-Intellektualismus mit Macht
tatsächlich
den Geist austrieben und wirklich Ernst machten mit Kollektiv, Mythos
und
Primitivismus!
Im Gegensatz zu den meisten seiner Mitstreiter trug Einstein an seiner Idee Fixe ein Leben lang. Stets schwankend und leidend zwischen Bekennerpathos (-"Beliebtester Gegenstand des Bürgers: ICH. Im Kommunismus entsprechen Ichverschwindung und Gegenstandzerstörung. ICH, ein Trugschluß a posteriori; im Akt selber verschwindet das ICH gänzlich. Es taucht im unproduktiven Ruhezustand wieder auf, ist Angelegenheit luxuriöser Erholung von Funktion"-) und der letztlich eingesehenen Unredlichkeit des Propagierten (-BEB, so nennt sich Einstein in einigen biographischen Skizzen in Anlehnung an seinen "Bebuquin","BEB erfährt zum erstenmal bei den Kommunisten eine Bindung; hier ist keine theoretische Doktrin, sondern ein Wissen wächst aus dem gemeinsamen Leben. Hier rührt ihn die Empfindung von 'Schicksal' ...Aber BEB fürchtet hier die Mechanisierung seiner Person...Eine hoffnungslose Normalität, die alle seine Erwerbungen an außerordentlicher Person zerstört. Mit einemal weiß BEB nicht, ist er oder sind die Kommunisten die Reaktionäre?"-).
Im ersten Weltkrieg verschlug es ihn als Soldat nach Belgien. In einem Brief an seine Freundin Tony Simon-Wolfskehl heißt es zehn Jahre später: "Heute früh las ich...die Marc'schen Aufzeichnungen aus dem Krieg...Zu sonderbar. wie bei all den Menschen rasch die Literatur einsetzt - bei Marc so etwas wie Kandinsky'sche Mystik - wie sie im Metier bleiben und so wenig sehen; dafür dauernd die literarische Paraphrase erleben...Am Krieg sind der Herr Leutnant (Franz) Marc mit Knie- und Ellbogenwärmern vorbeigelaufen...Von den Marcbriefen ist mir etwas übel".
Nun, Einstein ist nicht im Metier geblieben;
er
hat sich eingemischt in die "phantasieloseste Realität".
Bei Ende des Krieges sehen wir ihn als Mitglied
des Brüsseler Soldatenrates. Ein Augenzeuge berichtet: "Die
Tür
öffnet sich, und ein Individuum in Zivil tritt ein, Monokel im
Auge,
den halben Schädel bandagiert. Dieser seltsame Ehrenmann
hieß
Einstein...Er sagte mit kraftvoller Stimme...:'Mit dieser abscheulichen
Herrschaft des Kaiserreichs ist es zuende. Auf die Unterdrückung
und
Tyrannei, die so lange auf Belgien lastete, will der Arbeiter- und
Soldatenrat
von heute an eine Herrschaft der Menschlichkeit und Solidarität
folgen
lassen. Die deutschen Soldaten haben keinen anderen Wunsch, als so
schnell
wie möglich Belgien zu verlassen. Man lasse sie ziehen und
vermeide
Konflikte, von welcher Seite auch immer..."
Letzteres. die Organisation des Truppenabzugs,
bewältigte man mit achtbarem Erfolg, die Flamme der Revolution,
die
aber wollte auch hier nicht so recht eindrucksvoll auflodern.
Einstein kehrte zurück nach Berlin,
stürzte
sich ins aufrührerische Getümmel, fand sich schon bald auf
der
Fahndungsliste wieder und tauchte für einige Zeit bei seinem
Intimus
George Grosz unter.
Beim Spartakusaufstand war er dabei, und es geht
gar das Gerücht, er hätte eine Rede gehalten am Grab der Rosa
Luxemburg.
Auch publizistisch wurde er wieder aktiv; er
gab einen periodischen "Kunstschmarren" heraus und veranstaltete
zusammen
mit Grosz das Dadaistenkampfblatt "Der blutige Ernst":
"Der blutige Ernst peitscht die
Müßiggänger!
Der blutige Ernst peitscht die Schädlichen
bis aufs Blut!
Unsere Hiebe gehen durch die dickste Haut!
Der blutige Ernst erklärt jedem
Verzweifelten,
warum er verzweifelt ist!
Der blutige Ernst blutet, weil er gegen
gefährliche
Gegner kämpft!
Der blutige Ernst wird diesen die endgültige
Niederlage bereiten!
Ohne den blutigen Ernst können Sie
unmöglich
ein vernünftiges Leben führen!
Der blutige Ernst wird von Carl Einstein
geschrieben
und George Grosz gezeichnet. Die Namen beider Herausgeber
verbürgen
tödliche Wirkung!
Heft 60 Pfg."
Auch Karlsruhe hat Einstein in jenen Jahren noch einmal einen Besuch abgestattet, als Referent zum Thema:"Der Geist der Revolution".
Seine "größte Erdnähe"
erreichte
"der Einstein" dann 1921 mit dem polemischen Passionsdrama "Die
schlimme
Botschaft". Jesu Sterben als gesellschaftliches Ereignis und
Medien-Hype
in den Händen von Managern und Journaille.
Die "breiige Substanz der bürgerlichen
Hirne"
kam darob gewaltig "zum Kochen", was ihm den ersten aufsehenerregenden
Gotteslästerungsprozeß der Weimarer Republik, 15.000 Mark
Strafe,
neue Popularität und Angebote zu Vortragsreisen in die Sowjetunion
eintrug.
Doch sein revolutionärer Elan erlahmte bald.
"BEB geht in die Revolution I: um seine Person zu vernichten; II: um eine Realität zu bekommen...und aus Ekel vor allem Theoretischen und Imaginativen; bleibt aber immer ein imaginativer Typ! BEB rettet sich...vor seiner Einsamkeit einen Moment in die Masse, er wird im Meeting ohnmächtig...er erträgt dies nicht...BEB sagt sich bitter:'es geht alles schief, wo ich dabei bin'...Flucht in Suff und Luxus. Zuletzt Flucht ins Ausland; nichts mehr von Deutschland und all diesen Kämpfen sehen. Er hält die Sache für verloren"!
Einstein übersiedelt 1928 nach Paris zu seinen Freunden Braque, Picasso, Gris, Leger und Kahnweiler. In den folgenden Jahren widmet er sich vornehmlich seinen kunsttheoretischen Studien: er schreibt für die Propyläen-Kunstgeschichte den Band zur "Kunst des XX.Jahrhunderts", eine Monographie über Braque und gründet zusammen mit Georges Bataille die ethnologisch konzipierte Zeitschrift "Documents. Doctrines, Archeologie, Beaux Arts".
Erst der Sieg der Barbarei in Deutschland 1933
brachte den blutigen Ernst zurück in sein Leben.
Einstein, "Jude, deutschsprechend, in Frankreich
- Jude ohne Gott ...durch Hitler zu völliger Heimatlosigkeit
verurteilt",
verläßt Paris, um auf seiten der Anarcho-Syndikalisten am
spanischen
Bürgerkrieg gegen Franco teilzunehmen. Er kämpft 1936 in der
Truppe des katalanischen Volkshelden Buenaventura Durruti, über
den
er sich selbsthypnotisiert in geradezu hymnischer Verehrung ergeht:
"Durruti,
dieser außergewöhnlich sachliche Mann, sprach nie von sich,
von seiner Person. er hatte das vorgeschichtliche Wort ICH aus der
Grammatik
verbannt. In der Kolonne Durruti lernt man nur die kollektive Syntax.
Die
Kameraden werden die Literaten lehren, die Grammatik im kollektiven
Sinn
zu erneuern"!
Doch auch dieses Mal endete die
Selbsttäuschung
Kamerad-Einstein in Verzweiflung. Spanien ging verloren (am 26.April
1937
- Einstein's Geburtstag - zerbombte die deutsche "Legion Condor" das
Städtchen
Guernica), und bei seiner Rückkehr nach Paris lebte er in
ständiger
Angst vor dem Einmarsch der Nazi-Truppen.
"Ich weiß, was passieren wird. Man wird
mich internieren, und französische Gendarmen werden uns bewachen.
Eines schönen Tages werden es SS-Leute sein. Aber das will ich
nicht...Ich
werde mich ins Wasser werfen"!
Und so ist es dann gekommen. Einstein entkommt aus dem Internierungslager Gurs, und als ihm an der spanischen Grenze als ehemaligem Kämpfer gegen Franco die Ausreise verweigert wird, nimmt er sich am 5.Juli 1940 in Nähe des Pyrenäenortes Bail-Bazing das Leben. Mit geöffneten Pulsadern stürzt er sich in den Fluß Gave. Einen Zettel fand man bei ihm, darauf stand: "Carl Einstein - Homme de Lettres, Paris"!
Schon 1933 schrieb er in sein Tagebuch: "Ich sitze in diesem Pariser Cafe. Um mich herum geht das Leben weiter und Hitler hält eine dumme Rede...Der Riesenspießer tritt auf. Alles jubelt, die Übermasse des Problematischen wird mit einem Strich beseitigt, verboten...; alles atmet erleichtert auf; das Leben ist wieder angenehm banal...'Schulze' ist wieder Zweck der Schöpfung und der Welt"!
Diese Sätze hängen als Drohung auch heute wieder über unserer Gesellschaft, in der die Sehnsucht nach Scheuklappen wächst und die "Übermasse des Problematischen" viele (vor allem junge) Menschen in existentielle Bedrängnis zu bringen scheint.
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Aus dem Buch:
"FRIEDRICH WOLF - DER ARZT UND DRAMATIKER" (Kehrein-Verlag
1998 / ISBN 3-9803266-7-5)
Doktor Isegrimm - Der Wolf, ein Vegetarier !
"Unsere Heilkunst steht heute, genau wie alle anderen menschlichen
Einrichtungen
und Errungenschaften, an einem entscheidenden Wendepunkt. Gehst du
durch
die Straßen einer Großstadt, so findest du neben
Warenhäusern
und Palästen der Autoinduistrie...auch sogenannte
'Arzthäuser'.
Du siehst an einer Fassade vier bis fünf Arzttafeln
übereinander,
und jeder behandelt ein anderes Organ. Leidest du an...
Darmbeschwerden,
so wohnt im Parterre der zuständige Spezialist, schmerzt dich
dagegen
dein Herz...., so steigst du eine Treppe höher zu dem Facharzt
für
innere Krankheiten,... drückt deine Blase, so
mußt
du weitersteigen zu dem Spezialisten für Harn- und Blasenleiden.
Jeder
der Ärzte hat ein mustergültig ausgestattetes
Ordinationszimmer
mit blinkenden Instrumentenschränken, Röntgenröhren...,
Quarzlampen und elektrischen Schalttafeln, wie du es erwartest; jeder
behandelt
dich genau auf das Organ, für das er Facharzt ist, und wegen
dessen
du ja zu ihm kommst. Sobald das eine ... Organ 'geheilt' ist, bist du
entlassen
und wendest dich sinngemäß eine Treppe weiter wegen
Kieferhöhleneiterung
an den Zahnarzt oder wegen Furunkulose an den Hautspezialisten.
Oder: 'Vor jedem Loche des menschlichen Körpers lauert ein
Spezialist, der sich von dem übrigen, dem ganzen Menschen, mehr
und
mehr entfremdet und schließlich nur noch Techniker, vielleicht
sogar
ein Meister der Technik, aber kein Arzt mehr ist'... 'Was wir durch den
Röntgenapparat gewonnen haben, ging aus den Fingerspitzen
verloren!'...
Man braucht hier keine Veränderung in seiner gewohnten
Lebensweise...Du
glaubst, du wirfst den Groschen in den Automaten und erhältst das
Gewünschte. Du gehst in das Arzthaus und kaufst dir für 10
Mark
Gesundheit!"
Diese Sätze stammen nicht etwa von einem Kritiker des
Gesundheitswesens
unserer Tage (- was bekäme man denn auch heute noch für 10
Mark?
-), sondern sind nachzulesen in einem Buch, welches 1926, also vor
über
70 Jahren, geschrieben wurde: "Die Natur als Arzt und Helfer" -
Autor:
FRIEDRICH WOLF, geb. 23.12.1888 in Neuwied!
Sein erster Lehrmeister in der Heilkunde war ein
Hippokrates-Jünger
der besonderen Art:
Dr. Moritz Meyer, "Das Öhmchen, dieser fünfzigjährige
Junggeselle, Landgerichtsrat a.D. und Sonderling, hatte seinen
juristischen
Dienst quittiert, um vor dem Städtchen (Hechingen) mitten in den
Wiesen
in seinem kleinen Holzhaus seinen Liebhabereien zu leben, fernab von
den
Menschen.
Dieses Holzhaus war eine Welt für sich. Es stand unter einer
Eiche,
war äußerst einfach gebaut und nach alter Art mit einem
Strohdach
bedeckt. Die Kleinstädter und vor allem die Bauern nannten
das
Öhmchen deshalb 'Doktor Strohdach'...
Von nah und fern kamen die Leute, um sich von ihren Leiden oder den
Folgen der Schulmedizin kurieren zu lassen. Niemals nahm Doktor
Strohdach
nur einen Groschen für die Behandlung...
(Abends saß er) über seinen alten Schwarten, den lateinisch
geschriebenen Büchern des Paracelsus, dem 'Organon' des Doktor
Hahnemann,
den Exzerpten aus Galenos und Hippokrates sowie modernen
medizinischen
Fachzeitschriften und verglich seine eigenen Erfahrungen...mit denen
seiner
alten und jungen Kollegen... (Er) hatte sich ein eigenes Bade- und
Gymnastiksystem
erdacht, das er mit mir zwölfjährigem Buben ausprobierte.
Wir
gingen in die Berge des Westerwaldes und auf die
Schiefergebirge
am Rhein botanisieren; und es zeigte sich, daß er jede Pflanze
nach
dem Linnéschen System bestimmen konnte. Wir sammelten an
den
vulkanischen Seen der Eifel - dem Manderscheider Maar
und dem Feuermaar - seltene metalloide Steine, die er schon
damals
zerrieb, mit Milchzucker verdünnte und die homöopathische
Reizwirkung
an sich selbst und mir ausprobierte, zum Mißfallen meines Vaters,
der sich diese 'Kinkerlitzchen' verbat und das Öhmchen
für
einen Narren hielt. Mir aber war er Freund, Helfer und Lehrer in den
entscheidenden
Tagen meiner Jugend... Er wählte...deutschnational...
Mein Eintreten für den Kommunismus war ihm äußerst
unangenehm, ja zuwider. Er sah darin etwas meiner gesellschaftlichen
Stellung
als Arzt völlig Unangemessenes, einen glatten Nonsens, mehr noch
eine
widernatürliche Geschmacklosigkeit...
Er konnte damals nicht ahnen, daß wohl gerade an dem
stillen
friedlichen Wiesenhang, wo seine Geißen, Zicklein, Hühner
und
Kätzchen mit ihm lebten, sein Blut von Nazimörderhand
vergossen
werden sollte!"
Soweit Wolfs Erinnerung an seinen Onkel Moritz Meyer. 1908 beginnt
er dann sein Medizinstudium in Tübingen, welches er 1912 in Bonn
mit
einer Dissertation über die "Multiple Sklerose im Kindesalter"
abschließt.
Als Schiffsarzt der Norddeutschen Lloyd bereist er die USA, Kanada
und Grönland, ehe der Ausbruch des I. Weltkrieges ihn in die
Frontlazarette
nach Belgien verschlägt.
"Auch ich war bis 1917 ein wilder Hurrakrieger und habe dann unter
schweren Krisen mein Damaskus erlebt und alle Folgerungen daraus
gezogen!"
Wie viele - gerade auch Intellektuelle -, sah Wolf den Kriegsausbruch
als den Untergang einer verrotteten und überlebten Gesellschaft,
doch
dem Schrecken der Massenvernichtung hielt solcher Idealismus nicht
stand.
Die alte Welt ging zwar zugrunde, doch ohne jedes Hurrageschrei !
Nach den Verheerungen des Krieges begannen die "modernen Zeiten". Und
auch im Fortschrittswirbel der "goldenen Zwanzigerjahre" erkannte
ein kritischer Beobachter wie Wolf bald schon die Kehrseiten so mancher
Medaille:
"Man stelle sich vor: Ein Mensch, der vor 20
Jahren lebte - etwa im Jahr 1900 - sei mit einem Ruck, ohne
Übergang,
in unsre Tage von 1927 hinübergeschleudert. Nach einem Tag
würde
er in der Gummizelle landen. Er hätte Radio gehört, den
sprechenden Film, er hätte in den
Hauptstraßen
vergebens nach der Pferdebahn gesucht, dafür Rudel dahinsausender
Kraftwagen und den Verkehrsschutzmann erblickt, über sich
die
Passagierflugzeuge, vor sich Wesen mit andeutungsweisen
weiblichen
Formen, doch ohne jegliche Attribute des Weibes, ohne Korsett, ohne
wallende
Röcke, ohne Haargebräu.
20 Jahre bloß ! Und dies Tempo nimmt zu ! Rasendes
Schwungrad
!
Hilfe ! Rettung ! Flucht !
In die Einöde, auf eine ferne Insel, zur Besinnung,
zu uns selbst !
Der Ozean ist überflogen, wir sprechen drahtlos um den halben
Erdball, bald werden wir die Kämpfe in China, die
Ersteigung
des Mount Everest, von unserem Wohnzimmer aus lebendig fernsehen
(!) können, das 'Weltraumschiff' und der Flug zum Mond
werden
heute von ernsthaften Wissenschaftlern diskutiert, die Sonnenstrahlung
wird Maschinen treiben, die Spaltung des Wasserstoffatoms entfesselt
riesige
Energien. Wie wird 1950 das Leben aussehen?
Hilfe ! Rettung ! Flucht !
Dynamo, Flugtablette,...Bubikopf, Frauenstaat; rasende
Umlaufgeschwindigkeit
am Rande des großen Kreisels.... aber die Axt verharrt!"
Fast schon prophetisch.
"Der Kampf gegen das Zuviel, das ist der Kampf um den neuen
Menschen!
Doch solange der Kulturmensch noch Manschetten und Kragenknöpfe
'braucht',
solange ist an eine Vereinfachung nicht zu denken. Noch ist die
Steigerung
der Produktion Trumpf. Täglich entstehen neue Artikel: heizbare
Stiefel....,
kondensierte Spargelsoße in Tuben, die ungestärkte steife
Hemdbrust
- alles Dinge, die man 'braucht'.
Ballast ! Zentnerlast ! ...
'Luft !' wird der Zeitgenosse schreien eines Tages. Gewiß
!" (1921 !)
("Man sollte gar nicht glauben, wie gut man auch ohne die Erfindungen
des Jahres 2500 auskommen
kann!"
- Tucholsky)
Nach dem Krieg übernahm Wolf die Stelle eines Stadtarztes in
Remscheid,
wo es seinem reformerischen Wirken zu danken war, daß eine
regelmäßige
schulärztliche Untersuchung der Kinder durchgeführt wurde und
daß die Stadt als eine der ersten in Deutschland
Schwangerschafts-
und Mütterberatungsstellen einrichtete.
Beeinflußt wurde seine Hinwendung zur "Naturheilkunde" nicht
zuletzt auch durch eine persönliche Erfahrung: Seine Mutter wurde
durch eine naturärztliche Behandlung von einem Krebsleiden
geheilt.
(1906)
Sein Credo als Mediziner stand schon damals unverrückbar fest:
"Nicht mit ein paar Einspritzungen oder ein paar Tabletten kann ...
eine Krankheit bekämpft werden; die 'fortgesetzten Sünden
wider
die Natur' sind zu beseitigen, der ganze Mensch ist umzubauen!..."
"Wir würden die schwärzeste Tinte ... trinken, wenn nur ein
lateinischer Name drauf steht. Bei Fritz Reuter betrachtet Onkel
Bräsig
eine solche Mixtur mit den Worten: 'Wenn's auch nicht
hilft,
so kriegt man doch einen Begriff, was die menschliche Kreatur alles
aushalten
kann'...
Du willst es schnell und bequem haben, so schufst du dir deine
Fachärzte....,
bedenkst aber nicht, daß jeder Mißbrauch deines
Körpers
in Raubbau, falscher Ernährungs- und Lebensweise nicht durch eine
Einspritzung zu beheben ist, sondern einzig durch eine Umkehr in deinen
ganzen Lebensgewohnheiten!"
"Die Naturheilkunde geht nicht auf irgendein Teilorgan aus,
...sie
versucht vielmehr 'aufs Ganze' zu gehen, die 'Lebenskraft' neu zu
entfachen,
anzuregen!"
(Auch eines seiner Theaterstücke hat diesen Konflikt zwischen
Natur- und Schulmedizin zum Inhalt: die erst posthum
veröffentlichte
"Schrankkomödie", in der er seinen Onkel Meyer, den "Doktor
Strohhut",
als Protagonisten einer sanften Medizin literarisch porträtiert.)
Doch sein Buch ist alles andere als eine dogmatische Heilslehre. Auf
über 600 Seiten erläutert er anschaulich und auf dem damals
neuesten
Stand der Wissenschaft den Aufbau und die Funktionen des menschlichen
Körpers:
"Die meisten Krankheiten fallen nicht von heute auf morgen vom Himmel,
sie entstehen vielmehr...durch falsche Lebensweise!"
"Die Natur als Arzt und Helfer" erschien 1928 und wurde bald zum
verbreitetsten
und beliebtesten medizinischen Ratgeber dieser Zeit. Das Buch erlebte
in
kürzester Zeit vier Auflagen, ehe es von den Nazis indiziert
wurde.
Am 10. Mai 1933 übergab man auch die Schriften Friedrich Wolf's
zur
Hinrichtung den Flammen der Bücherverbrennung!
Die Tantiemen aus dem Verkauf bescherten ihm zum erstenmal in seinem
Leben eine finanziell sorglose Existenz.
"Ein Buch, das dazu angetan ist, für eine vernünftige
Lebensweise
zu begeistern, so strömt es über von Gesundheit und Freude!"
("Schweizerische Lehrerzeitung")
"Ein monumentales Werk ! - mit reichem Wissen und großer
Herzenswärme
!"
("Biochemische Monatsblätter")
"Sein Ton ist so lebendig und lebensfroh, daß schon das Lesen
allein genügen dürfte, um einem Kranken neuen Mut
einzuhauchen
!"
(Frauenwelt")
Ein Hauptkapitel seines Werkes befaßt sich mit Fragen einer
gesunden
Ernährung und brandmarkt bereits all jene Dinge, die auch heute
wieder
von gesundheitsbewußten Zeitgenossen angemahnt werden, um uns
unseren
Appetit zu verderben. Seine Klage gegen "Fast Food" (in der
"Vor-McDonalds-Ära")
etwa liest sich so:
"Beobachten wir irgendeinen Hotelesser! Eilig betritt er das Lokal,
bekommt seine heiße Suppe und sein Bier vorgesetzt; dann
folgt
eine Platte ordentlich gepfeffertes und gesalzenes Fleisch - die
Vorbereitung
für das zweite Glas - und Liliputmengen von Kartoffeln,
ausgekochtem
Gemüse, endlich ein paar Blättchen in Essig angemachten
Salats
oder Fruchtkonserven. Diese fast raffiniert gewählte Todeskost
wird...heruntergeschlungen,
hinabgespült, zwischen Zeitungslektüre und einer
Verdauungszigarre
zum Schluß. Dann geht's wieder im Trab hinaus ins 'feindliche
Leben'
!"
Trotz seiner sentimentalen Jugenderinnerungen an das Leutesdorfer
Rheinufer
( - "An seinen Schieferhängen wuchs der goldne Wein"
-)
war Wolf strenger Antialkoholiker und er war überzeugter
Vegetarier.
Vor allem den ungesund hohen und schon damals immer mehr steigenden
Fleischkonsum versuchte er denn auch seinen Patienten auszureden. Doch
gerade in Arbeiterkreisen galt es da doch einiges an Mißtrauen zu
zerstreuen:
"Kann ein Kohlrabi-Apostel Schwerarbeit leisten?"
Als Antwort auf die Frage präsentierte er dem staunenden Leser
auf einem Foto einen rein pflanzenessenden "Arnold Schwarzenegger" und
führte daneben eine ganze Reihe herausragender Geistesarbeiter als
Zeugen ins Feld: Pythagoras und Tolstoi, Bakunin, Wilhelm Busch und G.
B. Shaw (von letzterem stammt der Spruch: "Ich habe seit 27
Jahren
kein Fleisch gegessen. Die Resultate liegen dem Publikum vor !")
Und zuletzt zitiert er dann noch einen dänischen
Ernährungswissenschaftler,
der nach dem Krieg behauptet hatte, Deutschland sei nicht von den drei
Großmächten besiegt worden, sondern von einer 4.
Großmacht:
dem "deutschen Schwein" !
Und auch die anderen Sünden wider den eigenen Leib, die er seinen
Lesern vorhielt, stehen auch heute wieder auf der Tagesordnung hitziger
Debatten.
Über "Nahrungsmittelverfälschung" schreibt er:
"Wenn wir wüßten, was wir alles an
Konservierungsmitteln
mit hinunterschlucken müssen, es würde uns schaudern.
Von
den Wurstkonserven und dem Corned Beef gar nicht zu reden !...
Aufklärung
(tut not) ...Wir brauchen noch etwas Zeit, bis uns die Augen aufgehen
!...
'Wir werden mit Chemikalien und Giften in kleinsten Dosen
geradezu
bombardiert!"
Wie gesagt, eine Erkenntnis Anno 1928 !
Und er fährt fort - in wohlbekanntem Ton:
"Auch unser heutiger fabrizierter, 'gereinigter', raffinierter
weißer Zucker hat nichts mehr mit dem natürlichen
Fruchtzucker....
gemein. Was nach (den) wirklich 'raffinierten' Folterprozeduren
im
Zucker noch an Lebensstoffen vorhanden ist, kann jeder sich selbst
sagen...
So betrügen wir uns selbst ... Zudem fallen bei dieser
'rationellen'
Herstellung ... an Nebenprodukten noch ab: Alkohol .... und
Sprengstoffe
zur Granatenfüllung !"
Danach zieht er gegen den steigenden Süßigkeitenkonsum von
Kindern zu Felde und selbstredend folgt eine Ächtung des
Weißbrotes
und das Lob der Vollkornschnitte.
Er stellt den übergewichtigen Schreibtischhengst ebenso an den
Pranger wie den eitlen "Pigmentgigerl", der sich seine knackige
Bräune
auf Kosten seiner Gesundheit verschafft.
Lange wehrt sich Wolf dagegen, eine eigene Privatpraxis zu
eröffnen:
"Heilen aus Passion, aber dann darf man den Geruch
des
Geldes auch nicht mal auf Kilometer riechen !...
Ich kann nicht Arzt sein ... im Konkurrenzkampf, Arzt als
Geschäftsmann!"
" ' (Wo) Liebe zum Menschen ist, da ist auch Liebe zur Heilkunst !"
Der kommende Arzt wird weniger Rezepteschreiber und Musketier der
Arzneimittelindustrie,
er wird wieder Gesundheitsführer sein!"
Und als er dann doch - zur Existenzsicherung seiner Familie -
1921 in Hechingen, später dann in Stuttgart, eine Praxis
einrichtete,
hing dort im Wartezimmer ein Schild mit der Aufschrift:
"Da ich zum Rechnungschreiben weder Zeit noch Lust habe, bitte ich
nach der Behandlung Barzahlung zu leisten.
Unbemittelte haben freie Behandlung !"
So manch einen erinnerte sein Behandlungszimmer eher an eine
Urwaldklinik
und wenn schon nicht "Barfußdoktor", so kam er doch - stets mit
Sandalen
und khakifarbenen kurzen Hosen - dem Modevorbild seines Bruders im
Geiste,
Albert Schweitzer, recht nahe.
Neben seiner diagnostischen und therapeutischen Tätigkeit
hielt Friedrich Wolf immer wieder Vorträge über heilkundliche
Themen:
"(Dociere) wöchentlich 1 Stunde im hiesigen Lyceum über
sociale
Medicin für die höheren Töchter ... Uff!"
Nun, die "höheren Töchter" stellten
allerdings
nur selten einmal seine Zuhörerschaft. Er sah seine
vordringliche
Aufgabe nicht darin, die Zipperlein der
"Oberen
Zehntausend" zu lindern, er wollte jenen
(Über-)Lebenshilfe geben, die im Deutschland
der
Weimarer Republik eine Existenz fristen mußten, die stets
bedroht
war von den Folgen der Unterernährung,
von
Tuberkulose, Skorbut oder Rachitis.
Daß sein Arztbuch ein so großer Verkaufsschlager
wurde, das verdankt sich allerdings wohl nicht ausschließlich
seinem
rein medizinischen Wert, sondern vermutlich auch den vielen
"anregenden"
Fotos, für die Wolf selbst und unter anderem auch die
berühmte
Asudruckstänzerin Else Gaga vor den Kameras höchst
anschaulich
die im Text angesprochenen gymnastischen Übungen in Szene setzten.
Wie so manches anatomische Lehrwerk in der "Vor-Playboy-Epoche", so
dürfte
auch dieses nicht ausnahmslos der Volksgesundheit dienliche Zwecke
erfüllt
haben.
Nun, schon als Schüler wunderte es Wolf, daß seine
Lehranstalt, das "Gymnasium", ihrem Namen so gar nicht mehr entsprach:
"gymnos = nackt" ! Doch als er zusammen mit Freunden aus dem GTRVN
dieser Erkenntnis folgend es unternahm, Griechenland nicht mehr nur mit
der "Seele" zu suchen und sie ihre "gymnasialen" Ober- und
Unterkörper
an einem schönen Sommertag schamlos auf der Neuwieder
Rheinpromenade
spazierenführten, da schritten ("Mens sana" hin, "corpore sano"
her)
die staatlichen Sittenwächter ein. Obgleich, wie er später
meinte,
"es selbst für empfindliche Tanten und Muckermänner (gar)
nicht
(so leicht war), an einem nackten, luftbadenden Menschen das
vorgeschriebene
'Ärgernis' zu nehmen !"
Seine Nudisten-Karriere war damit jedoch keineswegs beendet:
als Student stand er höchstamtlich Modell für die
anatomischen
Wandtafeln der medizinischen Fakultät und noch
heute
trägt eine Athletenplastik vor der Mensa der Tübinger
Universität
nicht zufällig seine klassischen Züge. Daneben blieb er
auch als Schriftsteller den Idealen der "Licht- und Luftkämpfer"
treu:
1921 schrieb er einen Text mit dem Titel "Gymnasten über euch !"
(der
dann zehn Jahre später entstellt und verfälscht als Vorlage
für
den (Nazi-)UFA-Film "Wege zu Kraft und Schönheit" diente).
Ein Freund berichtet: "Ich habe ins Schwarze getroffen, als ich das
Lieblingswerk des Hausherrn lobte - ihn selbst. Ich glaube,
über
sein bestes Theaterstück freut er sich nicht so wie über
diese
stählernen Muskeln....!"
Am meisten freute es ihn wohl, daß er mit seinem beinahe schon
"riefenstählernen-Körperbau" das Judenbild der Nazipropaganda
so vollkommen ad absurdum führte.
Bis in seine letzten Jahre hinein kokettierte er mit seinen sportlichen
Erfolgen. (Zum Theaterbesuch soll er als Jugendlicher mit einem
selbstgebauten
Kajak stromaufwärts nach Koblenz gerudert sein - Respekt !)
"Licht an den Körper, Licht in die Köpfe !"
Das war sein Motto - nicht nur als Arzt.
(Seinem ältesten Sohn gab er den Namen Lukas = der Lichtbringer:
"Er machte seinem Namen gleich Ehre, da er mit Sonnenaufgang zur Welt
kam
!" (Er selbst erblickte an einem Sonntag das Licht der Welt).
(Und ausgerechnet "Sonnenstein" hieß jenes Gefängnis, in
welchem er 1919 nach einer Demonstration aus Anlaß der Ermordung
von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht inhaftiert wurde).
Immer eine düstere Gegenwelt vor Augen, die Arbeiterviertel der
Städte, in denen vielköpfige Familien in dunklen
Hinterhöfen
und Kellerwohnungen hausen mußten, propagierte er einen
regelrechten
"Sonnenkult". Ob bei den "Sonnwendfeiern" des "Wandervogels" oder als
Amtsarzt
in Remscheid, wo er es durchsetzte (mit dem Argument der Tuberkulose-
und
Rachitis-Prophylaxe), daß für die Bevölkerung ein
städtisches
"Luft- und Sonnenbad" eröffnet wurde.
Vor allem forderte er einen neue Architektur, ein neues Bauen:
"Das neue Haus hat nicht mehr ein Dutzend Türmchen, Erkerchen
und Nischen mit Florabüsten, es ist eine klare,
sinngegliederte
Wohneinheit, auf Licht, Luft und leichte Reinigung gestellt. Auch die
Innenräume
sind keine Plüschmuseen mehr....mit Tonmöpsen und
Schlummerrollen.
Weniger ist mehr !
Zum erstenmal in unserer Zeit ward hier klar und mutig Schluß
gemacht mit der 'Fassade', aber auch mit verstaubten Gewohnheiten, mit
einer Scheingefühlswelt, die der Wirklichkeit unserer neuen
Arbeits-
und Geisteswelt in keiner Weise mehr entsprach. Vereinfachung,
Klarheit,
Wahrhaftigkeit ! Was das neue Bauen nach dem Chaos des
Scheinbarocks....
zu schaffen beginnt, genau das erstrebt in der Heilkunst die
Naturheilkunde
!"
Sein Ideal fand er in der 1927 erbauten "Weißenhofsiedlung" in
Stuttgart. Das von Architekten wie Le Corbusier, Gropius und van
der Rohe gestaltete Wohngebiet faszinierte ihn so sehr, daß er
noch
im gleichen Jahr nach Stuttgart übersiedelte. Zwar zerschlug sich
sein Plan, ein Haus in dieser Siedlung zu beziehen, doch ließ er
sich (konzipiert von Richard Döcker und finanziert von der
"Wüstenrot-Bausparkasse")
ein Wohn- und Praxisgebäude im gleichen Stil errichten.
Ein Freund berichtet:
"Ich bin Gast im Hauswürfel... Bruchstück von einem
Sanatorium.
Und ein Straßenname aus Aluminium, Helligkeit und Luft -
Zeppelinstraße...
Im Hauswürfel ist es absolut sauber, nichts
Überflüssiges
hängt an den Wänden...
'Komm frühstücken, ich zeig dir, wie man das tut',sagt
er. Im Eßzimmer gibt es ebenfalls nichts
Überflüssiges.
Große glattgehobelte Tische ohne Tischtuch. Auf den
kreideweißen
Balkon prallt die Sonne. Das ist kein Frühstück, sondern eine
Lehrveranstaltung. Ich suche Salz, vorwurfsvolle Blicke:
'Weshalb Salz ?... Belaste das Blut nicht. Je weniger Salz, desto
besser. Vergiß nicht: Es besteht der Verdacht, daß zu
starkes
Salzen eine der Ursachen von Krebs ist... Der Krebs steht heute in
Deutschland
bei den Krankheiten an erster Stelle...'
Fleisch gibt es auf diesem Tisch auch nicht... Die Gesetze dieses
Hauses
sind streng wie bei den Altgläubigen. Während eines
Spaziergangs
kaufe ich mir in der Stadt ein Stück Wurst !"
1934 beschlagnahmten die Nazis dieses Haus zusammen mit vielen anderen
"Kommunisten- und Judenhäusern", sie verkauften es mit der
Auflage,
das "un-arische Flachdach" durch ein "deutsches Spitzdach" zu ersetzen.
Wolf's Euphorie für die normierte, kühl sterile "Wohneinheit"
erscheint uns heute kaum noch nachvollziehbar, ziehen doch in unseren
Tagen
längst wieder vermehrt "Tonmöpse und Schlummerrollen" zwecks
Steigerung der Nestwärme gerade auch in ökologisch
aufgeklärte
Haushalte ein. Doch vor dem Hintergrund der Wohnverhältnisse
in damaligen Zeiten ist seine tiefsitzende Aversion gegen alle dunklen
Winkel letztlich zu verstehen.
"Jährlich sterben...tausende Säuglinge als Opfer der
Mietkasernen...'Es
genügt nicht, der Mutter von sieben Kindern zuzurufen: Abtreiben
ist
unmoralisch und gesetzlich verboten ! und sie in ihr
menschenunwürdiges
Loch von Kellerwohnung zurückzuschicken'...!"
"Die Ärzte sagen, ich sei ein guter Schriftsteller.
Die Schriftsteller behaupten, ich sei ein guter Arzt.
Liebe Freunde, womit habe ich das verdient ?"
Als Arzt war Wolf Homöopath, als Schriftsteller eher Chirurg.
Als
Heilkundler suchte er stets den sanftesten Weg, als Dichter nahm er
selbst
schmerzhafteste Nebenwirkungen in Kauf.
Er sah sich als literarischer Medikus gegen Engstirnigkeit und
und soziale Ungerechtigkeiten. (Als Pseudonym verwendete er
übrigens
gelegentlich den Namen: Dr. Isegrimm!)
In vielen seiner Stücke und Erzählungen verbreitete er
Erlebnisse
aus seiner ärztlichen Praxis:
Eines seiner berühmtesten Dramen, "Cyankali",
behandelt die Problematik des
"Abtreibungsparagraphen
- § 218". Er spricht sich dort für eine soziale
Indikation
aus - durchaus mit schlechtem Gewissen, aber überzeugt davon,
daß
dies ein geringeres Übel sei angesichts des Elends, in das viele
Frauen
und Familien gerade im Arbeitermilieu durch eine ungewollte
Schwangerschaft gestürzt wurden.
Wolf und eine Arztkollegin wurden nach der Uraufführung unter
dem (später nicht zu erhärtenden) Verdacht des
Verstoßes
gegen § 218 inhaftiert und erst nach internationalem Protest (vor
allem von Schriftstellerkollegen) wieder auf freien Fuß gesetzt.
Festnahmen gab es übrigens auch hier in Neuwied. Als 1948 im
Neuwieder "Storchensaal" eine Aufführung von "Cyankali" über
die Bühne ging, setzte die französische Polizeibehörde
das
"gegen die göttliche und menschliche Ordnung gerichtete"
Stück
kurzerhand ab und nahm die Verantwortlichen vorübergehend fest.
"Professor Mamlock", sein bedeutendstes Werk, spielt im
Krankenhausmilieu
und schildert bereits 1933 hellsichtig vorausblickend all die
Grausamkeiten,
die ein jüdischer Mensch im Nazideutschland erdulden mußte.
So sehr sich Friedrich Wolf als Arzt auch der persönlichen
"Schweigepflicht"
unterwarf, so wenig gab es für ihn - gerade als Arzt - eine
soziale
Schweigepflicht.
Und wie so viele seiner Zeitgenossen, so war auch für ihn das
Erlebnis des I. Weltkrieges die Schlüsselepisode seines Lebens.
Es ist gewiß kein Zufall, daß man unter den führenden
Autoren der Weimarer Zeit so viele Ärzte findet. Man denke etwa an
Gottfried Benn oder Alfred Döblin. Die Schlachten und das
Schlachten
des Krieges erlebte man wohl nirgends unausweichlicher und
hoffnungsloser
als in einem Frontlazarett.
"Ich trug den schweren Mann auf den Knien rutschend in den Bunker,
den Waffenrock brauchte man nicht zu öffnen. Über der
Herzspitze
und etwas tiefer war ein großer Splitter eingedrungen und hatte
Muskel
und Rippenbogen weggefegt. Das Herz lag frei. Die Spitze
zerrissen.
Ich sah und vermochte nicht zu begreifen.
Eine Täuschung schien mir Anblick und Geschehen. Die Welt war
aus ihrer Angel gerissen. Das Herz lag bloß, eine
fibrilläre
Welle zuckte noch über den Muskel. Der Schock war zu gewaltig.
Dennoch
schien dies Sterben wie ein Fehler der Natur !"
So beschrieb es Wolf in der autobiographischen Erzählung "Der
Sprung durch den Tod".
Stationiert war er damals bei Langemark, dort, wo nur wenige Monate
zuvor ein deutsches "Kinderkorps" von den militärischen
Befehlshabern
in eine fürchterliches Gemetzel getrieben worden war. Ein
Gemetzel,
dem sinnlos 20.000 junge Menschen zum Opfer fielen !
Am 5. Oktober 1953 stirbt Friedrich Wolf - an den Folgen einer
verschleppten
Grippe.
Anstelle seines Neuwieder Geburtshauses in der Langendorfer
Straße
131 steht heute ein Wohn- und Geschäftshaus; Hauptmieter eine Bank
(- vis á vis ein "Ärztehaus" -).
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MUZAK
DER GENERAL, DAS ELFUHRLOCH
UND DIE TAPETENMUSIK
(SWR „S2 vor Mitternacht"- 21.1.99)
(von Dr.Lutz Neitzert)
MUSIK: (Das KNATTERN eines alten PROPELLER-FLUGZEUGS)
SPRECHER I: Als die Gebrüder Wilbur und Orville Wright den
Entschluß
faßten, einen
ersten Passagier in ihr noch wenig vertrauenerweckendes
Gefährt
zu
laden, da fiel ihre Wahl auf einen offensichtlich ebenso
wagemutigen
wie
technikbegeisterten Soldaten:
SPRECHER II: GEORGE OWEN SQUIER - ein Offizier des Fernmeldekorps.
SPR I: Und dieser General war, wie sich bald zeigte, nicht nur
fasziniert
von den
Fortschritten in der Luftfahrt, er selbst sollte die Welt mit einer
wahrhaft revolutionären Idee beglücken - einer Idee, die er
sogleich
entschlossen als Geschäftsidee in die Tat umsetzte und auf die
sich
ein (heute mehr denn je) florierender Industriezweig gründete.
SPR II: Im Jahr 1934 meldete er in New York ein neues Gewerbe an und
gab seinem
Unternehmen den seltsam klingenden Namen: „MUZAK-Corporation"!
SPR I: Wer immer es auch gewesen sein mag, der ihn damals
küßte,
im Moment dieses
für
uns alle so folgenschweren Einfalls, eine der Musen war es jedenfalls
ganz
sicher
nicht!
SPR II: MUZAK oder mju:zæk ...
SPR I: ...man vermutet, daß das Etikett aus einer Wortspielerei
mit den Begriffen Musik
und Kodak
entstanden sein könnte...
SPR II: ...ist seither zum Synonym geworden für eine ganz
besondere,
äußerst
zwielichtige Sparte der Tonkunst:
SPR I: ...die Funktionelle Musik!
SPR II: Squier erkannte als einer der ersten die ungeahnten
Möglichkeiten,
welche sich
darin eröffneten, daß mit der Erfindung der
Schallaufzeichnung
und
Tonübertragung
Musik nun plötzlich nicht mehr an die körperliche Anwesenheit
von
Musizierenden
gebunden war, sondern prinzipiell überall erklingen konnte -
und das
zu jeder Tages- und Nachtzeit. Doch diese Erkenntnis wollte er nicht
dazu nutzen,
das Wohnzimmer in einen Konzertsaal zu verwandeln...
SPR I: ...wie es das Radio und die Schallplatte damals großspurig
versprachen...
SPR II: ...sondern er wollte der Musik eine völlig neue Funktion
geben.
MUSIK: (Zur musikalischen Illustration der Sendung entweder
Aufnahmen
des
ORCHESTERS MANTOVANI / unbedingt ohne Gesang!
und/oder, falls möglich, „Original-MUZAK" von Firmen wie MUZAK,
WETE,
3M
o.a.)
SPR I: Die Vorgeschichte dazu nahm ihren Anfang bereits in den
zwanziger
Jahren, als
die Industrie das Treiben der Wissenschaftler zunehmend
argwöhnischer
betrachtete und schließlich meinte, die Soziologen zum Beispiel,
die könnten doch zur Abwechslung auch einmal etwas Nützliches
tun. Und so bestellten und finanzierten die Konzerne umfangreiche
Untersuchungen,
deren Ziel es sein sollte, die Arbeitsleistung der Menschen in Fabrik
und
Büro zu optimieren. In pfiffigen Experimenten veränderten
willfährige
Forscher das Licht in den Arbeitsräumen, man tapezierte und
deodorierte,
man heizte oder man heizte nicht, man stellte Vasen mit Schnittblumen
auf
oder Gummibäume, mal gab es besseres, dann wieder schlechteres
Kantinenessen...
ZITAT: „(Alles), was ein...Professor sich (nur) ausdenken konnte,
wurde...probiert.
Alles, was man mit weißen Mäusen macht, hat man...(im Rahmen
dieser Projekte auch mit den ausgesuchten Versuchspersonen
angestellt)!"
(1)
M: (ab hier im Hintergrund Musik)(s.o.)
SPR I: Doch den größten Erfolg zeitigte zum allgemeinen
Erstaunen,
die Verwendung
von Musik. Eine ganze Reihe vielbeachteter Studien erschien, die dies
zu belegen vorgaben und die damit zugleich Firmen wie MUZAK
ständig
neue Verkaufsargumente lieferten.
SPR II: Der erste großflächige Einsatzbefehl an unseren
General
erging dann, als es
während des 2.Weltkriegs galt, die Waffenproduktion anzukurbeln.
Überall in den amerikanischen Rüstungsfabriken wurden in
höchster
Eile Musikanlagen eingebaut, Lautsprecher installiert, Kabel
verlegt
- und so kam es, daß die Arbeiter fortan ihre Kanonen, Panzer und
Torpedos produzierten zu süßen Streicherklängen und
beschwingten
Rhythmen.
SPR I: Geliefert wurden die Hintergrundmusiken (für damals 1,50
$ pro Monat) über
Telefonleitung, und dies ermöglichte es, sehr gezielt auf die
spezifischen Bedürfnisse des jeweiligen Auftraggebers einzugehen -
und es animierte zudem, das Metier und die Technik immer weiter zu
perfektionieren
und zu raffinieren.
SPR II: Alles sollte zuletzt berücksichtigt werden: das Alter,
das Geschlecht, die
Herkunft und das Bildungsniveau der zu Beschallenden, ebenso
wie jedes Detail des Umfeldes und der jeweiligen
Produktionsbedingungen.
M: (s.o.)
SPR II: Früh schon hielt man auch nach anderen
Einsatzmöglichkeiten
Ausschau, und
nach dem Krieg erschloß man sich dann bald einen weiteren
lukrativen
Interessentenkreis: die Betreiber von Supermärkten!
SPR I: Es war eine völlig neue Form des Kaufhauses entstanden,
in welcher der Kunde
nicht mehr durch aufmerksame Verkäufer bedient, betreut und
verführt
wurde, sondern an anderen, unsichtbaren Fäden entlang der kaum
noch
überschaubaren Palette an Massenwaren geführt und dirigiert
werden
sollte.
SPR II: Wenn sich der Arbeiter durch Musik dazu animieren
ließ,
den Akkord zu
brechen, und der Beamte offensichtlich davon abzuhalten war,
die Beine
hochzulegen, dann würde es ja wohl auch möglich sein,
den Kunden zum
schnelleren Entschluß und zum tieferen Griff ins
Portemonnaie
zu verführen.
Z: „MUZAK ist keine Musik im üblichen Sinn. MUZAK soll nicht
unterhalten,
sondern
positiv beeinflussen... MUZAK wirkt stimulierend
auf den Tagesrhythmus ein... Die
allgemeine Stimmung bessert sich. Die Arbeitslust
steigt. Die Konzentrationsfähigkeit
und Kaufbereitschaft erhöhen sich. Dafür
sinkt anderes: die Fehlerquote. Auch
Ermüdungserscheinungen mindern sich..."
SPR I:...und das nicht etwa durch die verdiente Pause...
Z: „...Spannungen lösen sich... Das alles (und mehr) erreicht
eine Musik, die wie eine
akustische Tapete wirkt. Unbewußt
für
den Empfänger. Aber mit positiven
Ergebnissen für den, der MUZAK wirken
läßt. Wenn Sie sich für MUZAK
entscheiden, befinden Sie sich in bester
Gesellschaft!"
(2)
SPR I: So steht es in einer Werbebroschüre. Und für die
Verwendung
akustischer
Berieselung
in Speiselokalen gibt man dem Gastronomen dann noch den
folgenden
nützlichen
Hinweis:
Z: „Bei langsamer Musik (geben) die Gäste im Durchschnitt 30,47
$ aus, bei lebhafter
dagegen nur 21,62 $!"
SPR II: Bis zur zweiten Stelle hinter dem Komma genau! Zwar waren
und
sind solche
vorgeblich höchst wissenschaftlichen Beweise mit einiger
Skepsis zu
betrachten. Bis heute ist es der Forschung letztlich nicht
gelungen,
die
komplizierten Effekte und Wirkungen, die Musik im Menschen
auszulösen
vermag, wirklich schlüssig zu belegen - und ganz so einfach
zu manipulieren ist
Homo sapiens dann wohl, gottlob, doch nicht.
SPR I: Aber schon der Anschein des Erfolges überzeugte und sehr
bald hatte MUZAK
selbst
die letzten Winkel der modernen Lebenswelt erobert (und sogar noch
darüber
hinaus).
SPR II: Präsident Eisenhower installierte die kleinen,
unscheinbaren
Lautsprecher im
Weißen Haus und im Pentagon, den Apollo-Astronauten
vertrieb
es die
Langeweile auf ihrem Flug zum Mond...
SPR I: ...und als am Ende des Vietnamkrieges die ersten
Vietcong-Soldaten
die US-
Botschaft
in Saigon betraten, da schallten der reichlich konsternierten Truppe
aus
den leeren
Räumen
einschmeichelnde Serenaden und Evergreens entgegen.
M: (irgendein passendes Stück von MANTOVANI - vielleicht
„Summertime")
(oder bei MUZAK & Co Entsprechendes aus
der Sparte „Evergreens")
SPR II: Und, als habe man der Menschheit noch immer nicht genug an
Wohltaten
beschert, las man unlängst von der Entdeckung einer weiteren
segensreichen
Eigenschaft funktioneller Musik:
SPR I: Die Wissenschaft hat festgestellt: MUZAK hören macht schlank!
SPR II: Wie auch immer, jedenfalls gibt es kein Entrinnen mehr und
jeder
Widerstand
ist, wie es scheint, zwecklos.
----
M: (Telefonwählgeräusche / dann ein Musikstückchen im
typischen Spieluhr-Sound
heutiger Telefonanlagen / perfekt wäre
die Melodie „Horch, was kommt von draußen
rein" / notfalls aber auch „Für Elise",
„Die Kleine Nachtmusik" o.ä.)
Z: „Bitte bleiben Sie am Apparat, ich verbinde..."
M: (wieder die Melodie)
Z: „Bitte warten..." (mehrmals wiederholen)
M: (Zum Schluß das Besetztzeichen)
----
SPR I: Am Telefonhörer überbrücken frohsinnige Weisen
das Warten auf Ver-Bindung,
im
Kreißsaal
unterstützen meditative Klänge eine sanfte Ent-Bindung. Am
Arbeitsplatz
helfen uns MUZAK-Rhythmen freundlich über das 11-Uhr-Loch
hinweg, im
Wartezimmer
- beim Zahnarzt oder Arbeitsamt - empfängt uns
sedierendes
Getön, es wehrt im Aufzug der Klaustrophobie, im Betrieb steigert
es
das
Bruttosozialprodukt,
im Kuhstall die Milchleistung...
SPR II: ...Rindviecher lieben Mozart, heißt es...
SPR I: und Batteriehennen bewahrt es vor dem Herzinfarkt.
SPR II: Was also will man mehr?
M: (Klassisches von MANTOVANI: z.B. TSCHAIKOWSKYs „CAPRICCIO
ITALIEN"
/
oder „MUZAK" aus der Sparte
„Classic")(weiter
im Hintergrund)
SPR I: Ballaststoffreie Töne allüberall
versüßen
unseren trüben und grauen Alltag.
SPR II: In den Fernsehnachrichten unterlegen muntere Rhythmen die
Meldungen
von
Mord und Totschlag...
SPR I: ...ein musikalischer Schonbezug für sensible
„Couch-Potatoes".
SPR II: Klangstaub rieselt in alle Ecken und musikalischer
Zuckerguß
verklebt uns
sämtliche Poren.
SPR I: Im Werbespot erschallt Beethoven's Neunte als feuertrunkene
Fanfare und
animiert
zum Verzehr von Kartoffelknödeln...
SPR II: ...Seid verschlungen Millionen!...
SPR I: ...Rossini's „Diebische Elster" brutzelt in kalorienreduziertem
Bratenfett, ein
nobles
Automobil schwebt im „Walkürenritt" durch's Hochgebirge...
SPR II: ...und zur Veredelung von Schokolade durch „Carmina Burana"
möchte man am
liebsten ausrufen:
SPR I: „Ach, Egk mich doch am Orff!"
SPR II: Aber nein, Pardon wird nicht gegeben!
SPR I: Schon gar nicht, wenn's ums Geld geht!
Im
Supermarkt
umgarnt uns perfides Gedudel mit versteckten Absichten:
SPR II: Zum Beginn des Sommerschlußverkaufs will man die
enthemmten
Käufermassen - auch gegen ihren Willen - im „Allegro molto" zur
Eile
antreiben,
in Flautezeiten dagegen mit einem „Adagio"...
SPR I: ...im Dreiviertel-Takt...
SPR II: ...zu umsatzträchtigem Schlendern verleiten. Italienisch
angehauchte Melodien
weisen unterschwellig hin auf Spaghetti und Chianti im Sonderangebot,
ein
dezenter „Ländler-Touch" dagegen auf Weißwürste in der
Nähe ihres
Verfallsdatums.
SPR I: „Happy Shopping" nennt das der Fachmann!
Z: „Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort
und fort, und die Welt hebt an
zu singen, triffst Du nur das Zauberwort!"
(Eichendorff)
M: (noch einmal einige Sekunden s.o.)
SPR I: Ein früher Kritiker der zunehmenden akustischen
Umweltverschmutzung
war der
Philosoph
THEODOR LESSING.
SPR II: Bereits 1908 gründete er einen
„Antigroßstadtlärm-Verein"
und eine Zeitschrift
mit dem vielsagenden Titel:
Z: „Der Antirüpel. Recht auf Stille. Monatsblatt zum Kampf gegen
Lärm, Rohheit und
Unkultur im deutschen Wirtschafts-, Handels-
und Verkehrsleben!"
SPR I: Einmal soll er sogar ernsthaft erwogen haben, eine Taschenuhr
zu stehlen, nur
um endlich
in den Genuß einer stillen Kerkerzelle zu kommen.
SPR II: Heute allerdings würde ihm selbst dies nur wenig
nützen:
die „Leichte Brise aus
Südwest", die weht auch noch durch schwedische Gardinen.
SPR I: Nun, was ihn störte, das war in erster Linie noch
schlicht
und einfach Krach -
der Krach
der modernen Zeiten.
SPR II: Dagegen hatte ein anderes Nervenbündel bereits
ausdrücklich
die Musik im
Visier, die Musik als öffentliche Ruhestörung.
SPR I: CHARLES BABBAGE, der 1792 geborene englische Mathematiker,
Ingenieur
und Erfinder (der heute als einer der Urväter des Computers gilt),
dieser ebenso sensible wie streitsüchtige Zeitgenosse beklagte vor
allem das Unwesen der Straßenmusik. Und dabei störte es ihn
nicht nur, daß in deren Gefolge oft...
Z: ... „Damen von elastischer Tugend!"..
SPR I: ...ihr sittenverderbendes Unwesen trieben, sondern ihn
störte
vor allem das
Gefühl des ohnmächtigen Ausgeliefertseins an eine Musik von
äußerst zweifelhafter Qualität. Oft karikiert und viel
verspottet - focht er einen aussichtslosen Kampf gegen jene...
Z: "...von der Regierung zugelassenen Folterwerkzeuge..."
SPR I: ...die ihn am Schreibtisch, beim Mittagsmahl und im Schlafgemach
heimsuchten
und malträtierten. Zuletzt drohte er gar in höchster
seelischer
Not wildentschlossen einen Vergeltungsschlag an:
Z: "Mir stehen umfangreiche Mittel für die Erzeugung der
widerlichsten
Geräusche zur
Verfügung!"
SPR I: Ob es allerdings jemals zum Äußersten kam, das ist
leider nicht überliefert.
Z: „Musik wird störend oft empfunden, derweil sie mit
Geräusch
verbunden!"
(Wilhelm Busch)
SPR II: Die nervenzerrüttende Macht der Musik...
SPR I: ...die ja nicht zuletzt auch jeden Generationskonflikt - von
Rock'n'Roll bis Techno
- stets
auf's neue mit phonstarker Munition versorgt...
SPR I: ...diese verheerende Macht versuchte übrigens auch das
US-Militär zu nutzen,
als es 1989, nach dem Einmarsch in Panama, den in die vatikanische
Botschaft geflohenen Diktator Noriega durch eine Dauerbeschallung mit
Heavymetal-Gedröhn
zur Kapitulation zwingen wollte. Erst ein Protest des heiligen Vaters
gegen
dieses barbarische Unterfangen beendete die Aktion.
M: (ein paar Sekunden HEAVY-METAL-Sound)
SPR I: Nun, seit den Zeiten des Charles Babbage ist die Kultur
und die Zivilisation, wie
wir ja alle wissen, weiter vorangeschritten. Und was uns heute
allerorten
in den Ohren liegt, ist oftmals so dezent, daß viele Menschen es
tatsächlich nicht einmal mehr wahrzunehmen scheinen.
SPR II: Und dahinter steckt Methode und Raffinement. Bei
MUZAK(x)
(und den anderen
Produzenten funktioneller Musik) befaßt sich ein ganzer Stab
von Musikexperten der besonderen Art mit der Herstellung feinster
Klanggewebe
aus Tonsatz und Vorsatz - vom Psychologen und Soziologen über den
Verhaltensforscher, den Arbeitswissenschaftler und den Mediziner bis
hin
zum Klangdesigner.
SPR I: Und zwar werden in den Tonstudios der einschlägigen
Firmen
in ersten Linie
Instrumentalmusiken
produziert...
SPR II: ...schon der Einsatz der menschlichen Stimme könnte, so
befürchtet man, dem
erwünschten Zweck zuwiderlaufen, indem sie die Aufmerksamkeit zu
sehr
auf
sich zieht...
SPR I: Überhaupt wird all das, was Klänge spannend macht
auf genau kalkulierte
Weise
eliminiert...
SPR II: ...d.h. es gibt so gut wie keine Soli, das Frequenzspektrum
wird unter Verzicht
auf alles zu hoch oder zu tief Tönende zwischen 40 und 8000 Hertz
eingegrenzt, dynamische Schwankungen werden um jeden Preis vermieden,
die
Melodien verlaufen in spieluhrmäßiger Vorhersehbarkeit, die
Harmonien bleiben niemandem im Halse stecken und der Rhythmus spult
sich
monoton und ohne Sensationen ab.
Z: „(Das) Nicht-gehört-werden-Sollen hat...System, denn wenn
Musik...bewußt
wahrgenommen wird, kann sie ablenkend wirken. Nichts ist daher für
die Produzenten funktioneller Musik verpönter als ein Arrangement,
zu dem eine Büroangestellte mit den Füßen wippt oder
mit
dem Finger schnippt!"
(Rüdiger Liedtke)(3)
SPR I: So entstehen Medleys 2-3 minütiger Einzeltitel aus endlosem Wohlklang -
Z: „ Es ist gar nicht so leicht, den richtigen Ton zu treffen...
Doch
wir bieten Ihnen die
Lösung: Der Non-Stop-Service von MUZAK(x) (via
Satellit)- Noch bequemer geht es
kaum: Funktionelle Hintergrundmusik per Knopfdruck.
Und das rund um die Uhr...
Abgestimmt auf die Tageszeit. Also dem Biorhythmus
des Menschen angepaßt.
Psychologisch ausgewogen: Alle 15 Minuten beginnt
eine neue, in sich gegliederte
Musik-Sequenz. 365 Tage im Jahr!" (4)
SPR I: Restaurantbesitzer können dabei wählen aus
Kategorien
mit teilweise etwas
irritierenden Etiketten wie:
Z: „German Classics (leichte klassische Musik mit Wiener Einschlag)!"
SPR I: oder:
Z: „Alpine (Polkas, Jodler, Akkordeonmusik - die echte deutsche
Atmosphäre)!"(5)
SPR II: Und man scheint wirklich an alles zu denken, wenn es
darum
geht, uns die
Stimmung nicht zu verderben:
Z: „Damit am Heiligen Abend keine Übersättigung erreicht
ist,... haben (in unserem
Weihnachtsprogramm) 'Oh du fröhliche', 'Jingle
Bells' und 'Stille Nacht' nur einen
(relativ) geringen Anteil: Jeweils in einem Block
vormittags und nachmittags an den
verkaufsoffenen Samstagen im Advent...!" (6)
SPR I: Niemals endende Suiten werden fortgesponnen in einer
Dramaturgie,
die, wie
gesagt,
Einfluß nehmen soll auf den natürlichen Bio-Rhythmus des
Menschen
-
mit dem
Ziel, Räume aller Art nach vorgegebenen Kriterien...
Z: ...„musikalisch zu möblieren und auszukleiden!"(7)
SPR II: Als wichtigste Maßeinheit - als DIN-Norm
gewissermaßen
- gilt den
Produzenten dabei die Anzahl der Taktschläge pro Minute
- gemessen als
BpM (Beats-per-Minute).
SPR I: 80 Schläge pro Minute entsprechen in etwa dem
menschlichen
Ruhepuls und
werden als Bezugsgröße genommen. Wobei es gilt, etwa
für die Steuerung von Arbeitsprozessen einen als ideal angesehenen
Wert von 100 BpM möglichst stufenlos und unmerklich zu erreichen.
M: (hier vielleicht ein paar beschwingtere Takte)
SPR II: Prinzipiell können auf diese Weise alle Musiksparten zu
funktioneller Musik
denaturiert und entbeint werden: Pop & Rock ebenso wie Schlager,
Folklore, Jazz oder auch (nicht zuletzt) die Hits des klassischen
Repertoires
- und daraus mit Vorliebe Barockes...
SPR I: ...des festlichen Flairs wegen.
SPR II: Als Klangideal orientierte sich Squier damals an den
überaus
erfolgreichen
Schallplattenaufnahmen des Schauorchesters von Annunzio Paolo
MANTOVANI.
Der Italiener war geradezu berüchtigt dafür, insbesondere den
Werken der Klassiker all das auszutreiben, was deren Kunst zur Kunst
macht.
Die kompositorische Feinarbeit verschwindet vollständig unter
einem
Dunst weicher Streicherklänge und es wird skrupellos solange
gekürzt
und geglättet, bis am Ende nur noch die Melodie an das Original
erinnert.
M: MANTOVANI (eine seiner J.S.BACH-Bearbeitungen: z.B. „AIR FOR A G-STRING")
SPR I: In den letzten Jahren wurde die Arbeit der Hersteller von
MUZAK
durch den
möglich gewordenen Einsatz von Computern und die Übertragung
via Satellit noch weiter vervollkommnet. Dem Zufall überlassen
bleibt
nun so gut wie gar nichts mehr.
SPR II: So entsteht eine Musik eigener Art, die nicht nach
ästhetischen
Kriterien
gemessen wird, sondern gewissermaßen nach psycho-somatischen.
Und über dem allem schwebt nicht der Geist Johann Sebastian
Bach's,
sondern das Glöckchen Pawlow's.
M: (hier eventl. kurz das Bellen eines Hundes)
Z: „Unsere Schallumwelt hat sich gegenüber der früherer
Generationen
grundlegend
verändert, seit sich zu Beginn dieses Jahrhunderts die Technik
explosionsartig entwickelt hat...Die einzelnen Bereiche der akustischen
Glocke (unter der wir heute leben) werden immer zudringlicher und
greifen uns immer stärker an, denn sie verstärken sich
gegenseitig
in ihrer Intensität!" (Rüdiger Liedtke)(8)
SPR I: Stille dagegen bringt so manchen Zeitgenossen allem Anschein
nach schon
nach kurzer Zeit aus dem seelischen Gleichgewicht. Beinahe alles wird
getan, um diesem unerträglichen Zustand zu entgehen.
SPR II: Das Autoradio startet automatisch, sobald der
Zündschlüssel
den Motor
anwirft...
SPR I: ...und jene vage Hoffnung, die Spezies joggender
Walkman-Träger
sei
angesichts der Gefahren des städtischen Straßenverkehrs
per se zum Aussterben verurteilt, hat sich, ein Blick auf die
Unfallstatistik
zeigt es, bis heute nicht erfüllt.
SPR II: Ja, selbst in Konzertpausen erklingt mittlerweile - kaum haben
die Musiker die
Bühne verlassen - Musik aus der Konserve.
SPR I: Immer enger und lückenloser knüpft sich der
allgegenwärtige
Klangteppich und
prägt grundlegend unsere Verhältnis zu Musik
überhaupt
- und ebenso bedeutsam und vielleicht sogar noch folgenschwerer
verändert
sich unser Verhältnis zur Ruhe:
SPR II: Der bereits erwähnte Rüdiger Liedtke schreibt in
seinem Buch „Die Vertreibung
der Stille":
Z: „Tatsache ist, daß in unserer Gesellschaft immer mehr
Menschen ohne Musik nicht
leben können, daß sie Stille bedrückt (und)
verunsichert...,
daß die Abwesenheit von Beschallung zu Entzugserscheinungen
führt...
Immer mehr Menschen haben ihre Musik nicht mehr im Griff, haben die
Fähigkeit,
mit diesem Kulturgut, diesem Vergnügen richtig und dosiert
umzugehen,
verlernt!" (9)
SPR I: Immer schwerer fällt es auch, in diesem ständigen
Gedudel
und Gesäusel die
wahre und schöne Musik als solche überhaupt noch auszumachen
und wahrzunehmen. Das Werk eines Musikers hat kaum noch die
Möglichkeit,
sich deutlich und als eigenständiger Kunstgegenstand Gehör zu
verschaffen.
SPR II: Doch so, als wäre das immer noch nicht genug, hat man
jetzt
offensichtlich noch
einen weiteren bislang brachliegenden Markt entdeckt:
Z: „...Sanfte Träumereien für ihren Liebling! Wer
läßt
sein liebes Tier schon gern
allein?... Dennoch gibt es immer wieder Situationen, in denen ihr
Liebling
allein die Wohnung hüten muß. Wir haben (nun) die
Lösung!
Musik für Tiere! ...Extra... komponiert...für den Hund, die
Katze,
den Vogel...mit vielen Tiergeräuschen der eigenen Art, die in den
Hintergrund gemischt worden sind... Machen Sie ihrem Tier und sich
selbst
ein Freude...3 CDs nur 49,95 DM!"
Z: „Musik ist angenehm zu hören, doch ewig braucht sie nicht zu währen!"
SPR I: Wie alle Mahnungen zur Mäßigung, so schlagen wir
auch
diese des Herrn
Busch geflissentlich in den Wind.
SPR II: Musik zu jeder Zeit und an jedem Ort. Selbst noch an
einstmals
stillen Örtchen:
SPR I: So empfing den Autor dieser Sendung unlängst auf der
Toilette
eines Cafés
prasselnder Applaus, welcher jedoch, wie er dann desillusioniert
feststellen
mußte, nicht ihm galt, sondern HÄNDELs "WASSERMUSIK", welche
dort allem Anschein nach soeben dargeboten worden war.
M: HÄNDELs "WASSERMUSIK" - abrupt beendet durch das
Rauschen
einer WASSERSPÜLUNG
ZITATE:
1) J.Goudsblom: „Soziologie auf der Waagschale" (Suhrkamp/Frankfurt
1979) S.61
2) R.Liedtke: „Die Vertreibung der Stille" (dtv/München 1988)
S.92
3) Liedtke/S.126
4-7) aus einer Broschüre der Firma MUZAK
8) Liedtke/S.121
9) Liedtke/S.209f
-------------------------
DIE MODERNE
GESELLSCHAFT,
IHRE MUSIK UND IHR SINN FÜR HUMOR
(von Dr.Lutz Neitzert) (unveröffentlichtes Manuskript)
„... musikalischer Humor wird ohne Unterstützung von außen möglich. Musik der Klassik kann wahrhaft witzig, nicht nur lustig oder gut gelaunt sein. Echte musikalische Späße lassen sich schreiben. Es gibt zwar in früherer Musik Witz, aber er fußt auf nicht-musikalischen Anspielungen... Haydn (wurde) ja gerade von seinen Zeitgenossen als Clown angegriffen... Wenn man in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zunehmend Geschmack am musikalisch Komischen fand, so war das zum Teil darauf zurückzuführen, daß die Stilentwicklung endlich wahrhaft autonome musikalische Komik ermöglichte. Wenn das Widersinnige genau richtig scheint, das Weithergeholte plötzlich genau an passender Stelle zu stehen scheint, so hat man wesentliche Bestandteile des Komischen. Insofern der klassische Stil so großen Wert auf Umdeutungen legte, enthielt jede Komposition eine Fülle von Doppeldeutigem..." (Rosen, 1983, S.104ff)
Charles Rosen konstatiert und erklärt in seinem Buch „Der
klassische
Stil" die zunehmende Wertschätzung des (inner-)musikalischen
Witzes
im Übergang vom höfischen Barock zur bürgerlichen
Klassik
vor allem als das Einfließen unverbrauchter Ausdrucksmittel aus
dem
Repertoire der Komischen Oper in instrumentale Genres. So allerdings
bleibt
die grundlegende Erkenntnis in seiner Deutung eher marginal. Und auch
an
anderer Stelle haben die Musikwissenschaft und die Musiksoziologie das
hierin angezeigte vielsagende Phänomen kaum einmal tiefergehend
ernst
genommen. Dabei ergeben sich naheliegende Fragen zum einen in bezug
darauf,
welche Geschäftsbedingungen innerhalb des Musikbetriebs und welche
besondere Geisteshaltung der musikalischen Öffentlichkeit es
waren,
die unter der Schirmherrschaft des Bürgertums dieser Art von Humor
und Komik so plötzlich Konjunktur verschafften. Zum andern
wäre
es wichtig, besser zu verstehen, warum ganz bestimmte Formen
künstlerischen
Witzes für das Kulturleben in vor- und antimodernen Gesellschaften
ganz offensichtlich äußerst prekär waren und sind.
Und welcher spezifische Ausdruck von Scherz, Satire, Ironie ein
bestimmtes
Künstlerbild und Selbstverständnis von Kunst voraussetzt und
seinerseits einen bestimmten Künstlertypus samt seines sozialen
Standpunktes
charakterisiert.
In allen Gesellschaftsformen gab und gibt es scherzhafte Musik: von der klangmalerischen Unterlegung und Unterstreichung komödiantischer Libretti und Liedertexte, über die (rhythmische) Pointierung skurriler Motorik (Slapstick, Mickey-Mousing...), über die Witzfigur als Sujet in der Programmusik, die Imitation (vermeintlich) komischer Spezies aus dem Tierreich (mit Vorliebe Huhn & Esel), bis hin zur Karikatur sozialer (zumeist randständiger oder unterprivilegierter) Gruppen und ihres so der Lächerlichkeit preisgegebenen Habitus.
All dies folgt im Grunde und im Wesentlichen der berühmten Definition Henri Bergson’s (expliziert in seinem Buch „Le Rire“ aus dem Jahr 1900), wonach das Lachen eine „soziale Geste" sei und zuallererst eine höchst subtile Form der „Strafe", des Anprangerns und Bloßstellens abweichenden Verhaltens nämlich.
In diesem Sinne, wie gesagt, kennen alle Gesellschaften
musikalischen
Humor.
Gerade in der Hofmusik des Absolutismus hat man sich ja in vielen
höchst
beliebten Variationen innerhalb barocker Tonkunst etwa mokiert
über
das vorgebliche Ungeschick des bäuerlichen Menschen (insbesondere
als plump-unkultivierter Tänzer) oder das Befremdlich-Belustigende
des Exoten.
Spannender aber wurde und wird es stets dann, wenn sich ein
ironischer
Impetus gegen das musikalische Material selbst wendet, gegen etablierte
Gattungen und Ausdrucksweisen - wenn es also gewissermaßen an die
Substanz geht. Und als konsequent verfolgte ästhetische Strategie
ist dies ein durchaus modernes Stilmittel.
Der subversive Unterton solcher Art von Musik-über-Musik erregte
schon bei seiner Aufkunft sofort das Mißtrauen der
höfischen
„Geschmackspolizei“ und man deutete dies völlig zurecht als die
Manifestation
einer neuen, unerhörten und im Rahmen des Ancien Regime
unbotmäßigen
Weltanschauung.
Sein erstes Operationsfeld fand der damals neu erwachte Sinn
für
den geistreichen Scherz daher nicht zufällig im Kontext der am
Vorabend
der Revolution (und gemäß des Auftrages der Aufklärer)
anstehenden äußerst diffizilen Aufgabe, die barocken
Tanzformen
zu renovieren oder aber aus der Welt zu schaffen.
Der Weg vom Menuett zum Scherzo zeigt sinnfällig den Gang dieser
musikästhetisch und musiksoziologisch äußerst
aufschlußreichen
Entwicklung.
Und hierbei wurde in erster Linie ein signifikantes Charakteristikum
des innermusikalischen Witzes sichtbar und virulent - nämlich
seine
Fähigkeit, „Umgangsmusik“ unvermittelt in „Darbietungsmusik“ zu
transformieren.
(Nach der gängigen Definition Heinrich Besseler’s dient
„Umgangsmusik“
unablöslich der Untermalung, Strukturierung und/oder Einrahmung
sozialer
Interaktion oder Inszenierung, während „Darbietungsmusik“
eigenständig,
d.h. als Musik-an-sich, als Musik-als-solche rezipiert werden will.)
Und
genau diese Übersetzung in einen neuen Bezugsrahmen und die
Auslieferung
an einen anders gestimmten Rezipienten, führte zu jenen spannenden
Deformationen und Mutationen, welche die Hoftänze in der zweiten
Hälfte
des 18. Jahrhunderts erfuhren oder auch erlitten. Nicht nur das Menuett
wurde im Zuge einer Neuorganisation der Musikwelt zunächst dem
Spott
preisgegeben, dabei in eine andere Funktion überführt und
schließlich
für obsolet erklärt, auch andere Gattungen gerieten in den
Fokus
dieses ästhetischen Diskurses: als ein hintersinniges Exempel (in
nuce) denke man z.B. an Mozart’s „Kleine Gigue KV 574“. Vor allem durch
rhythmische Akzentverschiebungen stahlen Komponisten wie Haydn und
Mozart
(ein schönes Beispiel findet sich etwa als II. Satz seines
„Streichquartett
KV 387“) auf höchst geistreiche und eigensinnige Weise den
barocken
Tänzen ihren eigentlichen hof-gesellschaftlichen Nutzwert und
zwangen
zugleich den Rezipienten zum unbedingten Hinhören. Nicht zuletzt
diese
Art von Humor und die durch ihn erzwungene Aufmerksamkeit signalisierte
den Zeitgenossen das neu erwachte Selbstbewußtsein des
Künstlers.
Hinter diesem bislang viel zu wenig erhellten Prozeß stand vor
allem eine neue Idee davon, auf welche Arten und Weisen, der autonome
Künstler
in Zukunft den Fortschritt seines Metiers ins Werk zu setzen
beabsichtigte.
Selbstverantwortlich wollte und sollte er nun sein, in seinem Refugium
gleichgestellt den Fachleuten und Spezialisten anderer Bereiche einer
sich
unaufhaltsam mehr und mehr ausdifferenzierenden, industriell
geprägten
modernen Gesellschaft, und ihn für seine Werke zu richten, das
sollte
nur noch Seinesgleichen und einem kompetenten Publikum gestattet und
vorbehalten
sein.
Ein entscheidender Effekt innermusikalischen Witzes war, daß er es vermochte, eine kreative Distanz zu den Objekten herzustellen, ohne diese jedoch aus dem Blick geraten zu lassen - ja, im Gegenteil gerade um sie in scharfem Blick erst eigentlich fixieren zu können.
Eine wichtige Rolle hatte hierbei natürlich auch das neu geordnete musikalische Umfeld - in erster Linie eine Musik-Kritik, welche diesen Prozeß verstehen und kommunizieren konnte und ein in diesem Sinne aufgeklärtes und aufnahmebereites Publikum. Wohl niemand am Hofe zu Versailles hätte sich - im Gefolge eines „Sonnenkönigs“ - über Haydn’sche Späße amüsieren können.
Die spürbarste Auswirkung war, daß damit verfestigte
Formen
in der Kunst sehr viel schneller - im witzigen Affront - in Frage
gestellt
werden konnten.
Sobald sich fortan ein musikalischer Stil etablierte, rief er zugleich,
quasi automatisch, schon seine Verhöhnung auf den Plan (und dies
sowohl
in der Konzert- als auch in der Unterhaltungsmusik). Von Haydn bis
Satie.
Das Klischee gilt im modernen bürgerlichen Kulturbetrieb seither
per se als un-originell und seine Verwendung ist für einen Autor
demgemäß
gewissermaßen „ehrenrührig“. Im Gegensatz dazu baut die
Ästhetik
und Alltagskultur des Absolutismus wie des Faschismus ja gerade auf
obrigkeitlich
eindeutig legitimierte Muster - entweder vorgestellt als
unabdingbares
Dekor der „edlen Lebensart“ des „Hochwohlgeborenen“ oder aber (unter
völkisch-rassistischen
Vorzeichen) als vorgeblich archaische, der Natur des („deutschen“)
Menschen
einzig gemäßer Archetypus (etwa im Volkslied-Ideal des NS).
Wobei eine dem unterstellte Kulturpolitik notwendig die Aufgabe
zugewiesen
bekommt, jene Desiderate unter ihren ganz besonderen Schutz zu stellen.
Dazu gehörte ganz folgerichtig auch, daß das Reden über und das Kritisieren von Musik im nationalsozialistischen Kulturleben wieder weitestgehend mit der Erörterung der Relevanz, Irrelevanz oder Unvereinbarkeit bestimmter Musiken in bezug auf den ideologisch-politischen Kontext befaßt war.
In einem Aufsatz mit dem Titel „Die Musik im Dritten Reich“ aus dem Jahr 1935 schreibt der Präsident der Reichsmusikkammer, Peter Raabe: „Wer darüber nachdenkt, was die Musik dazu tun kann, das hohe Ziel zu verwirklichen, die Menschen tüchtig, gut, vaterlandstreu und damit glücklich zu machen, dem werden sich zwei Fragen zur Beantwortung aufdrängen: 1. wie muß die Kunst beschaffen sein... und 2. was kann der Staat tun, was muß er tun... Wenn die Musik im Dritten Reich allmählich... an das Volk herankommen und ihm Freude bringen soll, die es zur Arbeit und zum Lebenskampfe stählt, so muß vorher mit eisernem Besen ausgekehrt werden, was diesem Volke den Sinn mit Unkunst benebelt...“! (Raabe, 1935, S.11 + 14)
Was die bürgerliche Musikästhetik, -kritik und Kompositionslehre (letztlich durchgesetzt im Genie-Kult und zusammen mit der Werk-Idee) gelernt hatte, als kreativen und innovativen Umgang mit dem vorgefundenen Tonmaterial (prinzipiell) zu goutieren, gut zu heißen, wich nun wieder dem erhobenen Vorwurf des bloßen Formalismus, des „volksfernen“ Intellektualismus, des Oberflächlichen, des Nicht-Organischen.
In der „Königsberger Allgemeinen Zeitung“ vom 12.10.1935
z.B. stand zu lesen:
„(Es) scheiden also für unser deutsches Empfinden aus: ...eine
Musik, die entweder einer krankhaften Seelenverfassung entspringt, oder
aber, wie es meistens der Fall ist, nur mit dem Verstande
ergrübelt
ist, um krampfhaft als Sensation aufzufallen...“! (zit. nach
Zwerin,
1988, S.24)
Der autonome Tonkünstler steht mit seinem erklärten Selbstverständnis dem faschistischen wie dem absolutistischen Ideal unintegrierbar entgegen und das manifestiert sich eben auch darin, daß er sich die Freiheit nehmen muß, seinen Überdruß am Hergebrachten (und das oft am wirkungsvollsten und beeindruckendsten) in Form von Witz zum Ausdruck zu bringen.
Musik-über-Musik machen zu können und, vor allem, zu dürfen, das war die vielleicht entscheidendste Errungenschaft des modernen Künstlers und diese Ermächtigung versuchten alle antimodernen Gemeinschaftsentwürfe ihm mit allen Mitteln wieder zu entziehen.
Der problematische Umgang des Faschismus mit moderner Musik (sowohl U als auch E) spiegelt auf verschiedenen Ebenen den hier skizzierten ästhetischen Grundkonflikt wider.
Jene Formen musikalischen Witzes, welche ohne Legitimationsprobleme
und nach eindeutigen ideologischen Vorgaben „zum Einsatz gebracht“
werden
konnten
wurden sofort zum vielverwendeten Bestandteil „völkischer“ Kunst.
Überall erschienen Karikaturen oder man stellte durch Arrangement,
Plazierung oder Selektion diffamierende Kontexte her - vielleicht am
folgenreichsten
in der Düsseldorfer Ausstellung „Entartete Musik“ 1938, zu der ihr
Leiter, Hans Severus Ziegler, in seiner Eröffnungsrede den
Blickwinkel
unmißverständlich vorgab:
„Was in der Ausstellung ‘Entartete Musik’ zusammengetragen ist, stellt
das Abbild eines wahren Hexensabbaths und des frivolsten
geistig-künstlerischen
Kulturbolschewismus dar und ein Abbild des Triumphes von
Untermenschentum,
arroganter jüdischer Frechheit und völliger geistiger
Vertrottelung"!
(zit. nach Funk-Hennigs/Jäger, 1995, S.54)
In dieser Schau wurde übrigens eine adäquate Wahrnehmung der als „entartet“ vorgeführten Musiken den Besuchern schon dadurch unmöglich gemacht, daß man ihm stets mehrere Tonbeispiele gleichzeitig, als eine absurde Collage, zu hören gab.
Die musikalische Parodie erlebte damals eine Blütezeit als wohlfeile Methode der Diffamierung, während man den wirklich hintersinnigen Blick auf das zeitgenössische Musikmaterial vorsätzlich verstellte.
Anläßlich des „Jazzverbots“ im reichsdeutschen Rundfunk durch den Reichssendeleiter Eugen Hadamovsky vermeldete der „Völkische Beobachter“ 1935: „Alle Sender des deutschen Rundfunks bringen heute zu noch unbestimmter Zeit ... eine Jazz-Parodie, der Art, wie sie in Deutschland zukünftig nicht mehr geduldet werden. Eine gleich darauf folgende, der deutschen Tanzmusik entsprechende Instrumentierung der gleichen Melodie soll die Unterschiede klar machen, die zwischen Niggersang und deutschem Tanzlied bestehen“! (zit. nach Wolbert, 1997, S.392)
Moderiert durch solche Ankündigungen präsentierte man stets nichts weiter als groteske Überzeichnungen jener als „typisch“ angesehenen Elemente und (vor allem) Effekte, die zu nichts dienten als dazu, das vorgefaßte abschätzige Bild möglichst drastisch zu illustrieren und zu verstärken.
Dagegen folgte eine Menuett-Persiflage à la Haydn einem
völlig
anderen Credo:
hier sollte eine als veraltet angesehene Form auf gleichem oder
höherem
ästhetischen Niveau in kreativer Bearbeitung umgedeutet werden und
dabei in ein neues Licht rücken. Das Alte sollte immer zuerst
gewissenhaft
erfaßt und erst dann letztendlich überwunden werden.
Der NS rehabilitierte ja ganz bewußt das Un-Originelle, das
„Angemessene“,
als gemeinschaftstiftendes Element der Musik- wie der Alltagskultur.
Und
dies bedurfte notwendig der konditionierten Wahrnehmung seitens der
„Kunstschaffenden“
und der Vermeidung augenzwinkernder Seitenblicke auf das eigene
Material.
Innermusikalischer Witz ist, wie gesagt, fast immer explizit
oder implizit zugleich Affront gegen gesellschaftlich anerkannte Formen
und Genres.
Dies wurde eben zu jener Zeit andernorts noch einmal geradezu idealtypisch ins Werk gesetzt. Während im „Dritten Reich“ mit allen zur Verfügung stehenden propagandistischen und sanktionierenden Mitteln versucht wurde, Unterhaltungsmusik als „Folklore“ zu konservieren, waren junge schwarze Jazzmusiker im New Yorker Stadtteil Harlem dabei, zu demonstrieren, in welchen Klängen sich in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts ein künstlerisches Bemühen manifestieren konnte, das versucht, Schritt zu halten mit den sich immer mehr forcierenden und beschleunigenden Modernisierungsprozessen. Und auch der Bebop signalisierte dann seit Anfang der 40er Jahre im Sich-lustig-Machen über die Klischees des Swing, daß es nun an der Zeit sei, etwas Neues, der Zeit Gemäßeres zu schaffen. Und auch hier gab es wieder die Tendenz, Umgangs- in Darbietungsmusik zu überführen, um sie so zunächst einmal in die eigene Hand zu bekommen, und auch diese musikalische Auseinandersetzung mit einem etablierten Stil vollzog sich mit Sinn für (ebenso befreienden wie zersetzenden) Humor (unter der Federführung von Interpreten wie Dizzy Gillespie).
Was nun den Jazz anbetrifft, so hatten zwar die in
Hitler-Deutschland
verfolgten Swing-Boys in Hamburg oder Frankfurt von der angesprochenen
Entwicklung keine Kenntnis, doch auch in ihrer Haltung gab es jenen
verdächtigen
Zug, der ausdrückte, daß man die faschistische
Unterhaltungskultur
nicht so ganz ernst zu nehmen beabsichtigte. Gerade die bewußte
umgangsmusikalische
Zurichtung von Musik im NS - als Marsch, Volkstanz oder Fanfare -
machte
natürlich höchst anfällig gegen jede ironische
Anspielung.
Dem vorzubeugen sollte U-Musik niemals als Musik-als-solche rezipiert
werden,
d.h. jenseits spezifisch sinnstiftender Veranstaltungen, und es sollte
alles getan werden, um zu verhindern, daß in diesem Feld
Avantgardebewegungen
Raum greifen konnten. Moderne Künste erleben und befördern
innovative
Impulse fast immer zunächst als distinktiver Ausdruck exklusiver
Zirkel.
In jedem Kultursektor fürchtet die nicht-moderne Gesellschaft
aus gutem Grund, daß sich im ästhetischen Diskurs
Kommunikationsstrukturen
auf subkulturellen Ebenen herausbilden und etablieren könnten. Und
daß ein Sich-Wenden gegen das Etablierte in der Kunst, gegen den
Massengeschmack, gegen die Musik-der-Vielen auch
weltanschaulich-politischen
Eigensinn signalisiert, scheint den Wachhabenden stets evident.
Das unlösbare Dilemma, in welches die faschistische Gesellschaft dadurch gerät, daß sie in Befolgung ihres eigenen anachronistischen ideologischen Programms die wirkungsvollsten Mechanismen kulturellen Fortschritts außer Kraft setzt, besteht darin, daß ihre ästhetischen Formen ihr Leben verlieren und jede Fähigkeit, sich wandelnden Zeitläuften anzupassen.
Daß Ironie seit je der erklärte Feind alles Pathetischen
ist, bedarf hier eigentlich kaum noch der Erwähnung. Das Pathos
verlangt
zu seiner Inszenierung, zur Untermalung „großer Worte“ einen
verläßlichen
umgangsmusikalischen Rahmen.
Und nicht zuletzt deshalb hat sich noch stets gezeigt, daß die
idealtypische Musik des Faschismus ihre Verhöhnung geradezu
herausfordert:
„Die Fahne hoch! Die Reihen dicht geschlossen! SA marschiert mit ruhig festem Schritt...!“
„Unter dem Rednerpult hockte ich. Links und rechts von mir und
über
mir standen breitbeinig... die jüngeren Trommler des Jungvolkes
und
die älteren der Hitlerjugend... Die Trommel lag mir schon
maßgerecht.
Himmlisch locker ließ ich die Knüppel in meinen Händen
spielen und legte... einen kunstreichen, heiteren Walzertakt auf mein
Blech,
den ich immer eindringlicher, Wien und die Donau beschwörend, laut
werden ließ, bis oben die erste und zweite Landsknechttrommel an
meinem Walzer gefallen fand... Dazwischen gab es zwar Unerbittliche,
die
kein Gehör hatten, die weiterhin Bumbum machten, und Bumbumbum,
während
ich doch den Dreivierteltakt meinte, der so beliebt ist beim Volk.
Schon
wollte Oskar verzweifeln, da ging den Fanfaren ein Lichtchen auf, und
die
Querpfeifen, oh Donau, pfiffen so blau“!
(Grass, 1960, S.141f)
Literatur:
Funk-Hennigs, Erika / Jäger, Johannes: „Rassismus, Musik und
Gewalt“
(Münster / 1995)
Grass, Günter: „Die Blechtrommel“ (Darmstadt - Neuwied / 1960)
Raabe, Peter: „Die Musik im Dritten Reich“ (Regensburg / 1935)
Rosen, Charles: „Der klassische Stil“ (Kassel - München, 1983)
Wolbert, Klaus (Hrsg.): „That’s Jazz - der Sound des 20. Jahrhunderts“
(Darmstadt / 1997)
Zwerin, Mike: „Swing unter den Nazis“ (Wien / 1988)
------------
(WDR am 13.12.91)
„SCHERZO SERIOSO"
Über den Witz in der ernsten Musik
(von Lutz Neitzert)
1) „Humoresque“ /Rodion Schtschedrin
"Ein Mann läuft auf der Straße, stolpert und fällt.
Die Passanten lachen.
Ich glaube, man würde nicht lachen, wenn man annehmen könnte,
er habe sich plötzlich ent-schlossen, sich hinzusetzen. Man lacht,
weil er sich un-freiwillig hingesetzt hat .... es ist die
Ungeschick-lichkeit,
die uns lachen macht. Das Lachen (ist) eine soziale Geste. Durch die
Furcht,-
die es einflößt, korrigiert es das Ausgefallene (das
Zerstreute,
das Gar-zu-typische, das Ungeschickte oder auch das
Mechanisch-Steife).
Das Lachen hat daher mit. reiner Ästhetik nichts zu
tun...Lachen
ist Strafe! (Auch bedarf die Komik) einer vorübergehenden
Anästhe-sie
des Herzens, um sich voll entfalten zu können. Sie wendet sich an
den reinen Intellekt!"
Diese Ausführungen des französischen Philosophen Henri
Bergson
- aus seinem 1900 erschienenen Buch "'Le Rire/das Lachen" – treffen
zwar,
wie wir sehen werden, nicht alle Aspekte musikalischen Witzes, aber mit
dem anfangs ge-hörten Stück im Ohr, der "Humoresque" des 1932
in Mos-kau geborenen Komponisten Rodion Schtschedrin, eröffnen
diese
Überlegungen doch einige bedenkenswerte Einsich-ten. Was war es
denn,
das wir da eben hören mußten? Einen tapsig unbeholfenen
Pianisten
(Radu Lupu mit Na-men) und eine. Komposition bis an die Schmerzgrenze
an-gefüllt
mit Banalitäten. Klischees und Ungeschicklich-keiten: deplazierte
Wendungen, etwa Schlußfloskeln als
Übergänge, uneingelöste dramatische Vorbereitungen,
konzeptloses Umherirren, geistig offensichtlich unbe-wältigte
thematische
Arbeit, gar zu plakative Kontraste ... usw. usf. Kurz gesagt: es
handelte
sich um ein in jeder Hinsicht lausig schlechtes Stück Musik. Und
was
blieb uns da anderes übrig, als, ganz im Sinne Bergson's, Musiker
und Musik "auszulachen". Ästhetisch sublimiert zwar und, in der
beruhigenden
Gewißheit, daß in diesem Fall ja alle ihren Spaß
haben,
aber es war eben doch im Grunde nichts anderes als ein "Auslachen. Und
folgt man Bergson weiter, so dürfen wir uns sogar noch einen
pädagogischen
Anspruch bei der Sache zubil-ligen: Lachen als konstruktive Kritik, als
unmißverständ-licher Hinweis auf Mängel und Defizite.
Nun,
die Kunst ist nicht das wirkliche Leben, und so haben wir
natürlich
nicht Rodion Schtschedrin und seinen In-terpreten ausgelacht, sondern
eine
bloße, vom Künstler präsentierte Fiktion eines
„lächerlichen
Musi-kanten". Dennoch bleibt wohl tatsächlich die von Bergson
aufgezeigte
Intention der tiefere Grund unseres Amüsements.
Nicht ganz so dick aufgetragen wird in unserem zweiten Beispiel.
RES SEVERA EST VERUM GAUDIUM / die ernsthafte Sache ist das wahre
Vergnügen!
Dieser alte Spruch des ehrwürdigen Seneca prangte seit 1781 in
großen Lettern über dem Orchesterpodium des
ehr-würdigen
Leipziger "Gewandhaus". Das Bürgertum hatte im ausgehenden
18.Jahrhundert
die Schirmherrschaft über das Musikleben übernommen und gab
den
Komponisten neue ästhetisch-moralische Grundsätze vor. Doch
die
Musiker der Epoche, allen voran Joseph Haydn, spürten, daß
den
moralinsauren Sittenwächtern zum Trotz, gerade der musikalische
Witz
eine der revolutionären Neu-erungen der bürgerlichen Musik
war.
Der Musikwissenschaft-ler Charles Rosen schreibt
hierzu:"(musikalischer)
Humor wird ohne Unterstützung von außen möglich. Musik
der Klas-sik kann wahrhaft witzig sein, nicht nur lustig oder gut
gelaunt.
Echte musikalische Späße lassen sich schrei-ben. Es gibt
zwar
in früherer Musik Witz, aber er fußt auf nichtmusikalischen
Anspielungen". Soweit Rosen.
Innermusikalischer Witz ist gewissermaßen "Musik über
Musik",
d.h. ein ironisch kreatives Spiel mit, tradier-ten Formen, Gattungen,
Konventionen
und Klischees. Und das ist nun prinzipiell alles andere als eine
"leich-te
Kost". Es verlangt im Gegenteil höchste Aufmerksam-keit von Seiten
der Zuhörer. Die Voraussetzungen, die eine solche Rezeption
überhaupt
erst erlaubten, waren erst geschaffen, als sich im Bürgertum ein
Konzertpub-likum
einfand, das einzig und allein zusammenkam um Musik zu hören, und
nichts außerdem. Bei Hofe blieb Musik immer nur untergeordnetes
Dekor
der diversen fürstlichen Inszenierungen, und niemand nahm sie
wirk-lich
ernst. Erst im öffentlichen Konzertsaal bzw. in der ambitionierten
Hausmusik beschäftigte man sich so intensiv mit der Musik,
daß
man der Musik ihrerseits gestattete, sich auch mit sich selbst zu
beschäftigen.
Joseph Haydn war der unbestrittene Meister des klassi-schen Humors. Und bezeichnenderweise war er es ja auch, der den Tanzsatz im Sonatenzyklus durch das "Scherzo" ersetzte. In seinem 1790 entstandenen "Streichquartett op.64/5", dem sogenannten "Lerchenquartett", stecken vor allem die Sätze III und IV voller witziger Einfälle: Bewegungsimpulse laufen grundlos ins Leere, ein ver-suchtes Fugato gerät schon nach wenigen Takten völlig aus dem Ruder, das Prinzip der thematischen Arbeit wird hemmungslos veralbert, dramatische Ausbrüche ereig-nen sich reichlich unmotiviert und ob die Dominanz der "Kuckucksterz" ausgerechnet in einem "Lerchenquartett" ein Zufall ist? Solche parodistischen Effekte hätten den Herrschaften bei einer fürstlichen Tafelmusik wohl kaum ein Lächeln abgerungen, in einem solchen Ambiente wären diese nichts weiter gewesen als grobe Fehler. Hören wir also nun, mit den Ohren eines bürgerlichen Ken-ners, die beiden letzten Sätze aus op.64/5. Zuende geht das Stück übrigens auch mit einem veritablen Scherz: 44 Takte lang läßt Haydn eine locker schwingende Sechzehntelmelodie in ereignislosem Fluß im piano sich abspu-len, um dann den Hörer durch eine extreme Dynamisierung an unmöglicher Ställe aufzuschrecken. Die Komik dieser Stelle liegt nun darin, daß der Fortissimoeinsatz (an sich schon eine witzige Übertreibung) schlicht und einfach einen Takt zu früh erfolgt.
2) Satz III + IV aus "Quartett op.64/5"'/J.Haydn
Im 19.Jahrhundert änderte sich auch der Charakter des Witzes. in der Musik. Nicht zuletzt als eine Folge der Trennung von U- und E-Musik. Zum einen fand nun neben dem geschmackvoll geistreichen Scherz, wie wir noch hö-ren werden, auch das, Groteske Eingang in die Kunstwerke. Zum anderen begann man sich mehr und mehr über, die tri-viale Unterhaltungsmusik lustig zu machen. Letzteres tut auch Robert Schumann in seinem 1849 ent-standenen "Stück im Volkston: mit Humor". Obgleich ich ihm nicht einmal unterstellen möchte, daß er hier wirk-lich nur spotten wollte. Wie dem auch sei, das Sujet ist jedenfalls typisch. Es erinnert wohl nicht zufällig an eine Wirtshaus- oder Volksfestszene – Schwatzen, wie ei-nem der Schnabel gewachsen ist: "hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!" Eben das, was man sich gemeinhin so als die Höhepunkte im Leben des „niederen Volkes" vorstellt. Ungehobeltes Baßgepolter und rührend unbeholfener Gesang.
Aber noch ein weiterer wesentlicher Aspekt musikalischer Komik
läßt
sich hier recht gut illustrieren. Der Witz hat immer etwas
"Musikantisches".
Selbst in Haydn's Quartet-ten schreiben wir als Hörer
unbewußt
die komischen Ein-fälle eher der spontanen Spielfreude der
agierenden
In-terpreten zu als dem komponierenden Schreibtischtäter.
Witz muß immer spontan wirken. Ein offensichtlich
repro-duzierter,
wiedergekäuter Scherz ist schon kaum noch ko-misch. Wobei wir
wieder
bei Bergson angelangt wären bzw. bei Herrn Freud aus Wien, der
schreibt:
"Der Witz hat in ganz hervorragender Weise den Charakter eines
ungewollten
'Einfalls'. Man weiß nicht etwa einen Moment vorher, welchen Witz
man machen wird ... Man verspürt vielmehr etwas Undefinierbares,
das
ich am ehesten einer Absenz, einem plötzlichen Auslassen der
intellektuellen
Span-nung vergleichen möchte, und dann ist der Witz mit ei-nem
Schlage
da!“
Noch witziger allerdings wird es gerade dann, wenn die Interpreten übertrieben den Anschein erwecken, pedan-tisch "Vom-Blatt-zu-spielen" - quasi als ein Witz über den Witz!
In der folgenden Aufnahme aus dem Jahr 1952 machen sich Pablo Casals und Leopold Mannes zwar nicht mit solcher Spitzfindigkeit, aber dafür umso lustvoller ans Werk.
Sie hören aus den "Fünf Stücken im Volkston Op.102" von Robert Schumann das erste - mit dem Untertitel: "Mit Humor":
3) "Stück im Volkston: Mit Humor" / R.Schumann
"Meine Herren! Haben Sie es nicht vielleicht schon selbst bemerkt,
so
will ich es ihnen hiermit eröff-nen, daß die Dichter und
Musiker
sich in einem höchst gefährlichen Bunde gegen das Publikum
befinden.
Sie haben es nämlich auf nichts Geringeres abgesehen, als den
Zuhörer
aus der wirklichen Welt, wo es ihm doch recht gemütlich ist,
herauszutreiben
und, wenn sie ihn von allem ihm sonst Bekannten und Befreundeten
gänz-lich
getrennt, ihn mit allen nur möglichen Empfindun-gen und
Leidenschaften,
die der Gesundheit höchst nach-teilig, zu quälen. Da
muß
er lachen - weinen - erschrec-ken, sich fürchten, sich entsetzen,
wie sie es nur haben wollen. Kurz, wie man im Sprichwort zu sagen
pflegt,
ganz nach ihrer Pfeife tanzen. Nur zu oft gelingt ihnen ihre böse
Absicht, und man hat schon oft die traurigsten Fol-gen ihrer
feindseligen
Einwirkungen gesehen ... Es gibt Fälle, wo (sie) mit ihren
höllischen
Künsten die Zuhö-rer so zu betäuben wissen, daß
sie
auf (nichts mehr) merken, sondern ganz hingerissen wie in einer fremden
Welt, sich der verführerischen Lockung des Phantasti-schen
hingeben!"
Soweit der Kapellmeister Johannes Kreisler in E.T.A. Hoff-mann's
"Kreisleriana".
Der romantische Künstler gab sich nicht mehr damit zufrie-den,
in munterer Geselligkeit kleine geistreiche Späße zu machen,
mit ihm kam das Skurrile, das Groteske, der sarkastische, grimmige Witz
und das "Höllengelächter" in die Mu-sik. Paganini
entzündete
bei seinen Konzerten unsichtbar hinter der Bühne eine
Schwefelkerze
und auch der Kompo-nist des nun folgenden Stückes,
Charles-Valentin
Alkan, war alles andere als ein offenherzig liebenswürdiger
Mensch.
Der 1813 in Paris geborene jüdische Pianovirtuose war Zeit seines
Lebens ein exzentrischer, verbitterter Menschenhas-ser. Er verkroch
sich
vor seiner Umwelt und am Abend des 29.März 1888 findet er den Tod:
er wollte sich ein Buch aus seiner Bibliothek holen und dabei wird er
von
seinem Bücherschrank erschlagen. Fürwahr ein teuflischer
Scherz,
und "Scherzo diabolico" heißt dann auch die Komposition, die Sie
nun hören werden. Sie entstand 1857 als 3.Stück der
"Zwölf
Etuden in allen Tonarten".
(Pianist der nachfolgenden Aufnahme ist Bernard Ringeissen):
4) "Scherzo diabolico"/Alkan
Vermutlich bei einem Gläschen Absinth in einem Café im Quartier Latin riet Claude Debussy seinem Freund Erik Satie, er solle doch beim Komponieren etwas mehr auf die Form achten. Dieser nahm sich den gutgemeinten Rat zu Herzen und veröffentlichte kurz darauf: "Drei Stücke in Birnenform für Klavier zu vier Händen". Erik Satie, geboren 1866, gestorben 1925, war in vieler-lei Hinsicht ein Vorläufer des Dadaismus, und er war der erste (und vielleicht auch der letzte) wahrhaft „geniale Dilettant“ des 20.Jahrhunderts. Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz des bürgerlichen Kulturbetriebs zu sein, daß, wenn schon offensichtlich "dilettantisch", eine solche Kunst eines Außenseiters zumindest witzig und kurios zu sein habe. D.h. ohne ei-nen kräftigen Schuß Selbstironie wird dem Dilettanten jede Daseinsberechtigung im Reich der Kunst von vorn-herein abgesprochen. Nun, Satie erfüllte diese Bedingung, aber seine Ironie richtete er nicht nur auf sich selbst, sondern vor allem gegen die Modeströmungen seiner Epoche. 1899 schrieb er seine "Gnossiennes", sechs Piecen für Klavier. Unter dem Einfluß der Weltausstellung 1889 in Paris begannen vor allem die Impressionisten in Exotis-men zu schwelgen: japanisches und orientalisches Flair war auch in der Kunst der letzte Schrei. Wohl auch hier-über hat sich Satie in diesen Kompositionen ein wenig lustig machen wollen. Insbesondere die "Gnossienne Nr.5“ -hat einen gewollt arabischen Touch. Nachfolgend möchte ich diese sowie zuvor die Nummern 1 und 4 spielen. Im ersten Stück entwirft er über einer, gelinde gesagt, schlichten Baßbegleitung in pseudo-impressionistischer Manier ein duftiges Tongemälde, dessen manieriert über-pointierten Klangtupfer schon bald lächerlich leer wir-ken. Auch die fehlende innere Kraft vieler Werke des Im-pressionismus demonstriert Satie, indem er die Musik nicht entschieden zu Ende bringt, sondern wie ein kleines gar zu schwaches Flämmchen auslöscht. Im zweiten Stück hört man dann von fern Anklänge an den Kopfsatz der "Mondscheinsonate". Er mokiert sich hier wohl über das, was ihm in der Kunst das Unerträglichste -überhaupt war, das "hohle Pathos". ("Angenehme Verzweif-lung" heißt eine andere Klavierkomposition von ihm). Im-mer wieder sind es nur winzige Motive und Wendungen, wel-che aber nachhaltig die weihevolle Atmosphäre untergra-ben. Und am Ende hat es dann einen wahrhaft ergreifenden endlos ausklingenden Baßton. Es spielt John McCabe:
5a)"Gnossiennes Nr.1,4 und 5"/ Erik Satie
Hören wir nun noch zwei weitere Miniaturen von Satie. Aus dem
Zyklus
"Sports et Divertissements / Sport und Ver-gnügungen"
zunächst
"La Peche/das Fischen". Und dann: "Le Reveil de la Mariee / das
Erwachen
der Braut":
b) "La Peche“ und "Le Reveil de la Mariee“/ Satie
Musikalischer Witz ist per se "geistreich" - d.h., Ausweis dafür, daß ein Musiker weiß was er tut!
Zur Zeit des 1. Weltkrieges lebte Igor Strawinsky in der Schweiz. Aufträge gab es kaum in jenen Jahren, und so schrieb er für ein eigenes kleines Wandertheater, mit dem er Tourneen durch die Schweizer Provinz un-ternahm "Die Geschichte vom Soldaten", ein an mittel-alterliche Volksstücke erinnerndes Singspiel. Der Teufel bietet einem Soldaten im Tausch gegen des-sen Geige ein Zauberbuch an. Der obligatorische Pakt wird geschlossen, dann folgt das in solchen Fällen Übliche: der Soldat, der Macht und des Reichtums über-drüssig, will die Fiedel wiederhaben, zwecks Heilung und Ehelichung einer krank darniederliegenden wunder-hübschen Prinzessin - doch es ist zu spät, und am Ende holt ihn der Teufel. Aus dieser Kammeroper stammt auch der folgende "Tango-Valse-Ragtime".
Der aussichtslose Versuch einer Synthese dieser drei, ihrem Wesen nach völlig unvereinbaren Tanzformen. Tango-Attacca, Walzer-Drehen und Ragtime-Offbeat: immer wieder sehen sich die Musikanten gezwungen, sich zusammenzureißen, um nicht auf einem der Tänze hinwegzutreiben, ständig bricht man ab und steuert alles er-neut auf Konfrontationskurs: (Es spielen Gidon Kremer-Violine, Eduard Brunner-cl, Aloys Kontarsky-p)
6) "Tango-Valse-Ragtime" / Igor Strawinsky
Der Walzer, als die Musik bürgerlicher Tanzvergnügen, hat
immer schon zu parodistischen Bearbeitungen gereizt. Beim folgenden
„Walzer
für Flöte, Klarinette und Klavier" des 1906 geborenen und
1975.gestorbenen
russischen Kompo-nisten Dimitri Schostakowitsch sorgen nur kleine
Verstö-rungen
dafür, daß das Stück nicht in Walzer- oder
Ländler-seligkeit
ertrinkt.
„Witz versus Frohsinn“!
Die Verhaltens-forschung kennt den Begriff der "Funktionslust" und
meint damit die naive Freude an problemlos sich abspulenden Bewe-gungen
- etwa auf der Schiffschaukel, mit dem Jojo oder eben beim Walzer: Das
Kleinhirn hat halt seine Freude dran!
Beim Musikalischen Witz aber (das wollte ich in den vergangenen Minuten demonstrieren) kommt es im Gegenteil darauf an: Im Großhirn einen Funken zu schlagen! (Um im Bild zu bleiben). Gerade Tanzformen sind immer wieder beliebte Gegen-stände humoristischer Verfremdung geworden. Das Menuett etwa strapazierte man in dieser Hinsicht so lange, bis es unterderhand zum Scherzo geworden war.
Jetzt also ein Walzer von Schostakowitsch, gespielt, von Irena Grafenauer-Flöte, Eduard Brunner-cl und Oleg Maisenberg-p:
7) „Walzer für Flöte, Klarinette und Klavier" / Schostakowitsch
"Lose Blätter einer beinahe verschollenen Partitur des
Hofcompositeurs
zu Wien Johannes Chrysostomus Wolf-gangus Theophilus Mozart. So anno
1783
im Februar des selbigen Jahres vom Meister
höchsteigenhändigst
com-ponieret, dennoch sofort darnach verloren und nach beinahe
zweihundertjähriger
Vergessenheit auf wunderbare Art von seinem treuesten Schüler und
ergebensten Ver-ehrer Alfredus Henricus Germanus Hebraeus Rusticus zu
Moscau
anno 1976 in der Nacht vom 23. auf den 24.Feb-ruar im Traume
erhöret
und aus dem Gehör mit höchster Präzision in Notenschrift
festgehalten, sowie durch kleine, dem Geschmack der gegenwärtigen
Zeitmode entsprechenden Vervollständigungen verzieret!"
Diese Zeilen fügte der 1934 geborene russische Kompo-nist Alfred
Schnittke seinem Violin-Duo-"Moz-Art“ zur Uraufführung im Wiener
Musikverein
1976 bei. Der Todernst und das Pathos eines Richard Wagner hat Legionen
von Spöttern und Karikaturisten provoziert und beflügelt, bei
Mozart dagegen läuft jede Parodie irgend-wie ins Leere, umgibt ihn
doch selbst schon jener Hauch von Selbstironie, der jeder Veralberung
von
vornherein den Wind aus den Segeln nehmen würde. Aus diesem Grunde
ist auch Schnittke's Auseinandersetzung keine Persifla-ge, sondern eher
eine augenzwinkernde Verbrüderung mit dem Schalk im Nacken
Mozart's.
Auf den allzu naheliegenden und darum doch ein wenig billigen Scherz
des
platten Zitats wird hier weitgehend verzichtet. (Wenn auch an einer
Stelle
deutlich hörbar auf die "g-moll-Sinfonie" angespielt wird).
Schnittke
nahm als Grundlage seiner Komposition die Violinstimme eines marginalen
Mozart-Fragments, und mit dieser treibt er dann ein ebenso kurzweiliges
wie geistreiches Spiel.
Die Interpreten sind Gidon Kremer und Tatjana Grindenko.
8) "Moz-Art" / Alfred Schnittke
Zum Schluß nun noch als Resümee und Kehraus das Scherzo
aus
dem."Streichoktett op.11"' von
Schostakowitsch.
Ein wahres Feuerwerk an witzigen Einfällen.
Viel Vergnügen!
9) "Scherzo aus op.11" / Schostakowitsch
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SWR-„Dschungel“
am 9.10.03 WALTZING
MATILDA
UNDERDOGS UND TOTE SCHAFE
(von Lutz Neitzert)
MUSIK: WALTZING MATILDA / SLIM DUSTY
SPRECHER: Engländer machen sich gerne lustig über die
entfernten
Verwandten und ehemaligen Sträflinge Downunder.
So auch Bill Bryson in seinem Reiseroman „Frühstück mit
Kängurus“:
BRYSON: „Sechsundvierzig Kilometer begegnete ich niemandem auf der Straße. Um mir die Zeit zu vertreiben, sang ich die inoffizielle Nationalhymne Australiens: WALTZING MATILDA! Ein interessantes Lied. Geschrieben von Banjo Paterson, der nicht nur der größte Dichter Australiens im 19. Jahrhundert war, sondern auch der einzige, der nach einem Saiteninstrument benannt ist...“
SPRECHER: ANDREW BARTON PATERSON war Journalist und Anwalt. Als Kriegsberichterstatter stand er oft an irgendwelchen Fronten, während des Burenkriegs in Südafrika oder in China zur Zeit des Boxeraufstandes, und überall dort, wo es schwelte im Inneren der australischen Gesellschaft. Seine Feder war ziemlich spitz und so legte er sich - vor allem für seine politischen Artikel im „Sydney Morning Herold“ – vorsichtshalber ein Pseudonym zu: „The Banjo“!
MUSIK: WALTZING MATILDA / JIMMY ROGERS
BRYSON: „...Das Lied geht so
(und um es ein für allemal klarzustellen:
Es sind genau die Worte, die Paterson zu Papier gebracht hat):
`Oh, there once was a Swagman camped in the Billabong /
Under the shade of a Coolibah tree / …
Who'll come a-waltzing Matilda with me…!´
Der Song, haben Sie schon bemerkt, zeichnet sich vor allem dadurch
aus, dass er völlig unsinnig und allen, die nicht mit dem
Buschjargon
vertraut sind, ohnehin unverständlich ist. Doch selbst wenn man
die
Worte versteht, ist er unverständlich...!“
MUSIK: WALTZING MATILDA / CHET ATKINS & TOMMY EMMANUEL
ZITAT: „Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte
hört,
es müsse sich dabei doch auch was denken lassen!“
SPRECHER: ...meinte Goethe’s Mephisto.
Aber als Kinder des Computerzeitalters lassen wir das Denken
zunächst
einmal und geben die seltsamen Verse einfach – mit der Bitte um
Übersetzung
– in einen Internet-Translator ein.
„Waltzing Matilda“ als ultimativer Test in Sachen digitaler
Spracherkennung:
ZITAT: Ein netter Swagman, gelagert von einem Billabong
unter dem Dunkel eines Coolibah-Baumes.
Und er sang, während er aufpasste und wartete, bis seine Billy
kochte.
Entlang kam ein Jumbuck, zum am Billabong zu trinken,
herauf sprang der Swagman und ergriff ihn mit Freuden.
Und er sang, während er ihn in seinem Tuckerbeutel verstaute:
"Sie kommen - Waltzing Matilda - mit mir!“
Herauf ritt ein Hausbesetzer, angebracht auf einem Thoroughbred,
und unten kamen Troopers, eins, zwei, drei.
Wo ist dieses Jumbuck, welches Sie in Ihrem Tuckersack haben?
"Sie werden - Waltzing Matilda - mit mir kommen".
Hierauf sprang der Swagman in das Billabong,
"Sie verfangen mich nie lebendig!"
Und sein Geist ertrinkt, während es im Billabong singt:
"Wer wird - Waltzing Matilda - mit mir kommen?"
SPRECHER: Es wird wohl doch noch etwas dauern, bis Sprachcomputer in
der Lage sein werden, Sinn zu stiften.
Oder sollte „Billy“ Bryson vielleicht tatsächlich Recht haben
und das Lied ist:
Der reine Blödsinn?
BRYSON: „...Ein Billabong ist ein Wasserloch. Damit erhebt sich, noch bevor man die erste Zeile zu Ende gelesen hat, die Frage: Warum hat der Swagman, der Vagabund, sein Lager in dem Wasserloch aufgeschlagen? Ich würde daneben campieren. Sie sehen, was für Abgründe sich hier auftun. Die einzige Erklärung liegt darin, dass Paterson schon einen in der Krone hatte, als er zum Tintenfass griff und die Verse raushaute...“
SPRECHER: Wenn man nun noch weiß, daß ein Jumbuck ein
Schaf
ist, ein Squatter ein reicher Großgrundbesitzer und der Tuckerbag
ein Proviantbeutel, dann ist der Plot der Moritat eigentlich klar.
Aus juristischer Sicht handelt es sich bei der erzählten
Geschichte
um einen Mundraub mit anschließendem Selbstmord. Ein hungriger
Landstreicher
fängt und verspeist ein Schaf, welches ihm nicht gehört, wird
von dessen Eigentümer und einer Streife ertappt. Der Verhaftung
entzieht
er sich in tragischer Weise - durch Ertränken in einem Teich.
Aber ein paar Fragen bleiben darüber hinaus schon noch offen.
Wie gesagt...
BRYSON: „...der Swagman ist ein Mann auf Wanderschaft. Das Wort kommt von der zusammengerollten Decke, der Swag, die diese Leute mit sich trugen. Ein anderer Name für die Decke war Matilda, offensichtlich von dem deutschen Mathilde abgeleitet. Keine weiteren Fragen bitte! Mein Erkenntnisinteresse geht bis hierher und nicht weiter...!“
SPRECHER: Das unsere schon!
Im Dreißigjährigen Krieg nannte man die leichten
Mädchen,
die den Heeren folgten, Mathilde und später meinte man damit im
(ins
Textile) übertragenen Sinn die anderen Wärmespender der
Soldaten,
ihre schweren Wolldecken und Schlafsäcke nämlich.
Und auch der Begriff Waltzing ist zweideutig: einmal bedeutet es –
in korrektem Englisch - Walzer tanzen. Doch steckt auch hierin ein
deutsches
Erbe. In der Sprache der Handwerksburschen und im „Rotwelsch“ der
Gauner
und Tippelbrüder meinte das Walzen das Auf-der-Walz-Sein,
unterwegs
sein also.
BRYSON: „...Ein Billy ist eine Dose mit Henkel zum Wasser kochen und ein Coolibah tree eine Eukalyptusart. Nun haben Sie die australischen Begriffe. Warum der Mann auf der Walz mit seiner eingerollten Bettdecke einen Walzer tanzen will und warum vor allem er sich wünscht, dass ihm jemand oder etwas bei diesem grotesken und womöglich perversen Treiben Gesellschaft leistet (lieber Himmel, in der zweiten Strophe ist es ein Schaf), wird vermutlich nie beantwortet werden....!“
MUSIK: WALTZING MATILDA / SWINGLE SINGERS
ZITAT: > Australian News Service < 3. Mai 2000
MATILDA IST DA: AUSTRALIENS ERSTES KLON-SCHAF GEBOREN
„Südaustralischen Wissenschaftlern ist es gelungen, ein
Merinoschaf
zu klonen. Sie gaben ihm den Namen Matilda. Die notleidende
Wollindustrie
des Landes schöpft wieder Hoffnung. Australien gehört nun
endlich
zu den Top-Ten-Nationen auf dem Gebiet der Biotechnologien!“
MUSIK: WALTZING MATILDA / JOHN FAHEY
SPRECHER: Die Matilda-Forschung hat mit detektivischem Spürsinn
längst auch die Geschichte hinter der Geschichte entdeckt.
Es geschah um die Weihnachtszeit des Jahres 1894 in North-West
Queensland.
Die armen und geknechteten Schafscherer streikten wieder einmal, ein
Schafstall ging in Flammen auf und eine Verlobung in die Brüche.
MUSIK: FAHEY
SPRECHER: Der typische Swagman war einer der vielen Schafscherer, die in der Wollerntesaison unverzichtbar waren, aber für den Rest des Jahres, in arbeitsloser Zeit, für allerlei Scherereien verantwortlich waren oder gemacht wurden.
MUSIK: FAHEY
SPRECHER: Im Advent also versammelten sich in „Dagworth Station,“ im
Hause der angesehenen und wohlbestallten Macphersons, die Familie –
samt
liebreizendem Töchterlein – und „Banjo“ Paterson nebst Sarah
Riley,
seiner Verlobten.
Den Stall des Gutshauses hatten wütende und hungerleidende
Gewerkschafter
wenige Wochen zuvor abgefackelt. Rädelsführer der Brand- und
Unruhestifter war ein gewisser Samuel Hoffmeister, der sich
schließlich
auf der Flucht an einem Wasserloch die Kugel gegeben hatte. Ihm auf den
Fersen war Bob Macpherson (der Squatter) - zusammen mit 3 Polizisten -
den Troopers (one, two, three): Senior Constable Austin Cafferty
(Dienstmarkennummer
420), Constable Michael Daley und Constable Robert Dyer. Sie fanden
Hoffmeister’s
Leiche im Morast. Bei einem morgendlichen Ausritt zeigte man
später
Paterson das ominöse Billabong und als man am Abend dann wieder
gemütlich
bei Lammrücken und Scotch beisammen saß, da spielte die
hübsche
Christina auf der Zither eine alte schottische Weise: „Thou Bonnie Wood
o’ Craigielea“:
MUSIK: THOU BONNIE WOOD O’ CRAIGIELEA
SPRECHER: Und während Fräulein Macpherson anmutig zitherte,
improvisierte Paterson, inspiriert von der jungen Schönen und von
den gerade gehörten Geschichten, spontan ein Gedicht dazu.
So entstand ein neues Lied und eine Verlobung fand ihr Ende.
Er selbst fasste die Ereignisse später einmal zusammen:
ZITAT: “The shearers staged a strike… Macpherson's woolshed at Dagworth was burnt down, and a man was picked up dead... Miss Macpherson used to play a little Scottish tune on a zither and I put words to it and called it Waltzing Matilda!“
MUSIK: CHET ATKINS & TOMMY EMMANUEL
ZITAT: „Der `Matilda Highway´ führt rund 1500 km durch Queensland zu den historischen Schauplätzen. Die Schilder mit dem `Swagman´ weisen auf Sehenswürdigkeiten hin. Sie sollten ein Allrad-Fahrzeug bevorzugen und Sie sollten in der Lage sein, einen Reifen zu wechseln. Wegen der unbefestigten Straßenränder müssen Sie stets mit Steinschlagschäden rechnen. Kommt Ihnen einer der bis zu 50 Meter langen und bis zu 100 Tonnen schweren Road-Trains entgegen, halten Sie frühzeitig am Straßenrand an. Ihre Windschutzscheibe wird es Ihnen danken. Nachts müssen Sie ständig mit Tieren (auch Schafen und Rindern) rechnen, die unvermittelt auf die Fahrbahn laufen. Am Ende der Reise, in Karumba, können Sie sich dann bei einem schmackhaften Fischgericht von den Strapazen der Tour erholen. Aber Achtung vor den gefährlichen Salzwasserkrokodilen! Vergessen Sie nicht, eine Reisekrankenversicherung abzuschließen. Übrigens: Apotheke heißt in Australien: `Chemist´!“
SPRECHER: Gute Reise!
BRYSON: „...Andererseits ist die Melodie wunderhübsch und obwohl Eigenlob stinkt, muss ich sagen, dass ich sie besonders wohlklingend zum Vortrag bringe, wenn ich den Kopf aus dem Fenster strecke, um diesen Vibratoeffekt zu erzielen, der entsteht, wenn man bei voller Fahrt gegen einen Luftschwall ansingt...“
SPRECHER: Zum ersten Mal zum Vortrag gebracht wurde das Lied am 6. April 1895 von seinen beiden Schöpfern während eines Banketts im „North Gregory Hotel“ in Winton zu Ehren des Premiers von Queensland. Doch wirklich populär wurde „Waltzing Matilda“ nicht zuletzt als Jingle zu einer Werbekampagne. Im „Sydney Morning Herald“, Paterson’s ehemaligem Arbeitgeber also, stand kürzlich zu lesen:
ZITAT: “Die Methode des Product Placement ist nicht neu. Und bevor wir es den Yankees in die Schuhe schieben, sollten wir besser zuerst einmal in unserem eigenen Vorgarten (oder besser: Billabong) nachschauen. Ist Ihnen eigentlich schon aufgefallen, daß es zwei Versionen von Waltzing Matilda gibt? Paterson's Original enthält den Refrain: `Who'll come a-waltzing Matilda my darling? Who'll come a-waltzing Matilda with me? Waltzing Matilda and leading a waterbag / Who'll come a-waltzing Matilda with me?´ Warum nur hat der Swagman hier einen Wassersack, während er in der späteren Fassung plötzlich wartet, `'til his Billy boiled?´ Nun, weil kurz nach 1900 ein Tee-Produzent, die `Billy Tea company´, sich das Lied zu Reklamezwecken gesichert hat. Eine gewisse Mary Cowan wurde beauftragt, Waltzing Matilda ein wenig umzuarbeiten und zudem irgendeinen unüberhörbaren Hinweis auf `Billy Tea´ darin unterzubringen. Vielleicht war das sogar das erste Product Placement überhaupt. Die `Billy boiled´-Szene wurde also eingebaut, um den Hörer an jenes ach-so-feine Heißgetränk zu erinnern. Und die Partitur von 1903 zeigt tatsächlich `Billy´, nicht nur mit großem B sondern auch noch herausgehoben in Anführungszeichen!“
SPRECHER: Ein so erfolgreicher und gleichzeitig derart ungehobelter und erklärungsbedürftiger Song provoziert natürlich geradezu Um-, Neu- oder Nachdichtungen. Über 400 Versionen sind es bis heute.
BRYSON: „...Kennt man nur eine Strophe, ergibt sich über kurz oder lang das Problem, dass man sich wiederholt. Sie können sich also meine Freude vorstellen, als ich merkte, dass ich den Dingen einen gänzlich neuen Sinn verlieh, wenn ich statt `Billy boiling´ `Willy boiling´ sang (ja, warum nicht den Schniedelwutz kochen?) und circa siebenundvierzig neue Strophen ersann, die den Song dann nicht nur für lange Busreisen geeignet machen, sondern ihm auch ein Ausmaß an Kohärenz verleihen würden, an der es ihm seit einem Jahrhundert mangelt...!“
MUSIK: STREET HASSLE / LOU REED
SPRECHER: Während Lou Reed sich in seinem „Street Hassle“ offenbar vor allem am erotischen Unterton Matilda’s erregte, näherte sich Tom Waits in seinem „Tom Traubert’s Blues“ kongenial dem ursprünglichen Geist des Liedes und beschreibt einen ebenso armen Hund, einen Underdog, amerikanischer Provenienz. Bei ihm wird aus dem sich ersäufenden Schafscherer ein saufender Vietnam-Veteran (der, Rod Stewart sei Dank, schließlich sogar die Hitparaden stürmte):
MUSIK: TOM TRAUBERT’S BLUES / TOM WAITS
SPRECHER: Und in der Wiener Fassung von Wolfgang Ambros geht es halt auch irgendjemandem irgendwie ziemlich mies:
MUSIK: TOM TRAUBERT’S BLUES / WOLFGANG AMBROS
ZITAT: 6. März 2001
MATILDA'S GOLDENES VLIES
„Matilda wurde gestern zum ersten Mal geschoren und seine Wolle bei
einer Auktion meistbietend versteigert!“
MUSIK: TOM TRAUBERT’S BLUES / ROD STEWART
SPRECHER: Die Originalmelodie erklingt downunder bei jedem
größeren
Event – bei Sportveranstaltungen, Fernsehshows und Parteikongressen.
1976
gab es ein Referendum über eine neue australische Nationalhymne.
Matilda erreichte dabei mit 28,3 % überraschenderweise nur
Platz 2.
Doch sein Rang als beliebtestes Lied der Australier bleibt
unbestritten.
Das dürfte auch die Bilanz jenes Verlages belegen, dem Paterson
1900 für 5 Pfund Sterling die Rechte verkaufte. Seither ist der
Song
im Besitz von „Angus & Robertson“.
ANGUS: das Rind!
SPRECHER: Und zu den Klängen von „Waltzing Matilda“ pflegt auch das australische Militär sein Schlachtvieh an die Front zu schicken:
ZITAT: „And the Band played Waltzing Matilda“:
MUSIK: THE BAND PLAYED WALTZING MATILDA / POGUES
BRYSON: „...Ich hätte die Gesamtzahl der Strophen noch
höher
getrieben, doch als ich die letzte Rundung der Bucht nahm und der
Straße
ins Innere ein Stück lang durch Steppe folgte, kam ich an ein
Schild
`Der große Hummer´ und ließ ganz aufgeregt von meinem
musikalischen Zeitvertreib ab. Der berühmte große Hummer war
nämlich etwas - oder genauer: das Exemplar einer Spezies, das ich
schon so lange sehen wollte...“
SPRECHER: Ein 17 Meter langer Hummer aus Plastik gilt als
Sehenswürdigkeit
und Wahrzeichen des Städtchens Kingston.
BRYSON: „...Zu den liebenswerteren Schrullen der Australier
gehört,
dass sie gern große Dinge in Gestalt anderer Dinge bauen!“
MUSIK: THE BAND PLAYED WALTZING MATILDA / POGUES
SPRECHER: Anregungen und Material für neue unbehagliche Strophen jedenfalls, die gäbe es auch heutzutage mehr als genug:
ZITAT: 8.Februar 2003
DAS ERSTES AUSTRALISCHE KLONSCHAF IST TOT
„Canberra – Klonschaf Matilda ist knapp drei Jahre nach seiner Geburt
unerwartet gestorben. Wie die zuständigen Wissenschaftler am South
Australian Research Institute bei Adelaide am Freitag mitteilten, ist
die
Todesursache noch ungeklärt!“
MUSIK: THE BAND PLAYED WALTZING MATILDA / ERIC BOGLE
(Zitiert nach: BILL BRYSON „Frühstück mit Kängurus“ /
München 2001)
- - - -
(SWR2 / 28.3.09)
CLEMENS WILMENROD - Der
Schürzenjäger und das Päpstliche Huhn
(von Lutz Neitzert)
- "Amphitryon" -
JUPITER (= Clemens Wilmenrod): "Seit Ewigkeiten
dieser
langweilige, fade Wackelpudding!"
MERKUR: "Ambrosia entspricht der
überlieferten Ernährungsnorm
der Götter!"
JUPITER: "Leider ! Dabei gäbe es so viele
Möglichkeiten, den Speiseplan göttlich zu gestalten.
Hättest Du einmal
Hummercocktail gegessen, mein lieber Merkur, oder flambierte Scampi, Du
würdest
nicht so reden. Ein Filet Bourguignon würde Dich gewiß
bekehren..."
MERKUR: "Nun ja !?"
JUPITER: "...und Du würdest allen Widerspruch
vergessen, wenn Du danach golden saftige Pfirsiche zu Dir nehmen
dürftest - mit
Mandelsplittern. Stattdessen werde ich von Tradition und Etikette
gezwungen, in
ebenso erhabener wie genußarmer Meditation zu schweben, indes
unten pausenlos
gesoffen, gebraten, gedünstet und flambiert wird !"
Musik: "Westerwaldlied"
Sprecher: Fernab des Olymp, unweit der Fuchskaute,
erblickte
Jahrtausende später, am 24. Juli 1906, ein anderer Gourmet und
Frauenheld das
Licht der Welt. Carl Clemens Hahn, ein Müllerssohn aus Willmenrod
im
Westerwald. Dass er später
Schauspieler
werden und sogar einmal die Rolle des Jupiter übernehmen
würde, das hat er
damals bestimmt noch nicht geahnt. Aber eigenen Angaben zufolge war er
bereits
als Säugling...
Wilmenrod: "...dafür berühmt [...],
daß er die
Flaschenmilch schon dann zurückwies, wenn sie - für keine
noch so feine Zunge
seiner Umgebung erkennbar - ganz leicht zu säuern begann..."
Wilmenrod: "...Dieser
Knabe war ich. Ein Feinschmecker von Geburt aus !"
Sprecher: Römisch-katholisch wurde er
getauft, und das
führte - in einer erz-protestantischen Gemeinde - zu gewissen
zwischenmenschlichen Problemen. Der Willmenroder Karl-Heinz Schmidt
jedenfalls
erinnert sich:
Schmidt: "...also daß der Clemens nicht so
oft hier im
Dorf mit den Evangelischen spielen sollte - und so. Die Mutter war
streng
katholisch !"
Sprecher: Zum harten Kern der Willmenroder
Dorfjugend hat
der kleine Hahn sicher nicht gehört, aber vielleicht kam er ja
gerade wegen
dieser konfessionellen Kalamitäten und seiner
Außenseiterrolle auf seinen so
außergewöhnlichen Lebensweg ?! Zumal ihm als extrovertiertem
und talentiertem
Sproß einer recht wohlhabenden und auch intellektuell
ambitionierten Familie
einige Möglichkeiten offenstanden.
Für den schwäbischen Sternekoch Vincent
Klink jedenfalls
erklärt die Herkunft seines Bildschirmvorfahren Einiges -
wenngleich längst
nicht Alles:
Klink: "Ein Westerwälder - das ist
natürlich ein Stigma - und gleichzeitig ist er
eigentlich völlig frei an das Thema herangegangen - also er hat
überhaupt keine
große kulinarische Vorbelastung gehabt !
Wenn einer aus dem Westerwald kommt, mit den
dementsprechenden, sättigenden Gerichten - das ist ja wie bei uns
auf der
Schwäbischen Alb - wie kommt einer... mit solchen Vorfahren - zu
so einem... -
ich glaube, da stimmt gar nichts an der ganzen Vita - womöglich
ist er ein
Holländer !? Also es ist wirklich sehr sehr rätselhaft, wie
einer in den frühen
50er Jahren so international auftreten kann!"
Sprecher: Nun, er kam definitiv nicht aus den
Niederlanden,
sondern aus dem Oberwesterwald. Der Eintrag im Standesamt nennt als Ort
der
Geburt das Willmenroder Nachbardörfchen Oberzeuzheim.
An seiner Person scheiden sich bis heute die
Geister. Selbst
jene, die ihn noch persönlich kennengelernt haben, sind sich
uneins darüber,
was für ein Typ er denn nun eigentlich gewesen ist.
Krüger: "Er war sehr umgänglich - als
Mensch sehr
lieb..."
Sprecher: ...beschreibt ihn Arne Krüger, der
Gründer der
Zeitschrift "Feinschmecker". Ganz anders hört sich das allerdings
an
in den Schilderungen seines ersten Regisseurs, Ruprecht Essberger:
Essberger: "Wenn man irgendwas anschnitt, hat er
das
Gespräch an sich gerissen, weil er alles am besten wußte -
weil er eben ein
weitgereister Mann war - wie er sagte !"
Krüger: "Er war gar kein Großmaul -
nicht - immer
wieder mit heute verglichen!
Was er im Studio gemacht hat, das weiß ich
nicht
!"
Sprecher: Davon wiederum schwärmte die
Ansagerin Angelika
Feldmann:
Feldmann: "Wilmenrod war also vom Typ her sehr
gepflegt
- also früher hat man das als Bonvivant bezeichnet, wissen Sie, so
ein
eleganter Mann mit einem Smoking oder so. Und so war er auch in seinem
Studio,
in seinem Kochstudio!"
Schmidt: "Er war ja ein Lebemann und wußte
vor allen
Dingen, daß ihm der Frack gut stand !"
Feldmann:"Ja, er war eitel ! Aber ich fand das
angenehm
!"
Krüger: "So hat er sich verkauft. Man
muß von dieser
Kunstfigur am Fernsehen nicht auf die Person schließen. Die
Person war ganz
schlicht - die hatte nicht diese Politur oder dieses - ein
bißchen Österreichische,
so ein bißchen Schmäh oder was - gar nicht - er war ein ganz
stiller, ruhiger
Mann !"
Essberger: "Wenn er auch so den Bohemièn
als
rausstellte und auch sein wollte - er hatte auch was Bürgerliches.
Es gibt ja
auch Fotos von ihm, wo er wie ein Generaldirektor oder wie ein besserer
Prokurist am Telefon und am Schreibtisch sitzt !"
Feldmann: "Er konnte seeehr liebenswürdig
sein und Komplimente
machen - wenn man eine Frau war ! Aber er kümmerte sich, glaube
ich, einen
Scheißdreck darum, was die Leute von ihm dachten. Er war er
selber -
ausgesprochen!"
Sprecher: Als er im Gästebuch eines
Restaurants einmal den
Eintrag "Bundeskanzler Konrad Adenauer" entdeckte, da schrieb er
gleich auf die gegenüberliegende Seite "Bundesfeinschmecker
Clemens
Wilmenrod" !
Schmidt: "Mit dem Clemens Hahn konnte er als
Schauspieler nichts anfangen - und da hat er gesagt, `dann nehme ich
den
Künstlernamen Wilmenrod´ !"
Sprecher: Allerdings schrieb er sich - anders als
der Ort -
mit nur einem L !
Und obwohl die Familie Willmenrod später
verließ, hat er
immer Kontakt gehalten zu seinem Heimatdorf:
Schmidt: "...wenn wir Zwei uns in Wiesbaden
begegnet
sind - also vielleicht zwei oder drei Mal sind wir uns begegnet - dann
habe ich
immer gewartet, bis das Schauspiel aus war - und dann haben wir uns vor
dem
Kleinen Haus - war das in Wiesbaden, in der Dotzheimer Strasse - dann
kam der
Clemens und dann hat er gesagt, `Wat gebt edd dann Naues en
Willmenrod?´ -
Westerwälder Platt !"
Sprecher: Und dem Ehepaar Schmidt bescherte er
einmal einen
ganz besonderen Fernsehabend:
Schmidt: "Einen Tag vor unserer Hochzeit - am 22.
Januar 1954, da hat er im Fernsehen zu seinen Landsleuten gesprochen -
während
der Sendung - in Platt - da war die ganze Wirtschaft voll - wir waren
die
einzigen, die einen Fernseher hatten, hier in Willmenrod... und da kam
alles
angerannt - und am nächsten Tag hatten wir Hochzeit - ist
rumgegangen - wir
haben zusammengehalten - über 50 Jahre verheiratet... !"
Musik: "Westerwaldlied"
Schmidt: "Ja, der war hier in der Schule bis zu
seinem
14. Lebensjahr. Und dann hat er Müller gelernt - von der
Mühle aus !"
Sprecher: Die Willmenroder hatten es aber immer
schon
gewußt:
Schmidt: "Da ist hier eine Frau, die hat dann
gesagt,
`Clemens, Dau bess en Weltfuchel´ ! (Lachen)“
Sprecher: Der Weltvogel
nahm Schauspielunterricht.
Doch danach begann erst einmal eine elende
Tingelei durch
die Niederungen dieses Gewerbes.
Krüger: "Bunte Nachmittage und so - da war er
die
verbindende Nummer - nicht. Genau wie
dieses `Dinner for One´ - dieser - Frinton hieß der doch !"
Zitatsprecher: "White Wine with the Fish !"
Sprecher: Erst 1935 erhielt er dann eine festere
Anstellung
- in Wiesbaden.
Trotz seiner - in dieser Hinsicht prekären -
Herkunft sprach
er übrigens völlig dialektfrei. Es sei denn, er unterhielt
sich mit seinen
Wällern - oder er studierte als Komödiant eine Rolle in
fremder Mundart:
Wilmenrod: (Hessisch)
"Der Herrschaftsgärtner! Monolog eines alten
Wiesbadener Gärtners, der im Garten einer Villa
Räumungsarbeiten vornahm: Hey
passe se uff, batsche se ma net uf denne Blume rum - mache se keen Ferz
-
vorsischtisch - nicht druftrede !"
Sprecher: 1940 wechselte er dann ans
Komödienhaus nach
Dresden.
Wilmenrod: (Sächsisch)
"Hatschi - soll doch da Daiwel holen, die ewischen
Erkältungen hier oben - is doch forschbar - ich wär besser
auch diesen Winter
wida in Venedisch geblieben !"
Sprecher: Kurz vor Ende des Krieges wird er - mit
dem
letzten Aufgebot - noch einberufen - und am Ohr verwundet.
Wilmenrod: "Da können Sie eine Zigarette
durchstecken
!"
Sprecher: Seine - unveröffentlicht
gebliebenen -
Erinnerungen an diese Zeit nannte er: "Ohne mich - 111 Tage
Kriegserlebnisse !"
Wilmenrod: "Der Untergang Dresdens beendete alles!
Und
ich hatte das Vergnügen, das Elend des Hungers bis zur
Nährhefe durchzukosten -
wieder in Wiesbaden !"
Sprecher: Sein lukullischer Werdegang verlief bis
dahin noch
weitgehend im Verborgenen.
Wilmenrod: "Bei mir hat sich der Sinn für die
praktische Kunst der Küche erst nach dem 30. Geburtstag
entwickelt. Ich stellte
mich zwei Monate lang neben meine Schwester Gertrud an den Herd. Es
wurde mir
ein ungewöhnliches Talent bestätigt !"
Sprecher: Und eine
innere Stimme schien immer lauter zu werden.
Wilmenrod: "Unten in einer Kiste sah ich den
goldbraunen Einband aufleuchten, den seit Kindertagen wohlbekannten -
das
Kochbuch der Mutter: `Henriette Davidis - Handbuch der feinen
Küche´. Wie eine
Reliquie barg ich es an der Brust. Wo sind, frage ich Sie, die Zeiten,
da die
Mutter unter Tränen der bräutlichen Tochter als letzten
Gruß vor der
Hochzeitsreise ein Zettelchen ins Dekolleté steckte mit den
Worten: `Wenn gar
nichts mehr verfängt, koche ihm das - das wirft ihn um!´ Was
stand auf dem
vergilbten Zettel? Kein Liebestrank, kein Giftrezept - nein, eine
Mahlzeit, die
seit Generationen durch die Familie gegangen war, mit einem Wort: ein
Familienrezept! Bei uns ist es der Hasenpfeffer !"
Sprecher: Und natürlich kam Inspiration - in
weiblicher
Gestalt comme il faut - auch aus dem Lande der Haute Cuisine:
Wilmenrod: "Zu den reizenden Gespielinnen, die
einem im
Laufe eines langen Lebens begegnen, gesellte Amor, der Schelm, eine
bezaubernde
Französin, mit der ich nicht nur sondern auch in gastronomische
Beziehung trat.
Sie polierte mich - küchentechnisch ! - auf Hochglanz. Unsere
Parties waren
geheim, aber berühmt !"
Sprecher: Doch dann begegnete ihm die Tochter
eines
Wiesbadener Fleischers namens Klink !
Klink: "Tatsächlich !?"
Sprecher: Wenn auch nicht verwandt mit seinem
schwäbischen
TV-Nachfahren, konnte Wilmenrod sich aber immerhin in ihrem
Familienkreis…
Zitator: "...ausführlich
über die erlesensten Stücke von Rind und Schwein
informieren...“
Sprecher: ...wie der Spiegel schrieb.
Zitator: "Der Metzgermeister gab dem
wißbegierigen
Junggesellen seine Tochter Erika zur Frau, ungeachtet der Gefahr,
daß der
Feinschmecker später wieder Sehnsucht nach fremden Küchen
bekommen könnte
!"
Wilmenrod: "Als das neue Geld kam, drückte
ich meine
junge Frau zum Befehlsempfang in den Sessel. `Ab heute´, sagte
ich, `beginnt
eine neue Ära in unserer Küche. Du sollst Wunderdinge
erleben. `Ja´, sagte Sie,
`laß mal kommen´. Und ich ließ kommen !"
Sprecher: Die Fleischtöpfe des Herrn Klink
hatten ihm über
die Hungerjahre hinweggeholfen und nun war es dessen Tochter, die ihn
die
ersten Stufen der Karriereleiter hinaufbegleitet - oder
möglicherweise
hinaufgeschubst hat.
Klink: "Ja, es ist vielleicht die Frage, inwieweit
seine Frau, die hinter ihm stand, ihn gesteuert hat. Weil die muß
auch ziemlich
intelligent gewesen sein !"
Krüger: "Sie war ja leitende Redakteurin bei
Brigitte
!"
Sprecher: Das Paar zog in die Medienhauptstadt
Hamburg.
Wilmenrod: "Ich spielte den Redakteur in Thornton
Wilder's `Unsere kleine Stadt´. Das schlug ein! Und endlich bekam
ich Kontakt
zum Rundfunk !"
Sprecher: Natürlich hatte er gehört und gesehen, daß am ersten Weihnachtstag 1952 das Fernsehzeitalter begonnen hatte. Und - ganz auf der Höhe der Zeit - spürte er sofort, daß dort ein Platz für ihn sein könnte. Zusammen mit seiner Frau wartete er in dem zu einem Behelfsstudio umgebauten Bunker am Heiligengeistfeld auf ein Bewerbungsgespräch, als dort gerade eine Naturkundesendung lief.
Es machte klick !
Wilmenrod: "Die ersten Gedanken in punkto
Fernsehküche
waren Eidechse-Hände-Omelett. Als wir zum ersten Male das Wunder
des Fernsehens
erlebten, sahen wir einen Giftforscher mit einer schrecklichen Echse
hantieren.
In Großaufnahme ! Es war aufregend im Höchstmaße. Und
als altem Theaterhasen
war mir sofort klar, daß die Fernsehkamera mit Nahaufnahmen
magische Wirkungen
erzielen müsse. `Stell Dir vor´, flüsterte ich, `dieses
Biest wäre ein Omelett
gewesen!´ Sie begriff !" 9
Sprecher: Ob er nun wirklich das geistige
Urheberrecht
allein für sich beanspruchen darf, daran zweifelt so mancher:
Krüger: "Die Idee, das umzusetzen fürs
Fernsehen, ist
sicher von seiner Frau. Denn Sie war eine Publizistin - er war ja -
ähm - er
nannte sich später Schauspieler - aber das war - Conferencier
für Bunte
Nachmittage oder so - nicht - die Leute, die dann da vorne Stand-ups,
so
Witzchen erzählen und dann ... !"
Sprecher: Werner Pleister, der verantwortliche
Intendant des
Nord-West-Deutschen-Rundfunks, jedenfalls entschied, quasi aus dem
Bauch
heraus, engagierte den bis dahin glücklosen Mimen und lag, wie
sich schnell
zeigen sollte, goldrichtig.
Wilmenrod: "So wuchs in meinen Gedanken eine
kleine
Küche von vielleicht 4 m im Quadrat. Der Plan mußte aber
doch noch ein wenig
abgeändert werden, da das Ganze zu klein geraten war. Ich
fürchtete, die Küche
könne nun zu groß werden. Es war ja leicht auszurechnen,
daß ich, wenn ich nach
hinten gehen und ein Messer greifen wollte, drei Schritte würde
tun müssen und
um an den Tisch zurückzukehren, wiederum drei. Das sechs verlorene
Sekunden.
Sie werden lächeln, mein lieber, goldiger Mensch ? Nein, nein,
wenn man sich
anmaßt, in 10 Minuten einem Publikum etwas `lebend´ zu
kochen, kommt es
wirklich drauf an, auch nicht eine einzige Sekunde zu verlieren !"
Klink: "Ich glaube, um das logistisch
durchzuziehen -
auch wenn es nur eine 10-Minuten-Sendung ist - muß man fast
Schauspieler sein -
oder man hat eben, so wie ich, die Gelegenheit, sich in 10, 11 Jahren
da
hochzuwursteln, daß man es hinkriegt. Allein, daß man das
im Kopf sortiert
kriegt - muß man eigentlich fast diese Begabung des
Auswendiglernens - und
Drehplan - was weiß ich - die ganze Dramaturgie im Kopf haben.
Und das hat er
ja gehabt. Das wäre einem Koch, so wie mir, nicht möglich
gewesen, das damals
zu machen !"
Essberger: "Nein, es gab von uns aus kein
Drehbuch.
Aber er kam vorbereitet - er kam wirklich wie ein Schauspieler
vorbereitet -
mit seinen Geschichtchen zu dem passenden Essen, was er zelebrierte. Da
waren
wir sicher, daß er das immer gut brachte !"
Sprecher: Die technische Leitung der
Wilmenrod-Sendungen
wurde zwei Fernsehleuten mit durchaus passenden Namen übertragen.
Der Chef vom
Dienst hieß Küchenberg und der Regisseur, wie wir bereits
hörten, Essberger -
und der mochte seinen Star, wie wir ebenfalls bereits hörten,
nicht !
Essberger: "Ich habe keine persönliche
Freundschaft zu
ihm aufgebaut !"
Sprecher: Man war sich, gelinde gesagt, nicht
grün.
Reeh: "Das gibt es heute bei vielen Produktionen
auch
noch !"
Sprecher: Das Ergebnis ihrer Zusammenarbeit, das
allerdings
bewundert sein Fernsehenkel Mirko Reeh – der sein eigenes Restaurant
nicht ohne
Grund `Wilmenrod´ taufte - als große Pionierleistung:
Reeh: "Auf ihn laufen ja alle Kochsendungen heute
immer
noch hinaus. Vom Prinzip her immer die gleiche Mechanik - in
Schälchen
vorbereitet, teilweise vorgeschnitten, teilweise Techniken gezeigt und
es setzt
sich so fort und heute ist es nach wie vor genau dasselbe !"
Wilmenrod: "(Schnippelgeräusche) - Sie
wissen, wie man
eine Zwiebel schneidet !? Hinten, wo sie gewachsen ist, wo sie
angewachsen war,
hält sie zusammen. Man macht Längsschnitte und zwei
Querschnitte und hat sie
sofort feingeschnitten da !"
Reeh: "Oder auch so prägende Sachen - `Das
haben wir
schon mal für Sie vorbereitet´ - oder `damit Sie das gleich
sehen und genießen
können, haben wir das für Sie schon einmal vorproduziert. Und
hier, schauen Sie
mal an´ - also ich fand diese Sendung sehr amüsant -
wirklich sehr amüsant
!"
Sprecher: Ein Problem löste sich - gerade
noch rechtzeitig -
auf raffinierte Weise. Bei vielen Nahaufnahmen kam sein eigenes
Antlitz, wie er
meinte, viel zu selten auf die Mattscheibe.
Wilmenrod: "Da kam fünf Minuten vor Beginn
der ersten
Sendung der Karikaturist Mirko Szewczuk mit dem Pinsel - sagte:
`Bleiben Sie
mal stehen, das ist mir ein bißchen zu leer auf der Brust´
- und machte mit
schwarzer Farbe meinen Kopf auf die Schürze. Als die Sendung
begann, war der
noch naß - und blieb natürlich drauf - in alle Ewigkeit !"
Reeh: "Ich habe dann sogar eine alte Schürze
über E-Bay
bekommen - ja - bin mir nicht sicher, ob das eine echte ist - aber so
wie sie
ausschaut und angeranzt ist, gehe ich davon aus, daß es entweder
eine sehr,
sehr gute Kopie war, oder halt wirklich ein Original !"
Zitator "21:10
Uhr `Sind Sie im Bilde - Die Ereignisse der letzten 14 Tage - wie der
Zeichner
Szewczuk sie sieht´ / 21:20 `Merkwürdige Hausgenossen -
Schnecken, Eidechsen,
Schildkröten´ (ein Kulturfilm) / 21:30 `Bitte in 10 Minuten
zu Tisch -
Kochkunst für eilige Feinschmecker´ mit Clemens Wilmenrod !"
Wilmenrod: "Welche Geheimnisse stecken in der
Fernsehküche? Nicht ein einziges! Vor der Filmkamera gibt es
zahllose
verschwiegene Dinge, weil man sie anhalten kann. Die Fernsehkamera
dagegen läßt
sich nicht stoppen. Sie ist ein stets offenes Auge !"
Sprecher: Alles sollte man dann aber wohl doch
nicht sehen:
Essberger: "Allerdings - gekocht hat er eigentlich
nicht selber. Das hat seine Frau gemacht. Und die stand neben der
Dekoration.
Die hat man nie gesehen !"
Sprecher: Oder vielleicht doch ?!
Reeh-4: "Aber manchmal sah man ihre Hände !"
Wilmenrod: "Daß die Sendung ein Abenteuer
sein würde,
wurde mir mehr und mehr klar, je näher der erste Termin herankam.
20. Februar
1953 - die Sendung wird zum ersten Male gefahren..."
Sprecher: ...da war das Deutsche Fernsehen also
gerade
einmal 8 Wochen alt...
Wilmenrod: "...die Probe verlief glatt. Ich hatte
folgendes Menü, vorgesehen: Fruchtsaft im Glas / Italienisches
Omelett /
Kalbsniere gebraten mit Mischgemüse und Mokka. Am Nachmittag habe
ich das Ganze
zu Hause noch einmal durchgekocht - mit der Stoppuhr. Am Abend trat ich
in das
nun glühende Studio. Das Thermometer zeigte 52 Grad - das ist die
Mittagstemperatur der Libyschen Wüste. Ich kannte sie von einer
Afrikareise im
Sommer. Als ich auf den Tisch blickte, sah ich kein Fett mehr, keine
Butter,
nur noch elende Tümpelchen und auf der Kalbsniere saß ein
riesiger Brummer.
Egal, es ist geschafft worden ! Während ich stöhnend in einen
Sessel sank, kam
schon der Sendeleiter ins Studio - ein Anruf aus Köln sei gekommen
und man habe
nach der Niere gefragt. Die Sendung habe gefallen ! So fuhr ich fort,
und die
lieben, goldigen Menschen taten wirklich das, was ich von ihnen
erwartet hatte
- sie kochten mir nach !"
Sprecher: Da die MAZ, die Magnetaufzeichnung, erst
1956
eingeführt wurde, existiert leider keine Aufnahme der Premiere.
Wilmenrod: "Ja,
so schön bunt - wie auf diesem Farbfoto - ist die
Fernsehküche in Wahrheit. Was
Sie stutzig macht, ist die gelbe Schürze, nicht wahr? Weil eine
weiße auf dem
Bildschirm eine zu stark blendende Fläche ergeben würde.
Darum ist im
Fernsehstudio alles Weiße gelb !"
Reeh: "Aber das ist schon sehr witzig - gerade das
witzige mit der Schürze, mit der gelben Schürze - daß
die im Fernsehen weiß
wurde - und das ist heute bei uns ähnlich. Wir haben
eingefärbte Kochjacken und
Schürzen, sodass die dann im Fernsehen weiß sind !"
Wilmenrod: "Für mich selbst ist die Mahlzeit
ein
`abgelegtes Requisit´. Meine Arbeit ist mit dem Erlöschen
des roten Lämpchens
an der Kamera getan. Und es hat sich der nette Brauch herausgebildet,
daß
diejenigen, die da sind, sich als meine Gäste fühlen und an
den Tisch kommen -
vom Hilfsarbeiter bis zum Intendanten !"
Feldmann: "Wir waren damals relativ ausgehungert -
und
dann saßen Irene und ich und andere Kollegen schon in
Habachtstellung, wenn er
endlich fertig war - und dann sind wir hin und haben das Ganze
aufgegessen -
das war herrlich - muß ich sagen !"
Sprecher: Beeindruckt hat er das Publikum vor
allem durch
seinen vollendeten Stil. In seinem ganzen Habitus - vor allem aber
sprachlich -
schlug er einen für viele abgestumpfte deutsche Ohren ungewohnten
Ton an, meint
Vincent Klink:
Klink: "Was auch noch sehr erstaunlich ist - wenn
Sie
z.B. Menschen in dieser Zeit angucken - wie sie gekleidet waren, wie
sie
geredet haben - hatten die immer noch so ein totalitäres
Geschnarre drauf -
durchs 3. Reich. Und er wirkt richtig international - zwischen
Franzose, Manhatten-Amerikaner
- also nicht Texaner - so Clark Gable-mäßig - Hollywood - so
eine Mischung - wo
der Zuschauer sich sicher gesagt hat, `Hey, der war nicht in der
Hitlerjugend´
- so ähnlich, ne. Er muß also dann schon von sich aus eine
Haltung gehabt haben,
die irgendwie jenseits Adenauers war - sagen wir mal so - das waren
noch
richtige Haudraufdeutsche - `jetzt kommen wir´ - und `ich brauche
alle 15
Minuten ein Pils, sonst wird's mir schlecht´- und diese
Sprüche. Er war
eigentlich ein feinsinniger Typ !"
Sprecher: Ein Markenzeichen war seine Anrede.
Zunächst
begrüßte er sein Publikum mit:
Wilmenrod: "Ihr lieben, goldigen Menschen"...
Sprecher: ...das fand der Intendant wohl doch
etwas albern -
woraufhin Wilmenrod nun sagte:
Wilmenrod: "Liebe Brüder und Schwestern in
Lukullus"...
Sprecher: ...was wiederum ein Theologe blasphemisch
fand. Dann hieß es
- für seine Verhältnisse doch eher prosaisch -
bloß noch:
Wilmenrod: "Verehrte Feinschmeckergemeinde!"
Sprecher: ...und schließlich:
Wilmenrod: "Guten Abend, meine Lieben!
Das Menü, das ich demonstrieren will,
heißt: Verlorene Eier
auf Toast mit Salami dazu ein Salat, Durieux genannt - Erfindung meiner
großen
Kollegin Tilla - und dann Gefüllte Erdbeeren..."
Sprecher: Wilmenrods Küchenklassiker sind
unvergessen! Die
Fliegenpilze etwa, kreiert aus Tomaten, betupft mit Mayonnaise aus der
Tube.
Und natürlich das Wilmenrod-Gericht schlechthin:
Musik: Jimmy Bryant "Deep Water"
Wilmenrod: Toast Hawaii !
Klink: "Die Dosenananas war ja der Hit der Saison
- und
selbst heute esse ich manchmal - wenn ich das irgendwo sehe - man hat
ja immer
wieder mal die Lust aufs Andersschmeckende - und das darf dann auch
ruhig
einmal ein bißchen pervers sein - und das ist's ja auch - eine
Ananas und
Schinken und Toast - und ich muß sagen, schmeckt klasse - also
beim zweiten
wird man wahrscheinlich die Schnauze voll haben - aber der erste
schmeckt
irgendwie prima - das geht mir manchmal auch beim Hamburger so,
daß der so
schnell reinrutscht, daß man ... war ja gar nicht so schlecht -
bestellt sich
gleich noch einen zweiten und - zack - wird's einem übel !"
Sprecher: Vieles aus seiner Sendung fand - aller
kulinarischen Bedenken zum Trotz - den Weg in bundesdeutsche
Partykeller und
Dia-Abende. Dabei ist nie ein Michelin-Stern in seiner Nähe
gesichtet
worden.
Wilmenrod: "Wissen Sie, es gibt ja in der
Küche keine
feste Vorschrift - es ist ja keine Kaserne - es kann jeder machen in
der Küche,
was er will - wenn der Salat ihm nicht - wenn er ihm zu sauer ist, na
dann
macht er ihn ein bißchen süßer - und dann ist es halt
sein Salat !"
Krüger: "Das war gut gemacht - weil er
brauchte sich
auf kein Glatteis zu begeben - wie heute - `Zitronengras an Schokolade
auf
Gänseleber mit Weißichwas´,
nicht !"
Sprecher: Aber dennoch hatten seine Gerichte
Pfiff, wie er
zu sagen pflegte:
Wilmenrod: "Das ist die Basis zu einem ganz
gewöhnlichen grünen Salat - wenn Sie so wollen - aber es ist
ein Pfiff dabei,
meine Lieben. Und dieser Pfiff ist der Roquefort! Hier ist ein
Stück davon.
Schon Karl der Große - der Name dürfte Ihnen aus dem
Schulfunk irgendwie
bekannt sein - 768 bis 814 - schon Karl der Große liebte den
Roquefort. Er
haßte die Sachsen, aber den Roquefort, den liebte er. Sehen Sie -
und das ist
der Pfiff an diesem Salat !"
Klink: "...`Amerikanische Leber mit
Sauerkrautsalat´...!"
Wilmenrod: "...Lachsröllchen mit Meerrettich
- die
Vorspeise schlechthin..."
Klink: "...Ja, `Würstchen mit Austern -
tolles
Katerfrühstück´ steht hier, ja ... !"
Wilmenrod: "...ein Giganto-Omelett - aus
Straußenei..."
Musik: "Prelude e-moll op.28/4" von Chopin
Wilmenrod: Abschied vom Sommer ! Der Titel ist so
sentimental wie die Mahlzeit selbst..."
Sprecher: ...ein Tomatenpfannekuchen...
Wilmenrod: "...man kann sie eigentlich nur
bereiten,
wenn man dazu das e-Moll-Prelude von Chopin hört !"
Wilmenrod: "Das Päpstliche Huhn - aus dem
Kochbuch des
Bartolomeo Scappi, Cuoco secreto des Papstes Pius V.
Ein junges Huhn, etwas später im Jahr nimmt
man besser einen
Kapaun, reichlich fetten Speck, eine Semmel, in Milch geweicht (Scappi
nimmt
statt ihrer noch mehr Speck, ich finde aber diese Überfettung
heute nicht mehr
zeitgemäß), Sauerkirschen, Grapefruit, Pimpernelle, Majoran
und - für Mutige -
eine Knoblauchzehe !"
Sprecher: Und diese Sache hatte ein noch
pikanteres
Nachspiel:
Wilmenrod: "Ich war Molotows Leibkoch !..."
Sprecher: ...nein nein, den Molotow-Cocktail, den
hat er
nicht auch noch erfunden...
Wilmenrod: "...In der Zeitung las ich über
einen Besuch
des sowjetischen Außenministers in Ost-Berlin: `Die für
Molotow vorgesehenen
Brathühnchen wurden nach dem Rezept des westdeutschen Fernsehkochs
Wilmenrod
gefüllt.´ So kam es, daß der Genosse ausgerechnet das
Leibgericht des Papstes gegessen
hat -
der Ärmste !"
Sprecher: Die Wilmenrod-Ära umfaßte das
ganze Jahrzehnt vom
Ende des Hungers bis zu den ersten Abmagerungskuren.
Wilmenrod: "Im Februar 1945 in die Reihen der
letzten
Goten eingefügt, machte ich eine Zeit von hundertundelf Tagen als
Nibelungenrecke mit. Das war - unter anderem - eine Fastenkur, die sich
gewaschen hatte. Der Kampf selbst ist ja das wenigste. Die Zugaben sind
es, die
einem den Appetit an diesem seltsamen Handwerk nehmen. Oder ist es
schon
Heldentum, einen elenden Fraß zu fressen ? Im Anschluß an
meine aktive
kriegerische Tätigkeit kam eine Gefangenschaft von - gottlob! -
nur einer
Woche. In dieser gab es dann gar nichts mehr zu essen !"
Musik: Wolfgang Neuss & Wolfgang Müller:
"Lied vom
Wirtschaftswunder"
("Wir Wunderkinder - von 1945 bis - na, erst mal
abwarten...")
Klink: "Aber es war eigentlich die Zeit, als er
auftauchte - da war man eigentlich aus dem Überlebenskampf raus.
Es war ein
Licht am Ende des Tunnels !"
Musik: ("..Jetzt kommt das Wirtschaftswunder.
Jetzt
gibt's im Laden Karbonaden schon und Räucherflunder. Jetzt kommt
das
Wirtschaftswunder. Der deutsche Bauch erholt sich auch und ist schon
sehr viel
runder...")
Klink: "Auf jeden Fall hat er ein kleines
Ränzlein
gehabt - also die Schürze ist gefüllt, die er an hat !"
Sprecher: Den "bauchigen Herold des
Wohlstand-Ahnens" hat man ihn einmal genannt!
Musik: ("...Jetzt schmeckt das Eisbein wieder in
Aspik.
Ist ja kein Wunder nach dem verlorenen Krieg!")
Klink: "Es ging ihm schon darum - heute machen wir
mal
was Festliches, was Besonderes. Und deswegen war glaube ich auch er in
erster
Linie - der Einfluß auf Männer, die am Wochenende mal nett,
schön geköchelt
haben - so aus gesellschaftlichem Ereignis und aus Lust und
Kulturstreben -
weiß der Teufel, was..."
Sprecher: ...Wilmenrod
selbst gehörte einem Kölner
Männerkochclub an und in Mainz dem Stammtisch "Die Schwarzen
Säue"...
Klink: "...und
die Hausfrauen hat das nicht so sehr interessiert. Die haben
nämlich mit ihrem
bißchen Haushaltskässchen da sowieso gerade gucken
könne, wie sie ihren
Falschen Hasen da zusammengedoktert haben. Weil - also - das waren
schon, sagen
wir mal, die ersten Signale des Überflusses !"
Sprecher: Allerdings nannte er in den ersten
Jahren noch
explizit eine andere Zielgruppe:
Wilmenrod: "Ich wende mich in der Hauptsache an
jene
Generation der jungen Frauen, die heute auf die Dreißig gehen.
Sie haben
unverschuldet die furchtbarsten Jugendjahre erlebt - in brennenden
Kellern. Sie
konnten nicht kochen lernen. Es gilt, diese Generation zu retten !"
Sprecher: Jedenfalls animierte er auch so manchen
deutschen
Mann zu tollkühnen Küchenexperimenten - vor allem zur
Weihnachtszeit. Was dem
familiären Streßpegel am Heiligen Abend sicher nicht immer
zuträglich gewesen
sein dürfte. Beginnen konnte er noch ohne jede Rücksichtnahme
auf Body-Mass-Indizes oder Sodbrennen - aber
dann zeigten sich in der Bevölkerung erste Kehr- und Speckseiten
des
Wohlstandes.
Wilmenrod: "Wenn
ich mich nun für das leichte Essen einsetze, so hat das seinen
Grund. Wir
dürfen nicht einschlafen am Steuer und auch nicht bei einer
Besprechung. Hier also dann ein leichtes
Mittagsgericht..."
Sprecher: ...wobei er diätetische
Maßstäbe anlegte, die
nicht unbedingt unserem Begriff von leichter Kost entsprechen...
Wilmenrod: "...bereiten
Sie eine Bechamel-Sauce, bestreuen alles mit Käse, geben
Butterflöckchen
obenauf, überbacken es und servieren Sie es mit einem
Kartoffelpüree.!"
Sprecher: Das
ist nun weder low-fat noch low-carb - aber so eng sah er die Sachen
eben
grundsätzlich nicht.
Wilmenrod: "Keine Extreme! Vielleicht geht die
Entwicklung der Menschheit dahin, daß wir als Engel enden ?
Geschaffen sind wir
als solche nicht! Vegetarier !? Wir respektieren sie..."
Sprecher: ...allerdings konnte er sich eine kleine
sexistische Spitze wohl nicht verkneifen...
Wilmenrod: "...ich kann meinen Vater aber
verstehen,
der da sagte: `Mit einem Vegetarier am Tisch sitzen heißt, mit
einer frigiden
Frau nach Capri fahren!´"
Sprecher: Apropos Capri !
Musik: Vico Torriani "Caprifischer"
Wilmenrod: "Die Caprifischer - ganz privat !
Vor dem Kriege kannte ich sie alle
persönlich. Diese Zeit
war die glücklichste meines Lebens. Jammer, Jammer, was aus diesem
Kleinod
geworden ist ! Ein Jahrmarkt, ein billiger. Viele Insulaner mögen
von den neuen
Touristenmassen profitiert haben, die Fischer aber haben nichts geerbt.
Nur ein
Schlager wurde für sie geschrieben. Ich blieb bis zum Ausbruch des
großen
Elends. Und es lebte auf der Insel ein Wesen, in welchem sich
Schönheit und
Geist in ganz seltener Weise vereinigt hatten. Das gute Kind war allein
und so
kam es denn, daß wir die denkbar größte Nähe zum
bevorzugten Zustand unseres
Miteinanders machten. Mit Annemarie kam ich in die Osteria `Rupe
Tarpea´ und
dort gab es Zuppa di pesce. Eines meiner größten
kulinarischen Erlebnisse
!"
Wilmenrod: "Überall ist die Menschheit am
Brutzeln und
mit aller Liebe und Schläue dabei, sich die paar irdischen Tage so
angenehm wie
nur möglich zu machen !"
Klink: "Und das kann man ja den Deutschen wirklich
nicht nachsagen, daß sie nicht neugierig wären. Und exakt zu
dieser Zeit kam
schon das Exotische in die deutsche Küche. Und da hat man es
irgendwie - das
Fernweh gestillt - und das war eigentlich schon kurz vor dem Dammbruch,
als
dann die Deutschen nach Rimini gestürmt sind und praktisch die
Strände
eingenommen haben !"
Wilmenrod: "Gugge se sich doch die Lappärsch
o - uff de
Audobahn - net - wie se nunnerfahrn üwwer de Brenner - alse nunner
- als noch
weidä - es kann jo gar ned weit genuch sei - net. Und wenn se dann
unne an de
Stiwweelspitz net ins Wassa fahren däde - na dann dädn se
doch noch weidäfahrn
-
ach gehnsema doch fott !"
Musiken: Vico Torriani "Malaguena" / Mantovani
"La Paloma" / Sussan Deyhim "Bade Saba"
Wilmenrod: "Wie wird man Reisender? Was eingeboren
sein
muß, ist die Sehnsucht nach der Ferne. Was kann es, so frage ich,
Größeres geben,
als am Bug zu stehen ! /
Überbackene Auberginen, Basilikum, Spaghetti
Bolognese... /
Eiskalt war die Melone; der Schinken, dünn
geschnitten wie
ein Briefbogen, Wein - welch zarter Akkord !
Küchenmäßig könnte man es eine
Pastorale nennen.
Du willst, o Leser, diese Sprache verzeihen; du
verstehst
sie nicht, sofern Du nicht mein Bruder bist! Solltest Du zu denen
zählen, die
der Ruf: `Kartoffeln können nachgefaßt werden!´
befriedigt, so mögen Dir die
Götter verzeihen, ich kann es nicht ! /
Pranzo ist in Italien das, was man in den USA brunch nennt - ein breakfast-lunch, also
bei uns wäre es ein erweitertes zweites Frühstück ! /
Kabáb ! Das Fleisch wird an Stäbe
gesteckt und über Feuer
langsam gebraten. Dazu ein Fladenbrot. Ein Eßbesteck
erübrigt sich ! /
Beim Chinesen .... Ente mit acht Kostbarkeiten -
Leckereien,
für die wir kaum einen Namen haben. Man soll manche Dinge auf sich
beruhen
lassen. Würden Sie Wert darauf legen, die Vergangenheit einer
Geliebten
lückenlos wie einen Ingenieurbericht vor sich liegen zu haben?
Sollten Sie
diesen Wunsch wirklich besitzen, wäre das Gespräch zwischen
uns beendet. Denn,
sich für die Vergangenheit einer Frau interessieren, hieße
in die Küche gehen
und der Zubereitung beiwohnen, der Zubereitung vielleicht einer Ente !"
Sprecher: Sehr charmant, wirklich !
Zwar trat er mit der ein oder anderen Sottise
über fremde
Länder, fremde Sitten auch schon einmal in den Fettnapf...
Wilmenrod: "...im
Libanon gibt es mehr Spitzbuben
als auf der gesamten Nordhalbkugel zusammen..."
Sprecher: ...von solchen stammtischnahen
Ausrutschern einmal
abgesehen, war er aber einer der wichtigsten Weltöffner für
Ottonormalverbraucher. Und gelegentlich mahnte er diesen, sich doch
bitte
anständig aufzuführen:
Wilmenrod: "Reisen, speisen, entgleisen ! Womit
wir im
Ausland am meisten entgleisen ist, wenn wir dem süßen Weine
zusprechen. Wenn
uns Germanen also ein besonders großer Durst anfällt, heben
wir uns den besser
auf für die Rückkehr. Wir haben einiges nachzuholen, was
unser Ansehen
anbelangt !"
Musik: "Winnetou"-Melodie
Sprecher: Doch wie bei dem anderen
Reiseerzähler, dem aus
Radebeul, mehrten sich auch bei Wilmenrod die Verdachtsmomente:
Krüger: "`Dies habe ich Ihnen mitgebracht von
meinen
Reisen´ - wie Karl May so - das war so - nicht. Ja, ich
weiß gar nicht, ob der
so weltläufig war. Was uns verführt - natürlich im
nachhinein - seine Dinge,
die er so dargeboten hat - 1001 Nacht-Haschee oder der Schaschlik aus
den
arabischen Nächten oder irgendsoetwas - das waren ja
umfunktionierte
Heimatgerichte - eigentlich - erfunden hat er ja nur die Namen und die
ganze
Assiette !"
Sprecher: Auch an Ruprecht Essberger nagten
begründete
Zweifel:
Essberger: "Er hat so getan, als wenn es ganz selbstverständlich ist, daß er
in Rio
war und daß er in Ägypten war. Aber ob er wirklich da war,
möchte ich sehr
bezweifeln! Ich glaube, er hat sich das angelesen und ein bißchen
da wie Karl
May fungiert. Wir wollten ihn auch nicht kränken - wir haben es
also nicht in
Zweifel gestellt, aber unter uns haben wir, hinter vorgehaltener Hand,
haben
wir gesagt, `Na ja, der spinnt!´"
Sprecher: Und dann schildert er Wilmenrod, mit
kaum
verhohlener Schadenfreude, als seekranken tollen Hecht - auf der Ostsee:
Essberger: "Und da hatten wir ziemlich schweres
Wetter.
Und er hat dann gespuckt - er kniete an der Reling, kam dann hoch - er
hatte
schon in der Koje gelegen - mit seinen langen Unterhosen - und das war
natürlich nicht gerade das Bild des großen Kochstars !"
Wilmenrod: "Jetzt wird ein sogenannter Fond
gemacht -
d.h. eine Salatsoße - aus Tomatenketchup und einem Schuß
süßer Sahne - das gibt
allein schon einen wundervollen Creme - ineinandergerührt.
Dorthinein kommen
nun die guten Heringe . Das ist ungefähr, wenn es durchgehoben
ist, dann der
Heringsalat nach Art der bretonischen Fischer !"
Musik: Deyhim "Bade Saba"
Sprecher: Eine Fernreise, nach Afghanistan, die
zumindest
scheint 1957 tatsächlich stattgefunden zu haben:
Wilmenrod: Unter den
Sternen des Hindukusch !
Kabul - eine Karawanserei im Gebirge - in der man
sich fühlt
wie in Abrahams Schoß. Die Stadt zählt 300.000 Einwohner -
ohne die Frauen,
denn die zählen nicht. Es herrscht ein wildes Leben und der Basar
birgt
blühendes Gewerbe. Von hier aus führt eine relativ gute
Straße nach
Norden..."
Sprecher: ...und
dieser folgte er dann und staunte über jenes architektonische
Weltwunder, das
2001 religiöser Intoleranz zum Opfer fiel:
Wilmenrod: "Je weiter man das Bamian-Tal
aufwärts
kommt, um so mehr hat man das Gefühl, daß die irdische Welt
versinkt. Man wird
ihr entrückt. Rechts vom Wege ab, beginnt eine graurote Wand. Und
in den Fels
hineingeschnitten, steht stumm und grau ein Schemen, eine riesige
Statue - in
bedrückender Melancholie. Es ist Buddha, der Erhabene, hoch wie
ein Kirchturm
!"
Musik: (noch einmal kurz) "Bade Saba"
Wilmenrod: "Man sagt, daß alle
Bergvölker heiteren
Temperamentes und schnellen Sinnes seien. Die Schweizer bilden wohl die
Ausnahme,
die die Regel bestätigt !"
Musik: Alphorn-Klänge
Wilmenrod: "Das Käse-Fondue! Meist wird ein
Pfänderspiel mit diesem Essen verbunden, dergestalt, daß
derjenige, dessen
Brocken in der zähen Masse zurückbleibt, ein Pfand zu geben
hat, sei es nun
eine Flasche Wein oder einen Kuß !"
Sprecher: Alljährlich zu Silvester schmilzt
auch der
Deutsche seit Wilmenrod Emmentaler!
Und hierzulande ?
Wilmenrod: "Nun,
es gibt einen Braten, der seinesgleichen auf der Welt sucht - in einem
Städtchen, das in einem feuchten Tale des Hunsrücks liegt:
Idar-Oberstein.
Edelsteinhändler, weitgereiste Leute, lernten in Brasilien den
Spießbraten
kennen, der soeben dabei ist, auch bei uns `Mode´ zu werden !"
Musik: "Torero Marsch" aus der
"Carmen-Fantasie" (von Francois
Borne)
Wilmenrod: "Das Torero Frühstück !
Hören Sie, was mir
die glutäugige Schöne verriet: `Eine Toastscheibe dick mit
Leberwurst
bestreichen, dann in der Pfanne braten, auf einem Salatblatt auf den
Teller
legen, dünne Zwiebelringe darüberbreiten und ein Spiegelei
daraufgleiten
lassen: Olé !"
Sprecher: Und zur
Siesta dann einen:
Wilmenrod: "Salat Don Clemente !
Diesen Salat komponierte ich im Jahre 1951 auf
Mallorca in
einem Bungalow unter hellgrünen Pinien. Dort stand eine..."
Sprecher: ...selbstredend
wiederum...
Wilmenrod: "...glutäugige Schöne. Sie
sah mir tief in
die Augen und hauchte: `Der Salat war wundervoll, Don Clemente´
!"
Essberger: "Und wir haben ihn dann später
eigentlich im
Studio Don Clemente genannt. Und das fand er auch gut. Er war auch ein
Macho -
aber das hätte ihn nicht gekränkt, weil er ja Don Clemente
war und Don Clemente
muß auch ein Macho sein. Und damals waren Machos ja auch noch en
vogue !"
Sprecher: Einer alten Männerphantasie widmete
er
folgerichtig das Schlußkapitel seines Buches "Wie in Abrahams
Schoß"
- dem...
Wilmenrod: "...Harem ! Leider ist hier nicht der
Platz
für ein ausführlicheres Kapitel. Leider, sage ich, denn ich
wäre durchaus in der
Lage, ein wenig aus der Schule zu plaudern. Ich habe nämlich -
halten Sie sich
bitte fest! - im Harem gelebt. Ich will keine Namen nennen. Wie dem
auch sei,
[...] es kommt zunächst darauf an, ob man den Mann für
polygam hält oder nicht.
Wenn der Mann ehrlich ist vor sich selbst, muß er zugeben,
daß er polygam ist
!"
Sprecher: Zuerst verschwurbelt er sich in Pro und
Contra -
Sowohl-als-auch - Hü und Hott:
Wilmenrod: "Zwar wäre der Gedanke absurd,
diese
löbliche Institution auf unsere Verhältnisse übertragen
zu wollen. Doch gehen
meine bescheidenen Beobachtungen dahin, daß der Frau dort im
allgemeinen besser
zumute ist, wenn sie ein wenig unter ihm steht. Die Gleichberechtigung
hat ihre
zwei Seiten, denke ich mir. Der Harem gleicht einem Schiff. Ist die
Gesellschaft
der Fahrgäste von Natur aus glücklich komponiert, wird es
eine schöne
Fahrt..."
Sprecher: ...bis ihm
endgültig die Pferde durchgehen:
Wilmenrod: "Doch worin unterscheiden sich nun
diese
Frauen von den unsrigen? Man kann es mit einem Worte sagen: sie sind
glücklicher !"
Sprecher: Aber jenseits der erotischen
Wunschbilder unseres
Westerwälder Hahns - im wahren Leben?!
1958 ließ sich Gattin Erika jedenfalls von
ihrem
Remouladencasanova scheiden !
Krüger: "Sie war eine optisch sehr biedere
Frau - eine
bescheidene Frau, die ihre Arbeit machte - so war das bei Constanze und
bei
Brigitte - diese Redakteurinnen waren alle Rechtschaffene,
Geradegebürstete -
keine Paradiesvögel - so war sie auch !"
Sprecher: Im Fernsehen aber unterhielt er
weiterhin sein
Publikum mit sinnlichen Geschichten... über vielversprechende
Hohlräume:
Wilmenrod: "Ich saß an einem
Frühlingsnachmittag, es
war vor dem Kriege, in Rom in einem Café. Da kam eine
Bäuerin vorbei und bot
Erdbeeren an. Ich nahm ein paar und während ich nun so den Stil
herausdrehte,
sah ich, daß da ja ein Hohlraum entstand. Wenn man nun Koch aus
Passion ist,
wissen Sie, dann denkt man über solche Dinge nach - besser gesagt:
man träumt
davon. Also ich ging wochenlang mit dieser Gefüllten Erdbeere
sozusagen
schwanger und träumte von ihr - und wußte nicht, womit ich
sie füllen sollte.
Aber ich sagte mir, Hölderlin hat geschrieben, `ein Gott ist der
Mensch, wenn
er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt´!... Aber eines
Tages fiel es mir
ein. Ich lag morgens noch im Bett - meistens die beste Stunde - da
wußte ich's,
womit sie zu füllen sei: mit einer Mandel !"
Klink: "Da muß ich sagen - er hat eigentlich
beseelt
gekocht !"
Sprecher: Er hatte in der Fernsehküche seine
Lebensaufgabe
gefunden, aber ab und zu wechselte er das Metier - als Sprecher in
Hörspielen.
1959 in "Der Traum von Wein und Weizen" - einer frühen Warnung vor
der Ökokatastrophe von Siegfried Lenz.
Und 1965 dann in Dieter Kühns "Vorspiel zu
Amphitryon" - ideal besetzt ... als Jupiter, seines Zeichens Meister im
olympischen Seitensprung:
- "Amphitryon" -
MERKUR: "Denkt an Eure göttliche Gemahlin !
Ach!"
JUPITER: "Wie lange ist es her, seit ich einen Menschen so nahe gesehen habe ?! So genau ?!
Dein Gesicht ist schön ! Daß einem vor
der Schönheit keine
anderen Worte einfallen, als immer nur schön !"
MIRA: "Aber hier, in der Küche - ich -
entschuldigt,
daß wir noch immer in der Küche uns befinden !"
JUPITER: "Ich habe nichts gegen Küchen !!!
..."
Musik: „Hochzeitsnacht
im Paradies“
Sprecher: Was die erhoffte Filmkarriere anbetraf,
so reichte
es nur - seinem Ego wenig schmeichelnd - für Nebenrollen. In der
„Hochzeitsnacht im Paradies" oder der Musikkomödie „Ein Ferienbett
mit 100
PS"... als Hochstapler Willi Wimmer...
Und einmal, da sieht man ihn, aber nur, wenn man
ganz genau
hinschaut, sogar in einem echten Hollywood-Streifen - „Entscheidung vor
Morgengrauen", mit Oskar Werner und Hildegard Knef.
Als Fernsehpionier erlebte er den spannenden
Übergang vom
elitären zum Massen-Medium. Arne Krüger erinnert sich an die
Anfänge:
Krüger: "Es war schon eine kleine, aber
natürlich
intellektuell auch bemühte Schicht von Leuten, die ihn zur
Kenntnis nahmen -
wohlwollend - er machte ja keine Fehler !"
Sprecher: Nun ja, sagen wir, er machte wenige...
An die
Grenzen seiner küchenhandwerklichen Fähigkeiten stieß
er angesichts eines
Weihnachts-Puters, den er, fachkundigen Augenzeugen vom "Verband der
Köche
Deutschlands" zufolge, nicht tranchiert, sondern wohl eher, nun ja,
zersäbelt hat.
In den frühen 1960ern saß dann bereits
ein Millionenpublikum
am Nierentisch, schaute in eicherustikale Fernsehapparate - und der
erste
veritable Bildschirmstar, das war unser Schürze tragender
Schürzenjäger.
Reeh: "Und ich glaube auch, wenn er auf dem
Bildschirm
war, diese 10 Minuten, dann war wirklich die Straße leer ! Und
die Leute sind
gerne nach Hause gekommen, haben ihn sich angeschaut und haben am
nächsten Tag
das gekocht und haben dann auch darüber diskutiert und gesprochen.
`Ach, guck,
hier das habe ich von Clemens Wilmenrod gemacht - ah - das mußt
Du auch mal
kochen´ - und `hast Du's gesehen - ach ja´ - und ich
glaube, da war noch mehr
unter den Leuten dann los. Heute, wenn man ein Rezept haben will, oder
man hört
mal was, guckt man im Internet - schon hat man 200.000 Ideen dazu !"
Sprecher: Auch daheim, in Willmenrod, wuchs der
Stolz auf
den berühmtesten Sohn des Ortes:
Schmidt: "Und dann war das wie im Kino! Das war
Kino -
da ging es hier im Dorf rum, `heute Abend ist der Clemens im
Fernsehen´ - da
kam alles in die Wirtschaft... und da waren die Tische, die waren
draußen - da
waren alles so Stuhlreihen, wie im Kino - mußte das Bier, wenn
jemand etwas
trinken wollte, so in die Reihen durchreichen...! Ja, die wollten nur
den
Clemens sehen."
Sprecher: Parallel dazu begann er Mehrwert zu
erwirtschaften, indem er zur Feder griff.
Zitator: „Es liegt
mir
auf der Zunge" / „Clemens Wilmenrod bittet zu Tisch"...
Wilmenrod: "Wenn Sie kein Barbar sind - und Sie
sind
keiner mehr, wenn Sie dieses Buch lesen - muß Ihnen, um es
medizinisch
auszudrücken, die Sekretion Ihrer Mundspeicheldrüse... na,
das wissen Sie
selbst !" 37
Reeh: "Wenn man heute eine Bestsellerliste machen
würde
- alle Kochbücher - er wäre mit allen seinen Büchern auf
Platz 1 bzw. 1,2,3,4,5
- wie auch immer - wieviel er gemacht hat !"
Sprecher: Aber auf dem Höhepunkt des Erfolges
zogen erste
dunkle Wolken auf. Als Productplacement noch - Hinterlist andeutend
-Schleichwerbung hieß, beherrschte er diese lukrative Form des
Nebenerwerbs
bereits in Perfektion. 1955 nahm sich der Spiegel die Bildschirmikone
unter
diesem Blickwinkel zum ersten Mal investigativ vor:
Zitator: "Mit
boshafter Freude registrierten die Werbeberater ein Ansteigen der
`Untergrundwerbung´. Welche suggestive Wirkung das neue Medium
auf die
Zuschauermassen hat, können die Werbefernseh-Dienste, leicht an
den
Nebenwirkungen einiger erprobter Sendungen ablesen. Während der
Funk- und
Fernseh-Ausstellung zum Beispiel, als Clemens Wilmenrod, der Koch des
NWDR-Fernsehens, vor der Kamera einen Kabeljau zubereitete, meldeten
anderntags
die `Nordsee´-Filialen: Kabeljau ausverkauft. Der
`Fernseh-Werbedienst´
verzeichnete denn auch freudig und ungeniert: `Das Schönste bei
der Sache ist,
daß Wilmenrod, ähnlich wie Berthold Schwarz, gleich die
richtige Formel fand.
Jener für das Schießpulver, dieser für die
Fernsehwerbung´..."
Wilmenrod: "Und nun ein bißchen Öl in
die Schüssel
hinein - Paprika - habe ich hier in dem Gewürzautomaten - den
kriegen Sie für
ein paar Pfennige - überall - sind sechs Gewürze in einem
drin!"
Sprecher: Und vier Jahre später, holte man
dann zum großen
Schlag aus - Wilmenrod-Bashing auf 11 Seiten - in süffisantestem
Spiegeldeutsch:
Zitator: "Auf dem
Bildschirm erscheint ein menjoubärtiger 52jähriger Bonvivant,
der ein Feinschmeckermahl
ankündigt, das er in einer kleinen Brutzelküche zubereitet.
Während er mit
modernen Kleinküchengeräten hantiert - wohl um zu zeigen, wie
vielseitig die
Produktion der Haushaltsgeräteindustrie ist. Der Nimrod der
Fernsehküche nennt
sich Clemens Wilmenrod; laut Paß trägt er jedoch den Namen
eines gefiederten
Haustieres, das er in gerupftem Zustand gern den Infrarotstrahlen
seines
Grillapparats, des `Schnellbraters Heinzelkoch´, aussetzt..."
Klink: "Mein Vater hatte so ein Ding - ein kleines
Blechkistchen - und übrigens sehr praktisch für
Singlehaushalte. Das war kein
großes Ding - das war nur so, daß man was da reinschieben
konnte. Entweder es
hat geglüht oder nicht. Das würde man sich heute von manchem
modernen Herd auch
wünschen !"
Zitator: "Seine Popularität veranlaßt
viele Werbechefs,
ihm eine Nebenbeschäftigung als Reklamezugpferd einzuräumen.
Die erste Firma,
die den `Doppelkopf´ einspannte, war `Pott´. Seiner
Fernsehgemeinde empfahl er,
sich einen sogenannten `Rumtopf´ zuzulegen !"
Schmidt: "Der Clemens, der hat dann gesagt, `ja,
dann
nehme ich einen Schuß Pott-Rum´!"
Sprecher: Notabene - der Spiegelartikel selbst wurde - ebenso ungeniert - unterbrochen durch diverse Werbeanzeigen für Sekt, Whisky und Kühlschränke.
Aber dann folgte noch der Verriß eines
Fernsehkritikers mit
dem schönen Pseudonym Telemann:
Zitator: "Durch die Wüste! Gehacktes
Rindfleisch wird
in eine Schüssel gegeben. Man schlägt ein rohes Ei hinein.
Eine Zwiebel, eine
Gewürzgurke... Das Ganze wird in einer Pfanne gebraten. `Freund in
Lukull´,
rief der Weißhäutige. `Wie nennt man dieses Gericht?´
Und Almuluk, Sohn des
Omar, gab lächelnd zur Antwort: `So wisset denn: es heißt
Arabisches
Reiterfleisch !´ Weil Telemann von klein auf eine Schwäche
für das
Abenteuerliche im Herzen trägt, ging er in die Küche. Das
Reiterfleisch, das
unter seinen Händen willig Gestalt annahm, war ohne Zweifel das
authentische.
Denn Telemann hat das Rezept ehrfürchtig befolgt. Und doch - als
er die Frucht
seiner Mühen vom Herd nahm, schmeckte sie nach, jawohl, Buletten..
!"
Reeh: "Klar, die Geschichte war erstunken und
erlogen -
aber die Leute waren glücklich. Vielleicht fehlt uns das heute,
daß es einen modernen
Märchenerzähler gibt ! Jemanden, der uns schöne
Geschichten erzählt ... reine
Phantasie - und die Leute einfach ein gutes Gefühl dabei haben -
und auch noch
den Nutzen dann wiederum daraus, man kriegt noch was Interessantes,
Leckeres
auf den Tisch. Ich finde das genial !"
Zitator: "...Nun sind Buletten gewiß ein
ehrbares
Essen. Doch daß sie der Wunderwelt Arabiens zuzurechnen seien,
will nicht ohne
weiteres einleuchten. Telemann stieß auf jemanden, dem der
Schaukoch in einer
Anwandlung von Freimut die Wahrheit gesagt hat. Wilmenrod - so
berichtet der
Gewährsmann - bereiste im Jahre den Nahen Osten, bekam die
Amöbenruhr und wurde
ins Hospital von Beirut eingeliefert. Dort lernte er die Frau des
deutschen
Generalvertreters der Daimler-Benz-Werke kennen. Die Dame nahm sich des
rekonvaleszenten Landsmannes mildtätig an und bewirtete ihn mit
jenem
Fleischgericht. Das sind die Tatsachen. Keine hingelagerten Kamele,
keine
stampfenden Vollblüter - nur ein paar Amöben !"
Krüger: "Ich war bei der Vorbereitung dieses
Textes
Spiegel dabei. Und die haben mich auch gefragt, ja, `kann man ihm
irgendwas
anlasten?´ - und ich sagte, `Sie können ihm gar nichts
anlasten! Wenn er aus
einer Bulette 1001 Nacht macht, dann ist das eben so. Aber es verkauft
sich gut
und fertig ist es - nicht - und ist auch gut so!´ !"
Sprecher: Auch Kultursoziologen beschäftigten
sich mit dem
Phänomen Wilmenrod im allgemeinen und dem Arabischen Reiterfleisch
- der
Frikadelle Cousine gewissermaßen - im besonderen. Gerd
Hallenberger etwa
schreibt...
Zitator:
"...statt die reale Herkunft der Gerichte zu benennen, wurde mit Hilfe
fiktiver Referenzen ein komplexer semantischer Raum eröffnet.
Völlig unabhängig
von der Echtheit der Bezeichnung konnte das `Arabische
Reiterfleisch´ die
Bilder einer Karl May-Romantik evozieren und der `Venezianische
Weihnachtsschmaus´ gleich zwei Sehnsüchte kombinieren – die
Sehnsucht nach
`Weihnachten´, dem Fest der Liebe, Familie und Harmonie, und
diejenige nach dem
wichtigsten Traumland der 50er und 60er Jahre, Italien. Beim
`Weihnachtsschmaus´ handelt es sich im Wesentlichen um ein
paniertes Schnitzel
!"
Sprecher: Sogar das amerikanische Time
Magazine nahm sich der Sache an. Bei den „German
Hausfrauen", so vermutete man dort, wecke dieser "Television
Cook" wohl vor allem die Sehnsucht nach einer vollautomatisierten
„American Kitchen".
Jener Spiegel-Artikel - und vor allem ein sich
ändernder
Publikumsgeschmack - beendete schließlich Wilmenrods beispiellose
TV-Karriere... man schob ihn ab ins Nachmittagsprogramm - bis zur
letzten Folge
am 16. Mai 1964.
Seinen verbliebenen Fans hatte er gesagt, er wolle
lediglich
eine Pause machen, bis ihm das Farbfernsehen endlich eine wirklich
angemessene
Präsentation ermöglichen würde. Das allerdings hat er
dann nicht mehr erlebt.
Wilmenrod: "Sie sehen, ich setze mir dieses
scharfgeschliffene Messer an die Brust, denn ich behaupte, die
Gefüllte
Erdbeere ist eine Erfindung von mir. Sollte jemand sonst auf der Kruste
dieses
Planeten schon mal eine Gefüllte Erdbeere gesehen oder gar
gegessen haben,
melde er sich sofort. In diesem Augenblick wird dieses blitzende Ding
in mein
armes Herz hineinfahren. Nun? Es meldet sich niemand? Dann können
wir ja
weitermachen !"
Sprecher: Weiter machten aber andere: Max
Inzinger, Ulrich
Klever, Horst Scharfenberg... Und Vico Torriani, in dessen Sendung
"Hotel
Victoria" Wilmenrod einen seiner letzten Auftritte haben sollte.
Kurz vor seinem Tod feierte er dann seinen 60.
Geburtstag
noch einmal daheim in Willmenrod:
Schmidt: "Und da hat er noch gesagt, `laß
die ville
Tellerscher do - platt gesprochen - brauche ma nedd !´ - da
wollte er nichts
von wissen - der wollte da richtig nochmal einheimische - `brauchst De
nedd,
gelt´ - und mit seinen Schulkameraden hat er da nochmal seinen
Geburtstag
gefeiert... / ...das war ein Klassentreffen, Jahrgangstreffen. Da haben
sie
Kaffee getrunken im Nebenzimmer - Westerwälder Kuchen -
Krümelkuchen und
Pflaumenkuchen - und hatten wir die Dessert-Teller dabei - `Laß
die ville
Tellerscher da!´ - ja, das sprach der dann in Platt !"
Sprecher: Am 12. April 1967 starb Clemens
Wilmenrod in einer
Münchner Klinik.
Krüger: "Ja, ich habe ihn noch auf dem Weg
ins
Krankenhaus getroffen. Da standen wir am Flughafen zusammen - und da stand er mit seiner Aktentasche - und
da hatte er sich wohl die Pistole besorgt - denn im Krankenhaus hat er
sich ja
erschossen - nicht - Lungenkrebs im letzten Stadium wollte er nicht
mitmachen.
Er hat darüber nicht gesprochen nicht - nur es muß das
gewesen sein - der
Moment - hatte er Freigang zu Hause und wieder ins Krankenhaus - und da
hat er
ja Schluß gemacht - weil er das nicht miterleben wollte. Er war
starker Raucher
- wie so oft bei so was - nicht !"
Musik: Liszt: "Reminiscences de Don Juan" (daraus
die Variationen über "Reich mir die Hand, mein Leben")
Klink: "Er hat sicher ein bißchen darunter
gelitten
unter der Fallhöhe zwischen seinem Ruhm und der Wirklichkeit - da
ging es einem
Roy Black ähnlich !"
Reeh: "Ich wüßte sofort jemand, der den
perfekt spielen
könnte: Walter Sedlmayr ! Der hätte Clemens Wilmenrod sofort
spielen können.
Das war so ein kleiner, schrulliger Opi - na - der nett war,
sympathisch war,
bißchen geheimnisvoll, bißchen Dreck am Stecken - aber der
hätte den sofort
spielen können !"
Krüger: "Sedlmayr war doch ein Grantler -
neinein, das halte
ich für völlig schief !"
Schmidt: "...kann ja sein, daß er da gesagt
bekommen
hat, daß er Lungenkrebs hätte - ja - und da hat er gesagt,
`dann brauche ich
auch nicht mehr zu leben!´ - er war ja ein Lebemann !"
Klink: "Und der hat aber auch, rein vom
Äußerlichen
her, schon einen sophisticated Eindruck im Fernsehen gemacht !"
Schmidt: "Ich sage dann immer, die haben das alles
vom
Clemens gelernt !"
Reeh: "Und Clemens Wilmenrod - heute noch der
Klassiker
schlechthin - ich fand, er hat das super gemacht !"
Krüger: "Und er machte es sehr gut. Also das
ist das,
was wir ihm nachrufen können !"
Reeh: "Und er war halt kein gelernter Koch - und
ich
glaube, das hat die Sache - ja das Ganze so sehr sympathisch gemacht !"
Krüger: "Hut ab! !"
Klink: "Ja und das Clark Gable-Bärtchen, das
ist schon
cool !"
Wilmenrod: "Man müßte sich auf einer
Burg am Rhein
langsam vollaufen lassen und in die andere Welt
hinüberdämmern !"
Sprecher: Bei der Wahl der 100 größten
Rheinland-Pfälzer im
Jahr 2007 kam Clemens Wilmenrod auf Platz 90 ... 54 Ränge hinter
Johann Lafer !
Musik: "Hymne le
Nemesis"
- "Amphitryon" -
JUPITER: "Ah, da kommt ja schon der nächste
Gang ! Eine wahre Fleischpalette ! Darf
ich schon
fragen, was es zum Nachtisch gibt - nur aus Vorfreude ?!"
DANAE: "Eine kleine Erfindung von mir ! Golden
saftige
Pfirsiche mit Mandelsplittern, in Grand Marnier flambiert, auf
Vanille-Eis, mit
heißer Schokoladensoße übergossen !"
JUPITER: "Also Pfirsiche à la Danae !!!"
DANAE: "Wie Sie wollen !"
JUPITER: "Das ist Seligkeit !"
MERKUR: "Oh..."
DANAE: "Es donnert oft heute !"
Musik: (Schlußpassage) "Hymne le Nemesis"
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