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FRIEDRICH WOLF: DOKTOR ISEGRIMM - DER WOLF, EIN VEGETARIER

DIE MODERNE GESELLSCHAFT, IHRE MUSIK UND IHR SINN FÜR HUMOR

SCHERZO SERIOSO- Über den Witz in der ernsten Musik

WALTZING MATILDA - Underdogs und tote Schafe
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CARL EINSTEIN
"SCHULZE IST WIEDER HERR DER SCHÖPFUNG UND DER WELT"

(von Lutz Neitzert)
 

"Der Einstein. Das ist eine kometarische Angelegenheit, insofern der Einstein ein Schwanz- oder Irrstern des metaphysischen Himmels ist, aus dem er zuweilen, auf nicht erklärbare Weise, da seine Bahn nicht berechenbar, in die Erdatmosphäre abirrt, hier zum Glühen kommt und zum Sprühen und Spucken. Sein also irdisches Auftauchen ist katastrophal für bürgerliche Hirne, deren breiige Substanz bei Einsteins größter Erdnähe zum Kochen kommt. Worauf der Einstein wieder seine metaphysische Laufbahn fortsetzt, von der nicht einmal sein schärfster Beobachter Rowohlt weiß, wie sie verläuft"!

So steht es in Franz Blei's "Großem Bestiarium" von 1920  und meint den Schriftsteller, Kunstkritiker, Kulturwissenschaftler, "Edelanarchisten" und "Juden ohne Gott" CARL EINSTEIN.

Ein angenehmer Zeitgenosse war er gewiß nicht, jener "kleine rundliche Mann mit großer Hornbrille und leiser penetranter Stimme", dessen literarische Texte und Rezensionen, gelinde gesagt, Unbehagen verbreiteten. Der von ihm diagnostizierten "Neurasthenie und Schnodderigkeit" der Kaffeehausintelligenzia begegnete er "arrogant wie Einstein"(Hugo Ball). Er war ihnen suspekt, den "Genies von Berlin", und sie ihm zuwider. So pflegte er denn, nachmittags gegen vier Uhr im Cafe Größenwahn, "in der Ecke, links vom Eingang, schräg gegenüber dem kleinen Tisch, an dem Max Liebermann, Max Slevogt, Emil Orlik, Leo König und manchmal auch Heinrich Zille" residierten, Platz zu nehmen und sich Feinde zu machen.

Geboren wurde Carl Einstein (vormals Karl) als Sohn eines jüdischen Kantoren- und Lehrerehepaares am 26.April 1885 in Neuwied/Rhein. Die ersten Jahre seines Lebens verbrachte er hier, in dieser Barockresidenz der Fürsten zu Wied, im Angesicht "idiotischer Schloßpfauen", zwischen Herrnhuter-Viertel ("rational und totenstill, geometrisch wie eine alte Jungfer...Die Kirche...kahl wie ein Operationssaal, Gott als weißes Quadrat") und "Klein-Frankreich", dem Bezirk des "Pöbels und der Stadtverrückten".
"Diese langweilige Stadt...versandet...den Rhein (und) scheint langsam zu sterben".
1888 zog die Familie dann flußaufwärts, nach Karlsruhe. ("Ich werde dieses ekelhafte Nest nie vergessen"). Vater Einstein kam als Direktor an eine Schule für den Religionslehrernachwuchs und Carl vom Regen in die Traufe. Wieder Barock, wieder Fürstenresidenz und auch in dieser "mittleren Stadt, worin mittlere Menschen wohnten, die einige andere zum Wahnsinn und in Verzweiflung trieben, zogen die Straßen linealklar gerichtet durch eine müd ausgeweitete Flachlandschaft".
Karlsruhe, ein verheißungsvoller Name, doch sein "Altrheinalptraum" begann.
Der Vater starb unter mysteriösen Umständen in einer Nervenklinik, vermutlich durch Selbstmord, und auf der Schule machte ihm die "übliche Ignoranz der Lehrer einen häßlichen und dauernden Eindruck. Unwahrscheinlich deformierte Bürger dösten und quälten zwischen Stammtischen und Grammatik. Humanistische Monstres".
Er flog aus dem Abitur, erlitt eine Banklehre und floh (nachdem er versehentlich einen Tausendmarkscheck in den Papierkorb geworfen hatte) 1904 nach Berlin.
Dort studierte Einstein Philosophie bei Riehl und Simmel, Kunstgeschichte bei Wölfflin und Altphilologie bei (Nietzsche's Antipoden) Wilamowitz. Die folgenden Jahre sahen ihn als Mitarbeiter der diversen, oft kurzlebigen Kulturzeitschriften der Avantgarde, die da hießen: "Die Gegenwart", "Der Merker", "Der Demokrat", Pfemfert's "Aktion" oder auch (nomen est omen) "Die Pleite".
"Damals schrieb ich 'Bebuquin': Blei druckte das in den 'Opalen' und damit war man zwanzig und in der Literatur"!
Es war ein vielbeachtetes Debut, dieser sprachlich und konzeptionell mehr als skrupellose (heute bei Reclam verlegte) Roman "Bebuquin oder die Dilettanten des Wunders".
("Als ich den publizierte, hieß es, ich schriebe das besoffen").
Vor allem unter den ausgewiesenen Bürgerschrecks der Szene und nicht zuletzt den beiden Verlegern Blei und Pfemfert fand das kaum hundert Seiten starke Stück experimenteller Prosa begeisterte Anhänger.
Kurt Hiller schrieb in einer Rezension: "Studieren und genießen Sie, wenn Ihre Zeit Ihnen lieb ist, 'Bebuquin', diesen unendlich gedankenreichen, obzwar zu privatterminologischen Roman, den Carl Einstein jetzt der Weltgeschichte übergeben hat", für Hugo Ball (DADA-Zürich) gaben die "Dilettanten des Wunders die Richtung an", und Gottfried Benn (mit dem ihn bis zu dessen brauner Wende eine enge Freundschaft verband) erkannte: "Einstein, der hatte was los, der war weit an der Spitze"!

"Ich weiss schon sehr lang, dass die Sache, die man 'Kubismus' nennt, weit über das Malen hinausgeht...Also Geschichten wie, Verlieren der Sprache, oder Auflösung der Person, oder Veruneinigung des Zeitgefühls...Solche Dinge hatte ich im 'Bebuquin' unsicher und zaghaft begonnen".

Seit er in Paris 1907 die ersten Werke der Kubisten gesehen hatte, glaubte Einstein, endlich eine Stellung gefunden zu haben, die er gegenüber den bürgerlichen Literaten (mit ihren "kleinen Kinosuggestionen") und den "Courths-Mahlers der deutschen Kunstkritik" beziehen konnte. So, wie er, der passionierte und bekennende Goethe-Hasser, gegen die "Bestätigung des Lesers in seinen verrottetsten und albernsten Gewöhnungen" und die "akkurate Beschreiberei des allen Geläufigen"(F.Blei) polemisierte, so zog er nun in der Malerei gegen die "Slevogt- und Orlik-Exkremente" zu Felde, die weiter nichts seien als beruhigende und darum unwahrhaftige "Tautologien der Welt", Fetische der Kulturindustrie.
In diesen Jahren entstand seine Studie zur "Negerplastik", mit der er sich auch als Kunsttheoretiker einen Namen machte. Seiner eigenen pessimistischen Einschätzung zum Trotz (-"die hätte ohne die Bilderchen keine Sau gelesen und kapiert haben sie nur paar Leute in Frankreich"-) traf er mit dieser Schrift einen Nerv der Zeit.
Wie viele Vertreter der künstlerischen und politischen Avantgarde zu Beginn des Jahrhunderts, so trieb auch Einstein seine Gesellschafts- und Kulturkritik zur wohlfeilen Gegenposition: Primitivismus als Ästhetik des Widerstandes gegen das Raffinement der spätbürgerlichen Kultur. Es war viel die Rede von der Restitution des mythischen und kollektiven Urgrundes der Kunst in den Kreisen der Ästheten und der "Edelanarchisten", doch ihre Phantasie, die reichte nicht hin, sich vorzustellen, was geschehen sollte, als andere (im braunen Hemd) aus dieser Begriffs- und Ideenwelt eines intellektuell sophistischen Anti-Intellektualismus mit Macht tatsächlich den Geist austrieben und wirklich Ernst machten mit Kollektiv, Mythos und Primitivismus!

Im Gegensatz zu den meisten seiner Mitstreiter trug Einstein an seiner Idee Fixe ein Leben lang. Stets schwankend und leidend zwischen Bekennerpathos (-"Beliebtester Gegenstand des Bürgers: ICH. Im Kommunismus entsprechen Ichverschwindung und Gegenstandzerstörung. ICH, ein Trugschluß a posteriori; im Akt selber verschwindet das ICH gänzlich. Es taucht im unproduktiven Ruhezustand wieder auf, ist Angelegenheit luxuriöser Erholung von Funktion"-) und der letztlich eingesehenen Unredlichkeit des Propagierten (-BEB, so nennt sich Einstein in einigen biographischen Skizzen in Anlehnung an seinen "Bebuquin","BEB erfährt zum erstenmal bei den Kommunisten eine Bindung; hier ist keine theoretische Doktrin, sondern ein Wissen wächst aus dem gemeinsamen Leben. Hier rührt ihn die Empfindung von 'Schicksal' ...Aber BEB fürchtet hier die Mechanisierung seiner Person...Eine hoffnungslose Normalität, die alle seine Erwerbungen an außerordentlicher Person zerstört. Mit einemal weiß BEB nicht, ist er oder sind die Kommunisten die Reaktionäre?"-).

Im ersten Weltkrieg verschlug es ihn als Soldat nach Belgien. In einem Brief an seine Freundin Tony Simon-Wolfskehl heißt es zehn Jahre später: "Heute früh las ich...die Marc'schen Aufzeichnungen aus dem Krieg...Zu sonderbar. wie bei all den Menschen rasch die Literatur einsetzt - bei Marc so etwas wie Kandinsky'sche Mystik - wie sie im Metier bleiben und so wenig sehen; dafür dauernd die literarische Paraphrase erleben...Am Krieg sind der Herr Leutnant (Franz) Marc mit Knie- und Ellbogenwärmern vorbeigelaufen...Von den Marcbriefen ist mir etwas übel".

Nun, Einstein ist nicht im Metier geblieben; er hat sich eingemischt in die "phantasieloseste Realität".
Bei Ende des Krieges sehen wir ihn als Mitglied des Brüsseler Soldatenrates. Ein Augenzeuge berichtet: "Die Tür öffnet sich, und ein Individuum in Zivil tritt ein, Monokel im Auge, den halben Schädel bandagiert. Dieser seltsame Ehrenmann hieß Einstein...Er sagte mit kraftvoller Stimme...:'Mit dieser abscheulichen Herrschaft des Kaiserreichs ist es zuende. Auf die Unterdrückung und Tyrannei, die so lange auf Belgien lastete, will der Arbeiter- und Soldatenrat von heute an eine Herrschaft der Menschlichkeit und Solidarität folgen lassen. Die deutschen Soldaten haben keinen anderen Wunsch, als so schnell wie möglich Belgien zu verlassen. Man lasse sie ziehen und vermeide Konflikte, von welcher Seite auch immer..."
Letzteres. die Organisation des Truppenabzugs, bewältigte man mit achtbarem Erfolg, die Flamme der Revolution, die aber wollte auch hier nicht so recht eindrucksvoll auflodern.

Einstein kehrte zurück nach Berlin, stürzte sich ins aufrührerische Getümmel, fand sich schon bald auf der Fahndungsliste wieder und tauchte für einige Zeit bei seinem Intimus George Grosz unter.
Beim Spartakusaufstand war er dabei, und es geht gar das Gerücht, er hätte eine Rede gehalten am Grab der Rosa Luxemburg.
Auch publizistisch wurde er wieder aktiv; er gab einen periodischen "Kunstschmarren" heraus und veranstaltete zusammen mit Grosz das Dadaistenkampfblatt "Der blutige Ernst":

"Der blutige Ernst peitscht die Müßiggänger!
Der blutige Ernst peitscht die Schädlichen bis aufs Blut!
Unsere Hiebe gehen durch die dickste Haut!
Der blutige Ernst erklärt jedem Verzweifelten, warum er verzweifelt ist!
Der blutige Ernst blutet, weil er gegen gefährliche Gegner kämpft!
Der blutige Ernst wird diesen die endgültige Niederlage bereiten!
Ohne den blutigen Ernst können Sie unmöglich ein vernünftiges Leben führen!
Der blutige Ernst wird von Carl Einstein geschrieben und George Grosz gezeichnet. Die Namen beider Herausgeber verbürgen tödliche Wirkung!
Heft 60 Pfg."

Auch Karlsruhe hat Einstein in jenen Jahren noch einmal einen Besuch abgestattet, als Referent zum Thema:"Der Geist der Revolution".

Seine "größte Erdnähe" erreichte "der Einstein" dann 1921 mit dem polemischen Passionsdrama "Die schlimme Botschaft". Jesu Sterben als gesellschaftliches Ereignis und Medien-Hype in den Händen von Managern und Journaille.
Die "breiige Substanz der bürgerlichen Hirne" kam darob gewaltig "zum Kochen", was ihm den ersten aufsehenerregenden Gotteslästerungsprozeß der Weimarer Republik, 15.000 Mark Strafe, neue Popularität und Angebote zu Vortragsreisen in die Sowjetunion eintrug.
Doch sein revolutionärer Elan erlahmte bald.

"BEB geht in die Revolution I: um seine Person zu vernichten; II: um eine Realität zu bekommen...und aus Ekel vor allem Theoretischen und Imaginativen; bleibt aber immer ein imaginativer Typ! BEB rettet sich...vor seiner Einsamkeit einen Moment in die Masse, er wird im Meeting ohnmächtig...er erträgt dies nicht...BEB sagt sich bitter:'es geht alles schief, wo ich dabei bin'...Flucht in Suff und Luxus. Zuletzt Flucht ins Ausland; nichts mehr von Deutschland und all diesen Kämpfen sehen. Er hält die Sache für verloren"!

Einstein übersiedelt 1928 nach Paris zu seinen Freunden Braque, Picasso, Gris, Leger und Kahnweiler. In den folgenden Jahren widmet er sich vornehmlich seinen kunsttheoretischen Studien: er schreibt für die Propyläen-Kunstgeschichte den Band zur "Kunst des XX.Jahrhunderts", eine Monographie über Braque und gründet zusammen mit Georges Bataille die ethnologisch konzipierte Zeitschrift "Documents. Doctrines, Archeologie, Beaux Arts".

Erst der Sieg der Barbarei in Deutschland 1933 brachte den blutigen Ernst zurück in sein Leben.
Einstein, "Jude, deutschsprechend, in Frankreich - Jude ohne Gott ...durch Hitler zu völliger Heimatlosigkeit verurteilt", verläßt Paris, um auf seiten der Anarcho-Syndikalisten am spanischen Bürgerkrieg gegen Franco teilzunehmen. Er kämpft 1936 in der Truppe des katalanischen Volkshelden Buenaventura Durruti, über den er sich selbsthypnotisiert in geradezu hymnischer Verehrung ergeht: "Durruti, dieser außergewöhnlich sachliche Mann, sprach nie von sich, von seiner Person. er hatte das vorgeschichtliche Wort ICH aus der Grammatik verbannt. In der Kolonne Durruti lernt man nur die kollektive Syntax. Die Kameraden werden die Literaten lehren, die Grammatik im kollektiven Sinn zu erneuern"!

Doch auch dieses Mal endete die Selbsttäuschung Kamerad-Einstein in Verzweiflung. Spanien ging verloren (am 26.April 1937 - Einstein's Geburtstag - zerbombte die deutsche "Legion Condor" das Städtchen Guernica), und bei seiner Rückkehr nach Paris lebte er in ständiger Angst vor dem Einmarsch der Nazi-Truppen.
"Ich weiß, was passieren wird. Man wird mich internieren, und französische Gendarmen werden uns bewachen. Eines schönen Tages werden es SS-Leute sein. Aber das will ich nicht...Ich werde mich ins Wasser werfen"!

Und so ist es dann gekommen. Einstein entkommt aus dem Internierungslager Gurs, und als ihm an der spanischen Grenze als ehemaligem Kämpfer gegen Franco die Ausreise verweigert wird, nimmt er sich am 5.Juli 1940 in Nähe des Pyrenäenortes Bail-Bazing das Leben. Mit geöffneten Pulsadern stürzt er sich in den Fluß Gave. Einen Zettel fand man bei ihm, darauf stand: "Carl Einstein - Homme de Lettres, Paris"!

Schon 1933 schrieb er in sein Tagebuch: "Ich sitze in diesem Pariser Cafe. Um mich herum geht das Leben weiter und Hitler hält eine dumme Rede...Der Riesenspießer tritt auf. Alles jubelt, die Übermasse des Problematischen wird mit einem Strich beseitigt, verboten...; alles atmet erleichtert auf; das Leben ist wieder angenehm banal...'Schulze' ist wieder Zweck der Schöpfung und der Welt"!

Diese Sätze hängen als Drohung auch heute wieder über unserer Gesellschaft, in der die Sehnsucht nach Scheuklappen wächst und die "Übermasse des Problematischen" viele (vor allem junge) Menschen in existentielle Bedrängnis zu bringen scheint.

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Aus dem Buch:
"FRIEDRICH WOLF - DER ARZT UND DRAMATIKER" (Kehrein-Verlag 1998 / ISBN 3-9803266-7-5)

Doktor  Isegrimm - Der  Wolf, ein  Vegetarier !

"Unsere Heilkunst steht heute, genau wie alle anderen menschlichen Einrichtungen und Errungenschaften, an einem entscheidenden Wendepunkt. Gehst du durch die Straßen einer Großstadt, so findest du neben Warenhäusern und Palästen der Autoinduistrie...auch sogenannte 'Arzthäuser'. Du siehst an einer Fassade vier bis fünf  Arzttafeln übereinander, und jeder behandelt ein anderes Organ. Leidest du an... Darmbeschwerden, so wohnt im Parterre der zuständige Spezialist, schmerzt dich dagegen dein Herz...., so steigst du eine Treppe höher zu dem Facharzt für innere Krankheiten,... drückt  deine Blase,  so mußt du weitersteigen zu dem Spezialisten für Harn- und Blasenleiden. Jeder der Ärzte hat ein  mustergültig ausgestattetes Ordinationszimmer mit blinkenden Instrumentenschränken, Röntgenröhren..., Quarzlampen und elektrischen Schalttafeln, wie du es erwartest; jeder behandelt dich genau auf das Organ, für das er Facharzt ist, und wegen dessen du ja zu ihm kommst. Sobald das eine ... Organ 'geheilt' ist, bist du entlassen und wendest dich sinngemäß eine Treppe weiter wegen Kieferhöhleneiterung an den Zahnarzt oder wegen Furunkulose an den Hautspezialisten.
Oder:  'Vor jedem Loche des menschlichen Körpers lauert ein Spezialist, der sich von dem übrigen, dem ganzen Menschen, mehr und mehr entfremdet und schließlich nur noch Techniker, vielleicht sogar ein Meister der Technik, aber kein Arzt mehr ist'... 'Was wir durch den Röntgenapparat gewonnen haben, ging aus den Fingerspitzen verloren!'... Man braucht hier keine Veränderung in seiner gewohnten Lebensweise...Du glaubst, du wirfst den Groschen in den Automaten und erhältst das Gewünschte. Du gehst in das Arzthaus und kaufst dir für 10 Mark Gesundheit!"

Diese Sätze stammen nicht etwa von einem Kritiker des Gesundheitswesens unserer Tage (- was bekäme man denn auch heute noch für 10 Mark? -), sondern sind nachzulesen in einem Buch, welches 1926, also vor über 70 Jahren, geschrieben  wurde: "Die Natur als Arzt und Helfer" - Autor: FRIEDRICH WOLF, geb. 23.12.1888 in Neuwied!
Sein erster Lehrmeister in der Heilkunde war ein Hippokrates-Jünger der besonderen Art:
Dr. Moritz Meyer, "Das Öhmchen, dieser fünfzigjährige Junggeselle, Landgerichtsrat a.D. und Sonderling, hatte seinen juristischen Dienst quittiert, um vor dem Städtchen (Hechingen) mitten in den Wiesen in seinem kleinen Holzhaus seinen Liebhabereien zu leben, fernab von den Menschen.
Dieses Holzhaus war eine Welt für sich. Es stand unter einer Eiche, war äußerst einfach gebaut und nach alter Art mit einem Strohdach bedeckt.  Die Kleinstädter und vor allem die Bauern nannten das Öhmchen deshalb 'Doktor Strohdach'...
Von nah und fern kamen die Leute, um sich von ihren Leiden oder den Folgen der Schulmedizin kurieren zu lassen. Niemals nahm Doktor Strohdach nur einen Groschen für die Behandlung...
(Abends saß er) über seinen alten Schwarten, den lateinisch geschriebenen Büchern des Paracelsus, dem 'Organon' des Doktor Hahnemann, den Exzerpten aus Galenos und Hippokrates sowie modernen  medizinischen Fachzeitschriften und verglich seine eigenen Erfahrungen...mit denen seiner alten und jungen Kollegen... (Er) hatte sich ein eigenes Bade- und Gymnastiksystem erdacht, das er mit mir zwölfjährigem Buben ausprobierte. Wir  gingen in die  Berge des Westerwaldes und auf die Schiefergebirge  am Rhein botanisieren; und es zeigte sich, daß er jede Pflanze nach dem Linnéschen System bestimmen konnte. Wir sammelten  an den vulkanischen Seen der Eifel - dem  Manderscheider  Maar  und  dem Feuermaar - seltene metalloide Steine, die er schon damals zerrieb, mit Milchzucker verdünnte und die homöopathische Reizwirkung an sich selbst und mir ausprobierte, zum Mißfallen meines Vaters, der sich diese 'Kinkerlitzchen'  verbat und das Öhmchen für einen Narren hielt. Mir aber war er Freund, Helfer und Lehrer in den entscheidenden Tagen meiner Jugend... Er wählte...deutschnational...
Mein Eintreten für den Kommunismus war ihm äußerst unangenehm, ja zuwider. Er sah darin etwas meiner gesellschaftlichen Stellung als Arzt völlig Unangemessenes, einen glatten Nonsens, mehr noch eine widernatürliche Geschmacklosigkeit...
Er konnte damals nicht ahnen, daß wohl gerade an dem stillen  friedlichen Wiesenhang, wo seine Geißen, Zicklein, Hühner und Kätzchen mit ihm lebten, sein Blut von Nazimörderhand vergossen werden sollte!"
Soweit Wolfs Erinnerung an seinen Onkel Moritz Meyer. 1908 beginnt er dann sein Medizinstudium in Tübingen, welches er 1912 in Bonn mit einer Dissertation über die "Multiple Sklerose im Kindesalter" abschließt.
Als Schiffsarzt der Norddeutschen Lloyd bereist er die USA, Kanada und Grönland, ehe der Ausbruch des I. Weltkrieges ihn in die Frontlazarette nach Belgien verschlägt.
"Auch ich war bis 1917 ein wilder Hurrakrieger und habe dann unter schweren Krisen mein Damaskus erlebt und alle Folgerungen daraus gezogen!"
Wie viele - gerade auch Intellektuelle -, sah Wolf den Kriegsausbruch als den Untergang einer verrotteten und überlebten Gesellschaft, doch dem Schrecken der Massenvernichtung hielt solcher Idealismus nicht stand. Die alte Welt ging zwar zugrunde, doch ohne jedes Hurrageschrei !
Nach den Verheerungen des Krieges begannen die "modernen Zeiten". Und auch im Fortschrittswirbel der "goldenen  Zwanzigerjahre" erkannte ein kritischer Beobachter wie Wolf bald schon die Kehrseiten so mancher Medaille:
"Man stelle sich vor:  Ein  Mensch,  der  vor 20 Jahren lebte - etwa im Jahr 1900 - sei mit einem Ruck,  ohne Übergang, in unsre Tage von 1927 hinübergeschleudert. Nach einem Tag würde er in der Gummizelle landen. Er hätte Radio gehört,  den sprechenden Film, er  hätte in   den Hauptstraßen vergebens nach der Pferdebahn gesucht, dafür Rudel dahinsausender Kraftwagen und den Verkehrsschutzmann erblickt,  über sich die Passagierflugzeuge, vor sich Wesen mit andeutungsweisen  weiblichen Formen, doch ohne jegliche Attribute des Weibes, ohne Korsett, ohne wallende Röcke, ohne Haargebräu.
20 Jahre bloß !  Und dies Tempo nimmt zu ! Rasendes Schwungrad !
Hilfe ! Rettung !  Flucht !
In die Einöde,  auf eine ferne Insel,  zur Besinnung, zu uns selbst !
Der Ozean ist überflogen, wir sprechen drahtlos um den halben Erdball, bald  werden wir die Kämpfe in China,  die Ersteigung des Mount Everest,  von unserem Wohnzimmer aus lebendig fernsehen (!) können, das 'Weltraumschiff'  und der Flug zum Mond werden heute von ernsthaften Wissenschaftlern diskutiert, die Sonnenstrahlung wird Maschinen treiben, die Spaltung des Wasserstoffatoms entfesselt riesige Energien. Wie wird 1950 das Leben aussehen?
Hilfe ! Rettung ! Flucht !
Dynamo, Flugtablette,...Bubikopf, Frauenstaat; rasende  Umlaufgeschwindigkeit am Rande des großen Kreisels.... aber die Axt verharrt!"
Fast schon prophetisch.

"Der Kampf gegen das Zuviel, das ist der Kampf um den neuen Menschen! Doch solange der Kulturmensch noch Manschetten und Kragenknöpfe 'braucht', solange ist an eine Vereinfachung nicht zu denken. Noch ist die Steigerung der Produktion Trumpf. Täglich entstehen neue Artikel: heizbare Stiefel...., kondensierte Spargelsoße in Tuben, die ungestärkte steife Hemdbrust - alles Dinge,  die man 'braucht'.
Ballast !   Zentnerlast ! ...
'Luft !'  wird der Zeitgenosse schreien eines Tages. Gewiß !"  (1921 !)
("Man sollte gar nicht glauben, wie gut man auch ohne die Erfindungen des Jahres 2500 auskommen kann!"           - Tucholsky)

Nach dem Krieg übernahm Wolf die Stelle eines Stadtarztes in Remscheid, wo es seinem reformerischen Wirken zu danken war, daß eine regelmäßige schulärztliche Untersuchung der Kinder durchgeführt wurde und daß die Stadt als eine der  ersten in Deutschland Schwangerschafts- und Mütterberatungsstellen einrichtete.
Beeinflußt wurde seine Hinwendung zur "Naturheilkunde" nicht zuletzt auch durch eine persönliche Erfahrung: Seine Mutter wurde durch eine  naturärztliche Behandlung von einem Krebsleiden geheilt. (1906)
Sein Credo als Mediziner stand schon damals unverrückbar fest:
"Nicht mit ein paar Einspritzungen oder ein paar Tabletten kann ... eine Krankheit bekämpft werden; die 'fortgesetzten Sünden wider die Natur' sind zu beseitigen, der ganze Mensch ist umzubauen!..."
"Wir würden die schwärzeste Tinte ... trinken, wenn nur ein lateinischer Name drauf steht. Bei Fritz Reuter betrachtet Onkel Bräsig eine solche Mixtur mit den Worten: 'Wenn's  auch nicht hilft,  so kriegt man doch einen Begriff, was die menschliche Kreatur alles aushalten kann'...
Du willst es schnell und bequem haben, so schufst du dir deine Fachärzte...., bedenkst aber nicht, daß jeder Mißbrauch deines Körpers in Raubbau, falscher Ernährungs- und Lebensweise nicht durch eine Einspritzung zu beheben ist, sondern einzig durch eine Umkehr in deinen ganzen Lebensgewohnheiten!"
"Die Naturheilkunde geht nicht auf  irgendein Teilorgan aus, ...sie versucht vielmehr 'aufs Ganze' zu gehen, die 'Lebenskraft' neu zu entfachen, anzuregen!"
(Auch eines seiner Theaterstücke hat diesen Konflikt zwischen Natur- und Schulmedizin zum Inhalt: die erst posthum veröffentlichte "Schrankkomödie", in der er seinen Onkel Meyer, den "Doktor Strohhut", als Protagonisten einer sanften Medizin literarisch porträtiert.)
Doch sein Buch ist alles andere als eine dogmatische Heilslehre. Auf über 600 Seiten erläutert er anschaulich und auf dem damals neuesten Stand der Wissenschaft den Aufbau und die Funktionen des menschlichen Körpers:
"Die meisten Krankheiten fallen nicht von heute auf morgen vom Himmel, sie entstehen vielmehr...durch falsche Lebensweise!"
"Die Natur als Arzt und Helfer" erschien 1928 und wurde bald zum verbreitetsten und beliebtesten medizinischen Ratgeber dieser Zeit. Das Buch erlebte in kürzester Zeit vier Auflagen, ehe es von den Nazis indiziert wurde. Am 10. Mai 1933 übergab man auch die Schriften Friedrich Wolf's zur Hinrichtung den Flammen der Bücherverbrennung!
Die Tantiemen aus dem Verkauf bescherten ihm zum erstenmal in seinem Leben eine finanziell sorglose Existenz.
"Ein Buch, das dazu angetan ist, für eine vernünftige Lebensweise zu begeistern, so strömt es über von Gesundheit und Freude!"
                ("Schweizerische Lehrerzeitung")
"Ein monumentales Werk ! - mit reichem Wissen und  großer Herzenswärme !"                       ("Biochemische Monatsblätter")
"Sein Ton ist so lebendig und lebensfroh, daß schon das Lesen allein genügen dürfte,  um einem Kranken neuen Mut einzuhauchen !"
                                  (Frauenwelt")
Ein Hauptkapitel seines Werkes befaßt sich mit Fragen einer gesunden Ernährung und brandmarkt bereits all jene Dinge, die auch heute wieder von gesundheitsbewußten Zeitgenossen angemahnt werden, um uns unseren Appetit zu verderben. Seine Klage gegen "Fast Food" (in der "Vor-McDonalds-Ära") etwa liest sich so:
"Beobachten wir irgendeinen Hotelesser! Eilig betritt er das Lokal, bekommt seine heiße Suppe und sein Bier vorgesetzt;  dann folgt eine Platte ordentlich gepfeffertes und gesalzenes Fleisch - die Vorbereitung für das zweite Glas - und Liliputmengen von Kartoffeln, ausgekochtem Gemüse, endlich ein paar Blättchen in Essig angemachten Salats oder Fruchtkonserven. Diese fast raffiniert gewählte Todeskost wird...heruntergeschlungen, hinabgespült, zwischen Zeitungslektüre und einer Verdauungszigarre zum Schluß. Dann geht's wieder im Trab hinaus ins 'feindliche Leben' !"
Trotz seiner sentimentalen Jugenderinnerungen an das Leutesdorfer Rheinufer ( - "An seinen Schieferhängen wuchs der goldne Wein" -)   war Wolf strenger Antialkoholiker und er war überzeugter Vegetarier.
Vor allem den ungesund hohen und schon damals immer mehr steigenden Fleischkonsum versuchte er denn auch seinen Patienten auszureden. Doch gerade in Arbeiterkreisen galt es da doch einiges an Mißtrauen zu zerstreuen:
"Kann ein Kohlrabi-Apostel Schwerarbeit leisten?"
Als Antwort auf die Frage präsentierte er dem staunenden Leser auf einem Foto einen rein pflanzenessenden "Arnold Schwarzenegger" und führte daneben eine ganze Reihe herausragender Geistesarbeiter als Zeugen ins Feld: Pythagoras und Tolstoi, Bakunin, Wilhelm Busch und G. B. Shaw (von letzterem stammt der Spruch: "Ich habe seit  27 Jahren kein Fleisch gegessen. Die Resultate liegen dem Publikum vor !")
Und zuletzt zitiert er dann noch einen dänischen Ernährungswissenschaftler, der nach dem Krieg behauptet hatte, Deutschland sei nicht von den drei Großmächten besiegt worden, sondern von einer 4. Großmacht: dem "deutschen Schwein" !
Und auch die anderen Sünden wider den eigenen Leib, die er seinen Lesern vorhielt, stehen auch heute wieder auf der Tagesordnung hitziger Debatten.
Über  "Nahrungsmittelverfälschung" schreibt er:
"Wenn  wir wüßten, was wir alles an Konservierungsmitteln mit  hinunterschlucken müssen, es würde uns schaudern. Von den Wurstkonserven und dem Corned Beef gar nicht zu reden !... Aufklärung (tut not) ...Wir brauchen noch etwas Zeit, bis uns die Augen aufgehen !... 'Wir werden mit Chemikalien und Giften in kleinsten Dosen geradezu  bombardiert!"
Wie gesagt, eine Erkenntnis Anno 1928 !
Und er fährt fort - in wohlbekanntem Ton:
"Auch unser  heutiger fabrizierter, 'gereinigter', raffinierter weißer Zucker hat nichts mehr mit dem natürlichen Fruchtzucker.... gemein. Was nach (den)  wirklich 'raffinierten' Folterprozeduren im  Zucker noch an Lebensstoffen vorhanden ist, kann jeder sich selbst sagen... So betrügen wir uns selbst ... Zudem fallen bei dieser 'rationellen' Herstellung ... an Nebenprodukten noch ab:  Alkohol .... und Sprengstoffe zur Granatenfüllung !"
Danach zieht er gegen den steigenden Süßigkeitenkonsum von Kindern zu Felde und selbstredend folgt eine Ächtung  des Weißbrotes und das Lob der Vollkornschnitte.
Er stellt den übergewichtigen Schreibtischhengst ebenso an den Pranger wie den eitlen "Pigmentgigerl", der sich seine knackige Bräune auf Kosten seiner Gesundheit verschafft.
Lange  wehrt sich Wolf dagegen, eine eigene Privatpraxis zu eröffnen:
"Heilen aus Passion, aber  dann darf  man den Geruch des  Geldes auch nicht mal auf Kilometer riechen !...
Ich kann nicht Arzt sein ... im Konkurrenzkampf, Arzt als Geschäftsmann!"
" ' (Wo) Liebe zum Menschen ist, da ist auch Liebe zur Heilkunst !" Der kommende Arzt wird weniger Rezepteschreiber und Musketier der Arzneimittelindustrie, er wird wieder Gesundheitsführer sein!"
Und als er dann doch - zur Existenzsicherung seiner Familie -  1921 in Hechingen,  später dann in Stuttgart, eine Praxis einrichtete, hing dort im Wartezimmer ein Schild mit der Aufschrift:
"Da ich zum Rechnungschreiben weder Zeit noch Lust habe, bitte ich nach der Behandlung Barzahlung zu leisten.
Unbemittelte haben freie Behandlung !"
So manch einen erinnerte sein Behandlungszimmer eher an eine Urwaldklinik und wenn schon nicht "Barfußdoktor", so kam er doch - stets mit Sandalen und khakifarbenen kurzen Hosen - dem Modevorbild seines Bruders im Geiste, Albert Schweitzer, recht nahe.
Neben seiner diagnostischen und  therapeutischen Tätigkeit hielt Friedrich Wolf immer wieder Vorträge über heilkundliche Themen:
"(Dociere) wöchentlich 1 Stunde im hiesigen Lyceum über sociale Medicin für die höheren Töchter ... Uff!"
Nun,  die  "höheren Töchter" stellten  allerdings  nur  selten einmal seine Zuhörerschaft. Er sah seine vordringliche Aufgabe  nicht  darin,  die Zipperlein der  "Oberen  Zehntausend"  zu  lindern, er  wollte jenen   (Über-)Lebenshilfe geben, die  im  Deutschland  der  Weimarer Republik eine Existenz fristen mußten, die stets bedroht  war von  den  Folgen  der  Unterernährung, von  Tuberkulose,  Skorbut  oder  Rachitis.
 Daß sein Arztbuch ein so großer Verkaufsschlager wurde, das verdankt sich allerdings wohl nicht ausschließlich seinem rein medizinischen Wert, sondern vermutlich auch den vielen "anregenden" Fotos, für die Wolf selbst und unter anderem auch die berühmte Asudruckstänzerin Else Gaga vor den Kameras höchst anschaulich die im Text angesprochenen gymnastischen Übungen in Szene setzten. Wie so manches anatomische Lehrwerk in der "Vor-Playboy-Epoche", so dürfte auch dieses nicht ausnahmslos der Volksgesundheit dienliche Zwecke erfüllt haben.
Nun, schon als Schüler wunderte es Wolf,  daß seine Lehranstalt, das "Gymnasium", ihrem Namen so gar nicht mehr entsprach:
"gymnos = nackt" ! Doch als er zusammen mit Freunden aus dem GTRVN dieser Erkenntnis folgend es unternahm, Griechenland nicht mehr nur mit der "Seele" zu suchen und sie ihre "gymnasialen" Ober- und Unterkörper an einem schönen Sommertag schamlos auf der Neuwieder Rheinpromenade spazierenführten, da schritten ("Mens sana" hin, "corpore sano" her) die staatlichen Sittenwächter ein. Obgleich, wie er später meinte, "es selbst für empfindliche Tanten und Muckermänner (gar) nicht (so leicht war), an einem nackten, luftbadenden Menschen das vorgeschriebene 'Ärgernis' zu nehmen !"
Seine Nudisten-Karriere war damit jedoch keineswegs beendet:  als Student stand er höchstamtlich Modell für die anatomischen Wandtafeln der medizinischen Fakultät  und  noch  heute  trägt  eine Athletenplastik vor der Mensa der Tübinger Universität nicht zufällig seine klassischen Züge.  Daneben blieb er auch als Schriftsteller den Idealen der "Licht- und Luftkämpfer" treu: 1921 schrieb er einen Text mit dem Titel "Gymnasten über euch !" (der dann zehn Jahre später entstellt und verfälscht als Vorlage für den (Nazi-)UFA-Film "Wege zu Kraft und Schönheit" diente).
Ein Freund berichtet: "Ich habe ins Schwarze getroffen, als ich das Lieblingswerk des Hausherrn lobte - ihn selbst.  Ich glaube, über sein bestes Theaterstück freut er sich nicht so wie über diese stählernen Muskeln....!"
Am meisten freute es ihn wohl, daß er mit seinem beinahe schon "riefenstählernen-Körperbau" das Judenbild der Nazipropaganda so vollkommen ad absurdum führte.
Bis in seine letzten Jahre hinein kokettierte er mit seinen sportlichen Erfolgen. (Zum Theaterbesuch soll er als Jugendlicher mit einem selbstgebauten Kajak stromaufwärts nach Koblenz gerudert sein - Respekt !)
"Licht an den Körper, Licht in die Köpfe !"
Das war sein Motto - nicht nur als Arzt.
(Seinem ältesten Sohn gab er den Namen Lukas = der Lichtbringer: "Er machte seinem Namen gleich Ehre, da er mit Sonnenaufgang zur Welt kam !" (Er selbst erblickte an einem Sonntag das Licht der Welt).
(Und ausgerechnet "Sonnenstein" hieß jenes Gefängnis, in welchem er 1919 nach einer Demonstration aus Anlaß der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht inhaftiert wurde).
Immer eine düstere Gegenwelt vor Augen, die Arbeiterviertel der Städte, in denen vielköpfige Familien in dunklen Hinterhöfen und Kellerwohnungen hausen mußten, propagierte er einen regelrechten "Sonnenkult". Ob bei den "Sonnwendfeiern" des "Wandervogels" oder als Amtsarzt in Remscheid, wo er es durchsetzte (mit dem Argument der Tuberkulose- und Rachitis-Prophylaxe), daß für die Bevölkerung ein städtisches "Luft- und Sonnenbad" eröffnet wurde.
Vor allem forderte er einen neue Architektur, ein neues Bauen:
"Das neue Haus hat nicht mehr ein Dutzend Türmchen, Erkerchen und Nischen mit  Florabüsten, es ist eine klare, sinngegliederte Wohneinheit, auf Licht, Luft und leichte Reinigung gestellt. Auch die Innenräume sind keine Plüschmuseen mehr....mit Tonmöpsen und Schlummerrollen.
Weniger ist mehr !
Zum erstenmal in unserer Zeit ward hier klar und mutig Schluß gemacht mit der 'Fassade', aber auch mit verstaubten Gewohnheiten, mit einer Scheingefühlswelt, die der Wirklichkeit unserer neuen Arbeits- und Geisteswelt in keiner Weise mehr entsprach. Vereinfachung, Klarheit, Wahrhaftigkeit ! Was das neue Bauen nach dem Chaos des Scheinbarocks.... zu schaffen beginnt,  genau das erstrebt in der Heilkunst die Naturheilkunde !"
Sein Ideal fand er in der 1927 erbauten "Weißenhofsiedlung" in Stuttgart.  Das von Architekten wie Le Corbusier, Gropius und van der Rohe gestaltete Wohngebiet faszinierte ihn so sehr, daß er noch im gleichen Jahr nach Stuttgart übersiedelte. Zwar zerschlug sich sein Plan, ein Haus in dieser Siedlung zu beziehen, doch ließ er sich (konzipiert von Richard Döcker und finanziert von der "Wüstenrot-Bausparkasse") ein Wohn- und Praxisgebäude im gleichen Stil errichten.
Ein Freund berichtet:
"Ich bin Gast im Hauswürfel... Bruchstück von einem Sanatorium. Und ein Straßenname aus Aluminium, Helligkeit und Luft - Zeppelinstraße... Im Hauswürfel ist es absolut sauber, nichts Überflüssiges hängt an den Wänden...
 'Komm frühstücken, ich zeig dir, wie man das tut',sagt er.  Im Eßzimmer gibt es ebenfalls nichts Überflüssiges. Große glattgehobelte Tische ohne Tischtuch. Auf den kreideweißen Balkon prallt die Sonne. Das ist kein Frühstück, sondern eine Lehrveranstaltung. Ich suche Salz, vorwurfsvolle Blicke:
'Weshalb Salz ?... Belaste das Blut nicht.  Je weniger Salz, desto besser. Vergiß nicht: Es besteht der Verdacht, daß zu starkes Salzen eine der Ursachen von Krebs ist... Der Krebs steht heute in Deutschland bei den Krankheiten an erster Stelle...'
Fleisch gibt es auf diesem Tisch auch nicht... Die Gesetze dieses Hauses sind streng wie bei den Altgläubigen. Während eines Spaziergangs kaufe ich mir in der Stadt ein Stück Wurst !"
1934 beschlagnahmten die Nazis dieses Haus zusammen mit vielen anderen "Kommunisten- und Judenhäusern", sie verkauften es mit der Auflage, das "un-arische Flachdach" durch ein "deutsches Spitzdach" zu ersetzen.
Wolf's Euphorie für die normierte, kühl sterile "Wohneinheit" erscheint uns heute kaum noch nachvollziehbar, ziehen doch in unseren Tagen längst wieder vermehrt "Tonmöpse und Schlummerrollen" zwecks Steigerung der Nestwärme gerade auch in ökologisch aufgeklärte Haushalte ein.  Doch vor dem Hintergrund der Wohnverhältnisse in damaligen Zeiten ist seine tiefsitzende Aversion gegen alle dunklen Winkel letztlich zu verstehen.
"Jährlich sterben...tausende Säuglinge als Opfer der Mietkasernen...'Es genügt nicht, der Mutter von sieben Kindern zuzurufen: Abtreiben ist unmoralisch und gesetzlich verboten ! und sie in ihr menschenunwürdiges Loch von Kellerwohnung zurückzuschicken'...!"

"Die Ärzte sagen, ich sei ein guter Schriftsteller.
Die Schriftsteller behaupten, ich sei ein guter Arzt.
Liebe Freunde, womit habe ich das verdient ?"

Als Arzt war Wolf Homöopath, als Schriftsteller eher Chirurg. Als Heilkundler suchte er stets den sanftesten Weg, als Dichter nahm er selbst schmerzhafteste Nebenwirkungen in Kauf.
Er  sah sich als literarischer Medikus gegen Engstirnigkeit und und soziale Ungerechtigkeiten. (Als Pseudonym verwendete er übrigens gelegentlich den Namen: Dr. Isegrimm!)
In vielen seiner Stücke und Erzählungen verbreitete er Erlebnisse aus seiner ärztlichen Praxis:
Eines seiner  berühmtesten  Dramen,  "Cyankali", behandelt  die  Problematik  des  "Abtreibungsparagraphen - § 218".  Er spricht sich dort für eine soziale Indikation aus - durchaus mit schlechtem Gewissen, aber überzeugt davon, daß dies ein geringeres Übel sei angesichts des Elends, in das viele Frauen und Familien gerade im  Arbeitermilieu  durch eine ungewollte Schwangerschaft gestürzt wurden.
Wolf und eine Arztkollegin wurden nach der Uraufführung unter dem (später nicht zu erhärtenden) Verdacht des Verstoßes gegen § 218 inhaftiert und erst nach internationalem Protest (vor allem von Schriftstellerkollegen) wieder auf freien Fuß gesetzt. Festnahmen gab es  übrigens auch hier in Neuwied. Als 1948 im Neuwieder "Storchensaal" eine Aufführung von "Cyankali" über die Bühne ging, setzte die französische Polizeibehörde das "gegen die göttliche und menschliche Ordnung gerichtete" Stück kurzerhand ab und nahm die Verantwortlichen vorübergehend fest.
"Professor Mamlock", sein bedeutendstes Werk, spielt im Krankenhausmilieu und schildert bereits 1933 hellsichtig vorausblickend all die Grausamkeiten, die ein jüdischer Mensch im Nazideutschland erdulden mußte.
So sehr sich Friedrich Wolf als Arzt auch der persönlichen "Schweigepflicht" unterwarf, so wenig gab es für ihn - gerade als Arzt - eine soziale Schweigepflicht.
Und wie so viele seiner Zeitgenossen, so war auch für ihn das Erlebnis des I. Weltkrieges die Schlüsselepisode seines Lebens.
Es ist gewiß kein Zufall, daß man unter den führenden Autoren der Weimarer Zeit so viele Ärzte findet. Man denke etwa an Gottfried Benn oder Alfred Döblin. Die Schlachten und das Schlachten des Krieges erlebte man wohl nirgends unausweichlicher und hoffnungsloser als in einem Frontlazarett.
"Ich trug den schweren Mann auf den Knien rutschend in den Bunker, den Waffenrock brauchte man nicht zu öffnen. Über der Herzspitze und etwas tiefer war ein großer Splitter eingedrungen und hatte Muskel und Rippenbogen weggefegt. Das Herz lag frei. Die Spitze zerrissen.  Ich sah und vermochte nicht zu begreifen.
Eine Täuschung schien mir Anblick und Geschehen. Die Welt war aus ihrer Angel gerissen. Das Herz lag bloß,  eine fibrilläre Welle zuckte noch über den Muskel. Der Schock war zu gewaltig. Dennoch schien dies Sterben wie ein Fehler der Natur !"
So beschrieb es Wolf in der autobiographischen Erzählung "Der Sprung durch den Tod".
Stationiert war er damals bei Langemark, dort, wo nur wenige Monate zuvor ein deutsches "Kinderkorps" von den militärischen Befehlshabern in eine fürchterliches Gemetzel getrieben worden war. Ein Gemetzel, dem sinnlos 20.000 junge Menschen zum Opfer fielen !
Am 5. Oktober 1953 stirbt Friedrich Wolf - an den Folgen einer verschleppten Grippe.
Anstelle seines Neuwieder Geburtshauses in der Langendorfer Straße 131 steht heute ein Wohn- und Geschäftshaus; Hauptmieter eine Bank (- vis á vis ein "Ärztehaus" -).
 

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MUZAK
     DER GENERAL, DAS ELFUHRLOCH UND DIE TAPETENMUSIK
                                        (SWR  „S2 vor Mitternacht"- 21.1.99)
                                            (von Dr.Lutz Neitzert)
 

MUSIK: (Das KNATTERN eines alten PROPELLER-FLUGZEUGS)

SPRECHER I: Als die Gebrüder Wilbur und Orville Wright den Entschluß faßten, einen
  ersten Passagier in ihr noch wenig vertrauenerweckendes Gefährt zu
  laden, da fiel ihre Wahl auf einen offensichtlich ebenso wagemutigen wie
  technikbegeisterten Soldaten:

SPRECHER II: GEORGE OWEN SQUIER - ein Offizier des Fernmeldekorps.

SPR I: Und dieser General war, wie sich bald zeigte, nicht nur fasziniert von den
Fortschritten in der Luftfahrt, er selbst sollte die Welt mit einer wahrhaft revolutionären Idee beglücken - einer Idee, die er sogleich entschlossen als Geschäftsidee in die Tat umsetzte und auf die sich ein (heute mehr denn je) florierender Industriezweig gründete.

SPR II: Im Jahr 1934 meldete er in New York ein neues Gewerbe an und gab seinem
            Unternehmen den seltsam klingenden Namen: „MUZAK-Corporation"!

SPR I: Wer immer es auch gewesen sein mag, der ihn damals küßte, im Moment dieses
           für uns alle so folgenschweren Einfalls, eine der Musen war es jedenfalls ganz
           sicher nicht!

SPR II: MUZAK oder mju:zæk ...
SPR I: ...man vermutet, daß das Etikett aus einer Wortspielerei mit den Begriffen Musik
           und Kodak entstanden sein könnte...
SPR II: ...ist seither zum Synonym geworden für eine ganz besondere, äußerst
            zwielichtige Sparte der Tonkunst:
SPR I: ...die Funktionelle Musik!

SPR II: Squier erkannte als einer der ersten die ungeahnten Möglichkeiten, welche sich
 darin eröffneten, daß mit der Erfindung der Schallaufzeichnung und
           Tonübertragung Musik nun plötzlich nicht mehr an die körperliche Anwesenheit
           von Musizierenden gebunden war, sondern prinzipiell überall erklingen konnte -
           und das zu jeder Tages- und Nachtzeit. Doch diese Erkenntnis wollte er nicht
          dazu nutzen, das Wohnzimmer in einen Konzertsaal zu verwandeln...
SPR I: ...wie es das Radio und die Schallplatte damals großspurig versprachen...
SPR II: ...sondern er wollte der Musik eine völlig neue Funktion geben.

MUSIK: (Zur musikalischen Illustration der Sendung entweder Aufnahmen des
             ORCHESTERS MANTOVANI / unbedingt ohne Gesang!
             und/oder, falls möglich, „Original-MUZAK" von Firmen wie MUZAK, WETE, 3M
                          o.a.)

SPR I: Die Vorgeschichte dazu nahm ihren Anfang bereits in den zwanziger Jahren, als
die Industrie das Treiben der Wissenschaftler zunehmend argwöhnischer betrachtete und schließlich meinte, die Soziologen zum Beispiel, die könnten doch zur Abwechslung auch einmal etwas Nützliches tun. Und so bestellten und finanzierten die Konzerne umfangreiche Untersuchungen, deren Ziel es sein sollte, die Arbeitsleistung der Menschen in Fabrik und Büro zu optimieren. In pfiffigen Experimenten veränderten willfährige Forscher das Licht in den Arbeitsräumen, man tapezierte und deodorierte, man heizte oder man heizte nicht, man stellte Vasen mit Schnittblumen auf oder Gummibäume, mal gab es besseres, dann wieder schlechteres Kantinenessen...

ZITAT: „(Alles), was ein...Professor sich (nur) ausdenken konnte, wurde...probiert.
Alles, was man mit weißen Mäusen macht, hat man...(im Rahmen dieser Projekte auch mit den ausgesuchten Versuchspersonen angestellt)!" (1)

M: (ab hier im Hintergrund Musik)(s.o.)

SPR I: Doch den größten Erfolg zeitigte zum allgemeinen Erstaunen, die Verwendung
von Musik. Eine ganze Reihe vielbeachteter Studien erschien, die dies zu belegen vorgaben und die damit zugleich Firmen wie MUZAK ständig neue Verkaufsargumente lieferten.

SPR II: Der erste großflächige Einsatzbefehl an unseren General erging dann, als es
während des 2.Weltkriegs galt, die Waffenproduktion anzukurbeln. Überall in den amerikanischen Rüstungsfabriken wurden in höchster Eile Musikanlagen eingebaut, Lautsprecher installiert, Kabel verlegt  - und so kam es, daß die Arbeiter fortan ihre Kanonen, Panzer und Torpedos produzierten zu süßen Streicherklängen und beschwingten Rhythmen.

SPR I: Geliefert wurden die Hintergrundmusiken (für damals 1,50 $ pro Monat) über
Telefonleitung, und dies ermöglichte es, sehr gezielt auf die spezifischen Bedürfnisse des jeweiligen Auftraggebers einzugehen - und es animierte zudem, das Metier und die Technik immer weiter zu perfektionieren und zu raffinieren.
SPR II: Alles sollte zuletzt berücksichtigt werden: das Alter, das Geschlecht, die
 Herkunft und das Bildungsniveau der zu Beschallenden, ebenso wie jedes Detail des Umfeldes und der jeweiligen Produktionsbedingungen.

M: (s.o.)

SPR II: Früh schon hielt man auch nach anderen Einsatzmöglichkeiten Ausschau, und
 nach dem Krieg erschloß man sich dann bald einen weiteren lukrativen
 Interessentenkreis: die Betreiber von Supermärkten!

SPR I: Es war eine völlig neue Form des Kaufhauses entstanden, in welcher der Kunde
nicht mehr durch aufmerksame Verkäufer bedient, betreut und verführt wurde, sondern an anderen, unsichtbaren Fäden entlang der kaum noch überschaubaren Palette an Massenwaren geführt und dirigiert werden sollte.

SPR II:  Wenn sich der Arbeiter durch Musik dazu animieren ließ, den Akkord zu
  brechen, und der Beamte offensichtlich davon abzuhalten war, die Beine
  hochzulegen, dann würde es ja wohl auch möglich sein, den Kunden zum
  schnelleren Entschluß und zum tieferen Griff ins Portemonnaie zu verführen.

Z: „MUZAK ist keine Musik im üblichen Sinn. MUZAK soll nicht unterhalten, sondern
    positiv beeinflussen... MUZAK wirkt stimulierend auf den Tagesrhythmus ein... Die
    allgemeine Stimmung bessert sich. Die Arbeitslust steigt. Die Konzentrationsfähigkeit
    und Kaufbereitschaft erhöhen sich. Dafür sinkt anderes: die Fehlerquote. Auch
    Ermüdungserscheinungen mindern sich..."
SPR I:...und das nicht etwa durch die verdiente Pause...
Z: „...Spannungen lösen sich... Das alles (und mehr) erreicht eine Musik, die wie eine
     akustische Tapete wirkt. Unbewußt für den Empfänger. Aber mit positiven
     Ergebnissen für den, der MUZAK wirken läßt. Wenn Sie sich für MUZAK
     entscheiden, befinden Sie sich in bester Gesellschaft!" (2)

SPR I: So steht es in einer Werbebroschüre. Und für die Verwendung akustischer
           Berieselung in Speiselokalen gibt man dem Gastronomen dann noch den
          folgenden nützlichen Hinweis:
Z: „Bei langsamer Musik (geben) die Gäste im Durchschnitt 30,47 $ aus, bei lebhafter
    dagegen nur 21,62 $!"

SPR II: Bis zur zweiten Stelle hinter dem Komma genau! Zwar waren und sind solche
 vorgeblich höchst wissenschaftlichen Beweise mit einiger Skepsis zu
 betrachten. Bis heute ist es der Forschung letztlich nicht gelungen, die
 komplizierten Effekte und Wirkungen, die Musik im Menschen auszulösen
 vermag, wirklich schlüssig zu belegen - und ganz so einfach zu manipulieren ist
 Homo sapiens dann wohl, gottlob, doch nicht.

SPR I: Aber schon der Anschein des Erfolges überzeugte und sehr bald hatte MUZAK
           selbst die letzten Winkel der modernen Lebenswelt erobert (und sogar noch
          darüber hinaus).

SPR II: Präsident Eisenhower installierte die kleinen, unscheinbaren Lautsprecher im
  Weißen Haus und im Pentagon, den Apollo-Astronauten vertrieb es die
  Langeweile auf ihrem Flug zum Mond...
SPR I: ...und als am Ende des Vietnamkrieges die ersten Vietcong-Soldaten die US-
           Botschaft in Saigon betraten, da schallten der reichlich konsternierten Truppe aus
          den leeren Räumen einschmeichelnde Serenaden und Evergreens entgegen.

M: (irgendein passendes Stück von MANTOVANI - vielleicht „Summertime")
     (oder bei MUZAK & Co Entsprechendes aus der Sparte „Evergreens")

SPR II: Und, als habe man der Menschheit noch immer nicht genug an Wohltaten
            beschert, las man unlängst von der Entdeckung einer weiteren segensreichen
            Eigenschaft funktioneller Musik:

SPR I: Die Wissenschaft hat festgestellt: MUZAK hören macht schlank!

SPR II: Wie auch immer, jedenfalls gibt es kein Entrinnen mehr und jeder Widerstand
            ist, wie es scheint, zwecklos.
 
 

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M: (Telefonwählgeräusche / dann ein Musikstückchen im typischen Spieluhr-Sound
     heutiger Telefonanlagen / perfekt wäre die Melodie „Horch, was kommt von draußen
     rein" / notfalls aber auch „Für Elise", „Die Kleine Nachtmusik" o.ä.)
Z: „Bitte bleiben Sie am Apparat, ich verbinde..."
M:  (wieder die Melodie)
Z: „Bitte warten..." (mehrmals wiederholen)
M: (Zum Schluß das Besetztzeichen)

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SPR I: Am Telefonhörer überbrücken frohsinnige Weisen das Warten auf Ver-Bindung,
           im Kreißsaal unterstützen meditative Klänge eine sanfte Ent-Bindung. Am
          Arbeitsplatz helfen uns MUZAK-Rhythmen freundlich über das 11-Uhr-Loch
          hinweg, im Wartezimmer - beim Zahnarzt oder Arbeitsamt - empfängt uns
          sedierendes Getön, es wehrt im Aufzug der Klaustrophobie, im Betrieb steigert es
         das Bruttosozialprodukt, im Kuhstall die Milchleistung...
SPR II: ...Rindviecher lieben Mozart, heißt es...
SPR I: und Batteriehennen bewahrt es vor dem Herzinfarkt.
SPR II: Was also will man mehr?

M: (Klassisches von MANTOVANI: z.B. TSCHAIKOWSKYs „CAPRICCIO ITALIEN" /
      oder „MUZAK" aus der Sparte „Classic")(weiter im Hintergrund)

SPR I: Ballaststoffreie Töne allüberall versüßen unseren trüben und grauen Alltag.
SPR II: In den Fernsehnachrichten unterlegen muntere Rhythmen die Meldungen von
            Mord und Totschlag...
SPR I: ...ein musikalischer Schonbezug für sensible „Couch-Potatoes".
SPR II: Klangstaub rieselt in alle Ecken und musikalischer Zuckerguß verklebt uns
            sämtliche Poren.
SPR I: Im Werbespot erschallt Beethoven's Neunte als feuertrunkene Fanfare und
           animiert zum Verzehr von Kartoffelknödeln...
SPR II: ...Seid verschlungen Millionen!...
SPR I: ...Rossini's „Diebische Elster" brutzelt in kalorienreduziertem Bratenfett, ein
           nobles Automobil schwebt im „Walkürenritt" durch's Hochgebirge...
SPR II: ...und zur Veredelung von Schokolade durch „Carmina Burana" möchte man am
            liebsten ausrufen:
SPR I: „Ach, Egk mich doch am Orff!"
SPR II: Aber nein, Pardon wird nicht gegeben!
SPR I: Schon gar nicht, wenn's ums Geld geht!
           Im Supermarkt umgarnt uns perfides Gedudel mit versteckten Absichten:
SPR II: Zum Beginn des Sommerschlußverkaufs will man die enthemmten
            Käufermassen - auch gegen ihren Willen - im „Allegro molto" zur Eile antreiben,
            in Flautezeiten dagegen mit einem „Adagio"...
SPR I: ...im Dreiviertel-Takt...
SPR II: ...zu umsatzträchtigem Schlendern verleiten. Italienisch angehauchte Melodien
            weisen unterschwellig hin auf Spaghetti und Chianti im Sonderangebot, ein
            dezenter „Ländler-Touch" dagegen auf Weißwürste in der Nähe ihres
           Verfallsdatums.
SPR I: „Happy Shopping" nennt das der Fachmann!

Z: „Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort, und die Welt hebt an
    zu singen, triffst Du nur das Zauberwort!" (Eichendorff)

M: (noch einmal einige Sekunden s.o.)

SPR I: Ein früher Kritiker der zunehmenden akustischen Umweltverschmutzung war der
           Philosoph THEODOR LESSING.

SPR II: Bereits 1908 gründete er einen „Antigroßstadtlärm-Verein" und eine Zeitschrift
            mit dem vielsagenden Titel:
Z: „Der Antirüpel. Recht auf Stille. Monatsblatt zum Kampf gegen Lärm, Rohheit und
     Unkultur im deutschen Wirtschafts-, Handels- und Verkehrsleben!"

SPR I: Einmal soll er sogar ernsthaft erwogen haben, eine Taschenuhr zu stehlen, nur
           um endlich in den Genuß einer stillen Kerkerzelle zu kommen.
SPR II: Heute allerdings würde ihm selbst dies nur wenig nützen: die „Leichte Brise aus
            Südwest", die weht auch noch durch schwedische Gardinen.

SPR I: Nun, was ihn störte, das war in erster Linie noch schlicht und einfach Krach -
           der Krach der modernen Zeiten.

SPR II: Dagegen hatte ein anderes Nervenbündel bereits ausdrücklich die Musik im
            Visier, die Musik als öffentliche Ruhestörung.

SPR I: CHARLES BABBAGE, der 1792 geborene englische Mathematiker, Ingenieur
und Erfinder (der heute als einer der Urväter des Computers gilt), dieser ebenso sensible wie streitsüchtige Zeitgenosse beklagte vor allem das Unwesen der Straßenmusik. Und dabei störte es ihn nicht nur, daß in deren Gefolge oft...
Z: ... „Damen von elastischer Tugend!"..
SPR I: ...ihr sittenverderbendes Unwesen trieben, sondern ihn störte vor allem das
Gefühl des ohnmächtigen Ausgeliefertseins an eine Musik von äußerst zweifelhafter Qualität. Oft karikiert und viel verspottet - focht er einen aussichtslosen Kampf gegen jene...
Z: "...von der Regierung zugelassenen Folterwerkzeuge..."
SPR I: ...die ihn am Schreibtisch, beim Mittagsmahl und im Schlafgemach heimsuchten
und malträtierten. Zuletzt drohte er gar in höchster seelischer Not wildentschlossen einen Vergeltungsschlag an:
Z: "Mir stehen umfangreiche Mittel für die Erzeugung der widerlichsten Geräusche zur
      Verfügung!"
SPR I: Ob es allerdings jemals zum Äußersten kam, das ist leider nicht überliefert.

Z: „Musik wird störend oft empfunden, derweil sie mit Geräusch verbunden!"
    (Wilhelm Busch)

SPR II: Die nervenzerrüttende Macht der Musik...
SPR I: ...die ja nicht zuletzt auch jeden Generationskonflikt - von Rock'n'Roll bis Techno
           - stets auf's neue mit phonstarker Munition versorgt...
SPR I: ...diese verheerende Macht versuchte übrigens auch das US-Militär zu nutzen,
als es 1989, nach dem Einmarsch in Panama, den in die vatikanische Botschaft geflohenen Diktator Noriega durch eine Dauerbeschallung mit Heavymetal-Gedröhn zur Kapitulation zwingen wollte. Erst ein Protest des heiligen Vaters gegen dieses barbarische Unterfangen beendete die Aktion.

M: (ein paar Sekunden HEAVY-METAL-Sound)

SPR I: Nun, seit den Zeiten des Charles Babbage  ist die Kultur und die Zivilisation, wie
wir ja alle wissen, weiter vorangeschritten. Und was uns heute allerorten in den Ohren liegt, ist oftmals so dezent, daß viele Menschen es tatsächlich nicht einmal mehr wahrzunehmen scheinen.

SPR II: Und dahinter steckt Methode und Raffinement. Bei MUZAK(x)  (und den anderen
Produzenten funktioneller Musik) befaßt sich ein ganzer Stab von Musikexperten der besonderen Art mit der Herstellung feinster Klanggewebe aus Tonsatz und Vorsatz - vom Psychologen und Soziologen über den Verhaltensforscher, den Arbeitswissenschaftler und den Mediziner bis hin zum Klangdesigner.

SPR I: Und zwar werden in den Tonstudios der einschlägigen Firmen in ersten Linie
           Instrumentalmusiken produziert...
SPR II: ...schon der Einsatz der menschlichen Stimme könnte, so befürchtet man, dem
            erwünschten Zweck zuwiderlaufen, indem sie die Aufmerksamkeit zu sehr auf
            sich zieht...
SPR I: Überhaupt wird all das, was Klänge spannend macht auf genau kalkulierte
           Weise eliminiert...
SPR II: ...d.h. es gibt so gut wie keine Soli, das Frequenzspektrum wird unter Verzicht
auf alles zu hoch oder zu tief Tönende zwischen 40 und 8000 Hertz eingegrenzt, dynamische Schwankungen werden um jeden Preis vermieden, die Melodien verlaufen in spieluhrmäßiger Vorhersehbarkeit, die Harmonien bleiben niemandem im Halse stecken und der Rhythmus spult sich monoton und ohne Sensationen ab.

Z: „(Das) Nicht-gehört-werden-Sollen hat...System, denn wenn Musik...bewußt
wahrgenommen wird, kann sie ablenkend wirken. Nichts ist daher für die Produzenten funktioneller Musik verpönter als ein Arrangement, zu dem eine Büroangestellte mit den Füßen wippt oder mit dem Finger schnippt!"
(Rüdiger Liedtke)(3)

SPR I: So entstehen Medleys 2-3 minütiger Einzeltitel aus endlosem Wohlklang -

Z: „ Es ist gar nicht so leicht, den richtigen Ton zu treffen... Doch wir bieten Ihnen die
    Lösung: Der Non-Stop-Service von MUZAK(x) (via Satellit)-  Noch bequemer geht es
    kaum: Funktionelle Hintergrundmusik per Knopfdruck. Und das rund um die Uhr...
    Abgestimmt auf die Tageszeit. Also dem Biorhythmus des Menschen angepaßt.
    Psychologisch ausgewogen: Alle 15 Minuten beginnt eine neue, in sich gegliederte
    Musik-Sequenz. 365 Tage im Jahr!" (4)

SPR I: Restaurantbesitzer können dabei wählen aus Kategorien mit teilweise etwas
 irritierenden Etiketten  wie:
Z: „German Classics (leichte klassische Musik mit Wiener Einschlag)!"
SPR I: oder:
Z:  „Alpine (Polkas, Jodler, Akkordeonmusik - die echte deutsche Atmosphäre)!"(5)

SPR II:  Und man scheint wirklich an alles zu denken, wenn es darum geht, uns die
             Stimmung nicht zu verderben:
Z: „Damit am Heiligen Abend keine Übersättigung erreicht ist,... haben (in unserem
    Weihnachtsprogramm) 'Oh du fröhliche', 'Jingle Bells' und 'Stille Nacht' nur einen
    (relativ) geringen Anteil: Jeweils in einem Block vormittags und nachmittags an den
    verkaufsoffenen Samstagen im Advent...!" (6)

SPR I: Niemals endende Suiten werden fortgesponnen in einer Dramaturgie, die, wie
           gesagt, Einfluß nehmen soll auf den natürlichen Bio-Rhythmus des Menschen -
           mit dem Ziel, Räume aller Art nach vorgegebenen Kriterien...
Z: ...„musikalisch zu möblieren und auszukleiden!"(7)

SPR II: Als wichtigste Maßeinheit - als DIN-Norm gewissermaßen - gilt den
 Produzenten dabei die Anzahl der Taktschläge pro Minute - gemessen als
 BpM (Beats-per-Minute).

SPR I:  80 Schläge pro Minute entsprechen in etwa dem menschlichen Ruhepuls und
 werden als Bezugsgröße genommen. Wobei es gilt, etwa für die Steuerung von Arbeitsprozessen einen als ideal angesehenen Wert von 100 BpM möglichst stufenlos und unmerklich zu erreichen.

M: (hier vielleicht ein paar beschwingtere Takte)

SPR II: Prinzipiell können auf diese Weise alle Musiksparten zu funktioneller Musik
denaturiert und entbeint werden: Pop & Rock ebenso wie Schlager, Folklore, Jazz oder auch (nicht zuletzt) die Hits des klassischen Repertoires  - und daraus mit Vorliebe Barockes...

SPR I: ...des festlichen Flairs wegen.

SPR II: Als Klangideal orientierte sich Squier damals an den überaus erfolgreichen
Schallplattenaufnahmen des Schauorchesters von Annunzio Paolo MANTOVANI.  Der Italiener war geradezu berüchtigt dafür, insbesondere den Werken der Klassiker all das auszutreiben, was deren Kunst zur Kunst macht. Die kompositorische Feinarbeit verschwindet vollständig unter einem Dunst weicher Streicherklänge und es wird skrupellos solange gekürzt und geglättet, bis am Ende nur noch die Melodie an das Original erinnert.

M:  MANTOVANI (eine seiner J.S.BACH-Bearbeitungen: z.B. „AIR FOR A G-STRING")

SPR I: In den letzten Jahren wurde die Arbeit der Hersteller von MUZAK durch den
möglich gewordenen Einsatz von Computern und die Übertragung via Satellit noch weiter vervollkommnet. Dem Zufall überlassen bleibt nun so gut wie gar nichts mehr.

SPR II: So entsteht eine Musik eigener Art, die nicht nach ästhetischen Kriterien
            gemessen wird, sondern gewissermaßen nach psycho-somatischen.
Und über dem allem schwebt nicht der Geist Johann Sebastian Bach's, sondern das Glöckchen Pawlow's.

M: (hier eventl. kurz das Bellen eines Hundes)

Z: „Unsere Schallumwelt hat sich gegenüber der früherer Generationen grundlegend
verändert, seit sich zu Beginn dieses Jahrhunderts die Technik explosionsartig entwickelt hat...Die einzelnen Bereiche der akustischen Glocke (unter der wir heute leben) werden immer zudringlicher  und greifen uns immer stärker an, denn sie verstärken sich gegenseitig in ihrer Intensität!" (Rüdiger Liedtke)(8)

SPR I: Stille dagegen bringt so manchen Zeitgenossen allem Anschein nach schon
nach kurzer Zeit aus dem seelischen Gleichgewicht. Beinahe alles wird getan, um diesem unerträglichen Zustand zu entgehen.

SPR II: Das Autoradio startet automatisch, sobald der Zündschlüssel den Motor
            anwirft...
SPR I: ...und jene vage Hoffnung, die Spezies joggender Walkman-Träger sei
angesichts der Gefahren des städtischen Straßenverkehrs per se zum Aussterben verurteilt, hat sich, ein Blick auf die Unfallstatistik zeigt es, bis heute nicht erfüllt.
SPR II: Ja, selbst in Konzertpausen erklingt mittlerweile - kaum haben die Musiker die
 Bühne verlassen - Musik aus der Konserve.

SPR I: Immer enger und lückenloser knüpft sich der allgegenwärtige Klangteppich und
prägt grundlegend unsere Verhältnis zu Musik überhaupt  - und ebenso bedeutsam und vielleicht sogar noch folgenschwerer verändert sich unser Verhältnis zur Ruhe:
SPR II: Der bereits erwähnte Rüdiger Liedtke schreibt in seinem Buch „Die Vertreibung
            der Stille":
Z:  „Tatsache ist, daß in unserer Gesellschaft immer mehr Menschen ohne Musik nicht
leben können, daß sie Stille bedrückt (und) verunsichert..., daß die Abwesenheit von Beschallung zu Entzugserscheinungen führt... Immer mehr Menschen haben ihre Musik nicht mehr im Griff, haben die Fähigkeit, mit diesem Kulturgut, diesem Vergnügen richtig und dosiert umzugehen, verlernt!" (9)

SPR I: Immer schwerer fällt es auch, in diesem ständigen Gedudel und Gesäusel die
wahre und schöne Musik als solche überhaupt noch auszumachen und wahrzunehmen. Das Werk eines Musikers hat kaum noch die Möglichkeit, sich deutlich und als eigenständiger Kunstgegenstand Gehör zu verschaffen.

SPR II: Doch so, als wäre das immer noch nicht genug, hat man jetzt offensichtlich noch
 einen weiteren bislang brachliegenden Markt entdeckt:
Z: „...Sanfte Träumereien für ihren Liebling! Wer läßt sein liebes Tier schon gern
allein?... Dennoch gibt es immer wieder Situationen, in denen ihr Liebling allein die Wohnung hüten muß. Wir haben (nun) die Lösung! Musik für Tiere! ...Extra... komponiert...für den Hund, die Katze, den Vogel...mit vielen Tiergeräuschen der eigenen Art, die in den Hintergrund gemischt worden sind... Machen Sie ihrem Tier und sich selbst ein Freude...3 CDs nur 49,95 DM!"

Z: „Musik ist angenehm zu hören, doch ewig braucht sie nicht zu währen!"

SPR I: Wie alle Mahnungen zur Mäßigung, so schlagen wir auch diese des Herrn
Busch geflissentlich in den Wind.

SPR II: Musik zu jeder Zeit und an jedem Ort. Selbst noch an einstmals stillen Örtchen:
SPR I: So empfing den Autor dieser Sendung unlängst auf der Toilette eines Cafés
prasselnder Applaus, welcher jedoch, wie er dann desillusioniert feststellen mußte, nicht ihm galt, sondern HÄNDELs "WASSERMUSIK", welche dort allem Anschein nach soeben dargeboten worden war.

M: HÄNDELs "WASSERMUSIK" -  abrupt beendet durch das Rauschen einer WASSERSPÜLUNG
 
 
 

 ZITATE:
1) J.Goudsblom: „Soziologie auf der Waagschale" (Suhrkamp/Frankfurt 1979) S.61
2) R.Liedtke: „Die Vertreibung der Stille" (dtv/München 1988) S.92
3) Liedtke/S.126
4-7) aus einer Broschüre der Firma MUZAK
8) Liedtke/S.121
9) Liedtke/S.209f

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DIE MODERNE GESELLSCHAFT, IHRE MUSIK UND IHR SINN FÜR HUMOR
                 (von Dr.Lutz Neitzert) (unveröffentlichtes Manuskript)
 

„... musikalischer Humor wird ohne Unterstützung von außen möglich. Musik der Klassik kann wahrhaft witzig, nicht nur lustig oder gut gelaunt sein. Echte musikalische Späße lassen sich schreiben. Es gibt zwar in früherer Musik Witz, aber er fußt auf nicht-musikalischen Anspielungen... Haydn (wurde) ja gerade von seinen Zeitgenossen als Clown angegriffen... Wenn man in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zunehmend Geschmack am musikalisch Komischen fand, so war das zum Teil darauf zurückzuführen, daß die Stilentwicklung endlich wahrhaft autonome musikalische Komik ermöglichte. Wenn das Widersinnige genau richtig scheint, das Weithergeholte plötzlich genau an passender Stelle zu stehen scheint, so hat man wesentliche Bestandteile des Komischen. Insofern der klassische Stil so großen Wert auf Umdeutungen legte, enthielt jede Komposition eine Fülle von Doppeldeutigem..." (Rosen, 1983, S.104ff)

Charles Rosen konstatiert und erklärt in seinem Buch „Der klassische Stil" die zunehmende Wertschätzung des (inner-)musikalischen Witzes im Übergang vom höfischen Barock zur bürgerlichen Klassik vor allem als das Einfließen unverbrauchter Ausdrucksmittel aus dem Repertoire der Komischen Oper in instrumentale Genres. So allerdings bleibt die grundlegende Erkenntnis in seiner Deutung eher marginal. Und auch an anderer Stelle haben die Musikwissenschaft und die Musiksoziologie das hierin angezeigte vielsagende Phänomen kaum einmal tiefergehend ernst genommen. Dabei ergeben sich naheliegende Fragen zum einen in bezug darauf, welche Geschäftsbedingungen innerhalb des Musikbetriebs und welche besondere Geisteshaltung der musikalischen Öffentlichkeit es waren, die unter der Schirmherrschaft des Bürgertums dieser Art von Humor und Komik so plötzlich Konjunktur verschafften. Zum andern wäre es wichtig, besser zu verstehen, warum ganz bestimmte Formen künstlerischen Witzes für das Kulturleben in vor- und antimodernen Gesellschaften ganz offensichtlich äußerst prekär waren und sind.
Und welcher spezifische Ausdruck von Scherz, Satire, Ironie ein bestimmtes Künstlerbild und Selbstverständnis von Kunst voraussetzt und seinerseits einen bestimmten Künstlertypus samt seines sozialen Standpunktes charakterisiert.

In allen Gesellschaftsformen gab und gibt es scherzhafte Musik: von der klangmalerischen Unterlegung und Unterstreichung komödiantischer Libretti und Liedertexte, über die (rhythmische) Pointierung skurriler Motorik (Slapstick, Mickey-Mousing...), über die Witzfigur als Sujet in der Programmusik, die Imitation (vermeintlich) komischer Spezies aus dem Tierreich (mit Vorliebe Huhn & Esel), bis hin zur Karikatur sozialer (zumeist randständiger oder unterprivilegierter) Gruppen und ihres so der Lächerlichkeit preisgegebenen Habitus.

All dies folgt im Grunde und im Wesentlichen der berühmten Definition Henri Bergson’s (expliziert in seinem Buch „Le Rire“ aus dem Jahr 1900), wonach das Lachen eine „soziale Geste" sei und zuallererst eine höchst subtile Form der „Strafe", des Anprangerns und Bloßstellens abweichenden Verhaltens nämlich.

In diesem Sinne, wie gesagt, kennen alle Gesellschaften musikalischen Humor.
Gerade in der Hofmusik des Absolutismus hat man sich ja in vielen höchst beliebten Variationen innerhalb barocker Tonkunst etwa mokiert über das vorgebliche Ungeschick des bäuerlichen Menschen (insbesondere als plump-unkultivierter Tänzer) oder das Befremdlich-Belustigende des Exoten.

Spannender aber wurde und wird es stets dann, wenn sich ein ironischer Impetus gegen das musikalische Material selbst wendet, gegen etablierte Gattungen und Ausdrucksweisen - wenn es also gewissermaßen an die Substanz geht. Und als konsequent verfolgte ästhetische Strategie ist dies ein durchaus modernes Stilmittel.
Der subversive Unterton solcher Art von Musik-über-Musik erregte schon bei seiner Aufkunft sofort das  Mißtrauen der höfischen „Geschmackspolizei“ und man deutete dies völlig zurecht als die Manifestation einer neuen, unerhörten und im Rahmen des Ancien Regime unbotmäßigen Weltanschauung.

Sein erstes Operationsfeld fand der damals neu erwachte Sinn für den geistreichen Scherz daher nicht zufällig im Kontext der am Vorabend der Revolution (und gemäß des Auftrages der Aufklärer) anstehenden äußerst diffizilen Aufgabe, die barocken Tanzformen zu renovieren oder aber aus der Welt zu schaffen.
Der Weg vom Menuett zum Scherzo zeigt sinnfällig den Gang dieser musikästhetisch und musiksoziologisch äußerst aufschlußreichen Entwicklung.
Und hierbei wurde in erster Linie ein signifikantes Charakteristikum des innermusikalischen Witzes sichtbar und virulent - nämlich seine Fähigkeit, „Umgangsmusik“ unvermittelt in „Darbietungsmusik“ zu transformieren. (Nach der gängigen Definition Heinrich Besseler’s dient „Umgangsmusik“ unablöslich der Untermalung, Strukturierung und/oder Einrahmung sozialer Interaktion oder Inszenierung, während „Darbietungsmusik“ eigenständig, d.h. als Musik-an-sich, als Musik-als-solche rezipiert werden will.) Und genau diese Übersetzung in einen neuen Bezugsrahmen und die Auslieferung an einen anders gestimmten Rezipienten, führte zu jenen spannenden Deformationen und Mutationen, welche die Hoftänze in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erfuhren oder auch erlitten. Nicht nur das Menuett wurde im Zuge einer Neuorganisation der Musikwelt zunächst dem Spott preisgegeben, dabei in eine andere Funktion überführt und schließlich für obsolet erklärt, auch andere Gattungen gerieten in den Fokus dieses ästhetischen Diskurses: als ein hintersinniges Exempel (in nuce) denke man z.B. an Mozart’s „Kleine Gigue KV 574“. Vor allem durch rhythmische Akzentverschiebungen stahlen Komponisten wie Haydn und Mozart (ein schönes Beispiel findet sich etwa als II. Satz seines „Streichquartett KV 387“) auf höchst geistreiche und eigensinnige Weise den barocken Tänzen ihren eigentlichen hof-gesellschaftlichen Nutzwert und zwangen zugleich den Rezipienten zum unbedingten Hinhören. Nicht zuletzt diese Art von Humor und die durch ihn erzwungene Aufmerksamkeit signalisierte den Zeitgenossen das neu erwachte Selbstbewußtsein des Künstlers.

Hinter diesem bislang viel zu wenig erhellten Prozeß stand vor allem eine neue Idee davon, auf welche Arten und Weisen, der autonome Künstler in Zukunft den Fortschritt seines Metiers ins Werk zu setzen beabsichtigte.
Selbstverantwortlich wollte und sollte er nun sein, in seinem Refugium gleichgestellt den Fachleuten und Spezialisten anderer Bereiche einer sich unaufhaltsam mehr und mehr ausdifferenzierenden, industriell geprägten modernen Gesellschaft, und ihn für seine Werke zu richten, das sollte  nur noch Seinesgleichen und einem kompetenten Publikum gestattet und vorbehalten sein.

Ein entscheidender Effekt innermusikalischen Witzes war, daß er es vermochte, eine kreative Distanz zu den Objekten herzustellen, ohne diese jedoch aus dem Blick geraten zu lassen - ja, im Gegenteil gerade um sie in scharfem Blick erst eigentlich fixieren zu können.

Eine wichtige Rolle hatte hierbei natürlich auch das neu geordnete musikalische Umfeld - in erster Linie eine Musik-Kritik, welche diesen Prozeß verstehen und kommunizieren konnte und ein in diesem Sinne aufgeklärtes und aufnahmebereites Publikum. Wohl niemand am Hofe zu Versailles hätte sich - im Gefolge eines „Sonnenkönigs“ - über Haydn’sche Späße amüsieren können.

Die spürbarste Auswirkung war, daß damit verfestigte Formen in der Kunst sehr viel schneller - im witzigen Affront - in Frage gestellt werden konnten.
Sobald sich fortan ein musikalischer Stil etablierte, rief er zugleich, quasi automatisch, schon seine Verhöhnung auf den Plan (und dies sowohl in der Konzert- als auch in der Unterhaltungsmusik). Von Haydn bis Satie.
Das Klischee gilt im modernen bürgerlichen Kulturbetrieb seither per se als un-originell und seine Verwendung ist für einen Autor demgemäß gewissermaßen „ehrenrührig“. Im Gegensatz dazu baut die Ästhetik und Alltagskultur des Absolutismus wie des Faschismus ja gerade auf obrigkeitlich eindeutig legitimierte Muster - entweder  vorgestellt als unabdingbares Dekor der „edlen Lebensart“ des „Hochwohlgeborenen“ oder aber (unter völkisch-rassistischen Vorzeichen) als vorgeblich archaische, der Natur des („deutschen“) Menschen einzig gemäßer Archetypus (etwa im Volkslied-Ideal des NS). Wobei eine dem unterstellte Kulturpolitik notwendig die Aufgabe zugewiesen bekommt, jene Desiderate unter ihren ganz besonderen Schutz zu stellen.

Dazu gehörte ganz folgerichtig auch, daß das Reden über und das Kritisieren von Musik im nationalsozialistischen Kulturleben wieder weitestgehend mit der Erörterung der Relevanz, Irrelevanz oder Unvereinbarkeit bestimmter Musiken in bezug auf den ideologisch-politischen Kontext befaßt war.

In einem Aufsatz mit dem Titel „Die Musik im Dritten Reich“ aus dem Jahr 1935 schreibt der Präsident der Reichsmusikkammer, Peter Raabe: „Wer darüber nachdenkt, was die Musik  dazu tun kann, das hohe Ziel zu verwirklichen, die Menschen tüchtig, gut, vaterlandstreu und damit glücklich zu machen, dem werden sich zwei Fragen zur Beantwortung aufdrängen: 1. wie muß die Kunst beschaffen sein... und 2. was kann der Staat tun, was muß er tun... Wenn die Musik im Dritten Reich allmählich... an das Volk herankommen und ihm Freude bringen soll, die es zur Arbeit und zum Lebenskampfe stählt, so muß vorher mit eisernem Besen ausgekehrt werden, was diesem Volke den Sinn mit Unkunst benebelt...“! (Raabe, 1935, S.11 + 14)

Was die bürgerliche Musikästhetik, -kritik und Kompositionslehre (letztlich durchgesetzt im Genie-Kult und zusammen mit der Werk-Idee) gelernt hatte, als kreativen und innovativen Umgang mit dem vorgefundenen Tonmaterial (prinzipiell) zu goutieren, gut zu heißen, wich nun wieder dem erhobenen Vorwurf des bloßen Formalismus, des „volksfernen“ Intellektualismus, des Oberflächlichen, des Nicht-Organischen.

In der „Königsberger Allgemeinen Zeitung“ vom 12.10.1935  z.B. stand zu lesen:
„(Es) scheiden also für unser deutsches Empfinden aus: ...eine Musik, die entweder einer krankhaften Seelenverfassung entspringt, oder aber, wie es meistens der Fall ist, nur mit dem Verstande ergrübelt ist, um krampfhaft als Sensation aufzufallen...“!  (zit. nach Zwerin, 1988, S.24)

Der autonome Tonkünstler steht mit seinem erklärten Selbstverständnis dem faschistischen wie dem absolutistischen Ideal unintegrierbar entgegen und das manifestiert sich eben auch darin, daß er sich die Freiheit nehmen muß, seinen Überdruß am Hergebrachten (und das oft am wirkungsvollsten und beeindruckendsten) in Form von Witz zum Ausdruck zu bringen.

Musik-über-Musik machen zu können und, vor allem, zu dürfen, das war die vielleicht entscheidendste Errungenschaft des modernen Künstlers und diese Ermächtigung versuchten alle antimodernen Gemeinschaftsentwürfe ihm mit allen Mitteln wieder zu entziehen.

Der problematische Umgang des Faschismus mit moderner Musik (sowohl U als auch E) spiegelt auf verschiedenen Ebenen den hier skizzierten ästhetischen Grundkonflikt wider.

Jene Formen musikalischen Witzes, welche ohne Legitimationsprobleme und nach eindeutigen ideologischen Vorgaben „zum Einsatz gebracht“ werden konnten
wurden sofort zum vielverwendeten Bestandteil „völkischer“ Kunst. Überall erschienen Karikaturen oder man stellte durch Arrangement, Plazierung oder Selektion diffamierende Kontexte her - vielleicht am folgenreichsten in der Düsseldorfer Ausstellung „Entartete Musik“ 1938, zu der ihr Leiter, Hans Severus Ziegler, in seiner Eröffnungsrede den Blickwinkel unmißverständlich vorgab:
„Was in der Ausstellung ‘Entartete Musik’ zusammengetragen ist, stellt das Abbild eines wahren Hexensabbaths und des frivolsten geistig-künstlerischen Kulturbolschewismus dar und ein Abbild des Triumphes von Untermenschentum, arroganter jüdischer Frechheit und völliger geistiger Vertrottelung"! (zit. nach Funk-Hennigs/Jäger, 1995, S.54)

In dieser Schau wurde übrigens eine adäquate Wahrnehmung der als „entartet“ vorgeführten Musiken den Besuchern schon dadurch unmöglich gemacht, daß man ihm stets mehrere Tonbeispiele gleichzeitig, als eine absurde Collage, zu hören gab.

Die musikalische Parodie erlebte damals eine Blütezeit als wohlfeile Methode der Diffamierung, während man den wirklich hintersinnigen Blick auf das zeitgenössische Musikmaterial vorsätzlich verstellte.

Anläßlich des „Jazzverbots“ im reichsdeutschen Rundfunk durch den Reichssendeleiter Eugen Hadamovsky vermeldete  der „Völkische Beobachter“ 1935: „Alle Sender des deutschen Rundfunks  bringen heute zu noch unbestimmter Zeit ... eine Jazz-Parodie, der Art, wie sie in Deutschland zukünftig nicht mehr geduldet werden. Eine gleich darauf folgende, der deutschen Tanzmusik entsprechende Instrumentierung der gleichen Melodie soll die Unterschiede klar machen, die zwischen Niggersang und deutschem Tanzlied bestehen“! (zit. nach Wolbert, 1997, S.392)

Moderiert durch solche Ankündigungen präsentierte man stets nichts weiter als groteske Überzeichnungen jener als „typisch“ angesehenen Elemente und (vor allem) Effekte, die zu nichts dienten als dazu, das vorgefaßte abschätzige Bild möglichst drastisch zu illustrieren und zu verstärken.

Dagegen folgte eine Menuett-Persiflage à la Haydn einem völlig anderen Credo:
hier sollte eine als veraltet angesehene Form auf gleichem oder höherem ästhetischen Niveau in kreativer Bearbeitung umgedeutet werden und dabei in ein neues Licht rücken. Das Alte sollte immer zuerst gewissenhaft erfaßt und erst dann letztendlich überwunden werden.

Der NS rehabilitierte ja ganz bewußt das Un-Originelle, das „Angemessene“, als gemeinschaftstiftendes Element der Musik- wie der Alltagskultur. Und dies bedurfte notwendig der konditionierten Wahrnehmung seitens der „Kunstschaffenden“ und der Vermeidung augenzwinkernder Seitenblicke auf das eigene Material.
Innermusikalischer Witz ist, wie gesagt,  fast immer explizit oder implizit zugleich Affront gegen gesellschaftlich anerkannte Formen und Genres.

Dies wurde eben zu jener Zeit andernorts noch einmal geradezu idealtypisch ins Werk gesetzt. Während im „Dritten Reich“ mit allen zur Verfügung stehenden propagandistischen und sanktionierenden Mitteln versucht wurde, Unterhaltungsmusik als „Folklore“ zu konservieren, waren junge schwarze Jazzmusiker im New Yorker Stadtteil Harlem dabei, zu demonstrieren, in welchen Klängen sich in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts ein künstlerisches Bemühen manifestieren konnte, das versucht, Schritt zu halten mit den sich immer mehr forcierenden und beschleunigenden Modernisierungsprozessen. Und auch der Bebop signalisierte dann seit Anfang der 40er Jahre im Sich-lustig-Machen über die Klischees des Swing, daß es nun an der Zeit sei, etwas Neues, der Zeit Gemäßeres zu schaffen. Und auch hier gab es wieder die Tendenz, Umgangs- in Darbietungsmusik zu überführen, um sie so zunächst einmal in die eigene Hand zu bekommen, und auch diese musikalische Auseinandersetzung mit einem etablierten Stil vollzog sich mit Sinn für (ebenso befreienden wie zersetzenden) Humor (unter der Federführung von Interpreten wie Dizzy Gillespie).

Was nun den Jazz anbetrifft, so hatten zwar die in Hitler-Deutschland verfolgten Swing-Boys in Hamburg oder Frankfurt von der angesprochenen Entwicklung keine Kenntnis, doch auch in ihrer Haltung gab es jenen verdächtigen Zug, der ausdrückte, daß man die faschistische Unterhaltungskultur nicht so ganz ernst zu nehmen beabsichtigte. Gerade die bewußte umgangsmusikalische Zurichtung von Musik im NS - als Marsch, Volkstanz oder Fanfare - machte natürlich höchst anfällig gegen jede ironische Anspielung. Dem vorzubeugen sollte U-Musik niemals als Musik-als-solche rezipiert werden, d.h. jenseits spezifisch sinnstiftender Veranstaltungen, und es sollte alles getan werden, um zu verhindern, daß in diesem Feld Avantgardebewegungen Raum greifen konnten. Moderne Künste erleben und befördern innovative Impulse fast immer zunächst als distinktiver Ausdruck exklusiver Zirkel.
In jedem Kultursektor fürchtet die nicht-moderne Gesellschaft aus gutem Grund, daß sich im ästhetischen Diskurs Kommunikationsstrukturen auf subkulturellen Ebenen herausbilden und etablieren könnten. Und daß ein Sich-Wenden gegen das Etablierte in der Kunst, gegen den Massengeschmack, gegen die Musik-der-Vielen auch weltanschaulich-politischen Eigensinn signalisiert, scheint den Wachhabenden stets evident.

Das unlösbare Dilemma, in welches die faschistische Gesellschaft dadurch gerät, daß sie in Befolgung ihres eigenen anachronistischen ideologischen Programms die wirkungsvollsten Mechanismen kulturellen Fortschritts außer Kraft setzt, besteht darin, daß ihre ästhetischen Formen ihr Leben verlieren und jede Fähigkeit, sich wandelnden Zeitläuften anzupassen.

Daß Ironie seit je der erklärte Feind alles Pathetischen ist, bedarf hier eigentlich kaum noch der Erwähnung. Das Pathos verlangt zu seiner Inszenierung, zur Untermalung „großer Worte“ einen verläßlichen umgangsmusikalischen Rahmen.
Und nicht zuletzt deshalb hat sich noch stets gezeigt, daß die idealtypische Musik des Faschismus ihre Verhöhnung geradezu herausfordert:

„Die Fahne hoch! Die Reihen dicht geschlossen! SA marschiert mit ruhig festem Schritt...!“

„Unter dem Rednerpult hockte ich. Links und rechts von mir und über mir standen breitbeinig... die jüngeren Trommler des Jungvolkes und die älteren der Hitlerjugend... Die Trommel lag mir schon maßgerecht. Himmlisch locker ließ ich die Knüppel in meinen Händen spielen und legte... einen kunstreichen, heiteren Walzertakt auf mein Blech, den ich immer eindringlicher, Wien und die Donau beschwörend, laut werden ließ, bis oben die erste und zweite Landsknechttrommel an meinem Walzer gefallen fand... Dazwischen gab es zwar Unerbittliche, die kein Gehör hatten, die weiterhin Bumbum machten, und Bumbumbum, während ich doch den Dreivierteltakt meinte, der so beliebt ist beim Volk. Schon wollte Oskar verzweifeln, da ging den Fanfaren ein Lichtchen auf, und die Querpfeifen, oh Donau, pfiffen so blau“!
(Grass, 1960, S.141f)
 
 

Literatur:

Funk-Hennigs, Erika / Jäger, Johannes: „Rassismus, Musik und Gewalt“ (Münster / 1995)
Grass, Günter: „Die Blechtrommel“ (Darmstadt - Neuwied / 1960)
Raabe, Peter: „Die Musik im Dritten Reich“ (Regensburg / 1935)
Rosen, Charles: „Der klassische Stil“ (Kassel - München, 1983)
Wolbert, Klaus (Hrsg.): „That’s Jazz - der Sound des 20. Jahrhunderts“ (Darmstadt / 1997)
Zwerin, Mike: „Swing unter den Nazis“ (Wien / 1988)
 

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(WDR am 13.12.91)

                                           SCHERZO SERIOSO"
                                       Über den Witz in der ernsten Musik
                                                      (von Lutz Neitzert)
 
 

1) „Humoresque“ /Rodion Schtschedrin

"Ein Mann läuft auf der Straße, stolpert und fällt. Die Passanten lachen.
Ich glaube, man würde nicht lachen, wenn man annehmen könnte, er habe sich plötzlich ent-schlossen, sich hinzusetzen. Man lacht, weil er sich un-freiwillig hingesetzt hat .... es ist die Ungeschick-lichkeit, die uns lachen macht. Das Lachen (ist) eine soziale Geste. Durch die Furcht,- die es einflößt, korrigiert es das Ausgefallene (das Zerstreute, das Gar-zu-typische, das Ungeschickte oder  auch das Mechanisch-Steife).
  Das Lachen hat daher mit. reiner Ästhetik nichts zu tun...Lachen ist Strafe! (Auch bedarf die Komik) einer vorübergehenden Anästhe-sie des Herzens, um sich voll entfalten zu können. Sie wendet sich an den reinen Intellekt!"

Diese Ausführungen des französischen Philosophen Henri Bergson - aus seinem 1900 erschienenen Buch "'Le Rire/das Lachen" – treffen zwar, wie wir sehen werden, nicht alle Aspekte musikalischen Witzes, aber mit dem anfangs ge-hörten Stück im Ohr, der "Humoresque" des 1932 in Mos-kau geborenen Komponisten Rodion Schtschedrin, eröffnen diese Überlegungen doch einige bedenkenswerte Einsich-ten. Was war es denn, das wir da eben hören mußten? Einen tapsig unbeholfenen Pianisten (Radu Lupu mit Na-men) und eine. Komposition bis an die Schmerzgrenze an-gefüllt mit Banalitäten. Klischees und Ungeschicklich-keiten: deplazierte Wendungen, etwa Schlußfloskeln als
Übergänge, uneingelöste dramatische Vorbereitungen, konzeptloses Umherirren, geistig offensichtlich unbe-wältigte thematische Arbeit, gar zu plakative Kontraste ... usw. usf. Kurz gesagt: es handelte sich um ein in jeder Hinsicht lausig schlechtes Stück Musik. Und was blieb uns da anderes übrig, als, ganz im Sinne Bergson's, Musiker und Musik "auszulachen". Ästhetisch sublimiert zwar und, in der beruhigenden Gewißheit, daß in diesem Fall ja alle ihren Spaß haben, aber es war eben doch im Grunde nichts anderes als ein "Auslachen. Und folgt man Bergson weiter, so dürfen wir uns sogar noch einen pädagogischen Anspruch bei der Sache zubil-ligen: Lachen als konstruktive Kritik, als unmißverständ-licher Hinweis auf Mängel und Defizite. Nun, die Kunst ist nicht das wirkliche Leben, und so haben wir natürlich nicht Rodion Schtschedrin und seinen In-terpreten ausgelacht, sondern eine bloße, vom Künstler präsentierte Fiktion eines „lächerlichen Musi-kanten". Dennoch bleibt wohl tatsächlich die von Bergson aufgezeigte Intention der tiefere Grund unseres Amüsements.

Nicht ganz so dick aufgetragen wird in unserem zweiten Beispiel.
RES SEVERA EST VERUM GAUDIUM / die ernsthafte Sache ist das wahre Vergnügen!
Dieser alte Spruch des ehrwürdigen Seneca prangte seit 1781 in großen Lettern über dem Orchesterpodium des ehr-würdigen Leipziger "Gewandhaus". Das Bürgertum hatte im ausgehenden 18.Jahrhundert die Schirmherrschaft über das Musikleben übernommen und gab den Komponisten neue ästhetisch-moralische Grundsätze vor. Doch die Musiker der Epoche, allen voran Joseph Haydn, spürten, daß den moralinsauren Sittenwächtern zum Trotz, gerade der musikalische Witz eine der revolutionären Neu-erungen der bürgerlichen Musik war. Der Musikwissenschaft-ler Charles Rosen schreibt hierzu:"(musikalischer) Humor wird ohne Unterstützung von außen möglich. Musik der Klas-sik kann wahrhaft witzig sein, nicht nur lustig oder gut gelaunt. Echte musikalische Späße lassen sich schrei-ben. Es gibt zwar in früherer Musik Witz, aber er fußt auf nichtmusikalischen Anspielungen". Soweit Rosen.
Innermusikalischer Witz ist gewissermaßen "Musik über Musik", d.h. ein ironisch kreatives Spiel mit, tradier-ten Formen, Gattungen, Konventionen und Klischees. Und das ist nun prinzipiell alles andere als eine "leich-te Kost". Es verlangt im Gegenteil höchste Aufmerksam-keit von Seiten der Zuhörer. Die Voraussetzungen, die eine solche Rezeption überhaupt erst erlaubten, waren erst geschaffen, als sich im Bürgertum ein Konzertpub-likum einfand, das einzig und allein zusammenkam um Musik zu hören, und nichts außerdem. Bei Hofe blieb Musik immer nur untergeordnetes Dekor der diversen fürstlichen Inszenierungen, und niemand nahm sie wirk-lich ernst. Erst im öffentlichen Konzertsaal bzw. in der ambitionierten Hausmusik beschäftigte man sich so intensiv mit der Musik, daß man der Musik ihrerseits gestattete, sich auch mit sich selbst zu beschäftigen.

Joseph Haydn war der unbestrittene Meister des klassi-schen Humors. Und bezeichnenderweise war er es ja auch, der den Tanzsatz im Sonatenzyklus durch das "Scherzo" ersetzte. In seinem 1790 entstandenen "Streichquartett op.64/5", dem sogenannten "Lerchenquartett", stecken vor allem die Sätze III und IV voller witziger Einfälle: Bewegungsimpulse laufen grundlos ins Leere, ein ver-suchtes Fugato gerät schon nach wenigen Takten völlig aus dem Ruder, das Prinzip der thematischen Arbeit wird hemmungslos veralbert, dramatische Ausbrüche ereig-nen sich reichlich unmotiviert und ob die Dominanz der "Kuckucksterz" ausgerechnet in einem "Lerchenquartett" ein Zufall ist? Solche parodistischen Effekte hätten den Herrschaften bei einer fürstlichen Tafelmusik wohl kaum ein Lächeln abgerungen, in einem solchen Ambiente wären diese nichts weiter gewesen als grobe Fehler. Hören wir also nun, mit den Ohren eines bürgerlichen Ken-ners, die beiden letzten Sätze aus op.64/5. Zuende geht das Stück übrigens auch mit einem veritablen Scherz: 44 Takte lang läßt Haydn eine locker schwingende Sechzehntelmelodie in ereignislosem Fluß im piano sich abspu-len, um dann den Hörer durch eine extreme Dynamisierung an unmöglicher Ställe aufzuschrecken. Die Komik dieser Stelle liegt nun darin, daß der Fortissimoeinsatz (an sich schon eine witzige Übertreibung) schlicht und einfach einen Takt zu früh erfolgt.

2) Satz III + IV aus "Quartett op.64/5"'/J.Haydn

Im 19.Jahrhundert änderte sich auch der Charakter des Witzes. in der Musik. Nicht zuletzt als eine Folge der Trennung von U- und E-Musik. Zum einen fand nun neben dem geschmackvoll geistreichen Scherz, wie wir noch hö-ren werden, auch das, Groteske Eingang in die Kunstwerke. Zum anderen begann man sich mehr und mehr über, die tri-viale Unterhaltungsmusik lustig zu machen. Letzteres tut auch Robert Schumann in seinem 1849 ent-standenen "Stück im Volkston: mit Humor". Obgleich ich ihm nicht einmal unterstellen möchte, daß er hier wirk-lich nur spotten wollte. Wie dem auch sei, das Sujet ist jedenfalls typisch. Es erinnert wohl nicht zufällig an eine Wirtshaus- oder Volksfestszene – Schwatzen, wie ei-nem der Schnabel gewachsen ist: "hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!" Eben das, was man sich gemeinhin so als die Höhepunkte im Leben des  „niederen Volkes" vorstellt. Ungehobeltes Baßgepolter und rührend unbeholfener Gesang.

Aber noch ein weiterer wesentlicher Aspekt musikalischer Komik läßt sich hier recht gut illustrieren. Der Witz hat immer etwas "Musikantisches". Selbst in Haydn's Quartet-ten schreiben wir als Hörer unbewußt die komischen Ein-fälle eher der spontanen Spielfreude der agierenden In-terpreten zu als dem komponierenden Schreibtischtäter.
Witz muß immer spontan wirken. Ein offensichtlich repro-duzierter, wiedergekäuter Scherz ist schon kaum noch ko-misch. Wobei wir wieder bei Bergson angelangt wären bzw. bei Herrn Freud aus Wien, der schreibt: "Der Witz hat in ganz hervorragender Weise den Charakter eines ungewollten 'Einfalls'. Man weiß nicht etwa einen Moment vorher, welchen Witz man machen wird ... Man verspürt vielmehr etwas Undefinierbares, das ich am ehesten einer Absenz, einem plötzlichen Auslassen der intellektuellen Span-nung vergleichen möchte, und dann ist der Witz mit ei-nem Schlage da!“

Noch witziger allerdings wird es gerade dann, wenn die Interpreten übertrieben den Anschein erwecken, pedan-tisch "Vom-Blatt-zu-spielen" - quasi als ein Witz über den Witz!

In der folgenden Aufnahme aus dem Jahr 1952 machen sich Pablo Casals und Leopold Mannes zwar nicht mit solcher Spitzfindigkeit, aber dafür umso lustvoller ans Werk.

Sie hören aus den "Fünf Stücken im Volkston Op.102" von Robert Schumann das erste - mit dem Untertitel: "Mit Humor":

3) "Stück im Volkston: Mit Humor" / R.Schumann

"Meine Herren! Haben Sie es nicht vielleicht schon selbst bemerkt, so will ich es ihnen hiermit eröff-nen, daß die Dichter und Musiker sich in einem höchst gefährlichen Bunde gegen das Publikum befinden. Sie haben es nämlich auf nichts Geringeres abgesehen, als den Zuhörer aus der wirklichen Welt, wo es ihm doch recht gemütlich ist, herauszutreiben und, wenn sie ihn von allem ihm sonst Bekannten und Befreundeten gänz-lich getrennt, ihn mit allen nur möglichen Empfindun-gen und Leidenschaften, die der Gesundheit höchst nach-teilig, zu quälen. Da muß er lachen - weinen - erschrec-ken, sich fürchten, sich entsetzen, wie sie es nur haben wollen. Kurz, wie man im Sprichwort zu sagen pflegt, ganz nach ihrer Pfeife tanzen. Nur zu oft gelingt ihnen ihre böse Absicht, und man hat schon oft die traurigsten Fol-gen ihrer feindseligen Einwirkungen gesehen ... Es gibt Fälle, wo (sie) mit ihren höllischen Künsten die Zuhö-rer so zu betäuben wissen, daß sie auf (nichts mehr) merken, sondern ganz hingerissen wie in einer fremden Welt, sich der verführerischen Lockung des Phantasti-schen hingeben!"
Soweit der Kapellmeister Johannes Kreisler in E.T.A. Hoff-mann's "Kreisleriana".
Der romantische Künstler gab sich nicht mehr damit zufrie-den, in munterer Geselligkeit kleine geistreiche Späße zu machen, mit ihm kam das Skurrile, das Groteske, der sarkastische, grimmige Witz und das "Höllengelächter" in die Mu-sik. Paganini entzündete bei seinen Konzerten unsichtbar hinter der Bühne eine Schwefelkerze und auch der Kompo-nist des nun folgenden Stückes, Charles-Valentin Alkan, war alles andere als ein offenherzig liebenswürdiger Mensch. Der 1813 in Paris geborene jüdische Pianovirtuose war Zeit seines Lebens ein exzentrischer, verbitterter Menschenhas-ser. Er verkroch sich vor seiner Umwelt und am Abend des 29.März 1888 findet er den Tod: er wollte sich ein Buch aus seiner Bibliothek holen und dabei wird er von seinem Bücherschrank erschlagen. Fürwahr ein teuflischer Scherz, und "Scherzo diabolico" heißt dann auch die Komposition, die Sie nun hören werden. Sie entstand 1857 als 3.Stück der "Zwölf Etuden in allen Tonarten".
(Pianist der nachfolgenden Aufnahme ist Bernard Ringeissen):

4) "Scherzo diabolico"/Alkan

Vermutlich bei einem Gläschen Absinth in einem Café im Quartier Latin riet Claude Debussy seinem Freund Erik Satie, er solle doch beim Komponieren etwas mehr auf die Form achten. Dieser nahm sich den gutgemeinten Rat zu Herzen und veröffentlichte kurz darauf: "Drei Stücke in Birnenform für Klavier zu vier Händen".  Erik Satie, geboren 1866, gestorben 1925, war in vieler-lei Hinsicht ein Vorläufer des Dadaismus, und er war der erste (und vielleicht auch der letzte) wahrhaft „geniale Dilettant“ des 20.Jahrhunderts. Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz des bürgerlichen Kulturbetriebs zu sein, daß, wenn schon offensichtlich "dilettantisch", eine solche Kunst eines Außenseiters zumindest witzig und kurios zu sein habe. D.h. ohne ei-nen kräftigen Schuß Selbstironie wird dem Dilettanten jede Daseinsberechtigung im Reich der Kunst von vorn-herein abgesprochen. Nun, Satie erfüllte diese Bedingung, aber seine Ironie richtete er nicht nur auf sich selbst, sondern vor allem gegen die Modeströmungen seiner Epoche. 1899 schrieb er seine "Gnossiennes", sechs Piecen für Klavier. Unter dem Einfluß der Weltausstellung 1889 in Paris begannen vor allem die Impressionisten in Exotis-men zu schwelgen: japanisches und orientalisches Flair war auch in der Kunst der letzte Schrei. Wohl auch hier-über hat sich Satie in diesen Kompositionen ein wenig lustig machen wollen. Insbesondere die "Gnossienne Nr.5“ -hat einen gewollt arabischen Touch. Nachfolgend möchte ich diese sowie zuvor die Nummern 1 und 4 spielen. Im ersten Stück entwirft er über einer, gelinde gesagt, schlichten Baßbegleitung in pseudo-impressionistischer Manier ein duftiges Tongemälde, dessen manieriert über-pointierten Klangtupfer schon bald lächerlich leer wir-ken. Auch die fehlende innere Kraft vieler Werke des Im-pressionismus demonstriert Satie, indem er die Musik nicht entschieden zu Ende bringt, sondern wie ein kleines gar zu schwaches Flämmchen auslöscht. Im zweiten Stück hört man dann von fern Anklänge an den Kopfsatz der "Mondscheinsonate". Er mokiert sich hier wohl über das, was ihm in der Kunst das Unerträglichste -überhaupt war, das "hohle Pathos". ("Angenehme Verzweif-lung" heißt eine andere Klavierkomposition von ihm). Im-mer wieder sind es nur winzige Motive und Wendungen, wel-che aber nachhaltig die weihevolle Atmosphäre untergra-ben. Und am Ende hat es dann einen wahrhaft ergreifenden endlos ausklingenden Baßton. Es spielt John McCabe:

5a)"Gnossiennes Nr.1,4 und 5"/ Erik Satie

Hören wir nun noch zwei weitere Miniaturen von Satie. Aus dem Zyklus "Sports et Divertissements / Sport und Ver-gnügungen" zunächst "La Peche/das Fischen". Und dann: "Le Reveil de la Mariee / das Erwachen der Braut":
b) "La Peche“ und "Le Reveil de la Mariee“/   Satie

Musikalischer Witz ist per se "geistreich" - d.h., Ausweis dafür, daß ein Musiker weiß was er tut!

Zur Zeit des 1. Weltkrieges lebte Igor Strawinsky in der Schweiz. Aufträge gab es kaum in jenen Jahren, und so schrieb er für ein eigenes kleines Wandertheater, mit dem er Tourneen durch die Schweizer Provinz un-ternahm "Die Geschichte vom Soldaten", ein an mittel-alterliche Volksstücke erinnerndes Singspiel. Der Teufel bietet einem Soldaten im Tausch gegen des-sen Geige ein Zauberbuch an. Der obligatorische Pakt wird geschlossen, dann folgt das in solchen Fällen Übliche: der Soldat, der Macht und des Reichtums über-drüssig, will die Fiedel wiederhaben, zwecks Heilung und Ehelichung einer krank darniederliegenden wunder-hübschen Prinzessin - doch es ist zu spät, und am Ende holt ihn der Teufel. Aus dieser Kammeroper stammt auch der folgende "Tango-Valse-Ragtime".

Der aussichtslose Versuch einer Synthese dieser drei, ihrem Wesen nach völlig unvereinbaren Tanzformen. Tango-Attacca, Walzer-Drehen und Ragtime-Offbeat: immer wieder sehen sich die Musikanten gezwungen, sich zusammenzureißen, um nicht auf einem der Tänze hinwegzutreiben, ständig bricht man ab und steuert alles er-neut auf Konfrontationskurs: (Es spielen Gidon Kremer-Violine, Eduard Brunner-cl, Aloys Kontarsky-p)

6) "Tango-Valse-Ragtime" / Igor Strawinsky

Der Walzer, als die Musik bürgerlicher Tanzvergnügen, hat immer schon zu parodistischen Bearbeitungen gereizt. Beim folgenden „Walzer für Flöte, Klarinette und Klavier" des 1906 geborenen und 1975.gestorbenen russischen Kompo-nisten Dimitri Schostakowitsch sorgen nur kleine Verstö-rungen dafür, daß das Stück nicht in Walzer- oder Ländler-seligkeit ertrinkt.
„Witz versus Frohsinn“!
Die Verhaltens-forschung kennt den Begriff der "Funktionslust" und meint damit die naive Freude an problemlos sich abspulenden Bewe-gungen - etwa auf der Schiffschaukel, mit dem Jojo oder eben beim Walzer: Das Kleinhirn hat halt seine Freude dran!

Beim Musikalischen Witz aber (das wollte ich in den vergangenen Minuten demonstrieren) kommt es im Gegenteil darauf an: Im Großhirn einen Funken zu schlagen! (Um im Bild zu bleiben). Gerade Tanzformen sind immer wieder beliebte Gegen-stände humoristischer Verfremdung geworden. Das Menuett etwa strapazierte man in dieser Hinsicht so lange, bis es unterderhand zum Scherzo geworden war.

Jetzt also ein Walzer von Schostakowitsch, gespielt, von Irena Grafenauer-Flöte, Eduard Brunner-cl und Oleg Maisenberg-p:

7) „Walzer für Flöte, Klarinette und Klavier" / Schostakowitsch

"Lose Blätter einer beinahe verschollenen Partitur des Hofcompositeurs zu Wien Johannes Chrysostomus Wolf-gangus Theophilus Mozart. So anno 1783 im Februar des selbigen Jahres vom Meister höchsteigenhändigst com-ponieret, dennoch sofort darnach verloren und nach beinahe zweihundertjähriger Vergessenheit auf wunderbare Art von seinem treuesten Schüler und ergebensten Ver-ehrer Alfredus Henricus Germanus Hebraeus Rusticus zu Moscau anno 1976 in der Nacht vom 23. auf den 24.Feb-ruar im Traume erhöret und aus dem Gehör mit höchster Präzision in Notenschrift festgehalten, sowie durch kleine, dem Geschmack der gegenwärtigen Zeitmode entsprechenden Vervollständigungen verzieret!"
Diese Zeilen fügte der 1934 geborene russische Kompo-nist Alfred Schnittke seinem Violin-Duo-"Moz-Art“ zur Uraufführung im Wiener Musikverein 1976 bei. Der Todernst und das Pathos eines Richard Wagner hat Legionen von Spöttern und Karikaturisten provoziert und beflügelt, bei Mozart dagegen läuft jede Parodie irgend-wie ins Leere, umgibt ihn doch selbst schon jener Hauch von Selbstironie, der jeder Veralberung von vornherein den Wind aus den Segeln nehmen würde. Aus diesem Grunde ist auch Schnittke's Auseinandersetzung keine Persifla-ge, sondern eher eine augenzwinkernde Verbrüderung mit dem Schalk im Nacken Mozart's. Auf den allzu naheliegenden und darum doch ein wenig billigen Scherz des platten Zitats wird hier weitgehend verzichtet. (Wenn auch an einer Stelle deutlich hörbar auf die "g-moll-Sinfonie" angespielt wird). Schnittke nahm als Grundlage seiner Komposition die Violinstimme eines marginalen Mozart-Fragments, und mit dieser treibt er dann ein ebenso kurzweiliges wie geistreiches Spiel.

Die Interpreten sind Gidon Kremer und Tatjana Grindenko.

8) "Moz-Art" / Alfred Schnittke

Zum Schluß nun noch als Resümee und Kehraus das Scherzo aus dem."Streichoktett op.11"' von
Schostakowitsch.
Ein wahres Feuerwerk an witzigen Einfällen.
Viel Vergnügen!

9) "Scherzo aus op.11" / Schostakowitsch
 

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SWR-„Dschungel“
am 9.10.03 WALTZING MATILDA
                                           UNDERDOGS UND TOTE SCHAFE
                                                                       (von Lutz Neitzert)

MUSIK: WALTZING MATILDA / SLIM DUSTY

SPRECHER: Engländer machen sich gerne lustig über die entfernten Verwandten und ehemaligen Sträflinge Downunder.
So auch Bill Bryson in seinem Reiseroman „Frühstück mit Kängurus“:

BRYSON: „Sechsundvierzig Kilometer begegnete ich niemandem auf der Straße. Um mir die Zeit zu vertreiben, sang ich die inoffizielle Nationalhymne Australiens: WALTZING MATILDA! Ein interessantes Lied. Geschrieben von Banjo Paterson, der nicht nur der größte Dichter Australiens im 19. Jahrhundert war, sondern auch der einzige, der nach einem Saiteninstrument benannt ist...“

SPRECHER: ANDREW BARTON PATERSON war Journalist und Anwalt. Als Kriegsberichterstatter stand er oft an irgendwelchen Fronten, während des Burenkriegs in Südafrika oder in China zur Zeit des Boxeraufstandes, und überall dort, wo es schwelte im Inneren der australischen Gesellschaft. Seine Feder war ziemlich spitz und so legte er sich - vor allem für seine politischen Artikel im „Sydney Morning Herold“ – vorsichtshalber ein Pseudonym zu: „The Banjo“!

MUSIK: WALTZING MATILDA / JIMMY ROGERS
 

BRYSON: „...Das Lied geht so
(und um es ein für allemal klarzustellen:
Es sind genau die Worte, die Paterson zu Papier gebracht hat):
`Oh, there once was a Swagman camped in the Billabong /
Under the shade of a Coolibah tree / …
Who'll come a-waltzing Matilda with me…!´
Der Song, haben Sie schon bemerkt, zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass er völlig unsinnig und allen, die nicht mit dem Buschjargon vertraut sind, ohnehin unverständlich ist. Doch selbst wenn man die Worte versteht, ist er unverständlich...!“

MUSIK: WALTZING MATILDA / CHET ATKINS & TOMMY EMMANUEL

ZITAT: „Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört,
es müsse sich dabei doch auch was denken lassen!“
SPRECHER: ...meinte Goethe’s Mephisto.
Aber als Kinder des Computerzeitalters lassen wir das Denken zunächst einmal und geben die seltsamen Verse einfach – mit der Bitte um Übersetzung – in einen Internet-Translator ein.
„Waltzing Matilda“ als ultimativer Test in Sachen digitaler Spracherkennung:

ZITAT: Ein netter Swagman, gelagert von einem Billabong
unter dem Dunkel eines Coolibah-Baumes.
Und er sang, während er aufpasste und wartete, bis seine Billy kochte.
Entlang kam ein Jumbuck, zum am Billabong zu trinken,
herauf sprang der Swagman und ergriff ihn mit Freuden.
Und er sang, während er ihn in seinem Tuckerbeutel verstaute:
"Sie kommen - Waltzing Matilda - mit mir!“
Herauf ritt ein Hausbesetzer, angebracht auf einem Thoroughbred,
und unten kamen Troopers, eins, zwei, drei.
Wo ist dieses Jumbuck, welches Sie in Ihrem Tuckersack haben?
"Sie werden - Waltzing Matilda - mit mir kommen".
Hierauf sprang der Swagman in das Billabong,
"Sie verfangen mich nie lebendig!"
Und sein Geist ertrinkt, während es im Billabong singt:
"Wer wird - Waltzing Matilda - mit mir kommen?"
 

SPRECHER: Es wird wohl doch noch etwas dauern, bis Sprachcomputer in der Lage sein werden, Sinn zu stiften.
Oder sollte „Billy“ Bryson vielleicht tatsächlich Recht haben und das Lied ist:
Der reine Blödsinn?

BRYSON: „...Ein Billabong ist ein Wasserloch. Damit erhebt sich, noch bevor man die erste Zeile zu Ende gelesen hat, die Frage: Warum hat der Swagman, der Vagabund, sein Lager in dem Wasserloch aufgeschlagen? Ich würde daneben campieren. Sie sehen, was für Abgründe sich hier auftun. Die einzige Erklärung liegt darin, dass Paterson schon einen in der Krone hatte, als er zum Tintenfass griff und die Verse raushaute...“

SPRECHER: Wenn man nun noch weiß, daß ein Jumbuck ein Schaf ist, ein Squatter ein reicher Großgrundbesitzer und der Tuckerbag ein Proviantbeutel, dann ist der Plot der Moritat eigentlich klar.
Aus juristischer Sicht handelt es sich bei der erzählten Geschichte um einen Mundraub mit anschließendem Selbstmord. Ein hungriger Landstreicher fängt und verspeist ein Schaf, welches ihm nicht gehört, wird von dessen Eigentümer und einer Streife ertappt. Der Verhaftung entzieht er sich in tragischer Weise - durch Ertränken in einem Teich.
Aber ein paar Fragen bleiben darüber hinaus schon noch offen.
Wie gesagt...

BRYSON: „...der Swagman ist ein Mann auf Wanderschaft. Das Wort kommt von der zusammengerollten Decke, der Swag, die diese Leute mit sich trugen. Ein anderer Name für die Decke war Matilda, offensichtlich von dem deutschen Mathilde abgeleitet. Keine weiteren Fragen bitte! Mein Erkenntnisinteresse geht bis hierher und nicht weiter...!“

SPRECHER: Das unsere schon!
Im Dreißigjährigen Krieg nannte man die leichten Mädchen, die den Heeren folgten, Mathilde und später meinte man damit im (ins Textile) übertragenen Sinn die anderen Wärmespender der Soldaten, ihre schweren Wolldecken und Schlafsäcke nämlich.
Und auch der Begriff Waltzing ist zweideutig: einmal bedeutet es – in korrektem Englisch - Walzer tanzen. Doch steckt auch hierin ein deutsches Erbe. In der Sprache der Handwerksburschen und im „Rotwelsch“ der Gauner und Tippelbrüder meinte das Walzen das Auf-der-Walz-Sein, unterwegs sein also.
 

BRYSON: „...Ein Billy ist eine Dose mit Henkel zum Wasser kochen und ein Coolibah tree eine Eukalyptusart. Nun haben Sie die australischen Begriffe. Warum der Mann auf der Walz mit seiner eingerollten Bettdecke einen Walzer tanzen will und warum vor allem er sich wünscht, dass ihm jemand oder etwas bei diesem grotesken und womöglich perversen Treiben Gesellschaft leistet (lieber Himmel, in der zweiten Strophe ist es ein Schaf), wird vermutlich nie beantwortet werden....!“

MUSIK: WALTZING MATILDA / SWINGLE SINGERS

ZITAT: > Australian News Service <  3. Mai 2000
MATILDA IST DA: AUSTRALIENS ERSTES KLON-SCHAF GEBOREN
„Südaustralischen Wissenschaftlern ist es gelungen, ein Merinoschaf zu klonen. Sie gaben ihm den Namen Matilda. Die notleidende Wollindustrie des Landes schöpft wieder Hoffnung. Australien gehört nun endlich zu den Top-Ten-Nationen auf dem Gebiet der Biotechnologien!“

MUSIK: WALTZING MATILDA / JOHN FAHEY

SPRECHER: Die Matilda-Forschung hat mit detektivischem Spürsinn längst auch die Geschichte hinter der Geschichte entdeckt.
Es geschah um die Weihnachtszeit des Jahres 1894 in North-West Queensland.
Die armen und geknechteten Schafscherer streikten wieder einmal, ein Schafstall ging in Flammen auf und eine Verlobung in die Brüche.

MUSIK: FAHEY

SPRECHER: Der typische Swagman war einer der vielen Schafscherer, die in der Wollerntesaison unverzichtbar waren, aber für den Rest des Jahres, in arbeitsloser Zeit, für allerlei Scherereien verantwortlich waren oder gemacht wurden.

MUSIK: FAHEY

SPRECHER: Im Advent also versammelten sich in „Dagworth Station,“ im Hause der angesehenen und wohlbestallten Macphersons, die Familie – samt liebreizendem Töchterlein – und „Banjo“ Paterson nebst Sarah Riley, seiner Verlobten.
Den Stall des Gutshauses hatten wütende und hungerleidende Gewerkschafter wenige Wochen zuvor abgefackelt. Rädelsführer der Brand- und Unruhestifter war ein gewisser Samuel Hoffmeister, der sich schließlich auf der Flucht an einem Wasserloch die Kugel gegeben hatte. Ihm auf den Fersen war Bob Macpherson (der Squatter) - zusammen mit 3 Polizisten - den Troopers (one, two, three): Senior Constable Austin Cafferty (Dienstmarkennummer 420), Constable Michael Daley und Constable Robert Dyer. Sie fanden Hoffmeister’s Leiche im Morast. Bei einem morgendlichen Ausritt zeigte man später Paterson das ominöse Billabong und als man am Abend dann wieder gemütlich bei Lammrücken und Scotch beisammen saß, da spielte die hübsche Christina auf der Zither eine alte schottische Weise: „Thou Bonnie Wood o’ Craigielea“:
MUSIK: THOU BONNIE WOOD O’ CRAIGIELEA
SPRECHER: Und während Fräulein Macpherson anmutig zitherte, improvisierte Paterson, inspiriert von der jungen Schönen und von den gerade gehörten Geschichten, spontan ein Gedicht dazu.
So entstand ein neues Lied und eine Verlobung fand ihr Ende.
Er selbst fasste die Ereignisse später einmal zusammen:

ZITAT: “The shearers staged a strike… Macpherson's woolshed at Dagworth was burnt down, and a man was picked up dead... Miss Macpherson used to play a little Scottish tune on a zither and I put words to it and called it Waltzing Matilda!“

MUSIK: CHET ATKINS & TOMMY EMMANUEL

ZITAT: „Der `Matilda Highway´ führt rund 1500 km durch Queensland zu den historischen Schauplätzen. Die Schilder mit dem `Swagman´ weisen auf Sehenswürdigkeiten hin. Sie sollten ein Allrad-Fahrzeug bevorzugen und Sie sollten in der Lage sein, einen Reifen zu wechseln. Wegen der unbefestigten Straßenränder müssen Sie stets mit Steinschlagschäden rechnen. Kommt Ihnen einer der bis zu 50 Meter langen und bis zu 100 Tonnen schweren Road-Trains entgegen, halten Sie frühzeitig am Straßenrand an. Ihre Windschutzscheibe wird es Ihnen danken. Nachts müssen Sie ständig mit Tieren (auch Schafen und Rindern) rechnen, die unvermittelt auf die Fahrbahn laufen. Am Ende der Reise, in Karumba, können Sie sich dann bei einem schmackhaften Fischgericht von den Strapazen der Tour erholen. Aber Achtung vor den gefährlichen Salzwasserkrokodilen! Vergessen Sie nicht, eine Reisekrankenversicherung abzuschließen. Übrigens: Apotheke heißt in Australien: `Chemist´!“

SPRECHER: Gute Reise!

BRYSON: „...Andererseits ist die Melodie wunderhübsch und obwohl Eigenlob stinkt, muss ich sagen, dass ich sie besonders wohlklingend zum Vortrag bringe, wenn ich den Kopf aus dem Fenster strecke, um diesen Vibratoeffekt zu erzielen, der entsteht, wenn man bei voller Fahrt gegen einen Luftschwall ansingt...“

SPRECHER: Zum ersten Mal zum Vortrag gebracht wurde das Lied am 6. April 1895 von seinen beiden Schöpfern während eines Banketts im „North Gregory Hotel“ in Winton zu Ehren des Premiers von Queensland. Doch wirklich populär wurde „Waltzing Matilda“ nicht zuletzt als Jingle zu einer Werbekampagne. Im „Sydney Morning Herald“, Paterson’s ehemaligem Arbeitgeber also, stand kürzlich zu lesen:

ZITAT: “Die Methode des Product Placement ist nicht neu. Und bevor wir es den Yankees in die Schuhe schieben, sollten wir besser zuerst einmal in unserem eigenen Vorgarten (oder besser: Billabong) nachschauen. Ist Ihnen eigentlich schon aufgefallen, daß es zwei Versionen von Waltzing Matilda gibt?  Paterson's Original enthält den Refrain: `Who'll come a-waltzing Matilda my darling? Who'll come a-waltzing Matilda with me? Waltzing Matilda and leading a waterbag / Who'll come a-waltzing Matilda with me?´ Warum nur hat der Swagman hier einen Wassersack, während er in der späteren Fassung plötzlich wartet, `'til his Billy boiled?´  Nun, weil kurz nach 1900  ein Tee-Produzent, die `Billy Tea company´, sich das Lied zu Reklamezwecken gesichert hat. Eine gewisse Mary Cowan wurde beauftragt, Waltzing Matilda ein wenig umzuarbeiten und zudem irgendeinen unüberhörbaren Hinweis auf `Billy Tea´ darin unterzubringen. Vielleicht war das sogar das erste Product Placement überhaupt. Die `Billy boiled´-Szene wurde also eingebaut, um den Hörer an jenes ach-so-feine Heißgetränk zu erinnern. Und die Partitur von 1903 zeigt tatsächlich `Billy´, nicht nur mit großem B sondern auch noch herausgehoben in Anführungszeichen!“

SPRECHER: Ein so erfolgreicher und gleichzeitig derart ungehobelter und erklärungsbedürftiger Song provoziert natürlich geradezu Um-, Neu- oder Nachdichtungen. Über 400 Versionen sind es bis heute.

BRYSON: „...Kennt man nur eine Strophe, ergibt sich über kurz oder lang das Problem, dass man sich wiederholt. Sie können sich also meine Freude vorstellen, als ich merkte, dass ich den Dingen einen gänzlich neuen Sinn verlieh, wenn ich statt `Billy boiling´ `Willy boiling´ sang (ja, warum nicht den Schniedelwutz kochen?) und circa siebenundvierzig neue Strophen ersann, die den Song dann nicht nur für lange Busreisen geeignet machen, sondern ihm auch ein Ausmaß an Kohärenz verleihen würden, an der es ihm seit einem Jahrhundert mangelt...!“

MUSIK: STREET HASSLE  / LOU REED

SPRECHER: Während Lou Reed sich in seinem „Street Hassle“ offenbar vor allem am erotischen Unterton Matilda’s erregte, näherte sich Tom Waits in seinem „Tom Traubert’s Blues“ kongenial dem ursprünglichen Geist des Liedes und beschreibt einen ebenso armen Hund, einen Underdog, amerikanischer Provenienz. Bei ihm wird aus dem sich ersäufenden Schafscherer ein saufender Vietnam-Veteran (der, Rod Stewart sei Dank, schließlich sogar die Hitparaden stürmte):

MUSIK: TOM TRAUBERT’S BLUES / TOM WAITS

SPRECHER: Und in der Wiener Fassung von Wolfgang Ambros geht es halt auch irgendjemandem irgendwie ziemlich mies:

MUSIK:  TOM TRAUBERT’S BLUES / WOLFGANG AMBROS

ZITAT:  6. März 2001
MATILDA'S GOLDENES VLIES
„Matilda wurde gestern zum ersten Mal geschoren und seine Wolle bei einer Auktion meistbietend versteigert!“

MUSIK: TOM TRAUBERT’S BLUES / ROD STEWART

SPRECHER: Die Originalmelodie erklingt downunder bei jedem größeren Event – bei Sportveranstaltungen, Fernsehshows und Parteikongressen. 1976 gab es ein Referendum über eine neue australische Nationalhymne.
 Matilda erreichte dabei mit 28,3 % überraschenderweise nur Platz 2.
Doch sein Rang als beliebtestes Lied der Australier bleibt unbestritten.
Das dürfte auch die Bilanz jenes Verlages belegen, dem Paterson 1900 für 5 Pfund Sterling die Rechte verkaufte. Seither ist der Song im Besitz von „Angus & Robertson“.
ANGUS: das Rind!

SPRECHER: Und zu den Klängen von „Waltzing Matilda“ pflegt auch das australische Militär sein Schlachtvieh an die Front zu schicken:

ZITAT: „And the Band played Waltzing Matilda“:

MUSIK: THE BAND PLAYED WALTZING MATILDA / POGUES

BRYSON: „...Ich hätte die Gesamtzahl der Strophen noch höher getrieben, doch als ich die letzte Rundung der Bucht nahm und der Straße ins Innere ein Stück lang durch Steppe folgte, kam ich an ein Schild `Der große Hummer´ und ließ ganz aufgeregt von meinem musikalischen Zeitvertreib ab. Der berühmte große Hummer war nämlich etwas - oder genauer: das Exemplar einer Spezies, das ich schon so lange sehen wollte...“
SPRECHER: Ein 17 Meter langer Hummer aus Plastik gilt als Sehenswürdigkeit und Wahrzeichen des Städtchens Kingston.
BRYSON: „...Zu den liebenswerteren Schrullen der Australier gehört, dass sie gern große Dinge in Gestalt anderer Dinge bauen!“

MUSIK: THE BAND PLAYED WALTZING MATILDA  / POGUES

SPRECHER: Anregungen und Material für neue unbehagliche Strophen jedenfalls, die gäbe es auch heutzutage mehr als genug:

ZITAT:  8.Februar 2003
DAS ERSTES AUSTRALISCHE KLONSCHAF IST TOT
„Canberra – Klonschaf Matilda ist knapp drei Jahre nach seiner Geburt unerwartet gestorben. Wie die zuständigen Wissenschaftler am South Australian Research Institute bei Adelaide am Freitag mitteilten, ist die Todesursache noch ungeklärt!“

MUSIK: THE BAND PLAYED WALTZING MATILDA  / ERIC BOGLE
 
 

(Zitiert nach: BILL BRYSON „Frühstück mit Kängurus“ / München 2001)
 


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(SWR2 / 28.3.09)

CLEMENS WILMENROD - Der Schürzenjäger und das Päpstliche Huhn

(von Lutz Neitzert)

 

- "Amphitryon" -

JUPITER (= Clemens Wilmenrod): "Seit Ewigkeiten dieser langweilige, fade Wackelpudding!"

MERKUR: "Ambrosia entspricht der überlieferten Ernährungsnorm der Götter!"

JUPITER: "Leider ! Dabei gäbe es so viele Möglichkeiten, den Speiseplan göttlich zu gestalten. Hättest Du einmal Hummercocktail gegessen, mein lieber Merkur, oder flambierte Scampi, Du würdest nicht so reden. Ein Filet Bourguignon würde Dich gewiß bekehren..."

MERKUR: "Nun ja !?"

JUPITER: "...und Du würdest allen Widerspruch vergessen, wenn Du danach golden saftige Pfirsiche zu Dir nehmen dürftest - mit Mandelsplittern. Stattdessen werde ich von Tradition und Etikette gezwungen, in ebenso erhabener wie genußarmer Meditation zu schweben, indes unten pausenlos gesoffen, gebraten, gedünstet und flambiert wird !"
   

Musik: "Westerwaldlied"

Sprecher: Fernab des Olymp, unweit der Fuchskaute, erblickte Jahrtausende später, am 24. Juli 1906, ein anderer Gourmet und Frauenheld das Licht der Welt. Carl Clemens Hahn, ein Müllerssohn aus Willmenrod im Westerwald. Dass er  später Schauspieler werden und sogar einmal die Rolle des Jupiter übernehmen würde, das hat er damals bestimmt noch nicht geahnt. Aber eigenen Angaben zufolge war er bereits als Säugling...

Wilmenrod: "...dafür berühmt [...], daß er die Flaschenmilch schon dann zurückwies, wenn sie - für keine noch so feine Zunge seiner Umgebung erkennbar - ganz leicht zu säuern begann..."

Wilmenrod:  "...Dieser Knabe war ich. Ein Feinschmecker von Geburt aus !"

Sprecher: Römisch-katholisch wurde er getauft, und das führte - in einer erz-protestantischen Gemeinde - zu gewissen zwischenmenschlichen Problemen. Der Willmenroder Karl-Heinz Schmidt jedenfalls erinnert sich:

Schmidt: "...also daß der Clemens nicht so oft hier im Dorf mit den Evangelischen spielen sollte - und so. Die Mutter war streng katholisch !"

Sprecher: Zum harten Kern der Willmenroder Dorfjugend hat der kleine Hahn sicher nicht gehört, aber vielleicht kam er ja gerade wegen dieser konfessionellen Kalamitäten und seiner Außenseiterrolle auf seinen so außergewöhnlichen Lebensweg ?! Zumal ihm als extrovertiertem und talentiertem Sproß einer recht wohlhabenden und auch intellektuell ambitionierten Familie einige Möglichkeiten offenstanden.

Für den schwäbischen Sternekoch Vincent Klink jedenfalls erklärt die Herkunft seines Bildschirmvorfahren Einiges - wenngleich längst nicht Alles:

Klink: "Ein Westerwälder - das ist natürlich ein Stigma - und gleichzeitig ist er eigentlich völlig frei an das Thema herangegangen - also er hat überhaupt keine große kulinarische Vorbelastung gehabt !

Wenn einer aus dem Westerwald kommt, mit den dementsprechenden, sättigenden Gerichten - das ist ja wie bei uns auf der Schwäbischen Alb - wie kommt einer... mit solchen Vorfahren - zu so einem... - ich glaube, da stimmt gar nichts an der ganzen Vita - womöglich ist er ein Holländer !? Also es ist wirklich sehr sehr rätselhaft, wie einer in den frühen 50er Jahren so international auftreten kann!"

Sprecher: Nun, er kam definitiv nicht aus den Niederlanden, sondern aus dem Oberwesterwald. Der Eintrag im Standesamt nennt als Ort der Geburt das Willmenroder Nachbardörfchen Oberzeuzheim.

An seiner Person scheiden sich bis heute die Geister. Selbst jene, die ihn noch persönlich kennengelernt haben, sind sich uneins darüber, was für ein Typ er denn nun eigentlich gewesen ist.

Krüger: "Er war sehr umgänglich - als Mensch sehr lieb..."

Sprecher: ...beschreibt ihn Arne Krüger, der Gründer der Zeitschrift "Feinschmecker". Ganz anders hört sich das allerdings an in den Schilderungen seines ersten Regisseurs, Ruprecht Essberger:

Essberger: "Wenn man irgendwas anschnitt, hat er das Gespräch an sich gerissen, weil er alles am besten wußte - weil er eben ein weitgereister Mann war - wie er sagte !"

Krüger: "Er war gar kein Großmaul - nicht - immer wieder mit heute verglichen!

Was er im Studio gemacht hat, das weiß ich nicht !" 

Sprecher: Davon wiederum schwärmte die Ansagerin Angelika Feldmann:

Feldmann: "Wilmenrod war also vom Typ her sehr gepflegt - also früher hat man das als Bonvivant bezeichnet, wissen Sie, so ein eleganter Mann mit einem Smoking oder so. Und so war er auch in seinem Studio, in seinem Kochstudio!"

Schmidt: "Er war ja ein Lebemann und wußte vor allen Dingen, daß ihm der Frack gut stand !"

Feldmann:"Ja, er war eitel ! Aber ich fand das angenehm !"

Krüger: "So hat er sich verkauft. Man muß von dieser Kunstfigur am Fernsehen nicht auf die Person schließen. Die Person war ganz schlicht - die hatte nicht diese Politur oder dieses - ein bißchen Österreichische, so ein bißchen Schmäh oder was - gar nicht - er war ein ganz stiller, ruhiger Mann !"

Essberger: "Wenn er auch so den Bohemièn als rausstellte und auch sein wollte - er hatte auch was Bürgerliches. Es gibt ja auch Fotos von ihm, wo er wie ein Generaldirektor oder wie ein besserer Prokurist am Telefon und am Schreibtisch sitzt !"

Feldmann: "Er konnte seeehr liebenswürdig sein und Komplimente machen - wenn man eine Frau war ! Aber er kümmerte sich, glaube ich, einen Scheißdreck darum, was die Leute von ihm dachten. Er war er selber - ausgesprochen!"

Sprecher: Als er im Gästebuch eines Restaurants einmal den Eintrag "Bundeskanzler Konrad Adenauer" entdeckte, da schrieb er gleich auf die gegenüberliegende Seite "Bundesfeinschmecker Clemens Wilmenrod" !

Schmidt: "Mit dem Clemens Hahn konnte er als Schauspieler nichts anfangen - und da hat er gesagt, `dann nehme ich den Künstlernamen Wilmenrod´ !"

Sprecher: Allerdings schrieb er sich - anders als der Ort - mit nur einem L !

Und obwohl die Familie Willmenrod später verließ, hat er immer Kontakt gehalten zu seinem Heimatdorf:

Schmidt: "...wenn wir Zwei uns in Wiesbaden begegnet sind - also vielleicht zwei oder drei Mal sind wir uns begegnet - dann habe ich immer gewartet, bis das Schauspiel aus war - und dann haben wir uns vor dem Kleinen Haus - war das in Wiesbaden, in der Dotzheimer Strasse - dann kam der Clemens und dann hat er gesagt, `Wat gebt edd dann Naues en Willmenrod?´ - Westerwälder Platt !" 

Sprecher: Und dem Ehepaar Schmidt bescherte er einmal einen ganz besonderen Fernsehabend:

Schmidt: "Einen Tag vor unserer Hochzeit - am 22. Januar 1954, da hat er im Fernsehen zu seinen Landsleuten gesprochen - während der Sendung - in Platt - da war die ganze Wirtschaft voll - wir waren die einzigen, die einen Fernseher hatten, hier in Willmenrod... und da kam alles angerannt - und am nächsten Tag hatten wir Hochzeit - ist rumgegangen - wir haben zusammengehalten - über 50 Jahre verheiratet... !" 

Musik: "Westerwaldlied"

Schmidt: "Ja, der war hier in der Schule bis zu seinem 14. Lebensjahr. Und dann hat er Müller gelernt - von der Mühle aus !"

Sprecher: Die Willmenroder hatten es aber immer schon gewußt:

Schmidt: "Da ist hier eine Frau, die hat dann gesagt, `Clemens, Dau bess en Weltfuchel´ ! (Lachen)“

Sprecher: Der Weltvogel nahm Schauspielunterricht.

Doch danach begann erst einmal eine elende Tingelei durch die Niederungen dieses Gewerbes.

Krüger: "Bunte Nachmittage und so - da war er die verbindende Nummer - nicht.  Genau wie dieses `Dinner for One´ - dieser - Frinton hieß der doch !"

Zitatsprecher: "White Wine with the Fish !"

Sprecher: Erst 1935 erhielt er dann eine festere Anstellung - in Wiesbaden.

Trotz seiner - in dieser Hinsicht prekären - Herkunft sprach er übrigens völlig dialektfrei. Es sei denn, er unterhielt sich mit seinen Wällern - oder er studierte als Komödiant eine Rolle in fremder Mundart:

Wilmenrod: (Hessisch) 

"Der Herrschaftsgärtner! Monolog eines alten Wiesbadener Gärtners, der im Garten einer Villa Räumungsarbeiten vornahm: Hey passe se uff, batsche se ma net uf denne Blume rum - mache se keen Ferz - vorsischtisch - nicht druftrede !"

Sprecher: 1940 wechselte er dann ans Komödienhaus nach Dresden.

Wilmenrod: (Sächsisch)

"Hatschi - soll doch da Daiwel holen, die ewischen Erkältungen hier oben - is doch forschbar - ich wär besser auch diesen Winter wida in Venedisch geblieben !"

Sprecher: Kurz vor Ende des Krieges wird er - mit dem letzten Aufgebot - noch einberufen - und am Ohr verwundet.

Wilmenrod: "Da können Sie eine Zigarette durchstecken !"

Sprecher: Seine - unveröffentlicht gebliebenen - Erinnerungen an diese Zeit nannte er: "Ohne mich - 111 Tage Kriegserlebnisse !"

Wilmenrod: "Der Untergang Dresdens beendete alles! Und ich hatte das Vergnügen, das Elend des Hungers bis zur Nährhefe durchzukosten -
wieder in Wiesbaden !"

Sprecher: Sein lukullischer Werdegang verlief bis dahin noch weitgehend im Verborgenen.

Wilmenrod: "Bei mir hat sich der Sinn für die praktische Kunst der Küche erst nach dem 30. Geburtstag entwickelt. Ich stellte mich zwei Monate lang neben meine Schwester Gertrud an den Herd. Es wurde mir ein ungewöhnliches Talent bestätigt !"

Sprecher:  Und eine innere Stimme schien immer lauter zu werden.

Wilmenrod: "Unten in einer Kiste sah ich den goldbraunen Einband aufleuchten, den seit Kindertagen wohlbekannten - das Kochbuch der Mutter: `Henriette Davidis - Handbuch der feinen Küche´. Wie eine Reliquie barg ich es an der Brust. Wo sind, frage ich Sie, die Zeiten, da die Mutter unter Tränen der bräutlichen Tochter als letzten Gruß vor der Hochzeitsreise ein Zettelchen ins Dekolleté steckte mit den Worten: `Wenn gar nichts mehr verfängt, koche ihm das - das wirft ihn um!´ Was stand auf dem vergilbten Zettel? Kein Liebestrank, kein Giftrezept - nein, eine Mahlzeit, die seit Generationen durch die Familie gegangen war, mit einem Wort: ein Familienrezept! Bei uns ist es der Hasenpfeffer !"

Sprecher: Und natürlich kam Inspiration - in weiblicher Gestalt comme il faut - auch aus dem Lande der Haute Cuisine:

Wilmenrod: "Zu den reizenden Gespielinnen, die einem im Laufe eines langen Lebens begegnen, gesellte Amor, der Schelm, eine bezaubernde Französin, mit der ich nicht nur sondern auch in gastronomische Beziehung trat. Sie polierte mich - küchentechnisch ! - auf Hochglanz. Unsere Parties waren geheim, aber berühmt !"

Sprecher: Doch dann begegnete ihm die Tochter eines Wiesbadener Fleischers namens Klink !

Klink: "Tatsächlich !?"

Sprecher: Wenn auch nicht verwandt mit seinem schwäbischen TV-Nachfahren, konnte Wilmenrod sich aber immerhin in ihrem Familienkreis…

Zitator:  "...ausführlich über die erlesensten Stücke von Rind und Schwein informieren...“

Sprecher: ...wie der Spiegel schrieb.

Zitator: "Der Metzgermeister gab dem wißbegierigen Junggesellen seine Tochter Erika zur Frau, ungeachtet der Gefahr, daß der Feinschmecker später wieder Sehnsucht nach fremden Küchen bekommen könnte !"

Wilmenrod: "Als das neue Geld kam, drückte ich meine junge Frau zum Befehlsempfang in den Sessel. `Ab heute´, sagte ich, `beginnt eine neue Ära in unserer Küche. Du sollst Wunderdinge erleben. `Ja´, sagte Sie, `laß mal kommen´. Und ich ließ kommen !"

Sprecher: Die Fleischtöpfe des Herrn Klink hatten ihm über die Hungerjahre hinweggeholfen und nun war es dessen Tochter, die ihn die ersten Stufen der Karriereleiter hinaufbegleitet - oder möglicherweise hinaufgeschubst hat.

Klink: "Ja, es ist vielleicht die Frage, inwieweit seine Frau, die hinter ihm stand, ihn gesteuert hat. Weil die muß auch ziemlich intelligent gewesen sein !"

Krüger: "Sie war ja leitende Redakteurin bei Brigitte !"

Sprecher: Das Paar zog in die Medienhauptstadt Hamburg.

Wilmenrod: "Ich spielte den Redakteur in Thornton Wilder's `Unsere kleine Stadt´. Das schlug ein! Und endlich bekam ich Kontakt zum Rundfunk !"

Sprecher: Natürlich hatte er gehört und gesehen, daß am ersten Weihnachtstag 1952 das Fernsehzeitalter begonnen hatte. Und - ganz auf der Höhe der Zeit - spürte er sofort, daß dort ein Platz für ihn sein könnte. Zusammen mit seiner Frau wartete er in dem zu einem Behelfsstudio umgebauten Bunker am Heiligengeistfeld auf ein Bewerbungsgespräch, als dort gerade eine Naturkundesendung lief.

Es machte klick !

Wilmenrod: "Die ersten Gedanken in punkto Fernsehküche waren Eidechse-Hände-Omelett. Als wir zum ersten Male das Wunder des Fernsehens erlebten, sahen wir einen Giftforscher mit einer schrecklichen Echse hantieren. In Großaufnahme ! Es war aufregend im Höchstmaße. Und als altem Theaterhasen war mir sofort klar, daß die Fernsehkamera mit Nahaufnahmen magische Wirkungen erzielen müsse. `Stell Dir vor´, flüsterte ich, `dieses Biest wäre ein Omelett gewesen!´ Sie begriff !" 9

Sprecher: Ob er nun wirklich das geistige Urheberrecht allein für sich beanspruchen darf, daran zweifelt so mancher:

Krüger: "Die Idee, das umzusetzen fürs Fernsehen, ist sicher von seiner Frau. Denn Sie war eine Publizistin - er war ja - ähm - er nannte sich später Schauspieler - aber das war - Conferencier für Bunte Nachmittage oder so - nicht - die Leute, die dann da vorne Stand-ups, so Witzchen erzählen und dann ... !"

Sprecher: Werner Pleister, der verantwortliche Intendant des Nord-West-Deutschen-Rundfunks, jedenfalls entschied, quasi aus dem Bauch heraus, engagierte den bis dahin glücklosen Mimen und lag, wie sich schnell zeigen sollte, goldrichtig.

Wilmenrod: "So wuchs in meinen Gedanken eine kleine Küche von vielleicht 4 m im Quadrat. Der Plan mußte aber doch noch ein wenig abgeändert werden, da das Ganze zu klein geraten war. Ich fürchtete, die Küche könne nun zu groß werden. Es war ja leicht auszurechnen, daß ich, wenn ich nach hinten gehen und ein Messer greifen wollte, drei Schritte würde tun müssen und um an den Tisch zurückzukehren, wiederum drei. Das sechs verlorene Sekunden. Sie werden lächeln, mein lieber, goldiger Mensch ? Nein, nein, wenn man sich anmaßt, in 10 Minuten einem Publikum etwas `lebend´ zu kochen, kommt es wirklich drauf an, auch nicht eine einzige Sekunde zu verlieren !"

Klink: "Ich glaube, um das logistisch durchzuziehen - auch wenn es nur eine 10-Minuten-Sendung ist - muß man fast Schauspieler sein - oder man hat eben, so wie ich, die Gelegenheit, sich in 10, 11 Jahren da hochzuwursteln, daß man es hinkriegt. Allein, daß man das im Kopf sortiert kriegt - muß man eigentlich fast diese Begabung des Auswendiglernens - und Drehplan - was weiß ich - die ganze Dramaturgie im Kopf haben. Und das hat er ja gehabt. Das wäre einem Koch, so wie mir, nicht möglich gewesen, das damals zu machen !"  

Essberger: "Nein, es gab von uns aus kein Drehbuch. Aber er kam vorbereitet - er kam wirklich wie ein Schauspieler vorbereitet - mit seinen Geschichtchen zu dem passenden Essen, was er zelebrierte. Da waren wir sicher, daß er das immer gut brachte !"

Sprecher: Die technische Leitung der Wilmenrod-Sendungen wurde zwei Fernsehleuten mit durchaus passenden Namen übertragen. Der Chef vom Dienst hieß Küchenberg und der Regisseur, wie wir bereits hörten, Essberger - und der mochte seinen Star, wie wir ebenfalls bereits hörten, nicht !

Essberger: "Ich habe keine persönliche Freundschaft zu ihm aufgebaut !"

Sprecher: Man war sich, gelinde gesagt, nicht grün.

Reeh: "Das gibt es heute bei vielen Produktionen auch noch !"

Sprecher: Das Ergebnis ihrer Zusammenarbeit, das allerdings bewundert sein Fernsehenkel Mirko Reeh – der sein eigenes Restaurant nicht ohne Grund `Wilmenrod´ taufte - als große Pionierleistung:

Reeh: "Auf ihn laufen ja alle Kochsendungen heute immer noch hinaus. Vom Prinzip her immer die gleiche Mechanik - in Schälchen vorbereitet, teilweise vorgeschnitten, teilweise Techniken gezeigt und es setzt sich so fort und heute ist es nach wie vor genau dasselbe !"

Wilmenrod: "(Schnippelgeräusche) - Sie wissen, wie man eine Zwiebel schneidet !? Hinten, wo sie gewachsen ist, wo sie angewachsen war, hält sie zusammen. Man macht Längsschnitte und zwei Querschnitte und hat sie sofort feingeschnitten da !"

Reeh: "Oder auch so prägende Sachen - `Das haben wir schon mal für Sie vorbereitet´ - oder `damit Sie das gleich sehen und genießen können, haben wir das für Sie schon einmal vorproduziert. Und hier, schauen Sie mal an´ - also ich fand diese Sendung sehr amüsant - wirklich sehr amüsant !"

Sprecher: Ein Problem löste sich - gerade noch rechtzeitig - auf raffinierte Weise. Bei vielen Nahaufnahmen kam sein eigenes Antlitz, wie er meinte, viel zu selten auf die Mattscheibe.

Wilmenrod: "Da kam fünf Minuten vor Beginn der ersten Sendung der Karikaturist Mirko Szewczuk mit dem Pinsel - sagte: `Bleiben Sie mal stehen, das ist mir ein bißchen zu leer auf der Brust´ - und machte mit schwarzer Farbe meinen Kopf auf die Schürze. Als die Sendung begann, war der noch naß - und blieb natürlich drauf - in alle Ewigkeit !"

Reeh: "Ich habe dann sogar eine alte Schürze über E-Bay bekommen - ja - bin mir nicht sicher, ob das eine echte ist - aber so wie sie ausschaut und angeranzt ist, gehe ich davon aus, daß es entweder eine sehr, sehr gute Kopie war, oder halt wirklich ein Original !"

Zitator   "21:10 Uhr `Sind Sie im Bilde - Die Ereignisse der letzten 14 Tage - wie der Zeichner Szewczuk sie sieht´ / 21:20 `Merkwürdige Hausgenossen - Schnecken, Eidechsen, Schildkröten´ (ein Kulturfilm) / 21:30 `Bitte in 10 Minuten zu Tisch - Kochkunst für eilige Feinschmecker´ mit Clemens Wilmenrod !"

Wilmenrod: "Welche Geheimnisse stecken in der Fernsehküche? Nicht ein einziges! Vor der Filmkamera gibt es zahllose verschwiegene Dinge, weil man sie anhalten kann. Die Fernsehkamera dagegen läßt sich nicht stoppen. Sie ist ein stets offenes Auge !"

Sprecher: Alles sollte man dann aber wohl doch nicht sehen:

Essberger: "Allerdings - gekocht hat er eigentlich nicht selber. Das hat seine Frau gemacht. Und die stand neben der Dekoration. Die hat man nie gesehen !" 

Sprecher: Oder vielleicht doch ?!

Reeh-4: "Aber manchmal sah man ihre Hände !"

Wilmenrod: "Daß die Sendung ein Abenteuer sein würde, wurde mir mehr und mehr klar, je näher der erste Termin herankam. 20. Februar 1953 - die Sendung wird zum ersten Male gefahren..."

Sprecher: ...da war das Deutsche Fernsehen also gerade einmal 8 Wochen alt...

Wilmenrod: "...die Probe verlief glatt. Ich hatte folgendes Menü, vorgesehen: Fruchtsaft im Glas / Italienisches Omelett / Kalbsniere gebraten mit Mischgemüse und Mokka. Am Nachmittag habe ich das Ganze zu Hause noch einmal durchgekocht - mit der Stoppuhr. Am Abend trat ich in das nun glühende Studio. Das Thermometer zeigte 52 Grad - das ist die Mittagstemperatur der Libyschen Wüste. Ich kannte sie von einer Afrikareise im Sommer. Als ich auf den Tisch blickte, sah ich kein Fett mehr, keine Butter, nur noch elende Tümpelchen und auf der Kalbsniere saß ein riesiger Brummer. Egal, es ist geschafft worden ! Während ich stöhnend in einen Sessel sank, kam schon der Sendeleiter ins Studio - ein Anruf aus Köln sei gekommen und man habe nach der Niere gefragt. Die Sendung habe gefallen ! So fuhr ich fort, und die lieben, goldigen Menschen taten wirklich das, was ich von ihnen erwartet hatte - sie kochten mir nach !"

Sprecher: Da die MAZ, die Magnetaufzeichnung, erst 1956 eingeführt wurde, existiert leider keine Aufnahme der Premiere.

Wilmenrod:  "Ja, so schön bunt - wie auf diesem Farbfoto - ist die Fernsehküche in Wahrheit. Was Sie stutzig macht, ist die gelbe Schürze, nicht wahr? Weil eine weiße auf dem Bildschirm eine zu stark blendende Fläche ergeben würde. Darum ist im Fernsehstudio alles Weiße gelb !"

Reeh: "Aber das ist schon sehr witzig - gerade das witzige mit der Schürze, mit der gelben Schürze - daß die im Fernsehen weiß wurde - und das ist heute bei uns ähnlich. Wir haben eingefärbte Kochjacken und Schürzen, sodass die dann im Fernsehen weiß sind !"

Wilmenrod: "Für mich selbst ist die Mahlzeit ein `abgelegtes Requisit´. Meine Arbeit ist mit dem Erlöschen des roten Lämpchens an der Kamera getan. Und es hat sich der nette Brauch herausgebildet, daß diejenigen, die da sind, sich als meine Gäste fühlen und an den Tisch kommen - vom Hilfsarbeiter bis zum Intendanten !"

Feldmann: "Wir waren damals relativ ausgehungert - und dann saßen Irene und ich und andere Kollegen schon in Habachtstellung, wenn er endlich fertig war - und dann sind wir hin und haben das Ganze aufgegessen - das war herrlich - muß ich sagen !"

Sprecher: Beeindruckt hat er das Publikum vor allem durch seinen vollendeten Stil. In seinem ganzen Habitus - vor allem aber sprachlich - schlug er einen für viele abgestumpfte deutsche Ohren ungewohnten Ton an, meint Vincent Klink:

Klink: "Was auch noch sehr erstaunlich ist - wenn Sie z.B. Menschen in dieser Zeit angucken - wie sie gekleidet waren, wie sie geredet haben - hatten die immer noch so ein totalitäres Geschnarre drauf - durchs 3. Reich. Und er wirkt richtig international - zwischen Franzose, Manhatten-Amerikaner - also nicht Texaner - so Clark Gable-mäßig - Hollywood - so eine Mischung - wo der Zuschauer sich sicher gesagt hat, `Hey, der war nicht in der Hitlerjugend´ - so ähnlich, ne. Er muß also dann schon von sich aus eine Haltung gehabt haben, die irgendwie jenseits Adenauers war - sagen wir mal so - das waren noch richtige Haudraufdeutsche - `jetzt kommen wir´ - und `ich brauche alle 15 Minuten ein Pils, sonst wird's mir schlecht´- und diese Sprüche. Er war eigentlich ein feinsinniger Typ !" 

Sprecher: Ein Markenzeichen war seine Anrede. Zunächst begrüßte er sein Publikum mit:

Wilmenrod: "Ihr lieben, goldigen Menschen"...

Sprecher: ...das fand der Intendant wohl doch etwas albern - woraufhin Wilmenrod nun sagte:

Wilmenrod: "Liebe Brüder und Schwestern in Lukullus"...

Sprecher: ...was wiederum ein Theologe blasphemisch fand. Dann hieß es  - für seine Verhältnisse doch eher prosaisch - bloß noch:

Wilmenrod: "Verehrte Feinschmeckergemeinde!"

Sprecher: ...und schließlich:

Wilmenrod: "Guten Abend, meine Lieben!

Das Menü, das ich demonstrieren will, heißt: Verlorene Eier auf Toast mit Salami dazu ein Salat, Durieux genannt - Erfindung meiner großen Kollegin Tilla - und dann Gefüllte Erdbeeren..."

Sprecher: Wilmenrods Küchenklassiker sind unvergessen! Die Fliegenpilze etwa, kreiert aus Tomaten, betupft mit Mayonnaise aus der Tube. Und natürlich das Wilmenrod-Gericht schlechthin:

Musik: Jimmy Bryant "Deep Water"

Wilmenrod: Toast Hawaii !

Klink: "Die Dosenananas war ja der Hit der Saison - und selbst heute esse ich manchmal - wenn ich das irgendwo sehe - man hat ja immer wieder mal die Lust aufs Andersschmeckende - und das darf dann auch ruhig einmal ein bißchen pervers sein - und das ist's ja auch - eine Ananas und Schinken und Toast - und ich muß sagen, schmeckt klasse - also beim zweiten wird man wahrscheinlich die Schnauze voll haben - aber der erste schmeckt irgendwie prima - das geht mir manchmal auch beim Hamburger so, daß der so schnell reinrutscht, daß man ... war ja gar nicht so schlecht - bestellt sich gleich noch einen zweiten und - zack - wird's einem übel !" 

Sprecher: Vieles aus seiner Sendung fand - aller kulinarischen Bedenken zum Trotz - den Weg in bundesdeutsche Partykeller und Dia-Abende. Dabei ist nie ein Michelin-Stern in seiner Nähe gesichtet worden. 

Wilmenrod: "Wissen Sie, es gibt ja in der Küche keine feste Vorschrift - es ist ja keine Kaserne - es kann jeder machen in der Küche, was er will - wenn der Salat ihm nicht - wenn er ihm zu sauer ist, na dann macht er ihn ein bißchen süßer - und dann ist es halt sein Salat !"

Krüger: "Das war gut gemacht - weil er brauchte sich auf kein Glatteis zu begeben - wie heute - `Zitronengras an Schokolade auf Gänseleber mit Weißichwas´,
nicht !"

Sprecher: Aber dennoch hatten seine Gerichte Pfiff, wie er zu sagen pflegte:

Wilmenrod: "Das ist die Basis zu einem ganz gewöhnlichen grünen Salat - wenn Sie so wollen - aber es ist ein Pfiff dabei, meine Lieben. Und dieser Pfiff ist der Roquefort! Hier ist ein Stück davon. Schon Karl der Große - der Name dürfte Ihnen aus dem Schulfunk irgendwie bekannt sein - 768 bis 814 - schon Karl der Große liebte den Roquefort. Er haßte die Sachsen, aber den Roquefort, den liebte er. Sehen Sie - und das ist der Pfiff an diesem Salat !"

Klink: "...`Amerikanische Leber mit Sauerkrautsalat´...!"

Wilmenrod: "...Lachsröllchen mit Meerrettich - die Vorspeise schlechthin..."

Klink: "...Ja, `Würstchen mit Austern - tolles Katerfrühstück´ steht hier, ja ... !"

Wilmenrod: "...ein Giganto-Omelett - aus Straußenei..."

Musik: "Prelude e-moll op.28/4" von Chopin

Wilmenrod: Abschied vom Sommer ! Der Titel ist so sentimental wie die Mahlzeit selbst..."

Sprecher: ...ein Tomatenpfannekuchen...

Wilmenrod: "...man kann sie eigentlich nur bereiten, wenn man dazu das e-Moll-Prelude von Chopin hört !" 

Wilmenrod: "Das Päpstliche Huhn - aus dem Kochbuch des Bartolomeo Scappi, Cuoco secreto des Papstes Pius V.

Ein junges Huhn, etwas später im Jahr nimmt man besser einen Kapaun, reichlich fetten Speck, eine Semmel, in Milch geweicht (Scappi nimmt statt ihrer noch mehr Speck, ich finde aber diese Überfettung heute nicht mehr zeitgemäß), Sauerkirschen, Grapefruit, Pimpernelle, Majoran und - für Mutige - eine Knoblauchzehe !"   

Sprecher: Und diese Sache hatte ein noch pikanteres Nachspiel:

Wilmenrod: "Ich war Molotows Leibkoch !..."

Sprecher: ...nein nein, den Molotow-Cocktail, den hat er nicht auch noch erfunden...

Wilmenrod: "...In der Zeitung las ich über einen Besuch des sowjetischen Außenministers in Ost-Berlin: `Die für Molotow vorgesehenen Brathühnchen wurden nach dem Rezept des westdeutschen Fernsehkochs Wilmenrod gefüllt.´ So kam es, daß der Genosse ausgerechnet das Leibgericht des Papstes gegessen hat -
der Ärmste !"

Sprecher: Die Wilmenrod-Ära umfaßte das ganze Jahrzehnt vom Ende des Hungers bis zu den ersten Abmagerungskuren.

Wilmenrod: "Im Februar 1945 in die Reihen der letzten Goten eingefügt, machte ich eine Zeit von hundertundelf Tagen als Nibelungenrecke mit. Das war - unter anderem - eine Fastenkur, die sich gewaschen hatte. Der Kampf selbst ist ja das wenigste. Die Zugaben sind es, die einem den Appetit an diesem seltsamen Handwerk nehmen. Oder ist es schon Heldentum, einen elenden Fraß zu fressen ? Im Anschluß an meine aktive kriegerische Tätigkeit kam eine Gefangenschaft von - gottlob! - nur einer Woche. In dieser gab es dann gar nichts mehr zu essen !"

Musik: Wolfgang Neuss & Wolfgang Müller: "Lied vom Wirtschaftswunder"

("Wir Wunderkinder - von 1945 bis - na, erst mal abwarten...")                                                                                                                      ]

Klink: "Aber es war eigentlich die Zeit, als er auftauchte - da war man eigentlich aus dem Überlebenskampf raus. Es war ein Licht am Ende des Tunnels !" 

Musik: ("..Jetzt kommt das Wirtschaftswunder. Jetzt gibt's im Laden Karbonaden schon und Räucherflunder. Jetzt kommt das Wirtschaftswunder. Der deutsche Bauch erholt sich auch und ist schon sehr viel runder...")

Klink: "Auf jeden Fall hat er ein kleines Ränzlein gehabt - also die Schürze ist gefüllt, die er an hat !" 

Sprecher: Den "bauchigen Herold des Wohlstand-Ahnens" hat man ihn einmal genannt!

Musik: ("...Jetzt schmeckt das Eisbein wieder in Aspik. Ist ja kein Wunder nach dem verlorenen Krieg!")

Klink: "Es ging ihm schon darum - heute machen wir mal was Festliches, was Besonderes. Und deswegen war glaube ich auch er in erster Linie - der Einfluß auf Männer, die am Wochenende mal nett, schön geköchelt haben - so aus gesellschaftlichem Ereignis und aus Lust und Kulturstreben - weiß der Teufel, was..."

Sprecher:  ...Wilmenrod selbst gehörte einem Kölner Männerkochclub an und in Mainz dem Stammtisch "Die Schwarzen Säue"...

Klink:  "...und die Hausfrauen hat das nicht so sehr interessiert. Die haben nämlich mit ihrem bißchen Haushaltskässchen da sowieso gerade gucken könne, wie sie ihren Falschen Hasen da zusammengedoktert haben. Weil - also - das waren schon, sagen wir mal, die ersten Signale des Überflusses !" 

Sprecher: Allerdings nannte er in den ersten Jahren noch explizit eine andere Zielgruppe:

Wilmenrod: "Ich wende mich in der Hauptsache an jene Generation der jungen Frauen, die heute auf die Dreißig gehen. Sie haben unverschuldet die furchtbarsten Jugendjahre erlebt - in brennenden Kellern. Sie konnten nicht kochen lernen. Es gilt, diese Generation zu retten !"

Sprecher: Jedenfalls animierte er auch so manchen deutschen Mann zu tollkühnen Küchenexperimenten - vor allem zur Weihnachtszeit. Was dem familiären Streßpegel am Heiligen Abend sicher nicht immer zuträglich gewesen sein dürfte. Beginnen konnte er noch ohne jede Rücksichtnahme auf Body-Mass-Indizes oder Sodbrennen - aber dann zeigten sich in der Bevölkerung erste Kehr- und Speckseiten des Wohlstandes.

Wilmenrod: "Wenn ich mich nun für das leichte Essen einsetze, so hat das seinen Grund. Wir dürfen nicht einschlafen am Steuer und auch nicht bei einer Besprechung. Hier also dann ein leichtes Mittagsgericht..."

Sprecher: ...wobei er diätetische Maßstäbe anlegte, die nicht unbedingt unserem Begriff von leichter Kost entsprechen...

Wilmenrod: "...bereiten Sie eine Bechamel-Sauce, bestreuen alles mit Käse, geben Butterflöckchen obenauf, überbacken es und servieren Sie es mit einem Kartoffelpüree.!"

Sprecher: Das ist nun weder low-fat noch low-carb - aber so eng sah er die Sachen eben grundsätzlich nicht.

Wilmenrod: "Keine Extreme! Vielleicht geht die Entwicklung der Menschheit dahin, daß wir als Engel enden ? Geschaffen sind wir als solche nicht! Vegetarier !? Wir respektieren sie..."

Sprecher: ...allerdings konnte er sich eine kleine sexistische Spitze wohl nicht verkneifen...

Wilmenrod: "...ich kann meinen Vater aber verstehen, der da sagte: `Mit einem Vegetarier am Tisch sitzen heißt, mit einer frigiden Frau nach Capri fahren!´"

Sprecher: Apropos Capri !

Musik: Vico Torriani "Caprifischer"

Wilmenrod: "Die Caprifischer - ganz privat ! 

Vor dem Kriege kannte ich sie alle persönlich. Diese Zeit war die glücklichste meines Lebens. Jammer, Jammer, was aus diesem Kleinod geworden ist ! Ein Jahrmarkt, ein billiger. Viele Insulaner mögen von den neuen Touristenmassen profitiert haben, die Fischer aber haben nichts geerbt. Nur ein Schlager wurde für sie geschrieben. Ich blieb bis zum Ausbruch des großen Elends. Und es lebte auf der Insel ein Wesen, in welchem sich Schönheit und Geist in ganz seltener Weise vereinigt hatten. Das gute Kind war allein und so kam es denn, daß wir die denkbar größte Nähe zum bevorzugten Zustand unseres Miteinanders machten. Mit Annemarie kam ich in die Osteria `Rupe Tarpea´ und dort gab es Zuppa di pesce. Eines meiner größten kulinarischen Erlebnisse !"

Wilmenrod: "Überall ist die Menschheit am Brutzeln und mit aller Liebe und Schläue dabei, sich die paar irdischen Tage so angenehm wie nur möglich zu machen !"

Klink: "Und das kann man ja den Deutschen wirklich nicht nachsagen, daß sie nicht neugierig wären. Und exakt zu dieser Zeit kam schon das Exotische in die deutsche Küche. Und da hat man es irgendwie - das Fernweh gestillt - und das war eigentlich schon kurz vor dem Dammbruch, als dann die Deutschen nach Rimini gestürmt sind und praktisch die Strände eingenommen haben !" 

Wilmenrod: "Gugge se sich doch die Lappärsch o - uff de Audobahn - net - wie se nunnerfahrn üwwer de Brenner - alse nunner - als noch weidä - es kann jo gar ned weit genuch sei - net. Und wenn se dann unne an de Stiwweelspitz net ins Wassa fahren däde - na dann dädn se doch noch weidäfahrn -
ach gehnsema doch fott !"

Musiken: Vico Torriani "Malaguena" / Mantovani "La Paloma" / Sussan Deyhim "Bade Saba"  

Wilmenrod: "Wie wird man Reisender? Was eingeboren sein muß, ist die Sehnsucht nach der Ferne. Was kann es, so frage ich, Größeres geben, als am Bug zu stehen ! /

Überbackene Auberginen, Basilikum, Spaghetti Bolognese... /

Eiskalt war die Melone; der Schinken, dünn geschnitten wie ein Briefbogen, Wein - welch zarter Akkord ! Küchenmäßig könnte man es eine Pastorale nennen.

Du willst, o Leser, diese Sprache verzeihen; du verstehst sie nicht, sofern Du nicht mein Bruder bist! Solltest Du zu denen zählen, die der Ruf: `Kartoffeln können nachgefaßt werden!´ befriedigt, so mögen Dir die Götter verzeihen, ich kann es nicht ! /

Pranzo ist in Italien das, was man in den USA brunch nennt - ein breakfast-lunch, also bei uns wäre es ein erweitertes zweites Frühstück ! /

Kabáb ! Das Fleisch wird an Stäbe gesteckt und über Feuer langsam gebraten. Dazu ein Fladenbrot. Ein Eßbesteck erübrigt sich ! /

Beim Chinesen .... Ente mit acht Kostbarkeiten - Leckereien, für die wir kaum einen Namen haben. Man soll manche Dinge auf sich beruhen lassen. Würden Sie Wert darauf legen, die Vergangenheit einer Geliebten lückenlos wie einen Ingenieurbericht vor sich liegen zu haben? Sollten Sie diesen Wunsch wirklich besitzen, wäre das Gespräch zwischen uns beendet. Denn, sich für die Vergangenheit einer Frau interessieren, hieße in die Küche gehen und der Zubereitung beiwohnen, der Zubereitung vielleicht einer Ente !"

Sprecher: Sehr charmant, wirklich !

Zwar trat er mit der ein oder anderen Sottise über fremde Länder, fremde Sitten auch schon einmal in den Fettnapf...

Wilmenrod:  "...im Libanon gibt es mehr Spitzbuben als auf der gesamten Nordhalbkugel zusammen..."

Sprecher: ...von solchen stammtischnahen Ausrutschern einmal abgesehen, war er aber einer der wichtigsten Weltöffner für Ottonormalverbraucher. Und gelegentlich mahnte er diesen, sich doch bitte anständig aufzuführen:

Wilmenrod: "Reisen, speisen, entgleisen ! Womit wir im Ausland am meisten entgleisen ist, wenn wir dem süßen Weine zusprechen. Wenn uns Germanen also ein besonders großer Durst anfällt, heben wir uns den besser auf für die Rückkehr. Wir haben einiges nachzuholen, was unser Ansehen anbelangt !"

Musik: "Winnetou"-Melodie

Sprecher: Doch wie bei dem anderen Reiseerzähler, dem aus Radebeul, mehrten sich auch bei Wilmenrod die Verdachtsmomente:

Krüger: "`Dies habe ich Ihnen mitgebracht von meinen Reisen´ - wie Karl May so - das war so - nicht. Ja, ich weiß gar nicht, ob der so weltläufig war. Was uns verführt - natürlich im nachhinein - seine Dinge, die er so dargeboten hat - 1001 Nacht-Haschee oder der Schaschlik aus den arabischen Nächten oder irgendsoetwas - das waren ja umfunktionierte Heimatgerichte - eigentlich - erfunden hat er ja nur die Namen und die ganze Assiette !"

Sprecher: Auch an Ruprecht Essberger nagten begründete Zweifel:

Essberger: "Er hat so getan, als wenn es  ganz selbstverständlich ist, daß er in Rio war und daß er in Ägypten war. Aber ob er wirklich da war, möchte ich sehr bezweifeln! Ich glaube, er hat sich das angelesen und ein bißchen da wie Karl May fungiert. Wir wollten ihn auch nicht kränken - wir haben es also nicht in Zweifel gestellt, aber unter uns haben wir, hinter vorgehaltener Hand, haben wir gesagt, `Na ja, der spinnt!´"

Sprecher: Und dann schildert er Wilmenrod, mit kaum verhohlener Schadenfreude, als seekranken tollen Hecht - auf der Ostsee:

Essberger: "Und da hatten wir ziemlich schweres Wetter. Und er hat dann gespuckt - er kniete an der Reling, kam dann hoch - er hatte schon in der Koje gelegen - mit seinen langen Unterhosen - und das war natürlich nicht gerade das Bild des großen Kochstars !"

Wilmenrod: "Jetzt wird ein sogenannter Fond gemacht - d.h. eine Salatsoße - aus Tomatenketchup und einem Schuß süßer Sahne - das gibt allein schon einen wundervollen Creme - ineinandergerührt. Dorthinein kommen nun die guten Heringe . Das ist ungefähr, wenn es durchgehoben ist, dann der Heringsalat nach Art der bretonischen Fischer !"

Musik: Deyhim "Bade Saba"

Sprecher: Eine Fernreise, nach Afghanistan, die zumindest scheint 1957 tatsächlich stattgefunden zu haben:

Wilmenrod:  Unter den Sternen des Hindukusch !

Kabul - eine Karawanserei im Gebirge - in der man sich fühlt wie in Abrahams Schoß. Die Stadt zählt 300.000 Einwohner - ohne die Frauen, denn die zählen nicht. Es herrscht ein wildes Leben und der Basar birgt blühendes Gewerbe. Von hier aus führt eine relativ gute Straße nach Norden..."

Sprecher:   ...und dieser folgte er dann und staunte über jenes architektonische Weltwunder, das 2001 religiöser Intoleranz zum Opfer fiel:

Wilmenrod: "Je weiter man das Bamian-Tal aufwärts kommt, um so mehr hat man das Gefühl, daß die irdische Welt versinkt. Man wird ihr entrückt. Rechts vom Wege ab, beginnt eine graurote Wand. Und in den Fels hineingeschnitten, steht stumm und grau ein Schemen, eine riesige Statue - in bedrückender Melancholie. Es ist Buddha, der Erhabene, hoch wie ein Kirchturm !"

Musik: (noch einmal kurz) "Bade Saba"

Wilmenrod: "Man sagt, daß alle Bergvölker heiteren Temperamentes und schnellen Sinnes seien. Die Schweizer bilden wohl die Ausnahme, die die Regel bestätigt !"

Musik: Alphorn-Klänge

Wilmenrod: "Das Käse-Fondue! Meist wird ein Pfänderspiel mit diesem Essen verbunden, dergestalt, daß derjenige, dessen Brocken in der zähen Masse zurückbleibt, ein Pfand zu geben hat, sei es nun eine Flasche Wein oder einen Kuß !"

Sprecher: Alljährlich zu Silvester schmilzt auch der Deutsche seit Wilmenrod Emmentaler!

Und hierzulande ?

Wilmenrod: "Nun, es gibt einen Braten, der seinesgleichen auf der Welt sucht - in einem Städtchen, das in einem feuchten Tale des Hunsrücks liegt: Idar-Oberstein. Edelsteinhändler, weitgereiste Leute, lernten in Brasilien den Spießbraten kennen, der soeben dabei ist, auch bei uns `Mode´ zu werden !"

Musik: "Torero Marsch" aus  der "Carmen-Fantasie" (von Francois Borne)

Wilmenrod: "Das Torero Frühstück ! Hören Sie, was mir die glutäugige Schöne verriet: `Eine Toastscheibe dick mit Leberwurst bestreichen, dann in der Pfanne braten, auf einem Salatblatt auf den Teller legen, dünne Zwiebelringe darüberbreiten und ein Spiegelei daraufgleiten lassen: Olé !" 

Sprecher:  Und zur Siesta dann einen:

Wilmenrod: "Salat Don Clemente !

Diesen Salat komponierte ich im Jahre 1951 auf Mallorca in einem Bungalow unter hellgrünen Pinien. Dort stand eine..."

Sprecher:  ...selbstredend wiederum...

Wilmenrod: "...glutäugige Schöne. Sie sah mir tief in die Augen und hauchte: `Der Salat war wundervoll, Don Clemente´ !"  

Essberger: "Und wir haben ihn dann später eigentlich im Studio Don Clemente genannt. Und das fand er auch gut. Er war auch ein Macho - aber das hätte ihn nicht gekränkt, weil er ja Don Clemente war und Don Clemente muß auch ein Macho sein. Und damals waren Machos ja auch noch en vogue !"

Sprecher: Einer alten Männerphantasie widmete er folgerichtig das Schlußkapitel seines Buches "Wie in Abrahams Schoß" - dem...

Wilmenrod: "...Harem ! Leider ist hier nicht der Platz für ein ausführlicheres Kapitel. Leider, sage ich, denn ich wäre durchaus in der Lage, ein wenig aus der Schule zu plaudern. Ich habe nämlich - halten Sie sich bitte fest! - im Harem gelebt. Ich will keine Namen nennen. Wie dem auch sei, [...] es kommt zunächst darauf an, ob man den Mann für polygam hält oder nicht. Wenn der Mann ehrlich ist vor sich selbst, muß er zugeben, daß er polygam ist !"

Sprecher: Zuerst verschwurbelt er sich in Pro und Contra - Sowohl-als-auch - Hü und Hott:

Wilmenrod: "Zwar wäre der Gedanke absurd, diese löbliche Institution auf unsere Verhältnisse übertragen zu wollen. Doch gehen meine bescheidenen Beobachtungen dahin, daß der Frau dort im allgemeinen besser zumute ist, wenn sie ein wenig unter ihm steht. Die Gleichberechtigung hat ihre zwei Seiten, denke ich mir. Der Harem gleicht einem Schiff. Ist die Gesellschaft der Fahrgäste von Natur aus glücklich komponiert, wird es eine schöne Fahrt..."

Sprecher:  ...bis ihm endgültig die Pferde durchgehen:

Wilmenrod: "Doch worin unterscheiden sich nun diese Frauen von den unsrigen? Man kann es mit einem Worte sagen: sie sind glücklicher !"

Sprecher: Aber jenseits der erotischen Wunschbilder unseres Westerwälder Hahns - im wahren Leben?!

1958 ließ sich Gattin Erika jedenfalls von ihrem Remouladencasanova scheiden !

Krüger: "Sie war eine optisch sehr biedere Frau - eine bescheidene Frau, die ihre Arbeit machte - so war das bei Constanze und bei Brigitte - diese Redakteurinnen waren alle Rechtschaffene, Geradegebürstete - keine Paradiesvögel - so war sie auch !" 

Sprecher: Im Fernsehen aber unterhielt er weiterhin sein Publikum mit sinnlichen Geschichten... über vielversprechende Hohlräume:

Wilmenrod: "Ich saß an einem Frühlingsnachmittag, es war vor dem Kriege, in Rom in einem Café. Da kam eine Bäuerin vorbei und bot Erdbeeren an. Ich nahm ein paar und während ich nun so den Stil herausdrehte, sah ich, daß da ja ein Hohlraum entstand. Wenn man nun Koch aus Passion ist, wissen Sie, dann denkt man über solche Dinge nach - besser gesagt: man träumt davon. Also ich ging wochenlang mit dieser Gefüllten Erdbeere sozusagen schwanger und träumte von ihr - und wußte nicht, womit ich sie füllen sollte. Aber ich sagte mir, Hölderlin hat geschrieben, `ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt´!... Aber eines Tages fiel es mir ein. Ich lag morgens noch im Bett - meistens die beste Stunde - da wußte ich's, womit sie zu füllen sei: mit einer Mandel !"

Klink: "Da muß ich sagen - er hat eigentlich beseelt gekocht !"

Sprecher: Er hatte in der Fernsehküche seine Lebensaufgabe gefunden, aber ab und zu wechselte er das Metier - als Sprecher in Hörspielen. 1959 in "Der Traum von Wein und Weizen" - einer frühen Warnung vor der Ökokatastrophe von Siegfried Lenz.

Und 1965 dann in Dieter Kühns "Vorspiel zu Amphitryon" - ideal besetzt ... als Jupiter, seines Zeichens Meister im olympischen Seitensprung:

- "Amphitryon" -

MERKUR: "Denkt an Eure göttliche Gemahlin ! Ach!"

JUPITER: "Wie lange ist es her, seit ich einen Menschen so nahe gesehen habe ?!  So genau ?!

Dein Gesicht ist schön ! Daß einem vor der Schönheit keine anderen Worte einfallen, als immer nur schön !"

MIRA: "Aber hier, in der Küche - ich - entschuldigt, daß wir noch immer in der Küche uns befinden !"

JUPITER: "Ich habe nichts gegen Küchen !!! ..."

Musik:  „Hochzeitsnacht im Paradies“

Sprecher: Was die erhoffte Filmkarriere anbetraf, so reichte es nur - seinem Ego wenig schmeichelnd - für Nebenrollen. In der „Hochzeitsnacht im Paradies" oder der Musikkomödie „Ein Ferienbett mit 100 PS"... als Hochstapler Willi Wimmer...

Und einmal, da sieht man ihn, aber nur, wenn man ganz genau hinschaut, sogar in einem echten Hollywood-Streifen - „Entscheidung vor Morgengrauen", mit Oskar Werner und Hildegard Knef.

Als Fernsehpionier erlebte er den spannenden Übergang vom elitären zum Massen-Medium. Arne Krüger erinnert sich an die Anfänge:

Krüger: "Es war schon eine kleine, aber natürlich intellektuell auch bemühte Schicht von Leuten, die ihn zur Kenntnis nahmen - wohlwollend - er machte ja keine Fehler !" 

Sprecher: Nun ja, sagen wir, er machte wenige... An die Grenzen seiner küchenhandwerklichen Fähigkeiten stieß er angesichts eines Weihnachts-Puters, den er, fachkundigen Augenzeugen vom "Verband der Köche Deutschlands" zufolge, nicht tranchiert, sondern wohl eher, nun ja, zersäbelt hat.

In den frühen 1960ern saß dann bereits ein Millionenpublikum am Nierentisch, schaute in eicherustikale Fernsehapparate - und der erste veritable Bildschirmstar, das war unser Schürze tragender Schürzenjäger.

Reeh: "Und ich glaube auch, wenn er auf dem Bildschirm war, diese 10 Minuten, dann war wirklich die Straße leer ! Und die Leute sind gerne nach Hause gekommen, haben ihn sich angeschaut und haben am nächsten Tag das gekocht und haben dann auch darüber diskutiert und gesprochen. `Ach, guck, hier das habe ich von Clemens Wilmenrod gemacht - ah - das mußt Du auch mal kochen´ - und `hast Du's gesehen - ach ja´ - und ich glaube, da war noch mehr unter den Leuten dann los. Heute, wenn man ein Rezept haben will, oder man hört mal was, guckt man im Internet - schon hat man 200.000 Ideen dazu !" 

Sprecher: Auch daheim, in Willmenrod, wuchs der Stolz auf den berühmtesten Sohn des Ortes:

Schmidt: "Und dann war das wie im Kino! Das war Kino - da ging es hier im Dorf rum, `heute Abend ist der Clemens im Fernsehen´ - da kam alles in die Wirtschaft... und da waren die Tische, die waren draußen - da waren alles so Stuhlreihen, wie im Kino - mußte das Bier, wenn jemand etwas trinken wollte, so in die Reihen durchreichen...! Ja, die wollten nur den Clemens sehen."

Sprecher: Parallel dazu begann er Mehrwert zu erwirtschaften, indem er zur Feder griff.

Zitator:  „Es liegt mir auf der Zunge" / „Clemens Wilmenrod bittet zu Tisch"...

Wilmenrod: "Wenn Sie kein Barbar sind - und Sie sind keiner mehr, wenn Sie dieses Buch lesen - muß Ihnen, um es medizinisch auszudrücken, die Sekretion Ihrer Mundspeicheldrüse... na, das wissen Sie selbst !" 37

Reeh: "Wenn man heute eine Bestsellerliste machen würde - alle Kochbücher - er wäre mit allen seinen Büchern auf Platz 1 bzw. 1,2,3,4,5 - wie auch immer - wieviel er gemacht hat !"

Sprecher: Aber auf dem Höhepunkt des Erfolges zogen erste dunkle Wolken auf. Als Productplacement noch - Hinterlist andeutend -Schleichwerbung hieß, beherrschte er diese lukrative Form des Nebenerwerbs bereits in Perfektion. 1955 nahm sich der Spiegel die Bildschirmikone unter diesem Blickwinkel zum ersten Mal investigativ vor:

Zitator:  "Mit boshafter Freude registrierten die Werbeberater ein Ansteigen der `Untergrundwerbung´. Welche suggestive Wirkung das neue Medium auf die Zuschauermassen hat, können die Werbefernseh-Dienste, leicht an den Nebenwirkungen einiger erprobter Sendungen ablesen. Während der Funk- und Fernseh-Ausstellung zum Beispiel, als Clemens Wilmenrod, der Koch des NWDR-Fernsehens, vor der Kamera einen Kabeljau zubereitete, meldeten anderntags die `Nordsee´-Filialen: Kabeljau ausverkauft. Der `Fernseh-Werbedienst´ verzeichnete denn auch freudig und ungeniert: `Das Schönste bei der Sache ist, daß Wilmenrod, ähnlich wie Berthold Schwarz, gleich die richtige Formel fand. Jener für das Schießpulver, dieser für die Fernsehwerbung´..."  

Wilmenrod: "Und nun ein bißchen Öl in die Schüssel hinein - Paprika - habe ich hier in dem Gewürzautomaten - den kriegen Sie für ein paar Pfennige - überall - sind sechs Gewürze in einem drin!"

Sprecher: Und vier Jahre später, holte man dann zum großen Schlag aus - Wilmenrod-Bashing auf 11 Seiten - in süffisantestem Spiegeldeutsch:

Zitator:  "Auf dem Bildschirm erscheint ein menjoubärtiger 52jähriger Bonvivant, der ein Feinschmeckermahl ankündigt, das er in einer kleinen Brutzelküche zubereitet. Während er mit modernen Kleinküchengeräten hantiert - wohl um zu zeigen, wie vielseitig die Produktion der Haushaltsgeräteindustrie ist. Der Nimrod der Fernsehküche nennt sich Clemens Wilmenrod; laut Paß trägt er jedoch den Namen eines gefiederten Haustieres, das er in gerupftem Zustand gern den Infrarotstrahlen seines Grillapparats, des `Schnellbraters Heinzelkoch´, aussetzt..."

Klink: "Mein Vater hatte so ein Ding - ein kleines Blechkistchen - und übrigens sehr praktisch für Singlehaushalte. Das war kein großes Ding - das war nur so, daß man was da reinschieben konnte. Entweder es hat geglüht oder nicht. Das würde man sich heute von manchem modernen Herd auch wünschen !"

Zitator: "Seine Popularität veranlaßt viele Werbechefs, ihm eine Nebenbeschäftigung als Reklamezugpferd einzuräumen. Die erste Firma, die den `Doppelkopf´ einspannte, war `Pott´. Seiner Fernsehgemeinde empfahl er, sich einen sogenannten `Rumtopf´ zuzulegen !"

Schmidt: "Der Clemens, der hat dann gesagt, `ja, dann nehme ich einen Schuß Pott-Rum´!"

Sprecher: Notabene - der Spiegelartikel selbst wurde - ebenso ungeniert - unterbrochen durch diverse Werbeanzeigen für Sekt, Whisky und Kühlschränke.

Aber dann folgte noch der Verriß eines Fernsehkritikers mit dem schönen Pseudonym Telemann:

Zitator: "Durch die Wüste! Gehacktes Rindfleisch wird in eine Schüssel gegeben. Man schlägt ein rohes Ei hinein. Eine Zwiebel, eine Gewürzgurke... Das Ganze wird in einer Pfanne gebraten. `Freund in Lukull´, rief der Weißhäutige. `Wie nennt man dieses Gericht?´ Und Almuluk, Sohn des Omar, gab lächelnd zur Antwort: `So wisset denn: es heißt Arabisches Reiterfleisch !´ Weil Telemann von klein auf eine Schwäche für das Abenteuerliche im Herzen trägt, ging er in die Küche. Das Reiterfleisch, das unter seinen Händen willig Gestalt annahm, war ohne Zweifel das authentische. Denn Telemann hat das Rezept ehrfürchtig befolgt. Und doch - als er die Frucht seiner Mühen vom Herd nahm, schmeckte sie nach, jawohl, Buletten.. !"

Reeh: "Klar, die Geschichte war erstunken und erlogen - aber die Leute waren glücklich. Vielleicht fehlt uns das heute, daß es einen modernen Märchenerzähler gibt ! Jemanden, der uns schöne Geschichten erzählt ... reine Phantasie - und die Leute einfach ein gutes Gefühl dabei haben - und auch noch den Nutzen dann wiederum daraus, man kriegt noch was Interessantes, Leckeres auf den Tisch. Ich finde das genial !" 

Zitator: "...Nun sind Buletten gewiß ein ehrbares Essen. Doch daß sie der Wunderwelt Arabiens zuzurechnen seien, will nicht ohne weiteres einleuchten. Telemann stieß auf jemanden, dem der Schaukoch in einer Anwandlung von Freimut die Wahrheit gesagt hat. Wilmenrod - so berichtet der Gewährsmann - bereiste im Jahre den Nahen Osten, bekam die Amöbenruhr und wurde ins Hospital von Beirut eingeliefert. Dort lernte er die Frau des deutschen Generalvertreters der Daimler-Benz-Werke kennen. Die Dame nahm sich des rekonvaleszenten Landsmannes mildtätig an und bewirtete ihn mit jenem Fleischgericht. Das sind die Tatsachen. Keine hingelagerten Kamele, keine stampfenden Vollblüter - nur ein paar Amöben !"

Krüger: "Ich war bei der Vorbereitung dieses Textes Spiegel dabei. Und die haben mich auch gefragt, ja, `kann man ihm irgendwas anlasten?´ - und ich sagte, `Sie können ihm gar nichts anlasten! Wenn er aus einer Bulette 1001 Nacht macht, dann ist das eben so. Aber es verkauft sich gut und fertig ist es - nicht - und ist auch gut so!´ !"

Sprecher: Auch Kultursoziologen beschäftigten sich mit dem Phänomen Wilmenrod im allgemeinen und dem Arabischen Reiterfleisch - der Frikadelle Cousine gewissermaßen - im besonderen. Gerd Hallenberger etwa schreibt...

Zitator:  "...statt die reale Herkunft der Gerichte zu benennen, wurde mit Hilfe fiktiver Referenzen ein komplexer semantischer Raum eröffnet. Völlig unabhängig von der Echtheit der Bezeichnung konnte das `Arabische Reiterfleisch´ die Bilder einer Karl May-Romantik evozieren und der `Venezianische Weihnachtsschmaus´ gleich zwei Sehnsüchte kombinieren – die Sehnsucht nach `Weihnachten´, dem Fest der Liebe, Familie und Harmonie, und diejenige nach dem wichtigsten Traumland der 50er und 60er Jahre, Italien. Beim `Weihnachtsschmaus´ handelt es sich im Wesentlichen um ein paniertes Schnitzel !" 

Sprecher: Sogar das amerikanische Time Magazine nahm sich der Sache an. Bei den „German Hausfrauen", so vermutete man dort, wecke dieser "Television Cook" wohl vor allem die Sehnsucht nach einer vollautomatisierten „American Kitchen".

Jener Spiegel-Artikel - und vor allem ein sich ändernder Publikumsgeschmack - beendete schließlich Wilmenrods beispiellose TV-Karriere... man schob ihn ab ins Nachmittagsprogramm - bis zur letzten Folge am 16. Mai 1964.

Seinen verbliebenen Fans hatte er gesagt, er wolle lediglich eine Pause machen, bis ihm das Farbfernsehen endlich eine wirklich angemessene Präsentation ermöglichen würde. Das allerdings hat er dann nicht mehr erlebt.

Wilmenrod: "Sie sehen, ich setze mir dieses scharfgeschliffene Messer an die Brust, denn ich behaupte, die Gefüllte Erdbeere ist eine Erfindung von mir. Sollte jemand sonst auf der Kruste dieses Planeten schon mal eine Gefüllte Erdbeere gesehen oder gar gegessen haben, melde er sich sofort. In diesem Augenblick wird dieses blitzende Ding in mein armes Herz hineinfahren. Nun? Es meldet sich niemand? Dann können wir ja weitermachen !"

Sprecher: Weiter machten aber andere: Max Inzinger, Ulrich Klever, Horst Scharfenberg... Und Vico Torriani, in dessen Sendung "Hotel Victoria" Wilmenrod einen seiner letzten Auftritte haben sollte.

Kurz vor seinem Tod feierte er dann seinen 60. Geburtstag noch einmal daheim in Willmenrod:

Schmidt: "Und da hat er noch gesagt, `laß die ville Tellerscher do - platt gesprochen - brauche ma nedd !´ - da wollte er nichts von wissen - der wollte da richtig nochmal einheimische - `brauchst De nedd, gelt´ - und mit seinen Schulkameraden hat er da nochmal seinen Geburtstag gefeiert... / ...das war ein Klassentreffen, Jahrgangstreffen. Da haben sie Kaffee getrunken im Nebenzimmer - Westerwälder Kuchen - Krümelkuchen und Pflaumenkuchen - und hatten wir die Dessert-Teller dabei - `Laß die ville Tellerscher da!´ - ja, das sprach der dann in Platt !"

Sprecher: Am 12. April 1967 starb Clemens Wilmenrod in einer Münchner Klinik.

Krüger: "Ja, ich habe ihn noch auf dem Weg ins Krankenhaus getroffen. Da standen wir am Flughafen zusammen -  und da stand er mit seiner Aktentasche - und da hatte er sich wohl die Pistole besorgt - denn im Krankenhaus hat er sich ja erschossen - nicht - Lungenkrebs im letzten Stadium wollte er nicht mitmachen. Er hat darüber nicht gesprochen nicht - nur es muß das gewesen sein - der Moment - hatte er Freigang zu Hause und wieder ins Krankenhaus - und da hat er ja Schluß gemacht - weil er das nicht miterleben wollte. Er war starker Raucher - wie so oft bei so was - nicht !"

Musik: Liszt: "Reminiscences de Don Juan" (daraus die Variationen über "Reich mir die Hand, mein Leben")

Klink: "Er hat sicher ein bißchen darunter gelitten unter der Fallhöhe zwischen seinem Ruhm und der Wirklichkeit - da ging es einem Roy Black ähnlich !"

Reeh: "Ich wüßte sofort jemand, der den perfekt spielen könnte: Walter Sedlmayr ! Der hätte Clemens Wilmenrod sofort spielen können. Das war so ein kleiner, schrulliger Opi - na - der nett war, sympathisch war, bißchen geheimnisvoll, bißchen Dreck am Stecken - aber der hätte den sofort spielen können !"

Krüger: "Sedlmayr war doch ein Grantler - neinein, das halte ich für völlig schief !"

Schmidt: "...kann ja sein, daß er da gesagt bekommen hat, daß er Lungenkrebs hätte - ja - und da hat er gesagt, `dann brauche ich auch nicht mehr zu leben!´ - er war ja ein Lebemann !"

Klink: "Und der hat aber auch, rein vom Äußerlichen her, schon einen sophisticated Eindruck im Fernsehen gemacht !"

Schmidt: "Ich sage dann immer, die haben das alles vom Clemens gelernt !"

Reeh: "Und Clemens Wilmenrod - heute noch der Klassiker schlechthin - ich fand, er hat das super gemacht !"

Krüger: "Und er machte es sehr gut. Also das ist das, was wir ihm nachrufen können !"

Reeh: "Und er war halt kein gelernter Koch - und ich glaube, das hat die Sache - ja das Ganze so sehr sympathisch gemacht !"

Krüger: "Hut ab! !"

Klink: "Ja und das Clark Gable-Bärtchen, das ist schon cool !"

Wilmenrod: "Man müßte sich auf einer Burg am Rhein langsam vollaufen lassen und in die andere Welt hinüberdämmern !"

Sprecher: Bei der Wahl der 100 größten Rheinland-Pfälzer im Jahr 2007 kam Clemens Wilmenrod auf Platz 90 ... 54 Ränge hinter Johann Lafer !

Musik:  "Hymne le Nemesis"

- "Amphitryon" -

JUPITER: "Ah, da kommt ja schon der nächste Gang !  Eine wahre Fleischpalette ! Darf ich schon fragen, was es zum Nachtisch gibt - nur aus Vorfreude ?!"

DANAE: "Eine kleine Erfindung von mir ! Golden saftige Pfirsiche mit Mandelsplittern, in Grand Marnier flambiert, auf Vanille-Eis, mit heißer Schokoladensoße übergossen !"

JUPITER: "Also Pfirsiche à la Danae !!!"

DANAE: "Wie Sie wollen !"

JUPITER: "Das ist Seligkeit !"

MERKUR: "Oh..."

DANAE: "Es donnert oft heute !"

Musik: (Schlußpassage) "Hymne le Nemesis"

 

 

 
 

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