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                                                        CANNONBALL ADDERLEY & JOE ZAWINUL "MERCY MERCY MERCY"

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SLIM & SLAM

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SWR-"Dschungel"
vom 15.11.01           BORIS VIAN vs HUGUES PANASSIÉ
                             DER STREIT UM DEN BEBOP-JAZZ
                                                         (von Lutz Neitzert)
 

MUSIK: aus „SALT PEANUTS“ / DIZZY GILLESPIE & CHARLIE PARKER
(CD-„Parker-Gillespie-Powell-Mingus-Roach“   / Giants of Jazz CD 53036)
(bis nach der ersten gesungenen Passage nach ca. 1:10 Min.- dann weiter im Hintergrund)

„VIAN“(stets mit einem ironischen Unterton): "JAZZ IST GEFÄHRLICH!
Eine Physiopathologie des Jazz von Dr. Mollé (Versicherungsarzt, Donnerstagsmaler, Militärorden und früherer Insasse einer psychiatrischen Klinik): Wie weit man auch in die Antike zurücksteigen mag, man kann Beispiele der sklerotischen und nekrotisierenden Wirkung des Jazz auf die lebende Zelle sowie die Makromoleküle des Cytoplasmas finden. Als unter der handfesten Wirkung der Trompeten Josuas die Mauern Jerichos fielen, hatte sich in der Tiefe das Gefüge des Gesteins traumatisiert: Man kann sich ausmalen, daß in dem viel empfindlicheren menschlichen Protoplasma pathologische Störungen entstehen können, die mit denjenigen zu vergleichen sind, welche von den verderblichsten Leidenschaften - wie etwa die Liebe zum Absinth oder die Suche nach dem Absoluten (Delirium Tremens, allgemeine Paralyse) - hervorgerufen werden. Deshalb mahnen wir die Verwaltung: Achtung! Es lauert Gefahr. Unterdrückt den (modernen) Jazz und Ihr werdet zugleich alle Herde der sozialen Rebellion im Keime erstickt haben!" 1

MUSIK¨: aus s.o.

SPRECHER: James Caesar Petrillo, der allmächtige Boß der amerikanischen  Musikergewerkschaft, hatte die notorisch unterbezahlten Jazzer zum Streik aufgerufen. Die Musiker folgten ihm in den Arbeitskampf und dadurch kamen in den ersten Jahren der 40er keine neuen Jazzaufnahmen mehr in die Plattenläden und auch das Radio spielte immer nur den gleichen guten alten Swing...

MUSIK: aus „IT DON’T MEAN A THING IF IT AIN’T GOT THAT SWING“ / DUKE ELLINGTON

SPRECHER: ...Und so verpasste das Publikum den Ausbruch einer Revolution - der Bebop-Revolution - angezettelt von zornigen jungen schwarzen Männern, die in konspirativen Jamsessions in den Hinterzimmern übel beleumdeter Nachtclubs im verrufensten Winkel New York’s, im Stadtteil Harlem, der traditionellen Swingmusik den Garaus machten. Und als dann die ersten Schallplatten mit dieser neuen (als unerhört und wüst empfundenen) Musik erschienen, da war - je nachdem - die Empörung oder aber die Begeisterung groß.
Per Post traf das Virus schließlich auch auf dem alten Kontinent ein und löste in der bis dahin verschworenen Jazzgemeinde einen wahren Glaubenskrieg aus - mit ungeahnten Folgen.

ZITAT:  „Der Bruch zwischen der Fraktion um Boris Vian und Charles Delaunay und den Anhängern Hugues  Panassié’s 1947, 'das Schisma', wurde durch das Eintreffen einer Schellackplatte mit rotem Etikett und dem Titel 'Salt Peanuts' in der Pariser Jazzclubzentrale ausgelöst...“ 2

MUSIK: (noch einmal ganz kurz die von Dizzy Gillespie gesungenen Takte
               aus „SALT PEANUTS“)

ZITAT: „...Die Mitglieder des Hot Club de France standen Schlange vor Delaunays Büro im 2.Stock des Clubpavillons in der Rue Chaptal, um Charlie Parker und Dizzy Gillespie zu hören. 'Jeder war verblüfft', erinnerte sich Delaunay:
'Ich schrieb Panassié: Sie müssen sich das anhören. Es ist eine Revolution. Und er antwortete’...“ 2

„PANASSIÉ“(eine markante, sonore und humorlose Stimme):
„Diese Platte muß unbedingt ICH bekommen!“ 2

ZITAT: „...’ER mußte immer der erste sein, der etwas entdeckte und nachdem nicht ER den Bebop entdeckt hatte, war ER also automatisch dagegen'!" 2

SPRECHER: Kurze Zeit später kamen dann die ersten der neuen Heroen des Jazz zu spektakulären Liveauftritten nach Europa. Ihre Anhänger bereiteten ihnen überall enthusiastische Empfänge. Mit Plakaten und Sprechchören stand man auf Flugplätzen und Bahnhöfen Spalier.

(MUSIK): (Geräusch eines einfahrenden Zuges / „Demo“-Atmosphäre / Durcheinander der Parolen & Beifall)
ZITAT:  „To BOP or not to Be-BOP!“ „Dizzy Gillespie spielt morgen... in der Salle Pleyel... wird sich also vor uns die Ehre geben!“ „Welcome in Paris!“ „Hi! Diz!“
 „Hip, Hip, Hipsters - never Square!“ „Charlie! Our Bird! Yardbird! Parker!“
„To BE or not to BOP! - There is no Question!“

SPRECHER: Die Begeisterung ebenso wie die Kritikerstimmen wurden zunehmend lauter und schriller. Und unter den entschiedensten Befürwortern der Avantgarde machte sich ein gewisser Boris Vian bald einen Namen als spitze Feder und scharfe Zunge, als Verfasser satirischer Pamphlete und gleichzeitig als eine Art Hofberichterstatter der neuen Kings of Jazz:

MUSIK: aus „SLIM’s JAM“ / CHARLIE PARKER & SLIM GAILLARD
(CD „Burlesque in Jazz“ / Giants of Jazz  CD 53080)
(daraus das Parker-Solo ab ca. 1:25 / eventl. mit Anmoderation ab ca. 1)
(Vorsicht! Das erste Saxophonsolo ist nicht von Parker!)
 

„VIAN“:  "CHARLIE PARKER - Der Supermann des Jazz!
Die grölende und sensationsgierige Menge, die sich um mich drängt und mich daran hindert, die Phrase zu hören. Die Phrase von Charlie Parker. Diese Phrase, die er für uns improvisiert hat - vor uns. Die geniale Niederkunft der überreizten Hirnnerven dieses Mannes - dieses auf die Erde entsandten Halbgotts. Und weshalb beim Halbgott stehenbleiben? Dieses Gottes. Diese Phrase, die er gespielt hat, Sie haben es auch gemerkt, Sie alle: G E F G C H A G F D A E G D D. Und dann nach dem F - und das ist der unglaubliche Moment, von dem man sagen kann: wahrlich, Charlie ist groß - nach dem F nimmt er das G wieder auf. Ist Ihnen das klar? Nein, es ist Ihnen nicht klar. Dann trällern Sie es - immer wieder: G E F G... Richtig! Nun haben Sie’s! Im Groove, im wahren Groove! Herr, o Herr! Wenn ich nicht das gotische Pathos hätte, um den Gott Parker zu beweihräuchern und um zu schildern, wie sein Licht all diese Bürger im Sonntagsanzug auf dem steinernen Boden vernichten wird...!“ 3

SPRECHER: Die Freunde von Dixieland und Bigband-Swing allerdings sahen diesem Moment mit - gelinde gesagt -  eher gemischten Gefühlen entgegen. Und aus Amerika berichteten Augen- und Ohrenzeugen von geradezu traumatischen Erlebnissen bei ersten Begegnungen mit den Unverschämtheiten der neue Jazzer:

ZITAT: "Als wir in diesen Club auf der 52.Straße in Harlem hineingingen - Herrgott, diese Burschen packten ihre Hörner aus und bliesen verrücktes Zeug. Mit einem Male endete einer - aus keinem ersichtlichen Grund - und ein anderer fing an. Wir konnten nie sagen, wann ein Solo beginnen oder zuende sein würde. Trotzdem hörten sie schließlich alle zugleich auf und gingen sofort weg. Wir waren entsetzt!" 4

MUSIK: aus „52nd STREET THEME - Take 1“ / CHARLIE PARKER
             (CD- „A Jazz Hour with Charlie Parker Vol.2“ / JHR 53732)

SPRECHER: Sein Pianist Duke Jordan fand Charlie „Bird“ Parker einmal während einer Konzertpause im Hinterhof liegend auf einer umgekippten Mülltonne hin- und herrollend...
ZITAT: "Wenn du zwischen zwei Sets etwas ganz und gar Ausgefallenes tust und danach weiterspielst...“
SPRECHER: ...bekam er zur Antwort auf seinen fragenden Blick...
ZITAT: “...dann denkst du in ganz anderen Bahnen, und das wird ohne Zweifel dann auch hernach in deinem Spiel zum Ausdruck kommen!"

„PANASSIÉ“: Die sind doch alle komplett verrückt!

MUSIK: aus „DIZZY ATMOSPHERE“ / GILLESPIE
(CD „Charlie Christian Live at Minton’s“ / CMA JAZZ 15001)
(das Trompetensolo ab ca. 1:05)

„VIAN“: „Dizzy Gillespie besitzt eine außerordentliche Persönlichkeit. Die jungen Musiker Amerikas kopieren alles von ihm - bis hin zur Baskenmütze (mitunter knallrot), die er bis über die Ohren gezogen trägt, die große Brille aus Schildplatt, den Schnurrbart, den ‘goatee’, einen kleinen schwarzen Geißbart, den er wachsen läßt, um (wie er sagt) seinen Lippen die nötige Festigkeit zu geben!“ 5

SPRECHER: Ein einziger Bürgerschreck - er (mit seiner abgeknickten Trompete) und der ganze Rest der Bebop-Bande!

„VIAN“: "DIE BEBOP-METHODE:
In einem Augenblick, wo jedermann von ihm spricht, haben wir es für gut befunden, unsere Leser über eine neue Kunstform auf dem Laufenden zu halten, der in diesen Zeiten viel Böses nachgesagt wird: Bebop! Nach der Durchsicht von Texten, wobei uns die einzig gültige Autorität in Jazzangelegenheiten, Monsieur Hugues Panassié, Richtschnur gewesen ist, kommen wir zu dem Schluß, daß der Bebop in hohem Maße die Kunst verminderter Quinten ist...“ 18

SPRECHER: Die Verminderte Quinte, der Tritonus, die Flatted Fifth, die dritte Blue-Note, der Diabolo in Musica, der Teufel in der Musik also, den die abendländische Harmonielehre mied wie Besagter das Weihwasser, dieses schräge Intervall prägte den neuen Stil und ärgerte so manchen alten Ohrwurm.

(dazu) MUSIK:(die verminderte Quinte auf einem Keyboard in verschiedenen Sounds & Rhythmen & Lagen anspielen - mal als Zweitonfolge - von verschiedenen Grundtönen aus - z.B.: C-Ges-C, E-B-E, A-Es-A, G-Des-G...  mal als Zweiklang: C/Ges, E/B, A/Es... mal in Akkorden: E/B/Cis/G, F/H/D/Gis, A/Dis/Fis/C... und abschließend eventl. als „Krimi-Melodie“: s.u. X)

„VIAN“: „Unser Mitarbeiter Mistbart-Eddy ist so nett gewesen, uns einige Notizen zu diesem Thema zu übermitteln, und wir beschränken uns hier darauf, sie in gutes Französisch zu übertragen, denn er gebraucht unsere Sprache mit einer wenig alltäglichen Wildheit:
‘...Eine primitive Methode zur Herstellung des typischen Bebop-Intervalls besteht darin, der Quinte ihr äußerstes Ende zu amputieren. Sie geht zurück auf Kaiser Charles Quint (Karl der Fünfte), in dem wir also einen Vorläufer des Bop begrüßen...“ 18
 

„PANASSIÉ: „Vor allem die Amateure sollten aufhören, Bop zu hören oder sie werden sich die Ohren kaputt machen und zuletzt die Lust am Jazz verlieren und vor allem ihr Jazzverständnis verderben!" 19
 

„VIAN“: „Die klassische Methode unserer Großmütter: alle zwei oder drei Reihen eine Masche fallen lassen. Oder Sie schnappen sich einfach unter der Hand eine große Kiste voll Quinten, die Sie dann auf dem Markt losschlagen. Die Quinte vermindert sich dabei automatisch - kraft des Spiels von Angebot und Nachfrage!“ 18
 
 
 

„PANASSIÉ“: „Ich wende mich heute  mit einem feierlichen Appell an alle Hot-Clubs. Ein Club, der weiterhin darauf bestehen wird, den Bebop zu propagieren, sollte aus unserem Verband ausgeschlossen werden!" 6

MUSIK (im Hintergrund): aus „MY MELANCHOLY BABY“ / THELONIOUS MONK
(CD- „The London Collection - Vol.1“ / „Black Lion“ BLCD 760101)

„VIAN“: "DIE PÄPSTLICHEN BULLEN !
Kollektivimprovisation im heiligen Stil der Themen von Monsieur Panassié, bekannt als Kritiker unter dem Namen Seine Heiligkeit Hugues I., Jazzpapst!
Hochwürdiger und sehr verehrter Pontifex, wir wurden - unter uns gesagt - einer schweren Prüfung ausgesetzt durch das harte Exkommunikationsurteil, das Sie über uns verhängt haben. Trotz des Bewußtseins, das wir von unserer großen Unwürdigkeit haben, glauben wir nicht, daß wir uns in diesem Punkt gegen den höchst unreinen Geist Satans gefeit finden, die sie zwingt, gegen uns untertänige Würmchen den fürchterlichen Bannstrahl zu schleudern, mit dem Sie so gut das Abtrünnige zu strafen verstehen. Geschreckt von der schwebenden Drohung einer Strafe, die uns allen die wohlbekannte Milde Eurer Heiligkeit und eine Rückkehr unsererseits zu den orthodoxeren Anschauungen versüßen können, verneigen wir uns in Demut, mit Eifer und Begierde vor dem genialen Verströmen Eures Geistes... dessen Beichtvater Sie zu einer Zeit waren, in der das Schisma noch nicht seine vergifteten Fühler der Bebop-Zwietracht über Frankreich ausgestreckt hatte.
Nach Konsultation von vier Experten in kanonischem Recht, ist einmal mehr evident, daß Hugues I. recht hat.  Gezeichnet: die Falschen Propheten des Jazz CHARLES DELAUNAY und BORIS VIAN!" 7

SPRECHER: Während der Jahreshauptversammlung des „Hot Club de France“ am
2. Oktober 1947 kommt es zur Generalabrechnung und zum entscheidenden Showdown der beiden bis aufs Blut verfeindeten Lager:

(MUSIK): (tumultuöse Debattengeräusche mit Buhs & Bravos, Hörthört & Unsinn u.ä.m. - dazu lautes Stühlerücken und Gläserklimpern)
(im Hintergrund leise Musik: „SWING GUITARS“ /  DJANGO REINHARDT & „Quintette du Hot Club de France“ - CD-„Jazz Guitar Magic“ / Retro R2CD 40-80)

„PANASSIÉ“: "Ich habe festgestellt, daß bestimmte Leute unter dem eitlen Vorwand einer 'toleranten' Geistesauffassung den Boppers einen Platz im Herzen des Jazz einräumen. Neulinge, die derartiges Zeug hören, gewöhnen sich so womöglich noch daran, den Bop tatsächlich für Jazz zu halten!" 8

„VIAN“: „Sie sind sich nicht im Klaren darüber, daß der Jazz einer logischen, unvermeidlichen Entwicklung unterliegt. Denn eins ist gewiß: seine Definition ist nicht an irgendein Datum gebunden, alles, was  vorausgeht,  entspricht ‘wahrem Jazz’, doch alles, was folgt, entspricht ihm nicht weniger!“ 9

„PANASSIÉ“: "Wir sind keineswegs a priori gegen Bebop... allerdings nur wenn es swingt und wenn es eine schöne Melodie ergibt!" 10
ZITAT (als Sprechgesang phrasiert im Rhythmus der berühmten Ellington-Songzeile - eventl. mit Fingerschnippen auf „don’t“ und „ain’t“):
„It don’t mean a Thing if it ain’t got that Swing!“

„PANASSIÉ“: "Ein großes Tanzlokal, das 'Savoy', hat ein- oder zweimal versucht, ein Bop-Orchester zu engagieren. Der Effekt ist schlagend gewesen: Nicht ein Tänzer mehr auf dem Parkett!" 10

SPRECHER: Wenn die alten Säcke mit ihren morschen Knochen nicht mehr richtig dazu tanzen können, was, verdammt noch mal, können Dizzy und Bird denn dafür -  und außerdem: wen schert’s?! - Und schwerhörig sind diese Banausen ja offensichtlich auch noch!

„PANASSIÉ“: "Vor allem aber wendet sich der Bebop von den wesentlichen Elementen des Jazz ab...!“ 11

„VIAN“: „Nein, nein! Trotz seiner für SIE vielleicht irritierenden Formen, seiner verblüffenden, schwindeligen Komplexität, schreibt sich der Bebop in die direkte Linie  der Entwicklung des Jazz ein, die entstand, als die ersten afrikanischen Sklavenschiffe in Richtung Louisiana in See stachen!“ 12

SPRECHER: Die ganze Jazzwelt war danach in Aufruhr und nahm erregt Anteil an den wortreichen (und manchmal - nicht immer! - witzigen) Scharmützeln in Frankreich -

ZITAT: „Artikel verursacht Sturm im Wasserglas! Wir sahen es voraus, daß unsere Veröffentlichung ‘Der Jazz in Gefahr’ von Hugues Panassié in der letzten Ausgabe der Jazzrevue einen hohen Wellenschlag nach sich ziehen würde. Die englische Musikzeitung ‘Melody Maker’ brachte den Aufsatz ebenfalls und veröffentlichte dann die Stellungnahmen von Konzertveranstaltern, Musikern usw., die sich durch diese Ausführungen mehr oder minder angesprochen fühlen konnten...“ 13

„PANASSIÉ“: „Der Jazz ist im Niedergang begriffen!“

ZITAT: „...Leider fehlt uns hier der Raum, um alle Antworten zu veröffentlichen; eine allerdings hätte sowieso in unserer Zeitung keinen Platz gefunden: die des amerikanischen Bandleaders Stan Kenton, die aus einer Aneinanderreihung unflätiger Beschimpfungen besteht...!“ 13

SPRECHER: Und der SPIEGEL war es schließlich, der seine deutschen Leser über die skandalösen Vorgänge und ihre Folgen ins Bild setzte - unter der Überschrift:
ZITAT: „SCHIMMELIGE FEIGEN !
‘Bebop hat alles verdorben! Sagt Hugues Panassié. 'Le Bop a tout gâché’. Das kommende Jazzfestival von Monsieur Panassiés 'Federation des Hot Club Francais' wird unter Ausschluß von Bebop vonstatten gehen...“ 14

MUSIK: aus „SUMMERTIME“ / SIDNEY BECHET
                    (CD „Tribute to Gershwin“ / Giants of Jazz 53015)
                    (kurze Passage ab ca. 0:20)

ZITAT: „...Erklärte Bebopper werden bei Charles Delaunays Jazzfest ihre Zuflucht suchen und finden. Delaunay und Panassié bilden den Kopf der französischen Jazz-Organisierten. Es ist ein Januskopf. Die beiden Gründer und Großmacher des wohlorganisierten, hochaktiven Hotclubs von Frankreich, sind heute feindliche Brüder. Erzfan Panassié, 1912 geborener Südfranzose, ist der Dogmatiker, ein oft recht finsterblickender Fanatiker mit immerbrennender Pfeife. Entscheidend beeinflußt wurde er von dem in Paris lebenden Klarinettisten Mezz Mezzrow, einem erklärter Anhänger des frühen New-Orleans-Stils, wie ihn die schwarzen Jazz-Väter produzierten, und seiner von den Weißen geschaffenen Abart, des 'Chicago-Style'...“ 14

MUSIK: aus „GUT BUCKET BLUES“ / MEZZ MEZZROW
(CD-  „The Blue-Note Story“ / Musica Jazz S.I.A.E.4781142)
(aus dem Klarinettensolo ab ca. 1:05)

„VIAN“: „Ja, ja - dieser wundertätige Kritiker, der das Nachplappern der Ansichten und Meinungen des Sankt Mezzerola in den Rang einer Kunst erhoben hat - nur, weil ihm eben offensichtlich kein besseres Spiel bekannt ist!“ 15

SPRECHER: Mezz Mezzrow war selbst eine schillernde Figur der damaligen Szene. Musikalisch eher drittklassig, hatte er jedoch zwei Talente, die ihn einerseits zum Stichwortgeber für Jazzjournalisten und -forscher machten und ihm andererseits die Zuneigung seiner Kollegen sicherten. Zum einen nämlich konnte er reden (um nicht zu sagen: schwadronieren) und zum andern hatte er stets ein paar Gramm Haschisch in der Tasche. Der Hausdealer Louis Armstrong’s ist er gewesen und ein Buch über ihn trägt denn auch den schönen Titel: „Die Tüte und die Tröte“!
Ob also in Panassié’s obligatorischem Pfeifchen immer bloß Tabak gewesen ist?
Wir wissen es nicht!
Die Exzesse des Bebop beschränkten sich, nebenbei bemerkt, nicht nur auf musikalische Unverschämtheiten, auch was den Rauschmittelkonsum in Jazzerkreisen anbetrifft, so begann mit ihnen ein neues, dunkles Kapitel. Hatte man sich in der Swing-Ära mit Marihuana begnügt (höchstens ein paar reich gewordene Stars leisteten sich dazu ab und an vielleicht auch noch eine Linie Koks), so erhielt die Musikszene in den 40ern ihren schwarzen Schatten, den sie dann bis heute, wie wir wissen, nicht wieder loswerden konnte: das Heroin!
Charlie Parker sollte sein erstes prominentes Opfer werden.

ZITAT: „...Delaunay und Panassié sind seit Kriegsende verfeindet. Auf der Generalversammlung des 'Hot Club de France' beschuldigte Panassié den Mitoberen Delaunay unbegründet allerhand unlauterer Dinge, zu denen er auch Propaganda zugunsten des Bebop zählte...!“ 14

„VIAN“: " In Erwägung, daß der Moment gekommen ist, sich seiner königlichen Vorrechte zu versichern, indem er seine intriganten Kreaturen in den 'Hotclub' einschleust, gelingt es ihm, Delaunay von seinem Posten als Generalsekretär zu vertreiben. Unterdessen sprach der 'Hotclub de Paris' dem alten Vorsitzenden einstimmig sein volles Vertrauen aus. Diesem Schritt schlossen sich einige regionale Clubs an, welche ebenfalls die durchtriebenen Machenschaften des großen Hugues mißbilligen...!“ 16

SPRECHER: Das Hamburger Nachrichtenmagazin zieht daraufhin ein vorläufiges Fazit der Affäre:

ZITAT: „Seitdem gibt es die beiden großen Clubs in Frankreich. Delaunay gibt weiter die Zeitschrift 'Jazz Hot' heraus, Panassié redigiert die 'Revue du Jazz'. Der Bruch geht quer durch die Reihen der französischen Jazz-Interessierten. Es kam zum Schlagwort von den 'Puristen'...“ 14
SPRECHER: ...von der Gegenseite verspottet als „moldy figs“, als „schimmelige Feigen“...
ZITAT: „...die den alten Jazz lieben, und den 'Progressiven', den fortschrittlichen Bebop-Begeisterten...
SPRECHER: ...den Hipsters...
ZITAT: „...Als Delaunay im vergangenen Jahr seine Pariser Jazztreffen gab, kam Panassié gerade aus New York zurück. Im himmelblauen Anzug besuchte er eins der Konzerte. Von einem Reporter nach seinen Eindrücken in Amerika befragt, antwortete er mit seinem altgewohnten, ärgerlichen:  14
„PANASSIÉ“: „Le Bop a tout gâché!" 14
SPRECHER:  Bebop ist alles Murks!

„VIAN“: „Niemals hat der Jazz in Frankreich einen solchen Erfolg erlebt, wie seit der glücklichen Spaltung, die die Päpste des Hot-Clubs entzweit, und alle Fans sollten das Herz haben, den Tag zu segnen, an dem sich das glorreiche Geschehen zutrug. Uns Freunden dieser Musik nämlich hat es ermöglicht, eine weit größere Zahl an Konzerten zu hören als jemals zuvor. Zu bedauern ist dabei nur, daß gewisse Leute systematisch und mit allen Mitteln die vom gegnerischen Lager veranstalteten Konzerte mieszumachen versuchen...! 17

MUSIK: aus „BLUE MONK“ / THELONIOUS MONK

„PANASSIÉ: „Bebop ist kein Jazz!“

„VIAN“: „Methode Nummer 4: Nudeln Sie Ihre Platten auf einem alten Grammophon mit Saphirnadel ab. Die schon verminderten Quinten lösen sich dann in ein völliges Nichts auf...!“ 18
SPRECHER: Aber vor allem Eines, meine Herrschaften und altehrwürdigen Freunde des Swing - seien Sie doch nicht so verbissen - entspannen Sie sich!

„VIAN“: „In allen Apotheken erhalten Sie Codein-Sirup!" 18

SPRECHER:  Das beruhigt die strapazierten Nerven!

MUSIK:  die Schlußpassage aus „SALT PEANUTS“
 

ZITATE
1)  BORIS VIAN „RUNDHERUM UM MITTERNACHT“ (Hannibal-Verlag) (Wien 1989) S.147ff
2)  MIKE ZWERIN „SWING UNTER DEN NAZIS“ (Hannibal-Verlag) (Wien 1988) S.140f
3)  „RUNDHERUM...“ S.71f
4)  JOACHIM ERNST BERENDT „DAS JAZZBUCH“ (Frankfurt 1989) S.246
5)  BORIS VIAN „STOLZ & VORURTEILE“ (Hannibal-Verlag) (Wien 1990) S.37
6)  „RUNDHERUM...“ S.87
7)  „RUNDHERUM...“ S.85f
8)  „RUNDHERUM...“ S.89
9)  „STOLZ...“ S.49
10)  „RUNDHERUM...“ S.90
11)  „RUNDHERUM...“ S.87
12)  „STOLZ...“ S.37
13)  JAZZREVUE 5/7 Juli 1954
14)  SPIEGEL vom 27.2.1950
15)  „RUNDHERUM...“ S.145
16)  „STOLZ...“ S.20
17)  „STOLZ...“ S.49
18)  „RUNDHERUM...“ S.153
19)  „RUNDHERUM...“ S.88

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(SWR-„Dschungel“
           vom 16.1.03) SLIM & SLAM
                                      „Groove Juice“ und „Jive Talk“
                                               (von Lutz Neitzert)
 

MUSIK: „FLAT FOOT FLOOGIE“

ZITAT: „Wir sahen uns SLIM GAILLARD in einem kleinen Nachtlokal... an. Er ist ein hochgewachsener, überschlanker Neger mit großen, traurigen Augen; er sagt immer, `Aber ja doch, da doch!´ und `Wie wär’s mit einem kleinen Whisky-Frisky´. In Frisco saßen Haufen begieriger Halbintellektueller zu seinen Füßen und lauschten seinem Spiel auf der Gitarre, auf dem Klavier, auf den Bongotrommeln. Wenn er in Fahrt kommt, zieht er Hemd und Unterhemd aus, und dann geht’s richtig los. Er tut und sagt alles, was ihm einfällt. Er kann `Cement Mixer, Put-ti, Put-ti´ singen und dabei plötzlich den Rhythmus verlangsamen, über seinen Bongotrommeln brüten und das Fell kaum mit den Fingern berühren, während sich alle atemlos vorbeugen, um zu lauschen; man würde denken, daß er das vielleicht ein paar Minuten lang so macht, aber er macht weiter, manchmal eine Stunde lang, bringt mit den Spitzen seiner Fingernägel nur ein kaum vernehmbares Geräusch hervor, immer leiser und leiser, bis man es nicht mehr hören kann und der Lärm des Verkehrs durch die offene Tür hereinkommt....“ 1

SPRECHER: Für den „Beatnik“ Sal Paradise, den Helden aus Jack Kerouac’s großem Aussteigerroman „On the Road“, und seinen abgedrehten Kumpel Dean Moriarty auf ihrer Suche nach der wahren Kunst Amerikas gab es keinen Zweifel: wenn überhaupt jemand „hip“ war, dann war das Slim Gaillard!

GAILLARD: „Yep ruk hureesee / Kubisinee e kububa / Ulu humish u mak voutee / Yep ruk hureesee...“
 

SPRECHER: Ein Gitarre spielender Freak mit einem veritablen Tick.
Das gefiel vor allem jüngeren unorthodoxen Jazzfans wie Boris Vian, die all diese föhnfrisierten Tanzensembles nicht mehr ertragen konnten, und die den Spießern und Glenn Miller-Freunden endlich einmal zeigen wollten, was wirklich „groovy“ ist:

GAILLARD: „Ich bin der Erfinder des Groove!“

MUSIK: „GROOVE JUICE SPECIAL“

SPRECHER: Und wenn ein Spleen dann auch noch musikalisch Sinn machte, umso besser:

ZITAT: „Ich weiß nicht, ob der Einfall, die tiefen Töne des Kontrabasses durch gleichzeitiges Summen eine Oktave höher zu begleiten, auf SLAM STEWART zurückgeht, doch er ist es jedenfalls, der diese Technik derart perfektioniert hat, daß der unkundige Zuhörer oft lange herumrätselt, bis er herausfindet, wie, um alles in der Welt, er das bloß macht...“ 2

MUSIK: aus „CHINATOWN“ das Baß- und das anschließende Gitarren-Solo

ZITAT: „...Unter dem Namen Slim & Slam hatte er sich mit Slim Gaillard zusammengetan, jenem leicht spinnigen Gitarristen, der Liedertexte aus Speisenamen zusammenwürfelt, die er auf Menükarten armenischer Restaurants entdeckt hat“: 2

GAILLARD: „Yep ruk hureesee!“

SPRECHER: Ein amerikanischer Radiosender weigerte sich, das gleichnamige Stück zu spielen. Der Song sei einfach zu blödsinnig. Und das Niveau des amerikanischen Rundfunks zu unterbieten, dazu gehörte nun wirklich Einiges!

GAILLARD: „They call it voutee!“

SPRECHER: Bulee Gaillard aus Detroit/Michigan konnte so ziemlich alles – und wenn er etwas nicht konnte, dann tat er es trotzdem. Neben der Gitarre, dem Piano (welches er gelegentlich auch einmal mit den Handflächen nach oben zu spielen pflegte) und den Bongos schreckte er auch vor Saxophon und Vibraphon nicht zurück - und er steppte:

MUSIK: dazu eine „Tapdance“-Passage aus  „GROOVE JUICE SPECIAL“

SPRECHER: Jeder kennt die Geschichte vom verrückten Hutmacher aus „Alice im Wunderland“. Gaillard hatte viele Jobs: Elektriker, Hotelmanager, Farmer und Koch ist er gewesen – und er war: Hutmacher!
In früheren Zeiten galten verquere Gedankengänge geradezu als eine Art Berufskrankheit dieses Handwerks. Ein unerklärliches Syndrom – bis jemand bemerkte, daß, wer den ganzen Tag so tief gebeugt über lösungsmittelgetränktem Filz hockt, dabei mit den Jahren vermutlich schlicht und einfach „High“ werden kann – vom vielen Schnüffeln.
Vielleicht erklärt das ja auch in unserem Fall so manches?

GAILLARD: „...Kibisee ni kibisee voutee...“

SPRECHER:  Vielleicht aber auch nicht!?

ZITAT: „...Dann steht er langsam auf und nimmt das Mikrophon und sagt sehr langsam `Dufte, schnufte ... hallo, hallo – Whisky, Frisky alles Dingsbums und so ... hallo oruunee  - Whisky-oruunee – alles oruunee´... Das setzt er so eine Viertelstunde lang fort, und seine Stimme wird leiser und leiser, bis man sie nicht mehr hören kann. Seine großen, traurigen Augen schweifen forschend durch den Zuschauerraum. Dean steht hinten und sagt: `Gut! Ja!´ - und faltet seine Hände wie zum Gebet und schwitzt. `Sal, Slim versteht die Zeit, der versteht die Zeit´...“ 1

GAILLARD: „...U luh mish wey u luh mish voutee...!“

SPRECHER: Auf die Interviewfrage, ob sie denn schon einmal etwas von Slim & Slam gehört habe, zwinkerte Marlene Dietrich kurz mit den Augen und sagte nur ein einziges Wort: „Voutee!“

ZITAT: „...Slim setzt sich ans Klavier und schlägt zwei Töne an, zwei C, dann noch zwei, dann eins, dann zwei, und plötzlich wacht der große stämmige Bassist aus seiner Träumerei auf und erkennt, daß Slim `C-Jam Blues´ spielt, und er schlägt seinen großen Zeigefinger mit aller Gewalt in die Saiten, und der große dröhnende Rhythmus beginnt, und alle fangen an, sich hin und her zu wiegen, und Slim sieht genauso traurig aus wie immer, und eine halbe Stunde lang spielen sie Jazz, und dann gerät Slim außer sich und packt die Bongos und spielt enorme, rasende Cuban-Rhythmen und schreit verrückte Dinge auf Spanisch, Arabisch, in peruanischer Mundart, auf Ägyptisch, in allen Sprachen, die er kennt, und er kennt unzählige Sprachen...“ 1

MUSIK: „DARK EYES“ (Anfang bis: „What do you say?“)

SPRECHER: Ein schöpferischer Umgang mit Sprache war in Jazzerkreisen gelegentlich auch aus juristischen Gründen angesagt.
 

MUSIK: „DOPEY JOE“

SPRECHER: „Dopey Joe from Me-hi-co, always on the go....!“
„Jive-Talk“ und „Reefer-Slang“!
Das Vokabular der Kiffer war für außenstehende Staatsanwälte, Rundfunkredakteure, Pfarrer und Erziehungsberechtigte kaum zu entschlüsseln - was denn wohl auf einer „Boston Tea Party“ kredenzt wird, welche Naturlyrik der „Chant of Weed“ mit solcher Inbrunst besingt, oder wer zum Teufel ist bloß jene offenbar von allen so sehr geliebte „Sweet Mary Juana Brown“?
 

MUSIK: „HELLZAPOPPIN“  (daraus den Anfang und dann das Trompeten-Solo ab ca. 1:10)

SPRECHER: Das legendäre Komiker-Duo Olsen & Johnson engagierte Slim & Slam 1941 für einen Gig im Fegefeuer – für einen Auftritt in ihrer herrlich exzentrischen Slapstick-Komödie „Hellzapoppin“ – „In der Hölle ist der Teufel los!“
Eine Handlung hatte der Film – soweit man das als Zuschauer feststellen konnte – keine. Stattdessen gab es ein Feuerwerk an weitestgehend sinnfreien Dialogen, diverse Running-Gags und surrealistische Bildsequenzen, die mit ihren verrückten Kameratricks für die damalige Zeit geradezu avantgardistisch wirkten.
Also alles ganz nach dem Geschmack eines Slim Gaillard.

Musik: ein paar Takte aus „LAUGHING IN RHYTHM“

SPRECHER: Und als Zugabe gewissermaßen vergingen sich die beiden dann auch noch an einem Werk des berühmtesten aller Teufelsgeiger - an Niccolo Paganini’s „Capriccio Nr.24 in a-Moll“:

MUSIK: „CAPRICE PAGANINI“
             zuerst einige Takte aus der Originalversion von YEHUDI MENUHIN
             dann das Baßsolo von Slam Stewart
 

SPRECHER: Zu dieser Zeit aber galt es, wie man weiß, noch einen ganz anderen Teufel auszutreiben – jenseits des Atlantiks.

(„MUSIK“: MARSCHIERENDE STIEFEL eventl. mit dem Kommando „Rechts um!“)

SPRECHER: Viele renommierte Jazzmusiker veröffentlichten Anfang der 40er Jahre sogenannte „Victory-Discs“, Schallplatten, die eigens produziert wurden für die Frontsender der US-Truppen in Europa, oder sie traten mit ihren Bands auf Flugzeugträgern oder in Lazaretten auf.
Und auch Slim & Slam leisteten damals ihren „Antifa“-Beitrag und sangen ein Loblied auf den Bomber B-19.

MUSIK: „B-19“

SPRECHER: Ein ganz anderes Stück aus ihrem Repertoire sollte jedoch eine weit größere wehrkraftzersetzende Wirkung im uniformierten Nazideutschland entfalten als diese reichlich patriotische Waffenschau:

MUSIK: eine weitere kurze Passage aus “FLAT FOOT FLOOGIE“

ZITAT: „Führer befiehl! Wir folgen!“

SPRECHER: Am 12. Oktober 1935 erließ Eugen Hadamowsky, seines Zeichens  Sendeleiter des reichsdeutschen Rundfunks, ein Dekret an alle linientreuen Volksempfänger:

ZITAT: „Der Niggerjazz ist von heute ab im deutschen Rundfunk endgültig ausgeschaltet! Es geht dabei (im Grunde) um die Frage, ob sich ein Volk von der Kulturhöhe des Deutschen erlauben kann, seine musikalischen Subsidien ... aus einem Hottentotten-Kral zu beziehen, ohne dabei an seiner Seele Schaden zu leiden!“

GAILLARD: „Uee chiku chiku chiku chikie / Musaan bu oruunee !“

SPRECHER: Tatsächlich schien kaum etwas geeigneter zu sein, die Nazis todsicher zu provozieren, sie auf die Palme zu treiben (respektive die Eiche), als das swingende Fingerschnippen auf der Zwei!
„It don’t mean a Thing if it ain’t got that Swing“!
Mit aller Brutalität verfolgte der faschistische Staat oppositionelle Jugendcliquen wie die „Swing Boys“ in Hamburg, Frankfurt oder München. Viele ihrer Mitglieder kamen für ihren abweichenden Musikgeschmack und Lebensstil in Gestapozellen, manche sogar ins KZ.
Berühmte Namen waren darunter – wie der Schriftsteller Wolfgang Borchert oder der spätere Pressezar Axel Springer – und ihre Hymne und konspirative Erkennungsmelodie, das war der „Flat Foot Floogie“.
Dabei waren sie nicht im Widerstand, sie stritten nicht für einen politische Umsturz. Sie waren bloß aufmüpfig und sie konnten es nicht ertragen, jenes „Die Reihen fest geschlossen – SA marschiert in ruhig festem Schritt“. Und am Wochenende sollte es nicht heißen „Unsre Fahne flattert uns voran“, sondern „Tutti-Frutti“ - und dazu vielleicht von Slim & Slam die „Avocado Seed Soup Symphony“.

Gegen Mitternacht, nach den schicksalsschwangeren Schlägen des BBC-London-Jingles...
(MUSIK: kurz das „Da-Da-Da-Daa“-Motiv aus Beethoven’s Fünfter)
...begann es im Äther über deutscher Scholle zu swingen: Schwarze Musik!
Die technisch Versiertesten unter den Swing-Kids fertigten und kopierten Mitschnitte der Sendungen – und so hielt man die Tür zumindest einen Spalt weit offen, die Tür zur Welt der modernen Popmusik.

MUSIK: „SCHLAGETER-MARSCH / GOEBBELS / ES DRÖHNET DER MARSCH DER KOLONNEN / GOEBELS / FLAT FOOT FLOOGIE“
(darin im O-Ton die Goebbels-Zitate: „Wir sind eigentlich das auserkorene Musikvolk der Welt...“  und
„Es gibt viele Völker, bei denen eine...primitive Musikalität den Untergrund ihres Verhältnisses zur Musik... darstellt!“)

SPRECHER: Der schräge Humor von Slim & Slam, das sei zutiefst artfremder Frohsinn.
Nun, dieses Kapitel sollte ja dann im Jahr 1945 gottlob zu Ende sein.

In der Zwischenzeit hatten neue Heroen die Jazzmusik in eine völlig neue Umlaufbahn befördert. Die meisten davon mindestens ebenso verhaltensauffällig wie Slim & Slam. Zwar konnten die beiden musikalisch nicht ganz mithalten mit Charlie Parker und Dizzy Gillespie – zumindest Gaillard’s Fingerfertigkeit stieß bald an ihre Grenzen - aber als Funny Guys und Kultstars waren sie bei Jamsessions dennoch stets gern gesehene Gäste.

MUSIK: aus „SLIM’S JAM“  (daraus die „Moderation“ und das Trompeten-Solo)

SPRECHER: Gaillard beherrschte außerdem auch noch die hohe Kunst, arglosen Reportern oder seinen beflissen lauschenden Jüngern immer neue - ebenso haarsträubende wie gut erfundene - Stories aus seinem bewegten Leben als Boxer, Hypnotiseur, Schmuggler, Pilot oder Totengräber aufzutischen.
Aber es scheint tatsächlich festzustehen, daß er seine ersten Auftritte zur Zeit der Prohibition in den legendären „Speakeasies“, den verruchten „Flüsterkneipen“ von Chicago, hatte, dort wo unter dem Tresen verbotenerweise Alkoholisches ausgeschenkt wurde.
(„MUSIK“: eventl. hier im Hintergrund eine kurze MASCHINENGEWEHRSALVE)
SPRECHER: Seine Gage bekam er damals von keinem Geringeren als Al Capone höchstpersönlich. Auf dessen Gehaltsliste stand er übrigens in illustrer Gesellschaft zusammen mit Duke Ellington, Cab Calloway und Louis Armstrong.

GAILLARD: „Es mag sein, daß einige seiner Aktivitäten, nun ja, etwas unschön gewesen sind. Mir als Musiker gegenüber jedenfalls war er immer sehr nett!“

SPRECHER: Als Stewart 1943 in die Army eingezogen wurde, trennte sich das Duo.
Gaillard setzte fortan auch auf sein schauspielerisches Talent. Für eine bescheidene Karriere als Kleindarstelller sollte es reichen. Immerhin besetzte man den aus Funk & Fernsehen bekannten „Mister Voutee“ gerne als schrägen Vogel in TV-Serien wie „Drei Engel für Charlie“, „Mission impossible – Kobra, übernehmen Sie!“, „Doctor Marcus Welby“ und sogar in der Apartheid-Saga „Roots“ gab man ihm eine winzige Rolle.

GAILLARD: „I always played the good Guys!“

SPRECHER: Musikalisch segelte er mit neuen Partnern in eher seichtem Gewässer weiter, während sich Slam Stewart künstlerisch höheren Ansprüchen stellte. Und das nicht ohne Erfolg. Er spielte mit den ganz Großen des Jazz – mit Art Tatum, Lester Young und Benny Goodman. Und am Ende war er richtig gut.

ZITAT: „...Endlich ist die Vorstellung vorbei; jede Vorstellung dauert zwei Stunden. Slim Gaillard geht weg und stellt sich an eine Säule und blickt traurig über die Köpfe der Leute, und sie kommen, um mit ihm zu sprechen. Man gibt ihm einen Whisky in die Hand `Whisky-Frisky´... Niemand weiß, wo Slim Gaillard weilt... Jetzt trat Dean auf ihn zu, er näherte sich seinem Gott; er hielt Slim für Gott; er scharrte und verbeugte sich vor ihm und bat ihn, sich zu uns zu gesellen. `Schön-Föhn´, sagte Slim; er wird sich zu jedem gesellen, aber er wird nicht versprechen, auch im Geiste dabei zu sein. Dean besorgte einen Tisch, bestellte Drinks und saß Slim steif gegenüber; Slim träumte über seinen Kopf hinweg. Jedesmal, wenn Slim sagte `Dingsbums´, sagte Dean `Ja!´ Ich saß da mit den beiden Irren. Nichts geschah. Für Slim Gaillard war die ganze Welt nur ein großes Dingsbums!“1

MUSIK: zusammengeschnittene Passage aus „BASSOLOGY“ & „FLAT FOOT FLOOGIE“

GAILLARD: „It’s voutee! And that’s all!“
 
 

ZITATQUELLEN:

1. JACK KEROUAC „ON THE ROAD“ (rororo)(Hamburg 1984) (S. 161)
2. BORIS VIAN „RUNDHERUM UM MITTERNACHT“ (Hannibal-Verlag) (Wien 1989) (S. 67)
 
 

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